So sollen wir wieder werden oder wenigstens Teile von uns.
Heinrich Himmler, Tagebuch, 24. September 1924
Mit der Eile von Menschen, die wissen, dass ihre Tage gezählt sind, fuhr die SS-Abteilung über die kies- und sandbedeckte Auffahrt, die, von zwei dichten Baumreihen gesäumt, auf einen freien Platz führte. Hier, 15 Kilometer westlich der Regionalhauptstadt Ancona an der Adriaküste und unmittelbar südlich von Jesi mit seinem gefährlichen Flughafen, standen die SS-Männer nun gemeinsam mit einheimischen Helfern vor der Villa Fontedamo. Der dreigeschossige Bau, dessen Fassade mit sechs Säulen und einem kleinen Balkon geschmückt war und dessen helle Farben die Hitze von Sommernachmittagen abhalten sollten, wirkte überraschend still. Es war im Herbst des Jahres 1943. Alliierte Truppen hatten mit der Invasion in Süditalien begonnen.
Die Männer, Abgesandte des Reichsführers SS Heinrich Himmler, hämmerten an die Tür. Im Nu hatten sie sie aufgebrochen und stürmten hinein. Dabei traten sie auf ein kleines Mosaik im Fußboden, auf dem in erdfarbenen Ziffern das Baujahr der Villa zu lesen war: 1855. In dem Gebäude fanden die Nationalsozialisten niemanden vor, und sie durchsuchten nun systematisch Zimmer und Schränke, Zentimeter um Zentimeter, Stockwerk für Stockwerk. Ihre Suche artete zunehmend in bloßen Vandalismus aus, sie beschädigten Fresken, Gemälde und Bücher. Doch das Objekt der Begierde Himmlers war anderswo sicher verwahrt, und so konnten sie hier nicht fündig werden.
Der Eigentümer der Villa, Graf Aurelio Baldeschi Guglielmi Balleani, hatte seine Familie an einem anderen seiner Wohnsitze, im nahegelegenen Osimo, untergebracht. Dieses alte Bergdorf, dessen Einwohner sich i senza testa (»die Kopflosen«) nennen – eine Anspielung auf eine Reihe enthaupteter Statuen im Zentrum des Ortes –, hatte sich als sicherste Zufluchtsstätte angeboten: Es war weit genug vom Flughafen entfernt und lag über einem verzweigten Netz von Kellern, das von seinem Palazzo aus zugänglich war. Diese Stollen, Tunnel und Nischen, die man in den feuchten ockerfarbenen Sandstein gehauen hatte, gewährten bereits seit Jahrtausenden Schutz. Nun beherbergten sie den Grafen mit seiner Gattin und ihren beiden Kindern, die dank der Umsicht ihres Chauffeurs Giuseppe Angeletti und des ortsansässigen Kellners Riccardo Cerioni mit allem Lebensnotwendigen versorgt waren. Als deutsche Soldaten an die Tür dieses Domizils hämmerten, konnte man das im Untergeschoss hören. Die Baldeschi-Balleanis hatten schon früher »Besuche« erhalten: in den 1920er-Jahren von deutschen Nationalisten, seit den 1930er-Jahren von Nationalsozialisten und italienischen Faschisten. Adolf Hitler hatte persönlich sein Interesse an einem Besitzstück der Familie bekundet. Ebenso wie den SS-Männern, welche die Villa Fontedamo durchsuchten, war es ihnen allen jedoch nicht gelungen, das zu erlangen, was nach Jahrhunderten der Vergessenheit plötzlich einem Priester in die Hände gefallen war, als im Jahr 1901 in der Bibliothek eines weiteren Palazzos der Baldeschi-Balleanis im Zentrum von Jesi das älteste erhaltene Manuskript »eines der hundert gefährlichsten Bücher, die je geschrieben wurden«, auftauchte.1
Fast 2000 Jahre nach ihrer Abfassung und 500 Jahre nach ihrer Wiederentdeckung durch Manuskriptjäger war die Germania des Tacitus erneut und zum letzten Mal Objekt von Träumen und Begierden. Angesichts ihrer Geschichte war es kaum von Belang, dass der sogenannte Codex Aesinas, das handgeschriebene Manuskript der Germania aus dem 15. Jahrhundert, das man in Jesi entdeckt hatte, dem Zugriff der Nationalsozialisten entging: Seinen Schaden hatte der Text des Tacitus bereits angerichtet.

1. Mosaik in der Eingangshalle der Villa Fontedamo.
Heinrich Himmler, als Reichsführer SS für die Ermordung von Millionen verantwortlich, ist nicht als Bibliophiler in die Geschichte eingegangen. Warum also befasste sich der zweitmächtigste Mann des Nationalsozialismus mit der Germania? Warum entwickelte er, während die Welt vom Krieg überrollt wurde, ein derartiges Interesse an einem fast 2000 Jahre alten Text, den der römische Historiker Cornelius Tacitus im Jahr 98 geschrieben hatte und der in dem begehrten Manuskript den Titel trägt: Über den Ursprung und die Sitten der Germanen? Was machte diese ethnografische Schrift mit einem Umfang von noch nicht einmal 30 Seiten so kostbar, dass Himmler sie zu stehlen versuchte, obwohl sie für alle Nichtspezialisten unlesbar war und der Text selbst sowohl in modernen lateinischen Editionen als auch in Übersetzungen überall in Nazideutschland zur Verfügung stand – wie es bereits seit 400 Jahren der Fall war?
Die Germania wurde in der Schule gelehrt, in Naziliteratur ausgiebig zitiert, und für unzählige Nationalsozialisten, vom einfachen bis hin zum hochrangigen Parteimitglied, war sie eine Quelle der Begeisterung. Sie stellte die einzige umfassende Schilderung der germanischen Völker dar, man las sie als Bericht über die deutsche Vergangenheit und pries sie allgemein als »einzigartiges Denkmal«.2 Leider ist sie kein Bericht und handelt auch nicht von der deutschen Vergangenheit.
Eine einheitliche Definition der Volksgruppe, die man Germanen nennt, gibt es nicht. Für die Römer, die den Spuren ihres Feldherrn Gaius Julius Caesar folgten, waren sie die unbotmäßigen Nordvölker östlich des Rheins, die ein Gebiet durchstreiften, das im Norden von der Ostsee, im Süden von den Alpen und im Osten (gewöhnlich) von der Weichsel umschlossen wurde. Römische Autoren hatten zwar Kenntnis von zahlreichen germanischen Stämmen wie den Goten, den Sueben und den Teutonen, aber sie dachten sie sich als eine einzige ethnische Gruppe, die von der Geografie zusammengehalten wurde. Für einen modernen Linguisten bezeichnet der Ausdruck »germanisch« hingegen einen Zweig des indoeuropäischen Sprachbaums, aus dem dann im Lauf der Zeit die modernen Sprachen – Deutsch, Englisch, Schwedisch und andere – hervorgingen. Aus dieser Sicht versteht man unter Germanen alle Sprecher germanischer Sprachen. Archäologen verwendeten den Begriff noch etwas anders: Sie klassifizierten als »germanisch« zunächst sämtliche materiellen Funde im Norden, die nicht römischen Ursprungs waren; um 1900 aber verfeinerten sie ihre Methoden und definierten diejenigen als Germanen, welche die gleiche materielle Kultur besaßen.3
Dieses diffuse Bild weist zwei Probleme auf. An den materiellen Kulturen der germanischen Stämme zeigten die römischen Schriftsteller, darunter auch Tacitus, kaum Interesse, an ihren Sprachen noch weniger. Möglicherweise hat die Mehrzahl der Menschen, die sie mit dem lateinischen Ausdruck Germani belegten, dieselbe Sprache gesprochen und ähnliche Gegenstände verwendet, mit Sicherheit sagen können wir es nicht. Die drei Quellen – antike Zeugnisse, Sprachwissenschaft und Archäologie – führen einfach nicht zu einem einzigen Volk. Wie auch immer man jedoch die Germanen definiert, man darf sie nicht als die Vorfahren der heutigen Deutschen, als »antike Deutsche«, betrachten. Obgleich Tacitus und andere Römer die germanischen Stämme so schildern, als seien sie eine zusammenhängende ethnische Gruppe, die ein Volk bildete, waren sie das nicht. Von welchen Germanen stammen also die Deutschen ab? Welche Gemeinsamkeit verbindet sie mit ihren angeblichen Vorfahren? Und wie steht es mit den germanischen Stämmen, die außerhalb des heutigen Deutschland lebten, etwa den Goten, welche die Schweden als ihre ursprünglichen Ahnen reklamierten? Die Zeitachse zwischen der germanischen Vergangenheit und der deutschen Gegenwart ist zerbrochen: Die Germanen waren keine frühen Deutschen. Unter den Tacitus-Lesern gab es immer einige, denen dieser Sachverhalt klar war; die Mehrheit hingegen studierte die Germania vom 15. bis zum 20. Jahrhundert durch eine ideologische Brille und schätzte sie als Tor zur deutschen Vergangenheit.

2. Codex Aesinas: Die ersten Zeilen der Germania des Tacitus.
Man betrachtete den Text des Tacitus als das »Morgenrot« deutscher Geschichte und meinte, er erhelle das Leben und die Sitten jener alten deutschen Zeiten.4 Das Licht des Morgenrots ist mild, und die meisten Leser gewannen einen positiven Eindruck. Kaum war die Germania im 15. Jahrhundert aus der düsteren Bibliothek eines deutschen Klosters entführt worden, da lieferte sie die Attribute, die für die deutschen Vorfahren schon bald zum Standard werden sollten: einfach, tapfer, treu, rein, gerecht und ehrenwert. Als Himmler 20 Jahre vor dem geschilderten SS-Einsatz die Germania las, ließ sie in seiner Seele einen seltenen Ton anklingen, und er vertraute seinem Tagebuch an: »So« wie unsere germanischen Vorfahren »sollen wir wieder werden«.5 Er war nur einer von vielen auf einer langen Liste von Lesern, die mit dem italienischen Humanisten Giannantonio Campano beginnt, der 1471 seine deutschen Zuhörer aufforderte, sich wieder zu dem aufzuraffen, was sie einst gewesen waren. Viele Jahrhunderte später sollte Adolf Hitler selbst für sein Buch Mein Kampf den Titel »Die germanische Revolution« in Erwägung ziehen. Und auch wenn sich Hitler, der 1936 Mussolini um die Rückgabe des Codex Aesinas bat, schließlich gegen diesen Titel entschied, wäre darin (für Hitler nur allzu passend) für die zahlreichen Nationalsozialisten, die eine »Heimkehr« zu alten Ufern forderten, eine wichtige ideologische Komponente zum Ausdruck gekommen.6 Um dieses deutsche Utopia zu erreichen, beriefen sie sich – ebenso wie Generationen von Germanophilen vor ihnen – auf Tacitus als unfreiwilligen Steuermann.
Das Werk des Tacitus übte über einen derart langen Zeitraum hinweg – insgesamt waren es 450 Jahre – einen so großen Einfluss aus, weil »Deutschland« viele Jahrhunderte lang nur ein Produkt der Fantasie war. Oder vielmehr stellte die Vorstellung von »Deutschland« eine Frage, auf welche die Germania eine Antwort lieferte. Deutsch zu sein hieß, sich zu fragen, was deutsch sei (um es mit den Worten Friedrich Nietzsches zu sagen).7 Zugunsten solcher Selbsterforschung ließe sich anführen, dass das eine legitime Fragestellung war: Bevor sich der Norddeutsche Bund und die süddeutschen Staaten am 18. Januar 1871 zusammentaten, um das Deutsche Reich zu schaffen, hatte es keinen deutschen Nationalstaat gegeben, und Kartografen pflegten verzweifelte Seufzer über den Wirrwarr in Europas Mitte auszustoßen. Vor dem 19. Jahrhundert existierte Deutschland nur als Gefühl. Da es den Hunderten von Staaten, die bis 1806 durch das lockere Band des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation zusammengehalten wurden, ganz offensichtlich an geografischer und politischer Einheit mangelte, berief man sich zur Untermauerung der Idee einer einheitlichen Nation auf die Gemeinsamkeiten der Vergangenheit, der Kultur und der Muttersprache. Doch selbst diese Kulturnation erschien im politischen Kaleidoskop nur denjenigen, die bereits Anhänger der deutschen Idee waren. Die moderne Forschung hat zutage gefördert, dass dieselbe fast ebenso vielfältig und uneinheitlich war wie die politische: Das Volk hatte unbekümmert außerhalb einer nationalen Kultur und innerhalb seiner kommunalen Grenzen gelebt, es war regionalen Traditionen gefolgt und hatte lokale Dialekte gesprochen, die mit dem Deutschen oftmals nur wenig Ähnlichkeit hatten. Im Gegensatz zu den Fantasievorstellungen zahlreicher Historiker des 19. Jahrhunderts war ein deutscher Nationalstaat nicht politisch oder kulturell vorprogrammiert; etwas anderes zu denken heißt, dem deutschen teleologischen Trugschluss zu erliegen.
Dennoch lässt es sich rechtfertigen, von »Deutschen« vor 1871 zu sprechen. Als eine »imaginierte Gemeinschaft« existierte die deutsche Nation unter Intellektuellen 400 Jahre lang in einem paradoxen Zustand des Vorgriffs, ehe sie als Nationalstaat verwirklicht wurde.8 Der deutsche Nationalist Ernst Moritz Arndt, der den Beginn des Deutschen Reiches noch erlebte, drückte dieses Paradox am umfassendsten aus: »Deutsches Volk? Was bist du, und wo bist du? Ich suche und finde dich nicht.«9 300 Jahre vor ihm, im frühen 16. Jahrhundert, hatten sich Humanisten nördlich der Alpen schon bewusst als »Deutsche« bezeichnet und ihre Landsleute dazu gedrängt, ihre patria zu studieren und sich zu deren Verteidigung gegen italienische Verleumdungen zusammenzuschließen. In der Germania des Tacitus fanden sie diese patria – ein tapferes Volk, das sie als Vorfahren in Anspruch nahmen. Die kulturellen und intellektuellen Mängel, welche diese Menschen im Vergleich zu den kultivierten Römern aufwiesen, wurden durch ihre Sittlichkeit und Tapferkeit reichlich aufgewogen: In Wirklichkeit waren die deutschen Vorfahren überlegen gewesen.
Die Gegner der Deutschen wechselten – nach den Römern kamen die Italiener, nach den Italienern die Franzosen und nach den Franzosen die Juden –, aber die Entgegensetzung blieb ein charakteristischer Zug des deutschen Nationalbewusstseins. Wenn die »deutsche Frage« gestellt wurde, lieferten immer wieder die germanische Vergangenheit im Allgemeinen und die Germania im Besonderen die Antwort. Heinrich Heine hat dies satirisch in einem Frage- und Antwortspiel behandelt: »Wo fängt der Germane an? Wo hört er auf? Darf ein Deutscher Tabak rauchen? Nein, behauptete die Mehrheit. Darf ein Deutscher Handschuhe tragen? Ja, jedoch von Büffelhaut … Aber Biertrinken darf ein Deutscher, und er soll es als echter Sohn Germanias; denn Tacitus spricht ganz bestimmt von deutscher cerevisia … Wer nur im siebenten Glied von einem Franzosen, Juden oder Slawen abstammte, wurde zum Exil verurteilt.«10 Als der Nationalsozialismus weniger als ein Jahrhundert später eine germanische Revolution anstrebte, wäre der Dichter, der selbst im Exil lebte, nicht überrascht gewesen.
Ungeachtet der gegenteiligen Beteuerungen Hitlers präsentierte sich ihm die Ideologie des Nationalsozialismus nicht aus dem Nichts; und der Germanenmythos ist auch nicht die einzige Komponente, die sich bis zur völkischen Bewegung und noch weiter zurück durch die vorangegangenen Jahrhunderte verfolgen lässt. Bei der Herausbildung der Kernkonzepte der NS-Ideologie – Rassismus, Ideologie des Volkes und seines Geistes sowie eben dieser Germanenmythos – hat die Germania des Tacitus eine bedeutende Rolle gespielt. Arnaldo Momigliano, ein unersättlicher Leser und eine gelehrte Autorität zum Thema Ideengeschichte, ahnte das. Nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes hat er der Germania unter den »hundert gefährlichsten Büchern, die je geschrieben wurden«, hohe Priorität eingeräumt.11 Er hatte recht. Denn das Buch, das ein enthusiastischer Nazi »jedem denkenden Deutschen« als »Bibel« empfahl, wurde nicht nur von Nationalsozialisten zur Stützung ihrer ideologischen Ansichten zitiert. Wichtiger noch ist: Durch die Jahrhunderte hindurch trug es, als »goldenes Büchlein« (libellus aureus), als »bewunderungswürdiges Werk« (un admirable ouvrage) und als »ein unsterbliches Werk« bestaunt, zentrale Elemente zur Herausbildung der ideologischen Auffassungen bei, zu deren Stützung man es dann später zitierte: Ein höchst gefährliches Buch ist die Germania nicht, weil sie in den Rahmen passte, sondern weil sie dazu beigetragen hatte, diesen Rahmen zu formen. Sie erfüllte ihre eigene Verheißung. Während die nationalsozialistische Rezeption des von Tacitus verfassten »besonderen Glücksfalls« überwiegend ältere Tendenzen fortsetzte, unterschied sie sich von ihnen in einem Punkt ganz entscheidend: Innerhalb und außerhalb der Himmler’schen SS wurde tatsächlich ein Versuch unternommen, die Beschreibung des Römers in deutsche Wirklichkeit, die Vergangenheit in Zukunft, Deutsche in Germanen zu überführen.12 Eines der Nürnberger Rassengesetze – das 1936 verabschiedete sogenannte Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre – verbot Eheschließungen zwischen Juden und Deutschen ebenso, wie die Germanen des Tacitus angeblich Heiraten mit Ausländern eingeschränkt hatten.
Ideen haben Ähnlichkeit mit Viren: Sie sind auf Köpfe als Wirte angewiesen, sie vervielfältigen sich und mutieren in Inhalt oder Form, und sie rotten sich zusammen, um Ideologien zu bilden. Sie verbreiten sich vertikal über Generationen hinweg und auch horizontal von einer sozialen Gruppe zur anderen.13 Das Germania-Virus, das man gegen Ende des 15. Jahrhunderts aus Italien importiert hatte, verursachte in historischen Texten und sprachwissenschaftlichen Abhandlungen, in politischer und kultureller Philosophie wie auch im Rechtswesen, in Rassentheorien und selbst in Schultexten verschiedene lokale Symptome, die allesamt auf eine ernsthafte Krankheit deuteten. Und nach einer Inkubationszeit von 350 Jahren, in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts, führte es weiter zu einer systemischen Infektion, die in der größten Krise des 20. Jahrhunderts gipfelte. Seither hat man den Text, nachdem man ihn anfangs gemieden hatte, überwiegend zu Forschungszwecken und nicht aus ideologischen Gründen studiert.
Um eine intellektuelle Epidemiologie zu schreiben, muss man die Patienten aufsuchen und die unterschiedlichen historischen und kulturellen Kontexte inspizieren, in denen dieser unschuldige, aber schädliche Text eine Rolle gespielt hat. In der Zeit von ihrer dramatischen Wiederentdeckung durch italienische Humanisten im 15. Jahrhundert bis zu den im 20. Jahrhundert unternommenen gewaltsamen Versuchen, sie einem italienischen Adligen zu entreißen, hat sich die Germania in den Bereichen Literatur, Wissenschaft und Politik in ganz Europa verbreitet. Tacitus hatte für seine Kollegen im Senat geschrieben, vielleicht sogar für den römischen Kaiser und dessen Berater. Sie würden, so nahm er an, den Kern dieser kurzen Abhandlung erfassen. Doch selbst bei seinen zeitgenössischen Zuhörern und Lesern gestaltete sich das Verständnis unterschiedlich. Denn die Bedeutung eines Textes wird durch dessen Leser vermittelt. Ihre sprachliche Sensibilität, ihre Vertrautheit mit der literarischen Tradition, ihre Kenntnis aktueller politischer und kultureller Bezüge – kurz, ihre Fähigkeit und Bereitschaft, auf das zu hören, was der Text zu sagen hat – bestimmen seine Bedeutung. Was für Tacitus’ Zeitgenossen zutrifft, gilt vermehrt für Leser, die jenseits des Horizonts dieses Autors stehen. Als sich Hunderte von Jahren danach Leser wieder der Schrift des Tacitus zuwandten, lebten sie in anderen Welten und dachten mit anderen Wörtern als den seinen. Die führenden Autoren dieser Zeiten betrieben eine Lektüre und häufig eine Umgestaltung der Germania nach ihren Kenntnissen und Interessen, wobei sie sich im Wesentlichen für germanische Überlegenheit aussprachen. In all den Jahren unternahmen nur wenige den Versuch, Tacitus so zuzuhören, als seien sie zugegen gewesen, als er im Jahr 98 in Rom seine Germania vortrug. Die meisten lasen sie vielmehr im Licht ihrer eigenen Interessen, wenn auch selten in derart grobschlächtiger Form wie ein eifriger Nationalsozialist, welcher der Ansicht war, die Gesetze über die »Judenfrage« stellten die jüngste Bemühung dar, die »rassische Reinheit« wiederherzustellen, von der in Tacitus’ kleinem Buch angeblich die Rede war.14 Während die Worte des Römers (größtenteils) erhalten blieben, wandelten sich ihre Bedeutungen je nach den aktuellen Bedürfnissen.
Die Rezeption der Germania schwankte nicht nur im Lauf der Zeit; auch zu jedem einzelnen Zeitpunkt gab es Unterschiede. Im Nachwort findet sich ein kurzer Blick auf eine alternative Geschichte, aber im Übrigen habe ich mich darauf konzentriert, den dicksten Ast zu verfolgen: den, der die Germanen als die deutschen Vorväter auffasste, der die Vergangenheit idealisierte und sie zu dem Licht erklärte, das den Weg in eine hellere Zukunft wies. Das Ende des Weges liefert die Perspektive: Wie trugen die Ideen im Text des Tacitus zu den Diskursen bei, aus denen sich schließlich der Nationalsozialismus entwickelte?
Wie jede Reise ist dieser Weg durch die Geschichte, auf dem man Ideen verfolgt, mit Risiken behaftet: Wenn wir den Blick auf das Ziel richten, achten wir kaum auf Dinge, die nicht dorthin zu führen scheinen, und vieles lesen wir als Wegweiser, auch wenn es das vielleicht nicht ist. Das bezeichnet man generell als die »Mythologie der Doktrin«, und im Fall des Nationalsozialismus hat man es als die »Nazifizierung der Vergangenheit« beklagt. Tacitus selbst war natürlich kein arischer Bauer, dessen »rassische Verbundenheit« mit den deutschen Nationalsozialisten »sein Verständnis für [deren] Ahnen« erklären kann, und die Germania enthielt auch keine nationalsozialistischen Ideen.15 Doch das »goldene Büchlein« wurde immer wieder herangezogen, um Ideen zu untermauern, die sich die Nationalsozialisten schließlich zu eigen machten. Ex nihilo nihil fit – von nichts kommt nichts.
Es gab einen Nationalsozialisten, der ein besonderes Interesse an der Germania entwickelte: Heinrich Himmler. Seine Jagd nach dem ältesten überlieferten Manuskript im Herbst 1943 beschließt die Geschichte der ideologischen Wirkung des Textes, so wie eine Manuskriptjagd im 15. Jahrhundert ihren Anfang markiert. Der SS-Einsatz steht symbolisch für die Faszination, die nicht nur den Reichsführer SS, sondern auch die durchschnittlichen Nationalsozialisten und die Leser vorangegangener Jahrhunderte erfasste. Das Unvermögen, des Pergaments habhaft zu werden, ist Symbol für den ungreifbaren Charakter des alten »Deutschland«, das hier beschrieben wird: Es ist ein Utopia – was buchstäblich »Nirgendwo« bedeutet. Denn die Germania ist kein Bericht: Tacitus hat die Ufer des Rheins aller Wahrscheinlichkeit nach nie gesehen. Er verfasste sein Werk unter Rückgriff auf ältere griechische und römische Verfasser ethnografischer Schriften, und dabei blickte er mit einem Auge auf die Verhältnisse in Rom, während er auf die Wirklichkeit im Norden nur einen flüchtigen Blick warf. Der Text, den man dann zur Definition des deutschen Nationalcharakters heranzog, war die fantasievolle Reflexion eines Römers über menschliche Werte und eine politische Aussage. Dies ist zweifellos eine der tieferen Ironien der Geschichte.
Nichts bringt mehr Ehre, nichts mehr Macht, als stets von einer zahlreichen Schar auserlesener Jünglinge umgeben zu sein.
Motto eines Handbuchs der Hitlerjugend, 1935, Zitat aus der Germania
Von einem Mann, der Freude daran hatte, mit einem spitzen Stift Fliegen aufzuspießen, war nichts Gutes zu erwarten. Und diese Erwartungen wurden auch nicht enttäuscht. Domitian, der letzte Kaiser der Flavierdynastie, errichtete in Rom eine Schreckensherrschaft. Als er im Jahr 96 endlich ermordet wurde, atmete die römische Aristokratie erleichtert auf. Viele ihrer Angehörigen, vor allem die Mutigen, waren diesem »ganz abscheulichen Ungeheuer«, wie ein zeitgenössischer Schriftsteller ihn charakterisierte, zum Opfer gefallen.1 Besonders in seinen letzten Herrschaftsjahren hatte er das Leben in der Hauptstadt des Römischen Reiches erstickt. Überleben wurde mit Unterwürfigkeit und Schweigen erkauft, erzwungen durch Spitzel, die alle Freiheit des Gedankenaustauschs und der Rede zunichte machten. Nach 15 Jahren der Angst – einer Zeitspanne, in der die »jungen Männer alt geworden waren und die alten beinahe ihr Lebensende erreicht hatten« – waren selbst diejenigen, die überlebt hatten, nur noch Schatten ihres einstigen Ichs, so als hätten sie »sich selbst überlebt«.2 Einer von ihnen war der führende römische Senator, der größte Historiker der lateinischen Literatur und Verfasser eines höchst gefährlichen Buchs: Cornelius Tacitus.
Autoren lassen in ihr Werk zwangsläufig ihre eigene Zeit einfließen. Jedes einzelne Blatt in den Büchern des Tacitus trägt das Wasserzeichen der Geschichte. Dies gilt mit Sicherheit auch für sein zweites Werk, die Germania, deren Eingangsworte den Leser sogleich in das abgegrenzte Territorium nördlich der Alpen führen: »Germanien in seiner Gesamtheit wird von den Galliern [im Westen] und Rätern sowie den Pannoniern [im Süden] durch die Flüsse Rhein und Donau, von den Sarmaten und Dakern [im Osten] durch gegenseitige Furcht oder Gebirge abgegrenzt; die übrigen Gebiete [im Norden] umgibt der Ozean.«3 Diese Zeilen leiten ein Büchlein von weniger als 30 Seiten Umfang ein, das weder einen Titel trägt noch mit einem Vorwort versehen ist und das einen abrupten und ironischen Schluss hat. Im ersten Teil der Schrift werden die Germanen und ihr Land im Allgemeinen vorgestellt; der zweite bietet ein Panorama der verschiedenen germanischen Stämme. Warum sollte, so könnte man sich fragen, ein römischer Senator nur wenige Monate nach der Wiederherstellung der Redefreiheit den »Ursprung und die Sitten der Germanen« als ein Thema ansehen, das seine Aufmerksamkeit und seine literarischen Bemühungen verdiente, zumal er dem Land, dem sein Interesse galt, wahrscheinlich nie auch nur nahekam?
Ihre Könige wählen sie sich nach der vornehmen Abkunft, ihre Anführer nach ihrer Tapferkeit.
Montesquieu, Zitat aus der Germania, 1748
Über die Zeit des Tacitus weiß man viel, über ihn nur sehr wenig. Über sich selbst schweigt sich der Historiker aus, wie es einem Mann zukommt, dessen Namen auf Latein »schweigend« (tacitus) bedeutet. Zusätzlich zu den spärlichen und verstreuten autobiografischen Kommentaren in seinen Schriften gibt es jedoch die Bemerkungen in den Briefen seines gesprächigen Bekannten Plinius des Jüngeren (63–113) sowie zwei äußerst fragmentarische Inschriften: Die eine, die Ende des 19. Jahrhunderts in Mylasa im Südwesten der heutigen Türkei gefunden wurde, verwendet anstelle eines Datums den Namen des Tacitus (Ereignisse datierte man häufig unter Verweis auf den Mann, der zur fraglichen Zeit an der Spitze der regionalen Verwaltung stand). Die andere, einige wenige Buchstaben, die sich auf die drei noch verbliebenen Zeilen einer Inschrift auf einem Marmorblock aus Rom verteilen, wurde erst kürzlich mit dem Historiker in Verbindung gebracht: Die Buchstaben »CITO« in der ersten Zeile und die römische Laufbahn, von der in den beiden Zeilen darunter die Rede ist, lassen es faktisch als sicher erscheinen, dass dieses Bruchstück zu Tacitus’ Grabinschrift gehört, da nur wenige römische Namen auf -citus enden (wovon -cito der Dativ ist) und Tacitus der einzige ist, von dem wir wissen, dass er die entsprechende Senatorenlaufbahn absolviert hat.4 Aus diesen literarischen und epigrafischen Quellen lassen sich die wichtigsten Stationen seiner Karriere rekonstruieren. Man sollte jedoch berücksichtigen, dass es sich bei den meisten Daten um ungefähre Angaben handelt und dass die Tatsache, dass noch nicht einmal sein erster Name mit Sicherheit bezeugt ist, ein Schlaglicht auf die generelle Unsicherheit wirft, die ihn umgibt. Was nun folgt, ist kein Porträt, sondern ein Schattenriss.

3. Inschrift des Grabsteins von Tacitus.
Tacitus wurde anscheinend in einer der seit Langem bestehenden römischen Provinzen geboren: entweder im Südosten Frankreichs, in Gallia Narbonensis, einer Region, von der es hieß, sie sei »eher ein Teil von Italien als eine Provinz«, oder im Norden Italiens, in einer Gegend, die man als Gallia Cisalpina (das »diesseits der Alpen gelegene Gallien«) bezeichnete und die zu Tacitus’ Zeiten keine Provinz mehr war, sondern einen Teil Italiens bildete.5 Diese anmutige Region, die von den Pyrenäen, den Alpen, dem Po und dem Mittelmeer umschlossen ist und in der häufig eine leichte Brise weht, die von der See her einen Hauch von Salzluft bringt, war nicht nur für die Fruchtbarkeit ihres Bodens und für ihre florierende Wirtschaft berühmt, sondern auch für die Sittenstrenge ihrer Bewohner. Wer nach traditionellen römischen Tugenden – Frömmigkeit, Schlichtheit, disziplinierter Rechtschaffenheit – suchte, der konnte sie hier finden, wo man »immer noch der alten Sitte anhing«, wie Tacitus selbst später schrieb. Ein ideales Reservoir, aus dem sich Inhaber römischer Ämter rekrutieren ließen.6
Tacitus’ Vater gehörte dem Ritterstand an und betrieb Finanzgeschäfte, falls er der römische Ritter ist, den der Onkel des Plinius erwähnt (was wiederum, angesichts der Seltenheit des Namens, wahrscheinlich ist). Ehrgeizig und mit hinreichendem Wohlstand gesegnet, ließ er seinem Sohn eine gründliche Bildung angedeihen und stattete ihn später mit den Mitteln aus, die er brauchte, um sich in Rom niederzulassen. Die Geburt des Historikers um 55 fiel mit dem Beginn der Herrschaft des jungen Kaisers Nero (37–68) zusammen, der auf seinen linkischen Großonkel und Adoptivvater Claudius (10 v. u. Z.–54) folgte. Dessen Leben hatte bei einer Mahlzeit geendet – wahrscheinlich Pilze, möglicherweise vergiftet, vielleicht von seiner Gattin. Der alte und ungeschickte Claudius, ein Stotterer, war von seiner peinlich berührten Familie jahrelang gezwungen worden, sich nicht in der Öffentlichkeit zu zeigen, sah sich dann aber zum Herrscher über das Römische Reich erhoben. Darüber war keiner mehr überrascht als Claudius selbst, und wie aus einer nach seinem Tod verfassten Persiflage (der Apocolocyntosis des Seneca, in etwa »die Verwandlung in einen Kürbis«) hervorgeht, lernte er nie, bequem auf seinem gepolsterten Thron zu sitzen. Nero, der letzte Kaiser der julisch-claudischen Dynastie, ein jugendlicher und scheinbar bescheidener 17-Jähriger, stand in willkommenem Kontrast zu seinem Vorgänger.
Die zögernden ersten Schritte des jungen Kaisers verhießen Gutes – und sie täuschten. Es gab die Hoffnung, Nero werde »der erschöpften Menschheit glückselige Zeiten schaffen und das Schweigen des Rechts brechen«.7 In der Tat genoss Rom infolge der mäßigenden Beratung durch seine Erzieher – einer von ihnen war der stoische Philosoph und profilierte Schriftsteller Seneca der Jüngere – fünf Jahre lang Ruhe und Stabilität, ein Zeitraum, den man als das goldene quinquennium pries. Der Herrscher ging seinen literarischen, kulinarischen und sexuellen Interessen nach – gemessen an späteren Orgien hielt er dabei Maß – und ließ andere regieren. Als aber der Einfluss seiner Lehrer nachließ und der Bann seiner intrigierenden Mutter Agrippina der Jüngeren schwand, entartete seine Herrschaft bald zur Willkür absoluter Macht. Das »schon lange geplante Verbrechen«, die Ermordung seiner Mutter, markierte eine Wende zum Schlimmsten; ihr Tod beendete die Herrschaft der Schwester, Gattin und Mutter römischer Kaiser.8
Anklagen, Hinrichtungen und »angeregte« Selbsttötungen folgten in immer größerer Zahl. Rom brannte, »ob durch Zufall oder auf tückische Anstiftung des Kaisers«, und man munkelte, Nero habe zum Klang der prasselnden Brände die Harfe gespielt.9 Jeder Römer konnte sehen, dass die Goldene Villa des Kaisers – ein Gebäudekomplex, der sich an den Esquilin anschmiegte, bis hin zum Palatin reichte und eine Fläche von mindestens 40 Hektar bedeckte – nicht hätte errichtet werden können, wenn das Feuer nicht Wohnhäuser beseitigt hätte, die dort gestanden hatten. An die Stelle der verkohlten Überreste traten künstliche Seen, üppige Wiesen und glänzende Säle, die mit marmornen, elfenbeinernen oder goldenen Furnieren bedeckt und mit Mosaiken und Fresken verziert waren. »Rom wurde zu einem Haus«, dessen Großartigkeit nur hinter derjenigen des Egos seines Eigentümers zurückblieb.10
Geld wurde mit vollen Händen ausgegeben. Die Unzufriedenheit wuchs. Senatoren murrten halblaut, sie hätten alles verloren außer ihrem Leben – und damit konnten sie noch von Glück sagen. Es folgte eine Reihe von Verschwörungen und Aufständen. Der in die Enge getriebene Kaiser ermordete »vollkommen wahl- und maßlos aus jedem nur denkbaren Grund«.11 (Unter den Opfern war auch Neros früherer Erzieher Seneca, dessen Selbsttötung Peter Paul Rubens im frühen 17. Jahrhundert auf einem berühmten Gemälde dargestellt hat.) Doch es nützte alles nichts. Im Jahr 68 wurde Nero durch die Umstände gezwungen, sowohl seinem Thron als auch seinem Leben zu entsagen.
Als sich der Kaiser das Leben nahm, war Tacitus etwa 15 Jahre alt. Wie weit er von den Entwicklungen in Rom Kenntnis hatte, lässt sich von der historischen Forschung nicht ergründen (Gleiches gilt für den wahren Charakter der Herrschaft Neros, da die antiken historischen Darstellungen parteiisch sind). Dies waren jedoch die prägenden Jahre des künftigen Historikers, und dass er später die Herrschaft Neros als tyrannisch betrachtete, geht aus seinem zweiten großen Werk, den Annalen, hervor. Es sollte nicht seine einzige Begegnung mit der Tyrannei sein.
Bürgerkriege folgten. Das »nicht enden wollende eine Jahr« nach Neros Tod sah vier Kaiser, wenn auch gleichsam im Vorübergehen: Mit Ausnahme des letzten beteten sie alle zu römischen Göttern, die sich bereits ihrem jeweiligen Nachfolger zuwandten.12 »Rom wurde durch eigene Heere eingenommen, Italien verwüstet, die Provinzen ausgeplündert.« Die Familie des Tacitus war unmittelbar betroffen, da marodierende römische Soldaten aus den nördlichen Teilen Europas, wo einer der kurzlebigen Kaiser seinen Sitz gehabt hatte, plündernd und brandschatzend nach Italien zogen und dabei seinem Zuhause so nahe kamen, dass man dort ängstliche Nächte und zitternde Tage verlebte. Viele Jahre später sollte er erfahren, dass die Großmutter seiner Ehefrau in jenen chaotischen Monaten umgebracht worden war. Nach drei glücklosen Kaisern (von denen Tacitus spöttisch schrieb, »dass der Sieger der Schlimmere von ihnen sein werde«) kamen aus dem Osten Frieden, Stabilität und eine neue Dynastie in Gestalt des Titus Flavius Vespasianus (9–79).13
Es heißt, der ideale Herrscher wolle nicht herrschen. In diese Kategorie gehört Vespasian. Er war in der römischen Provinz Judaea stationiert (die das heutige Israel und die palästinensischen Gebiete umfasste) und sollte dort den jüdischen Aufstand niederschlagen, als er von den Entwicklungen in Rom erfuhr. Kaum hatte er dem ersten der kurzlebigen Kaiser seine Loyalität bekundet, erhielt er die Nachricht von dessen plötzlichem Tod. Er erkannte, dass Kaiser jetzt »auch anderswo als in Rom« gemacht werden konnten (bis zu Nero waren alle Kaiser in Rom vom Senat auf den Thron gehoben worden).14 Als sich der römische Statthalter der benachbarten Provinz Syrien an ihn wandte, erklärte er sich zögernd, mit Bedenken, schließlich einwilligend bereit, sich um die Kaiserwürde zu bemühen. Vespasian war ein vorsichtiger Mann, nicht zuletzt wegen der Erfahrungen, die er jüngst mit den Wechselfällen des Schicksals gemacht hatte, deren Urheber Nero selbst, Roms als Künstler dilettierender Kaiser, war: Als Vespasian es gewagt hatte, während einer Darbietung von Roms selbsternanntem größten Talent entweder einzuschlafen oder den Saal zu verlassen, wurde er degradiert. (Der römische Biograf Sueton berichtet, eine Frau habe währenddessen ein Kind geboren, da sie es nicht wagte, die Vorstellung des »Artisten«, der über Leben und Tod herrschte, zu verlassen.15) Aktivitäten von Aufständischen in Judaea zwangen Nero jedoch dazu, auf einen seiner erfolgreichsten und erfahrensten Befehlshaber zurückzugreifen, der sich an so unterschiedlichen Orten wie Britannien und Afrika bewährt hatte. Vespasian, der schon Ende 50 war, hatte nun erneut eine bedeutende Befehlsstellung inne, und er war im Besitz der Mittel, die man brauchte, um Rom und die Welt zu regieren: Er hatte Soldaten.
Als sich die Kunde von Vespasians Schritt verbreitete, fiel ihm weitere Unterstützung zu: Der Statthalter von Ägypten schloss sich ihm an, andere Führer samt ihren Legionen folgten. Im Osten, von den nördlichen bis zu den südlichen Provinzen, braute sich rasch ein Sturm zusammen, der sich sodann über Rom entlud. Während seine Bundesgenossen die Schlachten schlugen, wartete der künftige Kaiser im Süden des Römischen Reiches und sicherte sich Ägypten, die Kornkammer Roms. Unter seinen treuen Anhängern konnte er auf seinen älteren Sohn Titus zählen, der schon bald sein Mitregent werden sollte, der aber zunächst mit der Belagerung Jerusalems befasst war. Sein jüngerer Sohn Domitian hingegen »nutzte das Vermögen seines Vaters nur zu einem enthemmten Leben«.16 Dies wurde allerdings nach der Ermordung des Tyrannen geschrieben, und in der Rückschau ließ sich leicht reden.
Vespasians Einzug in Rom markierte den Beginn der Flavierdynastie. In den ersten Jahren seiner Herrschaft zog Tacitus, immer noch ein sehr junger Mann, womöglich nach Rom, um seiner Bildung den letzten Schliff zu verleihen. Der Schulunterricht umfasste damals drei Phasen: Zuerst lernten privilegierte Schüler von einem litterator, der sich nicht scheute, den Stock zu gebrauchen, Lesen und Schreiben, häufig nicht nur auf Latein, sondern auch auf Griechisch. Danach, etwa im Alter von elf Jahren, bekamen sie Unterricht bei einem grammaticus, der ihnen ein tieferes Verständnis der griechischen und lateinischen Literatur vermitteln sollte; viele Stücke waren auswendig zu lernen. Der grammaticus machte sie auch mit dem komplizierten rhetorischen System vertraut. Daraufhin, mit 15 Jahren, kamen die Schüler zu einem rhetoricus, der sie in der Kunst der guten Rede ausbildete. Am Ende stand eine Phase der Praxis und der Bewährung: Ein erfahrener und angesehener Mann der Öffentlichkeit nahm den Jüngling unter seine Fittiche, wobei er ganz allgemein als Vorbild fungierte, ihn aber auch speziell mit führenden Politikern bekannt machte, ihn bei Gericht einführte und ihm bestimmte Verfahrensweisen erklärte. Eine solide rhetorische Ausbildung war von höchster Wichtigkeit in einer Gesellschaft, in der diejenigen, die nicht gut kommunizieren konnten, nicht hoffen durften, ein öffentliches Amt zu bekleiden: »Es war schimpflich, für stumm und unberedt zu gelten.«17 Daher überrascht es nicht, dass der junge Tacitus eifrig Gesprächen zwischen führenden Älteren lauschte, wie er es in einer seiner kleinen Schriften, dem Dialogus de oratoribus (Dialog über die Redner), geschildert hat. Es dauerte nicht lange, da war er zu einem der herausragenden Redner Roms geworden, dem nun andere junge Männer folgten.
Wenn seine Schriften einen Schluss auf seine Redeweise zulassen, dann war Tacitus mit Ironie und Sarkasmus gewappnet. Der bekannte Briefschreiber Plinius der Jüngere pries ihn als »äußerst beredt« und bezeichnete seinen Stil als »würdevoll«.18 Schon beinahe von Anfang an muss Tacitus einen bemerkenswerten Eindruck gemacht haben. Mit seinen öffentlichen Auftritten lenkte er die persönliche Aufmerksamkeit des Kaisers auf sich, der immer auf der Suche nach Talenten war, um die zahlreichen Verwaltungsposten in Rom und in seinem ausgedehnten Reich zu besetzen. Rasch kam der Erfolg. Mit dem Ehrgeiz des Mannes aus der Provinz, der sich im begehrten Zentrum der Welt sieht, heiratete Tacitus eine Frau aus geachteter Familie und schlug die traditionelle Ämterlaufbahn ein.
Als Vespasian Kaiser wurde, war er 61 Jahre alt. Die politische Stabilität erforderte Aussicht auf Kontinuität, und sei sie auch nur dynastischer Art, das Gespenst mächtiger Befehlshaber, die erneut um den verwaisten Thron rangen, musste gebannt werden. Unmittelbar nachdem sein älterer Sohn Titus im Jahr 71 nach seinem erfolgreichen und zerstörerischen Feldzug, bei dem er Jerusalem samt Tempel einnahm, in Rom eingezogen war, erklärte Vespasian ihn offiziell zum Teilhaber seiner Macht. Wie sein Vater erhielt er den Titel Caesar, und ihm wurde das Kommando über die Prätorianergarde übertragen, die in der Nähe von Rom stationiert war. Diese Garde war zwar für den Schutz des Lebens der Kaiser verantwortlich, hatte aber wiederholt Beihilfe zu ihrer Ermordung geleistet. (Im Wesentlichen fand man damit einen Vormund für die Garde.) Im Lauf der folgenden Jahre baute der Vater den Sohn zu seinem Nachfolger auf und ermöglichte ihm, zusätzlich zu seinen kriegerischen Leistungen auch Verwaltungserfahrungen zu sammeln. Doch das Schicksal griff ein: Im Jahr 79 trat Titus nach dem Tod des Vaters zwar die Alleinherrschaft an, aber nur zwei Jahre später starb auch er. Auf seinem Totenbett soll er gesagt haben: »Ich habe nur einen einzigen Fehler gemacht.«19 Ein glücklicher Mann, zweifellos, ja sogar glückselig, denn niemand weiß, welchen schweren Fehler er bereute.
Wahrscheinlich wurde Tacitus während der kurzen Kaiserherrschaft des Titus zum quaestor gewählt, das Amt, in dem er die finanziellen Angelegenheiten in Rom oder in einer der Provinzen überwachte. Diese Ernennung markierte den ersten großen Schritt auf der römischen Ämterlaufbahn und beinhaltete automatisch den Eintritt in den römischen Senat. Das Wort senatus, das von dem lateinischen Wort senex (»alter Mann«) abgeleitet ist, bedeutet wörtlich »Ältestenrat«. In der Republik hatte dieses Organ als oberstes und wichtigstes Regierungsgremium fungiert; in der Kaiserzeit schwankte seine Bedeutung, aber es blieb der höchste Rat, selbst wenn es von einem herrschsüchtigen Kaiser ignoriert wurde. Mit seinem Amtsantritt war Tacitus in die Korridore der Macht vorgedrungen, in denen er sich fortan 30 Jahre lang bewegen sollte.
Als Vespasians jüngerer Sohn Domitian (51–96) Anfang der 80er-Jahre die Herrschaft als Kaiser antrat, gingen Gerüchte um, er habe die Krankheit seines Bruders durch Gift verursacht. Wenn dies zutrifft, dann muss Neid das Motiv gewesen sein, denn Domitian fehlte das, was Titus hatte: militärischer Erfolg, Anerkennung als Verwaltungsmann und Liebenswürdigkeit. Vor allem durch seinen Sieg im Jüdischen Krieg hatte sich Titus als fähiger Befehlshaber etabliert. Seinen Triumph feierte man mit einem heute noch erhaltenen Bogen, auf dem seine Leistungen ebenso zur Schau gestellt sind wie die Defizite Domitians. Während sein Bruder die Partnerschaft mit dem Vater genossen hatte, war Domitian nur einige Male Konsul gewesen und hatte unbedeutende Funktionen als Priester ausgeübt – er muss gespürt haben, dass seine Position durch Machtlosigkeit unter dem Schein von Verantwortung gekennzeichnet war. Und der Anekdote über das Aufspießen von Fliegen nach sieht es so aus, als hätten Domitian auch soziale Fähigkeiten gefehlt. Einmal, nachdem er mehrere Stunden allein verbracht hatte, wurde der Wächter, der vor seiner Tür postiert war, von einem Vorübergehenden gefragt, ob jemand beim Kaiser sei. »Nicht einmal eine Fliege«, lautete die passende Antwort.20
Der historischen Überlieferung zufolge erfüllte der neue Kaiser seine Herrschaft mit Verfolgungswahn und einem Minderwertigkeitskomplex (wobei Letzterer häufig von übersteigertem Selbstbewusstsein begleitet war). Man zitierte ihn mit den Worten, niemand glaube an die Furcht eines Kaisers vor einer Verschwörung, bis er durch seinen eigenen Tod von ihr überzeugt werde. In den späteren Jahren seiner Herrschaft liebte Domitian es, durch Säulengänge zu wandeln, deren Oberflächen so glatt poliert waren, dass er darin sein Spiegelbild sehen konnte – und, was noch wichtiger war, auch das, was hinter seinem Rücken geschah. Furcht löste Furcht aus. Bald warfen auch Senatoren einen Blick hinter sich.
Ungebildet und übereifrig unternahm der Kaiser militärische Feldzüge, was ihm bei den Senatoren nur Missmut eintrug. Der Norden und der Osten, die Gebiete an Rhein und Donau, waren unter Domitians Herrschaft die Hauptunruheherde. Bereits 83 feierte er seinen ersten Triumph über den germanischen Stamm der Chatten, bevor sie besiegt waren. Boshafte Zeitgenossen bemerkten höhnisch, er feiere lieber Siege, als Schlachten zu gewinnen. Sie deuteten an, dass die Gefangenen, die traditionell bei einem Triumphzug in Rom präsentiert wurden, in diesem Fall gekauft und verkleidet worden waren.21 Ihnen erschien es kaum gerechtfertigt, dass Domitian Münzen schlagen ließ, auf denen in der Titulatur des Kaisers auch die Abkürzung für Germanicus erschien. (Dies könnte Tacitus einen Grund dafür geliefert haben, zwei Jahre nach der Ermordung seine Germania zu schreiben: um zu enthüllen, dass ganz Germanien noch nicht besiegt war.) Andere Zeugnisse lassen jedoch darauf schließen, dass die Feldzüge des geschmähten Kaisers Rom tatsächlich Besitzungen eintrugen: Er gründete zwei germanische Provinzen, begann mit dem Bau des römischen Walls gegen barbarische Erhebungen, des Limes, und stabilisierte das Donaugebiet durch einen Vertrag mit dem mächtigen König Decebalus. Die Gegner Domitians im Senat wären jedoch lieber gestorben, als ihm Anerkennung zu zollen; und wie Tacitus schreibt, taten das auch einige.
Von ebensolchem Eifer getragen war die Selbsternennung des Kaisers zum censor, das Amt, in dem er die Moral überwachte und schlechtes Verhalten bestrafte. Seit Beginn seiner Herrschaft wollte Domitian Rom säubern. Nach den Angaben zeitgenössischer Schriftsteller zu urteilen dürfte es dafür nicht an Gründen gemangelt haben. Dass er die virgines Vestales (»die vestalischen Jungfrauen«), hochgeachtete Priesterinnen, die das heilige Feuer der Herdgöttin Vesta in ihrer Obhut hatten, hinrichten ließ, ist nur das bekannteste Beispiel dafür, mit welchen drakonischen Mitteln er vorging, um die römischen Sitten zu wahren. Die Anführerin der Vestalinnen, der man den Verlust ihrer Jungfräulichkeit vorwarf, wurde bei lebendigem Leibe begraben – und mit ihr der Ruf Domitians: Unter seiner Herrschaft »war selbst der Friede brutal«.22
Als Autokrat und Kleinkrämer machte Domitian seinen größten Fehler mit seinem Verhalten im Senat. Er ließ sich gern als »Herr und Gott« anreden, und Anstoß erregte hier das Wort dominus (»Herr«), was andere Kaiser dazu veranlasst hatte, es zu meiden. Immer wenn Domitian in dieser Weise angeredet wurde, erinnerte das den Senat an seine sklavische Stellung, und dies war umso schmerzlicher, als er sich immer noch der Illusion hingab, er verfüge über Macht. Seine Zeit sollte jedoch kommen. Als der »Herr« von Angehörigen seines Hofes, darunter seine in die Verbannung geschickte und dann wieder zurückgerufene Ehefrau, ermordet worden war, hatten die Senatoren das letzte Wort, als sie die damnatio memoriae (»Verdammung des Angedenkens«) anordneten. Der Name des Tyrannen wurde ausgelöscht: Seine Statuen wurden zerstört oder umgewidmet (indem man einen anderen Kopf daraufsetzte), Inschriften mit seinem Namen tilgte man, als habe er nie existiert. (Manchmal sorgt jedoch Auslöschung für Erinnerung: Wie jeder Besucher der Sala del Maggior Consiglio in Venedig weiß, gehört das geschwärzte Porträt von Marino Faliero, dem 55. Dogen, immer zu denjenigen, die in Reiseführern erwähnt sind, und häufig ist es das einzige, auf das hingewiesen wird.) Am Ende hatte Domitian das Schicksal, dass man ihn nicht vergaß, sondern sich seiner als Ungeheuer erinnerte. Schriftsteller aus dem Senatsmilieu, Tacitus beispielsweise, sorgten dafür, dass seine Herrschaft jahrhundertelang als despotisch galt. Sie haben seine Verrufenheit bis auf den heutigen Tag bestimmt. Ebenso wie die Herrschaft Neros (mit dem Domitian, von Satirikern als »kahlköpfiger Nero« bezeichnet, verglichen wurde) lässt sich die Regierung Domitians nicht mit letzter Sicherheit charakterisieren: Die zeitgenössischen Schriften sind von Kriecherei erfüllt, die späteren Darstellungen von Abscheu.23
Im Vorwort zu seinem literarischen Debüt, einer im Jahr 98 verfassten Biografie seines Schwiegervaters Agricola, erklärt Tacitus, die Herrschaft Domitians habe aus dem Leben der Menschen 15 Jahre herausgeschnitten. Dies sind genau die Jahre, in denen er auf der Karriereleiter unaufhaltsam eine Stufe nach der anderen erklomm. In einer seiner wenigen persönlichen Bemerkungen teilt der »Schweigende« seinen Lesern mit, im Jahr 88 habe er neben der Erfüllung seiner Pflichten als praetor (das zweithöchste republikanische Amt in Rom) eine Funktion in dem Priesterkollegium erfüllt, das als quindecimviri (»15 Männer«) bezeichnet wird (diesen Namen behielt man auch bei, als die Mitgliederzahl auf 16 erhöht worden war).24 Diese Männer hatten vor allem die Pflicht, in Zeiten der Not griechische Orakel zu befragen und die Säkularspiele zu veranstalten, wie es im Jahr 88 geschah, fast sieben Jahre nachdem Domitian auf seinen Bruder Titus gefolgt war. Da dieser Posten gewöhnlich verdienten älteren Staatsmännern zufiel oder aber jungen Adligen, deren größtes Verdienst in ihrer Abstammung lag, zeugt die Ernennung des Tacitus entweder von außerordentlichen Leistungen oder von außerordentlicher Patronage; oder aber – vielleicht das Wahrscheinlichste – von einem Zusammentreffen beider Faktoren. Gewöhnlich ließ eine solche Position für das künftige Fortkommen Gutes erwarten, und in seinem Fall galt das mit Sicherheit. Nach den Ämtern, die er in Rom innegehabt hatte, verließ er die Stadt und übernahm einen Verwaltungsposten in den Provinzen; wohin er ging, ist ungewiss. Kurz nach Domitians Tod, im Jahr 97, stieg er zum Konsul auf, womit er den Höhepunkt der politischen Laufbahn in der Republik erreichte und das Amt übernahm, das auch im Kaiserreich immer noch das höchste war – selbst wenn es vorwiegend repräsentativen Charakter hatte. Der etwa 40-jährige Tacitus wurde möglicherweise noch von dem verabscheuten Tyrannen selbst nominiert.
Der Preis für diese Phase des Aufstiegs jedoch war Schweigen, und Schweigen begünstigte Untaten. Blutig waren letztlich nicht die Hände des Tyrannen, sondern »unsere Hände, die [den Staatsmann und eigenwilligen Philosophen] Helvidius in den Kerker führten«.25 Integrität hätte, so schien es, den Vorrang vor Furcht haben sollen. Gleichzeitig erforderte jedoch römische Respektabilität den Dienst an der Öffentlichkeit, ein Römer sollte »zuerst an das denken, was dem Vaterland nützt, dann an seine Eltern, als drittes und zuletzt an das Eigene«.26 Ein Protest gegen den Kaiser auf Kosten des Reiches (und häufig auch des Lebens des Protestierenden) stieß bei Tacitus auf entschiedene Kritik – und auf heimliche Bewunderung.
In seinem ersten Werk Agricola, das die Beschränkungen einer normalen Biografie hinter sich lässt, macht sich Tacitus Gedanken über die Frage, wie man in »so schrecklichen und Tugenden so feindseligen Zeiten« tugendhaft sein könne.27 Er versucht zu beweisen, dass menschliche Werte in einem unmenschlichen System überdauern können, dass es »bedeutende Männer sogar unter schlechten Herrschern geben kann«. Sein Schwiegervater dient als Beispiel eines Mannes, der Beiträge leistete, ohne mit dem Regime zu kollaborieren. Es könnten jedoch noch tiefere Beweggründe im Spiel gewesen sein. Vielleicht wollte Tacitus diese Behauptung auch zu seiner eigenen Verteidigung aufstellen. Wenn dies der Fall ist, dann ist es ihm anscheinend nicht gelungen, sich selbst zu überzeugen. In seinem ersten Werk, das veröffentlicht wurde, unmittelbar nachdem Rom aus dem langen Schatten herausgetreten war und lichtere Zeiten bevorzustehen schienen, ist der selbstanklägerische Ton allzu laut vernehmbar. Schon allein das Datum der Veröffentlichung enthielt eine Botschaft: Stimmen, die man zum Schweigen gebracht hatte, konnten wieder sprechen, da es nun möglich war, »zu denken, was man will, und zu sagen, was man denkt«.28 Später kehrte Tacitus zu den Mitgliedern der Flavierdynastie zurück, deren Herrschaft er zusammen mit den vorangegangenen kurzzeitig regierenden Kaisern in seinem ersten großen Geschichtswerk, den Historiae (Historien), behandelte. Im Vorwort gesteht er offen ein, dass er sich in der Zeit dieser Kaiser emporgearbeitet hat, und er verbirgt nicht seinen Aufstieg unter Domitian. Doch was hätte er anderes tun können? Jeder Leser in Rom musste gewusst haben, dass der Autor, der ein leidenschaftsloser Kritiker des Systems zu sein behauptete, dazu beigetragen hatte.
Doch die Flavier und insbesondere Domitian beeinflussten Tacitus auch noch auf andere Weise: Zwar laufen Exegeten Gefahr, sich lächerlich zu machen, wenn sie einen Text zu eng mit dem Leben des Autors verknüpfen, aber es steht außer Frage, dass die Zeit unter Domitian sein Schriftstellerdasein prägte. Wäre er am Ende der Herrschaft des Tyrannen geboren, wäre er in den ersten Jahren des »besten Kaisers« Trajan zu politischem Bewusstsein gelangt und hätte er ein glückliches Leben bis zu den Tagen des weisen Mark Aurel (des letzten der fünf guten Kaiser, der 181 starb) geführt, wäre er vielleicht trotzdem Schriftsteller geworden, aber ein ganz anderer – möglicherweise nicht einmal Historiker. Der Historiker Tacitus setzt den Tyrannen Domitian voraus. Seine bissigen Worte über sklavische Senatoren müssen an seinem eigenen Stolz genagt haben.
Tacitus’ Interesse an der Frage, in welcher Weise Werte von sozialen und politischen Verhältnissen abhängen, sollte ihn auf seiner gesamten literarischen Laufbahn begleiten – eine der Fragen, auf die er auch in seiner zweiten kleinen Schrift, der Germania, eingeht.
Ich bin überzeugt, daß die verschiedenen Stämme Germaniens, unbefleckt durch Ehen mit fremden Völkern, seit jeher ein besonderes, unvermischtes Volk bilden, welches nur sich selber gleicht. Die Leibesbildung ist bei allen diesen Menschen dieselbe: strahlende blaue Augen, rötliches Haar, hohe Gestalt.
Tacitus, Germania,
zitiert von Houston Stewart Chamberlain, 1899
Über die Ermordung eines Tyrannen entscheidet das, was danach kommt. »Der beste Tag nach einem schlechten Kaiser ist der erste«, und nur ein besserer Nachfolger rechtfertigt die Tat.29 Marcus Cocceius Nerva (30–98), der Mann, für den sich der Senat als Nachfolger Domitians entschied, empfahl sich durch seine beträchtliche politische Erfahrung wie auch durch sein Alter und seine Kinderlosigkeit, wobei der letztgenannte Umstand angesichts des jüngsten Falls von dynastischem Abstieg besonders willkommen war. Er distanzierte sich und seine Politik gebührend von seinem verhassten Vorgänger und schwor, Senatoren würden nicht umgebracht werden. Nach Jahren der Verzagtheit kehrte in Rom »endlich der Lebensmut zurück«.30 Nerva leitete die glücklichste und wohlhabendste Periode ein, wie es der Historiker Edward Gibbon sah. Fünf Kaiser, von denen jeder wegen seiner vielversprechenden Talente von seinem Vorgänger adoptiert worden war, sollten in einem Reich, das, auf dem Höhepunkt seiner Ausdehnung, ganz Westeuropa, den Norden Afrikas, den Nahen Osten und das Gebiet westlich und südlich des Schwarzen Meers umfasste, fast ein Jahrhundert lang für Frieden und Wohlstand sorgen. Nerva, im Jahr 96 schon weit in den Sechzigern, war der Erste, der einen Nachfolger adoptierte. Ein rechtzeitiger Schritt: 15 Monate nach Beginn seiner Herrschaft starb er, und Marcus Ulpius Trajanus (53–117), der Statthalter der Provinz Germania superior, bestieg den Thron.
Trajan eilte nicht nach Rom, sondern blieb in seiner Provinz, um zu konsolidieren, womit Domitian begonnen hatte: die obere und die untere germanische Provinz sowie den Limes. Unterdessen kannte in Rom niemand die Absichten des neuen Kaisers. Ein zeitgenössischer Dichter bat den Rhein, er möge »den Trajan seinem Volk und seiner Stadt« zurückgeben.31 Viele Aristokraten hatten jedoch den Wunsch, er möge gemäß dem römischen Credo, »Unterworfne zu schonen und Empörer niederzukämpfen«, endlich den Rhein überqueren und ganz Germanien (einschließlich der östlich des Flusses gelegenen Gebiete) erobern.32 Seit Germanen und Römer im Norden Italiens erstmals ihre Kräfte gemessen hatten, waren nicht weniger als 210 Jahre vergangen. Stand nach den zahlreichen Triumphen, die römische Führer über den immer noch unbesiegten Feind gefeiert hatten, nun womöglich ein fähiger Feldherr am Ufer des Rheins?
Besagte Germanen wussten allerdings nicht, dass sie in Germanien lebten. Die Grenzen waren von den Römern gezogen worden. Julius Caesar, der Mann, der zuerst Gallien und dann die römische Republik erobert hatte, definierte den Rhein als die Grenzlinie zwischen den gallischen und den germanischen Stämmen – zwischen denen, die er mit militärischen Mitteln gefügig machte, und denen, die ihn mit ihrem Widerstand zur Verzweiflung brachten. Er war anscheinend der Erste, der zwischen diesen beiden Stammesgruppen unterschied (zahlreiche spätere Autoren sahen sie dann wieder als ein einheitliches keltisches Volk an). Die Germanen als ein einziges Volk, das in Germanien lebte, wurden von Caesar erfunden: Unter bewusster Außerachtlassung germanischer Siedlungen westlich des Rheins definierte er Germanien als das Territorium östlich dieses Flusses, die Einwohner nannte er Germanen, als bildeten sie einen politischen Verband. Doch die zahlreichen Stämme, zersplittert und zerstritten, konnten sich kaum zu einer Mahlzeit zusammensetzen, ohne dass es zu Raufereien gekommen wäre (Tacitus betete später darum, dass diese germanische Streitsucht erhalten bleiben möge, da dem Römischen Reich »das Schicksal nichts Größeres gewähren« könne).33 Caesars Motiv für diese geografische und ethnische Neuausrichtung war politischer Natur, und die Politik beeinflusste die römischen Interessen in Nordeuropa auch weiterhin. Von den vielen, die über Germanien schrieben, war der Senator Tacitus jedoch der einzige, der eine Monografie verfasste.
Ebenso wie Julius Caesar, aber abweichend vom zeitgenössischen politischen Sprachgebrauch kennzeichnete Tacitus den Rhein als Westgrenze Germaniens (womit er die beiden römischen Provinzen im Wesentlichen ausschloss). Von den zahlreichen Stämmen, die im zweiten Teil der Germania vorkommen, hatte er zwar durchaus Kenntnis, aber er fasste sie (wiederum ebenso wie Caesar) als ein einziges Volk auf und beschrieb sie auch so. Im ersten Teil des Buchs erfahren die Leser etwas von diesem germanischen Volk – von seiner Entstehung und seinem Aussehen sowie von seinen Sitten, Bräuchen und Institutionen. Niemand würde, so behauptet Tacitus, in ihr Land ziehen, »dessen Landschaften hässlich sind, das ein raues Klima hat und durch seine Lebensart und sein Aussehen abstoßend ist«.34 Seine am Mittelmeerraum geschulten Augen fanden kaum etwas Anziehendes an einem Land, das er als »entweder durch seine Wälder grauenerregend oder durch seine Sümpfe grässlich« schilderte. Dieses Land brachte jedoch, so Tacitus weiter, aus seinem Boden den Gott Tuisto hervor, und dieser erdgeborene Gott hatte einen Sohn namens Mannus, dessen man in alten germanischen Liedern – »der einzigen Art geschichtlicher Überlieferung, die es bei ihnen gibt« – als Begründer des germanischen Volkes gedachte. (Die moderne Linguistik hat enthüllt, dass der Name Tuisto das germanische Wort twi für »zwei« enthält, das möglicherweise auf die hermaphroditische Natur des Gottes verweist, während der Name seines Sohnes Mannus »Mensch« bedeutet.35) Der Erde selbst entsprungen, blieben die Germanen von anderen Menschen isoliert, fügt Tacitus hinzu, weil ihr Land so abstoßend war. In der einflussreichsten Passage des Textes, die als Motto dieses Abschnitts zitiert ist, schließt er sich denjenigen an, die an den indigenen Charakter und die ethnische Reinheit des germanischen Volkes glauben, und er schreibt den Germanen die physiognomischen Züge zu, die griechische und römische Autoren als charakteristisch für Menschen des Nordens ansahen.
Um eine unzusammenhängende Abfolge von Eigenschaften zu vermeiden, verwendet Tacitus ein stilistisches Verfahren, das insbesondere in antiken ethnografischen Texten zur Anwendung kam und das mit assoziativen Verknüpfungen arbeitet, die das Textgefüge ohne schroffe Übergänge eng verflechten. Er beginnt mit einer Erörterung des germanischen Territoriums und setzt »Germanien in seiner Gesamtheit« ganz an den Anfang seines Buchs. Danach geht er zu »den Germanen« über und beschließt ihr Porträt, das in sich stringent strukturiert ist, mit einem Verweis auf ihr Klima und ihren Boden. Das darauffolgende Kapitel beginnt mit dem »Land« (terra), das beschrieben und im Hinblick auf seine Metallschätze erörtert wird, was zu einer Beschreibung der Waffen führt; daran schließt sich eine Darstellung ihres Militärwesens an, die durch ein Profil ihrer Anführer ergänzt wird. Die Germania ist eine vorzüglich gewebte Erzählung, ihr Verfasser war alles andere als ein Anfänger.
Das germanische Leben, sowohl im privaten als auch im öffentlichen Bereich, entwickelt Tacitus in einigem Detail, und er geht dabei näher auf diejenigen menschlichen Werte ein, an denen er ein ausgeprägtes Interesse zeigte: Freiheit, Tapferkeit, Sittlichkeit und Einfachheit. All das war anscheinend immer noch zu finden, wenn nicht in Rom, dann zumindest in Germanien. Die häufig nur implizite Antithese zwischen dem römischen Leben und dem Leben in Germanien zieht sich durch Tacitus’ gesamte Darstellung hindurch. Dort kennen sie »keinen Prunk«, wie ihre schlichten Wohnstätten, ihre äußerst spärlichen Waffen und ihre lediglich zweckbetonten Utensilien zeigen: Irdene und metallene Gefäße werden »mit der gleichen Geringschätzung behandelt« (ein typisches Beispiel für taciteische Knappheit: Die Germanen machen sich aus dem einen ebenso wenig wie aus dem anderen).36 Dort widerstehen sie dem Luxus und dem mit ihm verschwisterten Laster, der Dekadenz: Der Schwerttanz ist das einzige Schauspiel, das sie kennen, und lockere und laszive Gastmähler veranstaltet man nur in Rom. Da die Einfachheit die Sittlichkeit festigt und Mangel an Versuchung Abweichungen verhindert, sind Fälle von Ehebruch ebenso selten, wie die Bestrafung streng ist: »Der Mann schert [der Ehebrecherin] das Haar kurz, entblößt sie, treibt sie so vor den Augen der Verwandten aus dem Haus.« Wie so häufig im Werk des Tacitus beschließt eine passende Sentenz die Schilderung sexueller Zurückhaltung: »Mehr vermögen dort gute Sitten als anderswo gute Gesetze.« Diesen Ausspruch, aus seinem Kontext gerissen, sollten sich deutsche Humanisten bei ihren Bemühungen um ein Gegengewicht zu ihrer angeblich barbarischen Vergangenheit an ihre Fahnen heften.
Niemand lacht bei diesen Menschen »über sittliche Verfehlungen, und verführen und sich verführen lassen nennt man nicht einfach zeitgemäßes Verhalten«.37 Sie sind »weder hinterlistig noch verschlagen«, haben Ehrfurcht vor der »Erhabenheit der himmlischen Mächte«, die sie dementsprechend auf großen freien Plätzen verehren, und sind bereit, um der Ehre und Treue willen zu sterben. Ihre Treue, auf die Tacitus seine besondere Aufmerksamkeit richtet, reicht über den engen Kreis der Freunde und Familienangehörigen hinaus: Die Männer schließen sich der Gefolgschaft (comitatus) eines germanischen Führers an und wetteifern um seine Achtung und sein Vertrauen. Die Führer, die miteinander um Macht und Prestige konkurrieren, sorgen für ihre Gefolgsleute, die wiederum schwören müssen, zu kämpfen, bis der Tod sie befreit. »Schimpf und Schande für das ganze Leben bedeutet es, seinen Gefolgsherrn zu überleben und so aus der Schlacht zurückzukehren.« Fast zwei Jahrtausende später trugen die Angehörigen der SS auf ihren Koppelschlössern das Motto »Meine Ehre heißt Treue«.
Das germanische Leben ist militärischer Tüchtigkeit und Tapferkeit geweiht, und »Ruhe ist diesem Menschenschlag unangenehm«. 38 Dies sind Krieger, so schrieb im 15. Jahrhundert der Humanist Giannantonio Campano in Anlehnung an die Schilderung des Tacitus, die »von der Natur zum Kriegshandwerk und zu militärischer Disziplin geschaffen sind«. Wenn der junge Mann in die Gesellschaft aufgenommen wird, erhält er einen Schild und einen Speer (framea), und auf diese Weise erfährt er, welche Beiträge zur Gesellschaft man von ihm erwartet. Selbst zur Mitgift, die nicht die Frau, sondern der Mann in die Ehe bringt, gehören Waffen (zusammen mit anderen Gütern wie Ochsen und Pferden); diese Menschen verrichten »nichts ohne Waffen«. Als Krieger verteidigen sie ihre Freiheit, innerhalb und außerhalb ihres Landes, und nicht einmal ihre Könige herrschen unumschränkt. Seinen historischen Überblick über diese mehr als 200 Jahre währende Zeit der Kriege zwischen Germanen und Römern fasste Tacitus mit charakteristischem Sarkasmus zusammen: Über die Germanen hatte man »mehr Triumphe als Siege gefeiert«. Es stand außer Frage, dass »der germanische Freiheitsdrang heftiger war als die parthische Monarchie« (Letztere war im Osten Roms bedrohlichster Feind).
Tacitus konnte nicht vorhersehen, dass seine Liste germanischer Tugenden den künftigen Deutschen dabei behilflich sein würde, ihren Nationalcharakter als einfach, treu, tapfer und sittsam zu definieren; und dies umso weniger, als die Werte, die einige spätere Generationen idealisierten und sich zu eigen machten, in seiner Darstellung ausgesprochen ambivalent sind. Die Tapferkeit, mit der die Germanen ihre Freiheit verteidigen, geht auf Kosten jeglicher anderer kultureller Bestrebungen, und Tacitus vergleicht ihre Fähigkeit zum Krieg mit der zur Landwirtschaft, welche die Griechen und Römer als eine höhere Form der Beschäftigung ansahen. Zwar hält der Freiheitsdrang der Germanen die disziplinierten Legionäre Roms in Schach, aber er führt auch zu blutiger Zwietracht zwischen einzelnen Stämmen. Und der einfache Lebensstil ist zwar der Sittlichkeit förderlich, aber er enthält den Menschen die Bildung vor und entartet überwiegend zu bloßer Primitivität. Die Mehrzahl der Werte, die sich bei den Germanen finden, ist eindeutig durch ihren einfachen Lebensstil bedingt: Männer und Frauen sind tapfer und moralisch nicht aus freien Stücken, sondern aus Not, und in den meisten Aspekten gleichen sie stereotypen Vertretern einer frühen Epoche, die durch eine niedrige kulturelle Entwicklung charakterisiert ist. Das Porträt, das Tacitus von den Germanen zeichnet, taucht menschliche Werte in ein differenziertes Licht, das ihre Spannungen, wechselseitigen Abhängigkeiten und dunkleren Seiten zutage treten lässt. Manche tatsächlich negative Züge treten jedoch ebenfalls auf: Infolge eines seltsamen Widerspruchs in ihrem Wesen »lieben dieselben Menschen das Nichtstun und hassen die Ruhe des Friedens«; entweder kämpfen sie oder geben sich dem Müßiggang hin.39 Wenn sie Alkohol in genügender Menge hätten, würden sie sich selbst durch den Trunk ruinieren. Sie sind hemmungslose Spieler, die ihre Häuser, ihre Ehefrauen, ja sich selbst verwetten. Spätere Leser des Tacitus, denen daran gelegen war, den barbarischen Charakter der Germanen zu unterstreichen, gingen nur auf diese Aspekte ein, die wiederum von sympathisierenden Lesern einfach ignoriert wurden. Beide Deutungen sind in gleicher Weise unzulänglich, denn Tacitus zeichnet ein differenziertes Bild.
Ob sich die Leser der Germania nun zuwandten, um die germanischen Barbaren zu verdammen, oder ob sie sie als sittliche Krieger preisen wollten, der Text des Tacitus wurde bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts weithin als historische Quelle für das echte germanische Leben gelesen. Karl Trüdinger, der im Ersten Weltkrieg in jungen Jahren starb, hatte an der Universität Basel seine Dissertation mit dem Titel Studien zur Geschichte der griechischen und römischen Ethnographie geschrieben. Dieses Werk, 1918 erschienen, stellte die Germania in den Zusammenhang der antiken ethnografischen Tradition, die eine Reihe von Aspekten aufführte, deren Behandlung man von Ethnografen erwartete. Wenn Tacitus – um ein markantes Beispiel zu nennen – den Ursprung und die »Reinheit« der germanischen Stämme erörtert, hält er sich in einem etablierten ethnografischen Rahmen: Die Germanen sind autochthon (also keine Einwanderer) und ethnisch rein (also nicht mit anderen Völkern vermischt). Trüdinger bemühte sich, zwischen standardisierten Fragen und Antworten zu unterscheiden. Sein Zeitgenosse Eduard Norden jedoch, zu seiner Zeit der renommierteste Erforscher der lateinischen Literatur, veröffentlichte beinahe gleichzeitig eine Untersuchung, in der er nachwies, wie verschiedene Eigenschaften, die man den Germanen zuschrieb, von einem fremden Volk zum anderen »gewandert« waren. Das berühmteste Beispiel für einen derartigen »Wandertopos«, wie Norden diese Fälle nannte, ist die Charakterisierung der Germanen als »nur sich selbst ähnlicher Menschenschlag«.40 Während man sich auf diese Aussage viele Jahrhunderte später als echte Beobachtung stürzte und sie als Argument für die Reinheit der arischen Rasse benutzte, ist sie in Wirklichkeit nur eine griechische und später dann eine römische Klischeevorstellung, die andere Autoren zuvor schon auf die Ägypter und die Skythen angewendet hatten, um nur zwei zu nennen. Die herrschende Meinung innerhalb und außerhalb der akademischen Welt war zur damaligen Zeit jedoch so geartet, dass die von Trüdinger und Norden gewonnenen Einsichten ignoriert oder geschmäht wurden und die Germania ihren Status als erstklassige historische Quelle behielt.
Im Vergleich zu anderen griechischen und römischen Darstellungen fremder Völker – wie etwa denen von Julius Caesar, der Exkurse über die Gallier wie auch über die Germanen verfasste – wirkt die Germania tatsächlich wie ein Mosaik griechischer und römischer Klischees, arrangiert von einem Autor, der höchstwahrscheinlich nie die Alpen überquert hat und dessen Interesse eher moralischen und politischen als wissenschaftlichen Fragen galt. Tacitus war also nicht Augenzeuge, sondern Leser. Für sein Porträt schöpfte er aus zahlreichen literarischen Quellen, angereichert mit Details aus Berichten von Kaufleuten, Soldaten und anderen Gewährsleuten, die über Kenntnisse aus erster Hand verfügten. Das soll nicht heißen, dass die Germania als historische Quelle völlig nutzlos wäre. Doch die Germanen, die uns in Tacitus’ Schilderungen begegnen, sind in vielerlei Hinsicht typische Vertreter der Barbaren aus dem Norden, im Rahmen der griechischen und römischen ethnografischen Tradition von einem Autor skizziert, der zumindest mit einem Auge auf Rom und das Reich blickte. Die Germania, die man später als korrekte Widerspiegelung echter deutscher Menschen feierte, wurde von einem Römer in Rom für Römer geschrieben. In das nationale Profil des deutschen Volkes wurde diese Momentaufnahme einer bestimmten Kulturepoche erst später verwandelt.
Im Jahr 98 hatten die Römer erneut ein politisches Interesse an Germanien. Im Gegensatz zu den propagandistischen Ansprüchen, die Domitian mit seinen Triumphen erhoben hatte, waren die Barbaren dieser Region immer noch frei. Hatte Tacitus die Hoffnung, seine Germania werde dazu beitragen, den Kaiser dazu zu überreden, Angriffe gegen die Germanen zu führen? Das erscheint äußerst wahrscheinlich.41 Doch auch wenn er politische Motive hatte, lagen seine Interessen entschieden auf philosophischem Gebiet. Er zeigt Sympathie für ihre raue Tapferkeit, ihre moralische Integrität und ihren leidenschaftlichen Freiheitsdrang. Aber es klingt auch Traurigkeit an: Man kann nicht alle wünschenswerten Werte gleichzeitig haben. Wer auf dem nackten Erdboden schläft, entwickelt sich zu einem abgehärteten Soldaten, aber wer möchte auf den Komfort eines Bettes verzichten?
Welche Absicht auch immer Tacitus letztlich verfolgt haben mag, Trajan wandte sich bald vom Rhein ab und der Donau zu, die er zu Recht als die unruhigere Grenzregion ansah. Die Römer eroberten niemals germanisches Gebiet. Doch dort, wo ihre Legionäre scheiterten, waren ihre Schriftsteller erfolgreich: Die Germania des Tacitus sollte den Germanenmythos über Jahrhunderte hinweg bestimmen.
Es ist überliefert, dass auch germanische Frauen bisweilen für das Va terla nd zu den Waffen griffen und den Kampfeseifer ihrer Männer wieder neu belebten.
Giannantonio Campano, Paraphrase der Germania, 1471
Als Trajan nach seiner Ausrufung zum Kaiser im Jahr 100 schließlich aus Germanien nach Rom zurückkehrte, um seinen Adoptivvater zu einem Gott zu erheben, ließ sein Verhalten Höflichkeit erkennen. Der Senat war erleichtert, er kooperierte mit ihm und revanchierte sich bei gegebener Gelegenheit. Nachdem der Kaiser in Dakien (einem Gebiet, zu dem die Donau, das Hochland von Transsilvanien, die Weichsel und die Ostküste des Schwarzen Meeres gehörten) zwei bedeutende Feldzüge abgeschlossen und so das Römische Reich über die Donau hinaus in Richtung seiner größten Ausdehnung geführt hatte (die bald danach erreicht wurde, als es auch die Provinz Arabia einschloss), stifteten ihm die Senatoren eine Säule. Dieses Monument – eine in Marmor gehauene Schilderung der militärischen Leistungen Trajans, die noch heute nördlich des Forum Romanum in der Nähe der Piazza Venezia zu sehen ist – diente nach seinem Tod auch als sein Grab. Ein Begräbnis im Stadtgebiet Roms war eine außerordentliche Ehre, die Trajan sich nicht nur durch Leistungen im Ausland, sondern auch durch Taten in der Heimat verdient hatte. Er führte eine Kategorie von Regierungsbeamten, die curatores, ein, welche die Finanzen innerhalb und außerhalb von Rom kontrollierten; eine derartige Funktion übte Tacitus’ Korrespondent Plinius der Jüngere aus, der in der Provinz Bithynien (der heutigen nördlichen Zentraltürkei) amtierte und seine Probleme, Fragen und Anregungen der Kanzlei des Kaisers übermittelte. Als Plinius es mit der Sekte der Christen zu tun hatte, bat er um Rat und erhielt eine vergleichsweise maßvolle Anweisung: Er solle auf rechtmäßigen Verfahren bestehen und von Schikanen Abstand nehmen.42
Auch bei der Verwendung der dakischen Beute zeigte der Kaiser Umsicht: Damit wurden Verbesserungen der Infrastruktur im gesamten Reich finanziert, und in Rom erstand rings um die Basilica Ulpia prachtvoll das Forum Trajanum, der größte der von Kaisern angelegten öffentlichen Plätze. Wie bei früheren Herrschern propagierte Architektur Größe. Doch bei seinen Bauvorhaben zeigte Trajan ebenso wie in seiner Verwaltung echtes Interesse an den Menschen. Höchsten Symbolwert hatte die Errichtung öffentlicher Bäder auf dem Gelände von Neros Goldener Villa, die man abriss und zum Teil als Baumaterial für Neubauten verwendete. Abermals stellte sich der Kaiser als öffentlicher Diener dar. Seine zahlreichen Leistungen blieben nicht unbemerkt, schon bald wurde er inoffiziell und dann auch offiziell als optimus, als »der Beste«, gepriesen.43
Ein natürlicher Tod ist die höchste Ehre für einen Kaiser. Trajan starb 117 auf seinem Krankenbett nach fast 20-jähriger Herrschaft. Im Gegensatz zu Domitian war er ein liebenswürdiger Autokrat gewesen. Kurz vor seinem Tod adoptierte er – mit gewissen faszinierenden Skrupeln – Publius Aelius Hadrianus (76–138), in dessen fähigen Händen das Römische Reich auch weiterhin Frieden und Wohlstand genießen sollte. Selbst mit dieser letzten Tat hatte Trajan also wohlgetan. Spätere römische Generationen konnten nur hoffen, dass die Gebete ihrer Kaiser erhört würden, sie möchten »glücklicher als Augustus« (der für die Umwandlung der römischen Republik in die Herrschaft des ersten Mannes, den principatus, gesorgt hatte) und »besser als Trajan«44 sein. Tacitus selbst schließt im Vorwort zu seiner Biografie Agricola den optimus princeps ausdrücklich in seine Dankesbezeugung für das glücklichste Zeitalter ein. Es erscheint somit seltsam, dass er sich entschloss, nicht über diese glückliche Herrschaft zu schreiben.
Die öffentliche Tätigkeit des Tacitus setzte sich unter dem neuen Regime fort. Plinius berichtet von zweien seiner Auftritte als Redner: als Trauerredner bei einem Begräbnis im Jahr 97 und als Ankläger drei Jahre danach. Über die darauffolgende Zeit weiß man wenig. Wahrscheinlich ist jedoch, dass er politisch aktiv blieb, denn in den Jahren 112–113 wurde er Statthalter der Provinz Asien, wie aus der bereits erwähnten Inschrift aus Mylasa hervorgeht. Die Provinzen Africa und Asia waren die prestigeträchtigsten, und Tacitus muss so prominent und engagiert gewesen sein, dass die Wahl auf ihn fiel. Andere Details aus seinen letzten 20 bis 30 Lebensjahren lassen sich ebenso wie das Datum seines Todes nicht bestimmen. Eines ist jedoch sicher: In diesen Jahren arbeitete er angestrengt an seinen großen historischen Werken. Aus der unruhigen Herrschaftszeit Domitians trat er als der überragende Historiker Roms hervor, der sich durch seinen kreativen Stil, seine lebendigen Beschreibungen tyrannischer Regimes und seine Reflexionen über die Heimlichkeiten der Herrschaft (arcana imperii) auszeichnet. Einige Jahre nach dem Agricola und der Germania verfasste er die dritte seiner kleinen Schriften (oder »historischen Versuche«, wie sie auch genannt werden), eine weitere Meditation über die Freiheit: Dialogus de oratoribus (Dialog über die Redner). Indem er scheinbar den Niedergang der Redekunst erörtert, benutzt er das Thema, um die Redefreiheit ins Blickfeld zu rücken – ihre Voraussetzungen, ihre Folgen und politischen Weiterungen. Seine großen Werke sollten dann eine Welt schildern, in der an die Stelle einer solchen Freiheit selektives Schweigen trat, gepaart mit verfälschter Beredsamkeit.
Die Historien, die den Zeitraum vom langen Jahr der kurzen Regierungszeiten (69) bis zu Domitians Tod (96) umfassen, sind »reich an Missgeschick, an Schlachtengräueln, zwietrachterfüllten Meutereien, ja selbst an Schreckenstaten in Friedenszeiten«, wie das Vorwort den Leser warnt (Übersetzer geraten häufig in Verlegenheit angesichts von Tacitus’ gedrängtem Stil; hier verwandelt sich die Charakterisierung des Werkes allmählich in eine Beschreibung der Zeitläufte).45 Rom hatte seine traditionellen Tugenden verloren. Mit einem Appell an ein längst verschüttgegangenes Pflichtgefühl erklärte Galba, der erste der vier Kaiser des Jahres 69, »er pflege die Soldaten auszuheben, nicht zu kaufen«; bald darauf bezahlte er für diese Einstellung mit seinem Leben. Tacitus berichtet kurz und knapp, er sei »nach übereinstimmender Meinung aller fähig zur Herrschaft gewesen, wenn er nicht geherrscht hätte«. Ungeachtet gelegentlicher anständiger Handlungen und einzelner Blicke in lichtere Zeiten lassen die gegen Ende der 110er-Jahre vollendeten Historien erkennen, »dass den Göttern an unserem sorgenfreien Leben nichts gelegen ist, wohl aber an einem Strafgericht«. Man kann sich nur ausmalen, wie das Porträt des Tacitus für die Herrschaft Domitians wohl ausgesehen hat; unglücklicherweise haben sich von den (wahrscheinlich) zwölf Büchern, die 28 Jahre behandelten, nur die ersten vier und der Beginn des fünften bis in die Gegenwart erhalten (in einem Manuskript aus dem 11. Jahrhundert, das nach der Bibliothek Lorenzos de’ Medici, zu der es gehörte, die Bezeichnung »Mediceus Secundus« trägt). Sie beziehen sich auf weniger als zwei Jahre. Habent sua fata libelli – auch Bücher haben ihr Schicksal.
Die Annalen, das zweite große Werk und nach Ansicht vieler die krönende Leistung des Tacitus, führen die Analyse des politischen Systems fort, das einen einzigen Mann zu absoluter Macht erhob und die Gerechtigkeit dem Zufall und den Umständen überließ. Im Gegensatz zu seinen früheren Absichtserklärungen schrieb Tacitus nicht über seine eigene Zeit unter den guten Kaisern Nerva und Trajan. Stattdessen ging er weiter in die Vergangenheit zurück und betrieb eine Archäologie der Tyrannei. Er begann mit dem Tod des Augustus (im Jahr 14), der – wiewohl scheinbar nur »der Erste unter Gleichen« – die Herrschaft des ersten Mannes geschaffen hatte, und er endete mit dem Tod Neros, des letzten Vertreters der julisch-claudischen Dynastie, woran sich dann die (früher verfassten) Historien anschlossen. Vielleicht wurde Tacitus durch sein Interesse an »der Beziehung und den Ursachen« historischer Ereignisse dazu veranlasst, sich stärker in die Vergangenheit und die Heimlichkeiten der Macht und menschlicher Schwachheit zu vertiefen;46 vielleicht hielt er es auch für sicherer, nicht über diese »glücklichen Zeiten« zu schreiben, es sei denn in Anspielungen, die er in seine Porträts längst verstorbener Tyrannen einstreute? Auf jeden Fall sind die Annalen in erster Linie eine Studie über die Einmannherrschaft, ihre schädlichen Auswirkungen auf diejenigen, denen »die Götter die höchste Entscheidung übertragen haben«, wie auch auf diejenigen, denen »nur die Ehre des Gehorsams übriggeblieben war«. Sie zeichnen lebhafte Porträts des verdrießlichen Tiberius, des ungeschickten Claudius und des theatralischen Nero. Römische Herrscher sind wohlwollend, bevor sie herrschen, und der Schein des Anstands ist das Beste, worauf man hoffen darf. Doch weder Tiberius noch Nero, der, »durch erlaubte und unerlaubte Ausschweifungen zum Abscheu geworden, keine Schandtat ausgelassen hatte«, hielten, was sie anfangs versprachen. Unter solchen Umständen war Freiheit nur in innerer Emigration zu finden – oder aber außerhalb des Reiches, bei den Germanen beispielsweise.
Rom hingegen ähnelte »einer Trauergemeinde«, die von Verrätern verwaltet, vom Kaiser regiert wurde.47 Tiberius’ Mutter wird von einem Experten für politische Machenschaften davor gewarnt, »Geheimnisse des Herrscherhauses, Ratschläge von Vertrauten und Dienstleistungen von Soldaten in die Öffentlichkeit tragen zu lassen; auch solle Tiberius die Macht des Prinzipats nicht dadurch schwächen, dass er alles vor den Senat bringe. Wenn man herrsche, dann bedeute das, dass ein Rechenschaftsbericht nur dann stimmen könne, wenn er dem Herrscher allein vorgelegt werde.« In seinen Annalen liefert Tacitus seinen Lesern ein ausführliches und vernichtendes Exemplar dieser Bilanz; von den insgesamt 18 Büchern (ob und wann sie vollendet wurden, ist ungewiss) sind uns (durch zwei Manuskripte aus dem 9. und aus dem 11. Jahrhundert) nur die Bücher 1–6 und 11–16 überliefert. Über die Herrschaft Caligulas, des wahnsinnigen Kaisers, der sein Pferd Incitatus derart verehrte, dass er erwog, es zum Konsul zu ernennen, hat sich nicht ein einziges Blatt erhalten.
Nach den Worten John Miltons ist Tacitus »der größtmögliche Feind der Tyrannen«.48 Er ist auch ein Rufmörder mit weißen Handschuhen, an dessen Händen kein Blut klebt. Seine bevorzugte Waffe ist die Andeutung. Er gibt Gerüchte wieder: im Hinblick auf den Tod des Augustus heißt es, »manche argwöhnten ein Verbrechen seiner Gattin«.49 Er bietet verheerende Alternativen an: Der Kaiser und seine Mutter nahmen an der Begräbnisfeierlichkeit ihres Verwandten nicht teil »in der Meinung, es sei unter ihrer Hoheit, wenn sie öffentlich wehklagten, oder auch, um nicht, wenn aller Augen sich forschend auf ihre Mienen richteten, als Heuchler erkannt zu werden«. Er beherrscht die Andeutung durch bloße Nebeneinanderstellung: Neros Orgien werden durch den Feuerschein von Fackeln beleuchtet; als nächstes erfahren wir vom Brand Roms – aber natürlich war es ungewiss, ob der durch Zufall entstand »oder auf Anstiftung des Kaisers«. Wer braucht bei solchen Andeutungen noch Anschuldigungen?
Seine enthüllenden Charakterschilderungen, seine politischen Analysen und sein verbitterter Moralismus faszinieren Leser schon seit beinahe zwei Jahrtausenden, und die Wirkung, die er auf den politischen Diskurs des späten 16. und des 17. Jahrhunderts ausgeübt hat, ist derart, dass man diese Epoche als die Ära des »Tacitismus« bezeichnet. Ein großer Teil seiner Wirkung verdankt sich ohne Zweifel seinem Stil, mit dem er das kränkelnde römische Gemeinwesen seziert. Funkelnd und zupackend hat er Autoren auch noch im 20. Jahrhundert angeregt, darunter dessen größten Taciteer Sir Ronald Syme. Der Historiker dachte womöglich an sich selbst und an das, was er dem römischen Historiker verdankte, als er schrieb: »Männer und Dynastien vergehen, aber der Stil bleibt.«50
Dieser überaus eigenwillige Stil ist verwirrend: Er ist durch eine Kürze charakterisiert, die an Dunkelheit grenzt, durch leichtfüßige Ironien, durch syntaktische Asymmetrien und unergründliche Zweideutigkeiten. Die Knappheit lässt den Leser häufig atemlos zurück und konzentriert den Inhalt oft in unvergesslichen Einzeilern: »Er wollte lieber eines vollzogenen als eines begonnenen Verbrechens angeklagt werden.«51 Tacitus vermeidet Glätte und parallele Konstruktionen, wählt keine geläufigen Wörter und enttäuscht die Erwartungen der Leser auf Schritt und Tritt. Nero beging »das schon lange geplante Verbrechen«, weil seine Geliebte und spätere Gattin Poppaea ihn »mit ständigen Vorwürfen und gelegentlich auch durch Spötteleien« anstachelte. Tacitus hätte schreiben können »mit regelmäßigen Vorwürfen und gelegentlichen Spötteleien«. Doch die Symmetrie wird vermieden, und die Leser bleiben gespannt. Ebenso asymmetrisch präsentiert er seine Fakten, von denen die kompliziertesten und wichtigsten häufig lediglich in einem Nachsatz erscheinen. Er ist ein schwieriger Autor, der Leser zu der Entdeckung bringt, dass sie in die Irre geführt worden sind, und das, was er sagt, stellt er infrage durch das, was er andeutet. Als Zeichen für die Kraft seines Stils mag jedoch dienen, dass die moderne Wendung »durch Abwesenheit glänzen« ursprünglich auf Tacitus zurückgeht. 52
Wegen der poetischen Kraft seiner Sprache hat man Tacitus einen der wenigen großen Dichter des römischen Volkes genannt; er ist zweifellos auch einer der größten römischen Satiriker. Auf menschliche Fehler und Schwachheiten wirft er einen kalten Blick, und dabei steht er mitten unter den Menschen, wahrt aber Distanz. Er kommentiert geistreich, mit einer traurigen Stimme, in der Zorn anklingt. Und doch kann er nicht umhin, sich an einen unbeirrbaren Glauben an menschliche Würde jenseits des Alltags zu klammern. Man kann sich die Frage stellen, was er wohl von dem Gebrauch gehalten hätte, den man Jahrhunderte nach seinem Tod von seiner Germania machte.
Wo ist Tacitus?
Coluccio Salutati, 1392
Während des größten Teils der Spätantike und des Mittelalters hören wir von Tacitus nicht viel mehr als Schweigen. Gegen Ende des Jahres 1425 setzte sich Poggio Bracciolini (1380–1459) in Rom nieder und schrieb »mit hastiger Hand« einen seiner zahlreichen Briefe an seinen lebenslangen Freund Niccolò Niccoli (1364–1437) in Florenz. Als Sekretär von Beruf und Humanist aus Leidenschaft ließ Poggio Briefe vom Stapel, die ein detailliertes Bild seines Lebens im Allgemeinen und seiner Manuskriptjagden im Besonderen zeichnen. Diesmal hatte er eine großartige Nachricht; als gewandter Schriftsteller verstand er es jedoch, seinem ebenso büchernärrischen Brieffreund diesen Leckerbissen bis zuletzt vorzuenthalten:
Du hast jetzt so ziemlich alles: den Honig habe ich dir bis zum Schluss aufgespart. Ein gewisser Mönch, ein Freund von mir aus einem Kloster in Deutschland, hat mir einen Brief geschickt, in dem er schreibt, er habe einige Bände von dem gefunden, was uns interessiert. Unter diesen Bänden befindet sich Julius Frontinus ebenso wie einige uns unbekannte Werke des Cornelius Tacitus.1
Beinahe 1500 Jahre nach ihrer Abfassung würde die Germania von Neuem gelesen werden – und nach Jahrhunderten des Schweigens würde Tacitus von Neuem reden. Doch sein Überleben war in Gefahr gewesen. Durch die Wechselfälle der Zeiten hindurch erreichte er den sicheren Hafen des 15. Jahrhunderts nur noch mit einem einzigen Manuskript seiner kleinen Schriften. Wäre sein höchst gefährliches Buch vom Feuer verbrannt, von der Sonne gebleicht oder vom Regen durchnässt worden, dann wäre es sicher nicht 500 Jahre später das Objekt der Begierde Heinrich Himmlers gewesen.
Um ihr Geschlecht und ihren Adel trugen die Sachsen umsichtigste Sorge und sie befleckten sich nicht leichthin durch Verheiratung mit fremden oder gar niederen Völkern; so vermochten sie ein eigenes und reines und nur sich selbst gleichendes Volk zu bilden.
Rudolf von Fulda, um 865
Mit dem Vergessen geht die Nachwelt verschwenderisch um. Dass ein vor 2000 Jahren geschriebener Text wie die Germania bis auf den heutigen Tag gelesen werden kann, erscheint wie ein Wunder. Die Überlieferung des Werkes von einem Jahrhundert zum anderen in Form handgeschriebener Abschriften begann mit frühen Kopien, die bereits zu Tacitus’ Zeit angefertigt wurden. Auch wenn wir die Verhältnisse im Einzelfall nicht kennen, können wir doch den ungefähren Ablauf der Verbreitung rekonstruieren.
Nachdem Tacitus die Germania abgeschlossen hatte, sandte er sie wahrscheinlich an einen Freund, möglicherweise an seinen redseligen Brieffreund Plinius den Jüngeren, mit dem er gewohnheitsmäßig Arbeiten austauschte. Dieser erste Leser hielt eine aus Papyrus hergestellte Rolle in Händen; auf deren Innenseite hatte einer von Tacitus’ Sklaven das Original mit einem Schilfrohr oder einem bronzenen Stift abgeschrieben, wobei er sein Schreibwerkzeug in Tinte tauchte (dafür verwendeten die Römer Zutaten, die von Kohlenruß bis zu Tintenfischtinte reichten). »Dein Buch [wahrscheinlich einen Teil der taciteischen Historien] habe ich gelesen«, schreibt Plinius in einer Notiz, »und mit größtmöglicher Sorgfalt angemerkt, was meiner Meinung nach geändert oder gestrichen werden sollte.«2 Unter derartiger Anleitung überarbeitete Tacitus seine Germania, die sodann abgeschrieben und einem größeren Kreis von Freunden zugänglich gemacht wurde, von denen er sich erneut Kommentare erbat. Es ist wahrscheinlich, dass er seine amici – Freunde, Senatoren und einige seiner Klienten – gar zu Lektüre, Erörterung und letzter Revision versammelte.
Waren diese abschließenden Veränderungen vorgenommen, dann erlebte das Buch seine endgültige Herausgabe: Weitere Kopien wurden an eine größere Zahl von Bekannten verteilt, in Kreisen, die immer größer wurden. Auf diesem Wege erreichte der Text des Tacitus private und öffentliche Bibliotheken, etwa die prachtvolle Ulpische Bibliothek, die nach ihrer Fertigstellung als Teil des Trajansforums um 110 die größte der vier Hauptbibliotheken Roms war. Es könnte sein, dass die Germania auch in Buchläden zu erwerben war, die sich in der Nähe des Stadtzentrums drängten und die für die Vorübergehenden Anschläge mit Textauszügen aushängten, während die empfindlichen Buchrollen selbst sicher im Geschäft aufbewahrt wurden. Jede einzelne Kopie musste von Hand geschrieben werden – wahrscheinlich in der capitalis-Schrift mit großen, aufrechtstehenden Buchstaben, die dünne Linien mit breiten Strichen verbanden und die man nicht in einem Zug schrieb, sondern nebeneinander setzte –, und womöglich enthielten nicht zwei von ihnen denselben Fehler. Insgesamt legen die wenigen erhaltenen Zeugnisse nahe, dass Bücher keine teure Ware waren; Buchläden gab es selbst in Städten von der Größe Lyons. Vielleicht verhandelte Tacitus mit einem Buchhändler, so wie es auch Plinius der Jüngere getan und in einem seiner Briefe beschrieben hatte. Wie immer es sich mit den Details verhielt, die Germania muss schon bald nach ihrer Abfassung in Umlauf gewesen sein, da sich Spuren von ihr in Werken anderer Autoren nachweisen lassen.3
Literarische Leistung garantiert Unsterblichkeit, und die Parzen werden gezwungen, den Lebensfaden des Autors über den Tod hinaus weiterzuspinnen – was sie in Tacitus’ Fall, das muss man sagen, widerwillig taten. Plinius der Jüngere hatte mit einer Begeisterung, die von ähnlichen Hoffnungen für ihn selbst beflügelt wurde, vorhergesagt: »Deine Historien werden unsterblich sein«4 – und mit dem Werk auch der Autor. Tacitus überlebte jedoch in ziemlich zerlumptem Zustand. Auf dem Weg durch die Jahrhunderte erlitten seine Werke erhebliche Verluste, und in der Renaissance tauchte jedes von ihnen allem Anschein nach nur in einem einzigen Manuskript wieder auf. Das Abschreiben eines Textes sorgte für seine Weitergabe: Autografen römischer Autoren sind nicht erhalten, und selbst Manuskripte, die aus dem 4. Jahrhundert stammen, sind äußerst selten. Alles, was nicht von der geneigten Hand eines Sklaven oder (später) eines Mönchs abgeschrieben wurde, fiel dem Vergessen anheim, und der Faden des Autors riss endgültig ab. Tacitus ist ein schwieriger Autor. Sein Werk gehörte nicht zum Kanon der Schulschriftsteller und wurde daher nicht häufig vervielfältigt. Eine zweifelhafte Quelle berichtet, Marcus Claudius Tacitus, ein kurzlebiger Kaiser des langsam zerfallenden Römischen Reiches (275–276), habe die Vervielfältigung und Verbreitung der Werke des Tacitus angeordnet; indem er zu Unrecht behauptete, er stamme von seinem Namensvetter ab, habe er die Befürchtung geäußert, das Werk des Autors könnte »infolge der Fahrlässigkeit der Leser zugrunde gehen«.5 Ob wahr oder nicht, eine derartige Furcht erschien gerechtfertigt; das Nachleben des römischen Historikers war womöglich schon anderthalb Jahrhunderte nach seinem Tod nicht mehr gesichert. Und es könnte sein, dass seine Werke ebenso wie andere Texte, die man für erhaltenswert hielt, in dieser kurzen Phase kaiserlicher Aufmerksamkeit von Papyrusrollen auf Codices aus Pergament übertragen wurden, die in ihrer Form modernen Büchern ähneln. In dieser Zeit, vom 3. bis zum 4. Jahrhundert, wurden die kleinen Schriften – buchstäblich – aneinandergebunden.6
Hierauf folgten Jahre der Dunkelheit beziehungsweise des Schweigens. Im Allgemeinen vollzieht sich die Weitergabe einzelner Werke über die Jahrhunderte hinweg in Gestalt von Variationen ein und derselben Form, die man häufig mit einer Sanduhr vergleicht: Die Manuskripte eines Werkes wie der Aeneis Vergils oder der Metamorphosen Ovids genossen im spätrömischen Reich recht weite Verbreitung und waren in reichlicher Anzahl im Umlauf. Bis um die Mitte des 6. Jahrhunderts produzierten Helfer immer wieder neue Abschriften (der obere Kolben der Sanduhr), doch in der Zeit von 550 bis 750, den sogenannten Dunklen Jahrhunderten des Frühmittelalters (der Hals der Sanduhr) kam die Reproduktion weltlicher Texte beinahe zum Stillstand. Roms Nationaldichter Vergil stellt insofern eine Ausnahme dar, als es Manuskripte (oder einzelne Blätter daraus) gibt, die aus einer früheren Zeit stammen: sechs aus dem 4. Jahrhundert (eines davon der wundervolle illuminierte Vergilius Vaticanus), fünf aus dem 5. Jahrhundert und drei aus der Zeit um 500. Danach vergingen allerdings mehr als 250 Jahre, bis unter der Ägide Karls des Großen (um 748–814) karolingische Gelehrte und Schreiber in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts das Abfassen von Manuskripten wieder aufnahmen. Ihre Suche nach verstaubten Pergamenten nahezu vergessener Texte entriss klassische Autoren dem Vergessen, so auch Tacitus und seine Germania. Viele jedoch hatten nicht dieses Glück.
Nach seinem Regierungsantritt im Jahr 768 führte Karl der Große die von seinem Großvater und seinem Vater begonnene Expansion der fränkischen Herrschaft fort; schon bald reichten seine Länder von der spanischen Mark südlich der Pyrenäen bis zum Ärmelkanal und vom Gebiet der Sachsen westlich der Elbe bis zum nördlichen Mittelitalien, dem Königreich der Langobarden. Von seiner Hauptstadt Aachen aus herrschte Karl der Große über ein europäisches Reich, das an die römischen Kaiser erinnerte, mit denen er offiziell verbunden wurde, als Papst Leo III. ihn im Jahr 800 zum Kaiser krönte. Schon bald verherrlichten ihn Münzen in der abgekürzten Umschrift als KAROLVS IMP(erator) AVG(ustus). Wie Augustus, der erste römische Kaiser, war auch Karl der Große für eine Blüte der literarischen Kultur verantwortlich, die ebenso wie seine Dynastie nach seinem Großvater als Karolingische Renaissance bezeichnet wurde.
Im Reich Karls des Großen konnte man unterschiedliche Sprachen hören. Westlich und südlich des Rheinlands verständigte man sich allgemein in einer groben und späten Form des Lateinischen, die zusehends in die romanischen Sprachen überging. In den Ländern östlich des Rheins war Latein in amtlichem Gebrauch, aber zu Hause sprach man germanische Dialekte. Einen dieser Dialekte, eine Form des Fränkischen, sprach der Kaiser selbst, der sich jedoch auch auf Latein verständigen konnte. Karl der Große zeigte persönliches Interesse an einer Förderung des Lateinischen und der Gelehrsamkeit, die über das hinausging, was Bibelexegese und die Verwaltung des Reiches erforderten. Seine Kinder ließ er in den freien Künsten unterrichten, er konnte lesen, und in höherem Alter versuchte er sich auch am Schreiben – nach Angaben seines Biografen Einhard allerdings ohne großen Erfolg.
Schlechte Kaiser fürchten Menschen, die klüger sind als sie, gute benutzen sie. Karl der Große umgab sich mit gebildeten Menschen, die er wegen ihrer Talente von allen Enden seines Reiches an die Hofschule in Aachen gebracht hatte; diese ähnelte so für kurze Zeit einer Stätte der Gelehrsamkeit im Stil Alexandrias. Unter diesen Gelehrten spielte der fromme und gebildete Dichter Alkuin (735–804), der ursprünglich aus York in Northumbria stammte, eine führende Rolle als wichtigster Berater des Kaisers in intellektuellen und Bildungsfragen. Es wurden neue Schulen gegründet und der Lehrplan vereinheitlicht : »Für Knaben sollen in jedem Kloster und an jedem Bischofssitz Schulen errichtet werden, in denen sie Psalmen, Noten, Lieder, Rechnen und Grammatik lernen … Und wenn Bedarf besteht, das Evangelium, den Psalter und das Missale zu schreiben, sollen erwachsene Männer mit aller Sorgfalt das Schreiben ausführen.«7 Seltene und vernachlässigte Manuskripte wurden zutage gefördert. Kopisten, die in Schreibstuben, sogenannten Skriptorien, saßen, übertrugen sie in eine neue Schriftform, die karolingische Minuskel: Sie war einfach und ordentlich, ihre runden Buchstaben leicht zu unterscheiden, die Wörter durch gleichmäßige Abstände voneinander getrennt und von Alkuins Schule aus im gesamten Reich verbreitet. Diese Periode, diese erste Welle der Neuentdeckungen war es, die den größten Teil der erhaltenen klassischen Texte an die Küsten der Nachwelt geschwemmt hat. Das, was die karolingischen Gelehrten wiederentdeckten und vervielfältigten, sollte in den meisten Fällen bis in die Gegenwart überdauern – oftmals nach einer weiteren Neuentdeckung im 15. Jahrhundert wie in Tacitus’ Fall.
Eines der Klöster, an welche die Aufforderung ergangen war, Schriftkenntnis und Gelehrsamkeit zu verbreiten, war in Fulda gegründet worden. Um 795 erhielt Baugulf, der zweite Abt des Klosters, das kaiserliche Sendschreiben über »die Pflege der Sprache« (Epistola de litteris colendis), das Karl der Große an alle seine Klöster richtete. Darin empfahl der Kaiser, die entsprechend Begabten sollten auch Sprachstudien betreiben, »damit diejenigen, die bestrebt sind, Gott durch rechtes Leben zu gefallen, nicht versäumen, ihm auch durch rechtes Reden zu gefallen«. Indem er Grammatik als einen Akt der Frömmigkeit förderte, ermahnte er seine Untertanen, diese grammatischen Studien in Angriff zu nehmen, »damit ihr leichter und richtiger in die Geheimnisse der heiligen Schriften einzudringen vermögt«. 8 In der Nähe von Fulda, das Karl der Große persönlich besuchte, wurde im 15. Jahrhundert der einzige erhaltene Codex der Germania wiederentdeckt; und für Fulda ist der ausgedehnteste Gebrauch der Germania vor dem Zeitalter des Humanismus bezeugt.
Die Unsterblichkeit des Einen wird oft mit der Anonymität Vieler erkauft. Rudolf von Fulda vertritt hier die lange Folge überwiegend namenloser mönchischer Schreiber, deren Kopiertätigkeit bei Kerzenschein wir die Bewahrung klassischer Texte verdanken. Illustrationen zeigen, wie sie, über ihre geneigten Pulte gebeugt, geschickt ihre Federkiele führten – wobei sie, das kann man getrost hinzufügen, das, was ihnen an sprachlicher Kompetenz fehlte, bisweilen durch kalligrafische Sorgfalt wettmachten. Ihr Gefühl für das Lateinische schwankte je nach Jahrhundert und Region beträchtlich, was sich häufig an den Randbemerkungen – den sogenannten Glossen – ablesen lässt, die teils auf Latein, teils in einer Volkssprache abgefasst sind. Der fromme und fleißige Rudolf hatte bei dem gelehrten Rabanus Maurus studiert, der wiederum ein Schüler Alkuins und später, von 822 bis 842, der fünfte Abt von Fulda war.
In Fulda arbeitete Rudolf mit seinem Lehrer daran, das Kloster in ein Zentrum der Gelehrsamkeit und eine Vermittlungsstätte für klassische Kultur zu verwandeln. Unermüdlich suchten Rabanus und Rudolf nach klassischen Kostbarkeiten und leiteten ein Skriptorium, in dem Schreiber ansprechende Abschriften in der aus Irland und Britannien importierten angelsächsischen Schrift herstellten. Für diesen Stil war charakteristisch, dass die Buchstaben in jeder Zeile von links nach rechts immer kleiner wurden; an seine Stelle trat jedoch schon bald die karolingische Minuskel. Rabanus’ und Rudolfs Bemühungen waren von Erfolg gekrönt. Es dauerte nicht lange und sie verfügten über eine Sammlung von 2000 Manuskripten. Über Jahrhunderte genoss die Bibliothek des Klosters großes Ansehen. Unter ihren Kostbarkeiten befand sich auch eine außerordentlich seltene Abschrift der taciteischen Germania.9
Rudolf, der selbst Werke vorwiegend hagiografischen Charakters verfasste, erklärte sich 863 auf eine Bitte hin bereit, eine Abhandlung über die 851 erfolgte Überführung der Reliquien des Märtyrers Alexander aus Rom nach Wildeshausen in Sachsen zu verfassen. Diese Reliquien hatte man in einer neu errichteten Kirche begraben, um noch verbliebenen heidnischen Glaubensvorstellungen den Garaus zu machen. (Die Sachsen hatten der Macht Karls des Großen und der Christianisierung beinahe 30 Jahre lang widerstanden.) Rudolf begann seine Abhandlung mit einem Rückgriff auf die heidnische Vergangenheit der Sachsen: »Das Volk der Sachsen, nach alter Überlieferung ausgewandert vom Volke der Angeln, welche Britannien bewohnen, segelte über den Ozean und landete in der Absicht und Notwendigkeit, sich Wohnsitze zu suchen, an den Küsten Germaniens.« Diese historische Perspektive führt er an, damit sein »einsichtiger Leser« die heidnischen Sachsen in gewissem Detail sieht und dadurch erkennt, »aus welcher Finsternis des Irrtums sie durch Gottes Gnade und Barmherzigkeit befreit worden sind«.10 Bei näherem Hinsehen wird deutlich, dass diese alten Heiden in ein taciteisches Gewand gekleidet sind. Rudolf hatte drei Kapitel aus der Germania abgeschrieben, wobei die Veränderungen vorwiegend darin bestanden, dass das Präsens des Tacitus in das Präteritum des Priesters verwandelt wurde. In Rudolfs Abhandlung waren die Sachsen kaum an den Küsten Germaniens gelandet, da ließen sie sich abseits von anderen Stämmen nieder und versuchten, sich in ein »nur sich selbst gleichendes Volk« zu verwandeln. Tacitus wird hier zum ersten Mal benutzt, wobei die Sachsen nicht als Ureinwohner, sondern als Einwanderer dargestellt werden.
Rudolf entlehnte dem Werk des Tacitus noch weiteres Material. Ebenso wie die taciteischen Germanen führten die Sachsen ein einfaches, sittliches und ehrliches Leben. Sie hätten wahres Glück gefunden, »hätten sie sich nicht in völliger Unwissenheit über ihren Schöpfer befunden«. Rudolf fügt hinzu, dass sie unter den Göttern »am meisten den Merkur« verehrten, »dem sie an gewissen Tagen sogar Menschenopfer zu bringen pflegten«. Aus Tacitus’ edlen Barbaren sind Rudolfs edle Heiden geworden. Die Zeiten ändern sich und die Texte mit ihnen.
Das Kloster in Fulda ist Schauplatz einer weiteren bedeutenden Entwicklung, bei der Tacitus anscheinend ebenfalls eine entscheidende Rolle gespielt hat. Bis zum 9. Jahrhundert wurde das lateinische Wort theodiscus als Eigenname für die Deutschen verwendet. Sprachwissenschaftler haben gezeigt, dass es mit dem germanischen Wort theudo (»Volk«) zusammenhängt. Da der lateinische Ausdruck auf ein einheimisches Wort zurückgeht, erscheint diese Verwendung ganz unproblematisch. In den Annalen von Fulda (876) taucht dann aber das Wort Teutonicus auf. Obgleich es in keinem Zusammenhang mit der deutschen Sprache steht, trat es an die Stelle seines Vorläufers und wurde zur lateinischen Standardbezeichnung für »deutsch«, bis es die Humanisten durch Germanus ersetzten. Wie es dazu kam, dass ein fremder Ausdruck erfolgreich ein eingebürgertes Wort verdrängte, beschäftigte die Forschung. Es sieht jedoch so aus, als habe die Rezeption des Tacitus, der über den germanischen Stamm der »Teutones« schreibt, dazu geführt, dass dieser Terminus Teutonicus für sämtliche deutschen Stämme Verwendung fand.11
Rudolf spricht jedoch nicht von einem einzigen deutschen Volk und hat anscheinend keine Vorstellung von den Deutschen als einer zusammenhängenden ethnischen Gruppe. Er behandelt die Sachsen einfach als einen der Stämme, die auf deutschem Territorium leben. Seine Bearbeitung der Germania beschränkte sich auf den Stamm der Sachsen und steht daher in deutlichem Gegensatz zu den Anleihen bei Tacitus, die man im 15. Jahrhundert machte, als dessen Schrift dazu diente, den gemeinsamen deutschen Stammvater zu definieren. Dies mag einer der Gründe sein, weshalb sich Rudolfs Berufung auf Tacitus ohne ein Echo verlor; seine Adaptation war anscheinend die einzige im gesamten Mittelalter. Damit die Germania ihre einzigartige Wirkung entfalten konnte, bedurfte es anderer Verhältnisse. Und so schwamm Tacitus’ Text erneut auf den Wogen der Zeit und schwebte über dem Abgrund des Vergessens, bis schließlich die Hände der Humanisten nach ihm griffen.
Cornelius Tacitus schweigt noch immer inmitten der Deutschen.
Poggio Bracciolini, 1428
Nach Rudolfs verstohlenen Entlehnungen wurde Tacitus wieder still. Doch er schwieg nicht ganz, Passagen aus der Germania werden in Werken aus den nachfolgenden Jahrhunderten angeführt. Einige Tacituszitate lassen darauf schließen, dass im 12. Jahrhundert etwa 130 Kilometer südlich von Rom in der Abtei Monte Cassino, die eine der schönsten mittelalterlichen Bibliotheken und ein geschäftiges Skriptorium beherbergte, eine Kopie der kleinen Schriften existierte. Falls dies der Fall war, ging sie aus Unachtsamkeit verloren; anders hingegen das Exemplar, das Rudolf in Fulda benutzt hatte.
Die karolingischen Schreiber hatten schon längst das Zeitliche gesegnet, als lateinische Autoren ein halbes Jahrtausend später erneut der Rettung bedurften. Einer von ihnen war Tacitus’ Zeitgenosse Quintilian, der Verfasser des ausführlichsten römischen Handbuchs der Rhetorik (Institutio Oratoria):
Es steht außer Frage, dass dieser herrliche Mann [Quintilian], so elegant, so geschmackvoll, so charaktervoll und geistreich, den Schmutz jenes Kerkers, die Verkommenheit des Ortes und die Hartherzigkeit der Wächter nicht länger ertragen konnte. Traurig war er selbst nämlich und in schmutzige Kleidung gehüllt, so wie die Todgeweihten zu sein pflegten; sein Bart starrte vor Schmutz und sein Haar war von Staub bedeckt; so dass er schon allein durch seine Miene und sein Äußeres zu erkennen gab, dass er einer unverdienten Strafe unterworfen wurde. Er schien die Hände auszustrecken, den Beistand der Römer zu erflehen und sie zu bitten, ihn vor der ungerechten Strafe zu bewahren.12
Der Appell Quintilians – den Poggio Bracciolini in einem Brief aus dem Jahr 1416 so lebhaft schildert – verhallte nicht ungehört. Ebenso wie Poggio reisten zahlreiche italienische Humanisten auf der Jagd nach Manuskripten an die verschiedensten Orte, und sie durchwühlten nordeuropäische Klöster, um misshandelte römische Klassiker ausfindig zu machen, zu befreien und abzuschreiben. Einer von ihnen war Tacitus. Später, in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, konnte man ihn dann in Italien sehen, als seine kleinen Schriften, darunter auch die Germania, abgeschrieben wurden und unter eifrigen Humanisten kursierten. Er hatte die Haft überlebt und war, wenngleich mit knapper Not, dem Untergang entronnen.
Von Tacitus’ kleinen Schriften erfuhr die humanistische Gemeinschaft zu Beginn der 1420er-Jahre. Ein südlicher Wind trug Poggio in London, wo der unglückliche Italiener im Dienst des Kardinals Beaufort stand, Gerüchte zu. Da er sich seinen Lebensunterhalt fern von seiner mediterranen Heimat verdienen musste, war er, was Neuigkeiten und Trost anging, auf Briefe von Humanistenkollegen angewiesen. Einer von ihnen teilte ihm mit, Bartolomeo Francisci de la Capra, der Erzbischof von Mailand, habe unbekannte Schriften römischer Historiker gefunden. Poggio war nicht ohne Weiteres bereit, den Erfolg eines anderen Mannes anzuerkennen, und in die Aufregung, die er äußert, mischt sich Skepsis. Wer könnte glauben, so schrieb er am 10. Juni 1422, dass sich ein Mann wie der Bischof mit seinem ehrgeizigen Charakter auf das Flüstern von Gerüchten verlassen würde, um die Nachricht von seiner Entdeckung zu verbreiten? Er hätte sie laut hinausposaunt! Und wie wäre es möglich, dass ein Mann in seiner Stellung, der »die Patronage des Kaisers genoss« und es mit »barbarischen Eseln« zu tun hatte, sich diese Bücher nicht mit Leichtigkeit verschaffte, und sei es nur, um sie abschreiben zu lassen? Selbst er, Poggio, hatte, wenn er in Deutschland reiste, immer einen Kopisten zur Hand. Er kommt zu dem Schluss, der Bischof habe keine wirkliche Entdeckung gemacht, sondern »Hörensagen für Gewissheit« ausgegeben.13 Poggio würde es nicht glauben, wenn er es nicht sähe. Einige Jahre später jedoch sollte er an das Ungesehene nicht nur glauben, sondern ihm sogar nachjagen.
Der Stil ist der Mann, so heißt es. Wer die Briefe Poggios liest, wird den Autor auf Illustrationen wiedererkennen. Ein wenig dicklich steht er da, glattrasiert und im Gewand des Gelehrten, in seinen Augen funkelt ein gewisses Interesse und seine Mundwinkel verziehen sich zu einem ironischen Grinsen. Auf seiner Stirn zeigt sich eine entschlossene Falte, die eine Augenbraue ist etwas hochgezogen, vielleicht vor Überraschung. Durch seine Herkunft war er sicher nicht für eine Gelehrtenlaufbahn prädestiniert, und in seiner Arbeit traten die Disziplin und die Hingabe zutage, die er sich in den kargen Tagen seiner Jugend erworben hatte. Als er im Jahr 1416 unter den Staubschichten von Jahrhunderten das erwähnte Werk Quintilians ausfindig machte, das aus zwölf Büchern besteht, kopierte er es innerhalb von 54 Tagen. Zähigkeit, Talent und Übung machten ihn zu einem der führenden Humanisten und Manuskriptjäger, dessen Aktivitäten in seinen gesammelten Briefen umfassend dokumentiert sind.
Als umanista bezeichnete man im 15. Jahrhundert in Italien jemanden, der die klassische Kultur studierte und sie auch selbst lehrte. Ursprünglich bezeichnete man mit diesem Terminus, der auf Ciceros Verständnis von humanitas zurückgeht, einen Menschen, der in den »freien Künsten« (studia humanitatis) bewandert war. Seit Francesco Petrarca (1304–1374), der das Mittelalter verachtete und sich leidenschaftlich um klassische Autoren wie Cicero bemühte, begann man jedoch, denjenigen als Humanisten zu bezeichnen, der ein lebhaftes, nahezu existenzielles Interesse an klassischer, vor allem römischer und in geringerem Umfang griechischer Kultur hatte.14 Petrarca konzentrierte sich mit seinen Bemühungen auf die Wiederentdeckung und Wiederherstellung der klassischen Literatur. Über ein Manuskript oder besser: über eine Anzahl mehrerer Manuskripte ein und desselben Werkes gebeugt, versuchte er, den ursprünglichen Text und seine Bedeutung – die ipsissima verba des klassischen Autors – zu ermitteln, die im Zuge der über die Jahrhunderte hinweg wiederholten Abschreibvorgänge der Gefahr der Verderbnis ausgesetzt gewesen waren. So bieten die überlieferten Manuskripte der Germania in der Passage, in der Tacitus über germanische Schlachtgesänge schreibt, sowohl barditum als auch baritum: Welche Variante ist die richtige? Abgesehen von diesen gelehrten Bemühungen waren die Humanisten bestrebt, selbst Werke zu verfassen, die sich mit den Klassikern messen konnten. Ein besonders beliebtes Genre war die Epistolografie, die kunstvolle Abfassung scheinbar kunstloser Briefe wie etwa desjenigen, den Poggio mit sorgfältiger »hastiger Hand« niederschrieb. Für die Humanisten war die Korrespondenz nicht einfach ein Gesprächsersatz. Zumindest mit einem Auge warfen sie bei der Abfassung solcher Briefe einen Blick auf noch ungeborene Leser, sie kopierten und sammelten die Briefe sorgfältig und betrauerten sie, wenn sie verloren gingen. Ihren Verfassern gestatteten es dieselben, »zu Lebzeiten mit der Nachwelt zu sprechen«.15
Die Lebenszeit Poggios war von grenzenloser Bibliomanie gekennzeichnet. Die leidenschaftliche Liebe zu klassischen Texten entfachte das Verlangen der Humanisten nach Wiederentdeckungen, um die man sich manchmal auf krummen Wegen bemühte. Das einzige erhaltene Manuskript der ersten Bücher der taciteischen Annalen wurde aus dem Kloster Corvey im heutigen Nordrhein-Westfalen gestohlen und später für ein kleines Vermögen von Papst Leo X. erworben. (Anstatt das Original, den sogenannten Mediceus primus, zurückzuerstatten, sandte der Papst – der seine Reuegefühle unterdrückte – den erzürnten Mönchen einen mit Verzierungen versehenen Druck sowie einen päpstlichen Ablassbrief.) Unter diesen gelegentlich skrupellosen literarischen Scouts nahm Poggio eine hervorragende Stellung ein, wie seine Zeitgenossen anerkannten. Ohne sich durch moralische Erwägungen beirren zu lassen, konzentrierte er sich auf die zu erfüllende Aufgabe: Als er ein Quinternion (eine in der Mitte gefaltete Folge von fünf Blättern) mit unbekannten lateinischen Sinnsprüchen fand, ließ er es in seinen Ärmel gleiten. Mehr als einmal wurde sein Fleiß belohnt: Nachdem er ein weiteres Mal in deutschen Landen, an aus italienischer Sicht dunklen und verwahrlosten Orten, Bibliotheken durchstöbert hatte, berichtete er aufgeregt und stolz: »Du sollst wissen, dass ich durch meine sorgsamen Bemühungen viele Zeugnisse großer Männer der Vergangenheit gefunden habe. Denn zweimal bin ich jetzt allein durch Deutschland gereist. Was aber aus allerneuester Zeit als Triumph gelten kann: Ich habe sieben Reden des M. Tullius gefunden, die bis dahin verloren waren.«16 Manche freuten sich über seine Funde, andere waren verstimmt. Humanistenkollegen begrüßten die Entdeckungen ihrer Mitstreiter mit Worten der Begeisterung und neidischen Gedanken. Niemand unterschätzte jedoch ihre Bedeutung, und Poggio erhielt die gebührende Anerkennung: »Deine Taten werden nicht mit Schweigen übergangen oder aus dem Gedächtnis getilgt werden, sondern die Kunde wird überdauern, dass das, was als unwiederbringlich verloren galt, durch deinen Fleiß wiedergewonnen und uns neu geschenkt wurde.«17

4. Poggio Bracciolini (1380–1459), Holzschnitt.
Nach seiner Rückkehr aus London bekleidete Poggio in Rom das Amt eines apostolischen Sekretärs. Er besorgte die Korrespondenz des Papstes, beriet ihn in kurialen Fragen und entwarf Beschlüsse. Im Sommer 1425 wurde er in dieser offiziellen Eigenschaft von einem deutschen Mönch kontaktiert. Dieser muss vermutet haben, er könne sein Kloster dadurch fördern, dass er einem bekannten Bibliophilen seltene Texte aus dessen Bibliothek anbot. Als er mit entsprechenden Instruktionen wieder in sein Kloster zurückkehrte, erstellte er ein Verzeichnis der Werke, die er hatte ausfindig machen können, und darunter waren die »unbekannten Werke des Cornelius Tacitus«.18 Als Poggio etwa Ende Oktober den Bericht seines Abgesandten las, erinnerte er sich möglicherweise an die von ihm abschätzig kommentierten Gerüchte über die frühere Entdeckung, die der Bischof von Mailand gemacht hatte. Wenn dies der Fall war, dann versäumte er, es in dem Brief zu erwähnen, den er am 3. November an den Florentiner Niccolò Niccoli, seinen ebenfalls buchbegeisterten Freund und Schirmherrn, sandte. In seinem Bericht über die Ereignisse des Sommers lässt er die Namen des Mönchs und des Klosters unerwähnt. Ein derartiger Verzicht auf Details könnte auf Mangel an Vertrauen schließen lassen. Und Niccoli, der sich dadurch provoziert fühlte, beklagte sich dann auch darüber. Einstweilen ließ Poggio lediglich verlauten, der Deutsche sei bereit, sich von diesen Texten im Austausch gegen andere zu trennen, die Niccoli besorgen sollte. Poggio legte seinem Schreiben das Verzeichnis bei, das der Mönch erstellt hatte, und er drängte Niccoli zu einer raschen Antwort; umso eher könne er die begehrten Texte erlangen. Niemand konnte vorhersehen, dass eine derartige Eile nicht erforderlich sein würde.
Das Geheimnis, das den Brief umgibt – ein gewisser Mönch aus einem gewissen Kloster –, wurde 500 Jahre nach seiner Abfassung gelüftet. Poggio nennt als Kloster des Geistlichen zwar nur Hersfeld, aber aus anderen Dokumenten geht hervor, dass es sich bei dem geheimnisvollen Mann um Heinrich von Grebenstein handelt.19 Sein Abt sandte ihn in den Jahren 1422 bis 1429 wiederholt nach Rom, um Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Kloster und der örtlichen Verwaltung zu schlichten. Unter dem Deckmantel offizieller Aufträge ging er seiner zweiten Aufgabe nach. Im Zusammenhang mit beiden Missionen verhandelte er mit Poggio. In seinen Briefen, die in einem eigenartigen Gemisch aus rheinischem Dialekt und Latein abgefasst sind, tritt uns Heinrich als frommer und schlau-naiver Sachwalter der Interessen seines Abts entgegen. Nach eigenem Bekunden wurde er bei seinen Bemühungen durch finanzielle Schwierigkeiten behindert, was womöglich darauf hindeutet, dass er beabsichtigte, die Manuskripte an den Meistbietenden zu versteigern, um sein Einkommen zu erhöhen (oder die Kassen des Klosters zu füllen). Während er Poggio den Mund wässerig machte, bot er seine humanistischen Handelswaren anscheinend auch anderen Interessenten an.
Am 26. Juni 1426, wenige Wochen nach dem Briefwechsel zwischen Poggio und Niccoli, schrieb Guarino von Verona (1374–1460) an einen Korrespondenten in Bologna: »Was ist das für eine Nachricht von Männern, welche wiedergeboren und ans Licht gebracht werden, die du mir mit wunderbarer Liebenswürdigkeit zukommen lässt? Ach, wäre es mir doch vergönnt, Cornelius Tacitus selbst, den Freund, Gefährten und Kollegen meines Plinius, zu erblicken und persönlich mit ihm zu sprechen!«20 Und mit einem Schauder der Aufregung fügte der geachtete Lehrer und Übersetzer griechischer Werke eine Bitte um weitere Informationen hinzu. Diese lieferte sodann Panormita (1394–1471), dessen Spitzname (den er seiner sizilianischen Geburtsstadt Palermo verdankte) anstelle seines Familiennamens verwendet wurde und der sich kürzlich sowohl Ruhm als auch Verrufenheit erworben hatte. Aufsehen erregt hatte die Veröffentlichung seines Hermaphroditus, einer Sammlung freizügiger erotischer Epigramme, von denen eines »Frauen und keuschen Jungfrauen« den Rat gibt, sich abzuwenden und zu flüchten. Die formale Eleganz wirkte anziehend, die Obszönität dagegen abstoßend. »Derart unzüchtige und unpassende« Themen wurden »so anmutig und kunstvoll« dargestellt, schreibt Poggio, der sich im Zwiespalt zwischen widerstreitenden Interessen – hier die Moral, da die Ästhetik – beeilt, seiner Sorge um das Seelenheil des Verfassers Ausdruck zu verleihen.21
Aus unbekannten Gründen wusste Panormita zu berichten, »Cornelius Tacitus über den Ursprung und die Lage der Germanen« sei aufgefunden worden. 22 In seiner Antwort auf die Anfrage Guarinos führte er auch die anderen Texte auf, die im Angebot waren: darunter der Agricola und der Dialogus des Tacitus sowie Fragmente des römischen Biografen Sueton. Dies ist der früheste ausführliche Bericht über den nach seinem angeblichen Herkunftsort benannten Hersfelder Codex, der sich erhalten hat (er beruht möglicherweise auf Heinrich von Grebensteins eigenem Inventarverzeichnis). Ein großer Teil der Geschichte vollzieht sich jedoch im Zwielicht, und es gibt gewichtige Gründe, die für die Annahme sprechen, dass dieser Codex in Wirklichkeit aus dem benachbarten Fulda stammte – wo die Germania, wie wir wissen, im 9. Jahrhundert benutzt wurde und eine große Bibliothek Abschriften zahlreicher klassischer Werke enthielt. Hersfeld dagegen besaß weder eine derartige Bibliothek noch, soweit wir sagen können, ein Exemplar der Germania. Der Abt von Hersfeld war jedoch der Bruder des Stiftsverwesers von Fulda, und Heinrich von Grebenstein könnte das Manuskript so angeboten haben, als gehöre es seinem Kloster, wobei er darauf vertraute, dass es sich im Bedarfsfall aus Fulda beschaffen ließe.
Panormita brachte gegenüber Guarino seine Zuversicht zum Ausdruck: »Diese und unzählige andere, die im Umlauf sind, und darüber hinaus vielleicht noch andere, die nicht in Gebrauch sind, befinden sich zusammen an einem einzigen Ort. Sie alle aber … werden einem engen Vertrauten von mir dieser Tage geschickt werden, von ihm aber anschließend und unverzüglich an mich [gesandt]; du wirst der nächste in der Reihe sein, der dann die überaus Illustren als Wiedergeborene in Händen halten wird.« Daraus sollte jedoch nichts werden. Über die Frage, woher er diese Information erhalten hatte, können wir nur Mutmaßungen anstellen. Sie könnten von dem Mönch selbst, dem Auktionator, gekommen sein oder von Poggio, dem interessierten Käufer. Grebenstein beklagte sich über seine Finanzen nicht nur bei seinem Abt, sondern auch bei Poggio, und es war bekannt, dass er über seine kostbaren Stücke auch mit anderen Humanisten sprach. Dass Panormita diese Informationen von Poggio hatte, ist allerdings weniger wahrscheinlich. Denn warum sollte dieser, der so begierig nach Ruhm war, sich einem potenziellen Rivalen gegenüber derart entgegenkommend zeigen, wenn er sich bei seinen Mitteilungen an seinen Freund Niccoli so bedeckt hielt?
In seiner Korrespondenz setzte Poggio seine Geheimhaltungspolitik fort. Neun Monate vergingen, und allem Anschein nach geschah nichts. Niccoli erfuhr in Florenz lediglich, dass aus Rom Briefe gesandt worden waren und dass der Mann in Hersfeld sie auch erhalten hatte. Niccoli muss den Verdacht gehabt haben, dass es einiges zu bedeuten habe, wenn er so wenig erfuhr. Poggios Heimlichtuerei machte ihn mürbe, und im September 1426 verwandelte sich seine strapazierte Geduld in Ärger. In seiner ungerührten Antwort parierte Poggio mit Spott:
Über die deutschen Bücher will ich nichts weiter sagen, als dass ich nicht, wie es deine Gewohnheit ist, schlafe, sondern wachsam bin. Und wenn jener gewisse [quidam], wie ich hoffe, sein Versprechen hält, wird das Buch entweder mit Gewalt oder im Guten zu uns kommen. Ja, ich habe mich sogar bemüht, ein Inventarverzeichnis eines gewissen sehr alten Klosters in Deutschland zu erhalten, in dem sich eine gewaltige Menge von Büchern befindet. Doch damit du mich nicht mit deinem Sarkasmus belästigst, wirst du nichts weiter erfahren.
Bedauerlicherweise hören wir infolgedessen auch nichts mehr.23 Weitere Monate des Schweigens gingen ins Land. Die nächste Episode spielte sich im Spätfrühling des Jahres 1427 ab. Irgendwie erfuhr Niccoli, dass sein Freund in Rom einen heimlichen Besucher empfangen hatte. Enttäuschung und Misstrauen müssen ihm die Feder geführt haben, wie sich aus Poggios Antwort vom Mai erschließen lässt:
Unserem Cosmus gegenüber hatte ich, wie du schreibst, erwähnt, jener Mönch aus Hersfeld habe zu jemand anderem gesagt, er habe, wie ich ihm geschrieben hatte, entsprechend meiner Notiz ein Inventarverzeichnis von weiteren Bänden mitgebracht. Danach, als ich mit größter Anstrengung nach diesem Mann suchte, kam er zu mir und brachte mir das Inventarverzeichnis, das zwar viele Worte enthielt, in der Sache aber unergiebig war. Er ist ein guter Mann, der aber nichts von unseren Studien versteht, und wenn er etwas findet, das ihm unbekannt ist, dann meint er, es sei auch bei uns unbekannt. Und daher enthielt diese Liste eine Vielzahl von Büchern, die wir schon haben … Ich schicke dir aber jetzt den Teil seines Inventarverzeichnisses, in dem jener Band des Cornelius Tacitus wie auch anderer, welche uns fehlen, beschrieben wird … Ich bin in den größten Hoffnungen, die ich auf Grund seiner Worte gehegt hatte, enttäuscht worden; das war der Grund, weshalb ich nicht sehr darum besorgt war, dir dies zu schreiben. Denn wenn etwas Außerordentliches oder unserer Minerva Würdiges geschehen wäre, hätte ich nicht nur geschrieben, sondern wäre selbst herbeigeeilt, um es dir anzuzeigen. Dieser Mönch braucht Geld.
Poggio fügte hinzu, er habe sich bereiterklärt, ihm zu helfen, aber erst nach Erhalt der begehrten Manuskripte, und Verhandlungen seien im Gange. Darauf folgten persönlichere Äußerungen in defensivem Ton:
Mich wundert, dass du schreibst, du habest den Verdacht, ich verberge Werke, die in dem Inventarverzeichnis aufgeführt sind, damit sie nicht an die Öffentlichkeit gelangen. Wie kommt dir das in den Sinn, der du mich »von Kindesbeinen an« kennst? Würde ich etwas vor dir verbergen wollen, der du nicht nur an allen meinen Handlungen, sondern auch an meinen Gedanken immer Anteil gehabt hast? Weißt du nicht, dass der Besitz eines guten Dinges niemals angenehm ist, wenn man dabei keinen Gefährten hat? Ferne sei mir, dass ich den Wunsch hätte, etwas, das für alle geschrieben ist, sollte nicht gemeinschaftlicher Besitz sein.24
Emphatische Worte, garniert mit einem Zitat von Cicero.
Weitere Zeit verging. Nach wie vor wartete Niccoli in zunehmender Ungeduld auf Nachrichten darüber, was sein Freund in die Wege geleitet und möglicherweise erreicht hätte. Ende September fragte er erneut an, nur um zu erfahren: »Von Cornelius Tacitus, der in Deutschland ist, höre ich nichts: ich erwarte eine Antwort von jenem Mönch.« Das neue Jahr, 1428, weckte alte Erwartungen, die im Herbst wieder zunichte gemacht wurden. Und so konnte Poggio drei Jahre nach der anfänglichen Aufregung über »uns unbekannte Werke des Cornelius Tacitus« nicht mehr schreiben als: »Cornelius Tacitus schweigt [silet] inmitten der Deutschen, und ich habe von dort nichts Neues über seine Werke erfahren.«25 Trotz aller Enttäuschung konnte sich Poggio ein Spiel mit Tacitus’ Namen nicht verkneifen. Und auch wenn seinem Adressaten der Inhalt der Botschaft nicht behagen mochte, wusste er das Wortspiel doch gewiss zu schätzen.
Gewisse Neuigkeiten drangen im Frühjahr 1429, dem vierten Jahr von Poggios Suche, nach Florenz:
Der Mönch aus Hersfeld ist ohne das Buch gekommen; und ich habe ihn deshalb hart gescholten: er hat versichert, er werde schnell wiederkommen – er führt nämlich für das Kloster einen Prozess – und das Buch bringen. Er hat mich um vieles gebeten: ich habe gesagt, ich werde nichts unternehmen, sofern wir nicht das Buch bekämen; darum hoffe ich, dass wir auch dieses erhalten werden, da er meiner Hilfe bedarf.26
Wie sich herausstellte, war der Mönch zwar in Bedrängnis, aber nicht in Eile, und er versäumte erneut, das Gewünschte zu liefern. Die Germania blieb für Poggio unerreichbar. An diesem Punkt finden der Mönch und sein nicht zu fassendes Manuskript in Poggios Korrespondenz zum letzten Mal Erwähnung. Seine Geduld ging schließlich zu Ende. So viel Lärm um nichts. Seine Heimlichtuerei, sein Mangel an Begeisterung und seine vorzeitige Resignation haben jedoch einige Forscher argwöhnen lassen, Poggio habe das Manuskript tatsächlich erhalten und sodann verborgen gehalten. Der Grund hierfür war gelehrte Spitzfindigkeit. Ein Brief von Poggios Sohn Jacopo liefert jedoch den Beweis dafür, dass sein Vater die Germania tatsächlich nicht erhalten hatte. Abgang Poggio.
Niccolò Niccoli unternahm einen letzten Versuch. Er wäre nicht in der Lage gewesen, sein Vermögen (sowie beträchtliche Teile der Mittel der Medicis) auf den Aufbau der schönsten Bibliothek von Florenz zu verwenden, wenn er zu Resignation geneigt hätte. Um 800 Bände zu erwerben – so groß war seine wunderbare Sammlung –, brauchte man Engagement. Er ging den spärlichen Andeutungen nach, die ihm sein zunächst schweigsamer und nunmehr resignierter Freund gegeben hatte. Als im Jahr 1431 die beiden Kardinäle Giuliano Cesarini und Niccolò Albergati nach Frankreich und Deutschland reisten, gab ihnen Niccoli ein Verzeichnis von literarischen Schätzen mit, nach denen sie suchen sollten. Es hätte leicht sein können, dass von dieser als Commentarium Nicolai Nicoli in peregrinatione Germaniae bezeichneten Aufstellung heute nicht mehr erhalten geblieben wäre als die Erwähnung in einem Brief.27 Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entdeckte man die Liste jedoch als Anhang eines Manuskripts philosophischer Werke Ciceros. Dieser glückliche Fund erlaubt wertvolle Einblicke in die Wiederentdeckung klassischer Texte. Die darin enthaltene Beschreibung des Hersfelder Codex ist ausführlicher als die, welche Panormita 1426 an Guarino gesandt hatte, und sie muss daher auf dem zweiten Inventarverzeichnis beruhen, das Niccoli von Poggio erhielt.
Doch die Bemühungen Niccolis waren anscheinend vergeblich, auch wenn er Anfang 1433 noch einmal von dem Codex hörte, diesmal vom Konzil von Basel (1431–1449), das von Kirchenvertretern organisiert worden war, die auf Reformen von innen drangen.28 Dort hatte eine dritte Gruppe Witterung aufgenommen. Doch auch diese Jäger konnten das Wild nicht aufstöbern. Als das Manuskript schließlich ans Licht kam, war Niccoli schon seit beinahe 20 Jahren tot.
Das Buch des Cornelius Tacitus über den Ursprung und die Lage Germaniens ist gefunden worden; gesehen in Rom 1455.
Pier Candido Decembrio
Der zweite Akt der Wiederentdeckung der kleinen Schriften des Tacitus beginnt mit einer Überraschung. Pier Candido Decembrio (1399–1477), Sekretär in Diensten des Papstes, spricht in seinem Tagebuch mit den oben zitierten Worten recht unspektakulär davon, dass er die Germania gesehen habe. Als erfahrener Bibliophiler setzt er das incipit (die Eingangsworte) und das explicit (den Schlusssatz) von Tacitus’ »Buch über den Ursprung und die Lage Germaniens« hinzu, und auf dieselbe Weise beschreibt er auch den Dialogus, den Agricola und die Fragmente Suetons, wobei er für jedes Werk die Zahl der folia (der Blätter) angibt.29 Sein Eintrag stimmt fast vollständig mit den Angaben Niccolis in dessen Commentarium überein. Über Nacht war das Manuskript offenbar ans Licht gekommen, höchstwahrscheinlich durch die Bemühungen von Poggios Rivalen, dem offiziellen päpstlichen Manuskriptjäger Enoch von Ascoli.
Irgendwann hielt es Poggio, der in Kontroversen sehr giftig werden konnte, für erforderlich, Enoch zu erinnern: »Du hast aber kein solches Talent, keine solche Beredsamkeit, dass es dir zukäme, mit grundlosen Schmähungen gegen mich aufzutreten.« 30 Dem Mann, dem solcher Rat zuteil wurde, waren Aversionen und Not nicht fremd. Er war zu Beginn des 15. Jahrhunderts in Ascoli Piceno in Mittelitalien in einer Familie geboren, deren niedriges Einkommen seinen hochfliegenden Ambitionen nur zeitweilig im Wege stand. Da es ihm an Geld, nicht aber an Talent mangelte, bemühte er sich um Patronage und wurde schließlich in Florenz Schüler von Francesco Filelfo, der eine Autorität für griechische wie für lateinische Autoren war. Hier verschaffte er sich die erforderlichen humanistischen Kenntnisse und Kontakte und lernte unter den anderen Schülern die beiden späteren Päpste Pius II. und Nikolaus V. kennen. Nikolaus war es dann, der Enoch Jahre später nach Rom rief, wo er Rhetorik und Dichtung lehren sollte, ehe er ihn in den 1450er-Jahren auf die Suche nach Manuskripten schickte.
Bevor er das Amt des Papstes bekleidet hatte, war Nikolaus V. Gelehrter gewesen. Während seiner Amtszeit setzte er seine Bemühungen fort, »Werke ausfindig zu machen, die als verloren galten«, und ihm schwebte nichts Geringeres vor als eine römische Bibliothek, die es mit der gefeierten Sammlung in Alexandria aufnehmen konnte.31 Er verfügte über eine Reihe literarischer Scouts, darunter auch Enoch von Ascoli, der im Jahr 1451 auf eine Reise nach Norden geschickt wurde, um Orte in Deutschland und Skandinavien in Augenschein zu nehmen. In seiner Funktion als Sekretär des Papstes schrieb Poggio das Empfehlungsschreiben. Darin beteuerte Nikolaus: »Zum Aufsuchen und Abschreiben derartiger Bücher [griechischer und römischer Autoren] entsenden wir unseren geliebten Sohn Enoch von Ascoli, einen Mann, der in griechischer und lateinischer Literatur bewandert ist.«32 Die Adressaten wurden aufgefordert, den gelehrten Mann bei seinen Bedürfnissen und Bemühungen zu unterstützen.
Poggio ließ seiner Verachtung in einem Privatbrief freien Lauf: »Ich habe wenig Hoffnung, dass [Enoch] etwas Gutes zuwege bringen wird.«33 Und falls er etwas entdeckte, dann hätte er das, so Poggio weiter, nicht seiner Intelligenz und seiner Sorgfalt, sondern seinem Glück zu verdanken. Enoch hatte anscheinend Glück, als er die Klöster des Nordens besuchte, wo sich seinen Blicken, so können wir annehmen, ein Zustand der Vernachlässigung ähnlich demjenigen bot, den ein Freund Poggios beschrieben hatte:
Da wir aber den nahegelegenen Turm der Kirche des heiligen Gallus sorgfältig in Augenschein nahmen, in dem fast unzählige Bücher wie Gefangene gehalten werden, und die dortige Bibliothek von Staub, Würmern, Ruß und anderen mit der Zerstörung von Büchern verbundenen Dingen verunreinigt und besudelt fanden, brachen wir in heftiges Weinen aus bei dem Gedanken, dass die lateinische Sprache auf diese Weise ihren größten Schmuck und ihre größte Würde verloren habe.34
Enoch kehrte in Begleitung der von ihm Befreiten zurück, und bei sich hatte er die kleinen Schriften des Tacitus, die sich in dem Manuskript erhalten hatten, das Heinrich von Grebenstein 30 Jahre zuvor angeboten hatte. Die Zeugnisse sind jedoch spärlich und umstritten.
Zwei winzige Notizen bieten einen Anhaltspunkt. Als im März 1460 Giovanni Gioviano Pontano (1429–1503), der bedeutendste Humanist im Neapel des 15. Jahrhunderts, die Abschrift mehrerer Texte beendet hatte, deren Sammlung den Namen Codex Leidensis Perizonianus trägt, merkte er an, diese Bücher seien »kürzlich von Enoch von Ascoli entdeckt und ans Licht gebracht worden«.35 Die Abschrift Pontanos enthält alle Texte des von Heinrich von Grebenstein angebotenen Codex mit Ausnahme des Agricola, der von den anderen anscheinend irgendwann zwischen der Entdeckung durch den päpstlichen Sekretär Decembrio im Jahr 1455 und der Abschrift durch Pontano abgetrennt worden war. Das Zeugnis Pontanos ist zum Teil deshalb auf Zweifel gestoßen, weil er an anderer Stelle, in anderen Fragen, offensichtlich irrige Informationen liefert. Und was noch wichtiger ist, kein anderer zeitgenössischer Humanist spricht davon, dass Enoch Tacitus entdeckt habe.
Eine gewisse Unterstützung erfährt der umstrittene Zeuge jedoch von einem Benediktinermönch jenseits der Alpen. Sigismund Meisterlin arbeitete an der Geschichte seiner Heimatstadt Augsburg, der Cronographia Augustensium, als Enoch 1455 auf der Rückreise nach Italien sein Kloster Sankt Ulrich und Sankt Afra besuchte.36 Meisterlin erwähnt in seinem eigenen Werk Gespräche mit Enoch; und auch wenn er weder Tacitus noch die Germania nennt, erscheint seine Vertrautheit mit dieser Schrift oder zumindest – und womöglich wahrscheinlicher – mit ihrem Inhalt unbestreitbar. Denn bei seinen Erkundungen der Anfänge Augsburgs verwirft er die verbreitete Annahme, die Gründer der Stadt seien unter denjenigen zu finden, die aus den rauchenden Ruinen Trojas geflohen waren (bekannt als die trojanische Genealogie). Stattdessen wartet er mit einer neuen Idee auf: Die ersten Einwohner, die Sueben, waren Ureinwohner gewesen. Es könnte ein Zufall sein, dass Meisterlin der Erste war, der diese taciteische Genealogie benutzte, die in dem Text enthalten gewesen wäre, den sein Besucher Gerüchten zufolge in seinem Gepäck versteckt hielt, oder aber Enoch könnte ihm, was wahrscheinlicher ist, Informationen mitgeteilt haben, die er aus der Lektüre des soeben gefundenen kostbaren Manuskripts bezogen hatte.
Als Enoch schließlich nach Rom zurückkehrte, erfuhr er, dass sein Schirmherr Nikolaus V. gestorben war (am 24. März 1455). Mit dem Ableben des Papstes hatte er seine Haupteinnahmequelle verloren. Enoch trauerte und suchte sodann nach einem Käufer, der reich genug war, um den von ihm geforderten Preis zu zahlen (der nicht gering war: Zu einer Zeit, in der ein Priester ein jährliches Gehalt von vier Fiorini erhielt, forderte Enoch 200 bis 300 Fiorini). Carlo de’ Medici, ein illegitimer Sohn Cosimos des Älteren, der beim Heiligen Stuhl in Rom beschäftigt war, gibt in einem Brief an seinen Halbbruder Giovanni in Florenz detaillierte Auskunft über diese Entwicklungen. Er schildert Enoch als müde und vorsichtig, als einen Mann, der sich sogar weigerte, Leuten seine Funde zu zeigen, wenn sie nicht zuvor das Geld auf den Tisch legten. Die Vermutung erscheint jedoch gerechtfertigt, dass Enoch nach seiner Rückkehr nach Rom seinem Kollegen in päpstlichen Diensten Decembrio eine Einsichtnahme gestattete, der seine Eindrücke dann seinem Tagebuch anvertraute.
Andere waren nicht so privilegiert, und ausgehend von dem, was sie über Enochs jüngste Erwerbungen in Erfahrung bringen konnten, begegneten sie ihnen mit Verachtung. In den Augen von Carlo de’ Medici – und dem schlossen sich »zahlreiche gelehrte (dotti) Männer« an – konnten nur vier Texte als wertvoll gelten. Der Rest war wertlos: Tutto il resto non vale una frulla.37 Zu den vier Ausnahmen zählt, wie aus einem späteren Brief hervorgeht, der Text Suetons, der die Germania in dem Manuskript begleitet hatte, das Heinrich von Grebenstein aus Hersfeld anbot. Doch auch wenn Sueton nahelegt, dass Tacitus ebenfalls vorhanden war, wird das von niemandem bezeugt – hätte zu »dem Rest« eine Schrift des Tacitus gehört, hätte man sie sicher als »wertvoll« oder zumindest als erwähnenswert angesehen.
Als Enoch 1457 starb, hinterließ er ein Geheimnis. Vielleicht hatte sich Pontano doch geirrt. Wie aber kam es, dass Sigismund Meisterlin von der Germania wusste? Der letzte Akt, der von angemessener Kürze ist und ebensowenig endgültige Beweise liefert, bietet weitere Informationen, die sich jedoch nicht zu einer Lösung verdichten. Auftritt Enea Silvio Piccolomini.
Kaum war Enoch von Ascoli begraben, da erkundigte sich Piccolomini, der Kardinal von Siena, bei Carlo de’ Medici, ob der kürzlich Verstorbene entweder bei den Medici oder anderswo »gewisse Bücher« hinterlassen habe. Piccolomini hatte Enoch seit ihrer Studienzeit in Florenz gekannt, und er könnte in Details eingeweiht gewesen sein, von denen andere keine Kenntnis hatten. Falls er über solch privilegiertes Wissen verfügte, geht er darauf in seiner ansonsten detaillierten Korrespondenz nicht ein. Weniger als zwei Monate nachdem er um diese Informationen gebeten hatte, arbeitete er jedoch Passagen aus dem Werk des Tacitus in seine Abhandlung über Deutschland ein, die nur aus dem Hersfelder Codex oder aus einer Abschrift davon stammen konnten. Das legt den Schluss nahe, dass ihn seine Erkundigung nach den Büchern Enochs zu der Germania führte.
Wie, wann und warum es zu diesem Erwerb kam, ist unbekannt. Piccolominis Verbindung zu Enoch und seinen Entdeckungen wird jedoch auch durch eine Anmerkung in einem beinahe 20 Jahre später verfassten Brief nahegelegt. Im Jahr 1475 behauptete Jacopo, der bereits erwähnte Sohn Poggio Bracciolinis: »Cornelius Tacitus gelangte aufgrund der Bemühungen von Papst Pius [dem einstigen Enea Silvio Piccolomini] nach Italien.«38 Jacopo wird durch die Chronologie rasch widerlegt: Tacitus wurde 1455 in Rom gesehen, aber Piccolomini trat das Papstamt erst 1458 an. Der Fehler kann jedoch durchaus auf die Wahrheit verweisen: Jacopo könnte sich an Piccolominis höchste Position erinnert haben und nicht an die Kardinalswürde, die er zum damaligen Zeitpunkt innehatte.
Nach drei Akten, in denen nacheinander Poggio Bracciolini, Enoch von Ascoli und – ganz kurz – Enea Silvio Piccolomini die Hauptrolle spielen, fällt der Vorhang, aber ein Schluss wird dem Publikum vorenthalten. Widersprüchliche Zeugnisse erfordern sorgfältige Gewichtung, und Enoch scheint das größte Gewicht zu besitzen. Wir wissen, dass er auf der Suche nach Manuskripten Deutschland bereiste, dass er auf seiner Rückreise Gespräche mit Meisterlin führte und dass genau in der Zeit nach seiner Rückkehr Decembrio in Rom, wenn auch nur vertraulich, berichtete: »Tacitus … ist gefunden worden.« In demselben Bericht taucht Sueton auf, der in dem Hersfelder Codex als Begleiter des Tacitus Erwähnung gefunden hatte und der später mit Bezug auf Enochs Funde genannt wird. Diese Werke zogen die Aufmerksamkeit Piccolominis auf sich, der einige Wochen später der Erste war, der in seiner bald darauf veröffentlichten Abhandlung aus der Germania zitierte. In diesem Szenario erfordert die Kette der Schlussfolgerungen mehrere Überbrückungen: Enoch zeigte nach seiner Rückkehr Decembrio seine Entdeckung, bat ihn aber um Vertraulichkeit, was Letzteren dazu veranlasste, die Information seinem Tagebuch, aber sonst niemandem anzuvertrauen. In der Folge trennte Enoch den Agricola ab und verkaufte ihn, um sich über Wasser zu halten, da sein Schirmherr Papst Nikolaus V. gestorben war. Was genau mit der Germania (zusammen mit dem Dialogus) geschah, bleibt selbst den wissbegierigsten Blicken verborgen.
Das Mosaik bleibt unvollständig. Vielleicht aber wird eines Tages noch ein weiteres Steinchen gefunden, sodass wir die ganze Geschichte erfahren.
Vor allem müssen wir zeigen, was Deutschland denn einst war und was es heute ist.
Enea Silvio Piccolomini, 1458
Die Winter in Rom sind frisch. Nicht kalt, nicht grau, sondern kühl und klar – insgesamt ganz anders als die winterliche Jahreszeit in Deutschland. Am 1. Februar 1458 erinnerte sich der Kardinal von Siena, kein anderer als Enea Silvio Piccolomini, an die zahlreichen frostigen Nächte, die er, warm verpackt, nördlich der Alpen zugebracht hatte, wo er sich mit geschickter Feder seinen Lebensunterhalt verdiente. Das war eine lange Zeit gewesen, die nur allzu selten durch Besuche »in der sanften und angenehmen Luft Italiens …, wo der Frühling nahezu beständig herrscht«, unterbrochen wurde.1 Wieder nach Rom zurückgekehrt, das Gesicht vom Wohlleben aufgedunsen, verfasste er den Widmungsbrief zu seinem neuesten Werk, das schon bald unter dem abgekürzten Titel bekannt werden sollte, der sich lediglich auf ein Drittel – aber auf das bedeutsamste Drittel – des Gesamtwerkes bezog. Zu diesem Bericht über Deutschland gehörte Piccolominis erfahrungsgesättigte Schilderung Deutschlands (die erste derartige Darstellung aus der Hand eines Humanisten) sowie eine gelehrte Beschreibung der frühen Vergangenheit der Deutschen. Der letztgenannte Teil der Schrift enthielt die erste Paraphrase der Germania des Tacitus im frühmodernen Europa – kurz und vage und höchst folgenreich. Im Gegensatz zu Rudolf von Fulda in der Karolingerzeit benutzte Piccolomini die Germania, um die Germanen mit den Deutschen seiner Zeit gleichzusetzen, beide als ein und dasselbe Volk zu zwei verschiedenen Zeitpunkten der Geschichte darzustellen. So wurde der Germane als deutscher Ahn geboren, und diese verfehlte Vorstellung einer ethnischen Kontinuität sollte sich bis ins 20. Jahrhundert hinein erhalten, als der Nobelpreisträger Heinrich Böll (wenn auch zögernd) die Germania als eine der ältesten Quellen las, denen sich Informationen über die deutschen Ahnen entnehmen ließen.
Zu der Zeit, da der Germane geboren wurde, warfen zwei Reiche ihre langen Schatten über das christliche Europa: das florierende Osmanische Reich aus dem Osten und das Römische Reich aus der Vergangenheit. Die italienischen Humanisten, die meist in kirchlichem Dienst standen, betrachteten sich als Abkömmlinge der Römer und Treuhänder des klassischen Erbes. Sie gebrauchten ihre rhetorische Ausbildung und ihre Kenntnis der antiken Welt, um die römische Vergangenheit zu verherrlichen und deren Ruhm in die Gegenwart hinein auszuweiten: »Wir haben Rom verloren, wir haben das Reich verloren, wir haben die Herrschaft verloren … [Und doch gilt:] Unser ist Italien, unser Frankreich, unser sind Spanien, Deutschland … und viele andere Nationen. Denn das Römische Reich ist überall dort, wo die römische Sprache herrscht.«2 Das Römische Reich lebte fort, nicht nur als das kulturelle Vorbild für die italienischen und allgemeiner für die europäischen Intellektuellen, sondern – nach der Theorie der »Übertragung der Herrschaft« (translatio imperii) – auch im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Nachdem Rom 476 von germanischen Stämmen erobert worden war, vergingen Jahrhunderte, bis Karl der Große um 800 Europa erneut in den Grenzen seines Karolingischen Reiches einte. Im Anschluss daran entstand das langlebige Heilige Römische Reich. In dessen Zentrum stand die deutsche »Nation«, es schloss verschiedene Teilgebiete von den Niederlanden bis zu den nördlichen Teilen Italiens ein und hatte nach allgemeiner Anschauung seine Herrschaft von seinem römischen Vorgänger geerbt.
Die italienischen Humanisten, die unbestrittene Avantgarde der Renaissancekultur, verachteten jedoch die deutsche Lebensweise. Auf viele von ihnen wirkte der Norden Europas wie eine primitive Einöde, die so weit in die Geschichte zurückreichte, wie die Bewohner lesen konnten. Agostino Patrizzi (1435–1494), ein päpstlicher Legat, der in den 1470er-Jahren Deutschland bereiste, äußerte in seiner Reisebeschreibung einen außerordentlichen Eindruck, der in bezeichnende Worte gefasst ist: »Deutschland ist (mehr als unsere Landsleute [nostri homines] glauben) prächtig und schön und, was Wohlstand und Sitten angeht, jenem alten Land, das Caesar, Strabo und Tacitus wie auch andere beschreiben, durchaus unähnlich.«3 Damit, dass sich die Verhältnisse in einem Zeitraum von beinahe 1500 Jahren geändert hatten, war vernünftigerweise zu rechnen. Doch die meisten Landsleute Patrizzis hatten eine Sicht, die durch die Tradition und durch die Vorurteile der klassischen Zeit beschränkt war. Sie lasen die drei antiken Zeugnisse, die Patrizzi erwähnt, als Anklage gegen die barbarische Vergangenheit der Deutschen und betrachteten das zeitgenössische Deutschland als einen Ort, der immer noch ähnlich wie einst von »barbarischen Eseln« bewohnt war (wie Poggio Bracciolini sie nannte).
Nun jedoch bedurfte es europäischer Einigkeit gegen die Türken, die 1453 Konstantinopel, das heutige Istanbul, »eines der beiden Lichter der Christenheit«, erobert hatten und die ganz Europa bedrohten.4 Bei der Beschreibung Deutschlands hielten sich selbst diejenigen Humanisten, die voller Verachtung waren, an die aktuellen politischen Erfordernisse, ein derartiger Opportunismus galt auch für den Umgang mit der deutschen Vergangenheit: Je nach der ihm zugedachten Rolle kostümierte man den Germanen entweder als haarigen Heiden im Bärenfell oder als tapfer bewaffneten einheimischen Krieger. Von Anfang an diente die Germania der Politik.5
Cornelius Tacitus’ Beschreibung Germaniens ist sogar noch düsterer als die [der anderen antiken Gewährsleute].
Enea Silvio Piccolomini, 1458
Piccolomini wuchs in den Nähe von Siena in der ländlichen Toskana auf, wo »sanfte Schatten und silberne Quellen und grünes Gras und lachende Wiesen Dichter anlocken«,6 als Sohn von Aristokraten, die in Erinnerungen an ihr vergangenes Vermögen schwelgten. Talent und Geldmangel führten ihn von der Universität Siena über die Alpen bis nach Schottland. Seine Karriere stand für den Triumph der neuen humanistischen Bildung: Mehr in den römischen Klassikern als in der Bibel bewandert und in Rhetorik geschult, verdiente er sich seinen Lebensunterhalt mit Schreiben. Als Händler mit Worten, der er wie so viele Humanisten war, begann er seine Laufbahn als Sekretär und Diplomat in Basel, wo damals das Konzil von Basel (1431–1449) abgehalten wurde. Unzufrieden mit Eugen IV., der theoretisch auch der Autorität des Konzils als »höchster Richter« unterstand, wählten die Konzilsväter Felix V. zum Gegenpapst, was zum sogenannten Schisma Felix’ V. führte.7 Eine Zeitlang diente Piccolomini beiden Herren; nachdem er jedoch die Brücken zu beiden päpstlichen Lagern hinter sich abgebrochen hatte, wirkte er in der Kanzlei des deutschen Königs und Kaisers Friedrichs III. Als Verbindungsmann zwischen dem Heiligen Römischen Reich in Wien und dem Heiligen Stuhl in Rom verbrachte er schließlich über 20 Jahre in deutschsprachigen Gebieten, sammelte Eindrücke, verfasste die Mehrzahl seiner Werke und verbreitete die humanistische Botschaft. Die moderne Forschung betrachtet ihn daher als einen »Apostel des Humanismus«. Er mochte die Deutschen durchaus; ihnen, die »der Literatur nicht zugetan« waren, fehlte jedoch seine kulturelle Verfeinerung. Ebenso wie viele andere Italiener seiner Zeit, die es an nördliche Küsten verschlagen hatte, verglich er sich mit dem verbannten Dichter Ovid, der unter Kaiser Augustus am Schwarzen Meer für die Unbekümmertheit büßte, die er in Rom an den Tag gelegt hatte.8
Während Piccolomini noch im Dienst Friedrichs III. stand, hielt er auf dem Reichstag in Frankfurt seine berühmteste Rede, »Über den Untergang Konstantinopels und die Vorbereitung eines Krieges gegen die Türken«.9 Europa war immer noch erschüttert, weil es nach dem ersten systematischen Einsatz von Kanonen sein kulturelles Zentrum im Osten an Sultan Mehmed II. verloren hatte. Diesem Eroberer, der »sich die Hände in Christenblut gewaschen hatte«, musste man fortan entgegentreten. Die Rede, die Piccolomini am 15. Oktober 1454 hielt, sollte die Deutschen dazu animieren, sich einem Kreuzzug anzuschließen. Sie hielt die Zuhörer zwei Stunden lang gefangen (so erinnert sich zumindest der Redner, der sich in seinen Aufzeichnungen im Rückblick darüber auslässt, dass sich niemand zu räuspern wagte; andere sahen die Sache anders). Im Namen des abwesenden Heiligen Römischen Kaisers flehte er sie an, nicht »die Gemeinschaft der Christen im Stich zu lassen«. Er beschwor sie, in die Fußstapfen ihrer Vorväter zu treten, die Türme der Tapferkeit gewesen waren. Waren sie nicht genau wie diese? Piccolomini ließ seine Zuhörer wissen, was er sah, wenn er sie anschaute: kriegserfahrene Soldaten, denen es ein Leichtes sein würde, gegen die Türken zu kämpfen. Damit würden sie sich als die wahren Nachfahren der Germanen und als würdige Empfänger römischer Herrschaft erweisen. »Denn ihr seid die großen, ihr seid die kämpferischen, überaus mächtigen, tapferen und von Gott erhörten Germanen/ Deutschen. Euch kommt es zu, euer Gebiet so sehr ausgedehnt zu haben, euch war es im Unterschied zu allen anderen Menschen möglich, der Macht Roms die Stirn zu bieten.« Doch seine Worte waren allesamt umsonst. Als die Delegierten aufbrachen, eilten sie nicht zum Kreuzzug.
Trotzdem hatte die Rede Erfolg. Als eine von drei aufeinanderfolgenden Ansprachen kam sie in mindestens 50 handgeschriebenen Abschriften in Umlauf und wurde zu einem Klassiker ihres Genres. Schon bald schmückten Zitate daraus die Texte deutscher Humanisten.10 Der deutsche Vorfahr, den die Rede präsentierte, ein aufrechter Verteidiger abendländischer Zivilisation in glänzender Rüstung, gefiel den Lesern des Nordens – auch wenn das Porträt offensichtlich opportunistisch gezeichnet war. Doch es gab hier keinerlei Verweis auf Tacitus’ Germania, die erst ein Jahr später, 1455, nach Rom gelangte. Als folgenreicher erweisen sollte sich schließlich Piccolominis anderes, negatives Bild der deutschen Vergangenheit, das von ungehobelten Nomaden in Tierhäuten bevölkert war.
Im Gegensatz zu Ovid kehrte Piccolomini aus seiner »Verbannung« zurück. Als frisch ernannter Kardinal von Siena beeilte er sich daraufhin, sich für seine Bewerbung um die Papstwürde in Stellung zu bringen. Ehrgeiz war ihm nicht fremd, und seine Ambitionen stützten sich, wie er wusste, immer noch auf Deutschland. Um in Rom über eine bedeutende Stellung und Einfluss zu verfügen, brauchte ein Kardinal eine mächtige Familie, päpstliches Wohlwollen und/oder Unterstützung aus dem Ausland. Piccolomini benutzte seine deutschen Verbindungen – er hatte Friedrich III. zu seiner offiziellen Krönung in Rom begleitet und als Ehrengast an seinem Tisch gesessen –, um sich beim kränklichen Papst Kalixt III. (1455–1458) einzuschmeicheln. Stolz verwies er darauf, dass sich der Pontifex in deutschen Fragen »mehr an ihn als an irgendeinen anderen Kardinal« wandte, und seiner eigenen Ansicht nach »war er immer zugunsten der Deutschen tätig«.11 Einige von den derart Begünstigten sahen die Beiträge des Kardinals allerdings anders.
Martin Meyer, der Sekretär des Bischofs von Mainz, sandte Piccolomini einen Brief. Nach einigen Worten der Gratulation zu seiner kürzlich erfolgten Kardinalswahl machte er ihn auf weitverbreitete deutsche Unzufriedenheit mit der päpstlichen Politik aufmerksam. Der Sekretär, ein Bekannter aus früheren Tagen, fügte eine Liste von Beschwerden bei, in denen es unter anderem darum ging, dass Rom Konzilsbeschlüsse missachtete und Pfründen (die mit Grundbesitz verbunden waren) an den Meistbietenden verkaufte, dass es mit Ablässen für Sünden handelte und rücksichtslos Steuern eintrieb.
Tausend Möglichkeiten werden ersonnen, mit denen der römische Stuhl mit raffinierter List Gold aus uns herauspresst [als wären wir noch Barbaren]. Dadurch ist unsere einst ruhmreiche Nation, die durch ihre Tüchtigkeit und ihr Blut das römische Imperium erworben hat und uneingeschränkte Herrscherin über die Welt gewesen ist, nunmehr an den Bettelstab gebracht, geknechtet und zinspflichtig geworden, sie liegt schon seit Jahren im Schmutz und beklagt ihr Los und ihre Armut.12
Die Gier Roms degradierte die deutsche Nation. Piccolomini muss gespürt haben, dass sich dieser Vorwurf auch gegen ihn richtete: Nach seiner Wahl zum Kardinal hatte ihm der Papst zum Ausgleich für die beschränkten Mittel, die er von seinen Eltern geerbt hatte, Pfründen im Wert von insgesamt 2000 Dukaten gewährt. Während sich der Kardinal als ein Mann darstellte, dem deutsche Interessen am Herzen lagen, waren seine Kritiker möglicherweise der Ansicht, die Brieftasche liege ihm näher.
Als Antwort auf die Mitteilung Meyers sah sich Piccolomini veranlasst, nicht nur einen Brief zu schreiben, sondern ein ganzes dreibändiges Epistelwerk. »[K]aum hatte ich [den Brief] geöffnet und hineingeschaut, da stieg Ärger in mir auf… Ich habe mich nun entschlossen, zu antworten und die Vorwürfe gegen den Heiligen Stuhl zu widerlegen.«13 Nicht Ärger war es jedoch, der ihn beim Schreiben beflügelte, vielmehr verschaffte ihm diese jüngste Äußerung deutschen Protests eine Gelegenheit, seine älteren Kardinalskollegen an seine in harter Arbeit erworbenen Kenntnisse deutscher Verhältnisse zu erinnern und sich als unerschütterlicher Verteidiger der römischen Kirche in Szene zu setzen – genau wie der Papst, der er schon bald zu sein hoffte. Seine umfangreiche Antwort, die ein verdecktes Bewerbungsschreiben darstellte, reicherte Piccolomini mit umfassenden Beweisen für seine Kenntnis konziliarer und kirchlicher Fragen wie auch für seine Vertrautheit mit der Bibel an. (Angesichts der Tatsache, dass seine religiöse Berufung recht spät erfolgt war, mochte ihm solche Gelehrsamkeit angebracht erschienen sein: Bevor er 1446 in Wien im fortgeschrittenen Alter von 41 Jahren zum Subdiakon geweiht worden war, hatte er sich als Dichter, Liebhaber und Gelehrter in einer Weise verhalten, die er später fromm bereute.)
Im Sinne dieses heimlichen Plans widmete Piccolomini das Werk, das später unter dem Titel Beschreibung der Riten, der Lage, der Sitten und allgemeinen Verhältnisse Deutschlands veröffentlicht wurde, Antonio de la Cerda, dem einflussreichen Kardinal von Messina.14 In dem an den Widmungsempfänger gerichteten Begleitbrief, aus dem oben zitiert wurde, gab er vor, sein Epistelwerk sei unmittelbar als Reaktion auf die schriftliche Klage Meyers abgefasst worden, von der er eine Abschrift als Präambel beifügte. Diese Abschrift war jedoch in Wirklichkeit von Piccolomini selbst geschrieben worden (der ursprüngliche Brief des Mainzer Sekretärs ist nicht erhalten), und die Beschreibung Deutschlands war nicht die erste Reaktion, sondern die vierte. Drei versöhnliche Mitteilungen waren bereits privat an Meyer hinausgegangen. Darin zeigt sich Piccolomini außerordentlich bemüht, den Ärger der Deutschen zu beschwichtigen und mitfühlend als Verfechter ihrer Interessen zu sprechen, der er zu sein beanspruchte. Und es klingt darin nichts von der Ungeduld und der Verachtung an, die den Kardinal in seiner Beschreibung Deutschlands auszeichnen, in der er sich als Vorkämpfer seiner Kirche präsentiert. Von Rhetorik hatte Piccolomini während des größten Teils seiner Karriere gelebt, und auf die Kunst der Überredung stützte er sich erneut in einer Abhandlung, die an Meyer adressiert war, die er aber an seinen Kardinalskollegen sandte und in der er seine Kompetenz zur Schau stellte und sich als loyaler Verteidiger der Kirche gegen Anschuldigungen präsentierte. Die berühmten Abrisse der Vergangenheit und der Gegenwart Deutschlands folgen der gleichen Logik: Sie wurden ersonnen, um dem Angeklagten zu nutzen, nicht aber, um die wirklichen Verhältnisse widerzuspiegeln.
Zur Erörterung des Vorwurfs, Rom verursache den Niedergang Deutschlands, schlug Piccolomini vor, einen Blick in die Vergangenheit zu werfen. Die Heimat Meyers sollte gezeigt werden, »wie sie einst war und wie sie heute ist«.15 Wie sonst konnte man eine Entwicklung beurteilen? Ein großer Teil der Geschichte erstreckte sich, so fuhr der Kardinal fort, über das hinaus, was der Historiker klar erkennen konnte; doch seit Julius Caesar waren die Verhältnisse der Vergangenheit überschaubar. Der vorgeschlagene historische Vergleich erscheint annehmbar; Meyer hätte dennoch Einwände erheben müssen. Denn als er von einstiger Herrlichkeit sprach, hatte er nicht an das Altertum gedacht, sondern an das große mittelalterliche Reich in den Händen Karls des Großen (den deutsche Autoren gern als ihren Vorfahren in Anspruch nahmen). Piccolomini aber, der sich darüber völlig im Klaren war, verschob die schwierige Erörterung des Verlusts mittelalterlicher Größe unter Verwendung einer gebräuchlichen rhetorischen Strategie, die man als »Substitution« bezeichnet. Sie gestattet einem Beklagten ganz allgemein, das heikelste Problem erst dann zu behandeln, wenn die Gesamtargumentation seines Gegners hinreichend erschüttert zu sein scheint. In diesem speziellen Fall wurde Meyer rasch widerlegt – bei einer Aussage, die er nicht beabsichtigt hatte.
Im Hinblick auf diese alte Vergangenheit forderte der Kardinal jeden auf, sich nur die maßgeblichen klassischen Texte anzusehen. Niemand konnte sich bei deren Lektüre der Einsicht entziehen, dass die deutschen Vorfahren eine Horde ungebildeter, tierischer Kreaturen gewesen waren, die in einer primitiven Umwelt dahinvegetierten. Drei Gewährsleute, chronologisch von den Fünfzigerjahren v. u. Z. bis etwa 100 geordnet, dienen dazu, ein Bild dieser Barbaren zu skizzieren. Als Erster Gaius Julius Caesar, dessen Germanenexkurs in den Kommentaren über den Gallischen Krieg in der Fassung Piccolominis Männer präsentiert, von denen man »annahm«, sie seien kriegerisch und waffenkundig. Doch ihr Leben verbrachten sie in Plackerei und Elend; größtenteils nackt, kaum mit Häuten bedeckt, an Landwirtschaft wenig interessiert, eines dauerhaften Obdachs ermangelnd. Als Zweiter wurde Strabon von Amaseia (dem heutigen Amasya in der Türkei), der griechische Historiker und Geograf aus der Zeit von Augustus und Tiberius, zum Zeugen benannt. Aus der lateinischen Übersetzung seiner Geographika wählte Piccolomini die Begriffe Trägheit (ignavia) und Mangel (inopia), um das Leben dieser germanischen Nomaden zu charakterisieren. Und bei Tacitus fand der ehrgeizige Kardinal schließlich noch weiteres Material für seine Argumentation:
Cornelius Tacitus’ Beschreibung Germaniens ist sogar noch düsterer als die [der anderen antiken Gewährsleute] … Das Leben deiner [Meyers] Vorfahren unterschied sich damals nur wenig von dem der wilden Tiere. Größtenteils waren sie Hirten, die Wälder und Haine bewohnten und ein träges und faules Leben führten … Sie hatten weder befestigte Städte noch ummauerte Ortschaften, man sah keine Burgen auf hohen Bergen, keine Tempel aus behauenen Steinen.16
Es folgte eine lange Liste von Mängeln – alles von Tacitus abgeschrieben. Erwägungen über die Knappheit von Gold, Silber und feinen Stoffen führten zu den abschließenden Bemerkungen, diese Aspekte seien »zu loben und unseren Sitten vorzuziehen. Aber auf dieser Stufe der Kultur gab es keine Kenntnis der Schrift, keine Rechtskunde, keine Beschäftigung mit den edlen Künsten. Auch die Religion war barbarischer, abgeschmackter Götzendienst … Alles war …, um es beim rechten Namen zu nennen, tierisch und brutal. So sah dein Germanien aus. (Talis tua Germania fuit.)« Das einzige Zitat aus Tacitus’ Werk, das innerhalb der Paraphrase einer genauen Wiedergabe nahekam, verstärkte den barbarischen Charakter noch zusätzlich: Es stand außer Frage, dass von den Germanen »oft Menschenopfer dargebracht wurden«. Die Darstellung Piccolominis erfüllte die ihr zugedachte Funktion – beim Umblättern der Seiten stieg aus ihr ein Hauch von schmutzigen Pelzen und übelriechenden Speisen auf.
Das Bild, das der italienische Rhetoriker von der germanischen Vergangenheit entwirft, ist heidenschwarz. Positive Aspekte des germanischen Lebensstils – Eigenschaften wie Freiheit, Gastfreundschaft, Tapferkeit und Sittlichkeit, die Piccolomini sowohl bei Tacitus als auch bei Caesar vorfand – werden in seiner Darstellung entweder übergangen oder mit Einschränkungen versehen. Gewiss musste man ihre Sitten loben, das räumte er ein; doch er fügte sogleich hinzu, dass sie dafür einen beträchtlichen Preis zu zahlen hatten, etwa das Fehlen einer Rechtsdurchsetzung. Diesen letztgenannten Punkt erschließt er aus einer von Tacitus’ denkwürdigsten Spruchweisheiten: »Mehr vermögen dort gute Sitten als anderswo gute Gesetze.«17 Während jedoch der römische Historiker zu verstehen gegeben hatte, dass die Germanen wegen ihres ausgezeichneten Gefühls für Anstand keine Gesetze brauchten, ließ Piccolomini den Kontext unter den Tisch fallen und stellte die Gesetzlosigkeit als einen weiteren Beweis für germanische Rückständigkeit hin.
Aus der deprimierenden Vergangenheit wird der Blick des Lesers sodann auf die weitaus erfreulicheren Perspektiven der Gegenwart gelenkt. Auf dem nächsten Bild erscheint eine Landschaft, in der Bauern reiche Ernten einbringen, Kaufleute mit edlen Waren handeln sowie Künstler und Gelehrte die griechischen und römischen Musen zu Gast haben. Piccolomini umreißt, wie sich das deutsche Territorium im 15. Jahrhundert erheblich weiter erstreckt als das alte Deutschland, und er preist seine geschäftigen Städte – eine korrekte Beschreibung insofern, als eine zunehmende Urbanisierung zu den Entwicklungstendenzen der damaligen Zeit gehörte. Er ergeht sich jedoch in Übertreibungen und liefert einen groß angelegten Katalog, der 73 Stadtnamen umfasst. Dabei verwendet er einen weiteren rhetorischen Kunstgriff, die »detaillierte Beschreibung«, die beim Leser durch lebensvolle Schilderung von Einzelheiten emotionale Anteilnahme hervorrufen soll. Nirgends sind, so schließt er, die »Städte so sauber und [bieten] einen so erfreulichen Anblick« wie in Deutschland (sieht man von ein paar italienischen Städten ab, murmelt er).
An die Stelle der schlammigen Sümpfe und düsteren Wälder, die Tacitus beschrieben hatte, waren diese Stadtlandschaften getreten. Dahin waren die Tage des Heidentums und der Menschenopfer, Grobheit und Unbildung waren verschwunden. Stattdessen verehrte man Gott und widmete sich den freien Künsten. Enea Silvio Piccolomini pries die kriegerischen Fähigkeiten der Deutschen, die, wie er hinzufügte, von Kindesbeinen an geübt wurden. Dieses letztgenannte Talent hätte er selbstverständlich ebenso gut anführen können, als er von den alten Germanen sprach. Doch der Rhetoriker betrachtet die Realität unter dem Gesichtspunkt der Nützlichkeit. In Piccolominis Interesse lag es, die Unterschiede zwischen Vergangenheit und Gegenwart als grundsätzlich hinzustellen, sodass die beiden Epochen nahezu zwei verschiedene Länder repräsentierten.
Die abschließende rhetorische Frage – »Welcher Ort in Europa kann sich heute mit Deutschland vergleichen?« – ließ nur eine einzige Antwort zu: Kein einziger (mit Ausnahme von Italien vielleicht). Und wem verdankten die Deutschen diesen radikalen Umschwung von barbarischem Nomadentum zu wohlhabender Zivilisiertheit? Nun, der römischen Kirche natürlich. Und als letzte Nummer ließ der gewiefte Autor unter Verwendung einer rhetorischen List, die man als sermocinatio bezeichnet, die alten Germanen aus dem Grabe auferstehen. Da standen sie nun und blinzelten erstaunt, weil sie ihr eigenes Land nicht wiedererkannten. Ihre Verwirrung war der höchste Ausdruck dafür, wie sich alles gewandelt hatte – zum Besseren. Anstatt jedoch dankbar zu sein, erhoben die Deutschen Vorwürfe und machten sich in den Augen des Kardinals damit lächerlich.
Einem deutschen Leser wurde schnell klar, dass es Piccolomini »als Italiener« nützte, wenn er die deutsche Gegenwart ausschmückte. Gleiches gilt für die als barbarisch hingestellte Vergangenheit.18 Doch ungeachtet des ebenso offenkundigen rhetorischen Charakters der behaarten Barbaren, die er dem Text des Tacitus entnimmt, waren die deutschen Humanisten erzürnt und sahen sich veranlasst, die Germania zu studieren und sich um ihre eigenen Bilder von Deutschland zu bemühen. An den Drucken des taciteischen Textes wie auch an ihren Erscheinungsorten und ihrer Zahl lässt sich ablesen, welche Bedeutung Piccolomini hatte. Als die Germania 1476 erstmals in Deutschland gedruckt wurde, bemerkten das anscheinend nur wenige deutsche Leser. Im Jahr 1496 erschien die agitatorische Beschreibung Deutschlands. Vier Jahre später, 1500, kam in Wien die zweite Ausgabe von Tacitus’ Buch nördlich der Alpen heraus, die bereits Vertrautheit mit dem Werk Piccolominis erkennen lässt. In den darauffolgenden 50 Jahren wurde der Text dann größtenteils in deutschsprachigen Gebieten gedruckt, und es erschienen von ihm nicht weniger als 6000 Exemplare – für die damalige Zeit eine beeindruckende Zahl.
Als die Germanen geboren wurden, wirkte die Empörung als Hebamme.
Ihr habt euch nicht mit anderen vermischt, sondern untereinander verbunden … Ihr seid immer die Ureinwohner Deutschlands gewesen … Die Sitten, die eure Vorfahren von Anfang an hatten, bewahrt ihr bis zum Schluss.
Giannantonio Campano, 1471
Im Jahr 1458 führten Piccolominis Bemühungen um die Papstwürde zum Ziel, und als Papst Pius II. machte er die Bedrohung durch die Türken zu einer seiner Prioritäten. Er befand sich mitten in den Vorbereitungen zu einem Kreuzzug, als er, fiebernd und krank, 1464 starb. Seine Nachfolge trat Paul II. an. Von dem neuen Papst wusste man, dass er der Politik seines Vorgängers nicht mit Wohlwollen gegenüberstand: Dessen humanistische Interessen hatten seinen Argwohn auf sich gezogen, und mit Pius’ Günstlingen war er unzufrieden. Den Türkenkrieg verfolgte er auch eher mit Aufmerksamkeit als mit Interesse, bis 1470 Negroponte von Sultan Mehmed II. erobert wurde. Der Verlust dieser venezianischen Festung auf der ägäischen Insel Euböa veranlasste den in Venedig geborenen Papst zum Handeln. Er forderte den deutschen Kaiser Friedrich III. auf, den Reichstag zu Regensburg einzuberufen. Diese Zusammenkunft im Jahr 1471 sollte wieder einmal deutsche Streitkräfte zu einem Kreuzzug zusammentrommeln.
Im Vorfeld des Ereignisses verlangte Friedrich III., dass der Sieneser Kardinal Francesco Todeschini-Piccolomini, ein Neffe Pius’ II. (der später zum Papst Pius III. gewählt wurde), die päpstliche Delegation anführen sollte. Er empfahl sich durch die Verbindung zu seinem Onkel wie auch durch seine Kontakte zu führenden Vertretern der deutschen Seite, die den kurialen Zumutungen immer noch mit Missmut begegneten und einer Zusammenarbeit ablehnend gegenüberstanden. Der Kardinal wiederum brauchte einen Sprecher, der über das Talent verfügte, eine Zuhörerschaft zu beschwichtigen, ihr zu gefallen und sie aufzurütteln, damit sie zu den Waffen griff und sich »zur Rettung des christlichen Glaubens dem überaus grausamen Feind entgegenwarf«.19
Giannantonio Campano (1429–1477), ein Geistlicher, der zum Kreis des Kardinals gehörte und ein vollendeter Redner war, wurde rasch für diese Funktion ausgewählt. Als Professor der Rhetorik an der Universität Perugia, welcher der Sage nach auf einem kampanischen Feld unter einem Lorbeerbaum geboren war, verdankte er seine Karriere seinem glänzenden Talent, »durch welches er«, wie seine Zeitgenossen übereinstimmend meinten, »höchst bezwingend war«.20 Seine rhetorischen und literarischen Fertigkeiten zogen nicht nur die Aufmerksamkeit von Papst Pius II. auf sich, dessen Autobiografie Campano später herausgab, sondern sie sorgten auch dafür, dass er zum Mitglied einer Reihe von offiziellen Delegationen ernannt wurde. Die Abordnung, mit der er nach Regensburg ging, war jedoch etwas Besonderes, denn zu ihr gehörte unter anderem auch Tacitus. Sowohl Kardinal Todeschini-Piccolomini als auch sein kampanischer Sprecher spielten eine bedeutende Rolle bei der Verbreitung der Germania, der Manuskripte des Werkes ebenso wie seines Inhalts. Todeschini-Piccolomini lieh deutschen Humanisten die von seinem Onkel geerbte handschriftliche Kopie zum Abschreiben; Campano hingegen machte in seiner Regensburger Rede reichlich Gebrauch vom Text des Tacitus. Diese Ansprache vermochte die Deutschen zwar nicht zum Kreuzzug zu bewegen, aber Campano gelang es, ihnen ein anderes Bild ihrer Vergangenheit zu vermitteln.
Zeitgenossen verglichen Campano mit Ovid, Roms klügstem Dichter, und mit Cicero, Roms größtem Redner. Und »von allen Reden, die er verfasste«, schrieb Campanos Herausgeber Michele Ferno später, »war die Regensburger Rede die bei weitem blumigste und überzeugendste«.21 Daher ist es zu bedauern, dass sie nie gehalten wurde. Meinungsverschiedenheiten zwischen den Teilnehmern des Reichstags führten dazu, dass er vorzeitig aufgelöst wurde. Schon bald aber kursierte die Rede in handschriftlichen Kopien sowie von 1487 an im Druck und konnte so ihre Wirkung, wenn auch etwas verspätet, auf ihre deutschen Adressaten entfalten. Unmittelbar nach ihrer Veröffentlichung wurde sie zu einem Klassiker, den man in einem Atemzug mit Piccolominis berühmter Rede in Frankfurt nannte.
Die Regensburger Ansprache war für den Reichstag verfasst, »um die Fürsten der Deutschen gegen die Türken zu ermahnen und die Deutschen zu preisen«. Wie ihr Titel besagt, gehört sie zum nachdenklichen Genre, enthält dabei aber auch stark lobpreisende Elemente.22 Ihre Argumente reihte sie jedoch weder ordentlich noch logisch aneinander. Vielmehr ließ sie, einer Symphonie nicht unähnlich, bald leiser, bald lauter die Hauptmotive anklingen – deutsche militärische Tüchtigkeit und Kraft, Ruhm, Vornehmheit, Freiheit und Tapferkeit –, wobei allerdings beinahe das gesamte Arrangement darauf gerichtet war, eine apathische Zuhörerschaft zum Handeln zu veranlassen: »Jetzt, jetzt müsst ihr euch erheben!« Auf dem Spiel stand nichts Geringeres als die Herrschaft des Heiligen Römischen Reiches und der Fortbestand des christlichen Glaubens. Lebhaft erinnerte Campano seine Zuhörer an ihren Feind und an die bereits erlittenen Gräuel: das entsetzte Heulen von Männern und Frauen, Beklemmung und Angst sowie »Knaben, die den Türken als Sklaven dienen – sofern sie nicht schon in der Wiege erdrosselt worden sind«. Angesichts einer derartigen Gefahr waren die Deutschen mehr als jeder andere verpflichtet, auf den Plan zu treten und zu kämpfen. Ihre Verpflichtung war ihre Vergangenheit: »Ich bitte euch bei den überaus ruhmreichen Schatten eurer Vorväter [per gloriosissimas umbras patrum vestrorum ]: bewirkt, dass Deutschland Deutschland ist [Germania Germania sit] und die Kämpfer hat, die es einst hatte.«
Überzeugende Details dieser historischen Vergangenheit entlehnte Campano der Germania, auch wenn er seine Quelle unerwähnt ließ. Männer wie Frauen beschrieb er als kühne Krieger, deren Hang zum Kampf sich selbst in ihrer ehelichen Bindung zeigte: Ein Pferd mit Zaumzeug, ein Speer und ein Schild wurden vom Mann als Mitgift überreicht. Die Männer zogen oft hinaus, um Ruhm zu erwerben, und immer nahmen sie ihre Waffen mit, die Frauen waren stets bereit, wankenden Mut in der Schlacht von Neuem zu stärken und die Verletzten zu pflegen. Gemeinsam schützten sie die deutsche Freiheit und wehrten die römischen Aggressoren ab.
In der Rede Campanos sieht man ebenso wie bei Piccolomini den Rhetoriker am Werk: Seine Techniken sind Umgruppierung, Übertreibung und bei Bedarf Erfindung. Nicht genug, dass sich germanische Frauen wie in der Germania durch ihre Bitten aus der Entfernung an der Schlacht beteiligten: Campano ließ sie zu den Waffen greifen und zum Zweikampf antreten. Und in seiner Aufzählung der Völker, die zur Beschwichtigung Menschenopfer darbrachten, überging er nicht nur die Germanen – obgleich er eine Erwähnung dieses Brauchs bei Tacitus vorfand –, sondern er verwandelte sie auch in eine Leuchte der Religiosität, in Menschen, die Mars, den Gott des Krieges, als höchste Gottheit verehrten, ehe sie als Christen alle anderen Völker an Glauben und Frömmigkeit sowie durch die Errichtung prächtiger Kirchen übertrafen. Es tat nichts zur Sache, dass Tacitus von Merkur, dem Gott des Handels, als höchstem Herrscher des germanischen Pantheons gesprochen und ausdrücklich betont hatte, es gebe bei ihnen keine anderen religiösen Bauwerke als Haine. Campanos rhetorische Aufgabe erforderte die Betonung deutscher Macht und Frömmigkeit, und deshalb lässt er sie, während die Germanen bei Tacitus einfach nichts ohne Waffen unternehmen, sogar Tempel in Waffen betreten.23 Unverhofft, mit wenigen Federstrichen, waren so die germanischen Vorfahren, wie Tacitus sie geschildert hatte, nicht mehr barbarisch, sondern beispielhaft in ihrer Tapferkeit und religiösen Frömmigkeit.
In gleicher Manier versicherte Campano seinen Zuhörern, wie einträchtig ihre Vorfahren gewesen seien, obgleich sich Tacitus an blutigen innergermanischen Konflikten geweidet hatte und darum betete, der wechselseitige Hass unter Roms Feinden möge erhalten bleiben, da dies das Reich schützen werde.24 Campano aber brauchte Frieden unter den deutschen Vorvätern: Die regionalen Anführer seiner Zeit, die miteinander in erbittertem Streit lagen, sollten ihre Schwierigkeiten überwinden und vereint gegen den gemeinsamen Feind ziehen. Ohne sich um alle vergangenen und gegenwärtigen Beweise für das Gegenteil zu kümmern und in einem Versuch, ihre Harmonie zu unterstreichen, erinnerte er seine Zuhörer an ihren Namen: »Ihr heißt Germanen wegen eures brüderlichen Geistes.«
Auch wenn es äußerst wahrscheinlich erscheint, dass Germani ein Ausdruck war, der von Caesar als Benennung sämtlicher Völker östlich des Rheins gedacht war, erörterten die Humanisten (ebenso wie ihre klassischen Vorfahren) die tiefere Bedeutung des Wortes – so als ob der Name schon alles sagte. Das lateinische Wort germanus kann die Bedeutung »verwandt« haben. Aufgrund dieser Etymologie galten die Germanen als Brüder – nicht der benachbarten Gallier, wie manche Humanisten (unter Berufung auf antike Gewährsleute) behaupteten, sondern untereinander, wie Campano und andere erklärten. »Ihr habt euch nicht mit anderen vermischt, sondern untereinander verbunden«, betonte Campano. »Ihr habt den Verkehr mit der Außenwelt und Ehen mit Fremden verschmäht; unter eben diesem Himmel geboren, seid ihr immer die Ureinwohner Deutschlands gewesen, nicht von anderswo eingewandert; und die Sitten, die eure Vorfahren von Anfang an hatten, bewahrt ihr bis zum Schluss.«25 Die alten Deutschen waren also reine Krieger. Versteckt in dieser ausführlichen Erklärung der nationalen Einheit findet sich das erste Zitat von Tacitus’ gefährlichster Passage: Germania, Kapitel 4 (mit eingeschobenen Teilen von Kapitel 2).
Somit sorgte die Geografie dafür, dass das gegenwärtige Publikum von den Helden vergangener Zeiten abstammte. Germanische und deutsche Krieger, die durch das gleiche Territorium und die gleichen Traditionen verbunden waren, standen in einem Kontinuum. Als Campano seine deutschen Zuhörer betrachtete, sah er Germanen: dieselben riesigen Leiber, bedrohlichen Augen und schreckenerregenden Stimmen. Er zögerte nicht, ihnen die ruhmreichen Siege vergangener Tage zuzutrauen, und er stachelte sie an: »Und da werdet gerade ihr zögern, mit den Türken zu kämpfen, ihr, deren Vorfahren bekanntermaßen einst gegen die Unwetter des Himmels und gegen Überflutungen zu den Waffen griffen?«26
In einem der zahlreichen Briefe, die Campano an Bekannte in seiner italienischen Heimat sandte, berichtet er, wie er seine Rede mit großer Sorgfalt abfasste, auch wenn er das Gefühl hatte, er poliere eine Perle, die vor die Säue geworfen werde. Denn wie er in einer anderen Mitteilung gestand, war sie von solcher Art, »dass Italien sie lesen, Deutschland aber nicht verstehen werde«.27 (Diese Sorge erwies sich allerdings als müßig, da er nie Gelegenheit hatte, die Auffassungsgabe seines Publikums auf die Probe zu stellen.) Wenn er sich in Regensburg umsah, erblickte er anscheinend nicht vieles, das ihm zusagte. In einer deutschen Umgebung, die seinem Sekretär Patrizzi so verändert, so prachtvoll und so einladend erschien, war Campano voller Feindseligkeit, von der Kälte betäubt, nur von Erinnerungen gewärmt und in dauernder Isolation. Unaufhörlich sandte er Briefe, und in einigen von ihnen bat er, man möge ihn auf der Stelle zurückkehren lassen, damit er nicht unter diesen Menschen seine Tage beschließe, die zwar schon tot seien, aber immer noch furzten. Um sein Leben musste er umso mehr fürchten, als er das Essen nicht vertrug, dessen Grobheit nur von den rohen Gefährten übertroffen wurde, die über seinen Tisch herfielen. In diesen Episteln waren die deutsche Gegenwart und die deutsche Vergangenheit in gleicher Weise barbarisch.
Campanos zwei Ansichten Deutschlands, die eine in der Rede und die andere in den Briefen, haben also kaum etwas anderes miteinander gemeinsam als die Tatsache, dass ihre rhetorische Form dem jeweiligen Zweck dient: Erstere ist geschrieben, um den deutschen Zuhörern zu schmeicheln und sie anzufeuern, Letztere soll ihre italienischen Adressaten unterhalten, waren die Briefe doch an Männer gerichtet, die von klassischer Literatur durchdrungen und infolgedessen mit Ovid, dem berühmtesten aller verbannten Dichter, bestens vertraut waren. Einer der Leser, Campanos Herausgeber Ferno, fand, sie seien »unvergleichlich geistreich« und wirkten so, als ob sich Campano an Ovids Verbannungsort Tomis aufgehalten hätte.28 Obgleich aber Campanos spielerischer Witz seinen Klagen eine besondere Betonung verlieh, war diese für die Augen vieler deutscher Leser nicht erkennbar. Als sie die Episteln durchgingen, die 1495 als Teil der gesammelten Werke erschienen waren, schäumten sie vor Wut. Sie fanden darin erneut ein Beispiel der weitverbreiteten italienischen Verachtung für nördliches »Barbarentum«, bei dem Alkoholismus, Fresssucht und Grobheit keinen Raum für feineren Geschmack ließen. Die Billette Campanos, die mit dem Stilett geschrieben waren, wurden darum mit der Streitaxt beantwortet: Ihren Verfasser beschimpfte man als »Weichling, Männerliebhaber, Masturbator und irrumator«.29
Obgleich aber die Korrespondenz die Leser nördlich der Alpen empörte, schmeichelte ihnen die Regensburger Ansprache doch so sehr, dass sie diesen »Feind und Verleumder der Deutschen« lasen, benutzten und zitierten.30 In deutschen Händen enthüllte die Rede die Möglichkeit einer beispielhaften Vergangenheit; sie verhalf den Lesern zu einer anderen Deutung des Tacitus und zu einer umfassenderen Wertschätzung für bestimmte germanische Werte, etwa das Motiv der Ureinwohnerschaft.
Und Tuysco war, wie sowohl Berosus als auch Cornelius Tacitus bezeugen, der Stammvater der Deutschen.
Annius von Viterbo, 1498
Etwa um die Zeit, in der die Briefe Campanos erschienen, kam es an einem anderen Ort zu einem Skandal, der jedoch größere Ausmaße hatte. Im Spätsommer 1498 verließen die Kommentare über die Werke verschiedener Verfasser, welche Altertümer erörtern die Druckerpresse von Eucharius Silber in Rom.31 Diese Altertümer (Antiquitates), eine Sammlung antiker historischer Texte, die bis dahin als verloren gegolten hatten, füllten die 216 folia der römischen Ausgabe mit einer neuen Darstellung von vorgeschichtlichen Zeiten vor und nach der Sintflut wie auch von Völkern, die Noahs Söhne auf immer noch regennassem Boden gegründet hatten. Ihr Herausgeber, der kaum bekannte Annius von Viterbo, hatte ihnen erklärende Anmerkungen, eine einführende Skizze und eine abschließende Zusammenfassung beigegeben. In der europäischen Gelehrtenrepublik sprach man schon bald aufgeregt von ihren Offenbarungen: davon, dass die Etrusker die wahren Gründer Italiens waren, das Noah einst selbst regiert hatte, und dass Romulus nicht, wie man allgemein annahm, der Stadt Rom seinen Namen verliehen hatte, sondern dass er nach der Stadt benannt worden war, die wiederum ihren Namen Roma, der Tochter des mythischen italischen Königs Italus, verdankte.
Für Deutsche enthielten diese wiederentdeckten Texte ebenfalls sensationelle Informationen. Sie erfuhren, dass sie von Tuysco abstammten, der als bis dahin unbekannter Sohn Noahs identifiziert wurde. Bei näherem Hinsehen stellt sich allerdings heraus, dass Annius selbst diesen Tuysco anscheinend aus dem Text des Tacitus übernommen hatte.a Dieser Einzelfall lässt den Charakter der Altertümer als ganzes Werk erkennen, hinter dessen schlau zurückhaltendem Titel sich eine Schrift verbarg, die bis auf den heutigen Tag als ein Meisterwerk kunstvoller Fälschung gilt.
In ganz Europa wetteiferten Familien, Stämme und Nationen darum, die frühesten Ursprünge für sich in Anspruch zu nehmen. Wie ein deutscher Humanist schrieb, gibt es fast kein Volk, »das es nicht liebt, mit einer weit zurück oder weit in die Ferne reichenden Herkunft aufzuwarten«.32 Diese Suche hatte Tradition: Schon während des Mittelalters hatte sich die ruhmreiche Stadt Troja großer Beliebtheit als genealogischer Ursprung erfreut, mit dem es nur noch die Nachkommen Noahs aufnehmen konnten. Trojaner, die sich aus den rauchenden Ruinen ihrer Stadt gerettet hatten, hatten, so glaubte man, hier und dort Städte gegründet und waren zu Stammvätern von Völkern geworden: als berühmtester der pflichtgetreue Aeneas, der, wie der römische Dichter Vergil schreibt, »durch das Geschick landflüchtig, Italien und der Laviner Küsten erreicht, durch Meer und Länder lange umhergetrieben« wurde.33 Ein weiterer Trojaner, Francus, war, wie die Chronik des Fredegar aus dem 7. Jahrhundert bewies, der namensgebende Stammvater der Franci, welche die französische Aristokratie als Vorfahren für sich in Anspruch nahm. Vor allem französische Könige waren stolz auf ununterbrochene Abstammung von trojanischen Vorfahren. Ihnen schlossen sich die Britannier und die Normannen an, die sich auf ähnliche Stammbäume gleichfalls viel zugutehielten. Herrscher wie der Habsburger Maximilian I., Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, Städte wie Augsburg und andere Autoritäten gaben Geld für Erkundungen ihres Alters und Ursprungs aus. Erfundene Geschichten kursierten natürlich in großer Zahl.
Unter den Fälschern war keiner größer als Annius von Viterbo (1432–1502). Seinen Geburtsnamen Giovanni Nanni hatte er in humanistischer Manier zu Annius latinisiert und den Namen seiner Geburtsstadt hinzugefügt. Als Mönch des Dominikanerordens, der in Theologie und Bibelauslegung sehr bewandert war und einen Ruf als Astrologe genoss, wurde er gegen Ende seiner Laufbahn offizieller päpstlicher Theologe, Maestro del Sacro Palazzo, bei Alexander VI. Als er sich der Abfassung der Altertümer, seines berühmtesten Werkes, zuwandte, hatte er bereits verschiedene Versuche in der Kunst der Fälschung unternommen. Mit neidischen Blicken auf die alte und hoch geschätzte Geschichte Athens und Roms hatte sich der Lokalpatriot mehrere Inschriften ausgedacht, von denen er einige in Stein gemeißelt, vergraben und dann durch glücklichen Zufall von einer Gruppe von Arbeitern hatte ausgraben lassen. Wer die epigrafische Abhandlung las, die er daraufhin eilends veröffentlicht hatte, erfuhr die erstaunliche Neuigkeit, dass Viterbo in Lazio, 70 Kilometer nordwestlich von Rom, in Wirklichkeit in biblischer Zeit von dem italischen Gott Janus gegründet worden war (und das war der Name, den die Heiden keinem anderen als Noah gegeben hatten). Aus dieser fantastischen Gründung folgte, dass seine Stadt älter und somit ehrwürdiger war als Rom. Die Altertümer, die auf ähnliche Weise von Eifersucht motiviert waren, verfolgten das gleiche patriotische Ziel, gingen dabei aber viel kühner vor. Das Unternehmen bezweckte nichts Geringeres als die Umschreibung der Weltgeschichte von drei Generationen vor der Sintflut bis hin zur Gründung Trojas – ein Projekt, bei dem mit dem Talent nur die Eitelkeit wetteiferte.34
Bei der Herausgabe dieser 17 Texte, in denen geografisch Europa im Mittelpunkt stand, die aber auch Afrika und Asien behandelten, behauptete Annius im Vorwort, er habe sich an die schmucklose Wahrheit gehalten. Die Texte würden, so schärfte er seinen Lesern ein, das ruhmreiche Altertum nicht nur seines Landes, sondern ganz Europas vor Augen führen. Doch bei den angeblichen Autoren des Bandes, die zeitlich von Alexander dem Großen (3. Jahrhundert v. Chr.) bis zum römischen Kaiser Antoninus Pius (2. Jahrhundert) reichten, handelte es sich mit Ausnahme eines einzigen um Alter Egos des Herausgebers. Ihre klangvollen Namen standen für »außerordentliche Gelehrsamkeit«, wie ein späterer Kritiker bemerkte, und sie forderten Ehrfurcht, die zusätzlich durch die Präsentation des Materials nahegelegt wurde: In dem römischen Wiegendruck hebt eine ehrwürdige Frakturschrift die angeblich authentischen Zitatschnipsel hervor, die etwa zehn Zeilen lang sind, und ringsherum stehen die gelehrten Kommentare des Herausgebers.35 Diese editorischen Glossen, Zitate und Verweise halfen den Lesern dabei, die faszinierenden Fakten und Abbildungen zu verstehen, und zwar nicht zuletzt dadurch, dass sie mit existierenden klassischen Texten wie der Germania des Tacitus verknüpft wurden. Texte und Kommentare verwoben biblische Geschichten und klassische Mythen zu einem historischen Teppich aus vorsintflutlichen Zeiten. Der wichtigste Text – fünf Bücher voller Aufzählungen von vorgeschichtlichen Königen und Stammbäumen der Nachkommen Noahs – taucht gegen Ende der Anthologie auf, und darin findet sich die Erwähnung des germanischen Stammvaters Tuysco.
In den einleitenden Bemerkungen zu dieser längsten und spektakulärsten »Entdeckung« stellte Annius seinen humanistischen Lesern den Autor als Berosus vor, »dem Vaterland nach ein Babylonier, der Stellung nach ein Priester«.36 Sie erfuhren auf diese Weise, was sie zum Teil schon von antiken Gewährsleuten wie dem Enzyklopädisten Plinius dem Älteren und dem Historiker Flavius Josephus wussten, die beide im 1. Jahrhundert gelebt und Berosus in ihren Werken erwähnt hatten. Der wirkliche Berosus war in der Tat ein chaldäischer Priester gewesen, der sich im frühen 3. Jahrhundert v. u. Z. nicht nur als Astrologe einen Namen gemacht, sondern auch (auf Griechisch) eine babylonische Geschichte in drei Bänden geschrieben hatte, von der sich Bruchstücke erhalten haben. Ihr Inhalt überschnitt sich mit dem Alten Testament, und Noah kam darin vor. Wenn seiner Fiktion solche Fakten vorangingen, dann würde das, so kalkulierte Annius zu Recht, die Glaubwürdigkeit erhöhen. Er betonte daher auch, dass Berosus der Kustos der Bibliothek in Babylon gewesen sei, welche die Chaldäer seit den Tagen Adams in Betrieb gehalten hätten (Annius spielt hier auf eine mittelalterliche Legende über ein vorsintflutliches Buch an). Doch obgleich er so groß herausgestellt wurde, teilte dieser Pseudo-Berosus mit seinem echten Namensvetter kaum mehr als den Namen – wie ein umsichtiger Kritiker ein Jahrhundert später verächtlich bemerkte.
Mit großer Sorgfalt entfaltete Annius den Inhalt der nunmehr fünf Bücher des Berosus, die er, so behauptete er, von einem armenischen Dominikaner erhalten hatte. Am Anfang stand eine Zusammenfassung der Berichte der chaldäischen Priester über die Zeit vor der Sintflut, darauf folgten Genealogien der Stammväter, welche die Welt erneut bevölkerten, nachdem sich die Wasser verlaufen hatten. Dieser zweite Teil ging dann in eine Darstellung des Zeitalters des Janus über, der mit Noah gleichgesetzt wurde, während der vierte und der fünfte Teil von den Altertümern verschiedener früher Königreiche wie etwa des assyrischen berichteten. Tuysco trat in den nachsintflutlichen Genealogien auf, wo er sich als Halbbruder zu Noahs Söhnen Sem, Ham und Japheth gesellte. Er war »der Stammvater der Deutschen«, fügte Annius in seinem Kommentar hinzu, »wie sowohl Berosus als auch Cornelius Tacitus bezeugen«.37 Da sich Annius immer der Schwierigkeiten bewusst war, die seine Leser womöglich hatten, vermutete er, ein großer Teil der Namen von Tuyscos Nachkommen, die sich in dem Werk des Berosus fanden, könnte »ziemlich obskur« erscheinen, und gab deshalb das Kapitel des Tacitus, in dem die einheimischen Vorstellungen der Germanen über ihren Ursprung behandelt werden, in vollem Wortlaut wieder. Diese Passage war bis dahin noch nicht zitiert oder verwendet worden:
[Die Germanen] preisen in alten Liedern, die bei ihnen die einzige Art von Erinnerung und Annalen sind, den der Erde entsprungenen Gott Tuysco und seinen Sohn Mannus als den Ursprung und Begründer ihres Volkes. Dem Mannus schreiben sie drei Söhne zu, nach deren Namen die dem Meer zunächst Wohnenden Ingaevonen, die mittleren Herminonen und die übrigen Istaevonen genannt werden. Manche aber behaupten angesichts der Ungewissheit, welche die Länge der Zeit mit sich bringt, er habe noch mehr Nachkommen gehabt, nach denen Marser, Gambrivier, Sueben und Vandilier benannt seien; und das seien die echten und alten Namen.38
Der heidnische Gott hatte anscheinend einen biblischen Stammbaum. Das war eine willkommene Information. Indem sie den von Tacitus erwähnten erdgeborenen, aber irgendwie entwurzelten germanischen Gott Tuysco auf den Stammbaum Noahs aufpfropften, erklärten die Altertümer den deutschen Lesern, wer sie im Verhältnis zu den anderen europäischen Völkern und deren jeweiligen Urhebern waren. Gewiss, alle Europäer waren Nachkommen Noahs, aber Berosus wusste weiter zu berichten, dass Noah die Nachkommen Tuyscos adoptierte und sie seinen anderen, ebenfalls Nationen begründenden Abkömmlingen vorzog. In dieser Hinsicht hatten die Deutschen (zusammen mit den Sarmaten, Völkern, die auf dem östlichen Balkan und im Süden des europäischen Russland ansässig waren) Vorrang vor den übrigen europäischen Völkern – wie auch in der Überschrift dieses Teils von Annius’ Text betont wird.39

5. Noahs Sohn Tuysco, der deutsche Stammvater (nach Annius von Viterbo).
Der Text des Tacitus, aus dem Annius schöpfte, um den chaldäischen Bericht zu erfinden, wird im Kommentar zitiert, um das Fantasieprodukt zu beglaubigen. Wie schlau diese Strategie war, bezeugt die Wirkung, die sie auf den skeptischen Leser Sebastian Münster, den Verfasser der ersten deutschen Kosmografie (Cosmographia), ausübte. Wie immer es mit seinen sonstigen Zweifeln stand, Münster beruhigte sich, dass Berosus zumindest im Hinblick auf die Germanen nicht angezweifelt werden könne, da er ja durch die Darstellung des Tacitus bestätigt werde.40 In ähnlicher Weise von Tacitus gestützt wurde Berosus in seinem vierten Buch, das »die alten Zeiten der Königreiche der ganzen Welt« offenlegt.41 Das deutsche Territorium, das angeblich unter der Herrschaft Tuyscos und seiner Nachkommen gestanden hatte, fiel mit dem alten Territorium zusammen, das am Anfang der Germania umrissen wird. Der mit Sicherheit brillanteste (oder unverschämteste) Schachzug ist jedoch die Bemerkung des Annius, dass Berosus die »Germanen« als »Tuysconen« bezeichnet. Diese Benennung interpretiert er als Beweis dafür, dass der chaldäische Priester vor den römischen Caesaren lebte, da die Germanen erst in den Tagen von Julius Caesar unter diesem Namen bekannt wurden.
Über das Gespann von Autor und Kommentator witzelte wenige Jahrzehnte später ein scharfsichtiger Leser: »So oft der eine den Bock melkt, hält der andere noch ein Sieb unter.«42 Doch bei aufgeregten, aber hinters Licht geführten Intellektuellen kursierten die Fantasieprodukte des »Herausgebers« noch mehr als 250 Jahre lang. Eine italienische Übersetzung sowie Bearbeitungen in anderen Volkssprachen und Medien, auch in Kunstwerken, gesellten sich rasch zu den (mindestens) 25 Ausgaben, die bis 1551 in Frankreich, Deutschland, Italien und den Niederlanden gedruckt wurden.43 Nach den Maßstäben der Renaissancezeit war das Buch ein internationaler Bestseller. Manche Ausgaben ließen die Kommentare des Annius weg und druckten die unkommentierten »Originaltexte«, was ihnen noch mehr Autorität verschaffte. (So verfuhr die zweite Ausgabe, Siebzehn Bände verschiedener Altertümer, die Ende 1498 in Venedig erschienen war.) Die meisten Leser unterdrückten ihre Skepsis gegenüber den Werken des Annius wegen ihres verlockenden Inhalts, der scheinbaren Ernsthaftigkeit ihrer Präsentation und der Tatsache, dass sich der Autor erklärtermaßen an philologische Standards hielt. Vor allem aber war es patriotische Begeisterung, die sie – Deutsche, Franzosen, Italiener, Spanier und Niederländer – dazu veranlasste, dort auf Berosus zu verweisen, wo sie auf seinen Herausgeber und Kommentator Annius hätten verweisen sollen. Leichtgläubigkeit sorgte für Glaubwürdigkeit.
In der Rhetorik der Vergangenheit stützten sich Piccolomini, Campano und Annius allesamt auf die Germania des Tacitus als Darstellung deutscher Geschichte, aber jeder mit einem anderen Ziel: als historische Beleuchtung kulturellen Wandels; als Beweis für ethnische Kontinuität oder einfach als Vorgeschichte. Ob der älteste Ursprung der Germanen genannt war oder nicht, ob Tuysco (Tuisto) als Stammvater erwähnt wurde oder nicht, der Glaube, der sich um die Wende zum 16. Jahrhundert verfestigte, ging dahin, dass die zeitgenössischen Deutschen Nachkommen der Germanen seien. Während des Mittelalters waren deutsche Genealogien größtenteils dynastisch und stammesbezogen gewesen: Sie bezogen sich auf die Habsburger oder auf die Bayern, nicht aber auf die Deutschen. Die Wiederentdeckung der Germania änderte das ein für allemal. Als sie hinter den Schleiern der Zeit die Germanen enthüllte, kamen die deutschen Vorfahren zum Vorschein.
[Cornelius Tacitus] ist nichts Geringeres als der zweite Gründer Deutschlands.
Franciscus Irenicus, 1518
Die deutschen Humanisten eigneten sich die Germania als verspätetes Geschenk aus Rom an, als ein wahrhaft »goldenes Büchlein«, das ihre italienischen Kollegen an sie weitergereicht hatten.1 Mit klassischer Feder geschrieben, warf es dringend benötigtes Licht auf die deutsche Vergangenheit: Von Anfang an eingesessen und rein, hatten ihre Vorfahren ein hartes, aber freies, einfaches, aber sittliches Leben als hochgewachsene, hellhäutige und flachshaarige Männer und Frauen des Krieges geführt. Nicht gerade ohne Fehler, aber gewiss lobenswert konnten sie es mit ihren intellektuell überlegenen römischen Zeitgenossen durchaus aufnehmen; was ihnen an kulturellem Raffinement fehlte, machten sie durch moralische Rechtschaffenheit mehr als wett. In einer literarischen Kultur, die von der römischen Antike beherrscht wurde, ließen sie Jacob Wimpfeling, den elsässischen Verfasser der ersten Geschichte Deutschlands, im Jahr 1505 erklären: »Wir werden uns dessen rühmen, dass wir von unseren germanischen Vorfahren abstammen.«2 Ihm wie auch vielen anderen in der Gemeinschaft der Humanisten half die Germania dabei, den Charakter ihrer Vorfahren – die Tugenden mehr als die Laster – zu bestimmen, und sie gestattete es ihnen, sich eine gemeinsame deutsche Nation zu erträumen: Elsässer, Bayern und Sachsen waren, so rief ein anderer Humanist aus, allesamt »Zweige ein und desselben Baumes«, und dieser Baum wurzelte in der taciteischen Vergangenheit.3
Um die Wende zum 16. Jahrhundert, in einer Zeit dramatischen kulturellen Wandels – Gutenberg hatte die Druckerpresse erfunden –, kam es überall im Heiligen Römischen Reich zum Ausbruch nationalistischer Empfindungen. Dieses staatliche Gebilde, an dessen Spitze ein weiterer habsburgischer Kaiser stand, setzte seine Existenz als unbeholfene Ansammlung disparater Territorien zu einer Zeit fort, in der Frankreich, England und Spanien die politische Macht zentralisierten und nationalisierten. Maximilian I. (1459–1519), der 1493 die Nachfolge seines Vaters Friedrichs III. angetreten hatte und auf den 1519 sein Enkel Karl V. folgte, litt ständig an Geldknappheit, und daher mangelte es ihm in einem Zeitalter von Söldnern an militärischer Macht. Im Innern stieß er auf den Widerstand von Territorialfürsten, denen der Sinn nach Unabhängigkeit stand und die sich nicht überstimmen lassen mochten, und er lernte, dass das, was Enea Silvio Piccolomini über die Herrschaft seines Vaters gesagt hatte, auch für die seine zutraf: »Der Name des Kaisers gilt mehr bei den Fremden als bei den eigenen Leuten.«4 Das Reich hatte immer noch seinen romantischen Charme, aber es mangelte ihm an realer Macht, und bedroht wurde es nicht nur von den Türken, die Übergriffe auf seine Territorien unternahmen, sondern auch aus seinem Inneren heraus: Das »gemeinsame deutsche Vaterland« spürte, wie die beiden Bögen des römischen Jochs auf seinen Schultern lasteten.5 Der Heilige Stuhl beharrte auf seinen Privilegien, er besetzte die Vakanzen in der deutschen Kirche nach Gutdünken und zum eigenen Profit – die Hirten waren an nichts anderem interessiert als daran, ihre deutsche Herde zu scheren, höhnte ein Humanist zu einer Zeit, da die Reformation die Gemeinschaft der Christen zu spalten begann. Unterdessen trat das römische Gesetzbuch an die Stelle des deutschen Gewohnheitsrechts und musste auf kaiserlichen Erlass hin in den Grenzen des Reiches angewendet werden. Für angehende Nationalisten waren das beunruhigende Zeiten.
In einer Zeit, in der das Reich auf tönernen Füßen humpelte – um es mit den Worten Piccolominis zu sagen –, gewann der Gedanke einer deutschen Nation an Boden.6 Zwar waren die deutschen Humanisten in ihren regionalen Gemeinschaften verankert und zugleich übernationalen humanistischen Idealen verpflichtet, aber in zunehmendem Maße sprachen sie jetzt von »allen Deutschen«, von »ganz Deutschland« und dem bereits zitierten »gemeinsamen deutschen Vaterland«. Für viele fiel es mit dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation zusammen. Doch in offensichtlicher Ermangelung einer politischen Union wurde diese »deutsche Nation« kulturell definiert, wobei man insbesondere auf die gemeinsame und sittlich überlegene Vergangenheit zurückgriff. Infolgedessen gingen unter Kaiser Maximilian zahlreiche Humanisten wie Jacob Wimpfeling daran, ihre eigenen Geschichtsdarstellungen zu schreiben – zumeist allerdings auf Latein, wie es die Zeit erforderte.
Denn die europäische Gelehrtenrepublik wurde immer noch von Süden her beherrscht. Seit über einem Jahrhundert propagierten die italienischen Humanisten zuversichtlich die beispielhafte Kultur der römischen Klassiker und beherrschten in ihren Schriften das Lateinische – die unangefochtene Lingua franca – mit unvergleichlicher Leichtigkeit und Eleganz. Sie waren gebildet und stolz, und viele von ihnen äußerten unliebenswürdige Ansichten über andere Nationen. Insbesondere die deutschen Humanisten, die ja den gleichen ästhetischen Idealen verpflichtet waren, rieben sich an stereotypen Vorwürfen einer tierischen Existenz, die sich nur durch Trägheit und weitverbreiteten Alkoholismus ertragen ließ – Tendenzen, die ihnen schon Tacitus zugeschrieben hatte. Manche zahlten es den Italienern in gleicher Münze heim und warfen deren Kultur vor, sie verdiene in erster Linie wegen der von ihren Vertretern praktizierten Masturbation und Männerliebe Beachtung. Nüchternere Stimmen hoben dagegen den kulturellen Wandel hervor, in dessen Zuge an die Stelle der von Tacitus beschriebenen Sümpfe und Wälder eine »ansehnliche und fruchtbare« Stadtlandschaft getreten war.7
Ungeachtet der patriotischen Begeisterung für die Gegenwart blieb die Einstellung der Humanisten zu ihrer patria jedoch ambivalent. Ihre Volkssprache, »eine barbarische Zunge«, schätzten sie gering (ein formeller Deutschunterricht wurde damals nicht erteilt, und bis in die 1530er-Jahre hinein gab es auch keine Grammatiken, die den Gebrauch der deutschen Sprache regelten); den kulturellen Fortschritt maß man an der Beherrschung des Lateinischen, am Umfang der Kenntnis griechischer und (überwiegend) lateinischer Texte sowie an der Produktion literarischer Werke, die sich an lateinischen Vorbildern orientierten. 8 Der Eintritt in die Gelehrtenrepublik bedeutete für die deutschen Humanisten, dass sie sich einen lateinischen oder latinisierten Namen zulegten: Wolfgang wählte sich eine wörtliche Übersetzung der beiden Bestandteile seines Vornamens und nannte sich Lupambulus; Wodka entschied sich mit ausgleichender Ironie für Abstemius, während Gockenschnabelius seinen angestammten Namen lediglich um eine lateinische Endung erweiterte. Durch ihre literarischen Bemühungen in der lateinischen Sprache sollten die neun Musen eingeladen werden, vom Tiber an den Rhein zu ziehen. Auf diese Weise hätten die Deutschen nicht nur die militärische, sondern auch die kulturelle Herrschaft der Römer geerbt. Es mag paradox erscheinen, aber im Hinblick auf die Kultur war diese frühe Form des deutschen Nationalismus romanozentrisch.
Im Mittelpunkt dieser Bemühungen stand der deutsche Erzhumanist Conrad Bickel. Während seiner Studentenjahre hatte er angefangen, sich Celtis zu nennen – ein seltenes lateinisches Wort, das »Meißel« bedeutet –, und dazu hatte er sich noch einen hellenisierten zweiten Namen gegeben, sodass er nun Conradus Protucius Celtis hieß. Als Celtis stellte er seine Berufung in dichterischer Form dar: Apollo, der griechisch-römische Gott der Dichtkunst, hatte bei seiner Geburt geweissagt, der Neugeborene werde seine schöne Kunst in Deutschland fördern, und viele Jahre später beauftragte er den jungen Mann, »die vier Regionen seines Vaterlandes zu besingen«.9 Von Natur aus war Celtis zwar nicht nachgiebig, aber doch klug genug, einem Gott zu gehorchen, und so verbrachte er einen großen Teil seines Lebens (1459–1508) als Poet und Patriot, der diesen beiden Aufgaben nachging. Zehn Jahre lang reiste er durch Deutschland und sammelte Eindrücke; an verschiedenen Universitäten lehrte er lateinische Literatur und gründete Bruderschaften, in denen sich Humanisten sammelten. Um die Wende zum 16. Jahrhundert war fast jeder deutsche Humanist von Bedeutung irgendwie in seine Aktivitäten verwickelt. Zeitgenossen priesen ihn als Vermittler römischer Kultur, und seine 1492 gehaltene Eröffnungsansprache an der neu gegründeten bayerischen Universität Ingolstadt wurde rasch zu einem der programmatischen Texte des deutschen Humanismus. Darin ermahnte er seine Zuhörer, »sich in erster Linie denjenigen Studien zuzuwenden, die euren Geist sanfter und gebildeter machen können«, also den freien Künsten. Danach sollten sie ihre Fertigkeiten darauf verwenden, über die Geschichte und die Geografie ihres gemeinsamen Vaterlandes zu forschen und zu schreiben.10
So wohlhabend die Gegenwart auch war, die Vergangenheit ähnelte immer noch einer Einöde. Im Gegensatz zu den Römern hatten es die alten Deutschen versäumt, mit dem Federkiel weiterzuverfolgen, was sie mit dem Schwert vollbracht hatten; eine von einheimischer Hand geschriebene historische Darstellung gab es nicht. Dieser viel beklagte »Mangel an Schriftstellern« schien das italienische Urteil zu bestätigen, dass bei einem Blick auf die deutsche Vergangenheit alle forschenden Augen nicht mehr finden konnten, als dass da nichts zu finden war.11 Und das Wenige, das man wusste, verdankte man zu allem Unglück auch noch griechischen und römischen Autoren. Die deutschen Humanisten waren jedoch der Ansicht, vor allem letztere hätten »ihrem Volk immer größeren Sieg und mehr Ehre zugeschrieben als den Deutschen, obgleich die Deutschen sich ehrlicher und mannhafter gehalten hatten«.12 Zum Glück war da »unser Cornelius«, dem man bereitwillig einen Sonderstatus einräumte.13
Die Rolle, die Tacitus im beginnenden nationalistischen Diskurs spielte, kann gar nicht hoch genug veranschlagt werden. Allgemein war man sich damals einig, man wüsste »noch nicht einen Buchstaben von dem Herkommen der Deutschen …, wenn solches nicht Cornelius Tacitus, wiewohl ein Römer … aufgezeichnet hätte«, wie die Vorrede zu einer 1541 erschienenen deutschen Geschichte einräumte.14 Um die Authentizität des einzigartigen Zeugnisses dieses Römers zu steigern, bestand die Mehrzahl seiner Leser darauf, dass er die Gebiete östlich des Rheins besucht habe. Die Enthusiastischeren gingen noch weiter und verwandelten Tacitus’ Status als Ausländer – »ein Römer, kein Deutscher« und somit in Wirklichkeit »der Feind« – in einen Vorteil: Warum hätte er ihre Vorfahren preisen sollen, wenn nicht das, was er zu schreiben hatte, unausweichlich wahr war?15 Trotz ihrer dankbaren Aufregung über die »höchst elegante Beschreibung in seiner Germania« blieb für die Leser im 16. Jahrhundert immer noch die Frage offen, was wohl ein alter Deutscher von sich aus berichtet hätte.
Als »wahre Liebhaber und Verteidiger ihres Vaterlandes« gingen die deutschen Humanisten schon bald daran, den Versäumnissen der Vergangenheit abzuhelfen und »über die unzähligen Ruhmestaten ihrer Vorfahren zu schreiben«.16 Einer umfassenden Beschreibung Deutschlands aus deutscher Feder bedurfte es umso mehr, als ausländische Autoren immer noch »die deutsche Tugend wie Schlangen anzischten« und ihre giftigen Lügen verbreiteten. 17 Celtis, der ebenso wie viele andere letztlich römischen und italienischen Schriftstellern die Schuld an Deutschlands schlechtem Ruf gab, schrieb als Teil eines unvollendeten größeren Vorhabens ein lateinisches Gedicht, das seine eigene Ausgabe der taciteischen Germania begleitete. Dieses Werk, das schon bald unter dem Titel Germania generalis kursierte, lieferte in 283 Hexametern eine strahlende Skizze Deutschlands, in der sich Kosmogonie, Geschichte, Geografie und Ethnografie vermengten. In dem Abschnitt »Über die Lage Deutschlands und seine Lebensart« war Celtis nach Ansicht eines Freundes sogar »noch beredter und glänzender« als Tacitus.18 Darin beschrieb er, wie seine Zeitgenossen noch immer an den Werten ihrer Vorväter festhielten. Aber sie hatten ihre Fertigkeiten vervollkommnet. Sie waren gewohnt, sich »mit verschiedenartigen Kunstfertigkeiten ihren Lebensunterhalt zu erwerben, wie etwa den wachsenden Wein an freistehende Stöcke zu binden und die fetten Äcker zu durchfurchen mit vierspännigem Pflug«. Er führte aus, wie es nun üblich war, »sich bald dem Unterricht der gelehrt kündenden Minerva zuzuwenden oder Segelschiffe über die schwankenden Meere zu lenken«. Celtis’ Gedicht schilderte eine ideale Welt, in der sich hohe Kultur und hohe Sittlichkeit miteinander verbanden. Zusammen mit der Germania des Tacitus bildete es ein Diptychon, Vergangenheit und Gegenwart Seite an Seite, das dem Erzhumanisten im Winter 1501 als Grundlage für eine Vorlesungsreihe über den Text des Tacitus diente. Dies war die erste derartige Veranstaltung nördlich der Alpen.
Andere hatten Tacitus schon früher gelesen und benutzt. Doch obgleich die ersten Spuren der Germania in den Werken deutscher Humanisten bereits in den 1450er-Jahren in der Nähe von Augsburg auftauchen, kam es erst um die Jahrhundertwende dazu, dass das Werk in den Rang einer Gründungsurkunde Deutschlands erhoben wurde. Der Übergang von vereinzelter Lektüre zu einer weit verbreiteten und anhaltenden Beschäftigung mit der Germania fiel mit dem Erscheinen der von Celtis veranstalteten und mit seiner Beigabe versehenen Edition zusammen. In seinem Gedicht klangen die schon bald allgemein vertretenen germanischen Überzeugungen an, und im Zusammenspiel mit der Germania-Ausgabe ist es ein typisches Beispiel für den herrschenden ideologischen – im Gegensatz zu einem philologischen – Umgang mit der germanischen Vergangenheit. Kein Einzelaspekt demonstriert dies deutlicher als eine bestimmte Änderung, die Celtis am Text des Tacitus vornahm. Dort, wo das Original von »Menschenopfern« (humanis quoque hostiis) spricht, entdeckte er einen Schreibfehler, emendierte das problematische erste Wort und schlug die Fassung »seine Opfer« (huius quoque hostiis) vor. Das ergab so gut wie keinen Sinn, aber damit war er die barbarische Praxis los, auf die Enea Silvio Piccolomini in seinem weniger als fünf Jahre zuvor erschienenen Bericht über Deutschland hingewiesen hatte.
Als Celtis, Wimpfeling und ihre Altersgenossen auf ihre Vergangenheit zurückblickten, sahen sie den Germanenmythos, der durch Ureinwohnerschaft und Reinheit, Freiheit, Tapferkeit und Treue wie auch durch schlichte Sittlichkeit gekennzeichnet war. Im Gegensatz zu den jüngsten italienischen Anschuldigungen waren ihre Vorfahren ein Volk, das »durch Stärke, hohen Wuchs und Schönheit des Leibes alle Völker übertraf« und das Nachahmung verdient hatte.19 Die Rhetorik der Vergangenheit, mit der Piccolomini begonnen hatte, sollte eine Fortsetzung finden.
[Sie sind] ein Volk von Ureinwohnern, das seinen Ursprung nicht von einem anderen Geschlecht herleitet, sondern unter seinem eigenen Himmel erzeugt wurde.
Conrad Celtis, 1501
Der ritterliche Kaiser Maximilian I. war von deutschen Fürsten, die sich weigerten, am Reichstag in Nürnberg mitzuwirken, zum Rückzug nach Innsbruck gezwungen worden. Seinem frisch gekrönten Poeta laureatus Heinrich Bebel (1472–1518) war nichts anderes übrig geblieben, als ihm zu folgen. Am 30. Mai 1501 stand er vor dem Hof, um zum Zeichen seiner Dankbarkeit für die kürzlich erfolgte Krönung sowie zum Lob des Kaisers und auch des deutschen Volkes seine lateinische Rede zu halten. Doch Bebel, der an der neu gegründeten Universität Tübingen Rhetorik und Dichtung lehrte, begann damit, dass er dem Publikum seine nächtliche Vision erzählte: Im Traum war ihm eine alte Frau erschienen, so eindrucksvoll und majestätisch, dass sie kein Mensch sein konnte, aber in Lumpen gehüllt und ausgemergelt. Deutschland – das war die Erscheinung – hatte sich bei ihm über die Zustände beklagt, insbesondere über die Unbotmäßigkeit der Fürsten (die allen Anwesenden lebhaft vor Augen stand). Solcher Streit, so warnte sie, hatte schon früher Reiche gespalten; und sie bat um Hilfe bei der Wiedererlangung ihrer einstigen Größe. Nachdem Bebel die gegenwärtigen Leiden seiner Nation übermittelt hatte, wandte er sich zum Trost ihrer großen Vergangenheit zu. Er wusste, dass er mit der ungeteilten Aufmerksamkeit seines Kaisers rechnen konnte. Maximilian I. beschäftigte einen Stab von Historikern, deren Aufgabe es war, die Anfänge seiner Familie bis zu den Trojanern und sogar bis zu den Nachkommen Noahs zurückzuverfolgen.
Wie nicht anders zu erwarten, legte Bebel in seinem langen Katalog der Tugenden und Errungenschaften des deutschen Volkes großes Gewicht auf dessen Ursprung und Alter; von der Rheinregion ließ er jedoch nicht ab. »Keine Einwanderer haben den Germanen den Ursprung gegeben«, behauptete er, »und auch kein da und dort aufgelesener Mischmasch [colluvies] von Volk.« Wo, so fragte sich sein Publikum vielleicht, kamen sie denn her? »Wir sind auf eben dem Boden geboren, den wir bewohnen, und unser Wohnsitz ist auch unser Ursprung.«20 Im Gegensatz zu Campano, dessen Regensburger Ansprache Bebel gut kannte, stützte der Poeta laureatus diesen feierlichen Anspruch mit einem ausführlichen Zitat aus den genealogischen Teilen der Germania und einem expliziten Verweis auf Tacitus (seinen Lieblingszeugen, obgleich er Römer, Ausländer und Feind war, wie Bebel immer wieder bemerkte). Im Anschluss daran machte er Ausführungen zum ehrwürdigen Alter seiner Nation – das er schon in der Beschreibung der alten Frau (vetula) angedeutet hatte – und berief sich zum Beweis auf den chaldäischen Priester Berosus in der von Annius fabrizierten Ausgabe. Zwar traf es zu, wie Bebel einräumte, dass »die meisten Städte und Völker sich viel auf ihren Ursprung und ihr hohes Alter zugute tun«, aber niemand tat das seiner Ansicht nach mit größerem Recht als die Deutschen.21 Ihr autochthoner Status machte sie zu etwas Besonderem.
Bei seiner propagandistischen Unterstützung für das Reich, das in seinen Augen im Großen und Ganzen mit Deutschland zusammenfiel, ging Bebel über das hinaus, was der Hof von seinen Poetae laureati erwartete, und meldete sich in zahlreichen Schriften lautstark zu Wort. In Justingen, einer Stadt im nahezu machtlosen Herzogtum Schwaben, geboren, war er außerordentlich stolz auf die Geschichte und das Erbe seiner Region: Die Schwaben waren die besten Deutschen. Doch sein Patriotismus reichte viel weiter, wie seine lateinische Wendung patria me Germania, in der das deutsche Vaterland die erste Person ich umschließt, augenfällig und elegant zu verstehen gibt. Dieses Gefühl der Zugehörigkeit band ihn nicht nur an die südwestlichen Teile des Reiches, die er nicht einmal verließ, um sich auf die für den Humanisten obligatorische Reise nach Italien zu begeben, sie veranlasste ihn auch dazu, den Ruf seiner Landsleute zu verteidigen, wann immer er durch Halbwahrheiten und Verleumdungen bedroht wurde, die man südlich der Alpen verbreitete. Er nahm daher sofort Anstoß an Piccolominis Darstellung der angeblichen Abstammung der Deutschen von trojanischen Vorfahren, auf die er gestoßen war, als er an seiner Rede für Maximilian I. arbeitete. Er tat sie zwar als eine von »gewissen vulgären Geschichten« ab, war aber doch so stark irritiert, dass er die genealogische Frage danach umfassender behandelte und einen bloßen Abschnitt der Innsbrucker Rede zu einer eigenständigen Abhandlung verarbeitete.22 Deren Titel und erster Satz lauten: »Die Deutschen sind Ureinwohner.« Diese Schrift, 1509 erschienen, ist im Wesentlichen ein Diskurs über die Kapitel 2 und 4 der Germania. Bebel wollte darin Piccolomini »nicht aus Schmähungs- oder Ruhmsucht widersprechen, sondern aus Liebe zum Vaterland, dem ich alles verdanke«. Welches Motiv auch immer dem Werk letztlich zugrunde lag, es bestätigte nicht nur den Status der Deutschen als Ureinwohner, sondern auch die Reinheit als zentrales Element des germanischen Katechismus.
Denn abgesehen davon, dass die Germanen ihre Anfänge niemandem verdankten, waren sie, so Bebel, immer »ohne die Infiltration [fremder] Zuzüge« geblieben; sie waren nicht verfälscht worden.23 Während Wellen von Völkern die Apenninenhalbinsel überschwemmt hatten, war über deutsche Lande nur die Zeit hinweggegangen. Das garantierte eine direkte Verbindung zwischen der antiken Vergangenheit und Bebels Gegenwart und gestattete es ihm zu erklären: »Wir sind ihr Blut [sumus illorum sanguis], ihr leibhaftiges Ebenbild. In uns erstrahlen der wunderbare Adel und die Geistesgröße unserer Vorfahren.« Um diese außergewöhnliche Genealogie – derartiger Anfänge konnten sich ja nur wenige andere Völker rühmen – in vollem Umfang würdigen zu können, musste man sich an die gewöhnliche trojanische Abkunft der Römer und an ihre frühe Entwicklung als Volk erinnern. Hierüber machte Bebel bei mehr als einer Gelegenheit abfällige Bemerkungen. Wie seine Zeitgenossen wussten, hatte Roms erster König Romulus die künftige Hauptstadt der Welt zu einer »Freistätte« erklärt, damit die neu gegründete Siedlung nicht leer bleibe, und rasch sammelte sich dort eine beträchtliche Zahl von Männern der Nachbarvölker. Dies war, so fügte ein antiker römischer Historiker hinzu, das erste Fundament künftiger Größe. Als Bebel aber in seiner Rede vor Maximilian I. und später erneut in seinen historischen Schriften auf den römischen Gründungsmythos zu sprechen kam, hätte er kaum einen vernichtenderen Ausdruck wählen können als »Mischmasch von Volk«. Die Assoziationen, die sich mit dem lateinischen Ausdruck colluvies verbinden, sind unterschiedlich, aber ihnen allen gemeinsam ist der Gedanke der Unreinheit (eine der frühesten Bedeutungen des Wortes ist »Zusammenfluss von Kloaken«).24
Wie sich herausstellte, war der taciteische Mythos vom autochthonen und reinen deutschen Volk der zuvor herrschenden trojanischen Genealogie, die Maximilians Forschungsstab verfolgt hatte, aus mehreren Gründen weit überlegen. Infolgedessen verfiel Letztere in zunehmendem Maße der Lächerlichkeit, bis sie praktisch von der Bildfläche verschwand. Ein Zeitgenosse Bebels und offizieller Hofhistoriker der bayerischen Herzöge, Johannes Turmaier, besser bekannt unter seinem humanistischen Namen Aventinus, ließ seinem Ärger über die Leute freien Lauf, die sich für Deutschland trojanische Ursprünge ausdachten, obgleich doch »wohl 700 Jahre vor dem Königreich Troja das deutsche Erzkönigreich existiert hat« – gegründet worden war es 71 Jahre nach der Sintflut, um genau zu sein.25 Im Gegensatz zur herrschenden Meinung waren die Germanen zuerst gekommen. Sie waren überlegen nicht nur im Hinblick auf ihren Ursprung, sondern auch auf ihr Alter.
Die Anfänge jenes urtümlichen Königreiches fielen in die Regierungszeit Tuistos, des erdgeborenen Gottes, der in alten germanischen Liedern als Stammvater verherrlicht wurde. Er verdankte seine bedeutende Stellung mehr dem Fälscher Annius von Viterbo, der ihn als Sohn Noahs identifiziert hatte, als dem Historiker Tacitus, der von dem Gott kaum mehr als den Namen erwähnte. Bebel, der einen kritischen Sinn hatte und dem willkommenen Zeugnis des Annius mit ebensolcher Skepsis hätte begegnen sollen wie negativen Berichten über seine Vorfahren an anderer Stelle, machte von dieser Quelle ausgiebigen Gebrauch und ließ seinen Patriotismus die Oberhand über seine Urteilskraft gewinnen. Damit stand er keineswegs allein. Aventinus, bestens ausgebildet, sehr belesen und mit der Abfassung der definitiven deutsch-bayerischen Geschichte beschäftigt, ging noch weiter als die meisten anderen. Sorgfältig gab er die Erzählung wieder, die Annius’ Fantasie entsprungen war; und er war besonders stolz darauf, dass Noah die Nachkommen Tuistos adoptiert hatte, weil dadurch »der Deutschen Mannhaftigkeit und Tapferkeit vor anderen Völkern bezeugt« wurde.26 Er fand jedoch, dem deutschen Stammvater mangele es noch etwas an Persönlichkeit: Selbst in der von Annius angeblich berichteten Schilderung waren ihm, abgesehen von seiner Stellung im Stammbaum der Nachkommen Noahs, nicht mehr als zwei oder drei flüchtige Bemerkungen gewidmet worden. Aus allen diesen Gründen hatte er immer noch kein richtiges Gesicht.

6. Tuisco, der Vater aller Deutschen, in der Chronika des Aventinus.
Aventinus, den man schon bald dafür rühmen sollte, dass er »das, was Cornelius Tacitus nur aufs Kürzeste gefasst hat, weitläufiger … dargestellt« habe, widmete Tuisto in einer Reihe seiner Werke Dutzende von Seiten. Seiner Feder verdankten die Deutschen ihren »ersten König und Gesetzgeber«. Dessen Bild war das erste in einer chronologisch geordneten Reihe von Porträts, die auch Karl den Großen enthielt.27 Zweifel an seiner Existenz waren unangebracht, behauptete Aventinus. Angesichts des Alters dieses Königs sollte man natürlich nicht überrascht sein, dass es bei der Schreibweise seines Namens kleine Schwankungen gab (von denen auch Aventinus’ eigene Texte nicht frei sind); und selbstverständlich gab es auch gelegentlich Meinungsverschiedenheiten über sein genaues Verhältnis zu Noah – ob er nun sein biologischer Sohn oder sein Adoptivsohn war. Diese Kleinigkeiten spielten jedoch keine nennenswerte Rolle im Vergleich zu den Zeugnissen, die der Gründervater der Deutschen hinterlassen hatte. Spuren von ihm fand Aventinus in Ortsnamen: Tuitz, ein Dorf in der Nähe des Rheins, und der Teutoburger Wald, der Ort, an dem die Legionen des Augustus von den Deutschen besiegt worden waren, bezeugten beide seine Existenz.28 Sein großartigstes Vermächtnis waren jedoch seine Gesetze, durch die er für alle Zeiten den tugendhaften Charakter seiner Untertanen prägte. Als Noahs verfluchter Sohn Ham, dessen Widerspenstigkeit Aventinus in seiner prähistorischen Darstellung hervorhob, aus Babylon eintraf, fürchtete Tuisto um die Sittlichkeit seines Volkes. Er berief eine Versammlung ein (genau wie Tacitus’ Germanen das später taten) und erließ die ersten Gesetze, aber nur wenige. Denn ihm war klar, so schrieb Aventinus in Anlehnung an Tacitus, der den germanischen Sitten größere Kraft zugeschrieben hatte, als Gesetze sie anderswo besaßen, dass allzu viele Gesetze »Laster und Büberei eher anregten als stillten«.29 Die Liste der Gesetze, die er präsentierte, war zum größten Teil ebenfalls der Darstellung des Tacitus entnommen. Das Gesetz gegen »Hurerei und Ehebruch« sollte zukünftig, um ein etwas ironisches Beispiel zu nennen, so wirksam sein, dass sich »insbesondere die Römer darob verwunderten«.
Nachdem das Fundament der deutschen Nation gelegt war, starb Tuisto im 236. Jahr seiner Herrschaft. Ihm folgte sein Sohn, der gleichfalls von Tacitus erwähnte Mannus, »den unsere Vorfahren auch geheiligt haben und nach dem die Menschheit noch ›Mannen‹ genannt wird«.30 An Mannus’ Söhne wiederum schloss sich eine lange, lückenlose Linie von Königen an, die Aventinus bis zu seiner Zeit verfolgte. Der königliche Stammbaum sprach für die ununterbrochene Abstammung der Deutschen, die niemals aus ihrem Vaterland vertrieben worden waren und die angesichts eines fremden Eroberers nie auch nur einen Fußbreit zurückwichen, von der Hinnahme einer Besatzungsmacht ganz zu schweigen.
Ein unbesiegtes Volk … lebt von je her dort, wo sich die Erde, in ihrer Kugelgestalt gekrümmt, zum Nordpol herabneigt; … [sie sind] nicht träge und nicht furchtsam … im Kampf für das Vaterland und die lieben Freunde, … zu jeder Bluttat bereit, wenn irgendein Unrecht sie verletzt hat.
Conrad Celtis, 1501
Begeisterte Humanisten sammelten Episoden und Zitate aus griechischen und römischen Quellen als Material für eine Collage, die den Mut und die Errungenschaften ihrer Vorfahren schilderte. Mit Vergnügen berichteten sie davon, wie diese »Vorkämpfer der Freiheit« immer wieder Eindringlinge abgewehrt und ihre Grenzen verteidigt hatten und in fremde Gebiete vorgestoßen waren. Die Natur selbst hatte dieses Volk anscheinend zum Krieg bestimmt. Daher auch die von Tacitus beschriebenen physiognomischen Eigenschaften, die sie bereitwillig aufzählten: »Vortreffliche und hochgewachsene Leiber, Gesichter, die im Frieden heiter, im Krieg jedoch schrecklich waren, und Augen, die in der Schlacht bedrohlich und brennend waren, sowie eine äußerst schreckenerregende Stimme.«31 Groß war die Zahl der Völker, deren Joche auf dem Nacken dieser Krieger zerbrochen waren.
Unter den Besiegten standen die Römer obenan. Für sie, die Eroberer des größten Teils der bekannten Welt, hatte sich der Rheinübergang als verderblicher erwiesen denn das Befahren ferner Meere. Selbst im Hinblick auf ihren mächtigsten Feldherrn Julius Caesar musste man sagen: »Aber schauen wir doch, was er [nach der Überbrückung des Flusses] geleistet hat!«32 Mit grimmiger Freude zitierte Heinrich Bebel stellvertretend für zahlreiche andere Zeugnisse die von Tacitus aufgestellte vernichtende und letztlich sarkastische Bilanz eines Zeitraums von etwa 210 Jahren: »So lange schon wird Germanien besiegt« von Rom – nur um unbesiegt zu bleiben. Von allen Niederlagen, welche die Römer erlitten hatten, war die, welche ihnen der junge cheruskische Adlige Arminius im Jahr 9 beigebracht hatte, die bedeutendste. Im gebirgigen Teutoburger Wald lockte er drei römische Legionen in eine Falle und vernichtete sie, was Kaiser Augustus angeblich zu dem verzweifelten Ausruf an seinen unglücklichen Heerführer veranlasste: »Quinctilius Varus, gib mir die Legionen wieder!«33 Der siegreiche germanische Führer bedrängte auch weiterhin die römischen Truppen, bis er von seinen eigenen Soldaten umgebracht wurde, die ihn im Verdacht hatten, er strebe nach der Königsherrschaft. Zu neuem Leben erwachte er jedoch ungefähr zu der Zeit, in der die Germania den germanischen Krieger skizzierte, und zwar nachdem im Jahr 1515 der erste Teil der Annalen des Tacitus wieder aufgetaucht war. Darin fand sich eine Darstellung seiner Gefechte mit römischen Truppen nach der Niederlage des Varus, die mit den Worten schloss, die Tacitus vielleicht als Grabinschrift gedacht hatte: Arminius war der liberator haud dubie Germaniae, »ohne Zweifel der Befreier Deutschlands«.34 Als solcher gewann er bei den Lesern des 16. Jahrhunderts heroische Bedeutung.
Hermann, wie Martin Luther den lateinischen Namen des Arminius auf Deutsch wiedergab, hatte den Römern bei früheren Feldzügen gedient und war zum Befehlshaber ihrer Hilfstruppen aufgestiegen, ehe er seinem ehemaligen Arbeitgeber den Todesstoß versetzte.35 Als germanischer Söldner, der für Rom kämpfte, war er keine Ausnahme. Die deutschen Humanisten hoben die Tatsache hervor, dass ihre kriegerischen Vorfahren fremden Vorstößen widerstanden hatten, aber gern bereit gewesen waren, ihre Kampfkraft römischen Führern zur Verfügung zu stellen und ihnen zum Sieg zu verhelfen. Hatte sich nicht Julius Caesar bei seiner Eroberung Galliens auf germanische Reiterei gestützt? Selbst Piccolomini und Campano hatten das eingeräumt. Und war es nicht mit ihrer Hilfe geschehen, dass Caesar seinen Rivalen Pompeius und seine römischen Soldaten im Bürgerkrieg überwand?36 Später vertraute man germanischen Soldaten sogar das Leben der Kaiser an und setzte sie als ihre Leibwachen ein. Die Beweise waren klar: Ihr Nacken hatte sich dem Joch Roms verweigert, aber ihre Schultern hatten seine Anführer getragen.
Römer hatten Germanen mehr vertraut als Römern: Humanisten deuteten das als Beweis für die außerordentliche »Treue und Integrität«, die ihre Vorfahren auszeichnete (über den von Arminius/Hermann verübten Verrat sah man meist hinweg, manchmal verteidigte man ihn sogar). Sie griffen auf die taciteische Darstellung der germanischen Standhaftigkeit zurück, die der römische Historiker in seiner farbenfrohen Schilderung des Kreises eines Führers darlegte, der »von einer großen Schar auserlesener junger Männer umgeben« war, die »im Frieden eine Zierde, im Krieg ein[en] Schutz« darstellten. Diese Gefolgsleute glaubten, so fügte Tacitus hinzu, es sei schimpflich, »seinen Gefolgsherrn zu überleben und so aus der Schlacht zurückzukehren«. 37 Nur der Tod sprach sie los.
Tacitus registrierte auch, was in seinen Augen besonders bemerkenswert war, die Beharrlichkeit von Spielern, die Wort hielten, wenn sie vor dem letzten Wurf der Würfel ihre Freiheit verwettet hatten. So leicht sich auch der Verlierer der Festnahme hätte entziehen können, ließ er sich doch binden und verkaufen. Tacitus gestattete sich hier eine Äußerung der Verblüffung, und er betrachtete als »Starrsinn, was sie [die Germanen] Treue nennen«. Ihn korrigierte sogleich Franciscus Irenicus, der einen ganzen Abschnitt seiner 1518 erschienenen Geschichte Deutschlands der Erörterung der Treue widmete und darauf bestand, diese Episode zeige »nur echte Beständigkeit«.38 Diese Haltung, die mittlerweile zu einer nationalen Eigenschaft avanciert war, erfreute sich bei Irenicus und anderen großer Beliebtheit, weil sie sich vorteilhaft vom Wesen ihrer südeuropäischen Rivalen abhob. Unbeständigkeit war einer der drei stereotypen Vorwürfe, die man den Italienern (und in zunehmendem Maße auch den Franzosen) entgegenschleuderte. Als Meister des Betrugs und der Täuschung, die mühelos Loyalitäten wechselten, stellte man sie als Menschen hin, deren Wesen in diametralem Gegensatz zum germanischen Charakter stand, der »die Treue mit frommem und standhaftem Sinn« wahrte.39
Noch einen weiteren Aspekt ihres standhaften Sinnes offenbarten germanische Männer, wenn sie um des Ruhmes willen in den Kampf hinauszogen, wie Tacitus zum Entzücken der deutschen Humanisten berichtete, die gern hinzufügten, ihre Vorväter seien nach Belieben in römische Provinzen eingefallen. Heinrich Bebel behauptete zuversichtlich, die Germanen hätten ihr eigenes Reich unterhalten, während die Römer immer noch in Blüte standen. Dass es dafür keine Beweise gab, kümmerte ihn nicht, da es ja »keine [einheimischen] Schriftsteller gab« und die Römer voreingenommen waren. Germanische Tapferkeit hatte Siege erfochten: Es gab »wenige Völker auf dem weiten Erdenrund, die nicht … irgendwann vor unserem Namen gezittert haben«.40 Lange Listen von Eroberungen kursierten, die noch dadurch verlängert wurden, dass man auch die Leistungen anderer Völker daraufsetzte. Denn die anschauliche Darstellung germanischer Stämme im zweiten Teil der Germania und die schwankenden ethnischen Begriffe in Nordeuropa ließen den Begriff »germanisch« so unbestimmt, dass er Stämme im Westen, Osten und Norden mit einschließen konnte. Die weiträumigen Wanderungen komplizierten das Bild zusätzlich und verlockten Chauvinisten dazu, die Triumphe anderer Völker für sich in Anspruch zu nehmen. (Um nur ein Beispiel zu nennen: Die Schweden hatten ursprünglich zum germanischen Stamm der Schwaben gehört, die, so hieß es in der fantasievollen Argumentation weiter, als Erste Skandinavien in Besitz nahmen.41) Kritischere Geister machten sich über diese Eroberungen auf dem Papier lustig, sie hielten sie angesichts der großen Zahl tatsächlicher germanischer Siege für überflüssig.
Im Zuge dieser Eroberungen hatten die Germanen, so Giannantonio Campano in seiner Regensburger Rede, »eine solche Menge ausgezeichneter Männer hervorgebracht, dass sie in den übrigen Ländern, gleichsam als Kolonisten des Adels, überall höchst edle und königliche Familien verbreiteten«.42 Seine deutschen Leser stürzten sich auf diese Beschreibung. Manche, etwa Aventinus, erweiterten Campanos Schilderung durch den spätantiken Gedanken vom Norden als »Wiege der Menschheit« und bezeichneten Deutschland als »früheste Mutter der edelsten und tapfersten Völker, ihre Werkstatt«.43 Andere, etwa Jacob Wimpfeling, gingen von der etymologischen Verknüpfung des Wortes Germania mit dem Verb germinare (»sprießen«) aus und deuteten es als »Same des Adels«. In Wirklichkeit wären diejenigen, die der Ansicht waren, Deutschland habe seine Kultur und seine herrschende Klasse von den Römern empfangen, im Irrtum: »Vielmehr hat Germanien den Römern den Adel gebracht.« Am grandiosesten war der Ausruf, die Deutschen hätten Treffliches »nicht allein in Europa, sondern auch in Asien und Afrika schon vor Christi … Geburt geleistet«.44 Die im späten 19. Jahrhundert entstandene Bewegung des Pangermanismus stellte dann überraschend ähnliche Behauptungen auf.
Die deutsche Freiheit, ein Markenzeichen seit alter Zeit, sah man um die Wende zum 16. Jahrhundert als ernstlich bedroht an: Türkische Heerscharen fochten 1529 vor den Toren Wiens; die Kurie verstärkte ihren Zugriff auf deutsche Besitztümer; und das römische Gesetzbuch trat an die Stelle der altehrwürdigen lokalen Bestimmungen. Für deutsche Humanisten waren das Zeiten, in denen der kriegerische und freiheitsliebende Geist des Arminius gefordert war. Niemand erhob diese Forderung dezidierter als Ulrich von Hutten (1488–1523), der Verfasser des einflussreichen Dialogs Arminius, mit dem die Verwandlung des Kriegers in ein Idol eingeleitet wurde, und einer der profiliertesten Pamphletschreiber in den Jahren vor der Reformation.45 Mit seinem lateinischen Stil konnte es keiner seiner Zeitgenossen aufnehmen, und als er in der Volkssprache zu schreiben begann, war ihm nur Martin Luther gewachsen; von den führenden Humanisten seiner Zeit, Erasmus von Rotterdam und Thomas More, wurde er geachtet. Von ritterlicher Abkunft (die sich bis ins 10. Jahrhundert zurückverfolgen ließ) warf er wie seine mittelalterlichen Vorfahren den Fehdehandschuh hin und schrieb im Allgemeinen mit eben der Leidenschaft, die ihn dazu zwang, gegen französische Soldaten zu kämpfen (was zumindest in einem Fall zu Totschlag führte): »Befreien wir das schon so lange unterdrückte Vaterland.«46 Die Waffe der Wahl war für ihn in diesem Kampf die Feder, und seine Feinde waren das römische Recht und die römische Kirche.
Das Recht war in den deutschsprachigen Gebieten zur Zeit Huttens ein strittiger Gegenstand. Aus Rom kam das Gesetzbuch, das sich aus bescheidenen Anfängen zum corpus iuris civilis , der Sammlung des bürgerlichen Rechts, entwickelt hatte. Nun, um die Wende zum 16. Jahrhundert, hatte es das deutsche Gewohnheitsrecht verdrängt. Ein kaiserlicher Erlass, der 1495 auf dem Reichstag zu Worms verabschiedet wurde, legte fest, dass innerhalb der Grenzen des Reiches römisches Recht anzuwenden sei, und die Richter am neu gegründeten Reichskammergericht verfuhren entsprechend. Deutsche Rechtsanwälte erhielten ihre juristische Ausbildung gewöhnlich in Italien, vor allem in Bologna und Padua. Hutten selbst hatte in Pavia, Bologna und Rom Jura studiert, nur um sich über das ganze Ausmaß seiner Abneigung gegen das Gesetzbuch wie auch gegen dessen »arrogante Anwender« klar zu werden.47 Einen akademischen Grad erwarb er nicht. In einem 1516 verfassten Brief an einen Freund erinnerte er sich mithilfe von Tacitus an die vergangenen Tage der Gerechtigkeit, als es keine Rechtsanwälte gab und »gute Sitten mehr Gewicht hatten als geschriebene Gesetze anderswo«. Indem er das Adjektiv »gut« des taciteischen Originals (bonae) durch »geschrieben« (scriptae) ersetzte, gab er deutlich zu verstehen, dass den römischen Gesetzen diese Eigenschaft fehlte.
Deutsche Rechtsstreitigkeiten, welche die Interessen der Kirche berührten, mussten vor den Gerichten in Rom verhandelt werden – eine Praxis, die weithin als Quelle kurialen Missbrauchs kritisiert wurde. Beinahe 60 Jahre nach Martin Meyers mahnendem Brief an Piccolomini waren die Gründe zur Klage immer noch dieselben, aber sie hatten sich verfestigt. An erster Stelle unter diesen sogenannten »Beschwerden der deutschen Nation« waren die unverhältnismäßigen finanziellen Leistungen an Rom und die zahlreichen kirchlichen Besitztümer entlang des Rheins. »Man kann fürwahr sagen«, spottete Hutten, »dass mehr als halb Deutschland von Pfaffen besessen wird.«48 Es hatte den Anschein, als sei die römische Geistlichkeit dort siegreich gewesen, wo das römische Heer 1500 Jahre zuvor gescheitert war. Hutten erklärte den Romanisten, wie man die Angehörigen der römischen Kirche spöttisch nannte, die Fehde; deren pompöser Lebensstil verbrauchte nicht nur deutsche Mittel, sondern stand auch im Widerspruch zum wahren christlichen Geist. Die tiefe Einfachheit und Reinheit des Geistes, an der es in der Gegenwart mangelte, hatte die germanische Religiosität erfüllt, die Tacitus beschrieb. Aventinus, der sich in seiner Frühzeit der Bibel und des Werkes des Tacitus als ständiger Begleiter bediente, führte unter Tuistos Verfügungen auch die germanische Frömmigkeit auf. Deutschlands erster König und Gesetzgeber hatte (wiederum der Germania zufolge) angeordnet, »dass man Gott, das höchste Gut, allein mit dem Herzen suchen möge und anbeten solle; denn er lasse sich nicht einsperren und mit keiner menschlichen oder kreatürlichen Gestalt vergleichen … Darum hat er die Wälder … geweiht …, auf dass man … Gott unter freiem öffentlichem Himmel anbete und ehre.«49 Der Gottesdienst sollte einfach, echt und rein sein – sollte wieder so sein; vielmehr das Leben als Ganzes sollte derart sein.
[Sie wahren] die Treue mit frommem und standhaftem Sinn, lieb[en] die Religion und verehr[en] die Himmlischen und alles Gute und Anständige. Die Gesinnung, beharrlich im Wahren und Gerechten, ist im Einklang mit den Lippen und flieht Lügen und Erfindungen einer unaufrichtigen Zunge.
Conrad Celtis, 1501
Mehr noch als Ursprünglichkeit und Freiheit bot die Sittlichkeit der Vorfahren Anlass zu begeistertem Lobpreis. »Darin«, rief Heinrich Bebel aus, »übertreffen wir offenbar alle anderen Völker.«50 Er und seine humanistischen Kollegen deuteten den Mangel an Gesetzen bei ihren Ahnen, den Piccolomini boshaft auf kulturelle Rückständigkeit zurückgeführt hatte, in eine Konsequenz ihrer überlegenen Moral um. Sie führten einen Feldzug – auf dem sich ihnen dann auch schon bald die Reformatoren anschlossen –, um die Sittlichkeit ihrer Vorfahren als einen Wert zu etablieren, der auf gleicher Stufe stand wie die Künste Roms. Am Ende gründeten sie die Größe ihrer Vergangenheit nicht auf die Kultur, sondern auf den Charakter.
Dieses neue Paradigma war aus der Not geboren. Denn so sorgfältig man auch die Vergangenheit erforschte, die germanischen Künste blieben im Dunklen, und es war klar, dass die deutschen Vorfahren kulturell nicht mit den Römern mithalten konnten. Eine nicht ganz eindeutige Bemerkung in der Germania ließ sogar darauf schließen, dass das »Geheimnis der Buchstaben« nördlich der Alpen zu einer Zeit unbekannt war, in der die Griechen und Römer schon seit Jahrhunderten Werke der Weltliteratur verfasst hatten.51 Manche Humanisten versuchten, für die Annahme einer verlorenen Hochkultur zu plädieren: Sie stellten sich eine intellektuelle Kaste heimlich wirkender Druiden vor, die ursprünglich von Gallien aus ihre Lehre mündlich an die nachfolgende Generation weitergegeben hatte, oder sie sammelten Sprichwörter als Zeugnisse für eine ausgearbeitete deutsche Philosophie. Zum Glück berichtete Tacitus von dichterischen Liedern, in denen historische Geschichten erzählt wurden, was dem Gedanken einer hochentwickelten mündlichen Kultur einen Anschein des Möglichen verlieh. Mittelalterliche Texte wurden wie auch die neuesten deutschen Erfindungen – insbesondere die Druckerpresse – ebenfalls als Beweise für angeborenen Erfindungsreichtum herangezogen, der natürlich auch die alten Deutschen gekennzeichnet hatte. Letztlich scheiterten jedoch diese Bemühungen, Krieger zu genialen Erfindern hochzustilisieren. (Ein bemerkenswertes Comeback erlebte dieser prometheische Krieger jedoch im 19. Jahrhundert in Gestalt des Ariers.) Eine andere Strategie zur Vereinnahmung der Vergangenheit erwies sich als erfolgreicher: Man gestand Schwäche im Bereich der Kunst zu, betonte aber stattdessen andere Stärken – vor allem die sittliche Integrität. Mit ihrem Panorama des germanischen Lebens lieferte die Germania den Humanisten, die auf einmal nicht mehr so verzagt waren, erneut, was sie brauchten. Das kam als Geschenk derart zum rechten Zeitpunkt, dass seine Echtheit im Lauf der Zeit angezweifelt wurde.
In welchem Umfang Tacitus hinter dem schmeichelhaften Porträt stand, das die Humanisten vom Charakter ihrer Vorfahren zeichneten, lässt sich einer der chauvinistischsten literarischen Unternehmungen der damaligen Zeit entnehmen, der bereits erwähnten Kurzen deutschen Geschichte (Epitome rerum Germanicarum) Jacob Wimpfelings. Dieser fasste zum Schluss die Eigenschaften zusammen, die im Lauf seiner Erzählung zutage getreten waren. Er betonte, immer hätten sich die Deutschen ausgezeichnet »durch die Menge ihrer Männer, das züchtige Wesen ihrer Frauen, den hervorragenden Charakter ihrer Führer und Fürsten sowie durch ihren echten und reinen Adel, durch die Tapferkeit und den hohen Wuchs ihrer Soldaten und durch allgemeine Freigebigkeit, Treue, Integrität, Freiheit und Beständigkeit wie auch durch eine besondere Begabung für die Künste«.52 Tacitus lieferte Wimpfeling und zahlreichen anderen Autoren des 16. Jahrhunderts fast alle diese Eigenschaften, und zum großen Teil stimmte sogar die Wahl der teilweise recht selten verwendeten Wörter überein. Mit dem Blick eines Anatomen hatte der Verfasser der Germania hinsichtlich der jungen Männer und Frauen festgestellt, beide seien sie von »hohem, schlankem Wuchs (proceritas)«.53 Der Autor der Epitome verwendete nun eben dieses Wort – das in der gesamten klassischen lateinischen Literatur nicht mehr als etwa 30-mal belegt ist –, um die Statur der deutschen Soldaten zu beschreiben. (Rassisten im 20. Jahrhundert betrachteten proceritas als herausragenden Zug der arisch-germanischen Rasse und gaben das Wort mit »schlanke, hohe Gestalt« wieder.) Was die Generation Wimpfelings übernahm und als den deutschen Charakter verherrlichte, war der germanische Charakter, den Tacitus beschrieben hatte.
Im Zuge seiner Kampagne gegen die italienische Arroganz berief sich Hutten auf diese Tugendhaftigkeit, um den Begriff »Barbarei« neu zu definieren. In den Augen der Italiener waren, so klagte er, alle Menschen anderer Länder Barbaren. Betrachtete man aber gute Sitten, liebenswürdiges Verhalten, Beständigkeit und Integrität mit gebührender Aufmerksamkeit und Wertschätzung, dann war Deutschland eine wohlgesittete Nation, »die Römer hingegen waren von äußerster Barbarei entstellt«.54 Sosehr sich die Römer in den Künsten auszeichneten, mangelte ihnen es an Moral, wie Tacitus zu verstehen gegeben hatte. Man stellte Listen ihrer moralischen Schwächen auf. Bebel spottete, »ihre gepflegten Sitten verblassten im Vergleich mit der ungepflegten Barbarei [der Germanen]«.55 Ihre Vorfahren waren überlegen, und das nicht nur in sittlicher Hinsicht: Wenn man zwischen dem germanischen Leben einfachen Anstands und dem amoralischen Künstlertum der Römer zu wählen hätte, sollte man sich da nicht lieber für Ersteres entscheiden? Manche Humanisten legten dies nahe und gestatteten es ihrem patriotischen Herzen, die Oberhand über ihren humanistischen Geist zu gewinnen (wenngleich auch nur für kurze Zeit und um der rhetorischen Pose willen).
Doch die Zeiten hatten sich geändert, zum Guten wie zum Schlechten. Die jüngst erfolgte willkommene Ausbreitung und Blüte der Künste nördlich der Alpen war anscheinend mit einer Bedrohung für die Lebensweise der Vorväter einhergegangen. Aus Rom, von dem es verächtlich hieß, »einst war es ein Hort des Mars gewesen, jetzt ist es ein Hort der Venus«, drangen Dekadenz und damit zusammenhängende Laster nach Deutschland. Selbst für Trunkenheit, in Verbindung mit Trägheit und Jähzorn ein typisch deutsches Laster, wurde letztlich italienischer Einfluss verantwortlich gemacht.56 In seiner Rolle als Pädagoge warnte Celtis die deutsche Jugend wiederholt davor, den festen Boden ihrer Vorväter zu verlassen und sich auf die schiefe Bahn der Italiener zu begeben. Er legte ihnen nahe, zu ihrem eigenen Nutzen die Geschichte zu studieren: Sie würde sie nicht nur lehren, was geschehen war, sondern auch, was sie tun sollten. Von alters her war Klio, die klassische Muse, die für die Geschichtsschreibung zuständig war, ebenso als Archivarin wie als Erzieherin tätig gewesen, sie hielt nicht nur die Vergangenheit fest, sondern erbot sich auch, der Gegenwart Lehren zu erteilen. Für deutsche Humanisten des frühen 16. Jahrhunderts hieß dies, dass sie sich für moralische Anleitung an ihre Vorfahren wandten, ästhetische Vorbilder hingegen von den literarischen Denkmälern der griechischen und römischen Antike bezogen. Ihr historischer Blick war gespalten.
Die beklagte Dekadenz gehörte zu den Lastern, die Humanisten wie Reformatoren insbesondere mit der römischen Kirche in Verbindung brachten. Von den 95 Thesen, die Martin Luther 1517 in Wittenberg veröffentlichte – an die Kirchentüren angeschlagen, dann aber in alle Winde verbreitet –, sprach eine bissig davon, dass der Papst reicher sei als Crassus, der reichste Mann in Rom. Warum sollte er sich dann an arme Gläubige halten, um den Petersdom zu finanzieren? Aus Gier, lautete die implizite Antwort. Allgemein entsprach der klerikale Lebensstil genau dem, was man von Leuten erwarten würde, die mit Ablässen handelten. Die Verbreitung dieser römischen Praktiken in Deutschland bereitete Luther Sorgen. Mit Blick auf papistische Bestechungsgelder griff er auf ein sarkastisches Tacituszitat zurück: In der Tat hatten die Römer »die Deutschen gelehrt, Geld zu nehmen«.57 Auf einer seiner vielen Reisen mit Philipp Melanchthon, dem Mann, der in der Führung der Reformation Seite an Seite mit ihm stand, räumte er bereitwillig ein, dass die germanischen Werte Standhaftigkeit, Loyalität und Treue, die Tacitus gepriesen hatte, mittlerweile der Vergangenheit angehörten. Eilig äußerte er die Hoffnung, dass zumindest »italienische Ehen« – eine seiner Umschreibungen für homosexuelle Beziehungen – in deutschen Landen nicht Fuß fassen würden. Unerlaubte Sexualität, Korruption, Habgier und Dekadenz: Dieser Standardkatalog des Lasters war, so behauptete Luther ebenso wie viele seiner Zeitgenossen, aus Rom gekommen. Man konnte nur dafür beten, wie es ein lutherischer Kommentator der Germania schon bald tat, dass »Gott dafür sorgen möge, dass Deutschland dereinst in seinen früheren Zustand der Mäßigung, Reinheit, Bescheidenheit und Rechtschaffenheit zurückversetzt werde«.58
Reformation und Humanismus hatten Teil am nationalen Empfinden: Luther wurde »der Vater des Vaterlandes« (pater patriae ) genannt. Zwecks religiöser und moralischer Besserung ihrer christlichen Landsleute griffen Lutheraner zur Germania. Sie brachten ihre eigenen lateinischen Ausgaben, die erste deutsche Übersetzung und einen ausführlichen Kommentar heraus und sorgten so für eine weitere Verbreitung des Textes. Melanchthon (1497–1560), dessen Werk dazu beitrug, die Unzufriedenheit mit der römischen Kirche in die protestantische Lehre zu verwandeln, spielte bei allen drei Unternehmungen eine Rolle. Als Professor des Griechischen an der Universität Wittenberg – sein Name war denn auch die griechische Übersetzung seines deutschen Familiennamens Schwarzerdt – erwarb er sich mit seinen Bemühungen um die Umgestaltung des Bildungssystems den Ehrentitel »Lehrer Deutschlands« (praeceptor Germaniae). Als Pädagoge und Patriot veröffentlichte er 1538 und abermals 1557 eine Ausgabe der Germania zusammen mit einigen Bemerkungen und einem knappen Kommentar. Diesem Werk gab er zwei Dialoge Huttens, den Arminius und die antipapistische Satire Der Dialog betitelt Julius, sowie Celtis’ Germania generalis bei. In dem dieser bezeichnenden Sammlung vorangestellten Brief brachte er die Hoffnung zum Ausdruck, die deutsche Jugend werde von den »ehrenvollen Beispielen ihrer Vorväter« lernen, nicht nur von ihrer Tapferkeit und ihrem Geschick in militärischen Dingen, sondern auch von ihrer unerschütterlichen Keuschheit.59 Der Vergleich zwischen Vergangenheit und Gegenwart, der durch seinen Kommentar zu Fällen von Namenswandel erleichtert wurde, sollte sie auch christliche Demut lehren:
Den reichsten Nutzen werden wir aus der Lektüre dieses Textes ziehen, wenn wir bei der Betrachtung sowohl der Kraft und Tugend des alten Deutschlands als auch des Verfalls und verschiedener Wandlungen daran denken, dass man in solcher Unbeständigkeit der menschlichen Verhältnisse die Wechselfälle des Schicksals mit Gleichmut ertragen und nach der himmlischen Heimat streben muss, zugleich aber unterdes jeder seinem Sparta zur Zierde zu gereichen hat.
Melanchthon erfüllte seine Verpflichtung mit dieser Textausgabe.
Ein Schüler sowohl Melanchthons als auch Luthers und späterer Prediger, Johann Eberlin von Günzburg, widmete sich der Aufgabe, die Germania einem breiteren, des Lateinischen nicht mächtigen Publikum zugänglich zu machen. Er fertigte 1526 die erste deutsche Übersetzung des Werkes an (die allerdings erst sehr viel später veröffentlicht wurde). Da er die Arbeit als ein Geschenk an sein Vaterland auffasste, zögerte er nicht, in seinen Text hier und da ein »Achtung!« einzufügen, um auf den zeitgenössischen Bezug hinzuweisen. Und durch Auslassung oder Paraphrase tilgte er Dinge, welche die reformatorische Qualifikation des Textes hätten beeinträchtigen können: Menschenopfer wurden auch in seiner Übersetzung bei germanischen Stämmen nicht praktiziert.60 Während Eberlin von Günzburg an seiner Übersetzung arbeitete, sandte ein anderer Lutheraner, Andreas Althamer, Entwürfe seines umfangreichen Kommentars zur Germania an Melanchthon – der ihn ständig ermutigte, ihn noch etwas weiter zu revidieren. Das Werk, von dem sein Verfasser wünschte, man möge es als Ausdruck seiner Liebe zu »Deutschland, unserem gemeinsamen Vaterland«, betrachten, erschien schließlich 1529. Es zeugt von der Reife der Germanen. Einige von Althamers Kommentaren zu bestimmten Passagen bei Tacitus enthalten verwandte Zitate aus neueren humanistischen Texten, die aus der Germania geschöpft hatten.61 Die Deutschen, ein Volk, das Tacitus zufolge »weder hinterlistig noch verschlagen« war, werden unter Verweis auf Celtis’ Germania generalis des Weiteren als Menschen charakterisiert, die in ihrer Gesinnung »an dem festhalten, was wahr und recht ist«. Um das Jahr 1530 wird der Text, der die Tradition begründet hatte, seinerseits in einem Zirkelschluss durch die Tradition gestützt. Mit einem voll ausgebildeten Profil begabt, wurden die Germanen von ihrer ursprünglichen Quelle nunmehr ganz unabhängig.
Innerhalb eines Zeitraums von weniger als zehn Jahren nach Erscheinen von Piccolominis agitatorischem Bericht über Deutschland definierte und verfeinerte die Celtis’sche Generation – der »ihr Cornelius« Auftrieb gegeben hatte – das Profil ihrer Vorfahren. Um 1505 hatten sich die mythischen Germanen in exemplarische Germanen verwandelt: rein und edel; mit langen Gliedern, hellhäutig und flachshaarig; freien Sinnes, beherzt und aufrichtig. Die derart charakterisierten Vorfahren vermittelten ein Gefühl der nationalen Zusammengehörigkeit und der moralischen Orientierung auf dem Weg in eine bessere Zukunft. Diese beiden Rollen hatten sie fortan viele Jahrhunderte lang zu erfüllen, in denen die Leser des Tacitus überwiegend das von den Humanisten Begonnene fortsetzten, wobei sie nur einzelne Aspekte des Germanenporträts abwandelten, um es an ihre Bedürfnisse anzupassen. In den meisten, wenn nicht in allen Punkten war dann die nationalsozialistische Vision der Germanen ein Spiegelbild der humanistischen, das der Lauf der Zeit nur geringfügig verzerrt hatte.
Nach Taciti Zeugnis … [haben] die alten Teutschen … ihre ungefärbte Sitten strengiglich beobachtet … und ihre alte Muttersprache … unvermengt und unverdorben bewahret.
Justus Georg Schottelius, 1647
Als Arminius um die Mitte des 17. Jahrhunderts wieder auferstand, sah er sich erneut auf Schlachtfelder versetzt. In dem Theaterstück FriedensSieg, das 1642 auf Burg Dankwarderode in Braunschweig uraufgeführt wurde, trat er als der tote Held auf, der sich zum Treiben der Lebenden äußert. Zu diesem Zweck gesellte sich ihm noch ein weiterer Streiter der Vergangenheit zu: Heinrich I., der Vogler, Herzog von Sachsen und erster deutscher König aus dem 10. Jahrhundert. Diesen literarischen Kunstgriff benutzte der Dramatiker und führende deutsche Sprachwissenschaftler Justus Georg Schottelius (1612–1676), um seinen Zuschauern aus der Perspektive ihrer Vorfahren das hässliche Gesicht des Krieges vorzuführen, welches das von Plünderung, Hungersnot und Krankheit gezeichnete deutsche Land zeigte. Nach über 20-jährigen Kämpfen waren die Felder von Knochen übersät, Bauernhöfe und städtische Häuser niedergebrannt und Stadtmauern in Trümmer gelegt. »Aber was! Soll dies Land auch wohl das Teutschland sein?«, fragt sich Arminius erstaunt im Gespräch mit seinem Begleiter.1
Auf der Bühne erscheint Bolderian, ein zeitgenössischer Deutscher, und verheißt Aufklärung. Adrett und gepflegt (mit zwei Federn am Hut, Puffärmeln, kniehohen Stiefeln und einem Zierdegen) spricht er die Sprache seiner Zeit. Deutsch ist anscheinend der Satzbau, aber die Wörter sind überwiegend französisch. Arminius versteht ihn kaum und seufzt resigniert. Wie ist doch die »hochherrliche, eigene, reine und reiche Muttersprache« zur Sklavin und zu einem Bastard geworden – bastardisiert nicht nur durch französische, sondern auch durch italienische und lateinische Wörter! Hatte er etwa doch umsonst gegen die Römer gekämpft? Und was noch empörender war, Bolderian erdreistete sich, ihn und seinen Gefährten König Heinrich I. wegen ihres groben Äußeren zu verspotten, trugen sie doch Bärte, Zöpfe, klobige Schwerter, gehörnte Helme und Felljacken. Die deutschen Helden sahen dagegen keinen Unterschied zwischen ihrem Gesprächspartner – der so bereitwillig den Begriff des Kavaliers erklärte und sich selbst auch als ein solcher fühlte – und der ausländischen Soldateska. Denn »Spanier und Ungarn, Kroaten, Franzosen und Welsche« waren überall in Deutschland, aber Deutsche nirgends – zumindest nicht aus den unverdorbenen Tagen des Tacitus, da die Muttersprache ebenso rein und ehrbar war wie deren Sprecher.
Als Schottelius’ wiedergeborene Helden die Kalamitäten des Krieges beklagten, brachten sie die Empfindungen ihrer müden Zuschauer zum Ausdruck. Der Dreißigjährige Krieg, der mit dem böhmischen Aufstand als regionaler Konflikt begonnen hatte, war nun in sein drittes Jahrzehnt eingetreten, und zum einen oder anderen Zeitpunkt waren sämtliche europäischen Großmächte an ihm beteiligt. Gustav II. Adolfs Schweden, Kardinal Richelieus Frankreich und das habsburgische Spanien waren mit ihren Söldnerheeren über die deutschen Felder gezogen, auf denen sich das Kriegsgeschehen vorwiegend abspielte. Die meisten Opfer brachte die Bauernschaft. Im Gefolge der plündernden Truppen kamen Hungersnot und Krankheit – Pest, Typhus, Syphilis, Skorbut. In nur wenigen Jahren fiel Deutschland um viele Jahrzehnte zurück: Bei Kriegsausbruch hatte Württemberg 450 000 Einwohner gezählt; 20 Jahre später lebten hier nur noch 100 000 Menschen. 130 Jahre sollte es dauern, bis die Vorkriegszahl wieder erreicht war. »Weinen muss man, Gefährten«, lauten die Eingangsworte des Gedichts Klagen eines Betrachters der Verwüstung Deutschlands, das ein Jahr nach der Aufführung von FriedensSieg erschien.2
Während des Krieges wurde auf Schlachtfeldern wie an Schreibtischen erneut die »deutsche Frage« gestellt. Vor dem Hintergrund der über 300 deutschen Staaten, unabhängigen Städte und freien kaiserlichen Dörfer, die sich im lockeren Verbund des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation um Freiheit, Unabhängigkeit und Macht stritten, war anscheinend kein Platz für den Staat Deutschland. Der Kaiser, so spottete ein zeitgenössischer anonymer Beobachter, »hatte so gut wie nichts als seinen eitlen Namen«.3 Regionale Anführer unterschiedlicher Konfession wurden von den Wogen der Reformation und der Gegenreformation hin und her geworfen; die Lutheraner lagen nicht nur mit den Katholiken im Streit, sondern auch mit den Calvinisten. Ein deutscher Fürst, Maximilian von Bayern, befand sich in einem Loyalitätskonflikt, als er, Katholik und Patriot, einen katholischen Sieg spanischer Truppen ebenso sehr fürchtete wie einen protestantischen Erfolg der Deutschen. Jeder rangelte für sich und kleinlich um seinen Anteil Macht, zum Nachteil des Ganzen. Und mit ihren fortwährend wechselnden Bündnissen luden sie die Nachbarländer zum Einmarsch und zur Eroberung ein. Paul Fleming, einer der bedeutendsten Lyriker seiner Zeit, ließ Germania als Personifikation Deutschlands ihr Schicksal beklagen: »Wehe mir, wie war ich einst! Aber wie, ich Arme, bin ich jetzt?«4 Wenn er auf die Szenerie blickte, wurde er an Tacitus erinnert, der darum betete, dass die deutsche Zwietracht erhalten bleiben möge, da sie Rom nützte. Wer aber, so fragte man sich, zog jetzt aus ihr seinen Nutzen?
Vorbei waren auch die Tage des militärischen Ruhms, als »der kurze Römer … rückwärts nach dem Tiber« lief.5 Deutsche Soldaten wichen, so klagten Zeitgenossen, lieber zurück, als Widerstand zu leisten, wie es ihre Vorfahren in den Tagen des Arminius einst ruhmvoll getan hatten, und die heimischen Lande, früher frei und undurchdringlich, wurden jetzt von Ausländern überlaufen. Inmitten von wirtschaftlichem, politischem und militärischem Verfall fuhren einsame Patrioten fort, Deutschland als Kulturnation aufzurichten. Seit den Tagen von Aventinus und Hutten hatte sich das Schwergewicht des nationalistischen Interesses verlagert: Im Mittelpunkt der patriotischen Bestrebungen stand in der Frühphase des deutschen Barocks die Arbeit in und an der deutschen Sprache, die »Spracharbeit«, die jetzt den Raum besetzte, den früher die Abfassung von Geschichtswerken eingenommen hatte. Ebenso wie die Humanisten waren die Intellektuellen des 17. Jahrhunderts stolz auf ihre taciteischen Vorväter, die »tapferen und nie besiegten Germanen«, Eroberer von Gebieten nah und fern, die so tugendhaft und aufrichtig waren, »daß ihnen das, was andern Völkern erst lange, mühsame Unterweisung verleiht, von Natur angeboren und eingepflanzt erschien«.6 Prüfstein des Stolzes war jedoch nicht mehr der deutsche Widerstand gegen römische Legionäre, sondern vielmehr das Alter, die Ursprünglichkeit und Reinheit ihrer Muttersprache. »Ich schreibe«, bekannte einer der Sprachbegeisterten, »aus Liebe zur Sprache …, aus Liebe zu meinem Vaterlande.«7 Heinrich Bebel hatte aus dem gleichen Grund Geschichtswerke verfasst. Die Konservativen des deutschen Barocks standen auf den Schultern ihrer humanistischen Vorgänger.
Die Humanisten hatten sich bereits Gedanken über die deutsche Sprache gemacht. Celtis hatte in seiner Muttersprache die raue und robuste germanische Denkart der Sprecher vernommen: Ihre Worte ließen ihren Charakter erkennen. An anderer Stelle hatte er jedoch Verlegenheit über das »Gemurmel in dieser ungebildeten Sprache« geäußert, worin eine Ambivalenz zutage trat, die für die Literaten seiner Zeit (die ihre Volkssprache zunächst völlig vernachlässigt hatten) nicht ungewöhnlich war.8 Sein Schüler Aventinus, der von Barockschriftstellern viel gelesen wurde, hatte darüber nachgedacht, wie ein mit fremdländischen Wörtern vermischtes Deutsch schließlich verderbt und unverständlich wurde. Ungeachtet dieser vereinzelten Überlegungen kam es jedoch erst im 17. Jahrhundert trotz des Krieges (oder vielleicht seinetwegen) dazu, dass sich bewusst Gruppen von Autoren bildeten, die den systematischen Versuch unternahmen, ihre Muttersprache, deren Grammatik, Rechtschreibung und Dichtung zu kodifizieren und zu fördern. Viele von ihnen sammelten sich in sogenannten Sprachgesellschaften, die man eigens zum Zweck der Sprachpflege gründete.
Eine derartige Pflege war anscheinend erforderlich. Geschäftige Städte wie Hamburg im Norden und Augsburg im Süden der deutschsprachigen Gebiete fungierten (oft sogar während des Krieges) als riesige Märkte, auf denen man mit ausländischen Gütern einschließlich asiatischen Gewürzen und westindischem Zucker handelte und diese in andere Ecken Europas vertrieb. Die deutschen Straßen dienten als Durchgangswege für den Handel, und mit fremdländischen Gütern kamen fremde Kulturen. Mehr als das, was aus der Ferne kam, wurden jedoch die Dinge, die aus der Nähe stammten, als Bedrohung wahrgenommen. Über weite Strecken des Jahrhunderts, in dem Schottelius lebte, vor und nach dem Krieg, wurde Deutschland in Fragen der Mode von Frankreich und Spanien dominiert. An den Höfen kam die Musik aus Italien, die Malerei aus den Niederlanden, und die Literatur konsumierte man in vielen Sprachen, aber kaum auf Deutsch. Wenn man im Ausland über deutsche »Kultur« sprach, setzte man sie in Anführungszeichen. Als ihre Vertreter galten gewöhnlich Fürsten, die sich für humorvoll hielten, wenn sie ihre Zwerge mit Ohrfeigen traktierten, oder die Besucher mit ihrer Ausdauer beim Essen und Trinken zu beeindrucken suchten und ihre Briefe in passender Manier mit »Lebt wohl und besauft euch« schlossen.9 Um kultiviert zu sein, nahm man ausländische Allüren an. Beherrschend waren vor allem die romanischen Kulturen und Sprachen; sie untergruben die vorgeblich reine »Heldensprache« und die »ungefärbten Sitten« der Vorzeit. Konservativen Betrachtern erschien diese »Frömdgierigkeit« so weit verbreitet und durchgängig, dass sich das Herz eines Mannes wie Bolderian, wenn man es sezierte, nur zu einem Achtel als deutsch erweisen würde – bestenfalls.10 »Wenn der Tacitus aufstehen sollte, [müsste] er ein ganz ander Büchlein von den Sitten der Teutschen beschreiben.«11 Die deutschen Humanisten hatten im Schatten ihrer italienischen Gegenspieler gearbeitet, nun sah man die Franzosen als Herausforderung und Bedrohung: Der Rivale wechselte, die Rivalität blieb bestehen.
Als sich Arminius und sein Begleiter in FriedensSieg über den kulturellen Wandel beklagten – darüber, wie das, was zu ihrer Zeit echt und deutsch und lebendig gewesen war, nunmehr (in der damals gebräuchlichen metaphorischen Sprache) »verdünnt« war –, äußerten sie die konservativen Auffassungen, die viele gebildete Männer in den deutschsprachigen Ländern vertraten. Voller Verachtung für eine Gegenwart, die von fremdsprachigen Importen überschwemmt wurde, schrieben sie traumverloren über ihre ferne Vergangenheit. Und ihr Kronzeuge war »der treffliche Römer C. Corn. Tacitus«.12 Er genoss solche Autorität, dass man ihn zur Befriedigung patriotischer Bedürfnisse immer wieder zwang, Dinge zu sagen, die er in Wirklichkeit nicht gesagt hatte. Einige der bedeutendsten und einflussreichsten Köpfe ihrer Zeit interpretierten seine Germania mit verdächtigem Eifer: Nach Schottelius waren das der überragende Historiker und Geograf Philipp Clüver sowie Martin Opitz, der »Vater der deutschen Dichtung«. In Gemeinschaft mit zahlreichen weniger bekannten Intellektuellen entwickelten sie Theorien über ihre Muttersprache: über ihr biblisches Alter, ihren babylonischen Ursprung und ihren namensgebenden Urheber Teuto, den man früher und »fälschlich« Tuisto (oder Tuysco) genannt hatte. Sie beschworen eine lange Tradition des Deutschen als Dichtersprache, die man seit den Tagen der nun in den Text des Tacitus eingeführten Barden geschickt gebraucht hatte. Und sie hoben hervor, wie sich die Sprache mit dem Nationalcharakter ihrer Sprecher deckte, wobei sie ihre ursprüngliche Reinheit als positive Eigenschaft ansahen, deren man sich ebenso sehr rühmen sollte wie der Reinheit ihres ursprünglichen Volkes.
Die deutsche Überlegenheit, wie die Patrioten des Barocks sie behaupteten, wurde auch weiterhin mit Tapferkeit und Tugend verknüpft, aber darüber hinaus stützte man sie jetzt auf die deutsche Sprache, ein so altes, so poetisches, so reines Idiom, dass es ohne Zweifel das »allerwortreichste, prächtigste« war.13 Was heimatlosen Patrioten ein Vaterland verschaffte, war nun nicht mehr die Vergangenheit, sondern die Sprache.
Infolge eines Fehlers oder eines Versehens des Schreibers wurde bei Tacitus »Tuisto« anstelle des Namens »Tuito« oder »Teuto« geschrieben.
Philipp Clüver, 1616
Der Ursprung des deutschen Volkes, auf den die Humanisten sehr stolz gewesen waren, zog nun das Interesse derer auf sich, welche die Anfänge der deutschen Sprache studierten. Schon bald kursierten ebenso vielfältige wie ausgefallene Theorien. Manche behaupteten, nicht Hebräisch, sondern Deutsch sei die Ursprache gewesen und »Adam sei ein Deutscher gewesen«. 14 Andere spekulierten, im Paradies habe man viele Sprachen gesprochen und »der deutsche Donner« habe dazu gedient, die Vertreibung zu verkünden. Die Mehrheit ließ jedoch den Vorrang des Hebräischen unangetastet und nahm an, das Deutsche sei gleich nach der Sprachverwirrung beim Turmbau zu Babel entstanden. In einer typischen Chronologie hieß es, etwa 100 Jahre nach der Sintflut, zu einer Zeit, in der »die ganze Erdbevölkerung eine einzige Sprache und dieselben Worte« hatte, habe Noah seinen drei Söhnen Sem, Ham und Japheth befohlen, für die Wiederbevölkerung der Erde zu sorgen. Doch bevor sie in unterschiedlichen Richtungen davonzogen, hätten sie sich an der Errichtung des Turms beteiligt, »dessen Spitze bis an den Himmel reichen« sollte.15 Dieses Bauwerk stürzte infolge menschlicher Hybris zusammen, und an die Stelle einer einzigen gemeinsamen Sprache traten 72 Einzelsprachen.
Kaum waren die Sprachen verwirrt und die Völker zerstreut, da führte Askenas, ein Enkel Japheths und Urenkel Noahs, sein Volk in den Teil Europas, den man später als keltisch bezeichnete und der den Balkan, Frankreich, Spanien, Deutschland und die Britischen Inseln umfasste. Askenas war der »Vater aller Kelten«, deren größten Zweig angeblich die Urdeutschen gebildet hatten.16 Als sie den Rhein erreichten, sprachen sie bereits eine ursprüngliche Form des Deutschen, die wegen ihrer zeitlichen Nähe zur heiligen Einheitssprache ehrwürdig war. Wie mit den Menschen, so ging es auch mit der Sprache: Alter verschaffte Prestige. Das neuzeitliche Deutsch galt als älter als das Französische, weil sein Kern seit den Tagen des Askenas unverändert geblieben war, während sich das Französische später und unter dem Einfluss des Lateinischen entwickelt hatte. (Ein Autor des frühen 17. Jahrhunderts erklärte nach sorgfältiger Berechnung, es sei 3822 Jahre alt.)
Bei ihrem Versuch, einen Blick in diese vorgeschichtlichen Zeiten zu werfen, stützten sich die Sprachforscher auf die Etymologie. Wenn man diese richtig verstand, konnten Namen, so glaubten sie, ihre seither verschütteten Ursprünge ans Licht bringen. Der Name »Nürnberg« beispielsweise verriet ihnen, dass die Stadt von dem römischen Feldherrn Nero Claudius Drusus gegründet worden war, der dort sein Lager auf einem Berg aufgeschlagen hatte, den die Bauern sodann »Neros Berg« nannten. Daraus wurde im Lauf der Zeit Nürnberg, und der Name der Stadt war ihre Geschichte. Häufig schnitzten sich die Etymologen Wörter zurecht, um das wünschenswerte Ergebnis zu erzielen. Mithilfe einer derartigen Wortmetzarbeit fanden sie heraus, wie Askenas mit Tuisto verwandt war.
Die Einbindung des taciteischen Mythos in die biblischen Stammbäume war ein Problem geblieben, seit der betrügerische Annius von Viterbo Tuisto als vormals unbekannten Sohn Noahs identifiziert hatte. Deutsche Autoren, die mit dieser Unbekanntheit unzufrieden waren, sahen sich nach einem bekannteren und in der Bibel bezeugten Gründervater um. Viele entschieden sich für Askenas, denn sein Name war, wie der Verfasser eines Kommentars zur Germania hervorhob, ein hebräisches Wort für »deutsch«.17 Besagter Askenas hieß, so argumentierte man, auch »Ascanes«, und seine Söhne nannte man thi Ascanes. Der Ausfall des Vokals »i« in dem Artikel thi (das dem heutigen »die« entspricht) führte in Verbindung mit einem Wandel des Anfangsvokals der Abkömmlinge von »a« zu »u« zu Th-uisc. Diese Form war offensichtlich mit »Tuysco« verwandt, wie der Gott des Tacitus in einem Manuskript (und in der Fälschung des Annius) geschrieben wurde. Viele dieser atemberaubenden sprachwissenschaftlichen Manöver – Elision, Vokalwandel und ein Hin und Her zwischen Dialekten und sogar Sprachen – waren gängig. Doch in diesem speziellen Fall ernteten sie den Spott Clüvers, der sich für eine andere Interpretation aussprach.18 Hierfür war eine neue Deutung des Tacitus erforderlich, die als ein Teil seiner 1616 publizierten Germania antiqua erschien.
Philippus Cluverius – so die latinisierte Form seines Namens – wurde 1580 in Danzig als Spross einer blaublütigen Familie geboren. Seine Jugend in dieser internationalen Handelsstadt an der Ostsee und an der Mündung der Mottlau muss in ihm den Wunsch geweckt haben, die Welt zu bereisen. Nach Aufenthalten an den Höfen von Warschau und Prag ging er in die Niederlande, um an der Universität Leiden zu studieren, wo Joseph Justus Scaliger, der führende Altphilologe der damaligen Zeit, lehrte. Clüvers Vater, ein Münzmeister, hatte für seinen Sohn das Studium der Rechte vorgesehen. Der Sohn jedoch – gutaussehend, liebenswürdig und ebenso zungenfertig wie geistig gewandt – widmete sich in der knappen Zeit, die er zum Studieren hatte, den Fächern Geschichte, Geografie und Philologie. Nachdem ihn sein Vater enterbt hatte, wurde er allenfalls noch (kärglich) von seiner Mutter unterstützt, und es begann ein Wanderleben, das ihn nach Norwegen, Schottland, England, Frankreich, Deutschland und Italien führte. Als er schließlich mit seiner Ehefrau nach Leiden zurückkehrte, brachte er die Germania antiqua heraus. Dieses Werk trug ihm den Titel Geographus Academicus ein und verschaffte ihm, was noch wichtiger war, ein damit verbundenes Gehalt. Bald darauf erkrankte er jedoch und starb 1622 im Alter von 42 Jahren, zu früh, um seinen Ruhm noch zu erleben.
Die Germania antiqua lieferte nach Ansicht ihres Verfassers »größtenteils gleichsam einen fortgesetzten Kommentar zum Buch des Tacitus«.19 Wer dieses 400 Jahre alte dreibändige Werk durchblättert, erkennt rasch, dass es auch einen Kommentar in Bildern bietet; denn es ist mit einer Sammlung von 26 Holzschnitten geschmückt, auf denen das germanische Leben dargestellt ist, wobei die Schauplätze ebenso wie die Einzelheiten der Schrift des Tacitus entnommen sind. Die Abbildungen präsentieren das Leben eines primitiven Volkes: Eine Schlacht, ein Opfer in einem Hain und Spiele anlässlich eines Begräbnisses – auch das Bild einer Festversammlung – vergegenwärtigen allesamt Teile der Germania. Eingerahmt von einem hölzernen Bauwerk sieht man Germanen, die sich an Fleisch gütlich tun und aus einem Krug trinken (»Tag und Nacht durchzuzechen ist für keinen eine Schande«, schreibt Tacitus), die entspannt auf Tierhäuten liegen, die meisten abgesehen von einem Umhang nackt. Hier kommen »die Frauen … nicht anders als die Männer daher«. Die dargestellten Männer tragen Waffen, deren große Zahl den Betrachter an das kriegerische Wesen der Germanen erinnert. Die Frauen beteiligen sich offenbar an den Aktivitäten ihrer Männer oder kümmern sich um die Kinder. Der Junge im Vordergrund ist einer von vielen, die auf den Bildern in Clüvers Buch so »nackt und schmutzig« herumspielen, wie Tacitus behauptet, um dann rasch »zu diesen Gliedmaßen, zu diesen Gestalten heran[zuwachsen], über die wir [Römer] nur staunen können«. Tatsächlich sehen die Menschen, welche dieses Tableau (und zahlreiche andere) bevölkern, alle hochgewachsen und muskulös aus: Der Athlet in der rechten unteren Ecke kann durchaus als repräsentativ für die ganze Gesellschaft gelten.20
Diese Holzschnitte sollten schon bald ein Eigenleben entfalten und als Inspiration und Illustration für die typischen Germanen dienen, die in Braunschweig über die Bühne stapften. Ein Dramatiker, ein Zeitgenosse von Schottelius, bezog sich ausdrücklich auf diese Abbildungen, um den Lesern dabei zu helfen, sich die Helden seines Stücks vorzustellen. Als raue, aber rechtschaffene Krieger sah man sie hochaufgereckt inmitten von lässigen Typen wie Bolderian stehen. Schroff und urwüchsig hielten sie bald auch in historischen Romanen Einzug. Indem sie mit dem sich herausbildenden Grobianismus verschmolzen, einem satirischen Genre, in dem es um ungehobelte Manieren und flegelhaftes Benehmen ging, trugen sie dazu bei, unverblümte Schlichtheit und derbe Rechtschaffenheit einem breiteren Publikum vorzuführen. Empörung erregten sie bei Autoren des 20. Jahrhunderts, die der Ansicht waren, diese »Theatergermanen« schadeten dem Ansehen ihrer historischen germanischen Vorfahren.21

7. Ein germanisches Fest, dargestellt in Clüvers Germania antiqua.
Die Abhängigkeit der Bilder von der Germania tritt umso deutlicher zutage, als Clüver das Werk des Tacitus in voller Länge in sein Buch aufnahm – und zwar nicht einmal, sondern zweimal. Denn er hielt die Standardausgabe des großen niederländischen Philologen Justus Lipsius an manchen Stellen für fehlerhaft und druckte deshalb – zur Erleichterung des Vergleichs in parallelen Spalten – auch seine eigene Version ab. Doch ungeachtet der monumentalen Bedeutung des Tacitus gestand Clüver einzig und allein der Bibel Wahrheit zu. Infolgedessen bedurfte der heidnische Glaube an die Ureinwohnerschaft einer Korrektur. Wie viele andere auch glaubte Clüver, die Germanen seien aus dem babylonischen Staub hervorgekommen, sie hätten ihre eigene Sprache gesprochen und seien sodann Askenas als Teil des keltischen Urvolkes in Richtung Norden gefolgt. Die Rolle, die Tuisto dabei gespielt hatte, interpretierte er jedoch auf seine eigene Weise.22
Das lateinische Wort Germani war, so Clüver, nicht der ursprüngliche Name der deutschen Vorfahren. Ausgehend von etymologischen Überlegungen glaubte er, ihre Benennung liege in der neuzeitlichen volkssprachlichen Bezeichnung »Teutsch«, »Tuitsch« oder »Deutsch« verborgen. »Teutsch« sei, so fuhr er fort, ein Adjektiv, das sich nach anerkannten sprachwissenschaftlichen Regeln von dem Substantiv »Teut« herleite. Clüver hatte den Verdacht, der Name des Gottes, wie Tacitus ihn buchstabierte, sei nicht ganz richtig wiedergegeben: Wenn die Eigenbezeichnung der Deutschen von Tuisto abgeleitet wäre, dann müssten sie nicht »Teutsche«, sondern »Tuistische« heißen. Bei Tacitus und in anderen Quellen sammelte er Belege, um seine Behauptung zu stützen, die Form, die der römische Historiker hätte verwenden müssen, sei nicht Tuisto, sondern Teuto oder Tuito. Da sich dieser Fehler, den wahrscheinlich ein unaufmerksamer Schreiber gemacht hatte, ganz leicht erklären ließ, berichtigte er die Schreibweise und fuhr mit seiner Argumentation derart fort, als lautete die fragliche Passage celebrant carminibus antiquis … Teutonem deum terra editum.23 Die deutschen Humanisten hatten in den überlieferten Text eingegriffen, um die barbarischen Menschenopfer zum Verschwinden zu bringen; nun musste Tuisto Platz für Teuto machen. – Immer wieder fiel die Germania den Wünschen und Ideologien ihrer Leser zum Opfer.
Clüvers Vorschlag war mehr als eine Namenskorrektur: Für den heidnischen Gott bedeutete er das Todesurteil. Clüver ging nun daran, die Beziehung zwischen dem Namen Teut und dem griechischen theos sowie dem lateinischen deus zu erhellen, die beide »Gott« – sowohl einen heidnischen als auch den christlichen – bedeuten. Es war klar, so verkündete er, dass die alten Deutschen, wenn sie von Teuto sangen, einfach, wenngleich ohne es zu wissen, den christlichen Gott priesen. Diese Interpretation gestattete es Clüver, sich des Problems zu entledigen, wie man den erdgeborenen Gott des Tacitus mit dem biblischen Askenas verknüpfen sollte. Nachdem sein Name korrigiert und seine wahre Bedeutung dargelegt waren, verschwand Tuisto einfach und wurde zu Gott. Und Clüver ging daran, die nächste Generation in der taciteischen Genealogie entsprechend umzuinterpetieren: Mannus, nunmehr der Sohn des Teuto, offenbart sich als kein anderer als der erste Nachkomme Gottes: Adam. Abermals kommt die Etymologie Clüver zu Hilfe. Beide Namen – Mannus und Adam – bedeuten in ihrer jeweiligen Sprache »Mensch«.
Eine letzte Diskrepanz harrte noch einer findigen Lösung. Nach Tacitus schrieben die germanischen Gesänge Mannus/ Adam drei Söhne zu. Clüver räumt ein, dass das nicht Adams Abkömmlinge sein konnten, sondern Noahs Nachkommen sein mussten, da dessen Familie die einzige war, welche die Flut überlebte, die sich über das sündige Land ergossen hatte. Als Noahs Söhne (die fälschlich Adam zugeschrieben worden waren) fanden nun auch Sem, Ham und Japheth ihren Platz in der Germania. Zufrieden kommt Clüver zu dem Schluss, dass es abgesehen von dem Schreibfehler und der Vertauschung der Söhne in Tacitus’ ansonsten erhellendem Bericht nur einen einzigen wirklichen Fehler gab: Gott war nicht selbst aus der Erde geboren, wie es die germanischen Gesänge berichteten. Vielleicht, so spekulierte Clüver, hatten die alten Deutschen selbst diese Einzelheiten durcheinandergebracht, was angesichts ihres Alters ganz verständlich wäre, oder vielleicht lag der Fehler bei Tacitus und resultierte »aus einem Missverständnis der germanischen Lieder«.24 Auf jeden Fall konnte Clüver an der Autorität des heiligen Buchs festhalten und zugleich den Inhalt des »goldenen Büchleins« übernehmen. Es bedurfte nur der richtigen Deutung.
Zu einem Buch zusammengebundene Blätter und in einem Regal aufgestellte Bücher symbolisieren nicht nur die fortlaufende Geschichte einer Reihe von Ideen – sie machen sie. Das Werk Clüvers enthält nicht nur seine Version der Germania, sondern auch zahlreiche Verweise auf humanistische Autoren, die ihrerseits ausgiebigen Gebrauch von Tacitus gemacht hatten. Innerhalb weniger Jahrzehnte mehrte sich der Ruhm des Historiogeografen aus Leiden, eines »so hochverdienten als [auch] hocherfahrnen« Gelehrten; sein Einfluss sollte weit über die Zeit des Barock hinausreichen.25 Er beförderte das humanistische Erbe aus dem 16. ins 19. Jahrhundert und sein Werk zierte die Schreibtische des Dichters Friedrich Gottlieb Klopstock wie des Universalgelehrten Jacob Grimm. Ebenso wie der viel gelesene Aventinus dazu beitrug, die taciteischen Germanen aus dem Zeitalter des Humanismus ins Barock zu befördern, sorgte Clüver dafür, dass sie bei Schriftstellern des 18. Jahrhunderts präsent blieben. »Das ganze Vaterland ist Dir«, schrieb Martin Opitz am 31. März 1631 in einem poetischen Epigramm zum Andenken, »durch Deine Verdienste in Ewigkeit verpflichtet.«
Der Teutschen Tichterei, der Barden Heldenlieder / belebten Mannens Geist, Tuiscons Asche wieder.
Daniel Casper von Lohenstein, 1689
Der »Wiederbringer teutscher Sprache« Martin Opitz (1597–1639) erfreute sich der Wertschätzung seiner Zeitgenossen, von denen einige ihn sogar als den Vater der deutschen Dichtung feierten.26 Als er seinen ersten Vers zu Papier brachte, war Latein immer noch die Sprache der Literaten: an höheren Schulen und Universitäten, in der Korrespondenz und häufig auch in den Gesprächen der Gebildeten, vom größten Teil der Literatur in Deutschland ganz zu schweigen. Während England das Genie William Shakespeares erlebt hatte, Italien Torquato Tasso und Frankreich Pierre de Ronsard kannten, gab es in der deutschen Volkssprache keinen Autor, der vergleichbares Ansehen genoss. Opitz selbst verfasste, als er dem Zauber der Musen erlag, zunächst neulateinische Werke, wie es damals an der Tagesordnung war. Bald ging er jedoch daran, die Musen in sein Vaterland zu geleiten und etwas an dem Umstand zu ändern, dass sie »nie auf unser Teutsch noch haben reden können«.27 Nie? Nun ja, abgesehen natürlich von der Zeit des Tacitus, als Barden Krieger in die Schlacht führten, und tatsächlich, wie sich bald herausstellen sollte, schon in grauer Vorzeit, in den Tagen Tuistos.
Die neun Töchter des Zeus und die Göttin der Erinnerung, Mnemosyne, hatte man schon früher von einer nationalen Heimat in eine andere geleitet. Ebenso wie andere Humanisten des Nordens war Celtis stolz darauf gewesen, sie von den Höhen des Helikons an die Ufer des Rheins zu versetzen. Doch weder er noch irgendeiner seiner Zeitgenossen waren auf den Gedanken gekommen, sie zu lehren, wie man auf Deutsch singt. Ganz im Gegenteil, als Heinrich Bebel die beklagenswerten sprachlichen Missgriffe seiner Landsleute behandelt hatte, war die Sprache seiner Klage ebenso wie die, um die er sich sorgte, das Lateinische gewesen. Die Generation von Martin Opitz bestand nun darauf, dass die Musen Deutsch zu lernen hätten. Bald sollte es eine volkssprachliche Literatur geben, die den schlichten Volksliedern und Gesängen überlegen war und die sich mit den verfeinerten Werken des Französischen oder des Italienischen zumindest messen konnte.
Die deutsche Literatur auf ein solches höheres Niveau zu heben sollte nicht schwer fallen: Deutsche Dichtung war in Hainen schließlich schon früher erklungen. Hatte nicht Tacitus »uralte Lieder« (carmina antiqua) bezeugt? Und die waren gewiss »nach selbsteigner Art der Sprache« abgefasst worden, wie ein begeisterter Autor um die Jahrhundertmitte behauptete (auch wenn Tacitus nichts dergleichen erwähnt hatte).28 Als eine der ältesten Sprachen konnte das Deutsche auch auf eine der längsten dichterischen Traditionen zurückblicken. Opitz ließ sich als der Erneuerer und als der Vater der deutschen Dichtung zugleich ansehen: Zwar griff er eine altväterliche Kunst lediglich neu auf, aber die war so lange Zeit vernachlässigt gewesen, dass die Wiederaufnahme auf eine Neuerfindung hinauslief. Eine neue Generation deutscher Schriftsteller war sich einig: Die Heldensprache sollte »wieder hofgemäß« werden.29 Die Autoren bemühten sich, Gedichte mit der Perfektion und dem Geschick zu verfassen, welche die griechische und insbesondere die lateinische Wortkunst auszeichneten. Die Maßstäbe Ciceros und Vergils sollten bleiben, aber als Vorbilder für die deutsche Literatur sollten beide endlich abdanken. Denn ihre Sprache, so hatte Opitz als kaum 20-Jähriger behauptet, war tot – in ihren hohlen Worten erklangen die Ansichten von Menschen, die längst dahingegangen waren.
Als Opitz im Herbst 1617, weniger als ein Jahr vor Beginn des Dreißigjährigen Krieges, seinen Nachruf auf die lateinische Sprache vortrug, sprach er korrekt und feierlich auf Latein. Manche hielten es wahrscheinlich für ironisch, wenn nicht gar abwegig, dass ein Schüler des Schönaich’schen Gymnasiums in Oberschlesien lebhaft auf Latein die Auffassung vertrat, das Lateinische sei tot. Eines der vorrangigen Ziele der Institution bestand schließlich darin, versierte und wortgewandte Latinisten auszubilden.
Opitz war jedoch anderer Meinung. Der Sohn eines Fleischers hatte intellektuelle Interessen und Talente gezeigt, die gar nicht zur Familientradition passten. Nachdem er früh in die Schule gekommen war, zog er aus seiner südschlesischen Geburtsstadt Bunzlau (dem heutigen Bolesławiec) nach Beuthen an der Oder (Bytom Odrzański) um. Hier wohnte er im Haus von Tobias Scultetus, einem einflussreichen Würdenträger, den man wegen seiner Gelehrsamkeit, seiner sprachlichen Kompetenz und Urteilskraft bewunderte. Der muffige Geruch von Büchern mischte sich mit dem Hauch der großen Welt, und der junge Opitz atmete beides genussvoll ein; eine glückliche Erfahrung, die ihn ebenso sehr prägte wie seine Mitgliedschaft im Kreis um Caspar Dornau. Dieser, ein Professor an dem kurz zuvor vom Freiherrn von Schönaich gegründeten Gymnasium, zeigte besonderes Interesse an der rhetorischen Ausbildung seiner Schüler, und er ermutigte sie dazu, die beiden Seiten eines ausgewählten Themas zu vertreten: Sollte man, so fragte er, auf Eleganz bedacht sein, wenn man Deutsch sprach? In den Ohren vieler Menschen klang »deutsche Eleganz« wie ein Widerspruch in sich. Diese weder elegante noch poetische Sprache sollte man nur mit einem Feind sprechen, weil sie so entsetzlich klang. Spanisch, Italienisch und Französisch hingegen – das erste erhaben, das zweite würdig, das dritte anmutig – sollte man im Gespräch mit Gott, mit Fürsten beziehungsweise mit Frauen verwenden, so die vorherrschenden sprachlichen Klischees der damaligen Zeit. In Dornaus Kreis glaubte man jedoch, dass das Deutsche über Poesie verfüge, und gab in Verbindung mit der Muttersprache anderen Nationaleigenschaften den Vorzug: Reinheit, Heldentum und Ursprünglichkeit.
Und diese Ansicht vertrat Opitz in seiner skandalösen Ansprache, die noch im gleichen Jahr unter dem Titel Aristarch oder wider die Verachtung der deutschen Sprache veröffentlicht wurde.30 Diese Schrift sollte schon bald als ein frühes Manifest der deutschen Poetik anerkannt werden, aber erst, nachdem sie anscheinend dazu geführt hatte, dass der aufstrebende Poet hastig die Stadt verlassen musste. Dem Establishment sagten die Worte des jungen Mannes aller Wahrscheinlichkeit nach nicht zu.
In kaum mehr als zwei Tagen zu Papier gebracht, antwortete der Aristarch wahrscheinlich auf die Frage nach der deutschen Eleganz, die in Dornaus Kreis immer wieder zur Sprache kam, und es könnte sein, dass diese Ansprache vor Mitschülern und Lehrern gehalten wurde (beide Annahmen sind spekulativ, aber plausibel). Der Titel spielt auf den griechischen Philologen Aristarchos von Samothrake an, dessen Blütezeit im 2. Jahrhundert v. u. Z. lag und der seinen ausnehmenden textkritischen Scharfsinn darauf richtete, Standardausgaben von Homers Ilias und Odyssee zu erstellen. Der Name des Griechen stand für Opitz’ revolutionäre Tendenz: Es ging darum, die Genauigkeit und die Sorgfalt eines Aristarch anzustreben, wenn man das zu Unrecht missachtete Deutsch sprach; und mehr noch, wenn man es schrieb. Als historische Perspektive skizzierte er geschickt die tugendhafte deutsche Vergangenheit mit ihren ruhmreichen Taten – ein bloßer Abklatsch des Standardbildes, das Tacitus geliefert hatte –, wandte sich dann aber rasch dem Thema der Sprache seiner Vorfahren zu, die »ihren Taten gleich« gewesen sei.31 (Der Größe der Taten seiner Landsleute mit seinen Worten nicht gleichkommen zu können war die berühmte Furcht des Sallust, eines der herausragenden römischen Historiker, gewesen. Opitz verbindet hier pointiert eine geistreiche Bemerkung und ein Lob seiner eigenen Vorfahren mit einer Beleidigung für Rom.) In ihrer Sprache hatten die deutschen Vorfahren ihre Gedanken frei und ohne Umschweife geäußert, »durch sie feuerten sie sich gegenseitig zum Kampfe an, durch sie allein machten sie oft, wie durch einen Blitzstrahl, die Drohungen ihrer Feinde zunichte«. Sie hatten die Volkssprache an nachfolgende Generationen weitergereicht, voll und ganz in ihrer ursprünglichen Form bewahrt. Im Kontrast hierzu betrachtete Opitz das Lateinische: Es war verwelkt, heruntergekommen, tot. Unter den zahlreichen schlechten römischen Kaisern waren die römischen Sitten zusammen mit der Sprache verfallen, die »nicht besser … als die Herrscher ihres Zeitalters« sein konnte.
Wie wenige unternahmen, so klagte er, auch nur den Versuch, diese »edle, vornehme Sprache, die den Geist ihres Volkes atmet«, zu kultivieren?32 Im Gegenteil, viele gaben vor, kein Deutsch zu verstehen, da ihnen Vaterland wie Muttersprache peinlich waren. Diese Vernachlässigung oder vielmehr Missachtung behinderte, so behauptete er, die Entwicklung einer volkssprachlichen Literatur. Doch die Deutschen hatten keinen Grund, den Vergleich mit irgendeiner anderen nichtlateinischen Literatur zu scheuen. Dichtung hatte es in Deutschland schließlich schon seit Tacitus’ Zeiten, wenn nicht noch länger, gegeben. Um diese Tradition fortzusetzen und die deutschsprachige Dichtung zu fördern, stellte Opitz Regeln auf und lieferte Beispiele. Seine Ansprache schloss in vertrautem, aber abgewandeltem Ton: »Bringt es endlich dahin, daß ihr den übrigen Völkern, welche ihr an Tapferkeit und Treue übertrefft, auch an Trefflichkeit eurer Sprache nicht nachsteht.«
Opitz, in dessen Jugendschrift das Gros der wichtigsten literarischen Themen der damaligen Zeit anklang, kehrte bald darauf in einem anderen Werk zur Frühgeschichte der deutschen Dichtung zurück. Angesichts des Fehlens irgendwelcher künstlerischen Erzeugnisse räumte er ein: »Obwohl weder Mann noch Weib unter ihnen zu seiner [Tacitus’] Zeit den freien Künsten obzuliegen pflegten, faßten sie doch alles, was sie im Gedächtnis behalten wollten, in gewisse Reime und Gedichte.«33 Eine weitere Durchsicht von Tacitus und anderen Quellen verriet ihm auch, dass seine Vorfahren die Dichtung insofern verehrt hatten, als sie Dichter in einer Zunft sammelten (deren Reiz zusätzlich dadurch erhöht wurde, dass viele Barockschriftsteller in Gesellschaften organisiert waren). Gemeinsam mit den Druiden, die als Lehrer und Zensoren tätig waren, und den vates, die als Priester und Wahrsager fungierten, bildeten sie eine der drei Gruppen, die besondere Ehren genossen, und ihre einzige Pflicht bestand darin, »Lobgedichte« zu singen. Helden waren die Deutschen des Tacitus schon zuvor gewesen, nun aber lauschten sie auch von Barden angestimmten Heldenliedern.
Der römische Historiker berichtet an zwei Stellen von Dichtung – im weitesten Sinne. Zum einen spricht er, wie bereits erwähnt, von alten Liedern, in denen die Germanen ihre göttlichen Vorfahren verherrlichten. In der zweiten – entscheidenden – Passage zu Beginn von Kapitel 3 geht es um Herkules, den griechisch-römischen Halbgott, dessen Kult sich zusammen mit dem Römischen Reich über Westeuropa ausbreitete:
Sie berichten, auch Herkules sei bei ihnen gewesen, und ihn besingen sie als den ersten aller ihrer Helden, wenn sie in die Schlacht ziehen. Sie haben auch Lieder, durch deren Vortrag, den sie barditus nennen, sie sich Mut machen, und sie prophezeien den Ausgang des bevorstehenden Kampfes lediglich nach dem Klang. Sie rufen nämlich Schrecken hervor oder empfinden ihn selbst, je nachdem wie der Gesang des Heeres tönte, und sie erscheinen nicht so sehr wie Stimmen als vielmehr wie der Zusammenklang ihrer Tapferkeit.
Entscheidend in dieser offenbar unscheinbaren Passage ist die zwischen Tapferkeit und Stimmen behauptete Beziehung (wobei im lateinischen vox außer »Stimme« auch »Wort« anklang – vox kann beides bedeuten) wie auch die Erwähnung von barditus (wovon die zitierte Form barditum der Akkusativ ist; einige Manuskripte der Germania lesen, um das Bild noch zusätzlich zu komplizieren, baritum, aber das geht höchstwahrscheinlich auf einen Schreibfehler zurück). Angesichts der Häufigkeit, mit der diese Passage in historischen, sprachwissenschaftlichen und poetologischen Abhandlungen der damaligen Zeit zitiert oder in Anspielung erwähnt wird, könnte man beinahe das Nächstliegende übersehen: Barden kommen hier überhaupt nicht vor.
Über die drei Kasten von Kulturschaffenden – Lehrer, Priester und Sänger –, um deren Propagierung sich Opitz so bemühte, hatte es in der Antike Berichte gegeben, die sich allerdings nur auf die Gallier bezogen. Einige deutsche Intellektuelle des 16. Jahrhunderts, die auf der Suche nach verwandten Geistern in ihrer Vergangenheit waren, aber keine erkennbaren Spuren fanden, hatten all ihre Erfindungsgabe aufgeboten, um zu erklären, weshalb und wie sie den Rhein überschritten hatten, um sich in Deutschland niederzulassen. Die Schriftsteller des 17. Jahrhunderts konnten Barden in Deutschland ausfindig machen, nachdem sie sie in der Germania gefunden hatten. Opitz selbst hatte nur angedeutet, dass Tacitus Barden bezeugt habe; andere gingen so weit, sie zwischen den Zeilen des Römers dingfest zu machen. Obgleich zwischen dem von Tacitus verwendeten barditus, einem Ausdruck, der in der klassischen lateinischen Literatur sonst nirgends vorkommt, und dem keltischen Wort »Barde«, das einen berufsmäßigen Dichter im Dienste eines Adligen bezeichnet, kein Zusammenhang besteht, schlossen zahlreiche Generationen von Autoren, angefangen mit Opitz, unbekümmert vom Vortrag auf den Vortragenden, von barditus auf »Barde«. Besonders augenfällig ist dies in einem Text, der um die Mitte des 17. Jahrhunderts verfasst ist und in dem die Barden als »die alten Dichter oder Poeten bei den Teutschen« definiert werden, die eine besondere Art hatten, »kräftiglich die Gemüter zu bewegen«.34 Die Barden wurden einfach in die Ausführungen des Tacitus über den barditus eingeschoben; das Motto dieses Abschnitts erzählt die gleiche Geschichte. Diese Deutung war für die Leser allzu aufregend, als dass man sich Gedanken über die Richtigkeit gemacht hätte.
Die alten Deutschen schätzten die Dichtung und institutionalisierten sie sogar, weil Tuisto/Teuto selbst, so behaupteten einige, dies in Form eines Gesetzes verfügt hatte: »Man soll die tapferen Taten den Nachkommen zur Tugendfolge gesangsweise verfassen.« 35 Der Stammvater, erste König, Gesetzgeber und erste Sprecher des Deutschen wurde so auch zum obersten Schirmherrn volkssprachlicher Lieder – derjenigen Lieder, in denen er, wie Tacitus berichtete, von späteren Generationen gepriesen wurde.
Diese edle, vornehme Sprache, die den Geist ihres Volkes atmet, haben sie uns lauter und rein, frei von jeder fremden Befleckung, lange Jahrhunderte hindurch bewahrt.
Martin Opitz, 1617
Vom Parlieren des Kavaliers Bolderian benebelt, erklärt Arminius voller Verachtung: »Durch eure fremden angenommenen Wörter, womit ihr euren Feinden nachlallt, soviel ich abmerke, sind Tugend und Laster öfters in eins geschmolzen.«36 Jenseits von FriedensSieg, auf den größeren Brettern der Welt, gab es viele, die mit ihm und König Heinrich I. der Meinung waren, dass Abänderungen der Sprache mit Abänderungen von Sitten und Moral einhergingen. Dass man französische Redewendungen benutzte und auf deutschem Boden in französischen Stiefeln daherkam, hatte nicht nur die ererbte Reinheit der deutschen Sprache verdorben, sondern letztlich auch, so glaubten sie, den Dreißigjährigen Krieg verursacht und verschärft. Indem sie die Heldensprache vernachlässigten, büßten die Abkömmlinge des Arminius ihr Heldentum ein. Schlimmer noch, eine derartige sprachliche Sorglosigkeit würde am Ende zum Verlust der nationalen Identität führen.
Die Annahme, dass ausländische Ausdrücke ausländische Bräuche mit sich brächten und dass, allgemeiner, die Wörter eines Volkes untrennbar mit seiner Lebensart verknüpft seien, war unter den Schriftstellern der damaligen Zeit weit verbreitet: »Wer von Herzen redet Deutsch / wird der beste Deutsche sein.«37 Sie stand auch obenan auf dem Programm der zahlreichen Sprachgesellschaften, die gleichgesinnten Intellektuellen eine institutionelle Heimat boten und so den Sprachdiskurs gestalteten und das kulturelle Leben im 17. Jahrhundert prägten. Ungeachtet ihres Namens und einigen radikaler eingestellten Mitgliedern zum Trotz lag ihnen kaum an einem sprachlichen Purismus, der auf der Ersetzung vertrauter Fremdwörter durch Neologismen bestanden hätte, die zwar kreativ, aber offenkundig unpraktisch waren: So entging Venus solchen Namen wie »Lustinne« oder »Liebinne«, die man durch Anhängen eines weiblichen Wortelements an »Lust« und »Liebe« gebildet hatte. Vielmehr zielten diese Gesellschaften, und zwar auf weniger eindeutige Weise, auf die Wiederherstellung von nicht nur sprachlicher, sondern auch sittlicher Korrektheit. Für die alten Deutschen beruhten moralische Qualitäten nun auf der Gesundheit der ehrenwerten Muttersprache. Wegen dieser Zusammenhänge sah man die Erstellung eines deutschen Wörterbuchs – ein dringendes Erfordernis der damaligen Zeit – nicht nur als moralischen Beitrag, sondern auch als Kriegsanstrengung an. Als solche gehörte sie zu den erklärten Zielen der herausragenden Sprachorganisation, deren Gründung 1617 erfolgt war, in dem Jahr, in dem Martin Opitz seinen Aristarch vorgetragen hatte, als zwei Appelle an die deutsche Sprache ergingen.
Die Fruchtbringende Gesellschaft entstand in Weimar unter nicht gerade glückverheißenden Umständen. Trauergäste bei einer Beerdigung, die sich im Gespräch die Zeit vertrieben, erörterten die literarischen Gesellschaften, die in Frankreich, Italien und Großbritannien bereits in Blüte standen. Eine deutsche Gesellschaft gab es damals jedoch nicht, und sie kamen zu dem Ergebnis, dass hier Abhilfe geschaffen werden müsse. Inspiriert durch das italienische Vorbild, die Accademia della Crusca in Florenz, wurde die Fruchtbringende Gesellschaft unter der Ägide von Herzog Ludwig von Anhalt-Köthen gegründet, der neben anderen Qualifikationen seine Erfahrung als erster Deutscher mitbrachte, den man in die florentinische Akademie aufgenommen hatte. (Obgleich er der einzige in einer deutschsprachigen Gesellschaft war, der sich ein lateinisches Motto gewählt hatte, blieb er bis zu seinem Tod im Jahr 1650 ein fähiger Leiter; seine Gesellschaft bestand danach noch 30 Jahre unter zwei weiteren Vorsitzenden.) Typisch in ihrer Ausrichtung und in ihren Anforderungen gewährte sie die Mitgliedschaft denjenigen Männern, die »Liebhaber ihrer angebornen teutschen Sprache, teutscher Sitten, teutscher Redlichkeit und Tugend« waren.38
Eines ihrer Mitglieder, der begabte Epigrammatiker Friedrich von Logau, dehnte das moralische Gebot, alles Ausländische zu verwerfen und sich alles zu eigen zu machen, was deutsch war, sogar auf Laster aus. Angesichts der verfeinerten Kulturen Frankreichs und Italiens und ihrer verschiedenen Verlockungen erschien es ihm besser, dem Trunk zu verfallen: »Bleibt beim Saufen! Bleibt beim Saufen! Sauft ihr Deutschen immerhin! / Nur die Mode, nur die Mode lasst zu allen Teufeln ziehn.«39 Es ist kein Zufall, dass der Hang zum Trinken schon in der Germania erwähnt worden war, die bei den Mitgliedern der Gesellschaft (von denen eines eine Übersetzung derselben herausbrachte) große Beliebtheit genoss.
Das Streben der Gesellschaft nach »Erhalt und Fortpflanzung teutscher Tugend, Sitten und Sprache« gipfelte nicht in der Erstellung des langersehnten Wörterbuchs.40 Ihre Bedeutung lag anderswo. Im Lauf ihres mehr als 60-jährigen Wirkens ermöglichte sie ihren über 1000 Mitgliedern eine ausgedehnte Korrespondenz und einen Austausch von Werkentwürfen, und sie spornte verheißungsvolle Autoren dazu an, ihre Erzeugnisse als Beiträge zur aufstrebenden deutschen Literatur auf Hochglanz zu polieren. Mitgliedschaft bedeutete Anerkennung: Martin Opitz wurde erst aufgenommen, nachdem er auf seine Skizze der Poetik im Aristarch das weiter ausgreifende Buch über die deutsche Poeterey einschließlich einer Sammlung seiner avantgardistischen Verse hatte folgen lassen. Tatsächlich hatte es mehrerer Nominierungen bedurft, ein Umstand, der es passend erscheinen lässt, dass er bei seiner Aufnahme als Pseudonym – das Standardverfahren in einer Gesellschaft, die adlige wie bürgerliche Mitglieder hatte – den Namen »der Gekrönte« erhielt. Es zeugt von ihrem Sinn für Leistung, dass Mitglieder, und Opitz war hier keine Ausnahme, häufig mit ihrem Pseudonym unterzeichneten.
Ein weiteres Mitglied, »der Suchende«, wählte sein Pseudonym, um andere wissen zu lassen, dass er nach dem suchte, was in der deutschen Sprache verborgen lag.41 Das, was er im Lauf seiner Studien gefunden hatte, erschien im Jahr 1663. Diese Schrift, das einflussreichste der vielen Werke, die in Verbindung mit der Fruchtbringenden Gesellschaft publiziert wurden, trug den bescheidenen (und hier aus Gründen der Lesbarkeit gekürzten) Titel: Ausführliche Arbeit von der Teutschen HaubtSprache. Als Kompendium ihrer Epoche enthielt sie die wichtigsten sprachwissenschaftlichen Themen und Theorien der damaligen Zeit und wurde auch im 18. Jahrhundert immer noch gelesen und konsultiert. Nicht weniger berühmt war ihr Verfasser, den man als den Vater der deutschen Grammatik und als den deutschen Varro pries.42
Der fromme Pastorensohn Justus Georg Schottelius war in Einbeck in Niedersachsen geboren. Nach dem Tod seines Vaters war er davongelaufen und hatte eine Kaufmannskarriere an den Nagel gehängt; ihm stand der Sinn nicht nach Zahlen, sondern nach Wörtern. Nach Jahren als fahrender Student floh er 1638 vor schwedischen Soldaten, die auf die Lutherstadt Wittenberg vorrückten. Braunschweig bot ihm Zuflucht. Dort machte er die Bekanntschaft von Herzog August dem Jüngeren von Braunschweig-Wolfenbüttel – ein glücklicher Zufall, denn der Herzog, der intellektuelle Neigungen und ein leidenschaftliches Interesse an Manuskripten und Büchern hatte, verwendete bedeutende Teile seines Erbes darauf, seine Bibliothek, die Bibliotheca Augusta, in eine der schönsten Büchersammlungen Europas zu verwandeln. Als August, welcher der Gesellschaft seit 1632 angehörte, Schottelius als Hauslehrer für seinen zweitältesten Sohn anstellte, verschaffte er ihm Zugang zu vielen seltenen Werken, die Spuren in seinen Schriften hinterlassen sollten. Schottelius war zum Zeitpunkt seiner Ernennung erst 26 Jahre alt und hatte keinen akademischen Grad. Es ging jedoch das Gerücht, er sei ein Sprachkünstler, eine Qualifikation, die man nicht an einer Universität erwerben konnte (eine institutionalisierte deutsche Philologie gab es damals nicht). Die Gerüchte über seine Talente und Neigungen bewahrheiteten sich schließlich: Der größte Teil seines Werkes sollte sich mit Sprache befassen. Nachdem er im Jahr 1642 – im gleichen Jahr, in dem er in der Residenz seines bibliophilen Arbeitgebers FriedensSieg inszenierte – vom Leiter der Fruchtbringenden Gesellschaft für seine frühen Bemühungen wie die Teutsche Sprachkunst belohnt worden war, verfolgte er seine sprachwissenschaftlichen Interessen mit einzigartiger Leidenschaft weiter. Manche behaupteten, er leide an »Wortbesessenheit«, und betrachteten seine Ausführliche Arbeit als Beweis dafür.43
Der vollständige Titel des Buchs füllt eine halbe Seite in ziemlich kleinem Druck. Er lässt die Gründlichkeit des 1500-seitigen Werkes ebenso ahnen, wie er diejenigen Aspekte zum Ausdruck bringt, die man dem Deutschen in den theoretischen Debatten allgemein zuschrieb, um dessen Vortrefflichkeit und Überlegenheit zu rechtfertigen: Als eine »HaubtSprache« war es durch »Urankunft, Uraltertum, Reinlichkeit« gekennzeichnet. Schottelius vertrat die Auffassung, das Deutsche sei eine Hauptsprache ebenso wie Hebräisch, Griechisch, Latein und Slawisch, insofern es nicht aus einer anderen Sprache hervorgegangen war; vielmehr wären andere Sprachen, wie etwa das Dänische, vom Deutschen abgeleitet. Als einer von vielen sorgfältigen Lesern Philipp Clüvers betrachtete er das neuzeitliche Deutsch als im Wesentlichen identisch mit der ursprünglichen keltischen Sprache des Askenas, was dazu führte, dass er die Adjektive »keltisch« und »deutsch« austauschbar verwendete. In Wörtern wie »teutsch« und »babbelen« hörte er immer noch diese Ursprache. Die Ausdrücke wiesen nicht nur auf den Stammvater zurück und auf die Sprachverwirrung beim Turmbau zu Babel, sondern sie ließen auch eine ungebrochene sprachliche Kontinuität erkennen. Die uralte Sprache der freien Deutschen hatte sich in ihrem Kern erhalten, denn ihre Sprecher waren im Kampf unbesiegt geblieben und hatten seit alter Zeit beharrlich an ihrer ursprünglichen Sprache festgehalten (bei Tacitus findet sich von dieser Beharrlichkeit nicht ein einziges Wort, dafür jedoch umso mehr bei seinen Lesern des 17. Jahrhunderts).44 Anders als die romanischen Sprachen mit ihrer Abhängigkeit vom Lateinischen war das Deutsche »rein« geblieben, ein Kontrast, den man innerhalb und außerhalb der Gesellschaft auch allegorisch einfing: hier die »reine unbefleckte Jungfrau«, dort das Französische, ein »Hurenkind«.45 Die sprachliche Variante des Chauvinismus behauptete sodann, ebenso wie germanische Krieger ihr eigenes Gebiet geschützt hätten, über andere dagegen nach Belieben hergefallen seien, sei die deutsche Volkssprache selbst zwar keinen Einflüssen unterlegen, habe aber andere Sprachen beeinflusst.
Schottelius verdichtete hier den weitverbreiteten Gedanken, dass eine Sprache unauflöslich mit dem sittlichen Charakter ihrer Sprecher verschmolzen sei, zu dem Ausdruck »teutsche Sprachnatur«. Helden sprachen natürlich, wie es ein Zeitgenosse formulierte, eine »Heldensprache«. Die traditionellen Tugenden der Krieger schrieb man auch ihrer Sprache zu, die nicht nur rein war, sondern auch aufrecht, fromm und tapfer.46 Als einer von vielen erwartete Schottelius zuversichtlich, dass »durch Erklärung der frommen tapferen teutschen Worte gleichsam der uralten Teutschen Redlichkeit, fleißiges und strenges Tapfersein zum Vorschein« kommen werde.47 Sein Werk sollte der Jugend seiner Nation dabei helfen, diese »redliche teutsche Sprache« zu lernen und dabei die Lust an den entsprechenden Tugenden zu entwickeln. Nur eine volle Beherrschung der reinen deutschen Sprache konnte jene tugendhaften Männer und Frauen aus Tacitus’ Zeiten wieder zum Leben erwecken, welche die deutschen Humanisten ihrer Jugend im 16. Jahrhundert empfohlen hatten und die Arminius im 17. Jahrhundert auf der Bühne gesucht, aber nicht gefunden hatte.
Schottelius’ FriedensSieg, in »teutscher Art« geschrieben, suchte »mit zarter Rede hier die Muttersprache [zu] zieren«, und damit wurde die lange dichterische Tradition wieder aufgenommen, die nach Ansicht von Opitz die Barden der Väterzeit verkörpert hatten.48 Das Stück beherbergte die alten deutschen Helden, die aus Philipp Clüvers Germania antiqua wiedererstanden waren und welche die Unreinheit der Sprache und den Verfall der Werte auf einer Bühne beklagten, die von einem künstlichen Weinstock, einem weiteren Symbol der Fruchtbringenden Gesellschaft, eingerahmt wurde. Mehr als an sein Publikum wandte sich das Stück an die kulturellen Interessen seiner Zeit.
Obgleich Deutschland [l’Allemagne] heute in einem ganz anderen Zustand ist als demjenigen, in dem es sich befand, als Tacitus es beschrieb, obgleich es voller Städte ist, während es im alten Germanien [l’ancienne Germanie] nur Dörfer gab, … obgleich sich schließlich die Lebensweise und die Kleidung der Germanen [des Germains] aus diesem Grunde in vieler Hinsicht von der Lebensweise und der Kleidung der Deutschen unterscheiden, erkennt man nichtsdestoweniger in den Deutschen von heute den Charakter und die Sinnesart der alten Germanen.
Jean-Baptiste Dubos, 1719
Friedrich der Große, der Monarch, preußische Militärmacht und Absolutismus des 18. Jahrhunderts in Person, hatte die Gewohnheit, beim Diner mit seinen Gästen Gespräche zu führen, deren Gegenstände von der Vorgeschichte bis hin zur zeitgenössischen Ökonomie reichten. Davon ging er auch nicht ab, als er sich im Winter 1778 in Breslau aufhielt. Der Anlass entsprach dem Charakter des Königs: Es ging um einen Krieg. Die bedeutendste Stadt Niederschlesiens beherbergte ihn und seine diplomatische Entourage während der Friedensverhandlungen mit seiner österreichischen Gegnerin im Bayerischen Erbfolgekrieg, Kaiserin Maria Theresia. Europa hatte den Aufstieg des jungen preußischen Staates mit angesehen, und viele waren darüber eher erstaunt als amüsiert, nicht zuletzt das Haus Habsburg, an dessen Spitze die Kaiserin stand. Da es Österreich im Siebenjährigen Krieg (1756–1763) nicht gelungen war, dem preußischen Adler die Flügel zu stutzen, kämpften die beiden Mächte auch weiterhin um die Vorherrschaft innerhalb des lockeren Verbunds des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation – bei dem es sich immer noch um eine schwerfällige Ansammlung einzelner Territorien handelte. Nun, 15 Jahre später, bedurften die Waagschalen der absoluten Macht in Europa wie im Reich einer erneuten Anpassung.
Eines Abends wandte sich der König an seinen Außenminister Ewald Friedrich von Hertzberg (1725–1795), dem er wegen seiner Kompetenz vertraute und den er wegen seines Sinns für Kultur schätzte. Beide standen auf vertrautem Fuß: Der Graf diente seinem König schon 35 Jahre lang, seit der Zeit, da Friedrich II. bei dem 20-jährigen Absolventen der Universität Halle gute Anlagen erkannt hatte. Nun behauptete der frankophone König – der für seine Verachtung des Deutschen bekannt war: Es eignete sich seines Erachtens allenfalls für die Konversation mit einem Hund – in schelmischem Ton, eine deutsche Übersetzung des taciteischen Lateins würde, was Genauigkeit und Prägnanz anging, hinter der französischen Version zurückbleiben. Weiterhin vertrat er die Ansicht, der ostgermanische Stamm der Goten sei in Wirklichkeit aus Schweden gekommen und die Parther – oder, wie er sie in Anlehnung an die entsprechende Passage bei Tacitus nannte, die Arsakidendynastie – seien in der Blütezeit des Römischen Reiches gefürchtetere Gegner gewesen als ihre germanischen Zeitgenossen. Der König, ein Freund Voltaires und der beste Repräsentant von Absolutismus und Aufklärung, liebte die Kontroverse; fade waren die Diners, denen diese Würze fehlte.
Hertzberg hatte es gelernt, nachzugeben und sich doch eine eigene Meinung zu bewahren. Seit seinen Studientagen in Stettin war er ein eifriger Arbeiter und geschickter Schriftsteller, und am darauffolgenden Tag sandte er seinem König zwei Passagen »aus dem berühmten Werk des Tacitus über Germanien«: Kapitel 37, in dem der Römer die lange Geschichte der römischen Defizite in Germanien erzählt, und Auszüge aus den Kapiteln 41 bis 44 einschließlich des Abschnitts über die Goten. Begleitet war diese Übung von einer auf Französisch geschriebenen Notiz:
Ich erlaube mir, Euer Majestät ein Kapitel der Germania des Tacitus zu überreichen, das ich ins Deutsche und ins Französische übersetzt habe. Mir scheint, dass die deutsche Übersetzung weder an Präzision noch an Korrektheit [pureté] hinter der französischen zurückbleibt. Dieses Kapitel beweist gleichzeitig, in welchem Maße Tacitus den Germanen [aux Germains] den Vorzug vor den Parthern und den Arsakiden gab und dass man mit ihm beweisen kann, dass die Goten, die Sueben oder Vandalen … und andere große Völker, die in der Folge das römische Reich umgestürzt haben, ihre alten Sitze zwischen der Elbe und der Weichsel in den Gebieten gehabt haben, die gegenwärtig unter der Herrschaft Eurer Majestät stehen. Ich hoffe, dass Eure Majestät mir die Freiheit nicht verübeln werden, die ich mir mit der Überreichung dieses kleinen Versuchs nehme.1
Eine halbe Stunde später sandte der König eine handgeschriebene Antwort:
Ich habe die Probe der Tacitusübersetzung gelesen, die Ihr mir schickt, und dagegen gibt es nichts zu sagen; aber das ist die Beschreibung der Sitten der Germanen – das ist nicht das, was schwierig zu übersetzen ist, sondern sein sentenzenreicher und kraftvoller Stil [in den Annalen ist schwierig], mit dem er in wenigen Worten die Charaktere und die Laster der römischen Kaiser zeichnet; … quot verba tot pondera [jedes einzelne Wort ein heftiger Schlag]. Ich bitte Euch um Verzeihung, dass ich in meiner Unwissenheit die Kühnheit besitze, einem gelehrten Mann wie Euch gegenüber etwas Lateinisches zu zitieren, aber das ist eine Vermessenheit, die Ihr mir hoffentlich verzeihen werdet.
Darüber hinaus verlor der König jedoch kein Wort über die Frage, was Tacitus zur germanischen Militärmacht oder zur Herkunft der Goten meinte, und er äußerte sich auch nicht anerkennend zu der schmeichelhaften Tatsache, dass er jetzt über einen Landstrich herrschte, dessen Bewohner auf eine derart großartige Geschichte zurückblicken konnten.
Damit war die Angelegenheit noch nicht erledigt. Hertzberg, der die Zurückhaltung seiner Majestät als freundliche Provokation auffasste, sandte ihm bald darauf eine weitere Übersetzung, diesmal einer Passage aus den Annalen, Tacitus’ Pathologie des Römischen Reiches unter seinen tyrannischen Führern. Der König, dem der Ruf des Historikers als oberster Tyrannenhasser anscheinend nichts ausmachte, pries die Qualität des Textes (»Voilà du bon Allemand«), kritisierte aber den von Hertzberg verwendeten deutschen Ausdruck »Beyspiel«; hier war, so meinte er, das französische exemple unentbehrlich. Und doch kam Friedrich der Große zu dem Schluss, wenn Männer wie Hertzberg für die Sache ihrer Muttersprache einträten, wäre sie bald in besserer Verfassung.
Sein talentierter Minister sollte sich später tatsächlich für die deutsche Sprache einsetzen, aber zunächst wandte er sich der Geschichte zu. Weniger als ein Jahr nach diesem Vorfall, am 27. Januar 1780, wählte er als Mitglied (und späterer Kurator) der Preußischen Akademie der Wissenschaften deren Jahresversammlung, um auf dieselben Fragen in größerem Detail einzugehen. Hier in Berlin servierte der Minister zur Verherrlichung seines Königs einen verspäteten Nachtisch zu jenem Diner in Breslau. Mit dieser ersten von acht Ansprachen in der Akademie behandelte Hertzberg ein Thema, das ihn seit seinen Studientagen interessiert hatte.
In seiner Rede erging er sich größtenteils in Gemeinplätzen aus dem Inventar des Germanenmythos, aber es kamen darin auch dessen jüngste, im 18. Jahrhundert hinzugefügte Ergänzungen zum Tragen. Die Germanen – sittlich und tapfer – waren den Römern überlegen gewesen. Sie stammten aus dem Norden Deutschlands – aus einem Gebiet, das, wie Hertzberg hervorhob, mit dem preußischen Territorium zusammenfiel –, wanderten nach Belieben und setzten der römischen Herrschaft über den größten Teil Europas ein Ende. Aus diesen Ruinen ließen sie die großen europäischen Monarchien hervorgehen. Um diese Behauptungen zu erhärten, ließ der Minister römische Autoren antreten, die bezeugten, dass das germanische Volk »der gefährlichste und gefürchtetste Feind« sei.2 Keiner hatte diese Furcht »eleganter, knapper und wahrhaftiger« beschrieben als Tacitus, aus dessen Werk er Abschnitte zitierte, wobei er seine eigene, vom König gebilligte Übertragung verwendete. Er verwob die Unüberwindlichkeit seiner Vorfahren mit ihrer Ureinwohnerschaft und flocht einige Gedanken ein, die aus Philipp Clüvers Germania antiqua vertraut waren (die immer noch ungeschmälerte Popularität genoss): »Germanien, wie es die Römer nannten, welches nach seinem Ursprung und dem Namen, den es in der ursprünglichen Sprache trägt, Teutonien heißen müsste, ist das einzige Land Europas und vielleicht der ganzen Welt, das niemals unterworfen wurde … Es ist noch immer dieselbe uransässige und eingeborene Nation, die ihre Unabhängigkeit, ihren Namen und ihre Sprache von ihrem Ursprung an bis auf unsere Zeit bewahrt hat.«
Die lange Liste germanischer Völker und ihrer Eroberungen römischer Provinzen veranlasste Hertzberg zu der Behauptung, die Wiege des europäischen Volkes habe nicht in Skandinavien, sondern im Norden Deutschlands gestanden. Zum Schluss meldete er Zweifel an, aber nur, um sie rasch zu zerstreuen (ein rhetorisches Muster, das man als occupatio bezeichnet): Wie konnten desorganisierte nomadische Banden so viel erreicht haben? Erstens waren sie, so hielt er dem entgegen, nicht gänzlich nomadisch gewesen; Tacitus selbst bezeugte, »dass sie auch den Boden bebauten«. Und zweitens: Gab es jemanden, der nicht mit dem ruhmreichen Porträt des ursprünglichen, sittlichen und schlichten Kriegers vertraut gewesen wäre, das der Römer zeichnete? Wer unter seinen Zuhörern den außerordentlichen esprit géneral der Deutschen infrage stellte, sollte, so empfahl er, sich daran erinnern, wie kürzlich die Überlegenheit des nördlichen Klimas und Charakters bewiesen worden sei.
Eine bloße Erinnerung genügte. Montesquieus berühmtes Werk Vom Geist der Gesetze, einen der einflussreichsten europäischen Texte des 18. Jahrhunderts, hatten seine Zuhörer mit Sicherheit studiert.
Wenn man das treffliche Werk des Tacitus über die Sitten der Germanen liest, so wird man finden, daß die Engländer von ihnen das Prinzip ihrer politischen Regierung entnommen haben. Dieses schöne System ist in den Wäldern erfunden worden.
Montesquieu, 1748
Der Nationalgeist der Deutschen erwachte um die Mitte des 18. Jahrhunderts im Süden Frankreichs. Andere, etwa der zu Beginn dieses Kapitels zitierte Jean-Baptiste Dubos, hatten ihn schon früher aufgerüttelt, aber Montesquieu fiel es zu, ihn wachzurufen und den deutschen Lesern vorzustellen. Sie begrüßten ihn freudig und gelangten schließlich – indem sie Überlegungen der patriotischen Sprachenthusiasten des vorangegangenen Jahrhunderts fortführten – zu dem Ergebnis, dass die Volkssprache und die Folklore seine klarsten Ausdrucksformen seien.
Charles-Louis de Secondat, Baron de La Brède et de Montesquieu (1689–1755), nannte sich schon früh mit Vorliebe einfach Montesquieu.3 Er war etwa 15 Kilometer südlich von Bordeaux im gotischen Schloss La Brède geboren, das von einem Graben umgeben war, der so breit war, dass man nicht hinüberspringen konnte. Als er 1734 beschloss, sein Hauptwerk zu verfassen, arbeitete er daran beinahe 20 Jahre lang in der gedämpften Stille dieser Festung. Für die Arbeit mit den über 3000 Büchern, welche die Wände der Wachstube bedeckten, konnte er auf umfassende Gelehrsamkeit, die Erfahrungen jahrelanger Reisen und einen Konversationsstil zurückgreifen, den er in den Salons von Paris geschliffen hatte – in solchen wie dem von Madame de Tencin, in dem man einen Mangel an Moral leichter verzieh als das Fehlen von Witz und Finesse.
Zu diesen Salons kamen Intellektuelle wie etwa die philosophes, die führenden Vertreter der Aufklärung, mit denen der Baron in loser Verbindung stand. Diese Bewegung verfolgte das Ziel, den Geist der Menschen von Vorurteilen zu befreien – um es mit den Worten eines ihrer prominentesten Vertreter, des Philosophen und Kritikers Denis Diderot, zu sagen. Sie betrachtete die Vernunft als die einzige Quelle von Autorität und befürwortete Freiheit in religiösen, intellektuellen und politischen Angelegenheiten. Die Förderung ihrer Ziele war auch der erklärte Zweck der Encyclopédie, eines 35-bändigen Fundus des Wissens, der ein Sinnbild seiner Zeit und ihrer Tendenzen war und an dem viele führende Köpfe der Epoche mitarbeiteten. Darin fand sich das Stichwort »Germanie«, in dem es von dem Buch des Tacitus heißt, dass »alle Welt [es] in Händen« halte.4 In diesem Werk blätterten französische Leser, wenn sie ihre Suche nach dem möglichen germanischen Ursprung des französischen Volkes fortsetzten. Die Franken, ein germanischer Stamm, der das Gebiet östlich des Niederrheins bewohnte, hatten, so nahm man an, den Fluss überquert, um sich in Gallien niederzulassen. Schon seit dem Spätmittelalter hatte es anhaltende Auseinandersetzungen über die Frage gegeben, ob die Franzosen Nachkommen dieser Eroberer seien – wie Montesquieu meinte – oder aber von den einheimischen Galliern abstammten. Je nach der Position, die in dieser Auseinandersetzung vertreten wurde, schwankte das Bild, das sich jemand von der Germania machte: Für die Verfechter des germanischen Ursprungs des französischen Volkes war sie ein »Evangelium der Ehre und aller menschlichen Tugenden«.5 Diejenigen jedoch, die an der Verherrlichung germanischer Zeiten kein besonderes Interesse hatten, fanden darin »Wilde aus den Wäldern und Sümpfen des alten Germanien«.
In den Salons, in denen man derartige Fragen erörterte, bewegte sich Montesquieu mit der Leichtigkeit des Erfolgsmenschen. Das Erscheinen der Lettres Persanes – einer satirischen Sammlung fiktiver Briefe zweier persischer Adliger, die Frankreich bereisten – hatte ihn berühmt gemacht. Er war Mitglied der Akademie von Bordeaux, immortel der Académie française und Fellow der Royal Society, schon bevor er Vom Geist der Gesetze verfasst hatte. Das letztgenannte Werk war es jedoch, das ihm einen Platz in der Ruhmeshalle der politischen Philosophen sicherte. Es steht heute für die Verdammung des Despotismus, für die Befürwortung der Gewaltenteilung und die Beschränkung der Regierungsgewalt durch Gesetze. In seiner Gesamtheit ist es jedoch eine vielschichtige Reflexion über natürliche und gesellschaftliche wie auch politische Gesetze, insbesondere im Hinblick auf ihr Verhältnis zu den »verschiedene[n] Dinge[n]«, welche die Menschen »beherrschen«: geografische und klimatische Bedingungen, regionale Sitten und Gebräuche sowie politische und religiöse Institutionen.6 Sie alle prägten den Charakter des Volkes oder, wie Montesquieu ihn nannte, den esprit général, und bis zu einem gewissen Grad richteten sie sich nach ihm.
Der esprit général tauchte in den Schriften französischer Theoretiker und Philosophen unter verschiedenen Namen auf, etwa als caractère de la nation. Dieser Charakter war zumindest teilweise auf die natürliche Umwelt des jeweiligen Landes zurückzuführen; das war so – um den Gedanken stark zu vereinfachen (was viele seiner zeitgenössischen Kritiker taten) –, als sei der Grad der Sittlichkeit umgekehrt proportional der Temperatur in Grad Fahrenheit. Diese anthropogeografische Theorie erlebte in Montesquieus Epoche eine Renaissance. Sie lässt sich bis zu der griechischen Abhandlung »Über Lüfte, Gewässer, Landschaften« zurückverfolgen, die Hippokrates, dem griechischen Vater der Medizin, zugeschrieben wird. (Tacitus könnte mit dieser Schrift vertraut gewesen sein, mit Sicherheit war er Anhänger der in ihr vertretenen Theorie.) Montesquieu, der in seiner Bibliothek in La Brède ein Exemplar des Werkes hatte, sprach vom »Reich des Klimas [als erstem] aller Reiche«.7 Auch wenn es das erste war, stellte es jedoch nicht das einzige dar, denn es gab noch andere Faktoren, die sich auf ein Volk auswirkten, wie Montesquieu sehr wohl wusste (wenngleich er den klimatischen Determinismus gelegentlich übertreibt). Wie ließen sich sonst die Unterschiede zwischen den Deutschen und den Russen erklären, wenn man bedenkt, dass »das Klima … sich nicht widersprechen« wird, wie ein Zeitgenosse spöttisch meinte.8
Gestützt auf seine Versuche mit der Wirkung von Frost auf die Zunge eines Schafes behauptete Montesquieu, die kalte Luft der nördlichen Halbkugel führe zu verstärkter Blutzirkulation und zu größerer, wenngleich impulsiver Stärke. Das durch das Klima bedingte Temperament begünstige Mut und Aufrichtigkeit, während es Verrat und Rachsucht reduziere. Die Menschen des Nordens besäßen zwar große Körper, aber sie lebten in Trägheit und hätten nur wenige Vergnügungen; mit Jagd, Raubzügen und Krieg suchten sie ihre Mattigkeit zu überwinden. Allgemein seien Laster selten und Tugenden bestimmten ihr Leben. Dieser nördliche und spezielle deutsche Charakter war nach Meinung vieler in der Schrift des Tacitus eingefangen, aus der Montesquieu auch seine Anregungen bezog. Er kannte den Römer so gut, dass er sich bei über 50 (bisweilen in bezeichnender Weise schlampigen) Zitaten auf sein Gedächtnis verließ: »Es ist kurz, dieses Werk«, meinte er, »aber ein Werk des Tacitus, der alles kurz darstellte, weil er alles sah.«9 Montesquieu verkürzte seine Vorlage noch weiter und trug dazu bei, den Ausdruck »deutscher Geist« als Kürzel für das von Tacitus gezeichnete Porträt zu etablieren.
Dies war der Geist, welcher der britischen Verfassung zugrunde lag. Montesquieu hatte beinahe zwei Jahre lang England bereist und dort die Kontrollmechanismen der konstitutionellen Monarchie des Landes studiert. Seine Begeisterung für diese Diversifizierung von Macht schlug sich in seinem Buch nieder, in dem er eine Darstellung ihrer Funktionsweise lieferte (die später trotz gewisser Ungenauigkeiten selbst in England als maßgeblich galt). Die Ursprünge dieses Systems konnte man, so behauptete er, in der Germania erwähnt finden, bei deren Lektüre sich herausstellte, dass »[d]ieses schöne System … in den Wäldern erfunden worden« war.10 Vom freien alten Deutschland vor Montesquieu zu sprechen hieß, über seine Freiheit von römischer Tyrannei zu reden: Die deutschen Humanisten betonten immer wieder mit großem Stolz, dass das germanische Volk stets frei von jeglicher Fremdherrschaft gewesen sei, und patriotische Sprachforscher gratulierten ihren Vorfahren dazu, dass sie fremde Truppen und ausländische Wörter abgewehrt hätten. Kaum jemand erwähnte die konstitutionelle Freiheit, die Tatsache, dass »alles mit Stimme, Wissen und Willen« des Volkes geschah, wie es ein deutscher Humanist mit ziemlich exzeptionellen Interessen formuliert hatte.11 Nachdem der Westfälische Friede den deutschen Fürsten und Kurfürsten 1648 die Unabhängigkeit garantiert hatte, wurden solche Stimmen noch seltener.
Montesquieu änderte das. In einer Fußnote zitierte er die Passage aus der Germania, die seiner Ansicht nach den Keim dieses Machtgleichgewichts enthielt: »Über geringfügigere Angelegenheiten entscheiden die führenden Männer, über bedeutendere alle, jedoch so, daß auch die Fragen, über die das Volk befindet, von den führenden Männern vorbehandelt werden.«12 Näher ging Montesquieu auf dieses Thema nicht ein. Ganz offensichtlich betrachtete er jedoch die Rolle der Volksversammlung bei der Entscheidungsfindung als eine Beschränkung für die Beschlussfassung der politischen Führer. An anderen Stellen seines Buchs interpretierte er Tacitus’ Äußerungen zur beschränkten Freiheit von Königen, zur Wahl von Führern nach erwiesenen Fähigkeiten und nicht aufgrund von Abstammung sowie das Erfordernis, über die Verhängung der Todesstrafe in Gegenwart des Volkes zu entscheiden, in ähnlicher Weise als Markenzeichen der germanischen Auffassung von Regierungsgewalt. In einem Zeitalter, in dem es an Freiheit mangelte, in dem sich absolute Herrscher an der Macht hielten, deutete Montesquieu die Germania als Entwurf einer freien Gesellschaft. Ungeachtet seiner Beteuerungen waren diese philosophischen Gedanken über die Selbstherrschaft dem politischen Status quo mit Sicherheit »abträglich«, wie ein zeitgenössischer Leser rasch bemerkte.
Indem er dieses »schöne System« im Norden ansiedelte, definierte Montesquieu nicht nur die Freiheit von Fremdherrschaft um in eine Freiheit von absoluten Herrschern, sondern er modifizierte auch die traditionelle Lesart der Geografie: Politisch wurde der einstmals unwirtliche und abstoßende Norden, der sich nachteilig von den kultivierten und zivilen gemäßigteren Klimazonen abhob, zur Wiege der Freiheit. Viele zollten Beifall, andere widersprachen erzürnt. Vor allem Voltaire (1694–1778), ein dominierender Vertreter der Aufklärung und Briefpartner Friedrichs des Großen, stellte die sarkastische Frage, ob wohl das Oberhaus und das Unterhaus ebenfalls aus dem Schwarzwald gekommen seien. Vielleicht stammten sogar die englischen Baumwollfabriken von dort, auch wenn Tacitus berichtete, dass die alten Deutschen lieber auf Beutezüge gingen, als für ihren Lebensunterhalt zu arbeiten? Voltaire teilte auch nicht den Glauben Montesquieus an den germanischen Ursprung der Franzosen: Wer waren, so fragte er, die Franken, die in Vom Geist der Gesetze »unsere Väter« genannt wurden?13 Ebenso wie die anderen Barbaren aus dem Norden waren sie wilde Tiere auf der Suche nach Weideplätzen. Doch als Voltaires Kommentar 1777 veröffentlicht wurde, nahm man ihn kaum zur Kenntnis: Europa sprach schon seit beinahe 30 Jahren die Sprache Montesquieus.
Um die französische Zensur zu umgehen, war Vom Geist der Gesetze 1748 in Genf veröffentlicht worden. In Deutschland begrüßte man die Schrift als »ein Meisterstück in ihrer Art«, das es verdient habe, »nicht durchgelesen, sondern durchgedacht zu werden«.14 Weniger als fünf Jahre nach dem französischen Original veröffentlichte Abraham Gotthelf Kästner, ein Mathematiker mit literarischen Neigungen, die erste deutsche Übersetzung unter einem Titel, der sowohl wegen seiner Auslassung als auch wegen seiner kreativen Rechtschreibung bemerkenswert ist: Des Herrn von Montesquiou Werk von den Gesetzen oder… (die Punkte stehen für den Untertitel, der auf eine kurze Inhaltsangabe hinausläuft). Kästner schreckte vor dem entscheidenden Terminus esprit zurück und verwies auf die Komplexität des französischen Ausdrucks (für den es, so glaubte er als Geistesverwandter Friedrichs des Großen, kein entsprechendes deutsches Wort gab). Im Jahr 1760 erschien dann aber eine Abhandlung über die deutsche Gesetzgebung, in deren Titel zur Wiedergabe des französischen Begriffs esprit das deutsche Wort »Geist« verwendet wurde – der erste Auftritt eines Terminus, der sich fortan behaupten sollte.
Es folgte eine lebhafte Debatte, in deren Mittelpunkt ein Essay von Friedrich Karl von Moser (1723–1798) stand. Der Adlige im Rang eines Freiherrn war zwar als Rechtsanwalt und in der öffentlichen Verwaltung tätig, wurde aber weiteren Kreisen durch seine literarische Tätigkeit bekannt. In der Reichsstadt Frankfurt verfasste er 1765 seine Abhandlung Von dem deutschen Nationalgeist. Die Einleitung dieser Schrift trompetete: »Wir sind Ein Volk, von Einem Namen und Sprache.«15 Trotz einer Reihe von vereinheitlichenden Zügen fehlte den Deutschen jedoch eine gemeinsame »National-Denkungsart«. Angesichts einer Gegenüberstellung von Vergangenheit und Gegenwart meinte er bedenklich (und diese Bedenklichkeit war in größeren Lettern gedruckt als der umgebende Text): »Wir kennen Uns selbst nicht mehr; wir sind Uns untereinander fremd geworden, Unser Geist ist von Uns gewichen.« Die Herrscher und der Adel der deutschen Staaten dachten mehr an sich als an ihr »Vaterland«, das »bloß ein toter Name« war. Seine Schilderung der deutschen Lage beschloss Moser mit einer leidenschaftlich vorgetragenen Vision: »Wie glücklich, wie ruhig würde Deutschland alsdann sein, wenn in der Sprache jenes würdigen Eidgenossen ein Berliner Wien, ein Wiener Hannover, ein Hesse Mainz als sein Vaterland achten, lieben und ehren lernte.« Das war der Traum eines Reichspatrioten, der Deutschland mit dem Reich gleichsetzte, und ein Traum sollte es einstweilen bleiben.
Mosers Abhandlung stieß schon bald auf Kritik. Vier Jahre lang gab es Besprechungen, Briefe und Entgegnungen, in denen der Nationalgeist diskutiert und definiert wurde. Er hatte es versäumt, so klagten Kritiker, diese zentrale Idee näher auszuführen, und er hatte die deutschen Aristokraten mit der Nation verwechselt, so als handle es sich bei ihnen um die Verwalter des Geistes. Ein Leser krittelte, er habe sein Geld für Mosers Werk ausgegeben, um daraus etwas über den Nationalgeist zu lernen, aber er hätte seine Zeit besser genutzt, wenn er stattdessen Tacitus gelesen hätte. Er hielt es auch für lächerlich, über den Nationalgeist der Deutschen zu schreiben, ohne ihren Ursprung und ihre alten Sitten gebührend zu berücksichtigen. Wie konnte man sonst einen Vergleich anstellen und behaupten, er sei verschwunden?16 Ein späterer Autor umriss in einer Schrift mit dem naiven Titel Noch etwas zum deutschen Nationalgeiste diesen Geist als »die besondere Eigenschaft, oder de[n] Inbegriff, complexus, aller der besondern Eigenschaften, wodurch ein Volk von dem andern sich unterscheidet«, und er fügte hinzu: »Diese ihm privative zustehende Eigenschaften sind teils Eigenschaften der Seele, teils des Körpers.«17 In dem Profil des Nationalgeistes, das er skizzierte, zitierte er so viel aus der Germania , dass er schließlich müde wurde und seine Leser direkt auf das Original verwies. Als die Debatte zu Ende ging, war der Nationalgeist endgültig im Buch des Tacitus verankert.
Ein Zeitgenosse notierte 1767, keine anderen Werke seien so allgemein bekannt wie die, welche die Frage des deutschen Nationalgeistes behandelten. »Man darf in der Gegend um Frankfurt nur in ein halbansehnliches Wirtshaus einkehren …, so läßt sich der gesellige Gasthalter in ein erbauliches Gespräch über den belobten Streit ein.«18 Die anonym geführte Debatte trug dazu bei, Montesquieus Ideen zu verbreiten und vor allem den Begriff des Nationalgeistes zu bestimmen (und seine Züge festzulegen). Die wechselseitige Infragestellung seiner Definition und seiner Lokalisierung (in der Elite oder im Volk?) durch die Kontrahenten lenkte neue Aufmerksamkeit auf die langlebige »deutsche Frage«.
Von der Nationalversammlung der alten Deutschen: Edle und… Gemeine waren somit zwei nebeneinander bestehende und unabhängige Stände. Letztere waren die wahren Bestandteile des Körpers der Nation, und auf ihrer Bewilligung beruhte Alles.
Justus Möser, 1768
Deutschland schwankte zwischen der Verlockung eines Reiches, das bereits der Vergangenheit angehörte, und der Verlockung eines Nationalstaats, der noch unerreichbar war. Man konnte behaupten: »Die besten Köpfe in Deutschland machen, der weiten Entlegenheit ohnerachtet, zusammen eine Art von kleiner Republik aus«, und sich doch die Frage stellen, wo, da Deutsche gegen Deutsche fechten, »in unserem unter Krieg und Verheerung seufzenden Deutschlande jetzt wohl das Vaterland zu finden« sei.19 Der Siebenjährige Krieg (1756–1763) – mit seinen beiden Fronten in Europa und Nordamerika der erste globale Krieg der Geschichte – ließ diese beiden Deutschlands schärfer hervortreten. Während kleinere deutsche Staaten, die entweder mit Preußen oder mit Österreich verbündet waren, auf Schlachtfeldern innerhalb des Heiligen Römischen Reiches gegeneinander kämpften, bildete sich eine überregionale »deutsche Bewegung« heraus, in der Verleger und Pamphletisten in Zeitschriften wie dem Teutschen Merkur und der Allgemeinen Deutschen Bibliothek die zweifelhafte Nation entschlossen aufgriffen. Goethe und Schiller fassten die paradoxe Lage in einem einzigen Satz zusammen: »Wo das gelehrte [Deutschland] beginnt, hört das politische auf.« Johann Gottfried Herder erklärte, als er über das gleiche Missverhältnis nachdachte, der natürlichste Zustand sei der, welcher ein einziges Volk mit einem einzigen Nationalcharakter umschließe.20 Bis dieser Nationalstaat tatsächlich auf der Landkarte auftauchte, sollte allerdings noch ein weiteres Jahrhundert vergehen.
Einstweilen musste die Vergangenheit immer noch als Ersatz für die Gegenwart herhalten. Sie zog nach wie vor nationalistische Spekulationen auf sich, nun aber solche, in deren Mittelpunkt die Regierungsform, die Verfassungsordnung und die Wählerschaft standen. Montesquieu hatte die wechselseitige Abhängigkeit des Geistes eines Volkes und seines politischen und juristischen Systems hervorgehoben – Tyranneien brachten Sklavengeister hervor –, und als er den Geist des Nordens erörterte, sprach er wiederholt von den sogenannten Gesetzen der Barbaren, Rechtsvorschriften der germanischen Völker, die auf das frühe Mittelalter zurückgingen. Sie ließen, so fand er, »eine bewunderungswürdige Einfachheit« erkennen, »eine ursprüngliche Roheit und einen Geist, der nicht durch einen anderen Geist geschwächt war«.21 Er verwies auf Parallelen zwischen einem bestimmten Gesetz oder vielmehr einem Brauch in der Germania und einer bestimmten Vorschrift in den Gesetzen der Barbaren. Seiner Ansicht nach stimmte die von Tacitus gegebene Schilderung der Art und Weise, in der die Germanen nicht in Städten lebten, sondern in Häusern, die von freiem Gelände umgeben waren – die er für seine Zwecke leicht zuspitzte –, mit den germanischen Vorschriften überein, die sich gegen Besitzstörung und Einbruch richteten. Sowohl die Abhandlung des Römers als auch die germanischen Gesetze zeugten vom gleichen Geist der Freiheit und Unabhängigkeit.
Wie nicht anders zu erwarten, beeilten sich deutsche Juristen, mit eigenen Studien hieran anzuknüpfen, auch wenn die einzelnen Staaten und Städte – manche waren so klein, dass Montesquieu witzeln konnte, sie hätten weniger Untertanen als ein Sultan Ehefrauen – jeweils über eine eigene Gesetzgebung verfügten.22 Diese disparaten Rechtssysteme fügten sich, ähnlich einem zerbrochenen Kaleidoskop, nicht zu einem kohärenten Ganzen zusammen. Mit solcher Diskrepanz zwischen dem einheitlichen deutschen Geist und der Vielzahl von Gesetzen rang Johann Heumann von Teutschenbrunn (1711–1760) in seinem Buch Der Geist der Geseze der Teutschen. Dem Juraprofessor an der Universität Altdorf bei Nürnberg, der die deutschen Gesetzgeber der alten Zeit dafür pries, dass sie bestimmte juristische Elemente wie das Volljährigkeitsalter entsprechend den Eigenschaften des Volkes, etwa der relativ späten Reife, festgelegt hatten, lieferte zumindest die Vergangenheit die gewünschte vereinheitlichende Vision.23 Erst als das römische Recht die einheimischen Verfahrensweisen umstieß, wurde ein viel früheres und unangemessenes Volljährigkeitsalter festgesetzt, das sodann Ausnahmen erforderlich machte.
Mit seinem langjährigen Interesse an Tacitus gehörte Heumann zu einer wachsenden Zahl von Rechtshistorikern, die ungeachtet einer autoritativen Ablehnung der Germania als Rechtsquelle eifrig in diesem Werk blätterten.24 Ihr besonderes Augenmerk galt dem darin beschriebenen politischen System, nicht zuletzt da Montesquieu es als den Vorläufer der englischen konstitutionellen Monarchie identifiziert hatte. Eine 1766 erschienene Sammlung juristischer Aufsätze, die ohne Inhaltsverzeichnis und Register nicht weniger als 1015 Seiten umfasste, entfaltete ausführlich die größere Bedeutung der kurzen Bemerkung des Tacitus, dass Könige gewählt wurden.25 Zwei Jahre später erschien in Osnabrück eine Doppelbesprechung, die ebenfalls genauer auf die germanische Idee der Staatsverfassung einging. Ihr Autor erörterte die aufrüttelnde Abhandlung Mosers, Von dem deutschen Nationalgeist, und die weitschweifige jüngste Entgegnung darauf, Noch etwas zum deutschen Nationalgeiste . Ebenso wie andere Autoren fand er die deutsche Nation ungreifbar, und er weigerte sich, sie beim Adel zu suchen. Im Zuge seiner Grübeleien über die Frage, wo und was die Nation sein könnte, präsentierte er eine überraschende Annahme: »Die Zeit, wo jeder Franke oder Sachse paterna rura (das ist sein … Erbgut) bebaute und in eigner Person verteidigte, wo er von seinem Hofe zur gemeinen Landesversammlung kam, … diese Zeit war imstande, uns eine Nation zu zeigen. Allein die gegenwärtige ist es nicht.«26 Eine goldene germanische Vergangenheit der Freiheit, gewiss, aber eine, die von einer Bauernversammlung gelenkt wurde?
Damit, dass Justus Möser (1720–1794) in der Zeit zwischen dem Siebenjährigen Krieg und der Französischen Revolution zur beherrschenden Gestalt in der Politik von Osnabrück aufsteigen würde, hätte man nicht gerechnet. Nachdem er von seinen lustlosen Studien an den Universitäten Jena und Göttingen nicht mit einem akademischen Grad, sondern lediglich mit Beklemmungen zurückgekehrt war, wurde ihm der Eintritt in den Juristenstand nur wegen seines Vaters, eines Rechtsanwalts, welcher der Zulassungsbehörde angehörte, ermöglicht. Bald jedoch sammelte Möser Ämter und Titel – er war nicht mehr der Bummelant, der er eingestandenermaßen gewesen war –, und etablierte sich als Angehöriger der einflussreichen Klasse von Verwaltungsbeamten in einer ständisch gegliederten Gesellschaft. Osnabrück, eine Stadt, in der es schon längst keine Ochsenbrücke mehr gab, die ihr einst den Namen gegeben haben mochte, fungierte als Hauptstadt des gleichnamigen Fürstbistums (Hochstifts), eines geistlichen Territoriums mit einer Fläche von nicht mehr als 130 Quadratkilometern. Da der Fürstbischof in den 1760er- Jahren noch minderjährig war und sich außer Landes aufhielt, war Osnabrück führungslos und wurde de facto von Möser geleitet. Letztlich lenkte er 30 Jahre lang die Geschicke dieses Staates. Während er so »in der wirklichen Welt [lebte] und … darin zu wirken« suchte, wie ein Freund und Biograf schrieb, richtete er seine forschenden Blicke auf die Vergangenheit.27 Bereits seit seiner Studentenzeit hatten sich seine Interessen über die Strenge des Rechts hinaus auf Literatur und Geschichte erstreckt, und mitten in seinen administrativen Verpflichtungen nahm er sich die Zeit, an seiner Osnabrückischen Geschichte zu arbeiten. Obgleich dieses Werk seine regionale Beschränkung schon im Titel zu erkennen gab, würdigte man Möser bald darauf als den Verfasser »der ersten Deutschen Geschichte, mit Deutschem Kopf und Herzen«.28
Die Vorrede zur Osnabrückischen Geschichte verhieß eine Art Bildersturm. Im Gegensatz zur gängigen Übung würde sich diese Geschichtserzählung nicht auf Kaiser, Könige und Fürsten konzentrieren, sondern auf »Sachsen, die ihr Land bebauten«. Nur diese »gemeinen Landeigentümer« verkörperten den Nationalgeist. 29 Bedauerlicherweise würde es sich um eine Geschichte des Niedergangs und des Verfalls handeln. Anfangs regierten freie Bauern sich selbst, sie bestellten ihren Besitz und kämpften für ihre Gemeinden. Dieser ursprüngliche Zustand der Freiheit und Autarkie entartete später allerdings in Autokratie und in das Elend der Leibeigenschaft. Doch das Werk Mösers, das die Entwicklung von Wehrbauern (einem Ideal, das verdächtig römisch klang) zu verhungerten Leibeigenen nachzeichnen sollte, kam über das 13. Jahrhundert nie hinaus: Die zeitgenössische Zensur sorgte dafür, dass sich die Darlegungen in sicherer Entfernung von der Gegenwart hielten.
Diese goldene Epoche hatte die Germania, so behauptete Möser, in trefflicher Weise festgehalten – so versuchte er es jedenfalls darzustellen. Seine Begeisterung für den römischen Historiker ging auf seine Schulzeit zurück, in der er seine Hefte mit langen Auszügen und Kommentaren gefüllt hatte. In der Osnabrückischen Geschichte zog er Tacitus nun heran, um die politische Struktur des germanischen Staates im Detail zu erläutern. In einem Vorwort zum historischen Hauptteil bot er eine 70-seitige »Kurze Einleitung« in die älteste politische Verfassung der Deutschen. In deren Mittelpunkt stand die Volksversammlung: Ohne die ausdrückliche Billigung der gemeinen Landeigentümer wurden keine Gesetze verabschiedet; unter der Leitung eines Priesters erhoben sich Sprecher in der Reihenfolge, die ihrer Leistung und ihrer rednerischen Begabung entsprach; und während des Krieges wählte man unter den Tapfersten einen Anführer, dessen Herrschaft – nicht allerdings dessen Rolle – ein Ende hatte, sobald der Friede wiederhergestellt war. Wenn es darum ging, ihre Freiheit zu schützen, waren die alten Deutschen sicherlich Künstler gewesen, schloss Möser. Selbst wenn man von ihrem Leben nichts anderes wüsste, als dass ihre Häuser unabhängig waren und verstreut lagen, könnte man doch die Größe ihrer Verfassungsidee ergründen. Dankbar konnte man jedoch dafür sein, dass man viel mehr wusste, und in seinen Fußnoten zitierte Möser Auszüge aus der Germania, um die Feinheiten dieser angeblichen Verfassung zu untermauern. Es gab allerdings einen solchen Tacitus-Schnipsel, und zwar einen ganz entscheidenden, der, wie ein zeitgenössischer Rezensent rasch herausfand, das ihm beigemessene Gewicht unter keinen Umständen tragen konnte. Die Wendung ex plebe consilium et auctoritas konnte bedeuten: »vom Volk gingen Rat und Macht aus«, und so wollte Möser diese Worte verstanden wissen. In Wirklichkeit hatte Tacitus jedoch geschrieben: »einen jeden [führenden Mann] unterstützen einhundert Beisitzer aus dem Volke als Ratgeber und gleichzeitig zur Bekräftigung seines Ansehens«.30 Möser konnte so gut Latein, dass er das wissen musste. Im Allgemeinen benutzt er Tacitus in angemessener Weise, aber hier erwies sich die Verlockung, die von ihm gewünschte Republik zu entdecken, als übermächtig.
Mösers zweite historische Annahme ruhte ebenfalls auf schwankendem taciteischen Boden. Seine Vorfahren hatten, so behauptete er, ihre eigenen Äcker bestellt und sich nur als Grundbesitzer für die volle politische Teilhabe qualifiziert. Eine derartige Qualifikation, entweder durch Dienst oder durch Eigentum, galt damals allgemein als erforderlich. Möser legte jedoch ein besonderes Schwergewicht auf den Grundbesitz, da er vor allem während des Siebenjährigen Krieges (in der Zeit, in der ein großer Teil der Arbeit an der Osnabrückischen Geschichte vonstatten ging) das Elend mittelloser Bauern in seinem Fürstbistum mit angesehen hatte. Leider muss man jedoch feststellen, dass die Germania Aussagen enthält, die das Gegenteil besagen: »Die Äcker wechseln sie [die alten Deutschen] jährlich, und doch bleibt noch Ackerland übrig.«31 Tacitus führte sodann weiter aus, dass man sie leichter überzeugen könne, den Feind herauszufordern, als »den Boden zu pflügen oder die Ernte eines Jahres abzuwarten«, und dass sie die landwirtschaftliche Tätigkeit im Allgemeinen lieber ihren Frauen überließen, was beides gar nicht zu Mösers Beschreibung der Bauern passt. Möser aber war anderer Meinung als die, welche sich auf Tacitus und Caesar beriefen und (ebenso wie Montesquieu) die Auffassung vertraten, die Germanen hätten das Land nur wenig bebaut. Caesar irrte sich einfach, wenn er bestritt, dass die germanischen Stämme Landwirtschaft betrieben hätten. Tacitus hingegen berichtete von Ackerbau, auch wenn es ein paar gegenteilige Äußerungen gab. Er schrieb, dass jeder sein Haus mit einem freien Platz umgab. Wie konnte man das von einem Volk behaupten, das keinen Grund und Boden besaß? Für diejenigen, die Tacitus zu lesen verstanden – eine Kunst, deren Vorhandensein ein zeitgenössischer Kommentator, dem an der germanischen Landwirtschaft gelegen war, aus ganz verständlichen Gründen als notwendig hervorhob –, bezeugte Tacitus eine solche Bauernschaft. Ungeachtet derartiger hermeneutischer Kniffe blieben die Versuche, in der Germania Belege für Landwirtschaft zu finden, jedoch umstritten.
Die Osnabrückische Geschichte schmückt ein Holzschnitt. In traditioneller taciteischer Manier erinnert er an die Abbildungen in Philipp Clüvers Germania antiqua (von der sich ein Exemplar in Mösers Bibliothek befand). Die Darstellung enthält aber auch Elemente, die auf den Bauern und seinen Grundbesitz anspielen (der Speer in der rechten unteren Ecke sollte wahrscheinlich für Mösers »Verteidigung« stehen, bei der sich Bauern in Soldaten verwandelten, um für ihre Gemeinde zu kämpfen). In der ersten Auflage seiner Geschichte hatten die gemeinen Landeigentümer Vorrang vor den Adligen. In einem begleitenden Brief stellte Möser, der selbst den Adel abgelehnt hatte, unverblümt fest, »die Adligen in Deutschland gehörten nicht wirklich zur Nation«.32 Diese Aussage schwächte er zwar in der zweiten Auflage ab und nannte nun sowohl das Volk als auch den Adel, aber die Gemeinen – das einfache Volk, wie sie in einer Fußnote mit Verweis auf Tacitus genannt werden – blieben das Rückgrat des »Körpers der Nation«.33 Möser, der selbst kein schwer arbeitender Mann aus dem Volk war, verstärkte den Einfluss des Volkes auf die Politik. Er trug somit dazu bei, den Bedeutungswandel herbeizuführen, der Jacob Grimm einige Jahrzehnte später zu Reflexionen darüber veranlasste, dass das Substantiv »Volk« und das zugehörige Adjektiv »volksmäßig« jetzt mit den Freien verknüpft waren.34 Außerhalb des Heiligen Römischen Reiches stärkten andere die Stimme des Volkes in der Dichtung. Auch sie hatten kaum teil an der Erfahrung des gemeinen Volkes.

8. Ein germanischer Bauer in Justus Mösers Osnabrückische Geschichte.
Nun suche in Deutschland den Charakter der Nation, den ihnen eignen Ton der Denkart, die wahre Laune ihrer Sprache: wo sind sie? Lies Tacitus, da findest du ihren Charakter.
Johann Gottfried Herder, 1767
Einige Jahre lang befand sich die maßgebliche Werkstatt der nordischen Mythenproduktion in Kopenhagen, in der Stadt, in der Deutschland auf Skandinavien und die Vergangenheit auf die Gegenwart trafen. Nach seiner Thronbesteigung im Jahr 1746 war der dänische König Friedrich V. bestrebt, das strenge Image seines Landes dadurch zu ändern, dass er seine Hauptstadt zu einem Zentrum der Künste machte. In den 1750er-und 1760er-Jahren lud er zahlreiche berühmte Literaten zu sich ein, von denen einer, Paul Henri Mallet (1730–1807), im Jahr 1752 zum Professeur Royal de belles lettres françaises ernannt wurde. Da die Französischkenntnisse am königlichen Hof entweder nichtexistent oder rudimentär waren, verfügte der Professor über reichlich freie Zeit. Diese, so schreibt ein früher Biograf, »nutzte er jedoch … auf die vorteilhafteste Weise«.35 1755 publizierte Mallet eine überdimensionale Einführung in die Geschichte Dänemarks, in der die Religion, die Gesetze, die Sitten und die Gebräuche der alten Dänen behandelt werden.36 Ein zweiter Band – samt einem weiteren Vorwort – präsentierte im darauffolgenden Jahr Denkmäler der Mythologie und der Dichtung der Kelten und insbesondere der alten Skandinavier (wobei wieder einmal von der Annahme ausgegangen wurde, die Kelten seien vom gleichen Stamm wie das germanische Volk). Das Ironische war, dass ein französischsprachiger Schweizer die Nordische Renaissance beförderte.
Mallet knüpfte an die Gedanken Montesquieus an. Das Vorwort spricht vom nördlichen Geist, von seinen Bindungen an das Klima und – das war sein Hauptbeitrag – von der Freiheit, die Europa besaß (und die, wie Mallet hinzufügte, eine wohlbekannte Tatsache war). Er folgte Montesquieu auch darin, dass er häufig auf die Germania als bedeutsamste Quelle zurückgriff. Im Gegensatz zu ihm propagierte er jedoch die Skandinavier als Verkörperung des Nordischen, ihnen wurde zugeschrieben, was sonst eher die Deutschen für sich in Anspruch nahmen. Mit Vergnügen las der dänische König, dass Skandinavien die Wiege des europäischen Volkes gewesen sei, dass es die römische Macht verspottet und vernichtet sowie moderne Monarchien gegründet habe. Als Mallet diese Dinge als spezifisch skandinavische Leistungen pries, machte er sich die Tatsache zunutze, dass der »Norden« sowohl Deutsche als auch Skandinavier umfasste. Die Cimbern, ein berühmter germanischer Stamm, wanderten in seiner Einleitung in dänisches Gebiet ein, um sich dort als künftige Gründerväter niederzulassen. Vagheit bietet einen großzügigen Rahmen, und für Mallet ist Tacitus der »hervorragende Historiker des alten Deutschland«, auf den er zurückgreifen kann, um die skandinavische Vergangenheit ans Licht zu bringen.37 Auch wenn die meisten – etwa Hertzberg in Breslau und Berlin – anderer Meinung waren und die Wiege und die vergangene Größe nach wie vor für Deutschland reklamierten, blieb die Anerkennung der Skandinavier (gemeinsam mit den Isländern sowie bisweilen mit den Briten und den Franzosen) als »echten Brüdern« in einer einzigen großen nordischen Familie überwiegend unbestritten.38
Der zweite bedeutende Unterschied zu Montesquieu lag darin, dass Mallet ein erweitertes Interesse an Religion hatte. Die Religiosität der deutschen Vorfahren pries man schon seit der Zeit der Humanisten, aber die Interpretationen ihrer Religion reichten dabei von barbarisch und heidnisch bis zu wahrhaft christlich. Als Mallet nun die Religion als »treuen Spiegel, in dem sich der Geist [eines Volkes] wahrnehmen lässt«, charakterisierte, wurde sie einer näheren Prüfung unterzogen. Seiner Ansicht nach waren die ausgezeichneten Sitten, die Tacitus bezeugte, letztlich auf die germanische Frömmigkeit zurückzuführen. Wer waren aber die nordischen Götter, welche die Germanen fromm verehrt hatten?39 Tacitus lieferte zu dieser Frage nur herzlich wenig Informationen. Es war ein anderer Text, der Odin, »den Begründer einer neuen Religion«, und mit ihm das nordische Pantheon in das Werk Mallets einfließen ließ und so die Aufmerksamkeit Europas darauf lenkte.
Die Edda, eine Sammlung altnordischer Texte in Versen und Prosa, wurde in Island im 13. Jahrhundert niedergeschrieben (manche Texte sogar noch früher). Sie ist voll von nordischen Mythen über Götter unter der Führung Odins, des Herrschers von Asgard, und über Helden wie Sigurd, den Drachentöter. Mithilfe eines isländischen Gelehrten, der in Altnordisch versiert war und der ebenfalls in Kopenhagen lebte, erstellte Mallet eine französische Teilübersetzung dieses Textes, die er in Denkmäler der Mythologie aufnahm. Sie sorgte bei französischsprachigen Lesern in ganz Europa für eine Sensation. Das Primitive und Urtümliche hatte man schon mehrfach als ästhetische Alternative zum Subtilen und Raffinierten propagiert. In jüngster Zeit hatte Jean-Jacques Rousseau in seinem Werk den ursprünglichen Zustand des Menschen und dessen natürliche, primitive Kultur als ein Paradigma propagiert, das städtischer Künstlichkeit vorzuziehen sei. Eine antiklassische Poetik war an der Tagesordnung. Die Edda mit ihren erdhaften Liedern in stabreimenden Versen kam gerade recht.
Ein Teil ihrer mannigfaltigen Mythen hatte auch Themen für Runensteine geliefert (etwa die Ritzzeichnung von Ramsund, die man in der Nähe der schwedischen Südostküste gefunden hatte und auf der Sigurd dargestellt ist). In Verbindung mit anderen Inschriften lieferten sie eine Fülle handgreiflicher Überbleibsel der Vergangenheit, wie sie die Deutschen so sehr vermissten (die selten völlig damit zufrieden waren, dass sie sich derart stark auf Tacitus als einzige Quelle stützen mussten). Die Runen verrieten auch das hohe kulturelle Niveau: Unter Berufung auf sie gab Mallet der Bemerkung des Tacitus, die man allgemein als Hinweis auf germanisches Analphabetentum auffasste, eine neue Interpretation.40 Als ein weiteres Detail seiner Darstellung der blühenden Kulturlandschaft des Nordens erwähnte er Barden, die jüngst mit den unter dem Namen des keltischen Dichters Ossian kursierenden Liedern zu neuer Berühmtheit gelangt waren. Diese Barden pflegten nicht nur Götter und Helden zu verherrlichen, sondern auch Stammesführer, die sich Nachruhm wünschten. Gedichte hatten, so erklärte Mallet seinen Lesern, als Annalen gedient, genau wie Tacitus berichtet hatte.
Als das Werk Mallets erschienen war, jubelte Heinrich Wilhelm von Gerstenberg, ein Mitglied des deutschen Kreises in Kopenhagen: »Wir sind ein Originalvolk, wir haben eine Originalsprache, und was wir in der Geschichte, in der Mythologie, in den Sitten sehen, ist unser.«41 Die Historiker des 16. Jahrhunderts hatten ihr Originalvolk gefeiert, die Sprachwissenschaftler des 17. Jahrhunderts ihre Originalsprache; nun, da die Romantiker vor allem die Originalität der Sinnesart hervorhoben, erweiterten Gerstenberg und gleichgesinnte Autoren ihr Erbe um eine Originalmythologie. Deren Quelle lag im Norden, wie das von Gerstenberg verfasste Gedicht eines Skalden in seinem Titel erkennen lässt: Die prominente Nennung des skandinavischen Barden (eines Skalden) macht die Absicht deutlich, die der erste Vers sodann umsetzt: »Ists Bragas Lied im Sternenklang …?« Braga, so erklärt Gerstenberg in seiner »Erläuterung der Eddensprache und der Anspielungen in diesem Gedichte«, war der nordische Gott der Dichtung. Er hatte Apoll, den griechischen und römischen Musenführer, an den sich die Humanisten mit der Bitte um Inspiration gewandt hatten, schließlich in den Ruhestand geschickt. Das war nicht nur ein Namenswechsel, es kam vielmehr einem Paradigmenwechsel gleich. Jetzt sollten die deutschen Dichter die klassische Mythologie ebenso meiden wie bisher schon die lateinische Sprache; sie sollten von Originalmythen singen, und »original« hieß »nordisch«. Die behauptete Verwandtschaft zwischen Skandinaviern und Deutschen erleichterte skandinavische Ansprüche auf die deutsche Vergangenheit – sie legte auch nahe, Lücken in der deutschen Überlieferung mit nordischem Material zu füllen.

9. SS-Runen; Deckblatt des Fotoalbums B der Sammlung Himmler.
Der mit Gerstenberg befreundete und zur gleichen Zeit wie Mallet am dänischen Hof wirkende Dichter Friedrich Gottlieb Klopstock (1724–1803) stürzte sich mit ebensolcher Begeisterung auf das Nordische als deutsches Erbe. »Ich hatte in einigen meiner ältern Oden griechische Mythologie«, schrieb er 1767 an einen Freund mit ähnlichen Neigungen, wobei er speziell auf eine Dichtung Bezug nahm, die er vor 20 Jahren verfasst hatte.42 »Ich habe sie herausgeworfen und sowohl in diese als in einige neue die Mythologie unsrer Vorfahren gebracht.« Odin hatte mit Zeus gekämpft und die Dichtung Klopstocks erobert. Erforderlich war jedoch mehr als eine bloße Ersetzung: In deutscher Dichtung sollten deutsche Kultur und deutsche Bräuche zum Ausdruck kommen. In dem gleichen Jahr, in dem er seine Ode umarbeitete, verfasste Klopstock das erste von drei Stücken über Hermann, die Geißel der römischen Legionen. Wieder wurde der germanische Anführer zu den Waffen gerufen. Als er im 16. Jahrhundert erstmals auf den Plan getreten war, hatte er Latein gesprochen. Seither hatte er viele römische Attribute abgeschüttelt, und nach den Wünschen Klopstocks sollte er nunmehr vom deutschen Geist belebt werden.
Als gefeiertster Autor der Zeit vor der Weimarer Klassik verdankte Klopstock seine Einladung nach Kopenhagen dem Eindruck, den der erste Teil seines Messias auf Friedrich V. gemacht hatte. Zum Zeichen »seine[s] Wohlgefallen [s]« über diese Dichtung religiöser Geschichte stellte ihm der König ein Stipendium zur Verfügung, das weder knauserig noch großzügig war, aber reichlicher, als es sich Klopstock irgendwo anders hätte erhoffen können.43 Klopstock, als ältestes von 17 Kindern in der mittelalterlichen Stadt Quedlinburg geboren, hatte das Internat Schulpforta an der Saale besucht. Dort herrschte immer noch die gleiche Disziplin wie in dem Kloster, das der Bau einst beherbergt hatte, und ebenso wie andere berühmte Absolventen vor ihm und nach ihm (darunter die Philosophen Fichte und Nietzsche) erhielt auch der angehende Dichter hier eine solide Ausbildung in Latein und Griechisch. Es folgte ein Theologiestudium sowie nach dessen Abschluss die übliche (in seinem Falle allerdings kurze) Zeit als Hauslehrer. Klopstock begann ein Wanderleben, und er zog dorthin, wo Unterkunft und Lebensunterhalt winkten. Als er sich in der dänischen Hauptstadt niederließ, konnte er nicht vorhersehen, dass er beinahe 20 Jahre dort bleiben würde. Doch dieses »dänische Ende Deutschlands« war sehr einladend: Bei Hofe sprach man seine Muttersprache, und sämtliche Adelsfamilien mit Ausnahme von sechs waren in Wirklichkeit Deutsche – ganz zu schweigen von der Gruppe der dort residierenden Auslandsdeutschen, zu der auch Gerstenberg gehörte.44 In ihrem Kreise vollendete Klopstock nicht nur seinen Messias, sondern arbeitete auch an deutscher Geschichte, um zum »Dichter der Religion und seines Vaterlandes zu werden«. Klopstock brauchte lediglich die Tradition des »Bardiet« wieder aufzugreifen.
Ein Neologismus wäre angebracht, um etwas Neues zu signalisieren. Doch Klopstock, der immer darauf bedacht war, die Gegenwart und die Vergangenheit miteinander zu verknüpfen, gab zu verstehen, dass der Ausdruck »Bardiet« nur außer Gebrauch gekommen sei. Das Wort »Barde« hatte sich im Deutschen erhalten, und Tacitus, der »verdienstvolle Freund«, bezeugte barditus; warum sollte man also nicht »Bardiet« wieder einführen?45 Klopstock definierte dieses Genre als eine Art von Werken, in denen es in erster Linie um historische Gestalten und bedeutende Ereignisse ging, treu im Detail und teilweise gesungen. Seine drei Bardiete, in deren Mittelpunkt Hermann stand, folgten den Vorgaben dieser Poetik. Hinsichtlich der historischen Genauigkeit stützte sich der Dichter auf Tacitus, wie aus den Anmerkungen hervorgeht. Wenn der Chor die germanischen Krieger erinnert: »Ihr stammet von Mana«, dann wird in den Anmerkungen erklärt, dass Mana der Name der deutschen Vorfahren für den göttlichen Helden gewesen sei.46 Die historischen Gestalten auf der Bühne sind in gleicher Weise aus dem taciteischen Lehrbuch zusammengeflickt: tapfer und treu bis in den Tod, offenherzig und auf Ehre und Frömmigkeit vertrauend. »Ich vermute fast, daß Sie im Tacitus nicht so belesen sind als ich«, erklärte Klopstock spielerisch in einem Brief an einen Bekannten, und er fügte einzelne Beispiele von Stellen hinzu, an denen seine Stücke der taciteischen Darstellung folgten. Bis zu einem gewissen Grad ist der Bardiet die Germania in Versen.
Das klarste Eingeständnis seiner Abhängigkeit von Tacitus war eine Passage, die er der Germania entnommen und an sein Stück angehängt hatte. Sie musste, so meinte er, »jedem Deutschen von rechtem alten Schlag das Herz wärmen«. Was sich Klopstock für das Zitat erhoffte, das wünschte er sich auch für seine Theaterstücke (wie auch für thematisch verwandte Gedichte): Sie sollten Patriotismus wecken. Seiner Ansicht nach sollten alle, die auf Deutsch schrieben, als Deutsche gelten; Geschichte und gemeinsame Kultur würden sie lehren, als Deutsche zu denken. Mit seiner verzehrenden Leidenschaft für »die Sprache des Thuiskon« stand er so fest in der Tradition der Sprachforscher des 17. Jahrhunderts, dass er Zeitgenossen an ein extremeres Mitglied der Fruchtbringenden Gesellschaft aus dem vorangegangenen Jahrhundert erinnerte.47 In seinem Gedicht »Unsre Sprache« beschrieb er das Deutsche als das, »was wir selbst in jenen grauen Jahren, / Als Tacitus uns forschte, waren, / Gesondert, ungemischt, und nur sich selber gleich.« Klopstock, der stolz darauf war, dass in seinen Adern »reines Cheruskerblut« floss, träumte davon, in ihm die Taten seines Fürsten zu beschreiben, den er in alter Zeit in die Schlacht begleitet hätte.48 »Ich will doch hoffen«, erklärte er dem Adressaten seiner historischen Träumereien, »Sie wissen, dass diese Nähe [zu den Ereignissen] die Pflicht der Barden war.«
Der Barde zog Gefolgsleute an, darunter als berühmteste die Dichter, die in Göttingen den »Hainbund« bildeten. Ebenso wie Klopstock gerierten sie sich als Barden, als Pseudonyme wählten sie sich sogar dubiose Bardennamen, und in ihrer Dichtung betonten sie die nordischen und nationalen Elemente. Ihre Lieder trugen jedoch nicht sehr weit; und schon bald waren sie vergessen.
Johann Gottfried Herder (1744–1803) sah sich eines Tages ebenfalls »im alten Deutschen Bardenhain« sitzen.49 Er stammte aus Mohrungen in Ostpreußen und hatte seine dichterischen Neigungen erkennen lassen, als er im Alter von elf Jahren ein Gedicht auf den kurz vorher erfolgten Tod seines jüngeren Bruders schrieb – »das Liebste, was ich auf dieser Welt verloren«.50 Für seine Talente und Interessen war seine Heimatstadt von 2000 Einwohnern zu eng, und er begab sich nach Königsberg; seinen Geburtsort und seine Eltern sah er nie wieder. Er studierte Theologie und neben zahlreichen anderen Fächern Philosophie bei Immanuel Kant. Obgleich er nebenher Unterricht gab, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen, fand er 1764 die Zeit, seine erste große Untersuchung, Über den Fleiß in mehreren gelehrten Sprachen, zu schreiben. In ihr waren die Gedanken enthalten, an denen er für den Rest seines Lebens festhalten sollte: Nationen unterschieden sich in ihrem Geist, den jede, zum Teil durch Klima und Umwelt geprägt, am deutlichsten in ihrer volkstümlichen und einheimischen Kultur, ihrer Folklore, zum Ausdruck bringt. Vieles hiervon hätte die Billigung Montesquieus gefunden, über dessen Werk Herder die Abhandlung Gedanken bei Lesung Montesquieus verfasste. Seine Gedanken sollten ihn schließlich jedoch noch weiter dahin führen, dass er sich eine Nation als ein organisches Ganzes vorstellte, ihrem Geist eine mythische Qualität verlieh und allein die niederen Kunstformen des Volkes für echt erklärte.
Die ursprüngliche nordische Mythologie, die Herder in einer Besprechung des Werkes von Mallet pries, konnte man zu Recht als deutsch reklamieren, denn sie kam, wie er es später ausdrückte, von einem »benachbarten Volk auch deutschen Stammes«. 51 Und für ein Volk war es von existenzieller Wichtigkeit, dass es an seiner Kultur festhielt. In Fragmente über die neuere deutsche Literatur, die er um 1767 schrieb, behauptete er kategorisch: »Kein größerer Schade kann einer Nation zugefüget werden, als wenn man ihr den Nationalcharakter, die Eigenheit ihres Geistes und ihrer Sprache raubt.« Dies galt insbesondere für eine Nation, die über keinen Staat verfügte, und wie aus seinem Studium der deutschen Literatur in ihrer geschichtlichen Entwicklung hervorging, waren die gemeinsame Sprache und die gemeinsame Literatur immer noch das Einzige, das die deutsche Nation an Gemeinsamem hatte. Ein förderndes Interesse an beidem war erneut patriotische Pflicht. Zu Herders Kummer folgten nur allzu wenige seiner Zeitgenossen diesem Ruf:
Nun suche in Deutschland den Charakter der Nation, den ihnen eignen Ton der Denkart, die wahre Laune ihrer Sprache: wo sind sie? Lies Tacitus, da findest du ihren Charakter: »Die Völker Deutschlands, die sich durch keine Vermischung mit andern entadelt, sind eine eigne, unverfälschte originale Nation, die von sich selbst das Urbild ist. Selbst die Bildung ihres Körpers ist in einer so grossen Menge Volks noch bei allen gleich: u. s. w.« Nun siehe dich um, und sage: »Die Völker Deutschlands sind durch die Vermischung mit andern entadelt, haben durch eine langwierige Knechtschaft im Denken ganz ihre Natur verloren: sind, da sie lange Zeit mehr als andre ein tyrannisches Urbild nachgeahmt, unter allen Nationen Europens am ungleichsten sich selbst.«52
In seiner Übersetzung des Tacitus verwendete Herder Termini, in denen seine eigenen ästhetischen Theorien zum Tragen kamen. Die Reinheit seiner Vorfahren war in erster Linie kultureller und sprachlicher Natur; sie waren »original« im Gegensatz zu einer kleinlich-nachahmenden Haltung, sie stellten ihr eigenes »Urbild« dar. Während Tacitus geschrieben hatte, die germanischen Stämme seien »ein Volk, das keinem gleiche als sich selbst«, schloss Herder mit Nachdruck, die Deutschen seiner Zeit glichen allen anderen als sich selbst. Doch es war noch nicht alles verloren: Sie besaßen das Muster ihrer selbst, das ihnen Tacitus vor Augen gestellt hatte, dessen »Reflexionen … in den Geist der Begebenheiten« drangen.
Die deutsche Kulturnation war in einer derart betrüblichen Verfassung, weil sie sich, mehr als 100 Jahre nach der Fruchtbringenden Gesellschaft, immer noch danach sehnte, in Stil, Literatur und Konversation französisch zu erscheinen. Diese eifrige Wertschätzung einer ausländischen Kultur übersah, dass Kulturen, ebenso wie sie sich in ihrem Charakter unterschieden, jeweils auch ihre eigenen Kriterien für kulturelle Entwicklung und kulturelle Errungenschaften besaßen. Für Herder, der das Recht eines Volkes auf Selbstbestimmung betonte, klangen alle Sprachen schön. Doch in einer seltenen Anwandlung von patriotischem Überschwang äußerte er sich – und darin stand er in direktem Gegensatz zu Friedrich dem Großen, für dessen kriegslüsterne und frankophile Herrschaft er, der als preußischer Untertan geboren war, keine große Sympathie aufbrachte – zur besonderen Schönheit des Deutschen und seiner Dichtung in ihrer rauen Einfachheit:
Es sei also, daß ein Römer unsere Sprache schildern würde, wie Tacitus unser Land: die Landschaft wild, das Klima rauh, Lebensart und Aussehen finster – wenn er sie näher kennete, würde er einen Bardengesang in ihr finden, der bei seinem rauhen Tone, bei seinem dumpfen Laut, bei seinem vollen und schweren zurückprallenden Schalle das Lob verdienet: und sie erscheinen nicht so sehr wie Stimmen als vielmehr wie der Zusammenklang ihrer Tapferkeit. Und was dörfen wir uns unserer Konsonanten schämen, wenn sie Concente [Zusammenklänge] der Tapferkeit sind, um Götter und Stammväter unseres Volks, Helden und Erretter der Nation zu preisen, Schlacht- und Siegeslieder andern Völkern unnachgesungen zu singen.53
Mit dieser konsonantenreichen Sprache hatten die alten Dichter, »unsere Väter«, »rohe Gesänge« verfasst, die von deutschem Geist erfüllt waren. Es war also ein Glück, dass ihre Gesänge in den Volksliedern der Tage Herders erhalten geblieben waren.
Der uralte Nationalgeist ließ sich immer noch zum Leben erwecken, und das nicht nur aus der Schrift des Tacitus, gab es doch die Volksdichtung. Während die Frankophilen in der Elite zahlreich vertreten waren, traf man sie kaum in dem »großen ehrenwerten Teil des Publikums, den man Volk nennt«, das in seiner ländlichen Sprache redete, sang und dachte.54 Ebenso wie Justus Möser – dessen Einleitung in die Osnabrückische Geschichte er in einen einflussreichen Band aufnahm, der die Entwicklung des Sturm und Drang beschleunigen sollte –, aber mehr an Poetik als an Politik interessiert, hielt Herder das einfache Volk für den wahren Träger des Geistes. In Herders Werk hatte die Verwandlung des Volkes aus einem vorwiegend gesellschaftspolitischen in einen ideologischen Begriff beträchtliche Fortschritte gemacht. Er gebrauchte »Volk« und »Nation« austauschbar – nicht aus Achtlosigkeit, sondern aus Überzeugung.
Die Gedanken Herders bekräftigten die Überlegungen, die zuvor Klopstock – den man mit bezeichnenden Worten als den »erste[n] Dichter unseres [deutschen] Volks« pries –, der Mythologe Paul Henri Mallet, der Historiker Justus Möser und der politische Philosoph Montesquieu angestellt hatten.55 Genau wie sie griff Herder auf Tacitus zurück, als er die deutsche Nation kulturell definierte, als eine, deren mystischer Geist in der Vergangenheit lebte und sich in der Gegenwart immer noch in der Sprache und den Überlieferungen des Volkes erhalten hatte. Herders Nationalismus war nicht chauvinistisch: Die Forderungen, die er für die Deutschen aufstellte – das nachdrückliche Bemühen um seine eigenen Wörter, Mythen und Dichtungen und das Selbstbestimmungsrecht –, galten für alle Völker, die in seiner hoffnungsvollen Vorstellung von der Menschheit vereint waren. Herder sprach nie von Stammbäumen und verwarf den Begriff »Rasse« wegen seiner Unbestimmtheit.56 Doch das »Volk« und sein Geist sollten ein Eigenleben entwickeln, über das ihr Urheber nur noch staunen konnte.
Die Römer hielten [die Germanen] mit Recht für ein uraltes, reines, ungemischtes Stammvolk. Es war nur sich selbst gleich; und wie die gleichartigen Gewächse, die aus einfachem, reinem Samen … emporwachsen, durch Ausartung nicht von einander abweichen, so war auch unter den Tausenden des einfachen teutschen Stammes nur Eine, feste, gleiche Gestalt.
Friedrich Kohlrausch, 1816.
1863, im Alter von 83 Jahren, setzte sich Friedrich Kohlrausch an den Schreibtisch und zeichnete sein Leben auf, in dem häusliches Glück und Fülle geherrscht hatten. Der Lehrer, einflussreiche Verwaltungsmann und vielgelesene Autor erinnerte sich an private Details – seine zahlreichen Freunde, seine gut gedeihende Familie – und ebenso an manche unglückliche öffentliche Ereignisse, etwa die Demütigung Deutschlands durch Napoleon bei Jena 1806 und die enttäuschten Hoffnungen des Frankfurter Parlaments 1848, als der preußische König die ihm angebotene deutsche Krone ablehnte. Kohlrausch hatte zu den zahlreichen nationalistischen Wortführern gehört, deren Stimmen im Lauf des 19. Jahrhunderts immer vernehmlicher wurden und die das »widernatürlich gespaltne Vaterland« beklagten, wie es sein Zeitgenosse Jacob Grimm formulierte.1 Ein Volk verdiente ein Reich. Die Ausrufung des Deutschen Reiches in Versailles 1871 kam für Kohlrausch um vier Jahre zu spät. Wäre er nicht 1867 gestorben, hätte er den Staat mit der Leidenschaft begrüßt, die ihn dazu inspirierte, sich an die Nation zu wenden, als er seine gut aufgenommenen Reden über »Deutschlands Zukunft« hielt oder als er zwei der meistgelesenen Schulbücher über deutsche Geschichte verfasste.2 Durch sie machte er eine breitere Öffentlichkeit mit den Germanen bekannt und verschaffte Tacitus eine erheblich größere Leserschaft. Dies war die Zeit, in der die Germania und der von ihr abgeleitete Germanenmythos über die Kreise von Gelehrten und Intellektuellen hinaustraten und in die Wohnstuben der wachsenden deutschen Mittelklasse Eingang fanden.
Kohlrausch ermahnte Generationen von Schülern, aus ihrer tugendhaften Vergangenheit, vor allem aus dem taciteischen »Spiegel der Ehre und des Stolzes«, zu lernen, wie sie deutsch sein sollten.3 Auch wenn vieles daran von früheren Jahrhunderten her einen vertrauten Eindruck macht, wird in diesem Spiegel doch ein Aspekt sichtbar, der bislang noch nicht in Erscheinung getreten war; einen Blick darauf erlaubt das Motto dieses Kapitels. In der Bearbeitung durch Kohlrausch erhielt der von Tacitus verfasste Abschnitt über germanische Reinheit und Physiognomie einen rassistischen Anstrich und wurde durch einen eingängigen biologischen Vergleich gestützt; darin treten anthropologische und (para)wissenschaftliche Ansichten zutage, die um diese Zeit entwickelt wurden und sich 150 Jahre lang halten sollten. Seit der Wende zum 19. Jahrhundert bog man den römischen Historiker so zurecht, dass er die Reinheit nicht nur der Sitten und der Sprache, sondern auch und in zunehmendem Maße die der rassischen Verfassung der germanischen Vorfahren als Angehörigen erst der kaukasischen, dann der arischen und schließlich der nordischen Rasse bezeugte. Rasserein waren die Deutschen gewesen, rasserein sollten sie wieder sein.
Wo fängt der Germane an? Wo hört er auf? Darf ein Deutscher Tabak rauchen? Nein, behauptete die Mehrheit … Aber Biertrinken darf ein Deutscher, und er soll es als echter Sohn Germanias; denn Tacitus spricht ganz bestimmt von deutscher cerevisia.
Heinrich Heine, 1840
Der preußische Adler steckte in der Zwangsjacke der Trikolore, und Berlin stand unter französischer Besatzung, als Johann Gottlieb Fichte, ein führender Vertreter des philosophischen Idealismus und Mentor Kohlrauschs, im Dezember 1807 im runden Saal der Preußischen Akademie der Wissenschaften die erste seiner 14 Reden an die deutsche Nation hielt. Die Stimmung war schlecht, aber die Veranstaltung war gut besucht; Fichte war berüchtigt, und das versprach Unterhaltung.
Manche der Anwesenden könnten sich die Frage gestellt haben, an welche deutsche Nation sich der berühmte Philosoph zu wenden gedachte. Preußen hatte nach der Schlacht von Jena vor dem »Namenlosen« (wie Fichte Napoleon nannte) die Knie gebeugt. Die Rheinprovinzen waren von Frankreich annektiert, das Heilige Römische Reich von der Landkarte gefegt und Preußen zu einem untergeordneten Königreich herabgestuft worden, und so erschien die deutsche Nation mehr denn je wie eine politische Leerstelle. Die Lage hätte durchaus dazu führen können, dass ein Patriot über Nacht graue Haare bekam, wie es einem von ihnen – Friedrich Ludwig Jahn – angeblich widerfahren war. In Ermangelung einer politischen Nation zogen sich die Nationalisten noch weiter in die kulturelle Sphäre zurück und befestigten Sprache, Recht und vor allem Geschichte als Bastionen des Deutschtums.
Die erste Forderung, die Fichte in seinen Reden erhob, galt einer nationalen (Um)erziehung. Er definierte »die ganze deutsche Nation« als alle Bewohner der Gebiete, »so weit die deutsche Zunge reicht«.4 Andere Patrioten hatten dasselbe Kriterium verwendet und taten dies auch weiterhin. »Was«, so sollte Jacob Grimm fragen, »haben wir [Deutschen] denn Gemeinsames als unsere Sprache und Literatur?«5 Fichte selbst hatte ebenso wie zahlreiche andere wandernde Landsleute Deutschland eher erlebt als darin gelebt, bevor er sich in Preußens umkämpfter Hauptstadt niederließ. Geboren in einem Dorf im Herzogtum Sachsen, in dem das Glück selten einkehrte, absolvierte er das nahegelegene Internat Schulpforta, zog sodann zum Theologiestudium nach Jena und daraufhin nach Königsberg, in die Heimat des kritischen Philosophen Immanuel Kant. Fichtes anonym erschienener Versuch einer Kritik aller Offenbarung brachte Ruhm und Berufung auf einen Philosophielehrstuhl an seiner Alma mater. Nach Jena zurückgekehrt, veröffentlichte er seinen Beitrag zur Berichtigung der Urteile des Publikums über die französische Revolution, in dem er als unerschütterlicher Freiheitsfreund die Revolution auch dann noch verteidigte, als sich die allgemeine Einstellung zu ihr im langen Schatten der Guillotine abgekühlt hatte. Als angeblicher Jakobiner und nachweislicher Heißsporn verlor er schließlich seine Professur. (Diese Episode trug kaum dazu bei, sein aufbrausendes Temperament zu zügeln; mit seinen Feinden – allesamt »DrekSeelen« und »Canaillen« –, führte er auch weiterhin giftige Auseinandersetzungen.6 Am Ende seines kurzen Lebens, nach Jahren voller Turbulenzen im öffentlichen wie im privaten Bereich, enthielt sein »Kabinett« eine schöne Sammlung solcher Widersacher.) Eine neue Heimat fand er im preußischen Berlin, hier kündigte er seine »gewöhnlichen Vorlesungen … für ein gemischtes Publikum aus beiden Geschlechtern … in der gewöhnlichen Stunde, Sonntags von 12 bis 1 Uhr« an.7 Der Nationalgeist bedurfte, da war sich Fichte sicher, eines Weckrufs.
Da nun die Franzosen deutsche Gebiete besetzten, schien ihre Kultur mehr denn je die »Deutschheit« zu bedrohen. In Fichtes Augen war »unter den Deutschen selber wenig Deutsches mehr übrig«.8 Auch wenn er sich in seinen Bemerkungen zur mittelalterlichen Größe, deren Kettenrüstungen die Fantasie der Romantiker anregten, höchst rühmend äußerte, sah er doch »das Stammvolk der neuen Bildung« in taciteischer Vergangenheit verwurzelt. Bei der Arbeit an seinen Reden war der römische Autor seine wichtigste Inspirationsquelle. Die Nationaleigenschaften, deren Wiedergewinnung er sich wünschte (und die er in seiner sechsten Rede durch die Geschichte verfolgte), umfassten den taciteischen Kanon, den schon die Humanisten in Erinnerung gerufen hatten: »Ernst und Gemüt« sowie »Treue, Biederkeit, Ehre, Einfalt«. Deutsche mit diesen Tugenden hatten unter der Führung des Arminius für die Freiheit von Rom und über ein Jahrtausend später unter der Führung der Reformatoren für die Befreiung von der römischen Kirche gekämpft. Nun bedurfte es eines erneuten Kampfes für die Freiheit, und dies umso mehr, als das Abschütteln des französischen Jochs der ganzen Menschheit zugutekommen würde.
Der Philosoph glaubte, das Schicksal der Menschheit hänge am Schicksal der deutschen Nation: »Gehet ihr … zugrunde, so gehet mit euch zugleich alle Hoffnung des gesamten Menschengeschlechts auf Rettung aus der Tiefe seiner Übel zugrunde.«9 Dieser Gedanke einer deutschen/germanischen Sendung gewann rasch an Boden. In einer früheren Vorlesungsreihe hatte Fichte die Menschheitsgeschichte in fünf Epochen eingeteilt, an deren Ende die Herrschaft der Vernunft stand. Mit diesem kühn ausgreifenden Weltplan deutete er jetzt die preußische Niederlage als unverkennbares Symptom des Zeitalters »der vollendeten Sündhaftigkeit«.10 Die Deutschen sündigten und litten für die Menschheit. Doch der Tiefpunkt war ein Wendepunkt; wenn sie sich um ihre traditionellen Sitten zu scharen vermochten, dann konnten sie auferstehen und die Menschheit auf das nächsthöhere Niveau erheben. Wie die Geschichte zeigte, waren sie ein besonderes Volk. Denn im Gegensatz zu den anderen germanischen Völkern – die Fichte von »neueuropäischen Nationen« wie den Slawen abgrenzte – waren allein die Deutschen »in den ursprünglichen Wohnsitzen des Stammvolks« geblieben.11 Nüchtern räumte Fichte ein, dass sich alle germanischen Stämme mit anderen Völkern vermischt hätten und keiner Anspruch auf Reinheit erheben könne. Daher war es von noch größerer Bedeutung, dass die Deutschen »die ursprüngliche Sprache des Stammvolks behielten und fortbildeten«, während die anderen germanischen Völker »eine fremde Sprache annahmen und dieselbe allmählich nach ihrer Weise umgestalteten«. Ureinwohnerschaft und Ursprünglichkeit – des Volkes wie seiner Sprache – waren Motive, die im Gebrauch so abgenutzt waren, dass sich Tacitus dahinter auch dann wahrnehmen ließ, wenn er nicht mit Namen genannt wurde.
Die Reden übten »auf den Geist der gebildeten Stände große Wirkung« aus, wie der preußische Staatsmann Karl vom und zum Stein erklärte.12 In ihnen kamen Gemeinplätze des nationalistischen Diskurses zum Ausdruck: die unbedingt notwendige Rückkehr zur Reinheit der deutschen Sprache und Kultur, Geschichte als Allheilmittel und deutsche Auserwähltheit. Der rastlose nationalistische Agitator Friedrich Ludwig Jahn vertrat den größten Teil dieser Ideen ebenfalls, aber das tat er mit solcher Vehemenz, dass ihn ein Zeitgenosse als »niedlichen Bluthund« charakterisierte.13 Nachdem er höhere Schulen und zahlreiche Universitäten mit üblem Leumund und ohne Abschluss verlassen hatte, veröffentlichte er die Schrift Das deutsche Volkstum. Diese Arbeit, die er 1808 verfasst hatte, als die Erschütterung durch Napoleon noch frisch war, wurde nach ihrem Erscheinen im Jahr 1810 sogleich ein Erfolg. Jahn unternahm eine Bestandsaufnahme des Deutschtums und plädierte für eine Rückkehr zu den Traditionen der Deutschen aus alter Zeit. »Noch sind wir zu retten«, verkündete er. »Aber nur durch uns selbst.«14 Der Weg zum Heil begann mit einem nationalen Erziehungsprogramm, das auf das »Volkstum« zielte, wie er es nannte: »das Gemeinsame des Volks, sein innewohnendes Wesen, sein Regen und Leben, seine Wiedererzeugungskraft, seine Fortpflanzungsfähigkeit«. Diese Wortschöpfung, die kaum über das hinausging, was man zuvor als den Geist des Volkes kannte, wurde rasch zu einer gängigen Münze in nationalistischer Währung.
Jahn war der Auffassung, die Wiedererweckung des Volkstums erfordere Bemühungen nicht nur um die nationale Kultur, sondern auch um körperliche Ertüchtigung. Viel zu wenig war von der Kraft übrig, die seine Ahnen bewiesen hatten, als sie jagten und mit Bären rangen. Selbst die Römer hatten ihre körperliche Tüchtigkeit bewundert, hatten über ihr Fußvolk gestaunt, »das so schnell ist, um unter der Reiterei mitzufechten«.15 Als Mann von Wort eröffnete Jahn 1811 vor den südlichen Mauern Berlins den ersten Turnplatz. Der Turnvater, wie man ihn fortan nannte, begründete eine nationale Bewegung. Zur Bezeichnung der Übungen wählte er einen weiteren Neologismus, »turnen«, der an mittelalterliche Turniere mit ihrem ritterlichen Streben nach Tapferkeit erinnerte.
Andere Populisten übernahmen Jahns Ideen. Ihr Interesse am Volkstum überschnitt sich mit den Bemühungen derjenigen, welche die Erforschung der deutschen Vergangenheit zu systematisieren suchten, woraus große Sammlungen und Editionen von Texten wie etwa die Monumenta Germaniae Historica hervorgingen. Diese wissenschaftlichen Interessen und Bestrebungen, deren Absicht es war, »Liebe zum Vaterland durch Kenntnis seiner Geschichte zu beleben«, fanden sodann an den Universitäten ihren institutionellen Niederschlag in der Einrichtung des Faches Germanistik.16 Zu dieser neuen Disziplin trug niemand mehr bei als Jacob Grimm. Er wurde als Patriot erzogen – zunächst für seine Geburtsregion in Hessen, dann für ganz Deutschland –, und seine vielfältigen Arbeiten bezogen sich alle »auf unser gemeinsames Vaterland … und [nährten] die Liebe zu ihm«.17 Nachdem er schon als Kind seinen Vater verloren hatte und noch in mittleren Jahren von dem Bild des schwarzen Sarges verfolgt wurde, setzte er Sehnsucht in Arbeit um. Teils in Zusammenarbeit mit seinem jüngeren Bruder Wilhelm sammelte er Märchen, Legenden und unzählige Informationen über deutsche Mythologie, Recht und Sprache. In der Tradition Montesquieus glaubte er, dass in alledem ein Volksgeist zum Ausdruck komme. Seiner Ansicht nach war die Sprache »der volle Atem« dieses Geistes, und Dichtung wie Recht waren seine speziellen Ausprägungen.
Grimm war an der Universität Marburg mit juristischen Studien beschäftigt gewesen, als er seinen Lehrer Professor Friedrich Carl von Savigny nach Paris begleitete; zur Geschichte des deutschen Rechts sollte er im Lauf seiner abwechslungsreichen Laufbahn wiederholt zurückkehren. Als er sich zu der Zeit, in der Fichte seine Reden hielt, auf den Weg nach Paris machte, waren das deutsche Recht und seine Erforschung im Wandel begriffen. Die Perspektive hatte sich geändert: weg von dem feststehenden Gesetz Gottes, der Natur oder der Vernunft hin zum Recht als Ausdruck des Willens eines bestimmten Volkes zu einem bestimmten Zeitpunkt. Wissenschaftlern einer gewissen Richtung erschienen daher die Anerkennung und die Übernahme römischer Gesetze anstelle des germanischen Gewohnheitsrechts als ein nationales Unglück (vielen anderen war allerdings klar, dass selbst die Unterscheidung zwischen einheimischen und ausländischen Gesetzen kaum zu bewerkstelligen war). Die Napoleonischen Kriege lenkten die Aufmerksamkeit der Forscher noch stärker auf das einheimische Recht, denn in den besetzten Gebieten war das französische Gesetzbuch eingeführt worden, was das deutsche Recht – wieder einmal – in Gefahr brachte. Karl Friedrich Eichhorn, der zusammen mit Savigny die neue historische Perspektive auf dem Gebiet des Rechts propagierte, erklärte 1808 in der Vorrede zu seiner epochemachenden Deutschen Staats- und Rechtsgeschichte, in der gegenwärtigen Situation grundlegender Veränderungen scheine es »wichtiger als je, den Blick auf die Vergangenheit zu richten und sich mit dem Geist unserer ehemaligen Verhältnisse vertraut zu machen«.18 Wer sich für eine solche Vertrautheit interessierte, las Tacitus. Bei denen, die auf die Wiederentdeckung (und bisweilen Wiedereinführung) germanischer Gesetze aus waren, blieb er während des gesamten 19. Jahrhunderts eine bald mehr, bald weniger beliebte Lektüre, auch wenn die Germania zu fundamentalen juristischen Begriffen der Germanen wie etwa »Sippe« und »Friedlosigkeit« kaum Informationen liefert. 19 Jacob Grimm selbst betrachtete in seinen juristischen Forschungen die Germania lediglich als eine Quelle unter vielen, aber angesichts seiner ganzheitlichen Auffassung von der Vergangenheit der Nation machte er bei seiner Arbeit reichlichen Gebrauch von ihr und veranstaltete sogar eine eigene lateinische Edition des Werkes. Denn, so meinte er, durch dieses »Römers unsterbliche Schrift war ein Morgenrot in die Geschichte Deutschlands gestellt worden, um das uns andere Völker zu beneiden haben«.20
Die Deutschen selbst waren sich nach Ansicht zahlreicher Intellektueller ihrer ruhmreichen Vergangenheit nicht in hinreichendem Maße bewusst; ihnen fehlte die richtige geschichtliche Unterweisung. Fichte hatte die dringende Forderung erhoben, es möge eine deutsche Geschichte geschrieben werden, die zu einem »National- und Volksbuch würde, so wie Bibel oder Gesangbuch es sind,« und die geeignet wäre, »den deutschen Geist wieder zu heben«.21 Friedrich Kohlrausch, der gerade sein Studium abgeschlossen hatte und als Hauslehrer der beiden älteren Söhne eines dänischen Gesandten tätig war, wohnte den Vorlesungen des bekannten Philosophen bei, dessen prägnante Gedanken und lebendige Darstellungen ihn nicht enttäuschten. Kohlrausch begegnete Fichte, als er zu einer Gruppe stieß, die sonntags im Haus des Philosophen Standpunkte analysierte. Gegenseitige Wertschätzung führte zu wiederholten Begegnungen. Einige Jahre später erfüllte Kohlrausch, der jetzt am Lyzeum in Düsseldorf tätig war, Fichtes Bitte um eine eingängige Darstellung der nationalen Geschichte.
Im Lauf des 19. Jahrhunderts übernahmen die deutschen Staaten schließlich die Verantwortung für die Erziehung ihrer Jugend. Kohlrausch reformierte nicht nur die Schulen in den Königreichen Hannover und Preußen und gestaltete den Geschichtslehrplan, er schrieb auch Die deutsche Geschichte für Schule und Haus, deren erster Band 1816 erschien, als sich der Pulverdampf über den europäischen Schlachtfeldern nach der Niederlage Napoleons gerade verzogen hatte. Dieses Werk erfüllte, wie ein Leser schrieb, ein »tief gefühltes Bedürfnis«, und Gleiches glaubten der Freiherr vom Stein, der Feldmarschall Gneisenau, »der jüngst bei Waterloo gesiegt hatte,« ebenso wie preußische Geheimräte und Geschichtsprofessoren, die allesamt »lobende Zuschriften« sandten.22 Die Anerkennung war von Dauer: Die 16. Auflage des Buchs erschien 1875, beinahe 60 Jahre später. Es gab sogar eine englische Übersetzung sowie eine gekürzte Fassung des deutschen Originals, die 1822 herauskam und über 70 Jahre später ihre 15. Auflage erlebte. Von Bayern bis Preußen betrachtete man das Werk Kohlrauschs als die deutsche Geschichte schlechthin. Selbst als sie in den 1870er-Jahren überholt war, wurde sie von Direktoren höherer Schulen »zur häuslichen Lektüre« empfohlen.23 Das Buch war so populär, wie Fichte es sich nur hatte wünschen können, und trotz seiner Ungenauigkeiten und Mängel prägte es die öffentliche Auffassung von deutscher Geschichte.
Das Vorwort trägt das Datum April 1816: Zehn Jahre nach der Auflösung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und ein Jahr nach der Schlacht von Waterloo propagiert es Besinnung, Umsteuern und eine auf vergangene deutsche Werte gegründete Zukunft. Kohlrausch glaubte, dass mit Ausnahme der Religion keine Disziplin bessere Anleitung bieten könne als die Geschichte. Er räumte sogar ein, dass patriotische Agitation zumindest gelegentlich Vorrang vor der Genauigkeit hatte, was ihn dazu veranlasst hatte, auch fragliche historische Details einzubeziehen. Bevor er sich der ersten Periode der deutschen Geschichte, »von den ältesten Zeiten bis auf die Eroberungen der Franken unter Klodwig, 486«, zuwandte, gab er wieder, was »die Römer« (nun ja, ein Römer) hinterlassen hatten: »ein erhebendes Bild …, welches für alle Jahrtausende unseres Stammes ein Spiegel der Ehre und des Stolzes so wie der Nacheiferung sein wird«.24 Dieser etwa 30 Seiten lange Abschnitt beruht auf der Germania, die überwiegend paraphrasiert, gelegentlich aber übersetzt wird. Tacitus selbst mit seinem »tiefe[n] Gefühl für Sitten-Einfalt« hatte ihnen dieses »unschätzbare Buch« geschenkt, einen »Ehrentempel des deutschen Volks«.25 Generationen von Schülern und ihren Eltern betraten dieses nationalistische Heiligtum durch die Ausführungen Kohlrauschs – sie beteten, meditierten und gingen gestärkt von dannen.
In Kohlrauschs Geschichte leben die »alten Deutschen« so einfach, so tapfer und ehrlich, wie sie es stets getan hatten, seit italienische und deutsche Humanisten erstmals den Text rezipierten. Der folgende historische Rückblick mag auf den ersten Blick in ähnlicher Weise durch die Tradition festgelegt erscheinen: »Diesem Siege [in Teutoburger Wald] verdankt unser Vaterland seine Freiheit und wir, die Enkel, daß noch ungemischtes, teutsches Blut in unseren Adern fließt und das reine deutsche Wort auf unserer Zunge ist.«26 Blickt man jedoch genauer hin, tritt das verborgene Neue zutage: Ebenso wie Heinrich Bebel im 16. Jahrhundert fühlt Kohlrausch das Blut der germanischen Vorfahren in seinen Adern pulsieren; wie Justus Georg Schottelius im Zeitalter des Barock hält er seinen Vorvätern den Schutz der reinen deutschen Sprache zugute. Im Gegensatz zu beiden betont er jedoch die Reinheit des Blutes. An anderen Stellen seiner Geschichte beschreibt er die Germanen als »ein uraltes, reines, ungemischtes Stammvolk«, und er vergleicht sie mit »gleichartigen Gewächsen …, die aus einfachem, reinem Samen … emporwachsen«, die frei von »Ausartung« sind. Kohlrausch pflanzte dem Text des Tacitus rassische Vorstellungen ein. Wo aber hatte er, der Historiker und Lehrer, sie her?
[Die] Germanen … waren [eine] reine Rasse … und verdankten dieser ihrer Reinheit ihre überwältigendsten Erfolge und dauerhaftesten Wirkungen … [Dies ist] von Tacitus bis auf unsere Tage… betont worden.
Ludwig Schemann, 1910
Rassismus kann man als einen Glauben an angeborene Rassenunterschiede definieren. Diese Unterschiede sind angeblich an körperlichen Eigenschaften erkennbar, die ihre Entsprechungen in intellektuellen und kulturellen Zügen haben. Die Gesamtheit der rassespezifischen Eigenschaften bestimmt den Ort der Rasse in der Rassenhierarchie. Auch wenn sich rassistisches Denken bis ins Mittelalter zurückverfolgen lässt, wurde der »wissenschaftliche Begriff der Rasse« erst in der Zeit von Mitte bis Ende des 18. Jahrhunderts eingeführt.27 Botaniker und Zoologen versuchten, »im Buch der Natur zu lesen«, und sie waren bestrebt, jede Pflanze und jedes Tier in seinem bestimmten Kapitel, Abschnitt und Absatz unterzubringen.28 Im Namen einer solchen Klassifizierung warfen Wissenschaftler schon bald einen messenden Blick auf die Spezies Mensch in ihrer ganzen Vielfalt. Die menschliche Individualität wurde auf angeblich objektive Züge wie etwa die Proportionen des menschlichen Schädels oder die Hautfarbe reduziert. Der vielseitige niederländische Künstler und Anatom Pieter Camper hatte in den 1760er-Jahren als Kriterium für Schönheit den Winkel benannt, den die vom Kieferknochen zur Stirn verlaufende Linie mit derjenigen bildet, welche die Nase mit dem Ohr verbindet. Dieser »Gesichtswinkel«, der ursprünglich als Richtlinie für Bildhauer und Maler gedacht war, wurde schnell für rassistische Ziele zweckentfremdet. Einige Jahrzehnte später berechnete der schwedische Anthropologe Anders Retzius das Verhältnis zwischen der Länge und der Breite des menschlichen Schädels. Dieser »Schädelindex« diente schon bald dazu, zwei Typen voneinander zu unterscheiden: den breitschädligen (griechisch »brachykephalen«) und den langschädligen (»dolichokephalen«); Heinrich Himmler beispielsweise war – sehr zu seinem Kummer – entschieden brachykephal. Im Lauf des 19. Jahrhunderts zogen die Wissenschaftler landauf, landab und »vermaßen« (»mismeasuring«) die menschliche Anatomie. Je mehr Daten sie sammelten, desto bedeutungsloser wurden die Resultate. Dort, wo die Wissenschaft versagte, übernahm das Vorurteil das Feld, und Meinung trat an die Stelle von Beobachtung. Aus diesem Mischmasch stieg die weiße Rasse als dominierend empor.

10. Gesichtswinkel nach Pieter Camper.

11. Darstellung des Schädelindex in Hans F. K. Günthers Rassenkunde.
Johann Friedrich Blumenbach (1752–1840) war ein international angesehener Naturwissenschaftler, der an der Universität Göttingen lehrte. Als Professor der Medizin verfolgte er sein Interesse an Anatomie mit der Leidenschaft, die ihn als kleinen Jungen dazu veranlasst hatte, Knochen von Haustieren in seinem Schlafzimmer zu verstecken (die Haushälterin sah das gar nicht gern). Das war, so witzelte ein Zeitgenosse, »der bescheidene Anfang [seiner] berühmten Sammlung« von Schädeln.29 Über diese 264 Stücke veröffentlichte Blumenbach Studien, die für die Schädelkunde ebenso grundlegend waren wie seine Dissertation Über die natürliche Vielfalt des Menschengeschlechts für die moderne Anthropologie. Letztere trug dazu bei, die kaukasische Rasse zu etablieren, die der Philosoph Christoph Meiners in den rassistischen Diskurs eingeführt hatte. Was ist es, fragte sich der Doktorand Blumenbach, das »den Gang der Fortpflanzung verändert und Nachkommen hervorbringt, die bald schlechter, bald besser, jedenfalls aber ganz anders sind als ihre ursprünglichen Vorfahren?«30 Eine derartige Degeneration, definiert als Abweichung vom ursprünglichen Typ, war auf Veränderungen des Klimas oder der Lebensweise zurückzuführen sowie auf den »Verkehr verschiedener Varietäten« (d. h. »Rassen«). Die deutschen Vorfahren hatten keinen Verkehr mit Außenseitern unterhalten und konnten daher als ein Beispiel für »das unvermischte Antlitz von Nationen [gelten], die nicht durch eine Verbindung zu einer anderen Nation beeinträchtigt waren«. Seither hatten sich die klimatischen Verhältnisse jedoch geändert, die Menschen hatten sich vermischt, und die Degeneration zeigte sich darin, wie selten unter Blumenbachs Zeitgenossen jene »riesigen Leiber unserer Vorfahren, die nur zum Angriff taugten, und ihre … trotzig blickenden Augen« waren. Die Deutschen waren keine Germanen mehr. Bei dieser häufig zu vernehmenden Klage ging es nicht mehr um kulturellen und sittlichen Niedergang, sondern um physiologische und letztlich rassische Degeneration: Die »trotzigen blauen Augen« hatten ihren Glanz verloren.
Blumenbach war kein Rassist. Als Monogenist glaubte er an die Einheit des Menschengeschlechts und als klarblickender Naturwissenschaftler durchschaute er vermeintlich unübersteigbare Grenzen zwischen Rassen und widersprach mit Nachdruck der Behauptung, es gebe angeborene intellektuelle Defizite von »Negern«. Und doch betrachtete er die kaukasische Rasse – den Kaukasus hielt man für ihre ursprüngliche Heimat – nicht nur als die ursprüngliche Form der Menschheit, sondern auch als »die anmutigste und gefälligste«.31 Indem er die Kaukasier in den Stand der ästhetischen Überlegenheit erhob, behauptete Blumenbach implizit, dass Degeneration Niedergang sei und Unterschied Mangel. Dadurch provozierte er die rassistischen Ideen, die er in seiner berühmten Fehde mit Christoph Meiners über die menschliche Rasse für sich selbst abgelehnt hatte. Ungeachtet ihres Disputs etablierten die beiden Feinde gemeinsam die kaukasische Rasse als den höchsten Menschentyp und Tacitus als bestätigende Quelle.
Blumenbach war ein Lehrer von Kohlrausch gewesen, sein Interesse an Anthropologie und Anatomie bewahrte er sich auch noch nach seinem Weggang von Göttingen. In Berlin besuchte er nicht nur die Vorlesungen Fichtes, sondern hörte auch bei Franz Joseph Gall Phrenologie – eine Theorie, die aus Merkmalen der Schädeloberfläche Schlüsse auf intellektuelle Fähigkeiten zog. Kritiker spotteten über den Scharlatan, andere ließen ihm ernsthafte Erwägung zuteil werden, und Kohlrausch – neugierig wie immer – beschaffte sich sogar einen Schädel, auf dem Begrenzungslinien die verschiedenen intellektuellen Fähigkeiten markierten. Rassentheorien und -plattitüden gediehen im akademischen Milieu und jenseits davon, sie wurden in Pamphleten und populärphilosophischen Schriften vertreten: »Je reiner ein Volk, je besser; je vermischter, je bandenmäßiger«, erklärte Turnvater Jahn.32 Ernst Moritz Arndt, eine andere verwandte Seele, besuchte Kohlrausch im Sommer 1814 gemeinsam mit Jahn in Düsseldorf (dabei trugen beide »anregende Vorschläge« zu seiner Deutschen Geschichte bei).33 Der rassistischen Interpretation des taciteischen Werkes, die Kohlrausch in seine Geschichte einfließen ließ, waren ausführliche Vorarbeiten vorangegangen.
Arndt, den man sodann den Vater Deutschlands nannte, war früher durch europäische Länder gereist und hatte gelitten. Sein deutscher Name »stank«, und so gab er sich als Schwede aus.34 In den letzten Jahren der Napoleonischen Kriege verfasste er politische Pamphlete sowie Gedichte und Lieder, die der Anforderung des preußischen Staatsministers Freiherr vom Stein entsprachen, dem deutschen Volk »Begeisterung und Hingebung einzuflößen«. In seinen Pamphleten schrieb Arndt das Kapitel des Tacitus über die Physiognomie und die Reinheit der Germanen mindestens dreimal um. Er entwarf eine Rassengeschichte, in welcher der Niedergang eines Volkes auf Degeneration zurückzuführen ist, die durch Vermischung hervorgerufen wird, und behauptete, Rom sei infolge seiner Bastardisierung untergegangen. Hingegen:
Die Deutschen sind nicht durch fremde Völker verbastardet … sie sind mehr als viele andere Völker in ihrer angebornen Reinheit geblieben und haben sich aus dieser Reinheit … langsam und still entwickeln können; die glücklichen Deutschen sind ein ursprüngliches Volk. Wir haben für unsere Altvordern ein großes Zeugnis von einem der größten Männer, die je gelebt haben, von dem Römer Tacitus. Dieser außerordentliche Mensch hat wohl gesehen, was in unsern Vätern war, und ihnen nach den Zeiten, deren unabwendliche Schicksalsmacht er hereindämmern sah, glänzende Lose verkündigt; und die Geschichte hat ihm bis jetzt nicht widersprochen. Das aber hat er vor allen Dingen am hellsten gesehen, wie viel darin lag für die künftige Größe und Majestät des germanischen Volkes, daß sie rein und nur ihnen selbst gleich, daß sie keine Mischlinge waren; denn er sah sein Italien, das einst die Herrscherin der Länder war, [als] ein verruchtes und verworfenes Mischlingsgesindel. 35
Dadurch, dass er die leicht rassistische Darstellung des Tacitus in seinen viel gelesenen politischen Schriften verwendete, erweiterte Arndt – ebenso wie Kohlrausch – seinen Leserkreis erheblich. Durch die Verknüpfung von Niedergang und Degeneration konzipierte er eine rassistische Geschichtstheorie, von der einige Jahrzehnte später der französische Autor Arthur de Gobineau, der ebenfalls von Blumenbach beeinflusst war, eine ganz und gar düstere Version entwickeln sollte.
Als Alexis de Tocqueville, der Verfasser der Schrift Über die Demokratie in Amerika, im Zuge der Februarrevolution von 1848 zum französischen Außenminister ernannt wurde, berief er den 33-jährigen Gobineau in sein Ministerium. Ihm war der junge Mann, der vornehm, verarmt und verbittert war, durch sein Talent aufgefallen. Obgleich diese neue Stellung besser zu dem Bild passte, das sich Gobineau von dem ihm gemäßen Status machte, als alle anderen, die er bis dahin innegehabt hatte, war er immer noch verärgert, als er mit Ehefrau und Tochter in die Schweiz zog, um dort als Sekretär der französischen Gesandtschaft in Bern zu fungieren. In gewisser Weise war das eine Rückkehr; als Jugendlicher hatte er in der Eidgenossenschaft gelebt, da man ihn in ein dortiges Internat geschickt hatte, nachdem seine Mutter – ein großer Skandal – mit seinem Hauslehrer durchgebrannt war. Als er 1849, beinahe 20 Jahre später, nach Bern versetzt wurde, fühlte er sich nicht durch seine Arbeit, wohl aber durch seine Umgebung herausgefordert. Seine Frustration über seine Lage nahm zu, und parallel dazu wuchs sein Versuch über die Ungleichheit der Menschenrassen, den er zum größten Teil während seines Aufenthalts in der Schweiz verfasste.36 Die ersten beiden Bände erschienen 1853, die letzten beiden 1855 in einer Auflage von 500 Stück, die auf Kosten des Verfassers gedruckt wurden. Eine zweite Auflage, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts herauskam, trug kaum dazu bei, die Zahl der Leser zu erhöhen. Bezeichnend für die begrenzte Verfügbarkeit des Versuchs ist, dass sich Richard Wagner in den 1870er-Jahren von einem Bekannten in einer anderen Stadt ein Exemplar leihen musste. Das dickleibige Werk schien dem Vergessen geweiht zu sein.
Wie es in dem Versuch heißt, leben auf der Welt »drei große deutlich gesonderte Rassen«, die sich durch ihre Hautfarbe unterscheiden: die schwarze, die gelbe und die weiße.37 Innerhalb dieser Hauptrassen gibt es kleinere Gruppierungen wie etwa die Arier, »diese erlauchte Menschenfamilie, die unbestreitbar edelste weißer Abkunft«. Andere Typen des Menschengeschlechts bildeten sich im Lauf der Zeit durch Vermischung heraus. Die ursprünglichen drei waren intellektuell ungleich, und ihr Schicksal war vorherbestimmt, »weil es keiner Menschenrasse möglich ist, … den Pfad zu verlassen, auf den Gott sie gestellt hat«. Mit moralischen und intellektuellen Begabungen, die nicht von Erziehung, sondern von Veranlagung herrührten, besaß »[d]ie weiße Rasse … ursprünglich das Monopol der Schönheit, der Intelligenz und der Kraft«. Sie treibt die historische Entwicklung voran, oder vielmehr pflegte sie dies zu tun. Auf seinem Durchgang durch die Geschichte, bei dem ihm die großen Zivilisationen (von denen er zehn zählte) als Sprungbretter dienten, stellte Gobineau fest, dass der arisch-germanische Teil der weißen Rasse für sämtliche Höhepunkte der menschlichen Zivilisation verantwortlich war. Ersetzt wurden »das allzu alt gewordene Chaldäa durch das jugendlich kraftvolle Persien, das abgelebte Griechenland durch das männliche Rom, und die entartete Herrschaft des [letzten römischen Kaisers] Augustulus durch die Reihe der edlen germanischen Fürsten«. Nationen stiegen auf und stürzten je nach ihrer rassischen Zusammensetzung; Ruhm errangen sie nach Zufuhr weißen Blutes, und nach dessen Verdünnung fielen sie in sich zusammen. Unter den Zeitgenossen Gobineaus gab es einige, die der Ansicht waren, das gegenwärtige Chaos sei vorübergehend und der Aufschwung stehe bevor. Doch der entrechtete französische Adlige meinte, es bestehe keine Hoffnung, dass »die Rassen der Neuzeit ihre verlorene Jugend wiedergewinnen« würden. In einer immer promiskeren Welt verdünnte sich das weiße Blut mehr und mehr. Gobineau glaubte nicht an Erlösung, sondern an den Untergang.
Tatsächlich reduziert der Versuch die Menschheitsgeschichte auf ein Epiphänomen der Rasse. Simpel und schwungvoll erklärt seine naturalistische und fatalistische Theorie die aktuellen kulturellen Tiefs dadurch, dass die Arier und Germanen eine immer geringere Rolle spielen. Beide Begriffe waren in französischen intellektuellen Salons etabliert. Der Terminus »Arier« war 50 Jahre vor Gobineaus Werk aufgetaucht. Ursprünglich handelte es sich dabei um den Namen, mit dem schon um 2000 v. u. Z. bestimmte indoiranische Stämme, die durch die zentralasiatische Steppe schweiften, sich selbst bezeichnet hatten, und zu Bedeutung gelangte er, nachdem Sir William Jones seine Entdeckung veröffentlicht hatte, dass zwischen dem Sanskrit, dem Griechischen und dem Lateinischen auffällige sprachliche Übereinstimmungen bestehen. »Kein Philologe könnte alle drei untersuchen, ohne zu dem Schluss zu gelangen, dass sie einer gemeinsamen Quelle entstammen, die vielleicht nicht mehr existiert.«38 »Philologen« und andere setzten die Arbeit von Jones fort, und schon bald verwendete man den Ausdruck »arisch« nicht nur für die indoeuropäische Ursprache (die gemeinsame Quelle, über die Jones nicht spekulieren wollte), sondern auch für ein arisches Urvolk. Es kam zu Unklarheiten und bald darauf zu Auseinandersetzungen. In einer berühmten Reihe von Vorlesungen, die er an der Royal Institution of Great Britain hielt, erklärte der deutschstämmige Orientalist Friedrich Max Müller: »Es wäre vielleicht am besten …, wenn man den Namen Arier in rein physiologischem Sinne verwendete und ihn für die langschädligen Menschen mit blauen Augen und blondem Haar gebrauchte, unabhängig von der Sprache, die sie sprechen.«39 Als eine mythische Rasse – und nicht als sprachliche Gruppierung – hatten die Arier, so glaubte man, die Welt erobert, sie kolonisiert und ihr Kultur gebracht.
Waren sie tatsächlich von den Höhen des Himalaja herabgestiegen, wie man allgemein annahm? Als alternativen Standort für die Wiege der arischen Rasse schlug man den Norden Europas vor und propagierte ihn. Sprachwissenschaftler verfolgten fragwürdige Etymologien, um Caesars germanischen Gegenspieler Ariovist zum Träger eines germanischen Namens zu machen, der sich mit dem deutschen Wort »Ehre« verknüpfen ließ. Ebenso wie die Arier als die Schönsten der weißen Rasse galten, wurden nun die Germanen zu Ariern par excellence.40 Wie ein zeitgenössischer deutscher Rezensent des Werkes von Gobineau erklärte, war es um die Mitte der 1850er-Jahre zu einer Selbstverständlichkeit geworden, dass man die alten Deutschen als die vornehmsten Vertreter der arischen Aristokratie bezeichnete.
Abgesehen von seinem düsteren Pessimismus findet sich bei Gobineau, der erklärte: »Die germanische Rasse war mit der ganzen Energie [toute l’énergie] der arischen Varietät ausgestattet«, kaum etwas Neues.41 Dass er die ursprüngliche kulturelle Kraft als »arisch« bezeichnet, rechtfertigt er damit, dass zumindest einige der Stämme sich selbst so genannt hatten. Keinen schöneren Namen hätten sie wählen können, da er die Bedeutung »ehrenhaft« hat, und sie waren, so fuhr er fort, »Männer, die der Achtung und Ehrerbietung würdig sind und … die, wenn man ihnen nicht gab, was man ihnen schuldig war, es sich zu nehmen wußten. Wenn diese Deutung nicht streng nach dem Buchstaben ist, so werden wir doch sehen, daß sie sich in den Tatsachen begründet findet.« Wie schnell sich seine Fantasie zu Höhenflügen emporschwang! Als desillusionierter Adliger glaubte Gobineau an die Abstammung des französischen Adels von den germanischen Eroberern. Mit der Germania war er wohlvertraut, sah sie aber kritisch: »Tacitus, der durchaus in den Helden seiner Flugschrift nur schätzbare Wilde sehen will, hat alles, was er in Betreff der Zivilisation von ihnen erzählt, gefälscht.« Was immer der römische Historiker behauptete, die Germanen konnten schreiben. Gobineau bestritt auch, dass ihre Wohnstätten »den schmutzigen, halb in die Erde vergrabenen Wohnungen [glichen], die der Verfasser der Germania mit so großem Behagen in stoischer Beleuchtung schildert«.
Beim Entwurf seines arisch-germanischen Profils und insbesondere bei seinen Ausführungen über die Fähigkeit der ursprünglichen germanischen Rassen folgte Gobineau jedoch der Beschreibung, die Tacitus von ihrer Führerschaft, ihrem Ehrgefühl und selbst ihrer Spielleidenschaft ohne Rücksicht auf die Gefahr der Versklavung liefert.42 Er benutzte auch seine Darstellung der hohen Wertschätzung, welche die Frauen genossen, sowie ihrer makellosen Keuschheit – ein Umstand, den Gobineau vielleicht besonders in Gedanken an seine Mutter hervorhob, deren Verhalten ihn immer noch peinlich berührte, auch als er schon alle Verbindungen zu ihr abgebrochen hatte. »Die Macht der Frauen in einer Gesellschaft ist einer der sichersten Beweise für die Dauerhaftigkeit der arischen Elemente.« Wenn nicht kulturell, dann zumindest moralisch waren die taciteischen Germanen die erstrangigen Träger arischen Blutes.
Von dieser Charakterisierung der germanischen Gesellschaft als besonders arisch war es wohl kein großer Schritt bis zu der Behauptung, Tacitus habe die Reinheit des germanischen »Blutes« bezeugt – eine Interpretation von Kapitel 4 seines Buchs, die von zahlreichen rassistischen Autoren vertreten wurde. Zu ihnen zählte Gobineau jedoch nicht. Er bestreitet ausdrücklich die Reinheit, deren Ende er etwa in der Zeit der Geburt von Jesus Christus ansetzt. Mit dem zeitgenössischen Deutschland stand es aus seiner Sicht noch schlechter, hier waren vom germanischen Erbe nur noch »Trümmer« übrig.43 Als hätte er sich noch nicht deutlich genug ausgedrückt, diskreditierte er in einem postum veröffentlichten Artikel das »von Tacitus gerühmte Blut«, das »in Deutschland nicht so verbreitet [sei], wie man es glauben wollte«. Dieser Abgesang auf die arisch-germanische Rasse, in den Bemerkungen eingestreut waren, die den Zustand Deutschlands beklagten und das jüdische Volk lobten, ist mit der nachmaligen nationalsozialistischen Ideologie ganz entschieden unvereinbar. Gobineau stattete jedoch Deutschlands umstrittenstem und einflussreichstem Komponisten der damaligen Zeit einen Besuch ab.
Als Deutschland, wiewohl verspätet, zu einem Nationalstaat wurde, trieb Richard Wagner (1813–1883) mit Nachdruck seinen Plan voran, für die Aufführung seiner Musikdramen eine ständige Spielstätte zu errichten. Drei aufeinanderfolgende Kriege gegen Dänemark, Österreich und Frankreich hatten in den 1860er-Jahren und zu Beginn der 1870er dazu beigetragen, in den Koalitionen unter preußischer Führung ein stärkeres Einheitsgefühl zu entwickeln. Am 18. Januar 1871 wurde im Schloss von Versailles das Deutsche Reich ausgerufen, und man huldigte dem preußischen König Wilhelm I. als erstem deutschen Kaiser. Eine Woge der Begeisterung schwappte über die neu geeinten Gebiete des ehemaligen Norddeutschen Bundes wie auch die süddeutschen Staaten Bayern und Baden, das Königreich Württemberg und das Großherzogtum Hessen. Nachdem der »deutsche Leib gerettet« war, galt es nun, so Wagner in einem Brief, »die deutsche Seele zu erkräftigen«.44 Als einstiger politischer Aktivist nationalistischer Richtung politisierte er in seiner Musik, seinen Aufsätzen und sonstigen Schriften auch weiterhin. Für ihn wie für viele andere seit dem 18. Jahrhundert kam die Kunst aus dem Volk, sie war für das Volk und zum Wohle des Volkes. Der echte Künstler war ein bloßes Medium, durch das sich der Volksgeist äußerte, den Herder mit Tacitus’ Hilfe gezeichnet hatte. Wagner hielt sich selbst für einen solchen genialen Barden, und seine Werke, etwa der Ring des Nibelungen mit seiner donnernden Beschwörung von nordischem Heroismus und seiner Verherrlichung germanischer Tugenden, sollten das deutsche Volk wiederbeleben. Er brauchte nur noch einen passenden Ort.
Bayreuth war zur damaligen Zeit eine kleine Stadt im Königreich Bayern. Mit seiner Lage mitten im neuen Reich reizte es den Musiker, der ganz Deutschland erreichen wollte, und er wählte es sich als Ort für seine Festspiele aus (die erstmals 1876 stattfinden sollten). In seiner prachtvollen Villa Wahnfried, die an das Schmuckstück der Innenstadt, den Hofgarten, angrenzt, empfingen er und seine zweite Frau Cosima einen Strom von Freunden und Jüngern. Sie bildeten den sogenannten Bayreuther Kreis, eine quasi-religiöse Bruderschaft, in der – vor allem nach Wagners Tod im Jahr 1883 – die Musikwerke des Maestros und seine kulturellen Vorstellungen erörtert, interpretiert und weiterentwickelt wurden. Zur Erleichterung der Diskussion innerhalb des Kreises und zur Übermittlung der Lehre an die zahlreichen Wagner-Gesellschaften, die sich überall in Europa bildeten, brachte man die Bayreuther Blätter heraus, die von 1879 bis 1937 monatlich erschienen. Wiederkehrende Themen waren darin »Volk« und »Deutschtum«, die Beiträge der Kunst zu Politik und Gesellschaft und die Notwendigkeit einer Erneuerung: die Wiedergeburt des deutschen Volkes zunächst durch die Kunst Wagners und später – als der Diskurs eine immer rassistischere Färbung annahm – durch Eugenik. Richard und Cosima führten Arthur de Gobineau und sein nahezu vergessenes Werk in diesen Kreis von Sympathisanten ein, von denen zwei seiner arisch-germanischen Theorie eine neue Richtung gaben und sie in die völkische Welle einfließen ließen.
Wagners erste Begegnung mit Gobineau fand 1876 in Rom statt, sie war kurz und blieb ohne Folgen. Vier Jahre später führte jedoch ihr zweites Gespräch, diesmal in Venedig, dazu, dass Wagner Gobineaus Werke las und Gobineau Wagner zweimal in Wahnfried besuchte. Sein Tod im Jahr 1882 verhinderte weitere Besuche, nicht aber die zunehmende Präsenz seiner Werke in Bayreuth. Denn als ihn der Maestro mit Ludwig Schemann bekannt gemacht hatte, sprach er dazu die mahnenden Worte: »Rette ihn.«45 Und Schemann, ein geschmeidiger, gelehriger und gehorsamer Wagnerianer, der gewöhnlich als Bibliothekar in Göttingen arbeitete, gehorchte. Er verbrachte den größten Teil seines Lebens damit, den Namen Gobineau zu verbreiten, eine nach ihm benannte Vereinigung zu gründen, seine Werke zu übersetzen sowie eine Biografie, einen Kommentar und eine eigene Abhandlung über das Thema Rasse zu schreiben – das alles wurde später von der NSDAP gewürdigt, die ihm die Goethe-Medaille für Kunst und Wissenschaft verlieh. Schemann ließ sich jedoch von seinen eigenen rassistischen Überzeugungen leiten und gab Gobineau einen antisemitischen und weniger fatalistischen Anstrich. Seine erste Übersetzung blieb dem Original treu; darin hieß es – in Übereinstimmung mit der Überzeugung des Verfassers, dass das germanische Erbe zerstreut und verschwunden sei –, England sei das Land, das die »Trümmer der germanischen Sitten am besten bewahrt« habe. Im Jahr 1940 erfuhr der deutsche Leser jedoch nichts von England, sondern von »denjenigen Ländern, die die germanischen Sitten am besten bewahrt haben«.46 In ähnlicher Weise bekräftigte Schemann 1910, als er eine Anthologie der Schriften Gobineaus zusammen mit seinen eigenen Kommentaren und einer Verteidigung gegen Kritiker herausbrachte, den Gedanken einer ursprünglich reinen Rasse, die als ein »Geschenk der Natur« charakterisiert wird, »das erfolgt, wenn eine Menschengruppe in ihrer Urzeit in einem abgeschlossenen Gebiete … unter sich lebt«.47 Dies waren offensichtlich die Verhältnisse, deren sich die germanischen Stämme in Tacitus’ Darstellung erfreuten, dessen prägende Gegenwart Schemann kurz darauf anerkennt: »Germanen und Araber waren reine Rassen … und verdankten dieser ihrer Reinheit ihre überwältigenden Erfolge und dauerhaftesten Wirkungen. Speziell für die Germanen ist dies mit Recht von Tacitus bis auf unsere Tage … betont worden.« Der Pessimismus Gobineaus war für seinen Sprecher allzu bitter.
Schemann war nicht der einzige, der sich mit Gobineaus fatalistischer Einschätzung des Zustands der arisch-germanischen Rasse nicht einverstanden erklären konnte. Ein weiteres Mitglied des Bayreuther Kreises, das den Versuch las und revidierte, vertrat die Ansicht, wir sollten »uns alle sofort eine Kugel durch den Kopf jagen«.48 Denn das wäre, so behauptete Houston Stewart Chamberlain, die einzig würdige Lösung, wenn Gobineau mit seinen Ausführungen über die ursprünglichen Rassen, ihre Vermischung und ihren unausweichlichen Niedergang recht hätte. Chamberlain zufolge war das nicht der Fall – im Gegenteil, die reinen Germanen des Tacitus waren in Zukunft wieder möglich. Nach Ansicht dieses völkischen Propheten konnten sie wiedergeboren werden.
Die vorliegende Ausgabe der Germania ist zwar zunächst für den Schulgebrauch bestimmt, doch möchte sie gern auch … allen denjenigen dienen, welche über die Schulzeit hinaus sich Interesse für die alten Klassiker und namentlich für die wertvollste Urkunde unseres Volkstums bewahrt haben.
Eduard Wolff, Die Germania des Tacitus, 1895
Die Gründung des Deutschen Reiches im Jahr 1871 entzückte und enttäuschte: Zwar gab es endlich einen deutschen Staat, aber man hatte das Gefühl, dass er noch keineswegs die gesamte Nation umfasse. Allzu viele Sprecher des Deutschen lebten außerhalb des Reichsgebiets. Zahlreiche politische Freiwilligenverbände bildeten ein »sekundäres System gesellschaftlicher Mächte«, in dem völkische Männer – überwiegend hochgebildete Angehörige des Mittelstandes – eine lautstarke und oft flegelhafte Rolle spielten.49 Voller »Bieremphase« (um es mit Thomas Mann zu sagen) agitierten sie, scharten sich um nationale Symbole und vertraten nationale Anliegen, reale wie eingebildete. Sie traten in große Organisationen ein wie den 1891 gegründeten Alldeutschen Verband oder den 1912 gebildeten Germanenorden oder sie schlossen sich einem der unzähligen anderen Verbände, Turnvereine, Schützenvereine oder einer der studentischen Verbindungen und Jugendgruppen an. »Was sind drei Deutsche?«, fragte man damals scherzhaft. »Ein Verein«, lautete die Antwort.
So dezentralisiert, unzusammenhängend und gemischt die Bewegung war, sie wurde von einer gemeinsamen Ideologie zusammengehalten. Das Adjektiv »völkisch«, das man gegen Ende des 19. Jahrhunderts um der sprachlichen Reinheit willen als Ersatz für »national« ins Deutsche eingeführt hatte, verweist auf das Volk als ideologischen Mittelpunkt. (Die hier zur Adjektivbildung verwendete Ableitungssilbe -isch hat die Konnotation »Übermaß«, und für manche Autoren besaß das Wort »völkisch« immer einen negativen Beigeschmack.) Die ideologischen Elemente der Bewegung klaubte man aus früheren nationalistischen Bestrebungen zusammen und verbreitete sie in Zeitschriften wie Hammer und Heimdall (das Motto der letztgenannten Publikation war in Runen gedruckt) sowie in Broschüren und Büchern. Das deutsche Volkstum sollte, so hieß es in einem dem Geist von Turnvater Jahn verpflichteten Programm, »durch Reinhaltung der [deutschen] Rasse, durch Einfluss auf Jugendpflege, Bildungswesen, Sprache, Schrift und Recht, durch Pflege deutscher Kultur und Gesittung« gestärkt werden.50 Deutsch zu sein hieß für die meisten wieder einmal, germanisch zu sein.
Doch um die Jahrhundertwende mischte sich in diese Romantisierung der Vergangenheit eine Furcht vor der Moderne, die mit Stadtfeindlichkeit, Misstrauen gegen Intellektuelle und Liebe zum bäuerlichen Leben einherging. Parawissenschaften mit ihrem germanenfreundlichen und antisemitischen Rassismus hatten Hochkonjunktur. Völkische Männer malten sich aus, die arisch-germanische Überlegenheit, wie sie in der Geschichte zutage trete, lasse sich auch anatomisch nachweisen. Arisch aussehende Deutsche, Nachkommen des Volkes, das Tacitus angeblich als »völlig rasserein« beschrieben hatte, wurden vermessen, um die Entsprechung zwischen germanischer Erscheinung und Begabung nachzuweisen, wobei man ihren Schädeln besondere Aufmerksamkeit widmete.51 Durchgeführt wurde die Forschung mit großer Inbrunst und mageren Resultaten. Gleichwohl wurde die rassische Reinheit zu einem bedeutenden Anliegen der völkischen Bewegung. Ein der Mitgliederwerbung dienendes Flugblatt des Germanenordens enthielt eine apokalyptische Warnung vor dem unmittelbar bevorstehenden Aussterben der »blonde[n] heroische[n] Rasse«, und wehmütig beschwor man die Zeit, »in der der Römer Tacitus … die alten Deutschen noch als rasserein bezeichnete«.52 In einer Botschaft für die Germanen plädierte man für eine systematische »Wiederhochzüchtung«. Die Organisation wollte damit den Anfang machen, indem sie nur nordische Männer und Frauen aufnahm, die in ihren Aufnahmeanträgen die richtigen Angaben zu Haarfarbe, Augenfarbe und Hautfarbe machen konnten. Derselbe Geist herrschte auch in den Kontaktanzeigen, die der Hammer veröffentlichte und in denen ein Mann von nordischem Erscheinungsbild eine ähnlich aussehende Frau suchte.
Ergänzt wurde der Einsatz für die Rassereinheit durch Bestrebungen zur Reinigung der deutschen Kultur und Sprache: »Unser Volk muss sein germanisches Wesen bewahren.« Auf dem von 1900 an verwendeten Titelkopf der Alldeutschen Blätter blickte ein germanischer Krieger gelassen auf die wogende See; in Aussehen und Charakter unterschied er sich kaum von seinem Vorfahren auf den Radierungen in Clüvers Germania antiqua. Die völkische Propaganda quoll über vor maritimen Metaphern – so wurde zum Beispiel die deutsche Kultur von ausländischen Elementen »überschwemmt« –, und ihre Anhänger gefielen sich in der Rolle ihrer germanischen Vorväter. Der 1885 gegründete Allgemeine Deutsche Sprachverein nahm sich vor, »den echten Geist und das einzigartige Wesen der deutschen Sprache zu fördern … und ein Gefühl für ihre Reinheit, Richtigkeit, Klarheit und Schönheit zu wecken«.53 (Sein Programm hätte er bei den Sprachgesellschaften des 17. Jahrhunderts – die allerdings kaum darauf aus waren, Wörter fremder Herkunft auszumerzen – abgeschrieben haben können.) Im Namen solcher Reinheit schloss der völkische Wortschatz Lehnwörter wie »Archäologie« aus und verwendete stattdessen den Ausdruck »Spatenwissenschaft«.
Diese Spatenwissenschaft wurde ebenfalls in den Dienst des völkischen Unternehmens gestellt. Gustaf Kossinna, der produktivste und innovativste Archäologe der damaligen Zeit und Professor an der Berliner Universität, vertrat, gestützt auf seine Forschungen, die Ansicht, die Germanen hätten in der Bronzezeit eine Periode technischer Errungenschaften und eines hohen kulturellen Entwicklungsstandes gekannt. Sie hätten die Kultur in die primitive und unfruchtbare Mittelmeerregion getragen, wo die Herrschereliten auch weiterhin der nordischen Rasse angehörten – eine Folge dieser »ersten« indogermanischen Wanderung.54 Den Vorwurf des Barbarentums fand Kossinna lächerlich: Das Römische Reich hatte von einer »germanische[n] Blutauffrischung« profitiert, und von Deutschland aus verbreitete sich die Kultur auch weiterhin. Was Tacitus, ein Bewunderer der Germanen, über ihre Trunksucht schrieb, bedurfte der Überprüfung, denn: »Ein Zechervolk ist auf die Dauer kein

12. Germanischer Krieger auf dem Titelkopf der Alldeutschen Blätter.
Heldenvolk, sondern einem raschen Untergang geweiht. Die Germanen waren aber ein Heldenvolk und sind es stets geblieben.« Als Mitglied diverser völkischer Organisationen popularisierte Kossinna die Ergebnisse der neu etablierten Disziplin der Vorgeschichte, die – wie sein einflussreichstes Buch, Die deutsche Vorgeschichte, schon im Titel erklärte – als »eine hervorragend nationale Wissenschaft« angesehen werden sollte. Er leistete beträchtliche Beiträge zur Allgegenwart der Germanen, welche die öffentliche Aufmerksamkeit des Deutschen Reiches fest im Griff hatten. Sie regten die Vorstellungskraft in historischen Romanen wie Gustav Freytags Die Ahnen, in überdimensionalen Ölgemälden wie Carl Theodor von Pilotys Thusnelda im Triumphzug des Germanicus sowie in zahllosen Vorträgen, Zeitschriften und populären Büchern über Vorgeschichte an. Sie spielten auch eine führende Rolle in einem der einflussreichsten Texte der wilhelminischen Ära.
Um die Jahrhundertwende war Houston Stewart Chamberlain das prominenteste Mitglied des Bayreuther Kreises und einer der intellektuellen Führer der völkischen Bewegung. Man kann getrost annehmen, dass dies niemand vorhersah, als er im September 1855 in England als Spross einer betuchten, blaublütigen und einflussreichen britischen Familie geboren wurde. In seinem Geburtsland fühlte er sich nie zu Hause, und ebensowenig hatte er ein ungezwungenes Verhältnis zu der Mehrzahl seiner Verwandten. Nach dem Tod seiner schottischen Mutter schickte man ihn zu Verwandten nach Versailles, wo er bis zum Ende seines ersten Lebensjahrzehnts blieb. Dann trat er auf Wunsch seines Vaters in ein englisches Internat ein. Das war eine entsetzliche Erfahrung. Hier litt er, ein junger französischer Snob, unter dem »Faustrecht«, wie er es später beschrieb – wahrscheinlich war es nicht gerade hilfreich, dass er gern für sich allein in einer Ecke hinter einer Wand von Stühlen spielte.55 Jegliches Zugehörigkeitsgefühl, das der junge Chamberlain möglicherweise besessen hatte, ging verloren. Nachdem er immer so zuverlässig krank gewesen war, dass ihm seine Brüder den Spitznamen P. L. O. (Poor Little One, »armer Kleiner«) gaben, erlebte er im Alter von 14 Jahren seinen ersten psychischen Zusammenbruch. Weitere sollten folgen, was eine normale Berufstätigkeit unmöglich machte. Als er nach der ersten Krise zehn Jahre auf Reisen durch Europa verbrachte, kam er erstmals nach Deutschland. Hier fand er eine Heimat. »[D]ie entscheidende Wendung meines Lebens war die zum Deutschtum: ich schloß mich dem deutschen ›System‹ an …, und in dessen Mittelpunkt stand Richard Wagner.«56 Chamberlain heiratete schließlich Wagners jüngste Tochter und zog nach Bayreuth.
Chamberlains Münchener Verleger Friedrich Bruckmann spürte, dass sich das Publikum nach Beurteilung und Neuorientierung sehnte, als das 19. Jahrhundert zu Ende ging. Er fragte bei seinem Autor an, ob der vielleicht den Wunsch hätte, ein Nachwort zum ausgehenden Saeculum zu schreiben. Chamberlain war von diesem Vorschlag entzückt und entwarf rasch ein Projekt, das drei Teile umfasste. Der erste war eine tour de force durch die Geschichte von der Antike bis zum Jahr 1800, wobei er die großen kulturellen Entwicklungen gebührend hervorhob. Der zweite war eine tour d’horizon des 19. Jahrhunderts unter Berücksichtigung politischer, sozialer, naturwissenschaftlicher, kultureller und sonstiger Errungenschaften, die Beachtung verdienten. Ein letzter Teil sollte eine Bewertung des ausgehenden Jahrhunderts im Licht der vorangegangenen bieten.
Doch die Distanzen erwiesen sich als zu groß, und Chamberlain kam nie über den ersten Teil hinaus, auch wenn er weiter Notizen zu den verbleibenden Teilen des Vorhabens sammelte. An dem Manuskript, aus dem Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts hervorgehen sollten, arbeitete er von Februar 1896 bis zum Herbst 1898 mit einer Hast, wie sie dem Umfang des Werkes entsprach, acht Stunden täglich.57 Nach einer Bitte um göttlichen Beistand am Morgen verbrachte er einige Zeit damit, Bände seiner wohlsortierten Bibliothek auf der Suche nach passenden Zitaten durchzublättern (über deren Kontext er sich keine großen Gedanken machte), und die ordnete er sodann in einer weit ausladenden Argumentation, in der es von Widersprüchen und Fehlern wimmelte. Das Werk wuchs zu einem Umfang von 1200 Seiten an. Ein einsamer Kritiker verdammte es zu Recht als die »unmäßigen Rülpser eines besoffenen Flickschusters«, aber überwiegend erntete es großen Beifall. Nachdem es 1899 erschienen war, erlebte es bis 1944 mehr als 30 Auflagen, es erschienen vollständige Übersetzungen ins Tschechische, Englische und Französische sowie Teilübersetzungen ins Ungarische, Russische und Spanische. Als einer der zahlreichen Leser war Kaiser Wilhelm II. von dem Buch so angetan, dass es nüchterne Beobachter im Reich und jenseits seiner Grenzen mit Sorge erfüllte. Doch die Zeiten waren alles andere als nüchtern.
Für Chamberlain basierte historische Bedeutung auf Rassereinheit. Er erklärte, der römische Limes sei aufgrund des »rasselosen und nationlosen Chaos« zusammengebrochen, das dahinter geherrscht hatte.58 Zum Glück stürmten germanische Stämme von Norden heran und rissen das Regiment an sich. Sie waren »der rechtmäßige Erbe des Hellenen und des Römers, Blut von ihrem Blut und Geist von ihrem Geist«, da sie alle ein und derselben arisch-germanischen Familie angehörten. Wären diese »Barbaren« aus dem Norden nicht gewesen, dann wäre die indoeuropäische Rasse zugrunde gegangen, denn auf dem römischen Thron saßen asiatische und afrikanische »Sklaven« (hier spielte Chamberlain auf die asiatische und afrikanische Herkunft späterer römischer Kaiser an), und die Juden hatten ihre Gelehrsamkeit benutzt, um die griechisch-römische Kultur zu unterwandern und zu verseuchen. Ex septentrione lux: das Licht, das den Ruinen Roms Hoffnung brachte, kam aus dem Norden.
Aus den Trümmern wurde der indoeuropäische Mensch wiedergeboren wie der Phönix aus seiner Asche. Die Germanen waren für Chamberlain die »Träger der Weltgeschichte« (und letztlich die Erbauer Europas im 19. Jahrhundert): Sie gründeten Nationen, beförderten den Fortschritt der Menschheit mit ihren technischen Erfindungen und erhoben den menschlichen Geist mit ihrer Kunst, sodass der Zivilisationsgrad eines Volkes in direktem Verhältnis zu dem in ihm vorhandenen Anteil germanischen Blutes stand.59 Unter geschickter Verwendung gängiger mystischer Sprache erklärte Chamberlain kategorisch: »Der Germane ist die Seele unserer Kultur.« Er räumte durchaus ein, dass sich die germanischen Völker bei ihrem Eintritt in die Geschichte nicht mit einem einzigen Namen nannten. Es bedurfte eines »Fremde[n]«, um in der Vielfalt der Stämme rassische Einheitlichkeit, den »starken Stamm« unter »üppige[m] Geäst«, zu sehen und sie mit einem einzigen Namen zu benennen. Chamberlain fügte hinzu, Tacitus sei klar gewesen, dass »die Leibesbildung … bei allen diesen Menschen die selbe« gewesen sei. Ausgehend von dieser »richtige[n] empirische[n] Grundlage« war er seiner Ansicht nach zu einer »weitere[n] intuitiv richtige[n] Einsicht« gelangt, dass nämlich »die verschiedenen Stämme Germaniens, unbefleckt durch Ehen mit fremden Völkern, seit jeher ein besonderes, unvermischtes Volk bilden, welches nur sich selber gleicht«. Und obgleich seine Germanen neben den Germanen des Tacitus auch die Kelten und Slawen umfassten, entschied er sich, für sie alle den Terminus des Tacitus beizubehalten. Schließlich ging Chamberlain auf die beiden Eigenschaften ein, welche die Germanen von allen anderen Völkern unterschieden, Eigenschaften, die man seit dem 15. Jahrhundert auf die Darstellung des Tacitus gegründet hatte: »Wir fanden in der Freiheit und der Treue die zwei Wurzeln des germanischen Wesens oder, wenn man will, die beiden Flügel, die es himmelwärts tragen.«
In den Grundlagen spielt sich die Geschichte auf dem Schlachtfeld des Rassenkonflikts ab. Für Chamberlain bedeutete der Untergang Roms den Beginn der eigentlichen Geschichte. Alles andere war Vorspiel gewesen. Da begann das Drama des germanisch-jüdischen Konflikts, und »[n]och immer stehen sich diese beiden Mächte – Juden und Germanen – … bald freundlich, bald feindlich, stets fremd gegenüber«.60 Die Juden, ein »allen europäischen Völkern … gegensätzliche[s] Element«, werden als der fremde Faktor in Europa charakterisiert. Chamberlain vertritt die These, dass sie ethnische Vermischung gemieden hätten: »Dieser eine einzige Stamm hat als Grundgesetz die Reinheit der Rasse aufgestellt.« Während sie ihre eigene Rasse schützten, hatten sie ihre Töchter an nichtjüdische Familien verheiratet und mit ihrer Kultur die indoeuropäische Kultur untergraben. Nun, an der Wende zum 20. Jahrhundert, war der Fortbestand des germanischen Lebens und der germanischen Kultur in Gefahr.
Im Vorwort zur vierten Auflage antwortete Chamberlain Kritikern, von denen ihm eine ganze Reihe vorgeworfen hatte, er habe Gobineau plagiiert. Er war dessen Werk in den Bayreuther Blättern begegnet, aber erst um 1893 hatte er sich auf Vorschlag Cosima Wagners eingehender mit dem Versuch beschäftigt. Auch wenn er den Vorwurf des Plagiats lächerlich fand, war er dem Werk des französischen Autors doch zutiefst verpflichtet: Ebenso wie dieser glaubte er an rassische Unterschiede; er nahm an, dass die Rasse die Begabung bestimme und dass Rassen »die eigentlichen geschichtlichen Individuen« seien.61 Genau wie Gobineau verfocht er die Überlegenheit des germanischen Volkes, wobei er überwiegend von Germanen sprach, daneben aber auch die Ausdrücke arisch, indogermanisch und noch einige weitere verwendete (Präzision war nicht seine Stärke, weder in der Sprache noch im Denken). Anstatt zwischen besseren und schlechteren Rassen zu unterscheiden, sollte man, so schlug Chamberlain vor, einfach »zwischen denjenigen, die physisch und moralisch Germanen sind, und solchen, die es nicht sind«, unterscheiden.
Chamberlain verwarf jedoch Gobineaus Annahme eines unausweichlichen Verfalls. Während der Verfasser des Versuchs nach dem Ursprung der arisch-germanischen Rasse gesucht, ihren Niedergang im Lauf der Zeit betrauert und ihren unvermeidlichen Untergang beklagt hatte, interessierte sich der Verfasser der Grundlagen mehr für die Zukunft: »Würde auch bewiesen, daß es in der Vergangenheit nie eine arische Rasse gegeben hat, so wollen wir, daß es in der Zukunft eine gebe; für Männer der Tat ist dies der entscheidende Gesichtspunkt.«62 Chamberlain glaubte an die Evolution und unternahm Ausflüge in Botanik und Zoologie – Gebiete, für die er seit seinen Studien bei seinem deutschen Privatlehrer Otto Kunze ein Interesse entwickelt hatte –, um zwei allgemeine Punkte zu veranschaulichen. Indem er zum Vergleich Obstbäume heranzog, behauptete er, eine edle Rasse sei ein allmählicher Prozess, der in jedem beliebigen Augenblick einsetzen könne. Und um seinen Begriff von »Rasse« zu bestimmen und seine Behauptung zu rechtfertigen, dass man sie intuitiv begreife, stellte er sich Hunde und Pferde vor: Wer konnte nicht nahezu instinktiv die reinrassigen Exemplare von den übrigen unterscheiden? »[E]in einziger unbefangener Blick [kann] die Wahrheit wie ein Sonnenstrahl aufhellen.« Im Licht solcher Wahrheit konnte Chamberlain die Germanen in der Zukunft ebenso rein sehen, wie sie es in taciteischer Vergangenheit gewesen waren.
In Chamberlains Geschichtsauffassung klangen sämtliche wichtigen ideologischen Themen der völkischen Bewegung an: Rassismus, Antisemitismus, Pangermanismus. Und die Verwendung der Germania war ebenfalls typisch. Als erste unter den »deutschen Grundschriften« nahm der Text des Tacitus auf völkischen Leselisten einen prominenten Platz ein, auf ihn griff man zurück, um den größten Teil der Behauptungen über die arisch-germanische Rasse zu erhärten, die sich im Lauf der Jahrhunderte angesammelt hatten: über ihre Reinheit, ihre Physiognomie, ihre angeblich bäuerliche Lebensweise, ihre Bräuche und insbesondere ihre Gesittung.63 Dutzende von Übersetzungen, Bearbeitungen und Kommentaren präsentierten diese Schrift dem deutschen Publikum als ein Werk, »das unsere Vergangenheit aufhellt, die Gegenwart erklärt und die Zukunft entschleiert«, wie es Ludwig Wilser, ein Arzt mit dem Hang zum Verfassen völkischer Schriften, in seiner beliebten, oftmals nachgedruckten Version formulierte.64 Voll des Lobes für die prometheischen Kämpfer, die sich »mit den Waffen des Krieges wie mit denen des Geistes« ausgezeichnet hatten und durch deren Blut anderen Völkern »eine Verjüngung und Auffrischung« zuteil geworden war, bietet dieser Autor ein Beispiel für die Inbrunst, mit der man sich der imaginären germanischen Vergangenheit zuwandte. Manche veranlasste diese Empfindung dazu, sich nach einer Rückkehr zu einer germanischen Religion zu sehnen, aber verbreiteteren Ausdruck fand sie in religiösen Metaphern und Vergleichen. Die Herausgeber der Germanen-Bibel empfahlen ihren Lesern das Werk als »Gegenstück der Juden- und Christenbibel«, und die Germania wurde darin als die wichtigste »heilige Schrift« aufgenommen.65
Kritikern dieser Wunschvorstellungen erging es schlecht. Eduard Norden – nach den Worten von James Conant, dem damaligen Präsidenten der Harvard Universität, der »größte Latinist der Welt« – warnte davor, die Germania so zu lesen, als schildere sie einfach die deutsche Vergangenheit. In einem dicken Band, den die Turiner Akademie der Wissenschaften als eines der besten Werke über lateinische Literatur mit dem Preis der Fondazione Vallauri auszeichnete, verfolgte er viele der angeblich germanischen Eigenschaften zurück bis zu griechischen und römischen Beschreibungen verschiedener anderer Völker wie der Ägypter und der Skythen. Bei diesen Charakterisierungen handelte es sich um »Wandermotive«, die Tacitus den Germanen anscheinend deshalb zuschrieb, weil sie zu der Vorstellung passten, die sich die Römer von einem barbarischen Volk machten. Nordens Entdeckung zog die historische Authentizität der Germania in Zweifel – ein Ergebnis, das, wie der Verfasser selbst einräumte, »nicht besonders angenehm« für diejenigen war, die sich für deutsche (Vor)geschichte begeisterten. Bestimmte Leser waren in der Tat verärgert. Völkische Dilettanten erhoben Vorwürfe gegen einen Autor von enzyklopädischer Gelehrsamkeit und exemplarischer Sorgfalt, und sie behaupteten, er habe einige dieser Parallelen erfunden. Es brach ein solcher Proteststurm los, dass sich Norden genötigt fühlte, sich in seiner zweiten Auflage in Zweideutigkeit zu flüchten, und seinen Lesern versicherte, der Text des Tacitus bleibe »ein Quellenwerk ersten Ranges«.66 Ihm war klar geworden, dass der Glaube derer, die glauben wollten, nicht zu erschüttern war.
Nordens Buch erschien 1920 mitten in der Zeit deutscher Nachkriegsbedrängnis. Die niederschmetternde Erfahrung des Ersten Weltkriegs, welche die Deutschen dazu zwang, sich zu entscheiden, ob sie »für eine Wiedergeburt stark genug« sein würden, und die Unzufriedenheit mit dem Versailler Vertrag führten zu einem Wiederaufleben der völkischen Bewegung in der neu gegründeten Weimarer Republik.67 Im Zuge dieser Entwicklung wurde in München unter der Ägide des landesweit operierenden Germanenordens die Thule-Gesellschaft gegründet. Sie verschwand nach nicht mehr als fünf Jahren politischer Intrigen in der Versenkung; doch kaum waren die Nationalsozialisten 1933 an die Macht gelangt, da veröffentlichte der frühere Leiter der Gesellschaft, der schillernde Freiherr von Sebottendorff, das Buch Bevor Hitler kam, in dessen Vorwort er behauptete: »Thule-Leute waren es, zu denen Hitler zuerst kam.«68 Zwischen der Gesellschaft und der NSDAP bestanden einige konkrete personelle und programmatische Verbindungen – die endgültige Fassung des Hakenkreuzes, für die sich Hitler entschied, orientierte sich anscheinend am Logo der Gesellschaft –, aber die Wiege des Nationalsozialismus war nicht irgendeine einzelne der zahllosen Organisationen, sondern vielmehr die völkische Ideologie selbst.
Sowohl innerhalb als auch außerhalb von Deutschland hatte der Germane seit Beginn des 19. Jahrhunderts eine prominente Position eingenommen. Mehrheitlich waren seine Eigenschaften und Errungenschaften von seinem Auftreten in früheren Jahrhunderten her vertraut, mit der bemerkenswerten Ausnahme der rassischen Reinheit. Indem er ständig wachsende öffentliche Aufmerksamkeit im Deutschen Reich auf sich zog, stand er fest im Zentrum der völkischen Ideologie und verhieß Erlösung. Nach wie vor beschwor man ihn aus der Schrift des Tacitus, dem ersten Text der Germanen-Bibel. Wie die Ereignisse um Eduard Norden in den ersten Jahren der Weimarer Republik zeigen, war die Germania sakrosankt. Neben unzähligen anderen inspirierte sie einen Mann, der sodann in die höchsten Ränge des nationalsozialistischen Apparats aufsteigen sollte: den zweitmächtigsten Mann im »Dritten Reich«, den Reichsführer SS Heinrich Himmler.
Wir glauben mit [Tacitus] an die Eingeborenheit wie an die Rasse selbst mit all den anthropologischen Merkmalen, die er ihr zuschreibt.
Professor Hans Naumann, 1934
Ein ausländischer Korrespondent registrierte die »atemlose Stille in dem mächtigen Raum«.1 Als der Kardinal-Erzbischof von München und Freising, Michael von Faulhaber, die Kanzel der St.-Michaels-Kirche in München bestieg, um seine Silvesterpredigt zu halten, konnte er sich der erhöhten Aufmerksamkeit seiner Zuhörer, unter denen sich zahlreiche Journalisten aus aller Welt befanden, sicher sein; aber auch das nationalsozialistische Regime, das noch nicht lange im Sattel saß, lauschte besorgt. Man schrieb den 31. Dezember 1933. Die Weimarer Republik war tot, aber ihre Totengräber waren sich ihrer Macht noch nicht gewiss, und der Kardinal machte sie nervös. An den vorangegangenen Adventssonntagen hatte sich St. Michael, die größte Renaissancekirche nördlich der Alpen, als zu klein für alle die erwiesen, die Faulhabers Predigten hören wollten, und so übertrug man sie mit Lautsprechern in zwei andere Kirchen, die beide bis auf den letzten Platz besetzt waren. Mit freimütiger Beredsamkeit, »geformt in der Feueresse der alttestamentlichen Psalmen und Propheten«, hatte Faulhaber unbequeme Themen behandelt.2 Während das nationalsozialistische Parteiprogramm einen Artikel (Nr. 24) enthielt, in dem das Alte Testament als Verstoß »gegen das Sittlichkeits- und Moralgefühl der germanischen Rasse« diffamiert wurde, hatte er über dessen Wert gesprochen. Und obgleich er darauf achtete, seine Aussagen mit Einschränkungen zu versehen, hätte er doch, wie es der Sicherheitsdienst (SD) formulierte, »voraussehen müssen«, dass er manche empören und viele andere trösten würde, als er das Volk Israel dafür pries, dass es »unter allen Völkern der alten Zeit die höchsten religiösen Werte geboten« habe.3 Der deutsche Jude Julius Schulhoff dankte dem Kardinal in einem Brief, in dem er die Hoffnung aussprach, dass Gott seinen »wunderbaren Mut« stärken werde.4 In seiner fünften Predigt, die er an jenem Silvestertag hielt, bewies Michael von Faulhaber wiederum Mut; mehr davon sollte er noch viele Wochen lang brauchen.
Das bezeichnende Thema lautete am letzten Tag des Jahres »Christentum und Germanentum«. Der Erzbischof sah mit Sorge, dass im »deutschen Volk … Geister an der Arbeit [waren], um … eine nordisch-germanische Religion aufzurichten«.5 Die Vorzüge des Christentums wurden nun, so befand er, in Zweifel gezogen. Wer aber konnte einen Blick auf die germanische Existenz vor der Christianisierung werfen und diese Vorzüge bezweifeln? Um seine Überraschung zu erklären, weckte der Kardinal sodann ein schläfriges Gespenst aus 450-jährigem Schlummer, den germanischen Barbaren: Ob bewusst oder nicht, das Bild, das er skizzierte, war ein nahezu exakter Abklatsch des barbarischen Germanen, den Enea Silvio Piccolomini im 15. Jahrhundert vorgeführt hatte. Wie sein Vorgänger benutzte Faulhaber »eine kleine, aber wertvolle Geschichtsquelle«, und mit ihrer Hilfe malte er für seine Gemeinde ein abschreckendes Bild von Vielgötterei, Menschenopfern und »wilde[m] Aberglauben«. Er missbilligte die Kriegerexistenz der vorchristlichen Bewohner mit ihrer primitiven Pflicht zur Blutrache und geißelte ihre »sprichwörtliche Faulheit«, ihre »Trunksucht«, »ihre Zechgelage …, ihre Leidenschaft im Würfelspiel«. Die Liste der Fehler war lang, und untermauert wurden sie alle unter Verwendung des taciteischen Textes. In Faulhabers Augen konnten die bewunderungswürdigen und gebührend erwähnten Eigenschaften – Loyalität, Gastfreundschaft und eheliche Treue – kaum den Gesamteindruck aufhellen, dass von »einer eigentlichen Kultur der vorchristlichen Germanenzeit … nach Tacitus nicht die Rede sein« könne. Das Christentum hatte diesen heidnischen Hinterwäldlern die Kultur gebracht, und was noch wichtiger war, die zahlreichen germanischen Stämme – von denen Tacitus etwa 50 aufführte – wurden erst und ausschließlich unter seinem Dach des Glaubens zu einer Nation zusammengeführt. Die deutsche Nation verdankte, so schloss der Kardinal herausfordernd, ihre Kultur und überhaupt ihre Existenz also dem Christentum. Zweifel an dessen Vorzügen waren somit unbegründet.
In einem geheimen Vermerk des SD hieß es, alle fünf Predigten seien auf »ungeheuere Resonanz« gestoßen, aber keine mehr als die Silvesteransprache.6 Die gesamte in- und ausländische Presse – darunter Bayerische Staatszeitung, New York Times, Le Temps (Paris) und Il Lavoro (Genf) – berichtete über das Ereignis. Nationalsozialisten aller Ränge widerlegten, verhöhnten und attackierten die Predigt in Zeitschriften wie Germanien, Volk und Rasse und Der Sturmtrupp. Sie war ein »politisches Verbrechen«, erklärten sie, und ihr Urheber »ein unbedingter und entschlossener Feind des nationalsozialistischen Staates«.7 Alfred Rosenberg, der Chefideologe des Regimes, warf dem Kardinal »schwerste Diffamierung jener Selbstbesinnung« vor, »die sich im Dritten Reich vollziehe«.8 Das deutsche Volk werde jedoch, so fügte er drohend hinzu, »derartige Redensarten … nicht in Ruhe hinnehmen«.
Und der Widerstand der Nationalsozialisten flaute keineswegs ab; vielmehr nahm er in der Nacht des 27. Januar gewalttätige Form an, als in das Wohnzimmer des Kardinals zwei Schüsse abgefeuert wurden. Niemand wurde verletzt. Das Buch, in dem die Predigten abgedruckt waren, geriet ebenfalls unter Beschuss. »[M]it der … Kriegslust der alten Germanen« versuchten Angehörige der Hitlerjugend, seinen Vertrieb zu stören.9 Ebenso wie im Mai 1933, als auf dem Bebelplatz in Berlin die Bücherstapel gebrannt hatten, ließen sie es im Lauf einer Demonstration in Flammen aufgehen (was allerdings wirkungslos blieb: Von der Schrift wurden mindestens 150 000 Exemplare verkauft, und man übersetzte sie in elf Sprachen). Eine Karikatur deutete drohend an, ihrem Autor könne ein ähnliches Schicksal beschieden sein. Auch wenn sich manche Kritiker gelegentlich in den Bereich der rationalen Argumentation vorwagten, warfen die Reaktionen insgesamt »auf die Kulturhöhe der Gegenwart kein günstiges Licht«, wie der Erzbischof sarkastisch schrieb.10 Als er die barbarische Vergangenheit enthüllte, bäumte sich die Barbarei der Gegenwart auf.
Für Nationalsozialisten stellte ein derartiges Verhalten jedoch eine angemessene Reaktion auf eine kühne Herausforderung dar. Die Silvesterpredigt hatte ein geringschätziges Bild der germanischen Vergangenheit gezeichnet. Man betrachtete sie daher als »Kriegserklärung«, die sich frontal gegen diejenigen richtete, die der Überzeugung waren, dass der Regimewechsel im Jahr 1933 »eine Betrachtung der deutschen Kultur- und Geistesgeschichte zum Siege [gebracht habe], die dem germanischen Element im Deutschen eine bisher ungeahnte Bedeutung verschaffte«.11 Die germanische Rasse mit ihrer angeblichen Hochkultur in der Bronzezeit, ihren in einer harten und schlichten bäuerlichen Lebensweise wurzelnden »Ewigkeitswerten« und ihrer Blutsreinheit, die ihren mythischen Ursprung im nährenden Boden (»Blut und Boden«) hatte, bildete einen untrennbaren Bestandteil der »germanischen Revolution« der Nationalsozialisten.12 Das neue Zeitalter verhieß eine Rückkehr zu Tagen der Vorzeit: Man würde, so hieß es, die Anhänger nicht »nach neuen, unbekannten Ufern« führen; vielmehr würden sie unter jüngst aufgelebten nordischen Winden eine »Heimkehr im letzten Sinne des Wortes« erleben, die sie zurück in ein zeitloses, ortloses, utopisches Germanien führte.13 Im Nationalsozialismus diente die Germania, die Fiktion eines Römers, als Blaupause für nazideutsche Wirklichkeit, sie fungierte als Inspiration für Politik und Gesetze, und man glaubte, in Tacitus’ Adern sei »altarische[s] Bauernblut« geflossen.14 Als Faulhaber die verehrte Vergangenheit und ihren heiligen Text angriff, hatte er einen »Kardinalfehler« begangen. Die Germania war, so behaupteten die Nationalsozialisten mit Nachdruck, eine »Bibel«, die »jeder denkende Deutsche« besitzen sollte, »da dies Büchlein des römischen Patrioten … uns mit Stolz auf unsrer Vorfahren hohe Art zu erfüllen vermag«.15 Rassische Reinheit und todesverachtende Treue waren ihre wichtigsten Gebote.
Ein Volk lebt so lange glücklich in Gegenwart und Zukunft, als es sich seiner Vergangenheit und der Größe seiner Ahnen bewußt ist.
Heinrich Himmler, 1936
Der nationalsozialistische politische Apparat war ein System des Neides und des Argwohns, gespeist von einer gemeinsamen Gier nach Macht und in Gang gehalten durch den scheinbar »schwachen Diktator« Adolf Hitler.16 Dieser Apparat sorgte für eine Balance zwischen seinen führenden Vertretern und den wuchernden Ämtern, Abteilungen und Institutionen, von denen viele ihre eigenen Programme entwarfen und verbreiteten. Dennoch übertrieb Hans Frank, ein Nationalsozialist der ersten Stunde und nachmalig brutaler »Polenschlächter«, die Vielfalt, als er nach dem Zweiten Weltkrieg aussagte, es habe ebenso viele Formen des Nationalsozialismus wie Nationalsozialisten gegeben.17 Denn auch wenn die Ideologie hinter der Fahne manchmal ausfranste, blieben die ideologischen Kernelemente – wie das vertraute Emblem des schwarzen Hakenkreuzes auf weißem Grund – deutlich erkennbar. Es gab eine offizielle nationalsozialistische Weltanschauung, die über einen bloßen Hitlerismus hinausging: Sie beinhaltete einen extremen deutschen Nationalismus und Rassismus in Verbindung mit Antisemitismus und einer primitiven Form von Sozialdarwinismus.
Ein früher Entwurf des ersten Bandes von Mein Kampf trug den Titel »Germanische Revolution«.18 Die spätere Abänderung verweist auf Hitlers ambivalente Einstellung zu der weit verbreiteten Verehrung für den Germanenmythos. Angesichts von Enthusiasten wie Heinrich Himmler, der seine SS als die Speerspitze eines germanischen Zeitalters ansah, dessen Anbruch er vorwegnahm, indem er Hitler als »Führer des Großgermanischen Reiches« bezeichnete, äußerte sich dieser manchmal kritisch, manchmal verächtlich, meist reserviert.19 In Mein Kampf hatte er sich von den »Naturen« distanziert, die »von altgermanischem Heldentum, von grauer Vorzeit, Steinäxten, Ger und Schild schwärmen«. Viele Jahre später räumte er in seinen Tischgesprächen nüchtern ein: »[I]n derselben Zeit, in der unsere Vorfahren … Steintröge und Tonkrüge hergestellt hätten …, sei in Griechenland eine Akropolis gebaut worden«.20 Alfred Rosenberg wäre gar nicht erfreut gewesen, wenn er solche Äußerungen von Adolf Hitler vernommen hätte – waren es doch die gleichen, die auf so bösartigen Widerstand stießen, als sie aus Faulhabers Mund kamen. Der Ideologe verehrte »seinen Führer« als Nachfolger des germanischen Kriegsherrn Hermann und des Sachsen Widukind, des Hauptgegners Karls des Großen, im Kampf um die Freiheit und den Wohlstand des germanischen Volkes.21
Glücklicherweise blieb Hitler, was immer er persönlich über die haarigen Barbaren dachte, bei seinen öffentlichen Auftritten weitgehend linientreu. Bei politischen Ereignissen wusste der »größte Germanenführer aller Zeiten«, wie man ihn von 1940 an nannte, welche Marschmusik gespielt werden musste und wie er germanische Einstellungen zu wecken hatte.22 Bei der Beerdigung Paul von Hindenburgs, als man den zweiten Präsidenten zusammen mit der Republik begrub, der er gedient hatte, schloss Hitler seine Trauerrede mit Wünschen für sicheres Geleit in das geheiligte Schloss der germanischen Mythologie: »Toter Feldherr, geh’ nun ein in Walhall!«23 Im gleichen Jahr erklärte Hitler auf einer Kundgebung in Karlsruhe, er wüsste nicht, weshalb sich die Deutschen ihrer Vorfahren schämen sollten, schließlich hätten sie, so erklärte er, »schon 1000 Jahre, bevor Rom gegründet wurde, einen kulturellen Hochstand erlebt«.24 Auch wenn Hitler von Himmlers mystischen Allüren irritiert war und in Abwesenheit des Reichsführers die Ideologie der SS lächerlich machte, planten doch die beiden gemeinsam für die Zukunft einen »germanischen Staat der germanischen Nation«, dessen Hauptstadt Germania heißen sollte.
Nach Ansicht Hitlers sollte der Nationalsozialismus »eine Volksbewegung, aber unter keinen Umständen eine Kultbewegung« sein.25 Doch von einem nicht geringen Teil der Nationalsozialisten wurde das germanische Wesen als Kult praktiziert, und in der Frühzeit der Bewegung spielte dessen heiliger Text innerhalb der NS-Kultur an vielen Orten eine gewichtige Rolle. Auf dem Nürnberger Parteitag gab es 1936 einen mit Tacitus-Zitaten geschmückten »Germanenraum«. Über dem Eingang las der Besucher ein Wort, das »dem Führer« zugeschrieben wurde: »Die deutsche Jugend soll wissen, daß männertreue Gefolgschaft die Tugend der alten Germanen gewesen ist. Das neue Reich ist auf dieser Tugend aufgebaut.«26 In dieser Inschrift klang die Darstellung an, die Tacitus von germanischer Treue gegeben hatte und die höchstwahrscheinlich im Raum selbst zitiert wurde. Doktrinäre Artikel, die sich an Passagen aus der Germania anschlossen, erschienen zuhauf in Zeitschriften wie Der Schulungsbrief, Das Schwarze Korps, Nationalsozialistisches Bildungswesen, Germanen-Erbe, Volk und Rasse und Nationalsozialistische Monatshefte, um nur einen Bruchteil der überbordenden Produktion des totalitären Regimes zu nennen.
Von der gemütlichen Wärme ihrer Lehnstühle aus beschworen zahlreiche kaum bekannte Nationalsozialisten ein germanisches hartes Leben mit Kampf auf Leben und Tod und täglicher Plackerei – jede Feder ein Schwert, jeder Aufsatz ein Schlachtfeld. Am Ende eines solchen Artikels über die germanische Sippe und die Rolle der Frauen in der Familie, der stark mit Auszügen aus dem Text des Tacitus unterfüttert war, druckte die Redaktion eine Erklärung Hitlers, die besagte, die Familie sei »die kleinste, aber wertvollste Einheit im Aufbau des ganzen Staatsgefüges«.27 In dem Glauben, die Existenz des deutschen Volkes sei gefährdet, legte die nationalsozialistische Doktrin fest, es sei die »natürliche und wichtigste Berufung« einer Frau, »Gattin, Mutter und Hausfrau« zu sein.28 Frauen, die eine besonders große Zahl von Kindern geboren hatten, erhielten das Ehrenkreuz der Deutschen Mutter (oder den »Kaninchenorden«, wie man im Volksmund sagte).29 Die Propaganda empfahl die germanische Frau als weibliches Rollenmodell. Eines der »Gebote« wies die deutsche Maid an, sich einen passenden Ehemann auszusuchen, und zwar im Geiste ihrer germanischen Vorfahrin, die einen Bewerber abgewiesen hatte, »weil sein Blut nicht genügend hochwertig zu sein schien«.30 Und da angeblich schon ein einziger Geschlechtsakt genügte, um das »Blut [einer Frau] für immer zu vergiften«, rückte die Schilderung, die Tacitus von der Heiligkeit der Ehe und der Wertschätzung für Keuschheit gab, in ideologischen Diskussionen über weibliche Tugenden in den Vordergrund.31 Der römische Schriftsteller lehrte die »deutschen Mädel von heute, [die] deutschen Mütter von morgen … Reinheit des Jünglings und der Jungfrau, Keuschheit, Zurückhaltung aller geschlechtlichen Begierden«.32 Joseph Goebbels, der scharfzüngige Propagandaminister, bekam Wutanfälle, wenn er die Worte »germanisch« oder »nordisch« hörte, die in Schriften, im Radio und auf der Leinwand bis zum Erbrechen wiederholt wurden; doch die Bewegung, als deren Einpeitscher er mit seiner Rhetorik fungierte, versprach, die germanische Vergangenheit in der Zukunft wieder lebendig werden zu lassen.33 »Macht Platz, Ihr Alten«, drohte sie; diese Zukunft gehörte den Jungen.34
Angesichts der Aufmerksamkeit, die ihnen die Partei schenkte, fühlten sich viele nationalsozialistische Jugendliche ihrerseits »hemmungslos hofiert und umschmeichelt«.35 Doch für den kühl kalkulierenden Blick von Vertretern der NS-Elite wie Goebbels stellten sie nur den »Rohstoff« dar, der sich durch die »Knetmaschine« der Erziehung in eine »geformte Masse« verwandeln ließ, »die staatspolitisch eingeschaltet werden kann«.36 Erziehung entartete zu Propaganda. Das neue Regime, das intellektuelle Befähigung als Gebrechen ansah, gründete neue Institutionen wie die Adolf-Hitler-Schulen und die Ordensburgen; die traditionellen Schulen wurden radikal umgebaut und ideologisch gleichgeschaltet. Hitler hatte seine pädagogischen Prioritäten klargestellt: Die neue Erziehung würde nicht auf »Einpumpen bloßen Wissens« zielen, sondern auf das »Heranzüchten kerngesunder Körper«.37 Leibesübungen spielten eine große Rolle in der Schule und eine noch größere in der Hitlerjugend sowie im Bund deutscher Mädel. In athletischen Übungen zeigte sich, so glaubte man, der »Herrensinn«, und echte Germanen hatten schon immer einen Hang zum Laufen, Springen, Ringen und Schwimmen gehabt, von Übungen im Waffengebrauch ganz zu schweigen. Tacitus’ Bericht über den Schwerttanz – »nackt werfen sich junge Männer … im Sprung zwischen Schwerter und drohende Framen« – wurde in zahllosen Diskussionen über germanischen Sport herangezogen.38 Die Ausbildung des Geistes war dagegen von sekundärer Bedeutung und sollte in erster Linie zu Willensstärke und Entscheidungsfreude führen. (An anderer, nicht so öffentlicher Stelle erklärte Hitler, Bildung sei gefährlich.) Nationalsozialistische Pädagogen wie Rudolf Benze, der Gesamtleiter des Deutschen Zentralinstituts für Erziehung und Unterricht, erläuterten die Ideen »des Führers«, wobei sie unbekümmert ihre eigenen intellektuellen Fähigkeiten einsetzten, um ein System zu fördern, das Menschen nach Art der Skulpturen Arno Brekers hervorbringen sollte: hart wie Marmor, muskulös und geistlos.
Die Lehrer standen als »tapfere Mitkämpfer« an vorderster Front der Revolution.39 Im Nationalsozialistischen Lehrerbund organisiert, erhielten sie ideologische Anleitung bei Konferenzen, durch Broschüren wie Rassengeschichte: Was muß ein Lehrer wissen? sowie in zahllosen Aufsätzen, die in Zeitschriften wie Nationalsozialistisches Bildungswesen erschienen. Diese letztgenannte Publikation, die der Lehrerbund selbst herausbrachte, enthielt in ihren ersten drei Ausgaben vier Artikel zu germanischen Themen. Das Thema »Deutsche Vorgeschichte als prägende Kraft« (so ein programmatischer Titel) wurde 1937, im zweiten Jahr des Erscheinens, in elf Artikeln abgehandelt (als das Fundament gelegt war, spielte dieser Gegenstand dann keine so bedeutende Rolle mehr). Die einleitende Notiz in der ersten Ausgabe spricht mit papageienhafter Überzeugung von der »Wiedergeburt unseres deutschen Volkes«, die, wie es weiter heißt, von einem »Umbruch von ungeahnter Größe auf dem Gebiet des Erziehungswesens« begleitet ist.40
Die Modellierung des nationalistischen und rassistischen Bewusstseins der Schüler in der Form des nordischen Charakters stand nun auf der Prioritätenliste ganz obenan. Hitler selbst hielt es für unbedingt erforderlich, dass jedem Knaben und jedem Mädchen »die Notwendigkeit und das Wesen der Blutreinheit« klar wurde.41 Sie sollten lernen, wie sich die arische Rasse auf dem Schlachtfeld der Geschichte auszeichnete. Rosenberg betonte auf der 3. Reichstagung für deutsche Vorgeschichte den neuen Schwerpunkt für die historische Forschung, »die Ewigkeit des Bestandes jener Eigenschaften und jenes Charakters und jenes Blutes, der sich durch die Jahrtausende … erhalten hat«.42 Alle, die eine ideologische Ader hatten, waren sich einig, dass Geschichte begeistern sollte. Den wenigen Kritikern, die sich besorgt über den Mangel an »sogenannter« Objektivität äußerten, wurde erklärt: »Wir sind objektiv, wenn wir deutsch sind.«43 Unparteiische Darstellungen der Germania waren nicht wünschenswert und wurden als »zu historisch« abgetan.44 Bei der Erörterung des berühmten Büchleins sollten die Lehrer die Aufmerksamkeit ihrer Schüler darauf lenken, die »deutsche Zukunft im Sinne der Väter zu gestalten«, eine Aufgabe, die dadurch erschwert wurde, dass die Lehrer Gefahr liefen, »sich vor lauter Freude am Gegenstande im Erzählen und Erklären« zu verlieren.45
In ähnlicher Weise versichert das Geschichtsbuch für die Jugend des Dritten Reiches der »[l]iebe[n] deutsche[n] Jugend« zuversichtlich, es werde ihre Begeisterung für ihre Nation und deren Werte entfachen.46 Die weniger anregenden Phasen des Holozäns durchmisst es im Eiltempo, nicht ohne jedoch eine grundlegende Rassengenealogie zu entwickeln und zu betonen: »Der Lebensraum der Vorfahren ist auch dein Wohnraum, und ihr Blut fließt auch in deinen Adern.« Anschließend geht das Buch dazu über, »[d]eutsches Land und Volk vor 2000 Jahren« zu erörtern – das textliche Terrain des Tacitus. Die ministeriellen Richtlinien legten fest, dass der heldische Geist und der germanische Begriff der Führung beleuchtet werden sollten. Dementsprechend schildert das Geschichtsbuch die feindselige germanische Landschaft in taciteischen Farben und zeigt, wie das germanische Volk unter diesen schwierigen Umweltbedingungen »abgehärtet« wurde und »Ausdauer« zeigte. Die jugendlichen Leser des Buchs sind Erben dieses harten Geschlechts: »Alle seine Eigenschaften liegen dir im Blut. Zeige dich ihrer würdig und sei immer furchtlos und willensstark.« In den nachfolgenden Ausführungen zum Thema Führung werden todesverachtende junge Männer in Waffen geschildert, die ihrem Führer voll ergeben sind. Und die zeitgenössische politische Lehre folgt sogleich: »Niemals kann das deutsche Volk untergehen, wenn diese Mannentreue weiter lebt. Gehört nicht auch im Dritten Reich zum Führer die treue Gefolgschaft? … Diese deutschen Volksgenossen verkörpern … germanische Treue und heldenhaften Sinn und sind dir leuchtende Vorbilder.«
Teils kühne Krieger, teils behende Bauern: Erneut befolgt das Geschichtsbuch die Anweisungen aus dem Ministerium buchstäblich und besucht einen germanischen Bauernhof mit all seinen komplizierten Gerätschaften und Verzierungen, um die Verleumdung zurückzuweisen, die Ahnen seien Barbaren gewesen. Im Gegenteil, ihr schöpferischer Erfindungsreichtum wird als eine Fähigkeit hingestellt, die ihrer Tapferkeit im Kampf gleichkommt: Diese Männer waren prometheische Krieger.
Wie die Faulhaber-Episode erkennen ließ, verlor der Barbareiverdacht nie seinen Stachel; als Reaktion darauf beleuchtete der Verfasser der Schrift Sind die Germanen bei Tacitus Barbaren? nicht nur germanische Qualitäten, sondern versuchte auch, einige der finstereren Eigenschaften aufzuhellen, die Faulhaber angeführt hatte. Der germanische Hang zum Trunk und die Gewohnheit, sich in einer festlichen Umgebung zu beraten, bestanden, so befand der Autor im Geiste der deutschen Humanisten, »[n] och heute«, da doch »oft die zur Entscheidung stehenden Fragen von den maßgebenden Bürgern und Bauern erst einmal in der Wirtschaft zwanglos besprochen« werden.47 Für diejenigen, welche die Germania zu lesen verstanden, präsentierte sie ein »edles, einheitlich bäuerliches Volk«. Obgleich es das Geschichtsbuch vorzieht, die Neigung zum Rausch (samt nachfolgendem Schlaf auf Bärenfellen zur Ausnüchterung) pro forma zu verurteilen, benutzt es die Germania genau in diesem Sinne. Teils zitiert, teils paraphrasiert, manchmal als Quelle genannt, meist aber nicht, dient sie hier und an anderer Stelle als »Leitstern und Mahnung, da wir jetzt zu der Erkenntnis gelangt sind, daß wir in Blut und Boden die nährende Quelle unserer völkischen Existenz haben«.
»Blut und Boden« ist genau das Thema der von dem Philologieprofessor Martin Staemmler verfassten pädagogischen Broschüre Volk und Rasse. Auf ebenso abscheuliche wie heimtückische Weise lehrt diese Schrift deutsche Jugendliche mit jovialer Herablassung die Bedeutung der Rasse: »Nicht wahr, ihr wißt, was ihr damit meint, wenn ihr sagt: ›Das ist ein rassiger Kerl … Da steckt was drin. Vor dem hat man Achtung.‹«48 Rassige Automobile und reinrassige Hunde werden herangezogen, um ihnen zur Ausbildung eines klareren Begriffs von Menschenrassen zu verhelfen; zu deren vollem Verständnis lädt man die Schüler auf eine Weltreise ein. Nach bebilderten Besuchen in Afrika und Asien kommen sie nach Schweden, und hier sehen sie »große, schlanke Menschen mit blonden Haaren und blauen Augen, schöne Gestalten, an denen wir unsere Freude haben«. Sie sehen so aus, fügte Staemmler hinzu, »wie wir uns die alten Deutschen vorstellen«, wobei er mit dem rassistischen Glauben arbeitet, die germanische Reinheit der Vergangenheit habe sich in der Bevölkerung erhalten, die gegenwärtig Skandinavien und Island bewohnte – erstklassige Exemplare der nordischen Rasse. »Der alte römische Schriftsteller Tacitus schildert uns voll Bewunderung die alten Deutschen …, die fast rein nordischer Rasse waren. Er rühmt ihren Mut, ihre Treue, ihre Reinheit …; sie [waren] die geborenen Soldaten. Was in dem Deutschen an Heldentum und ehrlich-treuem soldatischem Wesen drinsteckt, das verdankt er seiner nordischen Rasse.« Die deutsche Jugend lernte, dass sie die Pflege ihres nordischen Erbes ihrer Vergangenheit schuldete, rassische Gesundheit und Reinheit waren ihre Gebote.
Als ein »nur sich selbst ähnlicher Menschenschlag« mit »trotzig blickenden blauen Augen, rötlichblondem Haar und großen Körpern« hatten die Germanen des Tacitus im 19. Jahrhundert die Abhandlungen von Anthropologen und erklärten Rassisten bevölkert. Nun griffen die Nationalsozialisten dieses Profil erfreut auf und bedauerten nur gelegentlich, dass sich keine Erwähnung der länglichen Form des nordischen Schädels, der Dolichokephalie, fand. Außerdem gossen sie Kapitel 4 in ein Gesetz um.
Die Reinheit des deutschen Blutes [ist] die Voraussetzung für den Fortbestand des Deutschen Volkes.
Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre, 1935
Durch einen von Himmlers rassistischen Monologen über die Überlegenheit der blonden, gertenschlanken und stählern blickenden arischen Rasse herausgefordert, spottete Frau Best, die brünette Ehefrau eines hochrangigen SS-Mitglieds, dies sei doch eine sehr gefährliche Lehre. Würde sie verwirklicht, dann würde die Partei ihre komplette Führung verlieren: »den Führer, Sie, Herr Himmler, Dr. Goebbels«.49 Herr Himmler, der sich das Haar an den Seiten abrasierte, damit sein Schädel länger wirkte, blieb gelassen. In seiner Entgegnung – auch in einem runden Schädel wie dem seinen könne das lange Gehirn eines Ariers stecken – kam der offizielle Glaube der NS-Bewegung an die rassische Eigenart von Psyche wie Physiognomie zum Ausdruck, aber sie konnte den eklatanten Widerspruch zwischen der Doktrin des Regimes und dem Aussehen seiner führenden Vertreter nicht verdecken. Diese Diskrepanz schlachtete der Volksmund damals mit dem sarkastischen Kommentar aus, der typische Nazi sei so schlank wie Göring, so athletisch wie Goebbels und so blond wie Hitler.
Auf dem 1935 abgehaltenen »Reichsparteitag der Freiheit« (der letzte Reichsparteitag, der für 1939 geplante »Reichsparteitag des Friedens«, entfiel infolge des Krieges) erhielt der Professor für Rassenkunde Hans Friedrich Karl Günther für seine Beträge zur Parteidoktrin den ersten Preis der NSDAP für Wissenschaft. Das Festpublikum im Nürnberger Opernhaus war immer noch geblendet von der Selbstverherrlichung der sorgfältig einstudierten Paraden, als der Laudator, kein Geringerer als Alfred Rosenberg, der Chefideologe der Partei, Günther für sein geschriebenes Werk pries. Insbesondere mit seiner Rassenkunde des deutschen Volkes hatte der preisgekrönte Wissenschaftler, so erklärte er, »geistige Grundlagen gelegt für das Ringen unserer Bewegung und für die Gesetzgebung des nationalsozialistischen Reiches«.50 Vier Tage nach der Verleihungszeremonie wurden die Nürnberger Rassengesetze verabschiedet. Eines von ihnen, das Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre, verlieh zwei von Günthers zentralen Ideen Gesetzeskraft. Der rassistische Visionär hoffte – und die nationalsozialistischen Gesetzgeber bestimmten das nun –, dass die Deutschen durch Zuchtwahl wieder zu einem »eigenen, reinen und nur sich selbst ähnlichen Menschenschlag« werden würden.
»Rassen-Günther«, wie er von Freunden genannt wurde, war ein Mann, der sich auf vielen verschiedenen Gebieten versucht hatte. Promoviert hatte er 1914, und an dem Tag, an dem er sich zu der obligatorischen mündlichen Prüfung anmeldete, verpflichtete er sich auch zum Militärdienst in der Hoffnung, »[s]einer Heimatuniversität Ehre machen zu können im Feld«.51 Doch auf seinem Weg zum Heldentum erwies sich seine gesundheitliche Verfassung als unüberwindliches Hindernis. Ebenso wie Himmler, der auch nie in Kampfhandlungen geriet, sehnte er sich nach der Kriegserfahrung, die ihm entgangen war, und erging sich in Fantasien über die Männlichkeit, die er nie hatte beweisen können. In seiner 1920 erschienenen Schrift Ritter, Tod und Teufel: Der heldische Gedanke machte er seiner Frustration über die verweichlichte und degenerierte Kultur seiner Zeit Luft – die als von Geschwüren befallener Körper einer Operation bedurfte – und pries den Heroismus und die Männlichkeit germanischer Krieger. Diese echten Vertreter der nordischen Rasse fand er in Tacitus’ Buch lebendig vor – ein Band, rief er aus, der eine so »hochgestaltete« Gesittung erkennen ließ, »daß wir davor verstummen müssen«.52 Doch er schrieb weiter, und das sollte 1930 schließlich zu seinem Vorteil ausschlagen, als ihn der thüringische Volksbildungsminister Dr. Wilhelm Frick, der erste nationalsozialistische Minister einer deutschen Landesregierung, auf eine Professur an der Universität Jena berief, zuerst für Philosophie, Vorgeschichte oder Rassenkunde und schließlich auf einen neuen Lehrstuhl für Sozialanthropologie. Zunächst stieß die Ernennung auf den Widerstand der Fakultät, die nicht einsah, wie Günthers Umgänglichkeit seinen offensichtlichen Mangel an akademischer Qualifikation wettmachen sollte. Doch die Wissenschaftler protestierten vergeblich.
Ritter, Tod und Teufel, das Erstlingswerk, das bereits die wichtigsten Ideen enthielt, die Günther in späteren Werken ausführte, bewegte Himmler: Dieses Buch drückte aus, so erklärte er, »was ich fühle und denke, seit ich denke«.53 Den Verleger Julius Friedrich Lehmann regte es derart auf, dass er dem jungen Autor, nachdem er auf einem zweitägigen Spaziergang in den Alpen dessen wissenschaftliche Qualifikation überprüft hatte, den Auftrag erteilte, ein Projekt in Angriff zu nehmen, über das er schon lange nachgedacht hatte: eine Rassenkunde des deutschen Volkes. Ihre Zusammenarbeit erwies sich als überaus erfolgreich: von der Rassenkunde wurden bis 1932 etwa 32 000 Exemplare verkauft; später erschien noch eine gekürzte Kleine Rassenkunde, und von beiden Fassungen wurden insgesamt über 300 000 Exemplare abgesetzt. Günther wurde der bereits erwähnte von den Nationalsozialisten ausgezeichnete Wissenschaftler, Lehmann der »Ideologieunternehmer« und Tacitus der vielgelesene Berichterstatter in Sachen nordische Rasse.54
»Eine Rasse stellt sich dar«, so die oft zitierte Definition Günthers, »in einer Menschengruppe, welche sich durch die ihr eignende Vereinigung leiblicher Merkmale und seelischer Eigenschaften von jeder anderen … Menschengruppe unterscheidet und immer wieder nur ihresgleichen zeugt«.55 Diese Definition knüpft an Tacitus an. Günther, der die Werke der Antike ebenso wie die rassistische Literatur gut kannte, zitiert den Römer häufig : »Da lebte über ganz Germanien hin«, schreibt er, wobei er das Zitat mit seiner eigenen Meinung vermengt, »dieses nordische Volk, das heldisch-geborene, rein und nur sich selber gleich.« In seiner Rassentheorie, einer eigenartigen Mischung aus Beobachtung, Fantasie und selektiver Zusammenfassung wissenschaftlicher Arbeiten, war es diese – von Tacitus »verherrlichte« – nordische Rasse, welche die anderen vier europäischen Rassen überragte. Den Begriff des »Ariers« hielt Günther für überholt; er hielt sich stattdessen an den französisch-russischen Anthropologen Joseph Deniker, der die nordische Rasse eingeführt hatte (wobei allerdings angemerkt werden sollte, dass die Nationalsozialisten die Ausdrücke »germanisch«, »nordisch« und »arisch« im Allgemeinen als Synonyme verwendeten). Von den anderen Rassen in der äußeren Erscheinung ebenso verschieden wie in der inneren Einstellung, hielt sich das nordische Exemplar aufrecht: hochgewachsen, langbeinig und schlank, mit länglichem Kopf und schmalem Gesicht, heller Haut, blondem Haar und einem nordischen Auge mit »furchterregendem« Blick. Wie der Körper, so die Seele: Wollte ein Maler einen mutigen, edlen und würdigen heldenhaften Mann oder eine ebensolche Frau porträtieren, würde das Bildnis nach Ansicht Günthers unweigerlich einem Angehörigen der nordischen Rasse ähneln. Weitere bewunderungswürdige rassespezifische Eigenschaften – ebenfalls mehr oder weniger von Tacitus übernommen – waren: »Drang zur Wahrhaftigkeit, ritterlicher Gerechtigkeitssinn, weitsichtige Führung [in der Politik]« sowie Schöpfertum in Kunst und Wissenschaft.56 Die nordische Rasse hatte das Monopol auf wünschenswerte Charakterzüge (die größtenteils schon Jacob Wimpfeling und seine Zeitgenossen für ihre Ahnen reklamiert hatten). Diese Hervorhebung der unverwechselbaren Rassenseele war es, die es Himmler gestattete zu behaupten, die tapfersten polnischen Offiziere seien deutschblütig und sein eigener Schädel berge ein »arisches Gehirn«.57 Doch selbst Himmlers Argumentationsakrobatik änderte nichts daran, dass die nationalsozialistischen Maßnahmen die Physiognomie als vorrangiges Kriterium festlegten: In Zweifelsfällen sollte als Jude gelten, »wer nach seinem äußeren Erscheinungsbild und sonstigen Umständen eine jüdische Abstammung erkennen läßt«.58
So strahlend die Vergangenheit gewesen war, so düster war die Gegenwart. Infolge von »Kreuzung« war die nordische Rasse für Günther bei den Deutschen seiner Zeit faktisch verschwunden. Um sie wiederzuerwecken, bedurfte es einer »Aufnordung«. Er befürwortete hierfür die rassische Auswahl nordischer Männer und Frauen und die Auslöschung gesellschaftlicher Elemente, die als »degeneriert« galten. Die Germanen des Tacitus hatten seiner Ansicht nach derartige Praktiken vorweggenommen. Sie hatten verschiedene eugenische Maßnahmen durchgeführt, hatten »minderwertig und abartig veranlagte Menschen [gehängt] oder in Sümpfen ertränkt«, und dazu zählte Günther »Verräter, Überläufer, Feiglinge, Unzüchtige« einschließlich solcher mit homosexuellen Neigungen (auch wenn äußerst ungewiss ist, ob Tacitus oder die Germanen tatsächlich an diese letztgenannte Gruppe dachten).59 Eine derartige Bestrafungspraxis sorgte für ständige Reinigung des Volkes, erklärte er, »da die Anlagen solcher Menschen aus dem Erbgang des Volkes ausschieden«. Die strenge Bestrafung einer Ehebrecherin – zunächst schnitt man ihr, so Tacitus, das Haar ab und zog sie aus, dann peitschte man sie durchs Dorf – wird ebenfalls durch eine ideologische Brille gelesen als ein weiterer Ausdruck einer bewussten »Pflicht zur Reinhaltung der ausgelesenen Sippen«. Die Untreue einer Frau beschwor die Gefahr herauf, dass fremde Elemente in einen Stamm eindrangen, ergänzte Günther und verwies zum Schluss auf ein angeblich von Tacitus geliefertes Beispiel für fortgesetzten »rassischen Niedergang« infolge von Vermischung. Von dem Stamm der Bastarner heißt es in seiner Übersetzung: »Sie sinken durch Kreuzung zu sarmatischem Aussehen herab.« Mit scheinbarer Gewissenhaftigkeit wird neben dem Deutschen auch das lateinische Original zitiert. Beides ist jedoch dadurch abgeändert, dass einschränkende oder entgegenstehende Details unterschlagen werden. Das lateinische nonnihil (»bis zu einem gewissen Grade«), das »Degeneration« einschränkte, ist weggelassen, und connubium, das »Mischehe« bedeutet, wird mit »Kreuzung« wiedergegeben. Noch unbekümmerter ist sein Zitat hinsichtlich der »zum Angriff geschaffene[n] Gestalten« der Germanen, in dem das »nur«, das im Lateinischen vor »zum Angriff« steht, getilgt ist – ein Taschenspielertrick, durch den der einschränkende und (zumindest teilweise) negative Kommentar des Tacitus in eine weitere lobende Charakterisierung verwandelt wird.
Auch wenn Günthers Einfluss auf die nationalsozialistische Ideologie im Lauf der Jahre nachließ, war er doch bedeutend. Seine Lehre wurde in Handbüchern wie dem ABC des Nationalsozialismus umrissen und fand in zusammengefasster Form Eingang in die Lehrpläne der Schulen. Sie spielte eine zentrale und herausgehobene Rolle in Broschüren, die von Heinrich Himmler autorisiert waren, und sie hinterließ Spuren im zweiten Teil von Mein Kampf (Hitlers Bibliothek enthielt viele Schriften Günthers).60 Rosenberg, der möglicherweise die Verleihung des NSDAP-Preises in die Wege geleitet hatte, erwähnte in seiner Nürnberger Rede auch den Einfluss des Rassenexperten auf die Gesetzgebung. Das Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre wurde verabschiedet »[d] urchdrungen von der Erkenntnis, daß die Reinheit des deutschen Blutes die Voraussetzung für den Fortbestand des Deutschen Volkes ist«. Ausgehend von dieser Überzeugung hatte »der Reichstag einstimmig das folgende Gesetz beschlossen …: Eheschließungen zwischen Juden und Staatsangehörigen deutschen oder artverwandten Blutes sind verboten.« Genau wie die Germanen der Interpretation Günthers zufolge in dem Bemühen, die rassische Reinheit zu bewahren, Mischehen abgelehnt hatten, verbot die nationalsozialistische Gesetzgebung Mischehen zwischen Juden und Deutschen.
Das war sicher nicht das einzige Gesetz, das auf einer angeblich germanischen Praxis beruhte. Kurz nach der Machtergreifung lösten die Nationalsozialisten die Gewerkschaften auf und erließen das Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit, das die Beziehungen zwischen Arbeitgeber und Beschäftigten als ein Verhältnis zwischen »Führer« und »Gefolgschaft« gestaltete, wobei Ersterer für das Gemeinwohl verantwortlich war, während Letztere zu Treue verpflichtet war – genau wie Tacitus’ Germanen in den Kapiteln 14 und 15.61 In ähnlicher Weise war das, was die Nürnberger Rassengesetze in Stein meißelten, letztlich eine Bearbeitung des frei flottierenden ethnografischen Klischees, das der römische Historiker aus griechischen Quellen übernommen und in Kapitel 4 auf die Germanen angewendet hatte. Infolgedessen betrachteten ideologisch gefestigte Leser der Germania die Gesetze zur »Judenfrage« als die »jüngste Bemühung« zur Wiederherstellung der rassischen Reinheit, von der Tacitus gesprochen hatte.62 Etwas Derartiges hatte es jedoch nie gegeben.
Die nationalsozialistische Sorge um das Blut (und das hieß um die Rasse) »wäre zum Tode verurteilt«, hieß es in einer von Himmler verfassten Propagandabroschüre, wenn sie »nicht unlösbar mit der Überzeugung vom Wert und von der Heiligkeit des Bodens verbunden wäre«.63 Zeitgenossen setzten den Nationalsozialismus einfach mit der Ideologie von »Blut und Boden« gleich, einem derart griffigen Schlagwort, dass Goebbels, dessen Feder beim Schreiben seines Tagebuchs im Mai 1942 wieder einmal von Zynismus troff, sie als »totgeritten« betrachtete. 64 Ihrer mystischen Verzierungen entkleidet, betonte sie einen Gegensatz zwischen Stadt und Land und pries Letzteres als den Sitz der Gesundheit, der Moral und Echtheit für die nordische Rasse.
Im Parteiapparat fiel die Verbreitung dieser Ideologie Richard Walther Darré zu, einem Propagandisten der Bauernschaft, der dafür eintrat, um der nordischen Rasse willen Menschen so zu züchten, wie man Hannoveraner züchtet. In Argentinien geboren, in Deutschland und England aufgewachsen und in vier Sprachen zu Hause, hatte er sich rasch zu einer Karriere in der Landwirtschaft entschlossen, zu der er sich berufen fühlte. Er verschlang große Mengen völkischer Literatur, ein Corpus, das er durch zwei Werke eigener Produktion bereicherte (Das Bauerntum als Lebensquell der Nordischen Rasse, 1929 erschienen, und Neuadel aus Blut und Boden, 1930 publiziert), wodurch er sich dann auch einen Namen machte. Als er 1930 Adolf Hitler begegnete, beeindruckte er ihn so sehr, dass man ihn nach München schickte, wo er sich am Aufbau der Agrarpolitischen Abteilung beteiligen und daran mitwirken sollte, deutsche Bauern für die NSDAP zu gewinnen. Schnell stieg er auf und sammelte Titel: Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft, Reichsbauernführer und Leiter des Rasse- und Siedlungshauptamts. Das letztgenannte Amt gehörte zur SS, und in dieser Eigenschaft war Darré, den Himmler ernannt hatte, für die Bewahrung der Reinheit der arischen Rasse und die Stärkung des nordischen Elements im deutschen Volk (»Aufnordung«) verantwortlich. Seine Aufgaben gingen noch darüber hinaus, er war auch zuständig für die Aneignung von »Lebensraum« und dessen Germanisierung.
Die Nationalsozialisten knüpften die Werte der nordischen Rasse an deren vermeintliche Verwurzelung in der Bauernschaft: Die ländlichen Gebiete erhielten sich selbst, Städte waren parasitisch. Mit dieser Stadtfeindlichkeit verband sich ein Kulturpessimismus : Die Moderne hatte das Leben des Bauern zerstört, das auf der dauernden Sorge um die Feldfrüchte aufbaute und an den jahreszeitlichen Rhythmus angepasst war. In diesem goldenen Licht betrachtet, stellte die Tätigkeit des Bauern eine Lebensweise dar, die durch Ausdauer, Ernsthaftigkeit und Verantwortung gekennzeichnet war und im Gegensatz zur entwurzelten Existenz des verweichlichten Stadtbewohners stand. Die germanische Sippe, so besagte die Lehre weiter, betrachtete ihr Land als ein Geschenk, das für künftige Generationen bewahrt werden musste. Es wurde dem Besten unter den Söhnen übereignet, nachdem er sich mit dem Schwert bewährt hatte. Zur Heirat suchte er sich sodann eine ebenso ausgezeichnete Frau. Die anderen Söhne waren jedoch häufig gezwungen, ihre bisherige Heimat zu verlassen und sich als plündernde Krieger über Wasser zu halten. Auf diese Weise erweckten sie bei außenstehenden Beobachtern wie Tacitus den Eindruck, dass die Germanen keine Bauern, sondern Nomaden seien. Unglücklicherweise hielt sich, so Darré weiter, diese falsche Auffassung von den Germanen im Volk immer noch. Um die Zahl der landwirtschaftlich tätigen Deutschen – die »Blutsbewegung im Volkskörper« und Quelle für die Verjüngung der nordischen Rasse – zu erhöhen, arbeitete Darré (bis 1938 gemeinsam mit Himmler) Pläne aus, wie der in den eroberten Ostgebieten außerhalb von Deutschland gewonnene Lebensraum von deutschstämmigen Bauern erschlossen werden sollte.65
Die Schilderung der bäuerlichen Tätigkeit bei den Germanen, die Tacitus liefert, ist, gelinde gesagt, ambivalent: Die tapfersten Kämpfer tun nichts und schieben Alltagspflichten einschließlich landwirtschaftlicher Arbeit auf die schwächeren Familienmitglieder – Frauen und Ältere – ab. Günther veredelte diese Trägheit zu heroischer Faulheit, eine Phase der Untätigkeit, in der sich der Held auf künftige Kämpfe konzentrierte. Mehrheitlich zogen es die nationalsozialistischen Leser ebenso wie viele ihrer Vorgänger seit den Tagen Justus Mösers vor, von den kritischen Passagen keine Notiz zu nehmen; sie erklärten kategorisch, die Germanen seien »[n] ach Tacitus ein edles, einheitlich bäuerliches Volk« gewesen.66 Ihre Bauernhöfe waren, so führte Darré aus, »eigentlich diejenigen Stellen …, wo der Volkskörper seine Wurzeln in den Heimatboden eindringen läßt«.67 Diese und ähnliche metaphorische Ausdrücke ließen sich mit der mythischen Eingeborenheit des germanischen Volkes verschmelzen, das letztlich von Tuisto, dem erdgeborenen Gott, abstammte, dessen Sohn Mannus die drei Urväter der germanischen Stämme zu Söhnen gehabt hatte.
Der Reichsbauernführer war mit dem Buch des Römers zwar bestens vertraut, schreckte aber davor zurück, diesen Mythos vom Ursprung der Germanen zu übernehmen. Viele andere hingegen hatten keine Hemmungen. So stellte beispielsweise Max Schlossarek, der Verfasser der Schrift Die Taciteische Germania als Künderin eines urdeutschen Heroismus, eine direkte Verbindung zwischen dem 2000 Jahre alten Text und der nationalsozialistischen Politik her: Er las den Mythos von Tuisto als Beweis dafür, dass »sich schon das Germanen- oder das deutsche Volk von Anfang an aus dem Boden seine Hauptkraft« geholt hatte, und erklärte, so werde »schließlich verständlich, daß in dem neuen Deutschland das Bauerntum, der ›Träger der Liebe zur Scholle‹, zur Hauptgrundlage der Volksgemeinschaft gemacht wird«.68 In gleichem Sinne äußerte sich in den 1930er-Jahren Julius Weisweiler, einer der vielen Übersetzer und Herausgeber der Germania, der die nationalsozialistische Doktrin schon in seinen Titel einarbeitete: Tacitus: Germania. Von Blut und Boden, Sitte und Brauch im germanischen Raum. Im Vorwort führte er dann aus: »Tacitus erkennt die Quellen der unversieglichen Kraft und des künftigen Herrschertums unserer Vorfahren … in der uralten Verwurzelung mit [sic] dem Heimatboden.« Und als Hans Naumann, der erste nationalsozialistische Rektor der Bonner Universität (1934), sein viel beachtetes »Glaubensbekenntnis« ablegte, hob er dabei seinen Glauben an »die Eingeborenheit der germanischen Rasse« hervor, die im Motto dieses Kapitels zitiert ist.69
Niemand glaubte inbrünstiger als Heinrich Himmler an die Überlegenheit der bäuerlichen Existenz, an den Vorrang der nordisch-germanischen Rasse und das dringende Bedürfnis nach »Aufnordung« sowie an eine künftige Größe, die auf germanischen Tugenden aufbaute. Mehr als jeder andere führende Nationalsozialist versuchte er auch, das in die Praxis umzusetzen, was er als bleicher gedankenverlorener 24-Jähriger in der Germania gefunden hatte.
Wenn alle untreu werden, so bleiben wir doch treu.
»Treuelied der SS«, ursprünglich verfasst von Max von Schenkendorf, 1814
Heinrich Luitpold Himmler las Tacitus im Herbst 1924 auf einer unruhigen Zugfahrt, als die Weimarer Republik unter dem mäßigenden Einfluss Gustav Stresemanns – erst als Reichskanzler, dann als Außenminister – gerade in ihre goldenen Jahre eingetreten war. Vor ihm lag noch ein weiter Weg, bis er zum Chef der SS und zu einem der mächtigsten und bösartigsten Männer im Nationalsozialismus wurde. Im bayerischen Landshut arbeitete er als persönlicher Assistent von Gregor Strasser, dem Leiter der Nationalsozialistischen Freiheitsbewegung und Landtagsabgeordneten. Der gescheiterte Staatsstreich, den Hitler im November 1923 in München unternommen hatte, der Bürgerbräu-Putsch, hatte die politische Landschaft verändert. In seiner offiziellen Eigenschaft war Strasser viel auf Reisen und bat Himmler, ihn zu Hause in Landshut zu vertreten. Der künftige Reichsführer, eine arbeitslose »verhungerte Spitzmaus«, stürzte sich in seine neuen Pflichten, angetrieben mehr von der Aussicht, seine völkischen Ideale propagieren zu können, als von der mageren Bezahlung, die er erhielt.70 Auf seinem Motorrad sauste er von einem Bauernhof zum anderen. Nachts legte er sich über der Drogerie seines Arbeitgebers zum Schlafen nieder, in kühler Distanz zu seiner Familie und früheren Freunden, die seine Aktivitäten in der politischen Randzone missbilligten. Ihm blieb kaum ein anderer Trost als seine Träume von einer großdeutschen Zukunft, errichtet auf den Fundamenten einer großgermanischen Vergangenheit.
Die Vergangenheit war in Himmlers Zuhause ständig präsent gewesen. Sein Vater Gebhard war Oberstudiendirektor und unterrichtete alte Sprachen; mit seinem Katzbuckeln vor den Angehörigen der Oberschicht erntete er bei seinen Schülern heimlichen Spott. Wie der Aristokrat, der er gern gewesen wäre, richtete sich Himmler senior ein »Ahnenzimmer« ein. Wenn er inmitten von Besitzstücken der Familie seine Abende mit Geschichtsstudium verbrachte, sah ihm sein Sohn oftmals zu – niemals glücklicher als im Dämmerlicht seiner historischen Fantasien. Der Träumer Heinrich war aber auch ein Pedant. Er führte Tagebuch, legte seine Korrespondenz ab und stellte eine akribisch kommentierte Bücherliste mit etwa 270 Titeln zusammen, auf der er seine Lektüre vom September 1919 bis zum Februar 1927 verzeichnete. Diese autobiografischen Quellen umfassen den größten Teil seiner Entwicklungsjahre und lassen den angehenden Nationalsozialisten erkennen. In rasch immer zahlreicher werdenden und zunehmend feindseligen Kommentaren zu Juden – »jüdischen Aasgeiern« – trat Himmlers sich verfestigender Antisemitismus zutage.71 Er verabscheute das dekadente Stadtleben und sehnte sich nach der einfachen Existenz eines Bauern. In einem Brief vertraute er einem Freund an: »Ich bin selbst Bauer, und wenn ich auch keinen Hof habe.«72 Voller Begeisterung las er Schriften über die nordische Rasse und die germanische Vergangenheit. Was er empfand, wird besonders deutlich in seinen Kommentaren zum Text des Tacitus, der Nummer 218 auf seiner Bücherliste.
Himmler hatte sich ein Exemplar von Freunden geliehen. Als sein Zug am 24. September 1924 Landshut verließ, verlor er sich in dem »herrliche[n] Bild, wie hoch, sittenrein und erhaben unsere Vorfahren waren«.73 In Händen hielt er ein Quellenwerk der völkischen Bewegung, in der er aufgewachsen war, und es bestätigte, was er glaubte, insofern es eben seine Überzeugungen geprägt hatte. Sein bleiernes Gesicht war immer noch von seltener Aufregung gerötet, als er sein Gelübde in seine Bücherliste eintrug: »So sollen wir wieder werden oder wenigstens Teile von uns.« Zehn Jahre später sollte die SS diese »Teile« darstellen.
Hitler ernannte Himmler am 6. Januar 1929 zum Reichsführer SS. Unter seiner Leitung entwickelte sich die Organisation aus einem Trupp von 270 zusammengewürfelten Lümmeln zu einem durchorganisierten Terrorapparat, der 1933 etwa 50 000 Mitglieder zählte. Wie es in der offiziellen Propaganda hieß, läutete er eine neue Ära ein, und plötzlich verfügte er über die Macht, um die Wirklichkeit zu gestalten. Ein Teil Himmlers war nie aus dem Ahnenzimmer seines Vaters herausgetreten: Er bezeichnete sich gern als Germanen und sah seine SS, die Hitler ursprünglich als seine persönliche Leibwache gegründet hatte, als Speerspitze des Großgermanischen Reiches. Himmlers Rivalen im Kampf um die Macht, der Luftwaffenbefehlshaber Hermann Göring und der Propagandaminister Joseph Goebbels, waren von nordischer Ideologie nicht besonders begeistert, und Adolf Hitler selbst sah sich gezwungen, die germanische Tendenz zu zügeln, wie die Änderung des Titels von Mein Kampf erkennen ließ. In der nationalsozialistischen Führungsriege machthungriger Opportunisten war Himmler der echte Gläubige, dem sich nur sein zeitweiliger Rivale Rosenberg anschloss, der zwar prominent wurde, aber keine Macht erlangte. Ungerührt ging der Reichsführer langsam und stetig seinen ideologischen Weg: Seine SS sollte »eine Basis … schaffen, damit die nächste Generation Geschichte machen kann«.74 In ihren von der Firma Hugo Boss hergestellten faschistischen Uniformen präsentierte sie sich als Elite. SS-Bewerber mussten rassisch rein sein und Treue, Kameradschaft, Ehre, Freiheitswillen und Gehorsam schwören – mit Ausnahme des Letztgenannten alles Dinge, die Tacitus verherrlicht hatte und die man seit den Tagen von Jacob Wimpfelings Epitome für die deutschen Vorfahren reklamiert hatte.

13. Heinrich Himmler (1900–1945); Foto um 1931/32.
Die Organisation Himmlers verfolgte die Auswahl und die Züchtung einer reinen nordischen Rasse als ihre »erste Richtlinie«. 75 Da die »hohe Gestalt«, die Tacitus als Besonderheit angeführt hatte, eine nordische Eigenschaft war, mussten SS-Angehörige mindestens 1,75 Meter groß sein. Ihre nordische Herkunft sollte auch an ihrer hellen Haut und ihren flachsfarbenen Haaren zu erkennen sein. Mit charakteristischer Distanziertheit verglich sich der Reichsführer mit dem obersten Saatzüchter der Nation, »der eine alte gute Sorte, die vermischt und abgebaut ist, wieder rein züchten soll« (Hervorhebung Christopher B. Krebs). Im Namen solcher Reinheit gründete er bereits 1936 den »Lebensborn«. Diese Institution bot schwangeren Frauen unabhängig von ihrer persönlichen Situation Unterkunft und Versorgung. Sie mussten jedoch die Elitekriterien der SS erfüllen, da ihre Kinder deren künftige Reihen auffüllen sollten. In seinem Bemühen um die Förderung der nordischen Rasse ließ Himmler unter der Hand verlauten, alleinstehende Frauen, die sich eine Empfängnis wünschten, könnten in völliger Vertraulichkeit damit rechnen, dass man ihnen passende Väter verschaffen werde. In ähnlicher Weise verfolgte er später die Absicht, die Bigamie (»Doppelehe«) als besondere Auszeichnung für hervorragende SS-Männer und Kriegshelden einzuführen (genau wie Tacitus berichtete, dass die germanischen Stämme Männer in gehobenen gesellschaftlichen Stellungen von der Monogamie ausnahmen: Der Grund dafür war nicht Leidenschaft, sondern Macht).76 Für blonde blauäugige Schönheiten mit beträchtlicher intellektueller Begabung hatte der Reichsführer ebenfalls eine besondere Auszeichnung parat: Sie sollten an einer »Frauenhochschule für Weisheit und Kultur« in mehreren Sprachen sowie in Konversationskünsten, Debattieren und Schach ausgebildet werden. Später sollten diese »Hohen Frauen« hochrangige SS-Angehörige heiraten und als Beraterinnen in nationalen Angelegenheiten sowie als Diplomatinnen auf internationaler Bühne fungieren. Im Gespräch mit einem ungläubigen Dr. Felix Kersten, Himmlers Physiotherapeuten und Vertrauten, fügte er hinzu, das Ideal, das ihm vorschwebe, sei – neben den römischen Vestalinnen – die germanische weise Frau. Denn »heilig war den Germanen die Frau«, murmelte er bei anderer Gelegenheit und wiederholte damit eine Aussage, die in Texten nationalsozialistischer Färbung oftmals mithilfe von Tacitus untermauert wurde.77
Margarete Boden, Himmlers mütterliche Ehefrau, mit der er eine Tochter hatte, hatte die Aufmerksamkeit ihres »bösen Lieblings« durch ihr blondes Haar und ihre blauen Augen erregt.78 Das »kleine Häschen«, wie er und andere seine langjährige Geliebte Hedwig Potthast (die ihm zwei Kinder gebar) nannten, sah ebenfalls nordisch aus, war aber schlanker. Der Reichsführer selbst hatte zu seinem unsäglichen Kummer kein solches Glück. Mit einer Größe von 1,80 Meter entsprach er zwar dem selbstgesetzten Größenkriterium der SS, aber so dunkelhaarig, kurzsichtig und flachbrüstig wie er war, stellte er das Gegenbild zu seinem nordischen Ideal dar. »[W]enn ich so aussehen würde wie Himmler«, gab Albert Forster, der Gauleiter von Danzig-Westpreußen, 1943 bei einer internen Untersuchung zu Protokoll, »würde ich von Rasse überhaupt nicht sprechen«.79 Doch der Reichsführer brüstete sich nicht nur mit germanischem Aussehen, sondern auch mit germanischen Tugenden, und dies umso mehr, als er insgeheim wusste, dass er weder das eine noch die anderen besaß.
Da die nordische Seele in Günthers Lehre eine große Rolle spielte, verfügte Himmler, dass sie die nordischen Körper seiner Männer erfüllen sollte. Als Teil ihrer bedrohlichen Uniform trugen sie einen Gürtel, auf dessen Koppelschloss der Spruch »Meine Ehre heißt Treue« eingraviert war. Nach einem Erlass vom 9. November 1935 sollten SS-Männer ihre Laufbahn im Alter von 18 Jahren antreten. Bis dahin sollten sie Mitglieder der Hitlerjugend gewesen sein, wo man sie mit solchen Propagandahandbüchern wie Gefolgschaft – Der germanische Kampfbund indoktriniert hatte. Die letztgenannte Sammlung von Auszügen aus Werken verschiedener Verfasser sollte »aus alten Quellen Kunde [geben] von der Lebensgestaltung und sittlichen Stärke unserer Vorfahren«, und als Motto trug sie ein Tacitus-Zitat: »Denn nichts bringt mehr Ehre, nichts mehr Macht als stets von einer zahlreichen Schar auserlesener Jünglinge umgeben zu sein.«80
Gegen Ende des Handbuchs lernten die jugendlichen Leser mithilfe von zwei Abschnitten aus dem höchst gefährlichen Buch des Tacitus, die im Nazijargon wiedergegeben waren und in denen dunkel der Führerkult anklang, etwas über die »Waffenehre und Tapferkeit der Gefolgschaft«. Sobald der junge Germane, so heißt es in dem Auszug, von seiner Gemeinde für »waffenfähig« erachtet wurde, erhielt er von ihr in einer feierlichen Zeremonie einen Schild und einen Speer und wurde so zu einem vollwertigen Glied des »Gemeinwesens«. 2000 Jahre später trat der jugendliche Nationalsozialist in die SS ein, nachdem er in einer Zeremonie einen Dolch empfangen hatte. Obgleich dieser Übergangsritus von der mittelalterlichen Ritterkultur übernommen war, nahm die Hitlerjugend gewiss die altehrwürdige germanische Tradition wahr, die dahinter stand. Und die Parallelen reichten noch weiter. Frisch mit Waffen versehen, schloss sich der germanische Vorfahr der Gefolgschaft des »Gaufürsten« an, wie das neutrale lateinische princeps in dem Auszug wiedergegeben wurde. Mit seinen Kameraden wetteiferte er um den Ehrenplatz an der Seite »seines Führers« (wie princeps nunmehr übersetzt wird), dem die Schar auserlesener Jünglinge in Zeiten des Krieges wie des Friedens Macht und Prestige verlieh. Während dieser germanische Führer für den Sieg kämpfte, fochten seine Gefolgsleute für ihn. Ihn zu überleben bedeutete Schimpf und Schande. In dem Glauben, dass ihre Stimmen durch die Zeiten hindurch erklangen und durch die ihrer Vorväter verstärkt wurden, verpflichteten sich Männer beim Eintritt in Himmlers SS mit folgenden Worten: »Wir schwören Dir, Adolf Hitler, Treue und Tapferkeit. Wir geloben Dir und den von Dir bestimmten Vorgesetzten Gehorsam bis in den Tod, so wahr uns Gott helfe.«81
Genau wie ihre germanischen Vorväter sich in körperlicher Geschicklichkeit geübt hatten – die in Schwerttänzen zum Ausdruck kam und in der Gewohnheit der Infanterie, gemeinsam mit der Kavallerie zu marschieren –, hieß es nun: »Das Kampfspiel und die körperliche Ertüchtigung sind und werden für alle Zeiten für die gesamte SS, für den Orden der gesamten SS, immer die Ausmerze und Auslese bedeuten müssen.«82 Die SS-Männer sollten bestrebt sein, solcher Stärke und Ausdauer nachzueifern, und auch für die Bewahrung zweier weiterer germanischer Eigenschaften sorgen: Freiheitswille und Kampf-geist. 83 Jahr für Jahr mussten sie sich ein Leistungsabzeichen verdienen. Der Reichsführer selbst war nicht mit körperlicher Tüchtigkeit gesegnet. Auf Bildern erscheint ein Himmler in Sportkleidung, blass, aufgedunsen und übergewichtig, von Athleten umgeben wie ein dicklicher Zwerg inmitten von Männern. Unerschrocken trainierte er privat, mehr ermutigt als überwacht von seinem persönlichen Assistenten Karl Wolff. Monatelang übte er eine Stunde pro Tag, gehetzt von der höhnischen Erinnerung an seinen Turnlehrer Karl Haggenmüller. Als er schließlich wagte, sich testen zu lassen, hielt sein Untergebener Wolff die Stoppuhr. Himmler, der Germane, bestand die Prüfung.84

14. Taciteisches Motto aus einem Handbuch der Hitlerjugend.
Der germanische Freiheitswille, den Himmler und seine Männer auf der Aschenbahn trainierten, wurde von nationalsozialistischen Schriftstellern meist mit einem unterstützenden Verweis auf Tacitus gepriesen. Doch er passte nicht recht zu dem unbedingten Gehorsam, den die Ideologie ebenfalls forderte. Tacitus selbst hatte die Nachteile der germanischen Unabhängigkeit erkannt: Krieger verspäteten sich bei Versammlungen, manchmal um einen oder zwei Tage; sie brauchten Vorschriften, um Frieden zwischen den Sippen zu halten; und oft bekriegten sie sich gegenseitig, anstatt gegen die Römer zu kämpfen. Ungezügelte Unabhängigkeit führte zu Zersplitterung. Sie dienten als Söldner und sorgten so für den Sieg eines Feindes und die Niederlage eines anderen germanischen Stammes. Bereits im 16. Jahrhundert zweifelte Heinrich Bebel nicht daran, dass die Germanen keinem anderen als anderen, abgefallenen Germanen wichen. Himmler erklärte das nun zu einer fraglosen rassischen Wahrheit: »Gefährlich in der Geschichte … kann uns immer nur unser eigenes Blut werden.«85 Er bezeichnete sodann den Freiheitswillen als eine hohe Tugend, die aber einen gefährlichen Mangel enthalte, und deutete 2000 Jahre deutscher Geschichte als einen holprigen »Weg zum Gehorsam«; dieser fand sein letztes Ziel im Führer. Indem er sich in die dünne Luft des Widerspruchs fortreißen ließ, verlangte er, »diese Kräfte in einem aus Blut, Ehre und Freiheitswillen entspringenden freiwilligen und desto mehr verpflichtenden Gehorsam« zu bändigen. Absolute Freiheit drückte sich in unbedingtem Gehorsam aus: Der alte Plauderer hatte wieder einmal seiner Neigung nachgegeben.
Als junger Mann warf Himmler sich häufig vor, er sei ein »elender Schwätzer«.86 In seinem Amt plauderte er weiter – nunmehr ohne Rücksicht auf Verluste. In Geheimreden an seine SS-Stellvertreter ließ er unter Einsatz einer Rhetorik der Wiederholung, der Abschweifung in Anekdoten und der plumpen Vertraulichkeit seine Plattitüden vom Stapel: Ehre, Geschichte, der Führer und Kameradschaft. Mit beiläufiger Brutalität äußerte er sich auch zu Mängeln in seiner Organisation. Bei einem derartigen Anlass gestand er (im vertrauten Kreis von Gleichgesinnten), mit Homosexuellen so umzugehen, wie das ihre germanischen Vorväter getan hätten – sie voll bekleidet im Sumpf zu versenken –, komme leider nicht mehr infrage. Als Ersatz für diese alte Praktik (die von Tacitus beschrieben und von Günther erörtert worden war) beabsichtigte er, die schuldigen SS-Männer bei einem vorgetäuschten Fluchtversuch erschießen zu lassen. Im Jahr 1941 muss er den Eindruck gehabt haben, dies sei genehmigt, als Hitler für homosexuelle Kontakte zwischen Angehörigen der SS und der Polizei die Todesstrafe verfügte.87 Wie beim Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre und dem Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit griff die nationalsozialistische Gesetzgebung auch hier auf die angebliche germanische Vergangenheit zurück, wie sie sich im Text des Tacitus und häufiger noch zwischen dessen Zeilen fand.
Als Himmler erfuhr, dass in Italien ein altes Manuskript der Germania existierte, befahl er einer Abteilung der SS, dem Ahnenerbe, sich der Sache anzunehmen. Der Begriff »Ahnenerbe« kam aus der völkischen Bewegung und hatte sich im nationalsozialistischen Sprachgebrauch eingebürgert. Im Jahr 1935 gründeten Himmler, Darré und Herman Wirth – Letzterer für manche ein erleuchteter Prähistoriker, für die meisten allerdings ein unbedarfter Spinner – die Forschungs- und Lehrgemeinschaft »Das Ahnenerbe«, die dann, nachdem sie ihren Namen und ihre Größe geändert hatte, 1939 in der aufgeblähten Organisation der SS aufging. In »seinen geistigen Bestrebungen und seinem geistigen Ringen« suchte dieser Verein, arisch-germanische Errungenschaften längst vergangener Zeiten dem Vergessen zu entreißen. Überwiegend sammelten sich unter seiner Fahne Nationalsozialisten zu ideologisch motivierten Angriffen auf Natur- und Geisteswissenschaften. 88 Scharlatane arbeiteten Seite an Seite mit geachteten Wissenschaftlern auf Expeditionen in ferne Länder: nach Schweden auf der Suche nach Belegen für ein prähistorisches nordisches Alphabet; in den Nahen Osten zur Erhärtung der Theorie, dass im Römischen Reich die nordische Rasse in einer Auseinandersetzung mit der semitischen Rasse um die Vorherrschaft gestanden habe; und in den Himalaja, um Günthers Hypothese einer Eroberung des Ostens durch die Arier zu beweisen. Resultate und Entdeckungen veröffentlichte man in Germanien, der Monatszeitschrift der Organisation; umfangreichere Studien erschienen in gesonderten Schriftenreihen. Das Motto stammte von dem Präsidenten der Organisation: »Ein Volk lebt so lange glücklich in Gegenwart und Zukunft, als es sich seiner Vergangenheit und der Größe seiner Ahnen bewußt ist.« Die maßgeblichen Worte Himmlers begrüßten auch die Leser, die 1943 die Studie Handschriftliche Untersuchungen zu Tacitus Agricola und Germania: Mit einer Photokopie des Codex Aesinas aufschlugen.
Der Codex Aesinas war in Jesi, einer mittelalterlichen Stadt am Fluss Esino in den Marken, knapp 40 Kilometer westlich der Adriaküste, in Gegenwart von Cesare Annibaldi, einem Priester, Philologen und Lehrer am dortigen Liceo Ginnasio, von Marco Vattasso wiederentdeckt worden. Am 29. September 1901 überquerten sie die Piazza Federico Secondo und begaben sich zum angrenzenden Palazzo Balleani mit seinem Marmorbalkon, der, von vier Telamonen getragen, auch heute noch die weiße Fassade im einheimischen Barockstil beherrscht. Durch Flügeltüren in schweren marmornen Rahmen schritten sie über vielfarbige Fliesen, die seit dem frühen 18. Jahrhundert durch Generationen von Stiefeln abgetreten worden waren. Unter weißen, mit goldenem Stuck verzierten Deckengewölben durchquerten sie das Gebäude, bis sie die Privatbibliothek von Graf Baldeschi-Balleani erreichten. Dort fanden sie neben anderen kostbaren Objekten eine längst vergessene Sammelhandschrift aus dem 15. Jahrhundert. Sie umfasste drei Werke: den Dictys Cretensis, eine Chronik des Trojanischen Krieges, die sich als lateinische Übersetzung eines griechischen Originals ausgab, Tacitus’ Agricola und schließlich den Text, der mit den Worten De origine et moribus Germanorum in roten und schwarzen Großbuchstaben beginnt.
Annibaldi bemerkte, dass mehrere Blätter der ersten beiden Werke in karolingischer Minuskel aus dem 9. Jahrhundert geschrieben waren, während die anderen Blätter und die gesamte Germania offenbar in einer humanistischen Handschrift gehalten waren. In der Veröffentlichung dieses sensationellen Fundes behauptete er dann, der karolingische Teil des Agricola habe einst zum berühmten Codex Hersfeldensis gehört, den Enoch von Ascoli 1455 nach Rom gebracht hatte. Als Enoch bei dem Versuch, seine schwer errungene Entdeckung zu Geld zu machen, auf Schwierigkeiten stieß, teilte er die kostbaren Pergamente auf, um die Texte einzeln zu verkaufen. Nach Enochs Tod im Jahr 1457 verschaffte sich Stefano Guarnieri irgendwie einen Teil des berühmten Manuskripts, ergänzte Lücken und fügte eine Fassung der Germania, die er selbst (wahrscheinlich direkt vom Codex Hersfeldensis) abgeschrieben hatte, hinzu. Guarnieri entstammte einer vornehmen Familie in Osimo (etwa 25 Kilometer östlich von Jesi), er war Jurist, Diplomat und Kanzler von Perugia. Er und sein Bruder hatten eine humanistische Bildung genossen, und in späteren Jahren sammelten sie Manuskripte, schrieben sie sorgfältig ab und trugen so eine wohlsortierte Privatbibliothek zusammen. Sie blieb in der Familie, bis Sperandia Guarnieri, die letzte Nachfahrin, 1793 Gaetano Balleani heiratete. Das Paar ließ sich in dem Palazzo in Jesi nieder, der sodann auch die Bibliothek Stefano Guarnieris, des Vorfahren der Ehefrau, beherbergte. Dort fand Annibaldi über 100 Jahre später den Codex (dem er den Namen Aesinas gab) und verschaffte ihm öffentliche Aufmerksamkeit.
Die überraschende Veröffentlichung der ältesten erhaltenen Abschrift des angeblichen Urtextes der Deutschen weckte Begeisterung. Es folgten Pilgerfahrten nach Italien. Führende Nationalsozialisten wollten sich jedoch nicht mit einem bloßen Blick begnügen (und das nicht deshalb, weil das Manuskript für jemanden, der kein außerordentlich versierter Paläograf war, nicht zu entziffern war). 1936, im Jahr der Olympischen Spiele in Berlin, wandte sich Adolf Hitler persönlich an Benito Mussolini, der bereitwillig seine Zustimmung erklärte, den Codex Aesinas den Nachfahren der Germanen zurückzuerstatten. Doch zu einem Besitzerwechsel kam es nicht; vielmehr besann sich Mussolini anders. Einige Nationalsozialisten begaben sich selbst zu den Baldeschi-Balleanis oder schickten italienische Mittelsmänner zu ihnen. Einmal besuchten zwei anonyme Abgesandte aus Rom den Palazzo in Osimo und boten im Auftrag nicht genannter Deutscher Geld. »Obgleich [der Codex] im selben Raum, in eine alte Zeitung gewickelt, auf dem Tisch lag, bestritt [Gräfin Baldeschi-Balleani] jede Kenntnis von ihm und erklärte, in Abwesenheit ihres Gatten könne sie keine Auskunft geben.«89 Die beiden gingen, kamen wieder, ohne Erfolg.
Rudolf Till hatte mehr Glück. Nachdem er im Februar 1938 zum »Ahnenerbe« gekommen war und kurz darauf (möglicherweise infolge einer direkten Intervention Himmlers) zum ordentlichen Professor an der Universität München ernannt worden war, leitete er die Forschungsstätte für klassische Philologie und Altertumswissenschaften, welche die Aufgabe hatte, Untersuchungen über die indogermanischen und arischen Aspekte Italiens und Griechenlands anzustellen.90 Als Graf Baldeschi-Balleani den Ermahnungen des italienischen Unterrichtsministers Giuseppe Bottai und des deutschen Botschafters in Rom, SS-Gruppenführers Hans-Georg von Mackensen, nachgab, erhielt Till die Genehmigung, in den Monaten vor Kriegsausbruch den Codex zu studieren. Man hatte das Manuskript nach Rom gebracht, wo es vom Istituto di patologia del libro fotografiert wurde. 1943 veröffentlichte Rudolf Till, damals bei der Wehrmacht, als ersten Band der Reihe »Ahnenerbe« ein Faksimile des Textes zusammen mit den Ergebnissen seiner paläografischen Untersuchungen. In seinem Vorwort spricht er den größten Dank dem Präsidenten der Institution aus, von dem »die entscheidende Anregung und immer wieder erneute, durchgreifende Unterstützung« gekommen seien. Kein Leser wäre auf den Gedanken gekommen, dass Rudolf Till Himmler überhaupt nicht hatte danken wollen (aus unbekannten Gründen). Aus dem Briefwechsel zwischen dem Verlag des »Ahnenerbes« und Wolfram Sievers, dem Reichsgeschäftsführer der Institution, geht jedoch hervor, dass Till ihn in der ursprünglichen Fassung seines Vorworts nicht erwähnt hatte. Es war Sievers, der darauf bestand, dem Reichsführer zu danken, »denn er ist es ja gewesen, der die Aufmerksamkeit des Ahnenerbes überhaupt erst auf den Codex Aesinas gelenkt hat«.91
Himmler wartete auf eine Gelegenheit, sein begehrtes Manuskript doch noch zu erlangen. Als Mussolini im Sommer 1943 zum Rücktritt gezwungen wurde, da die Alliierten mit ihrer Operation Husky Sizilien besetzt und erfolgreich mit der Invasion des festländischen Italien begonnen hatten, sah er inmitten des Chaos seine Chance. Er schickte SS-Männer zur Villa Fontedamo, wo sie ihre Suchaktion veranstalteten. Doch sie hatten keinen Erfolg. Der gesuchte Codex blieb unerreichbar und der Reichsführer konnte nicht mehr in Händen halten als das Faksimile.
Nicht genug kann ich mich über jene übereifrigen Lobredner der Germanen wundern, die Germanien strahlende Siege [anderer Völker] zuzuschreiben suchen.
Beatus Rhenanus, 1531 (gekürzt)
Dem Wasser gelang, wozu Heinrich Himmlers SS-Männer nicht in der Lage gewesen waren: Es fand den Codex Aesinas. Nach dem Zweiten Weltkrieg deponierte Graf Aurelio Baldeschi Guglielmi Balleani den Codex in einem Safe beim Banco di Sicilia in Florenz. Als der Arno im November 1966 über die Ufer trat und die Stadt mit größeren Wassermassen überschwemmte als je zuvor seit der Mitte des 16. Jahrhunderts, war der Codex einer der zahlreichen Kunstgegenstände, die Schaden nahmen. Man brachte ihn in das in der Nähe von Rom gelegene Kloster Santa Maria di Grottaferrata (auch Abbazia di San Nilo genannt), wo Mönche Löschpapier zwischen die Blätter legten. Die Operation glückte. Das kostbare Stück war zwar beschädigt, aber nicht zerstört, und man brachte es wieder nach Florenz.
Selbst in diesem teilweise entstellten Zustand zog der Codex immer noch die Aufmerksamkeit auf sich. Interesse am Ankauf des Manuskripts zeigte nicht nur die Bibliothek in Wolfenbüttel, in der Justus Georg Schottelius mehrere Jahrhunderte zuvor gearbeitet hatte, sondern es wurde auch jenseits des Atlantiks bekundet. Mason Hammond, ein Professor für klassische Philologie, der an der Harvard Universität lehrte, berichtet in einem Brief an den damaligen Vorsitzenden des Departments, wie er Graf Baldeschi-Balleani im Spätsommer 1979 zu einem Essen getroffen hatte. Im Lauf des Gesprächs gewann Hammond den Eindruck, der Graf erwäge, einen Teil seiner Besitztümer zu Geld zu machen, und der Universität könnte es vielleicht gelingen, sich den historischen Codex zu verschaffen. Diese Transaktion kam allerdings nie zustande, was letztlich kaum nennenswerte Folgen hatte, da die Widener Library der Harvard Universität bereits Fotografien des Manuskripts besaß (denen eine Kopie von Hammonds Brief beigefügt war). Doch das Pergament war eine Last: Die Baldeschi-Balleanis verfügten nicht über die technischen Mittel zur angemessenen Lagerung und die Einsichtnahme durch interessierte Forscher bereitete allen Beteiligten Ungelegenheiten. Nach dem Tod des Grafen beschloss die Familie, das Manuskript dem italienischen Staat zu übereignen. Seit 1992 liegt es in der Biblioteca Nazionale in Rom, wo es jetzt als Codex Vittorio Emanuele 1631 katalogisiert ist. Vor nicht allzu langer Zeit, im Sommer 2009, kam es als Leihgabe nach Detmold, wo man den 2000. Jahrestag von Arminius’ Sieg über die römischen Legionen des Varus wenn auch nicht feierte, so doch mit einer Ausstellung beging.1
Die metallene Stille des Safes im Banco di Sicilia symbolisiert vielleicht die plötzliche Stille, die sich nach dem Zusammenbruch des nationalsozialistischen Regimes 1945 über den Text des Tacitus legte. Nach Jahrzehnten herausragender Bedeutung in völkischen und nationalsozialistischen Bearbeitungen innerhalb und insbesondere außerhalb der akademischen Sphäre verschwand die Germania aus der Populärkultur und fand nur noch äußerst sporadisch Erwähnung in wissenschaftlichen Zeitschriften. Als sich Altphilologen zögernd und tastend wieder der einzigen erhaltenen ethnografischen Monografie der Antike zuwandten, mussten sie sie aus dem Schutt der Ideologie bergen, nicht als verehrungswürdige Gründungsurkunde des deutschen Volkes und auch nicht als ethischen oder rassischen Führer in eine bessere Zukunft, sondern als Gegenstand philologischer und historischer Untersuchungen. Sie entwickelten zunehmendes Interesse daran, die Germania als Produkt ihrer Kultur und ihrer Zeit zu verstehen: herauszufinden, was sie über das Lateinische im Allgemeinen und über den Stil des Tacitus im Besonderen verriet, ob der überlieferte Text an der einen oder anderen Stelle verderbt sein könnte, welches Licht er möglicherweise auf die Einstellungen der Römer zu fremden Völkern warf und in welchem Verhältnis seine Informationen zu anderen historischen und archäologischen Quellen standen. Dieser nüchterne, wissenschaftliche Ansatz, den man seit den 1980er-Jahren mit Gewinn verfolgt und der zu einer neuen, weitgehend ideologiefreien Würdigung des taciteischen Textes geführt hat (wie das Erscheinen dreier gründlicher Kommentare innerhalb von zehn Jahren zeigt), schätzt Umsicht mehr als Enthusiasmus. Ein solcher Ansatz entwickelte sich nach 1945 jedoch nicht aus dem Nichts. In Wirklichkeit hatte er schon beinahe seit Mitte des 15. Jahrhunderts, als der Codex Hersfeldensis wiederentdeckt wurde, neben dem ideologischen Ansatz existiert.
Beatus Rhenanus, ein Freund des Erasmus von Rotterdam, verbrachte sein Leben (1485–1547) damit, seine Studien zu betreiben. Zeitgenossen kommentierten seine Hingabe mit einem Wortspiel: Sie erklärten, Beatus (der lateinische Name bedeutet »glücklich«) sei beatus – zumindest für sich allein. Geboren in Schlettstadt im Elsass und gründlich in den klassischen Sprachen ausgebildet, verfügte er schon bald über ein scharfsinniges philologisches Verständnis für lateinische wie griechische Werke sowie über historische Kenntnisse, die ihn dazu befähigten, zur ersten Standardausgabe der Werke des Tacitus im Spätsommer 1519 beizutragen. In diesem Jahr hatte er die Germania bereits separat veröffentlicht, begleitet von einem kurzen Kommentar über »die alten Völkernamen in Germanien«. Dies war der erste Kommentar, der in deutschsprachigen Ländern erschien.2
Während seine Zeitgenossen die Germania wegen der Dinge studierten, die sie ihnen möglicherweise über ihre Gegenwart und die Aussicht auf eine bessere Zukunft erzählte, interessierte sich Rhenanus für das Werk als Dokument der Vergangenheit. In dieser frühen Phase der Rezeption der Germania steht er abseits von seinen humanistischen Zeitgenossen, von denen die meisten den Wunsch hatten, Tacitus möge die Großartigkeit ihrer Vergangenheit bestätigen und als Kronzeuge für ihre panegyrischen und pädagogischen Geschichtsdarstellungen dienen. Auch Rhenanus war nicht frei von patriotischer Leidenschaft, aber trotz gelegentlicher Ausflüge in diese Richtung lehnte er es ab, seine Gewissenhaftigkeit als Forscher seinem Patriotismus unterzuordnen. Philologisch streng und historisch umsichtig konzentrierte er sich darauf, Tacitus’ eigene Worte wiederherzustellen; herauszufinden, was er geschrieben hatte und was er gemeint hatte. So heißt es bei Tacitus beispielsweise : »Kaum jemand – vielleicht einer oder zwei – hat einen Metallhelm oder einen Lederhelm [cassis aut galeae].« Im überlieferten lateinischen Text des Manuskripts stehen die beiden Helme in unterschiedlicher Zahl: der erste im Singular (cassis), der zweite im Plural (galeae). Rhenanus stieß sich an dieser Diskrepanz. Er zweifelte nicht, »dass es galea sein müsse«, also die Singularform, und dass »das darauffolgende Wort, das mit dem Buchstaben e anfängt«, den Anlass zu dem Fehler gegeben hatte. Die nachfolgenden Ausführungen des Tacitus zu Pferden (equi) hatten den Schreiber, der diese Abschrift der Germania erstellte, dazu veranlasst, den Buchstaben e zweimal zu schreiben (ein gängiger Schreibfehler, den man als Dittografie bezeichnet).3 Das Motiv, das Rhenanus für diese Korrektur hat, ist ein ganz anderes als das des Celtis, dessen Herumpfuschen am Text dazu führte, dass die germanischen Menschenopfer verschwanden.
Diese Strenge bewies Rhenanus auch beim Studium antiker historischer Informationen. Man sollte die Vergangenheit, so meinte er, aus sich selbst heraus verstehen: »Es lässt sich nicht sagen, von wie großen Veränderungen Reiche und Völker [von damals bis heute] betroffen sind … Erwäge immer wieder [die folgenden Fragen]: zu welcher Zeit ist das geschrieben worden, was du liest, von wem und über welche Dinge; [erst] dann vergleiche das Neue mit dem Alten.«4 Mit anderen Worten, man sollte die Germania des Tacitus nicht umstandslos auf die Gegenwart beziehen. Die Mahnung, die Rhenanus ausspricht, steht in deutlichem Kontrast zu den Worten Johann Eberlins von Günzburg, der bei seiner Tacitusübersetzung den Kommentar von Beatus Rhenanus verwendete. Er forderte seine Leser ebenfalls zu besonderer Aufmerksamkeit auf und fügte sogar hier und da ein »Merke« in den Text ein, vor allem aber deshalb, um auf den zeitgenössischen Bezug hinzuweisen. Die alten Deutschen, schreibt Tacitus, lassen sich Zeit, wenn es darum geht, sich zu einer Versammlung einzufinden, und das veranlasst Eberlin zu einem »Merke«: Zu seiner Zeit war es beim Reichstag ganz genauso.
Die Vergangenheit war in der Tat ein anderes Land: Während die Mehrzahl seiner Zeitgenossen an – tatsächlichen und gesuchten – Ähnlichkeiten zwischen ihrer Gegenwart und der Vergangenheit interessiert war, konzentrierte sich Rhenanus auf die Unterschiede. In seinem 1531 erschienenen dreibändigen Werk Rerum Germanicarum führte er diesen Gedanken an sein natürliches Ziel. Er trennte das antike Germanien (Germania vetus) vom zeitgenössischen Deutschland. Er verwarf die im Motto dieses Abschnitts kritisierte Praxis, den Germanen (deren Taten, so fügte er in einer Anwandlung von Stolz hinzu, solcher Tricks nicht bedurften) fremde Leistungen zuzuschreiben. Und was am dramatischsten war, er zog sogar die unkritische Auffassung in Zweifel, man könne die Bevölkerung einer bestimmten Region als die Nachfahren eines von Julius Caesar und Tacitus erwähnten Stammes ansehen. »Wenn jemand das, was Tacitus … über die Sueven schreibt, denen zuschreiben will, die wir heute Schwaben nennen, dann irrt er völlig.«5 Rhenanus’ Lektion war, dass die deutsche Gegenwart nicht einfach die germanische Vergangenheit für sich in Anspruch nehmen konnte.
Die philologische und historische Deutung der Germania, mit der Rhenanus so überzeugend und kompetent begonnen hatte, entwickelte sich über die Jahrhunderte hinweg neben der ideologischen Betrachtungsweise und in teilweiser Auseinandersetzung mit ihr. Immer wieder wurden Stimmen laut, welche die simple Gleichsetzung der Germanen mit den Vorfahren der Deutschen oder, noch stärker vereinfacht, mit den Deutschen kritisierten. Neben Heinrich Heine, dessen sarkastisches Frage- und Antwortspiel in der Einleitung zu diesem Buch zitiert wurde, stehen nicht nur viele weniger bekannte Autoren, sondern auch Christoph Martin Wieland (1733–1813), der zum »Viergestirn« der Weimarer Klassik zählte. Von ihm stammt die trockene Bemerkung, angesichts der Veränderungen, die sich im Lauf der Jahrhunderte abgespielt hätten, erschiene es »unrätlich«, »die Teutschen des achtzehnten Jahrhunderts für Enkel Tuiskons anzusehen«.6 Würde jemand im Ernst, so fragte Wieland, die Sprache Hermanns reden und die Lebensweise der germanischen Stämme annehmen wollen? Zu diesen kritischen Stimmen gesellten sich die, welche wie Kardinal Faulhaber behaupteten, die in der Germania beschriebenen Germanen seien primitive Barbaren gewesen, und solche, die wie Eduard Norden die Authentizität der taciteischen Schilderung infrage stellten. Sie wurden jedoch durch die unzähligen Enthusiasten übertönt, welche die germanische Vergangenheit als die Verheißung deutscher Zukunft und die Germania als ein »goldenes Büchlein« verherrlichten – bis 1945.
Auch wenn der Germanenmythos und seine wichtigste Quellenschrift nach 1945 ihre moralische Autorität einbüßten, verloren sie nicht ihren Reiz. Im Jahr 1979 veröffentlichte der Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll in der Wochenzeitung Die Zeit einen Essay über die Germania. Er gestand, der Text des Tacitus komme ihm »überraschend aktuell«7 vor. Selbst wenn er das nicht wäre, könnte man ihn aber immer noch jedem Deutschen empfehlen, da er »eine der ältesten, wenn nicht die älteste Auskunft über unsere ›Vorfahren‹« sei. Mit Behagen las Böll die Beschreibung, die Tacitus von germanischen Gesängen gibt, und bemerkte dazu: »Das klingt nicht so ganz unvertraut, im Beben so mancher Männerbrust könnte sich da noch ›echt‹ Germanisches erhalten haben.« Der Rest des Aufsatzes liest sich ähnlich.
Bölls Deutung der Germania, die von einem führenden Altphilologen der damaligen Zeit schon bald und zu Recht als naiv verurteilt wurde, ist verständlich, schließlich hatte sie eine lange Geschichte. Doch gerade diese belastete Geschichte ist es, die eine derart naive Deutung als gefährlich entlarvt. Schließlich schrieb nicht der römische Historiker Tacitus ein höchst gefährliches Buch; dazu machten es erst seine Leser.
Groß ist die Zahl derer, die auf die eine oder andere Weise zur Entstehung dieses Buchs beigetragen haben.
Zuallererst möchte ich, aufrichtig und verspätet, meinen Lehrern danken. Ich hatte das Glück, schon früh Latein zu lernen, zunächst inspiriert durch Elke Steinkrauß an der Grundschule am Weinmeisterhorn, dann herausgefordert durch Walter Fietz am Kant-Gymnasium (beide Berlin-Spandau). Dort belegte ich auch, etwas naiv, einen Altgriechisch-Kurs unter der Leitung von Elisabeth Krause. Als ich mich nach einer Pause wieder den klassischen Sprachen zuwandte und sie an der Universität studierte, wurde mir klar, wie sehr ich ihnen verpflichtet war. Englisch kam in meiner Sprachenfolge zwar als Letztes, aber ich hatte das Glück, den Unterricht von Gabriele Zigann (heute Tapphorn) zu erhalten, und dadurch wurde es mir schließlich möglich, in England zu studieren und in den Vereinigten Staaten zu leben, zu arbeiten und zu schreiben. In anderen Bereichen habe ich eine ebenso große Dankesschuld abzutragen: Durch 450 Jahre europäischer Geschichte hätte ich mich erheblich weniger sicher bewegt, wenn ich nicht im Lauf jahrelanger Geschichtsstunden einen großen Teil des Territoriums schon früher besucht hätte. Bildung sollte kein Privileg sein, aber ich fühle mich sehr privilegiert.
Mein Privileg war es auch, in neuerer Zeit an zwei ausgezeichneten Bibliotheken zu arbeiten: an der Harvard College Library, deren Kern die Widener Library mit ihren großartigen Freihandbeständen bildet, sowie fast ein Jahr lang an der Bayerischen Staatsbibliothek in München. Für die Recherchen zur Wirkungsgeschichte der Germania des Tacitus musste eine große Zahl von Büchern, Zeitschriften und anderen Dokumenten durchgesehen werden, die im Lauf von Jahrhunderten an weit verstreuten Orten erschienen waren, und diese beiden Bibliotheken hatten die Texte, die ich brauchte, entweder in ihren Beständen oder sie beschafften sie mit ihren gut funktionierenden Fernleihsystemen. Besonders dankbar bin ich den Mitarbeitern von Widener and Houghton, der Bibliothek der Harvard University für seltene Bücher und Manuskripte: Ganz gleich wie entlegen oder rar das Dokument war, für das ich mich interessierte, und ganz gleich an wen ich mich auf der Suche nach Hilfe wandte, man begegnete mir nur mit Freundlichkeit und Kompetenz. Weitere Institutionen, die meine Bitten um Informationen oder um Dokumente zügig erfüllten, waren das Archiv des Erzbistums München und Freising, das Hoover Institute, das Bundesarchiv Koblenz, das Bundesarchiv Berlin, die Biblioteca Nazionale Centrale di Roma, das Ufficio Turismo – Comune di Jesi und das Ufficio Informazione e Accoglienza Turistica in Osimo.
Als ich auf der Suche nach Verweisen auf Tacitus’ höchst gefährliches Buch und nach Zitaten aus diesem Werk die Bestände von Widener durchging, wagte ich mich wiederholt in Bereiche, die jenseits meines Spezialgebiets lagen. Ich bin dankbar für die Beratung, die ich von folgenden Personen erfahren habe: Giovanni Baldeschi-Balleani zur Geschichte seiner Familie und zum Codex Aesinas; Dr. Michael Carhart (Old Dominion University) zu Christoph Meiners; Professor Andreas Gardt (Universität Kassel) und Dr. Nicola McLelland (University of Nottingham) zu sprachwissenschaftlichen Theorien des 17. Jahrhunderts; Professor Roger Chickering und Björn Hofmeister (beide Georgetown University) zu den Alldeutschen Blättern. Mein besonderer Dank gilt Dr. Brian Vick (Emory University), der mir nicht nur im Zusammenhang mit verschiedenen Problemen des 18. und 19. Jahrhunderts half, sondern auch zwei meiner Kapitel las und mit zahlreichen Anmerkungen versah, sowie Dr. Allan A. Lund und Heather Pringle für ihre großzügige Hilfe und ihre sorgfältige Lektüre meines Kapitels über den Nationalsozialismus.
Spuren von Tacitus ausfindig zu machen war die eine Herausforderung; die andere bestand darin, sie in einer lesbaren Form vorzustellen. Zahlreiche Freunde, darunter ehemalige und gegenwärtige Studierende meiner Lehrveranstaltungen, haben einzelne Kapitel gelesen und kommentiert oder mir während des Entstehungsprozesses auf andere Weise geholfen. Mein aufrichtiger Dank geht an Sean Braswell, Tiziana D’Angelo (die häufig mehrere Versionen ein und desselben Abschnitts hörte), Caitlin A. Donovan, Christian Flow, Edward A. Gargan, Christopher D. Johnson, Elizabeth D. Mann, Alex Rehding, Ryan Rowberry (der auch bei vielen fröhlichen Mahlzeiten ein offenes Ohr für meine Ideen hatte) sowie an meinen Agenten Steve Wasserman. Andrew C. Johnston und Ryan B. Samuels lasen nicht nur Teile des Manuskripts, sondern überprüften auch zahlreiche Verweise, Rebecca A. Katz übernahm die Aufgabe, den Gesamttext, von der Einleitung bis zum Nachwort, zu lesen, mich auf Ungenauigkeiten und Merkwürdigkeiten aufmerksam zu machen und mich so vor Fehlern zu bewahren. Sie alle trugen in erheblichem Maß dazu bei, diese Arbeit zu einem besseren Buch zu machen, aber keiner tat dies mehr als meine Lektorin Amy Cherry, die mich mit viel Humor und großer Geduld von Anfang bis Ende in diesem Unternehmen begleitet hat.
Erstmals erzählt hat diese Episode Simon Schama, Der Traum von der Wildnis, übers. von Martin Pfeiffer, München 1996, S. 91–97. Ich bin ihm insoweit gefolgt, als ich die Details in Gesprächen überprüfen konnte, die ich mit Giovanni Baldeschi-Balleani, dem Sohn des Grafen, geführt habe, dem ich für seine Gastfreundschaft und Großzügigkeit außerordentlich dankbar bin. Entdeckt wurde das Manuskript im Grunde von Marco Vattasso, aber besagter Priester Cesare Annibaldi war dabei anwesend und brachte die erste Edition des Codex heraus: L’Agricola e la Germania di Cornelio Tacito; nel ms. latino n. 8 della biblioteca del Conte G-Balleani in Iesi, Città di Castello 1907. Weitere Informationen und Dokumente finden sich in Francesco Niutta, »Sul codice Esinate di Tacito, ora Vitt. Em. 1631 della Biblioteca Nazionale di Roma«, in: Quaderni di Storia 43 (1996), S. 173–202, bes. S. 178 f., 189–202; siehe auch den Schluss von Kap. 8 mit der zugehörigen Anm. 89. Zu dem Zitat siehe Anm. 11.
Rudolf Stampfuß, »Der Kampf um den Rhein«, in: Der Schulungsbrief 2 (1935), S. 169.
Einen guten Überblick über die Probleme bietet mit zusätzlichen Literaturverweisen die Ausgabe Tacitus, Germania, übers. u. komm. von James B. Rives, Oxford 1999, S. 1–11, 68–71.
Jacob Grimm ist vollständig zitiert in Kap. 7, Anm. 20.
Bundesarchiv Koblenz, NL Himmler, N 1126/9, Nr. 218. Zu Campano siehe Kap. 3, Abschnitt 2, Autochthone deutsche Krieger.
Richard Geuß, »Deutsche Vorgeschichte und deutsche Schule«, in: Nationalsozialistisches Bildungswesen 1 (1936), S. 38.
Friedrich Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse, Leipzig 1886, S. 201. Zu den hier erörterten Fragen siehe James J. Sheehan, »What is German History? Reflections on the Role of the Nation in German History and Historiography«, in: Journal of Modern History 53 (1981), S. 2–23, und Richard Löwenthal, »Geschichtszerrissenheit und Geschichtsbewußtsein in Deutschland«, in: Ders., Sozialismus und aktive Demokratie: Essays zu ihren Voraussetzungen in Deutschland, Frankfurt a. M. 1974, S. 155–176.
Ich verwende hier den Titel eines Buchs von Benedict Anderson (Imagined Communities: Reflections on the Origin and Spread of Nationalism, rev. Aufl., London 2006), aber diese imaginierte Gemeinschaft unterscheidet sich von der seinen. An anderer Stelle (in A. J. Woodman (Hg.), The Cambridge Companion to Tacitus, Cambridge 2009, S. 280–289) habe ich die Auffassung vertreten, dass ein großer Teil seiner Bemerkungen bereits für die Gruppe der deutschen Humanisten gilt.
Ernst Moritz Arndt, »Geist der Zeit« (urspr. ersch. 1809), in: Ders., Deutsche Volkwerdung. Sein politisches Vermächtnis an die deutsche Gegenwart: Kernstellen aus seinen Schriften und Briefen, hg. von Carl Petersen und P. H. Ruth, Breslau 1940, S. 62.
Heinrich Heine, »Ludwig Börne: Eine Denkschrift« (urspr. ersch. 1840), in: Ders., Werke und Briefe, hg. von Hans Kaufmann, Berlin 1961–1964, Bd. 6, S. 171. Zum Germanenmythos und seiner Entwicklung siehe die grundlegende Studie von Klaus von See, Deutsche Germanen-Ideologie: Vom Humanismus bis zur Gegenwart, Frankfurt a. M. 1970. Die konstitutive Rolle, welche die Vergangenheit spielt, ist ein Zug des Nationalismus schlechthin und nicht speziell des deutschen Nationalismus; siehe beispielsweise David McCrone, Understanding Scotland: The Sociology of a Stateless Nation, London 1992, bes. S. 6.
Arnaldo Momigliano, Studies in Historiography, New York 1966, S. 112 f. Zum folgenden Vergleich mit der Bibel siehe Kap. 8, Anm. 15.
Karl Gabler, »Sind die Germanen bei Tacitus Barbaren?«, in: Nationalsozialistisches Bildungswesen 1 (1936), S. 41.
Siehe Richard Dawkins, »Viruses of the Mind«, in: Free Inquiry 13 (1993), S. 34–41.
Maximilian Schlossarek, Die Taciteische »Germania« als Künderin eines urdeutschen Heroismus, Breslau 1935, S. 18 f. Zu Rezeptionsstudien siehe Charles Martindale, »Introduction: Thinking through Reception«, in: Ders. und R. F. Thomas (Hg.), Classics and the Uses of Reception, Malden, MA 2006, S. 1–13.
Das letzte Zitat stammt aus Eugen Fehrle, Germania, 4. Aufl., München 1944, S. xv. Methodologisch folge ich hier Quentin Skinner, »Meaning and Understanding in the History of Ideas«, abgedruckt in: James Tully (Hg.), Meaning and Context: Quentin Skinner and His Critics, Princeton 1988, S. 29–67. Zu Begriffsgeschichte im Gegensatz zu Geistesgeschichte siehe Melvin Richter, The History of Political and Social Concepts: A Critical Introduction, Oxford 1995. »Nazifizierung der Vergangenheit«: Ernst Bloch, Politische Messungen, Frankfurt a. M. 1977, S. 300. Einen ersten Eindruck von dem gewaltigen Einfluss, den die Germania auf britische Autoren ausgeübt hat, bietet Jane Rendall, »Tacitus Engendered: ›Gothic Feminism‹ and British Histories, c. 1750–1800«, in: Geoffrey Cubitt (Hg.), Imagining Nations, Manchester 1998, S. 57–74. Zu französischen Autoren siehe insbesondere Catherine Volpilhac-Auger, Tacite en France de Montesquieu à Chateaubriand, Oxford 1993, S. 291–402.
Plinius der Jüngere, Panegyricus 48.3. Domitians Vorliebe für das Töten von Fliegen bezeugt Sueton, Domitian 3.1. (Für Übertragungen aus dem Lateinischen wurden, wenn nicht anders angegeben, die Ausgaben der Oxford Classical Texts verwendet.)
Tacitus, Agricola 3.2. Meine Beschreibung in diesem Absatz basiert auf dem Agricola (bes. 1–3 u. 43–46). Andere Zeugnisse lassen die Herrschaft Domitians in einem bedeutend günstigeren Licht erscheinen.
Tacitus, Germania 1.1. Die hier angenommene Abfolge der kleineren Schriften des Tacitus ist kürzlich in Zweifel gezogen worden.
Zu dieser berühmten (und nicht einhellig akzeptierten) Rekonstruktion siehe Géza Alföldy, »Bricht der Schweigsame sein Schweigen? Eine Grabinschrift aus Rom«, in: Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Römische Abteilung 102 (1995), S. 251–268. Zum praenomen (Vorname) des Tacitus siehe R. P. Oliver, »The Praenomen of Tacitus«, in: American Journal of Philology 98 (1977), S. 64–70. Einen praktischen Überblick über das, was man von Tacitus’ Leben weiß, bietet A. R. Birley, »The Life and Death of Cornelius Tacitus«, in: Historia 49 (2000), S. 230–247. Zum Leben des Tacitus und zu seinem Werk gibt es das monumentale (und etwas problematische) Werk von Ronald Syme, Tacitus, Oxford 1997 (urspr. ersch. 1958). Kürzer, weniger umstritten und leichter zugänglich ist R. H. Martin, Tacitus and the Writing of History, Berkeley 1981.
Plinius der Ältere, Naturgeschichte 3.31.
Tacitus, Annalen 16.5.1 (leicht revidiert).
Seneca, Apocolocyntosis 4.
Tacitus, Annalen 14.1.1.
Ebd., 15.38.1.
Sueton, Nero 39.2 (revidiert) und 31.2 (zum Kommentar Neros).
Ebd., 37.1.
Tacitus, Dialog 17.3; das folgende Zitat: Tacitus, Historien 1. 50.2.
Ebd., 1.50.3.
Ebd., 1.4.2.
Sueton, Nero 23.2.
Tacitus, Agricola 7.2.
Tacitus, Dialog 3 6.8.
Plinius der Jüngere, Briefe 2.1.6 und 2.11.17.
Sueton, Titus 10.
Sueton, Domitian 3.1
Tacitus, Agricola 39.1.
Nach Tacitus, Historien 1.2.1.
Juvenal, Satire 4.38, und Sueton, Domitian 13.2.
Tacitus, Annalen 11.11.
Tacitus, Agricola 45.1.
Lucilius, Carminum Reliquiae, V. 1337–38 (Recens F. Marx).
Tacitus, Agricola 1.4; das folgende Zitat: 42.4.
Tacitus, Historien 1.1.4.
Ebd., 4.42.6.
Tacitus, Agricola 3.1. Zum Folgenden siehe Edward Gibbon, Geschichte des Verfalls und Unterganges des römischen Reiches (im englischen Original urspr. ersch. 1776]), hg. von Johann Sporschil, Leipzig 1837, Sp. 1.
Martial, Epigramme 10.7.8–9.
Vergil, Aeneis 6.853.
Tacitus, Germania 33.2. Der Ausdruck urgentibus fatis, der hier im unmittelbaren Kontext erscheint, ist eine der am meisten erörterten Wendungen in der Tacitusforschung; siehe Rives (Einleitung, Anm. 3), S. 258–260. Die Politik der römischen Debatte über den germanischen Norden habe ich erörtert in C. B. Krebs, »Borealism : Caesar, Seneca, Tacitus, and the Roman Discourse about the Germanic North«, in: E. S. Gruen (Hg.), Cultural Identity and the Peoples of the Ancient Mediterranean, Los Angeles 2010, S. 212–231.
Tacitus, Germania 2.1; die folgenden Zitate: 5.1, 2.2.
Der Codex Aesinas bietet Tuisconem an der Stelle, an der die meisten anderen Manuskripte Tuistonem lesen.
Tacitus, Germania 6.2; die folgenden Zitate: 5.2, 19.1, 19.3. Zum deutschen Humanismus siehe Kap. 4.
Tacitus, Germania 19.1; die folgenden Zitate: 22.3, 9.3, 14.1. Zu Himmlers SS siehe Kap. 8.
Tacitus, Germania 14.2; die folgenden Zitate (mit Ausnahme von Campano; siehe dazu Kap. 3): 13.1, 37.5 (stark abgeändert).
Tacitus, Germania 15.1. Die hier vorgetragenen Ansichten über die Germania sind voll entfaltet in C. B. Krebs, Negotiatio Germaniae: Tacitus’ Germania und Enea Silvio Piccolomini, Giannantonio Campano, Conrad Celtis und Heinrich Bebel, Göttingen 2005, S. 81–110.
Tacitus, Germania 4. Karl Trüdinger, Studien zur Geschichte der griechisch-römischen Ethnographie, Basel 1918. Eduard Norden, Die germanische Urgeschichte in Tacitus Germania, Leipzig 1920. Zu Norden siehe auch Kap. 7.
Viele moderne Leser sind anderer Meinung. Zu einer Erörterung dieser Problematik siehe Krebs (Anm. 33).
Das 10. Buch der Briefe bietet einzigartig erhellende Einblicke in die Verwaltung des Römischen Reiches und die Einstellung eines Kaisers, der nicht aufgrund von »Befürchtungen oder Ängsten oder Hochverratsvorwürfen« geachtet werden wollte. Zu seiner Behandlung der Christen siehe Plinius der Jüngere, Briefe 10.96 und 10.97, sowie die Kommentare dazu in A. N. Sherwin-White, The Letters of Pliny: A Historical and Social Commentary, Oxford 1966, S. 690–712.
Plinius der Jüngere, Briefe 10.1.1.
Eutropius, Kurze Geschichte Roms 8.5.
Tacitus, Historien 1.2.1; die folgenden Zitate: 1.5.2, 1.49.4, 1.3.2. Über den Umfang wissen wir nur, dass Historien und Annalen insgesamt 30 Bücher umfassten. Zu einer Erörterung dieses Themas siehe Syme (Anm. 4), S. 686 f. (Appendix 35, »The Total of Books«).
Tacitus, Historien 1.4.1; die folgenden Zitate: Agricola 3.1; Annalen 6.8.4, 15.37.4.
Tacitus, Annalen 6.27.1; das folgende Zitat: 1.6.3.
The Works of John Milton, Gesamtherausg. F. A. Patterson, übers. v. Samuel Lee Wolff, Bd. 7, New York 1932, S. 317 f.
Tacitus, Annalen 1.5.1 (Hervorhebung Christopher B. Krebs); die folgenden Zitate: 3.3.1, 15.37–38.
Syme (Anm. 4), S. 624.
Tacitus, Annalen 2.66.1; das folgende Zitat: 14.1.1.
Ebd., 3.76.2. Siehe auch Oxford English Dictionary, 2. Aufl. 1989, »conspicuous«.
Poggio Bracciolini, Epistolae, hg. von Tommaso Tonelli, Bd. 1–3, Florenz 1832–1861, 2.34 (gekürzt), Bd. 1, S. 168.
Plinius der Jüngere, Briefe 7.20.1. Ich nehme an, dass Tacitus bei der Abfassung und Herausgabe der Germania der üblichen Praxis folgte; vgl. hierzu R. J. Starr, »The Circulation of Literary Texts in the Roman World«, in: Classical Quarterly 37 (1987), S. 213–223. Plinius der Ältere (Naturgeschichte 13.74–82) bietet eine detaillierte Beschreibung der Herstellung einer Papyrusrolle in der Antike.
Plinius der Jüngere, Briefe 1.2.6. Siehe auch Peter White, »Bookshops in the Literary Culture of Rome«, in: W. A. Johnson und Holt N. Parker (Hg.), Ancient Literacies: The Culture of Reading in Greece and Rome, Oxford 2009, S. 268–287. Hinweise auf die Germania in anderen Werken verzeichnet Gerhard Perl, Tacitus: Germania, Lateinisch und Deutsch, Berlin 1990, S. 50.
Plinius der Jüngere, Briefe 7.33.1.
Historia Augusta, Tacitus 10.3. Zum falschen Stammbaum siehe Edmund Groag und Arthur Stein, Prosopographia Imperii Romani, pars II, Berlin 1936, S. 251, Nr. 1036. Zur Überlieferung antiker Texte siehe L. D. Reynolds, »Introduction«, in: Ders. und N. G. Wilson (Hg.), Texts and Transmission: A Survey of the Latin Classics , Oxford 1983, S. xiii – xliii.
Hier stütze ich mich mehr auf Wahrscheinlichkeiten als auf Tatsachen.
»Admonitio Generalis«, in: Monumenta Germaniae Historica, Capitularia regum Francorum, hg. von Alfred Boretius, Hannover 1883, Bd. 1, S. 52–62, hier: S. 60. Zu einem Überblick über die sprachliche Komplexität siehe Rosamond McKitterick, Charlemagne: The Formation of a European Identity, Cambridge 2009, S.315–320.
»De litteris colendis«, in: Monumenta Germaniae Historica (Anm. 7), S. 78–80, hier: S. 79. Michel Banniard, »Language and Communication in Carolingian Europe«, in: Rosamond McKitterick (Hg.), New Cambridge Medieval History, Bd. II, Cambridge 1995, S. 695–708. Allgemein zum Thema »Die geistige Erneuerung unter Karl dem Großen« siehe Franz Brunhölzl, Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters, Bd. 1–2, München 1975–1992, Bd. 1, S. 243–315. Die kulturellen Errungenschaften sowohl Karls des Großen als auch Alkuins wurden in den letzten Jahren innerhalb der Forschung verstärkt in kritischem Licht betrachtet. Vgl. u. a. Matthias Becher, Karl der Große, München 1999.
Zu Rudolf siehe Brunhölzl (Anm. 8), Bd. 1, S. 343–345.
Bruno Krusch (Hg.), »Translatio sancti Alexandri«, in: Nachrichten von der Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen, Philologisch-Historische Klasse, 4 (1933), S. 405–437.
Siehe Hannes Kästner, »Der großmächtige Riese und Recke Theuton«, in: Zeitschrift für Deutsche Philologie 110 (1991), S. 68–97.
Poggio (Anm. 1), Epistolae 1.5, Bd. 1, S. 28. Über die Wiederentdeckung der opera minora ist viel geschrieben worden (siehe Perl (Anm. 3), S. 56–60, sowie die dort angeführte Literatur); es gibt aber offenbar keine Darstellung, die das gesamte Belegmaterial präsentiert.
Poggio (Anm. 1), Epistolae 1.21, Bd. 1, S. 80. Die umfassendste Biografie Poggios ist immer noch Ernst Walser, Poggius Florentinus: Leben und Werke, Nachdruck Hildesheim 1974 (urspr. ersch. 1914).
Sub specie antiquitatis ist die glücklich gewählte Formel, mit der Gerald Strauss, Historian in an Age of Crisis: The Life and Work of Johannes Aventinus, Cambridge 1963, S. 14, diese Haltung erfasst.
Giannantonio Campano ist zitiert nach dem Anhang in Di Bernardo (Kap. 3, Anm. 20), S. 413. Zum Humanismus siehe Nicholas Mann, »The Origins of Humanism«, in: J. Kraye (Hg.), The Cambridge Companion to Renaissance Humanism, Cambridge 1996, S. 1–19.
Poggios Brief an Franciscus Piccolpassus ist zitiert nach Poggio Bracciolini, Opera omnia, hg. von Riccardo Fubini, Bd. 4, Turin 1969, S.460; vgl. P. W. G. Gordan, Two Renaissance Book Hunters, New York 1974, S. 205.
Leonardo Bruni (Florenz, 15. September 1416) ist zitiert nach Gordan (Anm. 16), S. 191.
Poggio (Anm. 1).
Heinrich von Grebenstein wurde identifiziert von Ludwig Pralle, Die Wiederentdeckung des Tacitus: Ein Beitrag zur Geistesgeschichte Fuldas und zur Biographie des jungen Cusanus, Fulda 1952, S. 15–62.
Der Brief findet sich in Remigio Sabbadini, Storia e critica di testi latini, Hildesheim 1974 (urspr. ersch. 1914), S. 264f.
Poggio (Anm. 1), Epistolae 2.40. Zu Antonio Panormita (Beccadelli) siehe Dizionario Biografico degli Italiani, Rom: Istituto della Enciclopedia Italiana, 1960–2009, Bd. 7 (1965), S. 400–406.
Der Brief ist abgedruckt in Sabbadini (Anm. 20), S. 267–270, bes. S. 270. Zur Bibliothek in Fulda siehe Paul Lehmann, »Die alte Klosterbibliothek Fulda und ihre Bedeutung«, in: Ders., Erforschung des Mittelalters: Ausgewählte Abhandlungen und Aufsätze, Bd. 1, Stuttgart 1959 (urspr. ersch. 1941), S. 213–231.
Poggio (Anm. 1), Epistolae 3.1.
Ebd., 3.12. Zu der ciceronianischen, ursprünglich aber griechischen Wendung siehe Ciceros Brief an Lentulus, ad familiares 1.6.2.
Poggio (Anm. 1), Epistolae 3.14 und 3.19. Das Wortspiel mit dem Namen des Tacitus hat einen Vorläufer bei Sidonius Apollinaris, Briefe 4.22.2.
Poggio (Anm. 1), Epistolae 3.29. Zu Jacopos Brief und seiner Bedeutung siehe Nicolai Rubinstein, »An Unknown Letter by Jacopo di Poggio Bracciolini on Discoveries of Classical Texts«, in: Italia medioevale e umanistica 1 (1958), S. 383–400.
R. P. Robinson, »The Inventory of Niccolò Niccoli«, in: Classical Philology 16 (1921), S. 251–255.
Siehe Remigio Sabbadini, Le scoperte dei codici latini e greci ne’ secoli XIV e XV, Bd. 2, Florenz 1967, S.18, sowie C. W. Mendell, »Discovery of the Minor Works of Tacitus«, in: American Journal of Philology 56 (1935), S. 113–130.
Die Notiz Decembrios ist abgedruckt in Sabbadini (Anm. 20), S. 279.
Poggios Brief ist abgedruckt in Georg Voigt, Die Wiederbelebung des classischen Alterthums, Bd. 2, Berlin 1893, Bd. 2, S. 200, Anm. 1. Die bibliografischen Informationen zu Enoch beruhen auf Dizionario (Anm. 21), Bd. 24 (1993), S. 695–699.
Tortellos Lob des Papstes ist abgedruckt in Voigt (Anm. 30), Bd. 2, S.199, Anm. 2.
Das Breve, das sich in den Archiven von Königsberg fand, ist abgedruckt in Voigt (Anm. 30), Bd. 2, S.200, Anm. 3.
Poggio (Anm. 1), Epistolae 10.17.
Der Brief des Cincius Romanus (Sommer 1416) ist zitiert nach Ludwig Bertalot, »Cincius Romanus und seine Briefe«, in: Quellen und Forschungen aus italienischen Archiven und Bibliotheken 21 (1929/30), S.222–225, hier: S.223. Vgl. Gordan (Anm. 16), S.188 f.
Pontanos Schlussformel ist abgedruckt in Georg Wissowas Ausgabe des Codex Leidensis Perizonianus phototypice editus, Leiden 1907, fol. 1v.
Sigismund Meisterlin, Cronographia Augustensium: Cronik der Augspurger (urspr. ersch. 1456), hg. von Hans Gröchenig, Klagenfurt 1998, S.36 (das Gespräch), 26–32 (Ureinwohnerschaft). Dieses Argument ist kürzlich vorgetragen worden von Dieter Mertens, »Die Instrumentalisierung der ›Germania‹ des Tacitus durch die deutschen Humanisten«, in: Heinrich Beck et al. (Hg.), Zur Geschichte der Gleichung »germanisch-deutsch«: Sprache und Namen, Geschichte und Institutionen (Ergänzungsbände zum Reallexikon der germanischen Altertumskunde, 34), Berlin 2004, S.37–102, hier: S. 65–67.
Die Briefe wurden in den florentinischen Archiven gefunden und veröffentlicht von Vittorio Rossi, »L’indole e gli studi di Giovanni di Cosimo de’ Medici«, in: Rendiconti della R. Accademia dei Lincei, classe di scienze morali, Ser. V, Bd. 2 (1893), S. 129–150, bes. S. 130–135.
Vgl. Rubinstein (Anm. 26), S. 391f.
E. S. Piccolomini, Libellus dialogorum, ist zitiert nach Adam Frantisek Kollár, Analecta Monumentorum Omnis Aevi Vindobonensia, Bd. 2, Wien 1762, Sp. 703; vgl. Cecilia M. Ady, Pius II, the Humanist Pope, London 1913, S. 79.
Lorenzo Valla, Elegantiarum libri sex, Paris: Ex officina cursoria Simonis Colinaei, 1527, praefatio, aiir.
»De legatione Germanica«, in: Rerum Germanicarum scriptores aliquot insignes, hg. von Marquard Freher und B. G. Struve, Straßburg 1717, Bd. 2, S. 288. Die Worte Poggios: Kap. 2, Anm. 13. Zur italienischen Einstellung gegenüber den Deutschen siehe Peter Amelung, Das Bild des Deutschen in der Literatur der italienischen Renaissance (1400–1559), München 1964.
E. S. Piccolomini, Opera omnia, Basel: Ex officina Henricpetrina, 1551, Epistel 162, fol. 716.
Zur Rezeption der Germania in dieser Periode siehe Jacques Ridé, L’image du Germain dans la pensée et la littérature allemandes de la redécouverte de Tacite à la fin du XVIe siècle, Lille 1977. Siehe auch Mertens (Kap. 2, Anm. 36). Zu rhetorischen Analysen der Werke Piccolominis und Campanos siehe Krebs (Kap. 1, Anm. 39), S. 111–190.
E. S. Piccolomini, Commentarii rerum memorabilium que temporibus suis contigerunt, hg. von Adrianus van Heck, Biblioteca apostolica vaticana 1984, Bd. 2, S. 518. Die biografischen Informationen sind entnommen Ady (Anm. 1) und Georg Voigt, Enea Silvio de’ Piccolomini als Papst Pius II. und sein Zeitalter, Bd.1–3, Berlin 1856–1863.
Diese Selbstcharakterisierung ist zitiert nach Stefan Sudmann, »Das Basler Konzil im Konflikt mit Rom und Reich«, in: Nikolaus Staubach (Hg.), Rom und das Reich vor der Reformation, Frankfurt a. M. 2004, S. 53–70, bes. S. 54.
Piccolominis Brief ist abgedruckt in Georg Voigt, »Die Briefe des Aeneas Sylvius vor seiner Erhebung auf den päpstlichen Stuhl«, in: Archiv für Kunde österreichischer Geschichtsquellen 16 (1856), Nr. 146, S.358. Zum nachfolgenden Vergleich mit Ovid siehe Rudolf Wolkan (Hg.), Der Briefwechsel des Eneas Silvius Piccolomini, Wien 1909–1912, Bd.1, S. 542 f.
Alle nachfolgenden Zitate entstammen der »Oratio de clade Constantinopolitana et bello contra Turcos congregando«, abgedruckt in den Opera omnia (Anm. 4), fol. 678–689.
Johannes Helmrath, »Pius II. und die Türken«, in: Bodo Guthmüller und Wilhelm Kühlmann (Hg.), Europa und die Türken in der Renaissance, Tübingen 2000, S. 9–137, bes. S. 94.
Piccolomini, Commentarii (Anm. 6), Bd. 1, S. 93 f.
Zu diesem Brief siehe Adolf Schmidt (Hg.), Germania [von] Aeneas Silvius, und Jakob Wimpfeling: Responsa et replicae ad Eneam Silvium, Köln 1962, S. 9 f. Zu einem Überblick über die Gravamina siehe Eike Wolgast, »gravamina«, in: Theologische Realenzyklopädie , Bd. 14 (1985), S. 131–134.
Piccolomini ist zitiert nach seinem Widmungsbrief in Schmidt (Anm. 12), S. 11.
De ritu, situ, moribus et condicione Germaniae descriptio ist der Titel der Ausgabe Straßburg 1515, die von Jacob Wimpfeling veranlasst wurde, und ebenso der volkstümlichen Ausgabe Basel 1551; beide erwähnen Tacitus. Die editio princeps (Leipzig 1496) hatte Teutonie statt Germanie (Piccolomini selbst gab seinem Epistelwerk keinen Titel).
Alle nachfolgenden unbezeichneten Zitate stammen aus Piccolominis Germania (Anm. 12). Seine Verwendung taciteischer Passagen erörtern Mertens (Kap. 2, Anm. 36, S. 67–71) und Krebs (Kap. 1, Anm. 39, S. 123–129).
Piccolomini, Germania (Anm. 12) 2.4. Es gibt eine Textvariante: sororia (»ähnliche«) anstelle von ferociora (»wilde«). Der Sinn ist nicht berührt.
Tacitus, Germania 19.3.
Jacob Wimpfeling, Responsa et replicae ad Eneam Silvium, in: Schmidt (Anm. 12), S. 127–146, bes. S. 127. Zu den nachfolgenden Berechnungen siehe Mertens (Kap. 2, Anm. 36), S. 61.
Michele Ferno, »Vita Campani«, in: Opera omnia Campani, 2. Aufl., Venedig 1495, fol. viiiv–xviv, hier: fol. xiv. Zu Paul II. siehe J. F. D’Amico, Renaissance Humanism in Papal Rome, Baltimore 1983, S. 92–97.
Diese Charakterisierung durch Alessandro Braccesi ist zitiert nach F.-R. Hausmann, »Giovanni Antonio Campano (1429–1477)«, in: Römische Historische Mitteilungen 12 (1970), S. 125–178, bes. S.131. Die biografischen Informationen beruhen auch auf Flavio Di Bernardo, Un vescovo umanista alla corte pontificia: Giannantonio Campano, Rom 1975.
»Vita Campani« (Anm. 19), fol. xiv. Zu seiner Vertrautheit mit dem Werk Piccolominis siehe Opera omnia (Anm. 19), Epistolae 1, fol. iir.
»In conventu Ratisponensi ad exhortandos principes Germanorum contra Turcos et de laudibus eorum oratio«, in: Opera omnia (Anm. 19), fol. xcr–xcvr. Diese gedruckte Version der »Oratio« ist fehlerhaft, und die nachfolgenden Zitate sind gelegentlich von mir korrigiert: xciiir, ibid., xcvr (leicht gekürzt).
Jacques Perret, Recherches sur le texte de la »Germanie«, Paris 1950, S. 151, Anm. 5, bietet eine hilfreiche Zusammenstellung paralleler Passagen bei Tacitus und Campano.
Tacitus, Germania 33.2.
»Orat. Ratis.« (Anm. 22), fol. xciiiv. Zum Thema »Etymologie als Denkform« siehe Ernst Robert Curtius, Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter, 2. Aufl., Bern 1954, S. 486–490.
»Orat. Ratis.« (Anm. 22), fol. xciiir.
Campano, »Epistolae« 6.2 (Anm. 19), fol. xlixv. Zum Polieren der Perle siehe den Brief an Giacomo Ammannati, 24. Mai 1471 (ebd., fol. xlixv). Unentbehrlich für alle, die an Campanos Briefen interessiert sind: F.-R. Hausmann, Giovanni Antonio Campano: Erläuterungen und Ergänzungen zu seinen Briefen, Dissertation, Universität Freiburg i. Br. 1968.
Vita Campani (Anm. 19), fol. xiv.
Das Oxford English Dictionary (2. Aufl. 1989) definiert »irrumator« mit einem vorsichtigen Verweis auf ein Zitat aus Julius Rosenbaums Plague of Lust (1901), die Übersetzung des deutschen Werkes Geschichte der Lustseuche im Alterthume, 6. Aufl., Halle 1893; hier wird »Irrumator« als ein Mann definiert, der »den Fellator zwischen seine gespreizten Schenkel nimmt« (S. 239 f.). Zum Zorn des Conrad Leontorius, dem dieser in einem Brief Luft macht, siehe Joseph Schlecht, »Zur Geschichte des erwachenden deutschen Bewußtseins«, in: Historisches Jahrbuch 19 (1898), S. 351–358 (Zitat S.357). Zum Kreis des Leontorius siehe I. D. Rowland, »Revenge of the Regensburg Humanists«, in: Sixteenth Century Journal 25 (1994), S. 307–322.
Zu weiteren Reaktionen auf Campanos Briefe siehe Ulrich Paul, Studien zur Geschichte des deutschen Nationalbewusstseins im Zeitalter des Humanismus und der Reformation, Berlin 1936, S. 64. Zu der Rolle, die er bei der Verbreitung germanischer Züge spielte, siehe Tiedemann (Kap. 4, Anm. 12), S. 43.
Giovanni Nanni, Annio da Viterbo: Commentaria fratris Ioannis Annii Viterbiensis ordinis praedicatorum theologiae professoris super opera diversorum auctorum de antiquitatibus loquentium, Rom 1498. Sämtliche Verweise auf den Text des Annius beziehen sich auf diese Edition.
Heinrich Bebel, »Germani sunt indigenae« (urspr. ersch. 1509), in: Ders., Patriotische Schriften: Sechs Schriften über Deutsche, Schweizer und Schwaben, übers., erl. u. eingel. von Thomas Zinsmaier, Konstanz 2007, S. 65–86, hier: S. 78.
Vergil, Aeneis 1, 1–2. Siehe beispielsweise E. S. Piccolomini, De Europa, hg. von Adrianus van Heck, Biblioteca apostolica vaticana 2001, S. 148–150, zur Herkunft der Franci aus Troja (darauf komme ich in Kap. 4 noch zurück). Zu genealogischen Mythen siehe Frantisek Graus, »Troja und die trojanische Herkunftssage im Mittelalter«, in: Willi Erzgräber (Hg.), Kontinuität und Transformation der Antike im Mittelalter, Sigmaringen 1989, S. 25–44; Jörn Garber, »Trojaner – Römer – Franken – Deutsche: ›Nationale‹ Abstammungstheorien im Vorfeld der Nationalstaatenbildung«, in: Klaus Garber (Hg.), Nation und Literatur im Europa der Frühen Neuzeit, Tübingen 1989, S. 108–163.
Roberto Weiss, »An Unknown Epigraphic Tract by Annius of Viterbo«, in: C. P. Brand et al. (Hg.), Italian Studies presented to E. R. Vincent, Cambridge 1962, S.101–120. Zu Annius: Roberto Weiss, »Traccia per una biografia di Annio da Viterbo«, in: Italia medioevale e umanistica 5 (1962), S.425–441. Die epigrafischen Fälschungen des Annius sind angezweifelt worden: Walter Stephens, »When Pope Noah Ruled the Etruscans: Annius of Viterbo and his Forged Antiquities«, in: Modern Language Notes, Italian Issue 119 (2004), S. 201–223.
Zu den Methoden des Annius und zu seinen Kritikern siehe Walter Stephens, Berosus Chaldaeus: Counterfeit and Fictive Editors of the Early Sixteenth Century, Dissertation, Cornell University 1979.
Antiquitates (Anm. 31), »Ioan. Annii Viterbiensis sacrae theologiae professoris in quinque libros Berosi praefatio«, fol. Nviiir.
Zum Inhaltsverzeichnis siehe Antiquitates (Anm. 31), fol. Nviiir. Das folgende Zitat: fol. Piv und danach: fol. Piir.
Antiquitates (Anm. 31), fol. Piiiir. Tacitus, Germania 2.2.
Antiquitates (Anm. 31), fol. Piir.
Sebastian Münster (Cosmographey) ist zitiert in Herfried Münkler et al. (Hg.), Nationenbildung: Die Nationalisierung Europas im Diskurs humanistischer Intellektueller, Berlin 1998, S. 258.
Antiquitates (Anm. 31), fol. Nviiir und danach: fol. Qiiir; Territorium : fol. Qvr; das folgende Zitat: fol. Tiir.
Beatus Rhenanus, Rerum Germanicarum libri tres, hg., übers. u. erl. von Felix Mundt, Tübingen 2008, S. 111. Vgl. Anthony Grafton, »Traditions of Invention and Inventions of Tradition in Renaissance Italy: Annius of Viterbo«, in: Ders., Defenders of the Text: The Traditions of Scholarship in an Age of Science, 1450–1800, Cambridge 1991, S. 76–103, bes. S. 93. Doch selbst Rhenanus hatte Berosus in seinem Commentariolus (1519) benutzt.
Zu den Editionen siehe Werner Goez, »Die Anfänge der historischen Methoden-Reflexion im italienischen Humanismus«, in: Ernst Heinen und H. J. Schoeps (Hg.), Geschichte in der Gegenwart , Paderborn 1972, S. 3–21, bes. S. 12.
Die editio princeps (Bologna 1472) trägt den Titel Cornelii Taciti illustrissimi historici de situ, moribus et populis Germaniae libellus aureus.
Jacob Wimpfeling, Epitome rerum Germanicarum, Hannover 1594 (urspr. ersch. 1505), »Praefatio«, A4. Als »erste Geschichte«: Paul Joachimsen, Geschichtsauffassung und Geschichtsschreibung in Deutschland unter dem Einfluss des Humanismus, Bd. 3, Leipzig 1910, S. 66.
Ulrich von Hutten, Opera quae reperiri potuerunt omnia, Bd. 1–5, hg. von E. Böcking, Leipzig 1859–1870, Bd. 5, S. 117.
E. S. Piccolomini, Historia Friderici III. Imperatoris, ist zitiert nach Kollár (Kap. 3, Anm. 1), Sp. 169; vgl. Ady (ebd.), S. 113. Siehe auch Hermann Wiesflecker, Maximilian I.: Die Fundamente des habsburgischen Weltreiches, Wien 1991.
Andreas Althamer, Scholia in Corneliu[m] Tacitu[m] Rom. historicu[m], De situ moribus, populisq[ue] Germaniae (urspr. ersch. Nürnberg 1529), in: Simon Schardius, Rerum Germanicarum Scriptores varii … in quatuor [sic] tomos collecti, Gießen: Ex officina Seileriana, 1673, Bd. 1, S. 1–37, hier: S. 37. Einen historischen Überblick gibt Geoffrey Barraclough, The Origins of Modern Germany, Oxford 1952, S. 339–367.
Piccolomini, Historia Friderici III, ist zitiert nach Kollár (Kap. 3, Anm. 1), Sp. 289; vgl. Ady (ebd.), S. 118. »Die deutsche Nation« wurde erst unter Maximilian I. in die Standardnomenklatur des Reiches aufgenommen. Siehe Barraclough (Anm. 5), S. 369. Zum Nationalismus vor dem Nationalismus siehe R. Stauber, »Nationalismus vor dem Nationalismus? Eine Bestandsaufnahme der Forschung zu ›Nation‹ und ›Nationalismus‹ in der Frühen Neuzeit«, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 47 (1996), S. 139–165.
Bebel (Kap. 3, Anm. 32), S. 70. Siehe Rowland (wie in Kap. 3, Anm. 29).
Conrad Celtis, Libri odarum quattuor, liber epodon, carmen saeculare, hg. von Felicitas Pindter, Leipzig 1937, od. 4.5.23. Zu den folgenden Namen von Humanisten siehe L. W. Spitz, Conrad Celtis: The German Arch-Humanist, Cambridge 1957, S. 49.
Conrad Celtis, Quattuor libri Amorum secundum quattuor latera Germaniae. Germania generalis. Accedunt carmina aliorum ad libros Amorum pertinentia, hg. von Felicitas Pindter, Leipzig 1934, am. 1.1.16–22; am. 1.3.61–62.
Conrad Celtis, Oratio in gymnasio in Ingolstadio publice recitata, hg. von Hans Rupprich, Leipzig 1932, Abschnitt 26. Vgl. Ders., Selections from Conrad Celtis, hg., übers. u. erl. von Leonard Forster, Cambridge 1948, Abschnitt 26. Zu Celtis siehe Spitz (Anm. 8).
Heinrich Bebel, »Oratio ad regem Maximilianum de laude eius Germanorumque« (urspr. ersch. 1501), in: Ders. (Anm. 7), S. 7–64, hier: S. 20. Siehe hierzu Krebs (Kap. 1, Anm. 39), S. 241–243.
Münster, Cosmographey, ist zitiert nach Hans Tiedemann, Tacitus und das Nationalbewusstsein der deutschen Humanisten am Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts, Berlin 1913, S. 19.
Althamer (Anm. 5), Bd. 1, S. 4.
Aventinus, »Deutsche Chronik, Vorrede des Kaspar Brusch«, in: Johannes Turmair’s genannt Aventinus Kleinere historische und philologische Schriften, hg. v. d. Königlichen Akademie der Wissenschaften, 1. Hälfte, München 1880, S. 301.
Bebel, »Oratio« (Anm. 7), S. 34. Und: Bebel, »De laude, antiquitate, imperio, victoriis rebusque gestis veterum Germanorum«, in: Schardius (Anm. 5), Bd. 1, S. 117. Das folgende Zitat: Franciscus Irenicus, Germaniae exegeseos volumina duodecim, Hagenau 1518, fol. a iir.
Trithemius’ Lobrede auf Wimpfeling, die ich allgemeiner verwende, ist zitiert nach Ridé (Kap. 3, Anm. 5), Bd. 2, S. 304.
Celtis, Oratio (Anm. 10), Abschnitt 39.
G. M. Müller, Die Germania generalis des Conrad Celtis: Studien mit Edition, Übersetzung und Kommentar, Tübingen 2001. Der Brief ist zitiert S. 36, Anm. 16.
Bebel, »De laude« (Anm. 15), Bd. 1, S. 127.
Bebel, »Oratio« (Anm. 11), S. 48. Siehe Dieter Mertens, »Bebelius … patriam Sueviam … restituit: Der poeta laureatus zwischen Reich und Territorium«, in: Zeitschrift für württembergische Landesgeschichte 42 (1983), S. 145–173. Zu Maximilians historischen Interessen siehe Jan-Dirk Müller, Gedechtnus: Literatur und Hofgesellschaft um Maximilian I., München 1982, bes. S. 87.
Bebel, »Oratio« (Anm. 11), S. 48. Zu Bebels Leben und seinen Werken siehe C. J. Classen, Heinrich Bebels Leben und Schriften, Göttingen 1997.
Bebel, »Indigenae« (Anm. 7), S. 66. E. S. Piccolomini, De Europa (Kap. 3, Anm. 33).
Ebd., S. 70 (und vgl. S. 66: corrupti). Das folgende Zitat: Bebel, Epitome laudum Suevorum, in: Schardius (Anm. 5), Bd. 1, S. 139. Tacitus hatte die Reinheit der Germanen als Folge der unwirtlichen Umgebung und der üblichen Formen des Reisens in der Antike erklärt. Nach Bebel waren die Angreifer jedoch nicht durch das von Wäldern starrende und von Sümpfen durchfeuchtete Deutschland abgeschreckt worden, vielmehr waren sie immer durch seine tapferen Vorfahren zurückgeschlagen worden. In Übereinstimmung mit seinem Bemühen, die Vergangenheit zu überhöhen, verwandelte der Poeta laureatus des Kaisers einen zufälligen Umstand in einem Vorzug.
Zum römischen Gründungsmythos siehe Livius, Die Geschichte Roms, Buch 1.8, bes. 5–6. Zu colluvies siehe Thesaurus Linguae Latinae, Bd. III, Sp. 1665.79–1666.25.
Aventinus, Bayerische Chronik (urspr. ersch. 1556), in: Ders., Sämmtliche Werke, hg. v. d. Königlichen Akademie der Wissenschaften, München 1880–1908, Bd. 4, S. 191; vgl. Ders., Deutsche Chronik (urspr. ersch. 1541), ebd., Bd. 1, S. 332 und 339–342. Zu Aventinus siehe Strauss (wie in Kap. 2, Anm. 14).
Aventinus (Anm. 25), Bd. 4, S. 53; vgl. Bd. 1, S. 329.
Ebd., Bd. 1, S. 302.
Ebd., Bd. 1, S. 333; er schreibt »Teutschenburg«.
Ebd., Bd. 1, S. 345. Das folgende Zitat: S. 346.
Ebd., Bd. 1, S. 353.
Dieser Absatz beruht auf Wimpfeling (Anm. 2), Kap. vi.
Bebel, »Oratio« (Anm. 11), S. 40. Tacitus, Germania 37, wird bei spielsweise von Wimpfeling, Bebel und Irenicus zitiert.
Sueton, Leben des Augustus 23.2.
Tacitus, Annalen 2.88.2. Zu Arminius/Hermann und seinem Mythos siehe Rainer Wiegels und Winfried Woesler (Hg.), Arminius und die Varusschlacht, Paderborn 1995.
Jacques Ridé, »Arminius in der Sicht der deutschen Reformatoren«, in: Arminius und die Varusschlacht (Anm. 34), S. 239–248.
Wimpfeling (Anm. 2), Kap. iii.
Tacitus, Germania 13–15, bes. 14.1.
Tacitus, Germania 24.2. Irenicus (Anm. 15), fol. fiiv.
Celtis, Germania generalis (Anm. 18), Vers 9 5. Die Charakterisierung des römischen Wankelmuts paraphrasiert Hutten (Anm. 3), Bd. 3, S. 330.
Bebel, »Oratio« (Anm. 11), S. 32–34.
Siehe Tiedemann (Anm. 12), S. 48–58. Zur kritischen Sicht des Beatus Rhenanus siehe das Nachwort.
Campano (Kap. 3, Anm. 22), fol. xciir.
Aventinus, Annales Ducum Boiariae (Anm. 25), Bd. 3, S. 423. Die folgende Etymologie stammt von Wimpfeling (Anm. 2), S. 203 f., ebenso auch das nachfolgende Zitat.
Aventinus, Bayrischer Chronicon (Anm. 25), Bd. 1, S. 108.
Dialogus Huttenicus quo homo patriae amantissimus patriae laudem celebravit, 1529.
Hutten (Anm. 3), Bd. 1, S. 355.
Hutten, Ad Crotum Rubianum, ist zitiert nach Theodore Ziolkowski, The Mirror of Justice: Literary Reflections of Legal Crises, Princeton 1997, S. 114. Siehe Gerald Strauss, Law, Resistance and the State: The Roman Law in Reformation Germany, Princeton 1986. In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts erschienen auch erstmals germanische Stammesgesetze im Druck: Johann Sichard, Leges Riboariorum Baioariorumque quas vocant a Theodorico rege Francorum latae, Basel 1530, und B. J. Herold, Originum ac Germanicarum antiquitatum libri, Basel 1557. Siehe Karl Kroeschell, »Germanisches Recht als Forschungsproblem«, in: Ders. (Hg.), Festschrift Thieme, Sigmaringen 1986, S. 3–20.
Hutten, Inspicientes (Anm. 3), Bd. 4, S. 289.
Aventinus, Deutsche Chronik (Anm. 25), Bd. 1, S. 345.
Bebel, »Epistula Henrici Bebelii iustingensis … de laudibus atque philosophia Germanorum veterum« (Anm. 7), S. 138–145, hier: S. 142. Piccolomini (an den Bebel hier möglicherweise denkt) ist zitiert in Kap. 3, Anm. 15.
Analphabetismus ist nur eine von mehreren Deutungsmöglichkeiten der Stelle Tacitus, Germania 19.1. Zu Celtis’ Druiden und Bebels Sprichwörtern siehe Krebs (Kap. 1, Anm. 39), S. 200, Anm. 17, und S. 241–248. Zu Zweifeln an der Echtheit: Leo Wiener, Tacitus’ Germania and other forgeries, New York 1920.
Wimpfeling (Anm. 2), S. 209 f. (die taciteischen Zitatschnipsel sind in Klammern gegeben): pudicitia (vgl. saepta pudicitia agunt), sincera ac pura (vgl. propriam et sinceram et tantum sui similem gentem), nobilitas (vgl. reges ex nobilitate), fortitudo (vgl. praecipuum fortitudinis incitamentum), proceritas (vgl. similis proceritas), libertas (vgl. illud ex libertate vitium, dies in einem Kontext, in dem Tacitus das beschreibt, woran Wimpfeling hier denkt), fides (vgl. bes. ea est in re prava pervicacia; ipsi fidem vocant), liberalitas (vgl. principis sui liberalitate), constantia (vgl. acies … labantes a feminis restitutas constantia precum). An zwei Stellen verwendet Wimpfeling das Wort anders als Tacitus.
Tacitus, Germania 20.2. Die Zahl der Fälle beruht auf einer Suche in der Bibliotheca Teubneriana Latina (Berlin 2009). Das Wort findet sich häufig in der Charakterisierung des Deutschen durch die Humanisten; siehe beispielsweise Epistula (Anm. 50), S. 138–145, wo Tacitus sogar noch genauer gefolgt wird als bei Wimpfeling. Die rassistischen Ausführungen finden sich in Günther, Rassengeschichte (Kap. 8, Anm. 59), S. 124.
Hutten, »Inspicientes« (Anm. 48), Bd. 4, S. 282.
Bebel, »Epistula« (Anm. 50), S. 142.
»Martia Roma prius fuerat, Cythereia nunc est« wird zitiert in einem Brief von Jacob Wimpfeling; siehe hierzu Ernst Martin, »Ein Brief von Jacob Wimpfeling«, in: Zeitschrift für Kirchengeschichte 7 (1885), S. 144–149, hier: S. 147.
Zum ersten Gespräch siehe Martin Luther, Werke, kritische Gesamtausgabe, Tischreden, Bd. 3, Weimar 1914, Nr. 3803, 3807. Das folgende Zitat: Bd. 4, Nr. 4555.
Althamer (Anm. 5), S. 19.
Germania Cornelii Taciti. Vocabula regionum enarrata et ad recentes adpellationes accomodata. Harminius Ulrici Hutteni. Dialogus cui titulus est Julius, hg. von Philipp Melanchthon, Wittenberg 1557 (urspr. ersch. 1538). Die Zitate entstammen dem Widmungsbrief, der abgedruckt ist in Philippi Melanchthonis opera quae supersunt omnia, hg. von C. G. Bretschneider, Bd. 3 (Corpus reformatorum III), Halle 1836, Nr. 1708, S. 565–567. Die Germania generalis des Celtis wurde erst in die zweite Auflage aufgenommen. Siehe Lewis W. Spitz, The Renaissance and Reformation Movements, Chicago 1971.
Johann Eberlin von Günzburg, Ein zamengelesen buochlin von der Teutschen Nation Gelegenheit, Sitten und Gebrauche, hg. von Achim Masser, Innsbruck 1986.
Der Verweis auf Celtis: Althamer (Anm. 5), S. 18. Eine stark erweiterte Version erschien 1536 in Nürnberg unter dem Titel Commentaria Germaniae in P. C. Taciti libellum de situ moribus & populis Germanorum.
Justus Georg Schottelius, FriedensSieg (urspr. ersch. 1648), hg. von F. E. Koldewey, Halle 1900, bes. S. 41. Zum Folgenden siehe ebd., bes. S. 48–51. Die Beschreibung des »Theatergermanen« Arminius beruht auf einem zeitgenössischen Stich von Conrad Buno, der abgedruckt ist in Sara Smart, Doppelte Freude der Musen: Court Festivities in Brunswick-Wolfenbüttel, 1642–1700, Wiesbaden 1989, S. 19, Abb. 5.
Jacob Balde, Silvarum liber iv. Threni, sive lamentationes Videntis vastationem Germaniae, in: Ders., Lyricorum libri IV, Epodon liber I et Silvarum libri IX, Köln 1706 (urspr. ersch. 1645), S. 387 ff., hier: S. 392. Zu Württemberg siehe Heinz Engels, Die Sprachgesellschaften des 17. Jahrhunderts, Gießen 1983, S. 6. Zum allgemeineren historischen Hintergrund siehe Cicely V. Wedgwood, Der 30jährige Krieg, München, Leipzig 1990 (im englischen Original urspr. ersch. 1938), bes. S. 29–61.
B. Ph. von Chemnitz’ unter einem Pseudonym erschienene Dissertatio de ratione status in imperio nostro Romano-Germanico ist zitiert nach E. H. Zeydel, The Holy Roman Empire in German Literature, New York 1918, S. 62.
Paul Fleming, »Germaniae exsulis ad suos filios sive proceres regni epistola« (1631), Vers 31, in: Ders., Paul Flemings lateinische Gedichte, hg. von J. M. Lappenberg, Stuttgart 1863, S. 187. Tacitus, Germania 33.2.
Justus Georg Schottelius, Lamentatio Germaniae Exspirantis: Der numehr [sic] hinsterbenden Nymphen Germaniae elendeste Todesklage , Braunschweig 1640, S. Ciij. Vgl. Sara Smart, »Justus Georg Schottelius and the Patriotic Movement«, in: Modern Language Review 84 (1989), S. 83–98, hier: S. 89.
Martin Opitz, »Aristarch«, in: Ders., Buch von der Deutschen Poeterey (1624), hg. von Herbert Jaumann, Stuttgart 2002, S. 77f. Zum Germanenmythos: Wilhelm Frenzen, »Germanenbild und Patriotismus im Zeitalter des deutschen Barock«, in: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 15 (1937), S. 203–219.
Philipp von Zesen, Rosen=mând, Vorwort, ist zitiert nach Ferdinand van Ingen, »Die Sprachgesellschaften des 17. Jahrhunderts: Versuch einer Korrektur«, in: Daphnis 1 (1972), S. 14–23, hier S. 19.
Conrad Celtis, Germania generalis (Kap. 4, Anm. 18), Vers 71 ff. Das Zitat aus ders., Panegyricus ad Maximilianum pro instituto & erecto collegio poetarum & mathematicorum, Vers 66–68. Zu Aventinus siehe seine Vorrede zur Bayrischen Chronik (Kap. 4, Anm. 25), Bd. 4, S. 6.
Zu dieser Anekdote siehe Wedgwood (Anm. 2), S. 43.
Justus Georg Schottelius, Ausführliche Arbeit von der teutschen HaubtSprache, Tübingen 1995 (urspr. ersch. 1663), S. 308. Zur Vivisektion siehe J. M. Moscherosch, Visiones de Don Quevedo: Wunderl. u. wahrhafftige Gesichte Philanders von Sittewalt, Hildesheim 1974 (urspr. ersch. 1642–1643), S. 698.
Teutscher vnartiger Sprach-Sitten und Tugend verderber ist zitiert nach Kurt Wels, Die patriotischen Strömungen in der deutschen Literatur des Dreissigjährigen Krieges, Greifswald 1913, S. 119.
J. G. Schottelius (Anm. 10), biiir. Zu einer längeren Fassung dieses Kapitels mit zusätzlicher Dokumentation siehe Christopher B. Krebs, »… jhre alte Muttersprache … unvermengt und unverdorben: Zur Rezeption der taciteischen Germania im 17. Jahrhundert«, in: Philologus 154 (2010), S. 119–139.
Siehe den vollständigen Titel von Justus Georg Schottelius, Teutsche Sprachkunst, Braunschweig 1641. Allgemein zum Thema »Sprachgesellschaften und nationale Utopien« siehe Wilhelm Kühlmann, in: Dieter Langewiesche und Georg Schmidt (Hg.), Föderative Nation: Deutschlandkonzepte von der Reformation bis zum Ersten Weltkrieg, München 2000, S. 245–264.
Zu einem Überblick über Theorien siehe W. J. Jones, »König Deutsch zu Abrahams Zeiten: Some Perceptions of the Place of German Within the Family of Languages, from Aventinus to Zedler«, in: J. L. Flood et al. (Hg.), Das unsichtbare Band der Sprache, Stuttgart 1993, S. 189–213. Das Buch der hundert Kapitel und der vierzig Statuten des sogenannten Oberrheinischen Revolutionärs ist zitiert nach diesem Aufsatz, S. 191. Das folgende Zitat: Schottelius (Anm. 10), S. 24.
Genesis 11,1–9 ist zitiert nach Die Heilige Schrift Alten und Neuen Testaments, übers. von Hermann Menge, Handbibel, Stuttgart 1928.
Philipp Clüver, Germania antiqua, Leiden 1616, S. 41. Dieser gesamte Absatz ist eine Rekonstruktion der Argumentation Clüvers mit Ausnahme des Alters der deutschen Sprache; siehe dazu J. R. Sattler, Teutschen Orthographey vnd Phraseologey, Hildesheim 1975 (urspr. ersch. 1607), S. 3.
Der Kommentator ist Althamer; siehe Friedrich Gotthelf, Das deutsche Altertum in den Anschauungen des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts, Berlin 1900, S. 20. Die nachfolgende Rekonstruktion folgt Clüver (Anm. 16), S. 80.
Die Charakterisierung stammt von Hermann Conring, De moribus Germanorum cum notis criticis Hermanni Conringi cura, 3. Aufl., Helmstedt 1678, S. 48. Zu Nürnberg siehe Kästner (Kap. 2, Anm. 11), S. 78.
Clüver (Anm. 16), Lectori auctor. Die vorangehende biografische Skizze beruht auf Joseph Partsch, Philipp Clüver, der Begründer der historischen Länderkunde, Wien 1891, S. 3–22.
Vgl. Tacitus, Germania 22.1, 17.2, 13.1, 20.1. Zu einer kurzen Erörterung dieser ikonografischen Serie siehe Stephanie Moser, Ancestral Images: The Iconography of Human Origins, Ithaca 1998, S. 85–90.
Zwei derartige kritische Stimmen finden sich in Theobald Bieder, Geschichte der Germanenforschung: 1. Teil, 1500 bis 1806, 2. Aufl., Leipzig 1939, S. 82.
Die Interpretation Clüvers reproduziert in verschiedener Hinsicht Theorien weniger bekannter Vorläufer. Zu einem umfassenden Überblick siehe Arno Borst, Der Turmbau von Babel: Geschichte der Meinungen über Ursprung und Vielfalt der Sprachen und Völker, Bd. 1–4, Stuttgart 1957–1963.
Clüver (Anm. 16), S. 82. In seiner eigenen Edition schreibt Clüver tatsächlich »Tuitonem deum«, weil er annimmt, dass Tacitus höchstwahrscheinlich dieser Dialektvariante von »Teuto« begegnet ist (ebd., S. 85). Da sich seine nachfolgende Argumentation aber leichter verfolgen lässt, wenn wir von »-eu-« ausgehen, und andere (so etwa Schottelius) den Gedankengang Clüvers übernehmen, aber »Teuto« bevorzugen, habe ich die Sache vereinfacht.
Clüver (Anm. 16), S. 84.
Schottelius (Anm. 10), S. 1018. Das folgende Zitat: Martin Opitz, Briefwechsel und Lebenszeugnisse, hg. von Klaus Conermann, Berlin 2009, Bd. 2, S. 792.
Christoph Schorers Sittenverderber (1644) ist zitiert nach W. J. Jones, Sprachhelden und Sprachverderber: Dokumente zur Erforschung des Fremdwortpurismus im Deutschen (1478–1750), Berlin u. a. 1995, S. 305–345, hier: S. 333.
Martin Opitz, Trostgedichte (1633), 1. Buch, in: Wolfgang Popp (Hg.), Dreißigjähriger Krieg: Eine Textsammlung aus der Barockliteratur , Münster 1998, S. 103.
Martin Kempe, Neugrünender Palm-Zweig der teutschen HeldenSprache und Poeterey (1664), in: Martin Bircher und Andreas Herz (Hg.), Die Fruchtbringende Gesellschaft unter Herzog August von Sachsen-Weissenfels, Tübingen 1997, S. 172, Vers 281. Heinrich Bebels Traktat: Commentaria de abusione linguae latinae apud Germanos, Straßburg 1500.
G. P. Harsdörffer, Frauenzimmer Gesprächspiele, hg. von Irmgard Böttcher, Tübingen 1968–1969 (urspr. ersch. 1644-49), Bd. 4, S. 519. Siehe Erich Trunz, »Schichten und Gruppen in der deutschen Literatur«, in: Ders., Deutsche Literatur zwischen Späthumanismus und Barock: Acht Studien, München 1995, S. 187–206.
Zu biografischen Informationen: Marian Szyrocki, Martin Opitz, 2. Aufl., München 1974. Siehe auch Curt von Faber du Faur, »Der Aristarchus: Eine Neuwertung«, in: Proceedings of the Modern Language Association 69 (1954), S. 566–590.
M. Opitz, Aristarch (Anm. 6), S. 78; die folgenden Zitate: Ebd., S. 78f.
Ebd., S. 78; das folgende Zitat: Ebd., S. 94.
M. Opitz, Buch von der Deutschen Poeterey (1624), (Anm. 6), Kap. 4, S. 23 f. Das folgende Zitat: Ebd. Zu Barden: Conrad Wiedemann, »Druiden, Barden, Witdoden«, in: Martin Birchner und Ferdinand van Ingen (Hg.), Sprachgesellschaften, Sozietäten, Dichtergruppen, Hamburg 1978, S. 131–150.
Schottelius (Anm. 10), S. 1018. Der Sinnspruch: D. C. von Lohenstein, Großmüthiger Feldherr Arminius, Hildesheim 1973 (urspr. ersch. 1689), »Ehrengetichte«, d3v.
Johann Klaj, »Lobrede der Teutschen Poeterey«, in: Ders., Redeoratorien und »Lobrede der teutschen Poeterey«, hg. von Conrad Wiedemann, Tübingen 1965, Anhang, S. 412, mit Verweis auf Melchior Goldast, Constitutiones imperiales, Bd. 1–4, Frankfurt a. M. 1607–1613.
Schottelius (Anm. 1), S. 50.
Friedrich von Logau, Sinngedichte, Stuttgart 1984, 2.8.13, S. 115. Siehe Ferdinand van Ingen, »Die Sprachgesellschaften des 17. Jahrhunderts: Versuch einer Korrektur«, in: Daphnis 1 (1972), S. 14–23.
Schottelius, Fruchtbringender Lustgarte: Kurzer Vorbericht An die Hochloeblichste Fruchtbringende Gesellschaft, hg. von Marianne Burkhard, München 1967 (urspr. ersch. 1689), iiiir. Siehe auch Klaus Conermann, »Die Fruchtbringende Gesellschaft«, in: Veröffentlichungen des Historischen Museums für Mittelanhalt Köthen 25 (2002), S. 26–56.
Logau (Anm. 37), S. 212; vgl. Hans Kohn, The Idea of Nationalism: A Study in its Origins and Background, New Brunswick, NJ 2005 (urspr. ersch. 1944), S. 684, Anm. 21. Andere Strategien zur Rechtfertigung von Trunkenheit erörtert Nienke Lammersen-van Deursen, Rhetorische Selbstporträts, Amsterdam 2007, S. 86–91. Die Übersetzung: K. M. Grodnitz von Grodnau, Tacitus, C. Cornelius (Lat.) … Beschreibung 2. Der Teutschen-Völcker Ursprunges …, Frankfurt a. M. 1657.
Schottelius (Anm. 38), iiiiv.
Siehe den Eintrag Schottelius im Köthener Gesellschaftsbuch (Nr. 397). Siehe auch J. J. Berns, »Der weite Weg des Justus Georg Schottelius von Einbeck nach Wolfenbüttel: Eine Studie zu den Konstitutionsbedingungen eines deutschen Gelehrtenlebens im 17. Jahrhundert«, in: Einbecker Jahrbuch 30 (1974), S. 5–20. Der vollständige Titel von Schottelius’ magnum opus lautet: Ausführliche Arbeit Von der Teutschen HaubtSprache. Worin enthalten Gemelter dieser HaubtSprache Uhrankunft / Uhraltertuhm / Reinlichkeit/ Eigenschaft/ Vermögen/ Unvergleichlichkeit/ Grundrichtigkeit / zumahl die SprachKunst und VersKunst Teutsch und guten theils Lateinisch völlig mit eingebracht/ wie nicht weniger die Verdoppelung/ Ableitung/ die Einleitung/ Nahmwörter/ Authores vom Teutschen Wesen und Teutscher Sprache/ von der verteutschung/ Item die Stammwörter der Teutschen Sprache samt der Erklärung und derogleichen viel merkwürdige Sachen; Abgetheilet In Fünf Bücher, Braunschweig 1663.
Der Römer Marcus Terentius Varro war ein Universalgelehrter, unter seinen zahlreichen Büchern finden sich 25 über die lateinische Sprache (von denen nur fünf erhalten sind). Schottelius’ Ehrenname zeigt die Anerkennung, die er bei seinen Zeitgenossen genoss. Er lässt aber auch den fortgesetzten paradigmatischen Status erkennen, den die Römer bei den Propagandisten des Nationalen einnehmen. Deutsche Größe wurde zumindest teilweise immer noch mit (griechischen und) römischen Maßstäben gemessen.
Friedrich Gundolf, »Justus Georg Schottelius«, in: Hans Teske (Hg.), Deutschkundliches: Friedrich Panzer zum 60. Geburtstag, Heidelberg 1930, S. 72.
Schottelius (Anm. 10), S. 123.
Klaj (Anm. 35), S. 403, und Logau (Anm. 37), 3.5.43, S. 164. Siehe Andreas Gardt, Sprachreflexion in Barock und Frühaufklärung: Entwürfe von Böhme bis Leibniz, Berlin 1994, S. 148–150.
»Heldensprache«: G. P. Harsdörffer, Poetischer Trichter, Hildesheim 1971 (urspr. ersch. 1648–1653), Teil 3, S. 5.
Schottelius (Anm. 10), S. 5, und das Folgende ebd., S. 166.
Schottelius (Anm. 1), S. 15.
Diese Episode und der Schriftwechsel finden sich in Huit Dissertations que M. le Comte de Hertzberg a lues dans les assemblées publiques de l’Académie Royale des Sciences & Belles-Lettres de Berlin … dans les années 1780–87, Berlin 1787, S. 39–44. Zu einer Biografie Hertzbergs siehe A. T. Preuss, Ewald Friedrich Graf von Hertzberg, Berlin 1909. Zum historischen Hintergrund stütze ich mich hier und an anderen Stellen auf Rudolf Vierhaus, Deutschland im Zeitalter des Absolutismus, Göttingen 1978.
Der vollständige Titel lautet: Dissertation tendant à expliquer les causes de la supériorité des Germains sur les Romains & à prouver que le Nord de la Germanie ou Teutonie entre le Rhin & la Vistule, & principalement la présente Monarchie Prussienne, est la patrie originaire de ces nations héroiques, qui dans la fameuse migration des peuples ont détruit l’Empire Romain, & qui ont fondé & peuplé les principales monarchies de l’Europe. Alle Zitate sind der in Anm. 1 angeführten Ausgabe entnommen.
Die biografischen Angaben stammen aus Robert Shackleton, Montesquieu: A Critical Biography, London 1961.
Louis de Jaucourt, Stichwort »Germanie«, in: Encyclopédie, ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers, Paris 1751–1765, Bd. 7, S. 644–646. Allgemein zu Tacitus in Frankreich von Montesquieu bis Chateaubriand siehe Volpilhac-Auger (Einleitung, Anm. 15).
Zur querelle des races siehe Léon Poliakov, Der arische Mythos: Zu den Quellen von Rassismus und Nationalismus, übers. von Margarete Venjakob, Wien 1977, S. 33–56; De Montlosier und Sieyès sind zitiert auf S. 48 bzw. 46.
Montesquieu, Vom Geist der Gesetze, in neuer Übertragung eingel. u. hg. von Ernst Forsthoff, Bd. 1–2, Tübingen 1951. Die Verweise beziehen sich auf Buch und Kapitel; siehe Vom Geist 1.1 und 19.4.
Vom Geist (Anm. 6), 19.14. Zu Montesquieus Exemplar der Abhandlung siehe Shackleton (Anm. 3), S. 307; zur Beliebtheit dieser Theorie vgl. G.-L. Fink, »Von Winckelmann bis Herder: Die deutsche Klimatheorie in europäischer Perspektive«, in: Gerhard Sauder (Hg.), Johann Gottfried Herder, 1744–1803, Hamburg 1987, S. 156–176.
Johann Heumann von Teutschenbrunn, Der Geist der Geseze der Teutschen, Nürnberg 1761, S. 9.
Vom Geist (Anm. 6), 30.2. Meine Zählung der Tacitus-Verweise beruht auf Catherine Volpilhac-Auger, Tacite et Montesquieu, Oxford 1985, S. 190.
Vom Geist (Anm. 6), 11.6; siehe auch: 18.30, 28.2, 31.4.
Sebastian Franck, Chronicon Germaniae, 1538, fol. 6b, zitiert nach Erwin Hölzle, Die Idee einer altgermanischen Freiheit vor Montesquieu , München 1925, S. 18.
Tacitus, Germania 11.1. »Verderbliche Staatsmaximen« ist die Charakterisierung, die Heumann (Anm. 8), fol. 2v, gibt.
»Commentaire sur l’esprit des lois«, in: Oeuvres complètes de Voltaire, Paris 1876–1900, Bd. 31, S. 297, 307; meine Paraphrase schließt sich eng an das Original an. Der Ausdruck »in den Wäldern« wurde zu einer gängigen Formulierung, siehe Poliakov (Anm. 5).
Zu der Besprechung siehe Göttingische Zeitungen von gelehrten Sachen 1749, 90. Stück, S. 715–718. Kästner (»Vorrede«, S. xi – xiii) ist zitiert nach Frank Herdmann, Montesquieurezeption in Deutschland im 18. und beginnenden 19. Jahrhundert, Hildesheim 1990, S. 85. Zu Der Geist der Geseze der Teutschen siehe Anm. 8. J. H. G. von Justi, Die Natur und das Wesen der Staaten, Berlin 1760, hatte schon in seinem (nicht paginierten) Vorwort vom »Geist der Gesetze« gesprochen.
F. K. von Moser, Von dem deutschen Nationalgeist, Nürnberg 1976 (urspr. ersch. 1765), S. 5, 7, 33. Zu biografischen Informationen siehe Allgemeine Deutsche Biographie, Leipzig 1885, Bd. 22, S. 764–783.
F. C. K. v. Creutz, Versuch einer pragmatischen Geschichte von der merkwuerdigen Zusammenkunft des teutschen Nationalgeistes und der politischen Kleinigkeiten, Frankfurt a. M. 1766, S. 24, 6.
Heinrich Wilhelm v. Bülow, Noch etwas zum deutschen Nationalgeiste , Lindau 1766, S. 35, 92.
J. H. Eberhard, Freie Gedancken über einige der neuesten Staats-Strittigkeiten , 1767, ist zitiert nach Nicholas Vazsonyi, »Montesquieu, Friedrich Carl von Moser, and the ›National Spirit Debate‹ in Germany, 1765–1767«, in: German Studies Review 22 (1999), S. 225–246, bes. S. 236.
Die beiden Zitate stammen von Friedrich Nicolai: Brief vom 9. Juli 1765 (zitiert in Kohl (Anm. 43), S. 112) und Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker (1773, zitiert in Robert R. Ergang, »Moser and the Rise of National Thought in Germany«, in: Journal of Modern History 5 (1933), S. 172–196, hier: S. 173). Goethe und Schiller sind zitiert nach Conrad Wiedemann, »The Germans’ Concern about Their National Identity in the Pre-Romantic Era: An Answer to Montesquieu?«, in: Peter Boerner (Hg.), Concepts of National Identity, Baden-Baden 1986, S. 141–152, hier: S. 143.
Herder’s Sämmtliche Werke, hg. von Bernhard Suphan, Berlin 1877–1913, Bd. 13, S. 384. Zu der Frage, wie Herder Deutschland erfuhr, siehe A. J. La Vopa, »Herder’s Publikum: Language, Print, and Sociability in Eighteenth-Century Germany«, in: Eighteenth-Century Studies 29 (1996), S. 5–24. Sämmtliche Werke im Folgenden SW.
Vom Geist (Anm. 6), 1.3, 28.1, 18.22.
Montesquieu, Persische Briefe, übers. u. hg. von Peter Schunck, Stuttgart 2007, Nr. 103.
Heumann (Anm. 8), fol. 2r, 5. Auf das Problem kommt er später noch zurück, beispielsweise bei der Erörterung der »einheimischen und Hülfs-Rechte« (S. 101).
Der einflussreiche Erforscher des deutschen Rechts Hermann Conring (1606–1681) veröffentlichte 1643 eine Abhandlung über den Ursprung des deutschen Rechts, dank der man ihn als den Begründer der deutschen Rechtsgeschichte ansieht. Er verweist dankbar auf Tacitus, der den deutschen Vorfahren eine »wohlgeordnete Gemeinschaft und lobenswerte Sitten« zuschrieb (De origine juris germanici, Helmstedt 1643, S. 18f.). Leider waren in seiner Darstellung keine Gesetze zu finden, und die Germania, von der er eine eigene Ausgabe veranstaltete (De moribus Germanorum cum notis criticis Hermanni Conringi cura, Helmstedt 1652), lieferte lediglich den historischen Kontext für diejenigen, die sich für deutsches Recht im Allgemeinen und für dessen Ursprünge im Besonderen interessierten.
G. C. Gebauer, Vestigia iuris Germanici antiquissima in Cornelii Taciti Germania obvia, Göttingen 1766, im Wesentlichen eine Sammlung früher verfasster Aufsätze. Die Bemerkung des Tacitus: Germania 12.2.
Justus Möser, »Zwei Recensionen über ›Von dem deutschen Nationalgeiste (Frankfurt a. M. 1765)‹ und ›Noch Etwas zum deutschen Nationalgeiste (Lindau 1766)‹«, in: Ders., Sämmtliche Werke, hg. von B. R. Abeken, Berlin 1843, Bd. 9, S. 240–245, hier: S. 241 (gekürzt).
Friedrich Nicolai, »Leben Justus Möser’s«, in: J. Möser, Sämmtliche Werke (Anm. 26), Bd. 10, S. 47. Eine neuere Arbeit zu Mösers Zeit: J. B. Knudsen, Justus Möser and the German Enlightenment, Cambridge 1986.
Herder, »An das Lief- und Estländische Publikum« (urspr. ersch. 1772), in: Ders., SW (Anm. 20), Bd. 5, S. 347. Siehe auch Der Teutsche Merkur 2 (1773), S. 259.
Möser, SW (Anm. 26), Bd. 6, bes. S. ixf.
Ebd., S. 40 f. Vgl. Tacitus, Germania 12.3. Mösers kritischer Leser: J. Ch. Gatterer, »Rezension zu ›Justus Mösers Oßnabrueckische Geschichte. Allgemeine Einleitung‹«, in: Allgemeine historische Bibliothek 9 (1769), S. 111.
Tacitus, Germania 26.3 (vgl. 14.5, 15.1). Montesquieu, Vom Geist (Anm. 6) 18.21. Siehe K. H. L. Welker, »Altes Sachsen und koloniales Amerika: Naturrechtsdenken und Tacitusrezeption bei Justus Möser«, in: R. Wiegels und W. Woesler (Kap. 4, Anm. 34), S. 323–344, zu Eigentum als Qualifikation sowie (trotz gelegentlich verwendeten Nazijargons) Horst Kirchner, Das germanische Altertum in der deutschen Geschichtsschreibung des achtzehnten Jahrhunderts, Berlin 1938, S. 46–56, zu der Kontroverse über die Landwirtschaft bei den Germanen.
Mösers Brief an Thomas Abbt (ca. 10. August 1765), in: J. Möser, Briefe, hg. von Ernst Beins und Werner Pleister, Hannover 1939, S. 195–198, erörtert Peter Schmidt, Studien über Justus Möser als Historiker, Göppingen 1975, S. 118.
Möser, SW (Anm. 26), Bd. 5, S. 202.
Jacob Grimm, »Vorrede, Deutsches Wörterbuch I«, in: Ders., Kleinere Schriften, Bd. 8: Vorreden, hg. von Eduard Ippel, Gütersloh 1871, S. 338.
J. C. L. de Simonde, De la vie et des écrits de P. H. Mallet, Genf 1807, S. 13.
Die Titel der beiden Bände Mallets lauten Introduction à l’histoire de Dannemarc, où l’on traite de la religion, des loix, des moeurs & des usages des anciens Danois und Monuments de la mythologie et de la poésie des Celtes et particulièrement des anciens Scandinaves: pour servir de supplement et de preuves à l’Introduction à l’histoire de Dannemarc. Ich zitiere das Werk nach der englischen Übersetzung von Bischof Percy: Northern Antiquities, rev. Ausg., London 1847, abgekürzt im Folgenden mit NA. Zur nordischen Renaissance siehe F.-X. Dillmann, »Frankrig og den nordiske fortid – de første etaper af genopdagelsen«, in: Else Roesdahl und P. M. Sørensen (Hg.), The Waking of Angantyr: The Scandinavian Past in European Culture, Århus 1996, S. 13–26.
Ich paraphrasiere das Vorwort, NA (Anm. 36), S. 55–59; das Zitat: S. 122.
Gottfried Schütze, Der Lehrbegriff der alten deutschen und nordischen Völker von dem Zustande der Seelen nach dem Tode überhaupt, Leipzig 1750, S. 65.
Mallet behandelt die Religion vorwiegend in NA (Anm. 36), Kap. 3–6; die Zitate: S. 122, 83. Die Umdeutung findet sich in Schütze (Anm. 38), S. 227. Eine neuzeitliche Untersuchung über »Tacitus’ Germania als religionsgeschichtliche Quelle« bietet Dieter Timpe, in: Heinrich Beck (Hg.), Germanische Religionsgeschichte: Quellen und Quellenprobleme, Berlin 1992, S. 434–58.
NA (Anm. 36), S. 221–23 (Runen), 158 und 235–39 (Barden).
Otto Fischer (Hg.), H. W. v. Gerstenbergs Rezensionen in der Hamburgischen Neuen Zeitung 1767–1771, Berlin 1904, S. 269. Zur Rezeption der nordischen Mythologie siehe Lutz Rühling, »Das deutsche Bild Skandinaviens: Von barocker Poeterey bis zum wilden Norden«, in: Heinrich Detering (Hg.), Grenzgänge: Skandinavisch-deutsche Nachbarschaften, Göttingen 2001, S. 60–77.
Klopstock (an Denis, 8. September 1767), in: Ders., Briefe, Bd. 5, hg. von Klaus Hurlebusch, in: Ders., Werke und Briefe, hg. von Horst Gronemeyer et al., Berlin 1974, Nr. 18, S. 24. Das Porträt, das Klopstock von den alten Deutschen zeichnet, erörtert Jean Murat, Klopstock: Les thèmes principaux de son oeuvre, Straßburg 1959, S. 255–311, bes. S. 293–96.
Klopstocks Brief an Tscharner (13. September 1750) ist zitiert in Katrin Kohl, Friedrich Gottlieb Klopstock, Stuttgart 2000, S. 41. Zum Folgenden siehe allgemeiner Klaus Düwel und Harro Zimmermann, »Germanenbild und Patriotismus in der deutschen Literatur des 18. Jahrhunderts«, in: Heinrich Beck (Hg.), Germanenprobleme in heutiger Sicht, Berlin 1986, S. 358–395.
Das Diktum Herders ist zitiert nach Dieter Lohmeier, »Kopenhagen als kulturelles Zentrum der Goethezeit«, in: Grenzgänge (Anm. 41), S. 78–95, hier: S. 78. Die abschließende Charakterisierung Klopstocks stammt von de Staël, zitiert nach Robert Ergang, »National Sentiment in Klopstock’s Odes and Bardiete«, in: E. M. Earle (Hg.), Nationalism and Internationalism, New York 1950, S. 122–143, hier: S. 122.
Klopstock, Die deutsche Gelehrtenrepublik, hg. von R. M. Hurlebusch, Berlin 1975, S. 144.
Klopstock, Hermanns Schlacht, hg. von M. E. Amtstätter (Anm. 42), Abteilung Werke, Bd. 6.1, S. 77, 151. Der Brief an Johann Friedrich Boie (24. November 1767) wird zitiert in Harro Zimmermann, Freiheit und Geschichte: F. G. Klopstock als historischer Dichter und Denker, Heidelberg 1987, S. 234.
Die Ode Klopstocks ist zitiert in Bernd Fischer, Das Eigene und das Eigentliche, Berlin 1995, S. 146. Das Gedicht trägt den Titel »Unsre Sprache«. Zum Vergleich mit Zesen siehe Kohl (Anm. 43), S. 53.
Klopstock, Briefe 1776–1782, hg. von Helmut Riege (Anm. 42), Bd. 7.2, S. 435. Der Brief an Ebert (18. Februar 1769) ist zitiert in Kohl (Anm. 43), S. 106.
Herder, »Eine Erscheinung«, in: Ders., SW (Anm. 20), Bd. 29, S. 333. Siehe auch Dieter Lohmeier, Herder und Klopstock, Bad Homburg 1968, bes. S. 15–28.
»Auf meinen ersten Todten«: Herder, SW (Anm. 20), Bd. 29, S. 282. Die biografischen Angaben stammen aus Wulf Koepke, Johann Gottfried Herder, Boston 1987, bes. S. 1–8.
Herder, »Iduna«, in: Ders., SW (Anm. 20), Bd. 18, S. 488. Das folgende Zitat: »Fragmente über die neuere deutsche Literatur«, in: SW (Anm. 20), Bd. 1, S. 366.
Ebd., Bd. 1, S. 366. Das folgende Zitat: Ebd., S. 185. Die Bemerkung des Tacitus: Germania 4.1.
Herder, in: SW (Anm. 20), Bd. 2, S. 32 (die kursiven Textteile stehen für die ursprünglichen lateinischen Passagen, die Herder zitiert: informem terris, asperam coelo, tristem cultu adspectuque und nec tam voces illae, quam virtutis concentus videntur. Das Folgende: »Zusatz zu der neuen Ausgabe«, in: SW (Anm. 20), Bd. 2, S. 246. Zu Herders Interesse an Folklore siehe W. A. Wilson, »Herder, Folklore and Romantic Nationalism«, in: Journal of Popular Culture 6 (1973), S. 819–835. Als Herder eine Sammlung solcher Lieder veröffentlichte, gab er ihr den bezeichnenden Titel Stimmen der Völker in Liedern.
Herder, »Von deutscher Art und Kunst, Stimmen der Völker, Vorrede«, ist zitiert in Otto Dann,«Herder und die Deutsche Bewegung«, in: Gerhard Sauder (Hg.), Johann Gottfried Herder, 1744–1803, Hamburg 1987, S. 308-40. Zu »Das Wort ›Volk‹ im Sprachgebrauch Johann Gottfried Herders« siehe Wulf Koepke, in: Lessing Yearbook 19 (1987), S. 207-20.
Herder, SW (Anm. 20), Bd. 2, S. 42.
Ebd., Bd. 13, S. 252, 257; vgl. F. M. Barnard, Herder’s Social and Political Thought, Oxford 1965, S. 70. Zur Rezeption Herders siehe Bernhard Becker, »Phasen der Herder-Rezeption von 1871–1945«, in: Sauder (Anm. 54), S. 423–436.
Jacob Grimm, Geschichte der deutschen Sprache, ist zitiert nach Ludwig Denecke, Jacob Grimm und sein Bruder Wilhelm, Stuttgart 1971, S. 97. Zum historischen Hintergrund siehe David Blackbourn, History of Germany, 1780–1918: The Long Nineteenth Century , 2. Aufl., Malden 2003.
Friedrich Kohlrausch, Deutschlands Zukunft: In sechs Reden, Elberfeld 1814. Seine Autobiografie: Erinnerungen aus meinem Leben, Hannover 1863.
Friedrich Kohlrausch, Die deutsche Geschichte für Schule und Haus, wird normalerweise nach der 9. Auflage (Elberfeld 1829) zitiert, aber diese Passage ist nach der 1. Auflage (Die teutsche Geschichte: Für Schulen bearbeitet, 1. Abteilung, Elberfeld 1816, S. 30) wiedergegeben, da sie in späteren Auflagen offenbar weggelassen wurde.
Johann Gottlieb Fichte, Reden an die deutsche Nation, hg. von Alexander Aichele, Hamburg 2008, S. 233, 13.
Jacob Grimm, »Vorrede«, in: Ders. und Wilhelm Grimm, Deutsches Wörterbuch, Bd. 1, Leipzig 1854, Sp. I – LXVIII, hier: Sp. III; vgl. Peter Ganz, Jacob Grimm’s Conception of German Studies, Oxford 1973, S. 11.
Die biografischen Informationen beruhen auf W. G. Jacobs, Johann Gottlieb Fichte, Hamburg 1984. Zu seinem Aufenthalt in Berlin siehe Stefan Reiß, »Fichte in Berlin«, in: Ursula Baumann (Hg.), Fichte in Berlin, Hannover-Laatzen 2006, S. 9–46, bes. S. 11.
Johann Gottlieb Fichte, Gesamtausgabe der Bayerischen Akademie, hg. von Reinhard Lauth und Hans Jacob, Stuttgart 1962, Bd. I, 9, S. 289.
Alle Zitate stammen aus Fichte, Reden (Anm. 4), S. 108, 138, 96, 104. Von Tacitus spricht Fichtes Sohn (Immanuel Hermann Fichte, Fichtes Leben und litterarischer Briefwechsel, Sulzbach 1830, Bd. 1, S. 538), wobei er vor allem die Bücher der Annalen erwähnt, die Arminius behandeln.
Fichte (Anm. 4), S. 250. Siehe Aira Kemilainen, Auffassungen über die Sendung des deutschen Volkes um die Wende des 18. u. 19. Jahrhunderts , Helsinki 1956.
Siehe Gregory Moore (Hg.), Fichte: Addresses to the German Nation, Cambridge 2008, S. xx – xxiii, bes. S. xx.
Fichte (Anm. 4), S. 60 f., und das Folgende: S. 62.
Stein ist zitiert nach G. S. Ford, Stein and the Era of Reform in Prussia, 1807–1815, Princeton 1922, S. 144.
Heinrich Heine, »Geständnisse«, in: Ders., Sämtliche Werke, hg. von Oskar Walzel, Leipzig 1910–1915, Bd. 10, S. 151.
Friedrich Ludwig Jahn, Deutsches Volkstum, Berlin 1991 (urspr. ersch. 1810), S. 26. Das folgende Zitat: S. 22. Zu »Volksthum, volksthümlich und -keit« siehe Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Deutsches Wörterbuch, Leipzig 1854–1960, Bd. 26, Sp. 500.
Jahn (Anm. 14), S. 157. Zum Folgenden: Deutsches Wörterbuch (Anm. 14), Bd. 22, Sp. 1876, Stichwort »Turnen«.
Freiherr vom Steins Worte über die Monumenta sind zitiert nach Walter Goetz, Historiker in meiner Zeit, Köln 1957, S. 92. Zur Bedeutung der Germania für das Gebiet der deutschen Altertumskunde siehe Mario Mazza, »La ›Germania‹ di Tacito: etnografia, storiografia e ideologia nella cultura tedesca dell’Ottocento«, in: Studi Urbinati di Storia, Filosofia e Letteratura 53 (1979), S. 167–217.
Siehe Grimms Selbstbiographie in J. u. W. Grimm, Werke, Abt. 1: Die Werke J. Grimms, Bd. 1, Kleinere Schriften, 2. Aufl., Hildesheim 1991, S. 1–24, bes. S. 18. Siehe auch Denecke (Anm. 1), S. 140. Das folgende Zitat: Hermann Engster, Germanisten und Germanen, Frankfurt a. M. 1986, S. 16.
Karl Friedrich Eichhorn, Deutsche Staats- und Rechtsgeschichte, Göttingen 1808–1812, Vorrede, S. III f.
Siehe Kroeschell (Kap. 4, Anm. 47), S. 5.
Jacob Grimm, Deutsche Mythologie, Hildesheim 2003 (urspr. ersch. 1835), Vorrede, S. vi.
Fichte (Anm. 4), S. 106. Die biografischen Informationen zu Kohlrausch stammen aus seinen Erinnerungen (Anm. 2).
Jenaische Allgemeine Literatur-Zeitung 1817, Bd. 1, Nr. 16. Die lobenden Zuschriften erwähnt Kohlrausch (Anm. 2), S. 168. Zur Schulreform siehe K.-E. Jeismann, »Einleitung«, in: Ders. und Peter Lundgreen (Hg.), Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte, München 1987, Bd. 3, S. 1–9.
Zu den Informationen über die Veröffentlichung und die Auflagen siehe Ernst Weymar, Das Selbstverständnis der Deutschen, Stuttgart 1961, S. 22, Anm. 21 f.
Kohlrausch, Die teutsche Geschichte, 1. Abteilung, 1. Aufl. (Anm. 3), S. 30.
Ebd., S. 17. F. A. Eckstein, Lateinischer und griechischer Unterricht, Leipzig 1887, S. 238–243, behauptete in seinem Überblick über die pädagogische Debatte bezüglich der Frage, ob die Germania als Schultext geeignet sei, kein junger Deutscher sollte das Gymnasium verlassen, ohne dieses Werk kennengelernt zu haben; das läge, so fügte er hinzu, im Interesse des Vaterlandes.
Alle Zitate: Kohlrausch (Anm. 3), S. 24, 57, 19 (Hervorhebung Christopher B. Krebs).
Robert Bernasconi, »Who Invented the Concept of Race? Kant’s Role in the Enlightenment Construction of Race«, in: Ders. (Hg.), Race, Malden, MA 2001, S. 11–36, hier: S. 11.
Linné ist zitiert nach Lisbet Koerner, Linnaeus: Nature and Nation, Cambridge 1999, S. 25. Der Ausdruck »Mismeasure« ist entlehnt von S.J. Gould, The Mismeasure of Man, New York 1981.
M.-J.-P. Flourens, »Éloge historique de Jean-Frédéric Blumenbach«, in: Johann Friedrich Blumenbach, The Anthropological Treatises of Johann Friedrich Blumenbach, hg. von Thomas Bendyshe, Boston 1978 (urspr. ersch. 1865), S. 47–64, bes. S. 50f.
De generis humani varietate nativa erschien ursprünglich 1775, in einer revidierten Auflage 1781 und dann noch einmal stark erweitert 1795. Ich zitiere nach Anthropological Treatises (Anm. 29), S. 71, 202, 233, 72. Zum Thema Degeneration: S.J. Gould, »Geometer of Race«, in: Discover 15 (1994), S. 65–69.
Blumenbach, Variety (Anm. 29), S. 269; vgl. S. 224, 226, wo er »den Bewohnern des alten Deutschland« kaukasische Eigenschaften zuschreibt. Siehe zu ihm und der kaukasischen Rasse B. D. Baum, The Rise and Fall of the Caucasian Race, New York 2006, bes. S. 80 f., 89. Zu der Fehde siehe F. W. P. Dougherty, »Christoph Meiners und J. F. Blumenbach im Streit um den Begriff der Menschenrasse«, in: Gunter Mann und Franz Dumont (Hg.), Die Natur des Menschen, Stuttgart 1990, S. 89–112.
Jahn, Volkstum (Anm. 14), S. 34. Bei näherem Hinsehen vertraten Fichte, Arndt und selbst Jahn pluralistischere Ansichten; siehe Brian Vick, »The Origins of the German Volk: Cultural Purity and National Identity in Nineteenth-Century Germany«, in: German Studies Review 26 (2003), S. 241–256. Zu Gall siehe Gunter Mann, »Franz Joseph Gall (1758–1828) und Samuel Thomas Soemmerring: Kranioskopie und Gehirnforschung zur Goethezeit«, in: Ders. und Franz Dumont (Hg.), Samuel Thomas Soemmerring und die Gelehrten der Goethezeit, Stuttgart 1987, S. 149–189. Zu Kohlrauschs Studien bei Blumenbach siehe seine Erinnerungen (Anm. 2), S. 48.
Ebd., S. 165.
Ernst Moritz Arndt, Reisen, Dritter Teil, 2. Aufl., Leipzig 1804, S. 85. Stein ist zitiert nach Georg Heinrich Pertz, Das Leben des Ministers Freiherrn vom Stein, 2. Aufl, Berlin 1851, Bd. 2, S. 116; vgl. A. G. Pundt, Arndt and the Nationalist Awakening in Germany, New York 1935, S. 92.
Arndt, Fantasien zur Berichtigung der Urteile über künftige deutsche Verfassungen (urspr. ersch. 1815), ist zitiert nach ders., Schriften für und an seine lieben Deutschen, Leipzig 1845, Bd. 2, S. 319–462, hier: S. 376f.; vgl. Hans Kohn, »Arndt and the Character of German Nationalism«, in: The American Historical Review 44 (1949), S. 787–803, bes. S. 791 f. Zu Arndts Rassismus siehe Brian Vick, »Arndt and German Ideas of Race: Between Kant and Social Darwinism«, in: Walter Erhart und Arne Koch (Hg.), The Problematic Legacies of Ernst Moritz Arndt, Tübingen 2007, S. 65–76.
Arthur de Gobineau, Essai sur l’inégalité des races humaines, Bd. 1–4, Paris 1853–1855. Die Zitate folgen der deutschen Übersetzung: Versuch über die Ungleichheit der Menschenracen, übers. von Ludwig Schemann, Bd. 1–4, Stuttgart 1898–1901. Zu den biografischen Informationen siehe Jean Boissel, Gobineau: Biographie. Mythes et réalité, Paris 1993. Zur Veröffentlichung des Essai siehe Michel Lemonon, »Gobineau, père du racisme? La diffusion en Allemagne des idées de Gobineau sur les races«, in: Recherches Germaniques 12 (1982), S. 78–108.
Alle Zitate aus Gobineau, Versuch (Anm. 36), Bd. 1, S. 278, Bd. 2, S. 181 (2x), Bd. 1, S. 68, Bd. 1, S. 284, Bd. 1, S. 12 (2x). Zur Theorie Gobineaus im Kontext rassistischer Ideen siehe E. J. Young, Gobineau und der Rassismus: Eine Kritik der anthropologischen Geschichtstheorie, Meisenheim am Glan 1968.
The Works of Sir William Jones, London 1807, Bd. 2, S. 268.
Friedrich Max Müller, Three Lectures on the Science of Language and Its Place in General Education, Chicago 1890, S. 70.
R. G. Latham, einer der am häufigsten zitierten Verfechter des europäischen Ursprungs, äußerte sich über diese »arische Frage« in seiner Schrift The Germania of Tacitus with Ethnological Dissertations and Notes, London 1851, S. cxlii. Zur Verwendung des Terminus »Arier« siehe Hans Siegert, »Zur Geschichte der Begriffe ›Arier‹ und ›arisch‹«, in: Wörter und Sachen. Zeitschrift für indogermanische Sprachwissenschaft, Volksforschung und Kulturgeschichte 4 (1941/42), S. 73–99. Der deutsche Rezensent ist zitiert in Lemonon (Anm. 36), S. 90.
Versuch (Anm. 36), Bd. 4, S. 316; Bd. 2, S. 185 (2x); Bd. 4, S. 97.
Ebd., Bd. 4, S. 98; Bd. 4, S. 109.
Ebd., Bd. 4, S. 122. Gobineaus Aufsatz »Ce qui se fait en Asie« ist zitiert nach Ludwig Schemann, Gobineaus Rassenwerk, Stuttgart 1910, S. 484.
Der Auszug aus Wagners Brief (1. März 1871) ist zitiert in Winfried Schüler, Der Bayreuther Kreis von seiner Entstehung bis zum Ausgang der wilhelminischen Ära, Münster 1971, S. 1 f.
Siehe zu dieser Episode Young (Anm. 37), S. 235.
Zu dieser Beobachtung siehe Lemonon (Anm. 36), S. 92f.
Schemann (Anm. 43), S. 333.
Houston Stewart Chamberlain, Dilettantismus, Rasse, Monotheismus , Vorwort zur 4. Auflage der Grundlagen des 19. Jahrhunderts, München 1903, S. 18.
Thomas Nipperdey, »Interessenverbände und Parteien in Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg«, in: Ders., Gesellschaft, Kultur, Theorie: Gesammelte Aufsätze zur neueren Geschichte, Göttingen 1976, S. 319–337, hier: S. 324. Vgl. Roger Chickering, We Men Who Feel Most German: A Cultural Study of the Pan-German League, 1886–1914, London 1984, S. 25.
Das Programm des Deutschbundes ist zitiert nach Uwe Puschner, »Die Germanenideologie im Kontext der völkischen Weltanschauung«, in: Göttinger Forum für Altertumswissenschaft 4 (2001), S. 85–97, bes. S. 88 f.
Otto Ammon, Die natürliche Auslese beim Menschen: Auf Grund der Ergebnisse der anthropologischen Untersuchungen der Wehrpflichtigen in Baden und anderer Materialien, Jena 1893, S. 1.
Ein Faksimile des Flugblatts bietet Detlev Rose, Die Thule-Gesellschaft , Tübingen 1994, S. 90 f.
Das Programm des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins ist zitiert (leicht revidiert) nach Chickering (Anm. 49), S. 36.
Gustaf Kossinna, Altgermanische Kulturhöhe, München 1927; dieser Publikation entstammen die nachfolgenden Zitate (S. 12, 14, 65). Gustaf Kossinna, Die deutsche Vorgeschichte: Eine hervorragend nationale Wissenschaft, Leipzig 1912. Zum Germanenmythos um die Jahrhundertwende siehe Rainer Kipper, Der Germanenmythos im Deutschen Kaiserreich, Göttingen 2002.
Houston Stewart Chamberlain, Lebenswege meines Denkens, 2. Aufl., München 1922, S. 37.
Ebd., S.161; vgl. G. G. Field, Evangelist of Race: The Germanic Vision of Houston Stewart Chamberlain, New York 1981, S. 77.
Zu einer Skizze des Projekts siehe Houston Stewart Chamberlain, The Foundations of the 19th Century, 2. Aufl., New York 1912, S. lxii. Die Verdammung stammt von John Oakesmith, Race and Nationality , London 1919, S. 58.
Houston Stewart Chamberlain, Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts , 4. Aufl., München 1903, S. 296, 463.
Ebd., S. 8. Die folgenden Zitate: S. 260, 464f., 528.
Ebd., S. 259, 328, 257.
Houston Stewart Chamberlain, Rasse und Persönlichkeit, München 1925, S. 74. Das Folgende: Dilettantismus (Anm. 48), S. 24.
Grundlagen (Anm. 58), S. 269 f. Das Folgende: Ebd., S. 498.
»Deutsche Grundschriften«, in: Iduna. Weimarisches Taschenbuch auf 1903, hg. von Ernst Wachler, Berlin 1903, S. 183.
Ludwig Wilser, Cornelius Tacitus: Germanien. Herkunft, Heimat, Verwandtschaft und Sitten seiner Völker, 3. Aufl., Steglitz 1917, S. vii. Das folgende Zitat: S. v.
Wilhelm Schwaner (Hg.), Germanen-Bibel, aus heiligen Schriften germanischer Völker, 6. Aufl., Stuttgart 1934, S. VII.
Zum Preis siehe Gnomon 2 (1926), S. 688. Norden (Kap. 1, Anm. 40), S. IX, X.
Hermann Nollau (Hg.), Germanische Wiedererstehung, Heidelberg 1926, Einleitung.
Rudolf von Sebottendorff, Bevor Hitler kam: Urkundliches aus der Frühzeit der nationalsozialistischen Bewegung, München 1933, S. 8. Vgl. R. H. Phelps, »Before Hitler Came: Thule Society and Germanen Orden«, in: Journal of Modern History 35 (1963), S. 245–261, hier: S. 245. Die klassische Studie über den Nationalsozialismus als völkische Bewegung ist George L. Mosse, Die völkische Revolution: Über die geistigen Wurzeln des Nationalsozialismus, übers. von Renate Becker, Frankfurt a. M. 1991 (urspr. ersch. 1979 u. d. T. Ein Volk, ein Reich, ein Führer).
»Das katholische Deutschland spricht«, in: Basler Nachrichten, 4. Januar 1934.
Zitiert in Georg Moenius, Kardinal Faulhaber, Wien 1933, S. 10 f.
Der Sicherheitsdienst (SD) ist zitiert in Susanne Kornacker, »Die Adventspredigten 1933: ›Judentum, Christentum, Germanentum‹«, in: Thomas Forstner, Susanne Kornacker und Peter Pfister (Hg.), Kardinal Michael von Faulhaber 1869–1952, München: Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns, Archiv des Erzbistums München und Freising, 2002, S. 330. Michael von Faulhaber, Judentum, Christentum, Germanentum: Adventspredigten gehalten in St. Michael zu München 1933, München 1934, S. 13.
Der Brief Schulhoffs findet sich in Kornacker (Anm. 3), S.332f.
Alle Zitate in diesem Abschnitt stammen aus Faulhaber (Anm. 3), S. 102–109.
Volker Losemann, »Aspekte der nationalsozialistischen Germanenideologie«, in: Karl Christ, Peter Kneissl und Volker Losemann (Hg.), Alte Geschichte und Wissenschaftsgeschichte, Darmstadt 1988, S. 268 (mit Anm. 63). Zu den Zeitungsartikeln siehe ebd., S.267f. mit Anm. 59 sowie Kornacker (Anm. 3), S. 328.
Michael von Faulhaber, Sieben Briefe an den unbekannten Deutschen: Ein Nachwort zu den Adventspredigten (Erzbischöfliches Archiv München, Kardinal-Faulhaber-Archiv, NL 9128), zitiert dies (S. 6) aus einem Aufsatz von Graf E. zu Reventlow im Reichswart, 14. Januar 1934.
Zitiert in Otto Suffert, »Die Germanen in der Silvesterpredigt des Kardinals Faulhaber«, in: Germanien 6 (1934), S. 67.
Faulhaber (Anm. 7), S. 14, spricht von »Volksgemeinschaft«, Heidelberg, 23. März 1934.
Faulhaber (Anm. 7), S. 10. Die drei anonymen Pamphlete sind: Abraham a S. Clara an Kardinal Faulhaber, Teut an Faulhaber und Der Fürsterzbischof Kohn an seinen geliebten Bruder, den Fürsterzbischof Faulhaber; alle erschienen Dessau 1934. Die umfangreicheren Entgegnungen sind: [Anonymus], Blut und Boden, Ehre und Freiheit! Das Vermächtnis Wittekinds und seine Antwort auf die politischen Predigten des Kardinals Faulhaber, Hannover 1934; J. v. Leers, Der Kardinal und die Germanen, Hamburg 1934. Die erstgenannte Schrift erwähnt auch Enea Silvio Piccolomini (S. 8).
»Kriegserklärung«: Suffert (Anm. 8), S. 66; »eine Betrachtung«: Herrmann Schneider, »Die germanische Altertumskunde zwischen 1933 und 1938«, in: Forschungen und Fortschritte 15 (1939), S. 1–3.
Zimmermann, Diesterweg-Erläuterungen, 4. Aufl. (1943), ist zitiert nach Allan A. Lund, Germanenideologie im Nationalsozialismus: Zur Rezeption der ›Germania‹ des Tacitus im ›Dritten Reich‹, Heidelberg 1995, S. 33, Anm. 10.
Richard Geuß (Einleitung, Anm. 6).
Eugen Fehrle (Einleitung, Anm. 15).
Rudolf Benze, Wegweiser ins Dritte Reich: Einführung in das völkische Schrifttum, 3. Aufl., Braunschweig 1934, S. 20.
Die These Hans Mommsens erörtert Hermann Weiß, »Der ›schwache‹ Diktator: Hitler und der Führerstaat«, in: Wolfgang Benz et al. (Hg.), Der Nationalsozialismus: Studien zur Ideologie und Herrschaft, Frankfurt a. M. 1993, S. 64–77.
Dieter Schenk, Hans Frank: Hitlers Kronjurist und Generalgouverneur , Frankfurt a. M. 2006, S. 236.
Werner Maser, Adolf Hitler: Mein Kampf, 6. Aufl., Esslingen 1981, Bild 6.
Joachim C. Fest, Das Gesicht des Dritten Reiches, 5. Aufl., München 1963, S. 171.
Adolf Hitler, Mein Kampf, 172.–173. Aufl., München: Zentralverlag der NSDAP Franz Eher Nachfolger, 1936, S. 396. Henry Picker, Hitlers Tischgespräche im Führerhauptquartier 1941–42, 2. Aufl., Stuttgart 1965, S. 446. Siehe hierzu allgemeiner Bernard Mees, »Hitler and Germanentum«, in: Journal of Contemporary History 39 (2004), S. 255–270.
Ernst Piper, Alfred Rosenberg: Hitlers Chefideologe, München 2005, S. 418.
Hans-Dietrich Loock, »Zur ›Großgermanischen Politik‹ des Dritten Reichs«, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 8 (1960), S. 53, Anm. 83.
Zitiert in Piper (Anm. 21), S. 228.
Zitiert in Bolko Freiherr von Richthofen, Die Vor- und Frühgeschichtsforschung im neuen Deutschland, Berlin 1937, S. 44.
Piper (Anm. 21), S. 195.
Eine Beschreibung des Germanenraums liefert Liebetraut Rothert, »Deutsche Vorgeschichte auf dem Reichsparteitage 1936 in Nürnberg«, in: Germanen-Erbe 1 (193 6), S. 194.
Walther Schulz, »Germanien von der Familie zum Reich«, in: Der Schulungsbrief 2 (1935), S. 207. Siehe auch Richard von Hoff, »Die nordischen Wurzeln des Nationalsozialismus«, in: Rasse 2 (1935), S. 81–94.
Hitler (Anm. 20), S. 451, und Georg Vogel, Die deutsche Frau, Bd. 1: Die germanische Frau, Breslau 1935 [?], S. 2.
Georg Tidl, Die Frau im Nationalsozialismus, Wien 1984, S. 73.
Falk Ruttke, »Rassen und Erbpflege in der Gesetzgebung des Dritten Reichs«, in: Der Schulungsbrief 1 (Okt. 1934), S. 16.
»Deutsche Volksgesundheit aus Blut und Boden«, in: Der Stürmer 3 (1. Januar 1935), S. 1.
Rose Woldstedt-Lauth, Mädel von heute – Mütter von morgen: Gespräche zwischen Mutter und Tochter über das Liebesleben der Menschen, Stuttgart 1940, S. 11 f. (gekürzt).
Hans F. K. Günther, Mein Eindruck von Adolf Hitler, Pähl 1969, S. 94.
Michael H. Kater, Hitler-Jugend, übers. von Jürgen Peter Krause, Darmstadt 2005, S. 7–16.
Ebd., S. 7. Kater zitiert hier einen autobiografischen Bericht von Hermann Graml.
Joseph Goebbels, Der Faschismus und seine praktischen Ergebnisse, Berlin 1935, S. 21.
Hitler (Anm. 20), S. 452.
Tacitus, Germania 24.1. Siehe beispielsweise Schulz (Anm. 27), S. 199.
Dietrich Klagges, »Geschichte und Erziehung«, in: Nationalsozialistisches Bildungswesen 2 (1937), S. 83. Vgl. Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, Erziehung und Unterricht in der Höheren Schule, Berlin 1938, S. 11.
Hans Stricker, »Deutsche Erzieher, deutsche Erzieherinnen«, in: Nationalsozialistisches Bildungswesen 1 (1936), S. 2.
Hitler (Anm. 20), S. 476.
Alfred Rosenberg, »Germanische Lebenswerte im Weltanschauungskampf«, in: Germanen-Erbe 1 (1936), S. 198f.
Klagges (Anm. 39), S. 81–98, bes. S. 85.
Eugen Fehrle, »Die Germania des Tacitus als Quelle für deutsche Volkskunde«, in: Schweizerisches Archiv für Volkskunde 26 (1925), S. 253.
Gerhard Röttger, »Die taciteische Germania im heutigen Lateinunterricht«, in: Neue Jahrbücher für Antike und deutsche Bildung 2 (1939), S. 267–282, bes. S. 273, 282.
Alle Zitate aus Carl Schütte und Otto Gaede, Geschichtsbuch für die Jugend des Dritten Reiches, 2. Aufl., Halle 1934, bes. S. 3, 10, 11–14. Siehe auch Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, »Richtlinien für den Geschichtsunterricht in der Volksschule, 1939«, in: Erziehung und Unterricht in der Volksschule, Berlin 1939, S. 13 f; und der »Stoffverteilungsplan« mit »Richtlinien«, abgedruckt in Horst Gies, Geschichtsunterricht unter der Diktatur Hitlers, Köln 1992, S. 28, 156.
Dieses und das folgende Zitat: Karl Gabler (Einleitung, Anm. 12), S. 41–47.
Alle Zitate aus Martin Staemmler, Volk und Rasse, Berlin 1933.
Zu Frau Best siehe Shlomo Aronson, Reinhard Heydrich und die Frühgeschichte von Gestapo und SD, Stuttgart 1971, S. 55, S. 266, Anm. 85. Vgl. Peter Padfield, Himmler: Reichsführer-SS, London 1990, S. 377.
Zitiert in Elvira Weisenburger, »Der ›Rassepapst‹: Hans Friedrich Karl Günther, Professor für Rassenkunde«, in: Michael Kißener und Joachim Scholtyseck (Hg.), Die Führer der Provinz: NS-Biographien aus Baden und Württemberg, Konstanz 1997, S. 161–200, bes. S. 188 f.; vgl. S. 162.
Zitiert ebd., S. 165.
Hans F. K. Günther, Ritter, Tod und Teufel, München 1937, S. 109 f.
Leicht gekürzt nach dem Zitat in Josef Ackermann, Heinrich Himmler als Ideologe, Göttingen 1970, S. 111.
G. D. Stark, Entrepreneurs of Ideology: Neoconservative Publishers in Germany, 1890–1933, Chapel Hill 1981, S. 197.
Hans F. K. Günther, Kleine Rassenkunde des deutschen Volkes, München 1934, S. 11. Das nächste Zitat: Günther, Ritter (Anm. 52), S. 189f.
Die Beschreibung der nordischen Rasse ist teils zitiert, teils paraphrasiert nach Günther, Kleine Rassenkunde (Anm. 55), S. 21–25.
Heinrich Himmler, Geheimreden 1933 bis 1945 und andere Ansprachen , Berlin 1974, S. 127.
Piper (Anm. 21), S. 584.
Alle Zitate in diesem Absatz aus Hans F. K. Günther, Herkunft und Rassengeschichte der Germanen, München 1935, S. 149, 152, 139 und 123 f.
Hitlers Bibliothek: R. H. Phelps, »Die Hitler-Bibliothek«, in: Deutsche Rundschau 80 (1954), S. 923–931. Seine Entlehnungen von Günther: Lund (Anm. 12), S. 22, Anm. 70.
Siehe zu diesem Gesetz Karl Kroeschell, »Führer, Gefolgschaft und Treue«, in: Joachim Rückert und Dietmar Willoweit (Hg.), Die deutsche Rechtsgeschichte in der NS-Zeit, Tübingen 1995, S. 55–76.
Schlossarek (Einleitung, Anm. 14), S. 18f. Siehe auch K. A. Eckardt, »Widernatürliche Unzucht ist todeswürdig«, in: Das Schwarze Korps 1 (22. Mai 1935), S. 13.
Heinrich Himmler, Die Schutzstaffel als antibolschewistische Kampforganisation, München 1936, S. 28f.
Joseph Goebbels, Tagebücher aus den Jahren 1942–43, mit anderen Dokumenten hg. von Louis P. Lochner, Zürich 1948, S. 208 (22. Mai 1942); vgl. Anna Bramwell, Blood and Soil: Walther Darré and Hitler’s Green Party, Bourne End 1985, S. 54.
Richard Walther Darré, Erkenntnisse und Werden: Aufsätze vor der Zeit der Machtergreifung, Goslar 1940, S. 158f. Siehe auch von demselben Verfasser Blut und Boden – ein Grundgedanke des Nationalsozialismus, Berlin 1936, und Um Blut und Boden: Reden und Aufsätze, 4. Aufl., München 1942, S.180f.
Gabler (Anm. 47), S. 47.
Darré, Erkenntnisse (Anm. 65), S. 163.
Schlossarek (Anm. 62), S. 10.
Julius Weisweiler, Tacitus: Germania. Von Blut und Boden, Sitte und Brauch im germanischen Raum, Leipzig 1936, S. 7f. (gekürzt). Hans Naumann, »Die Glaubwürdigkeit des Tacitus«, in: Bonner Jahrbücher des Rheinischen Landesmuseums 139 (1934), S. 21–33 (gut behandelt in Lund (Anm. 12), S. 36f.).
Den charakterisierenden Kommentar Gregor Strassers zitiert Otto Strasser, Mein Kampf: Eine politische Autobiographie, Frankfurt a. M. 1969, S. 15; vgl. Padfield (Anm. 49), S. 80. Zu biografischen Informationen habe ich auch konsultiert Bradley Smith, Heinrich Himmler: Sein Weg in den deutschen Faschismus, 1900–1926, übers. von Elisabeth Nussbaumer, München 1971. Zu Himmlers Ideologie siehe Ackermann (Anm. 53).
Zu Himmlers Bemerkungen über die Juden siehe ebd., S. 28–30.
Himmlers Brief ist zitiert nach Smith (Anm. 70), S. 218.
Bundesarchiv Koblenz, NL Himmler, N 1126/9, Nr. 218.
Himmler bei einer Führerbesprechung der SS-Gruppe Ost; Aronson (Anm. 49), S. 53; vgl. Padfield (Anm. 49), S. 101.
Himmler (Anm. 63), S. 20 ; hier auch das darauffolgende Zitat.
Felix Kersten (Totenkopf und Treue: Heinrich Himmler ohne Uniform , Hamburg 1952, S. 223) erfuhr 1943, dass das Reich an den »weitestgehenden Vererbungsmöglichkeiten [solcher Helden] das größte Interesse habe«. Siehe auch die anonymen Aufsätze »Zum neuen Ehescheidungsrecht«, »Das Kind heiligt die Ehe« und »Im Mittelpunkt: das Kind«, in: Das Schwarze Korps 3 (21. Oktober 1937).
Kersten (Anm. 76), S. 92–104, 120. Tacitus, Germania 8.2, zitiert beispielsweise in Schulz (Anm. 27), S. 193; Margarete Schaper-Haeckel, Die Germanin: Körper, Geist und Seele, Berlin 1943, S. 89.
Padfield (Anm. 49), S. 83.
Albert Forster: »Vernehmungsprotokoll des Reichssicherheitshauptamtes«, 25. Mai 1943, zitiert in Ackermann (Anm. 53), S. 36, Anm. 103.
Horst Wagenführ, Gefolgschaft – Der germanische Kampfbund, Hamburg 1935; alle nachfolgenden nicht näher bezeichneten Zitate stammen aus dieser Veröffentlichung. Zur Hitlerjugend siehe Kater (Anm. 34).
Ein Clip von einer derartigen Zeremonie findet sich auf YouTube (»Die SS-Vereidigung am 9. November«), www.youtube.com/watch?v=3necLq4Yn00. Als die Zeit der Prüfung kam, ließ der »treue Heinrich«, wie Hitler Himmler nannte, seinen Führer im Stich. Obgleich er vor seinen Männern noch einmal betont hatte, »eines kann unter uns Germanen nicht verziehen werden: das ist die Untreue« (zitiert in Fest (Anm. 19), S. 173), desertierte er nach monatelangem Liebäugeln mit oppositionellen Gruppen und der alliierten Führung im Westen. Siehe Ian Kershaw, Hitler 1936–45, übers. von Klaus Kochmann, Stuttgart 2000, S. 933 f., 1050–1053.
Himmler (Anm. 57), S. 27.
Der Reichsführer SS, Der Weg zum Reich, Berlin 1942, S. 20. SS-Hauptamt, Lehrplan für die weltanschauliche Erziehung in der SS und Polizei, Berlin 1940 [?], S. 14. SS-Briga[de] f[ührer] Hermann, »Warum Sport in der SS?«, in: SS-Leitheft 2 (1936), Heft 12, S. 41f.
Vgl. Padfield (Anm. 49), S. 204f.
Himmler (Anm. 57), S. 38, 127.
Himmler ist zitiert in Padfield (Anm. 49), S. 51.
Himmler (Anm. 57), S. 97. Tacitus, Germania 12.1. Diese Praxis war auch in der SS-Zeitschrift Das Schwarze Korps erörtert worden: Eckhardt (Anm. 62), S. 13. Zu Hitlers Erlass siehe Burkhard Jellonnek, Homosexuelle unter dem Hakenkreuz: Die Verfolgung der Homosexuellen im Dritten Reich, Paderborn 1990, S. 30f.
Himmler (Anm. 57), S. 29. Zu den organisatorischen Veränderungen siehe Michael H. Kater, Das »Ahnenerbe« der SS 1935–1945: Ein Beitrag zur Kulturpolitik des Dritten Reiches, 2. Aufl., München 1997, S. 59–91. Zu den drei Expeditionen siehe Heather Pringle, The Master Plan: Himmler’s Scholars and the Holocaust, New York 2006, S. 63–75, 99–120, 145–63. Zur Wiederentdeckung des Codex Aesinas siehe auch Niutta (Einleitung, Anm. 1) und Schama (ebd.) sowie Marco Vattassos kurze Beschreibung seiner Entdeckung in Bollettino di Filologia Classica 9 (1902), S. 107.
Brief vom 3. September 1979 von Professor Mason Hammond an Professor Zeph Stewart, Widener, Medieval Studies Lib Z105.5.A47 C64 1900z.
Kater (Anm. 88), S. 72.
Die Korrespondenz: Bundesarchiv Berlin, Akten NS 21/439 und 381; Brief 10/9/1942.
Brief vom 3. September 1979 (Kap. 8, Anm. 89). Zum Interesse von Wolfenbüttel siehe Egert Pöhlmann, »Codex Hersfeldensis und Codex Aesinas: Zu Tacitus’ Agricola«, in: Würzburger Jahrbücher für die Altertumswissenschaft 27 (2003), S. 153–160, hier: S. 155, Anm. 15. Dankbar bin ich wiederum Giovanni Baldeschi-Balleani für die Mitteilung von Details über den Codex.
Beatus Rhenanus, Commentariolus uetusta Germaniae populorum uocabula paucis explicans et obiter alia quaedam, in: Schardius (Kap. 4, Anm. 5), S. 70–77 (fälschlich Henricus Glarianus zugeschrieben).
James Hirstein, »L’œuvre philologique de Beatus Rhenanus et le devenir de la ‘philologie humaniste’«, in: Ders. (Hg.), Beatus Rhenanus (1485–1547): Lecteur et éditeur des textes anciens, Turnhout 2000, S. 1–20, hier: S. 19f.
Rhenanus, Commentariolus (Anm. 2), S. 70.
Beatus Rhenanus, Rerum Germanicarum libri tres (urspr. ersch. 1531), hg., übers. und komm. von Felix Mundt, Tübingen 2008, S. 194; eine gute Zusammenfassung findet sich auf S.614f. Die zweite der zitierten Beobachtungen war bereits im Commentariolus (Anm. 2), S. 70, gemacht worden. Zur Methode des Beatus Rhenanus siehe Ada Hentschke und Ulrich Muhlack, Einführung in die Geschichte der klassischen Philologie, Darmstadt 1972, S. 14–59.
Christoph Martin Wieland, »Wenn Sie fortfahren die Teutschen des achtzehnten Jahrhunderts für Enkel Tuiskons anzusehen«, in: Der Teutsche Merkur 1 (1773), S. 183. Zitiert nach Wieland, Werke, hg. von Fritz Martini und H. W. Seiffert, München 1964–1968, Bd. 3, S. 273.
Heinrich Böll, »Germania«, in: Die Zeit, 2. März 1979; sämtliche nachfolgenden Zitate entstammen diesem Aufsatz. (Zweitveröffentlichung in: Fritz J. Raddatz (Hg.), Die ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher, Frankfurt a. M. 1980, S. 29–32.) Manfred Fuhrmann, »Die Germania des Tacitus und das deutsche Nationalbewußtsein«, in: Ders., Brechungen: Wirkungsgeschichtliche Studien zur antik-europäischen Bildungstradition, Stuttgart 1982, S. 113–128, bes. S. 115, äußerte sich zu Recht kritisch.
Agricola, Gnaeus Julius
Agrippina die Jüngere
Albergati, Niccolò
Alexander der Große
Alexander VI. (Papst)
Alkuin.
Althamer, Andreas.
Angeletti, Giuseppe
Annibaldi, Cesare.
Annius von Viterbo (Giovanni Nanni)
–Kommentare über die Werke schiedener Verfasser, welche Altertümer erörtern
–Siebzehn Bände verschiedener Altertümer
Antoninus Pius (röm. Kaiser)
Ariovist (Fürst d. Sueben)
Aristarchos von Samothrake
Arminius (Hermann)
Arndt, Ernst Moritz.
August der Jüngere (Herzog v. Braunschweig-Wolfenbüttel)
Augustulus (weström. Kaiser)
Augustus (röm. Kaiser)
Aventinus, Johannes (Johannes Turmaier)
–Chronica
Balleani, Aurelio Baldeschi Guglielmi.
Balleani, Gaetano
Baugulf (Abt v. Fulda)
Beaufort, Henry (Kardinal)
Bebel, Heinrich
Benze, Rudolf
Berosus (chaldäischer Priester)
Bickel, Conrad s. Celtis, Conrad
Blumenbach, Johann Friedrich
–Über die natürliche Vielfalt des Menschengeschlechts
Boden, Margarete
Böll, Heinrich.
Bottai, Giuseppe
Breker, Arno
Bruckmann, Friedrich
Caesar, Gaius Julius
–Kommentare über den Gallischen Krieg
Caligula (röm. Kaiser)
Campano, Giannantonio
Camper, Pieter.
Capra, Bartolomeo Francisci de la
Celtis, Conrad (Conrad Bickel)
–Germania Generalis
Cerda, Antonio de la
Cerioni, Riccardo
Cesarini, Giuliano
Chamberlain, Houston Stewart
–Die Grundlagen des. Jahrhunderts
Cicero, Marcus Tullius
Claudius (röm. Kaiser)
Clüver, Philipp
–Germania antiqua
Conant, James
Darré, Richard Walther
–Das Bauerntum als Lebensquell der Nordischen Rasse
–Neuadel aus Blut und Boden
Decebalus (dakischer König)
Decembrio, Pier Candido
Deniker, Joseph
Diderot, Denis
–Encyclopédie
Domitianus, Titus Flavius (Domitian)
Dornau, Caspar
Drusus, Nero Claudius
Dubos, Jean-Baptiste
Eberlin von Günzburg, Johann
Eichhorn, Karl Friedrich
–Deutsche Staats- und Rechtsgeschichte
Einhard
Enoch von Ascoli
Erasmus von Rotterdam
Eugen IV. (Papst)
Faliero, Marino
Faulhaber, Michael von
Felix V. (Gegenpapst)
Ferno, Michele
Fichte, Johann Gottlieb
–Beitrag zur Berichtigung der Urteile des Publikums über die französische Revolution
–Reden an die deutsche Nation
–Versuch einer Kritik aller Offenbarung
Filelfo, Francesco
Flavius Josephus
Fleming, Paul
Forster, Albert
Frank, Hans
Fredegar
–Chronik des Fredegar
Freytag, Gustav
–Die Ahnen
Frick, Wilhelm
Friedrich II. (der Große; preuß. König)
Friedrich III. (Kaiser HRR)
Friedrich V. (dän. König)
Frontinus, Julius
Galba (röm. Kaiser)
Gall, Franz Joseph
Gerstenberg, Heinrich Wilhelm von
–Gedicht eines Skalden
Gibbon, Edward
Gneisenau, August Neidhardt von
Gobineau, Arthur de
–Versuch über die Ungleichheit der Menschenrassen.,
Goebbels, Joseph.,
Goethe, Johann Wolfgang
Göring, Hermann
Grimm, Jacob
Grimm, Wilhelm
Guarino von Verona.
Guarnieri, Sperandia
Guarnieri, Stefano
Günther, Hans Friedrich Karl.
–Kleine Rassenkunde
–Rassenkunde des deutschen Volkes.
–Ritter, Tod und Teufel
Gustav II. Adolf
Gutenberg, Johannes
Hadrianus, Publius Aelius (Hadrian)
Haggenmüller, Karl
Hammond, Mason.
Heine, Heinrich
Heinrich I. (der Vogler; Herzog v. Sachsen)
Heinrich von Grebenstein
Helvidius Priscus, Gaius
Herder, Johann Gottfried
–Fragmente über die neuere deutsche Literatur
–Gedanken bei Lesung-Montesquieus
–Über den Fleiß in mehreren gelehrten Sprachen
Hermann siehe Arminius
Hertzberg, Ewald Friedrich von.,
Heumann von Teutschenbrunn, Johann
–Der Geist der Gesetze der Teutschen
Himmler, Gebhard
Himmler, Heinrich
Hindenburg, Paul von
Hippokrates
Hitler, Adolf
–Mein Kampf
Homer
–Ilias
–Odyssee
Hutten, Ulrich von
–Arminius
–Der Dialog betitelt Julius
Irenicus, Franciscus
Jahn, Friedrich Ludwig
–Das deutsche Volkstum
Jesus Christus
Jones, Sir William
Kalixt III. (Papst)
Kant, Immanuel
Karl der Große
Karl V. (Kaiser HRR)
Kästner, Abraham Gotthelf
–Des Herrn von Montesquiou Werk von den Gesetzen
Kersten, Felix
Klodwig I. (fränk. König)
Klopstock, Friedrich Gottlieb
–Messias.
Kohlrausch, Friedrich
–Die deutsche Geschichte für Schule und Haus
Kossinna, Gustaf.
–Die deutsche Vorgeschichte
Kunze, Otto
Lehmann, Julius Friedrich
Leo III. (Papst)
Leo X. (Papst)
Lipsius, Justus
Logau, Friedrich von
Lohenstein, Daniel Casper von
Ludwig von Anhalt-Köthen (Herzog)
Luther, Martin
Mackensen, Hans-Georg von
Mallet, Paul Henri
–Denkmäler der Mythologie und der Dichtung der Kelten und insbesondere der alten Skandinavier
–Einführung in die Geschichte Dänemarks
Mann, Thomas
Maria Theresia (österr. Kaiserin)
Mark Aurel
Maximilian I. (Kaiser HRR).,
Maximilian von Bayern
Medici, Carlo de’.
Medici, Cosimo de’
Medici, Giovanni de’
Medici, Lorenzo de’
Mehmed. (Sultan)
Meiners, Christoph.
Meisterlin, Sigismund
–Cronographia Augustensium
Melanchthon, Philippf.
Meyer, Martin
Milton, John
Momigliano, Arnaldo
Montesquieu, Charles-Louis de Secondat Baron de
–Lettres Persanes
–Vom Geist der Gesetze
More, Thomas
Moser, Friedrich Karl von
–Von dem deutschen Nationalgeist
Möser, Justus
–Osnabrückische Geschichte
Müller, Friedrich Max
Münster, Sebastian
–Cosmographia
Mussolini, Benito.
Nanni, Giovanni siehe Annius von Viterbo
Napoleon
Naumann, Hans
Nero (röm. Kaiser) f.
Nerva, Marcus Cocceius
Niccoli, Niccolò.,
–Commentarium Nicolai Nicoli in peregrinatione Germaniae.
Nietzsche, Friedrich
Nikolaus. (Papst).,
Norden, Eduardf.,
Opitz, Martin
–Aristarch oder wider die Verachtung der deutschen Sprache.
–Buch über die deutsche Poeterey
Ossian
Ovid
–Metamorphosen
Panormita (italien. Humanist)f.
–Hermaphroditus
Patrizzi, Agostino
Paul. (Papst)
Petrarca, Francesco
Piccolomini, Enea Silvio (Pius.).,
–Beschreibung der Riten, der Lage, der Sitten und allgemeinen Verhältnisse Deutschlands.,
Piloty, Carl Theodor von
Pius. (Papst) siehe Piccolomini, Enea Silvio
Pius. (Papst) siehe Todeschini-Piccolomini, Francesco
Plinius der Ältere
Plinius der Jüngere.,
Poggio Bracciolini, Gianfrancesco.,
Poggio Bracciolini, Jacopo.
Pompeius (röm. Feldherr)
Pontano, Giovanni Gioviano
Poppaea (Gattin Neros)
Potthast, Hedwig
Quintilian (röm. Rhetoriker)f.
–Institutio Oratoria
Rabanus Maurus.
Retzius, Anders
Rhenanus, Beatus
–Rerum Germanicotum
Richelieu, Kardinal
Ronsard, Pierre de
Rosenberg, Alfred
Rousseau, Jean-Jacques
Rubens, Peter Paul
Rudolf von Fulda
Salutati, Coluccio
Savigny, Friedrich Carl von
Scaliger, Joseph Justus
Schemann, Ludwig.
Schenkendorf, Max von
Schiller, Friedrich
Schlossarek, Max
–Die Taciteische Germania als Künderin eines urdeutschen Heroismus
Schottelius, Justus Georg.,
–Ausführliche Arbeit
–FriedensSieg
–Teutsche Sprachkunst
Schulhoff, Julius
Sculterius, Tobias
Sebottendorff, Rudolf Freiherr von
–Bevor Hitler kam
Seneca der Jüngere.
Shakespeare, William
Sievers, Wolfram
Silber, Eucharius
Staemmler, Martin.
–Volk und Rasse
Stein, Freiherr Karl vom und zum
Strabon (griech. Historiker)
–Geographika
Strasser, Gregor
Stresemann, Gustav
Sueton
Syme, Sir Ronald
Tacitus, Marcus Claudius
Tacitus, Publius Cornelius passim
–Annales (Annalen).,
–De vita et moribus Iulii Agricolae Agricola (Agricola).
–Dialogus de oratoribus (Dialog über die Redner)
–Germania (Über den Ursprung und die Sitten der Germanen) passim
–Historiae (Historien).,
Tasso, Torquato
Tencin, Claudine de
Tiberius (röm. Kaiser).,
Till, Rudolf.
Titus (röm. Kaiser).,
Tocqueville, Alexis de
–Über die Demokratie in Amerika
Todeschini-Piccolomini, Francesco (Pius.).
Trajanus, Marcus Ulpius (Trajan) f.,
Trüdinger, Karl
–Studien zur Geschichte der griechischen und römischen Ethnographie
Turmaier, Johannes siehe Aventinus, Johannes
Varro (röm. Gelehrter)
Varus, Quinctilius
Vattasso, Marco
Vergil
–Aeneis
Vespasianus, Titus Flavius (Vespasian).,
Voltaire.
Wagner, Cosima
Wagner, Richard.,
Weisweiler, Julius
–Tacitus: Germania. Von Blut und Boden, Sitte und Brauch im germanischen Raum
Widukind (sächs. Herzog)
Wieland, Christoph Martin
Wilhelm. (dt. Kaiser)
Wilhelm. (dt. Kaiser)
Wilser, Ludwig
Wimpfeling, Jacob
–Epitome rerum Germanicum (Kurze deutsche Geschichte)
Wirth, Herman
Wolff, Eduard
–Die Germania des Tacitus
Wolff, Karl
Abb 1 Mosaik in der Eingangshalle der Villa Fontedamo, © Christopher B. Krebs 2009, mit freundlicher Genehmigung von Giovanni Baldeschi-Balleani.
Abb 2 Codex Aesinas, Vittorio Emanuele 1631, c. 66r, Biblioteca Nazionale Centrale di Roma.
Abb 3 Inschrift des Grabsteins von Tacitus (Museo Nazionale Romano, Rom), © Livius.org, 2008.
Abb 4 Poggio Bracciolini (1380–1459), Holzschnitt: Jean-Jacques Boissard, Icones quinquaginta virorum illustrium, doctrina & eruditione præstantium … cum eorum vitis descriptis, Frankfurt a. M. 1597–1599, S. 108. Houghton Library, Harvard University, Typ 520 97.225.
Abb 5 Noahs Sohn Tuysco, der deutsche Stammvater: Giovanni Nanni (Annius von Viterbo, 1432–1502), Commentaria super opera diversorum auctorum de antiquitatibus loquentium, Rom 1498, piv. Houghton Library, Harvard University, Inc 3888.
Abb 6 Tuisco, der Vater aller Deutschen: Johannes Turmair (Aventinus, 1477–1532), Chronika, darinn nicht allein dess alten Hauss Beyern … Herkommen, Stam vnd Geschichte …, sondern auch der uralten Teutschen Ursprung, Herkommen, Sitten, Gebrauch, Religion, Mannliche und treffliche Thaten … beschrieben, Frankfurt a. M. 1580, iir. Houghton Library, Harvard University, Ger 9250.3.1.
Abb 7 Ein germanisches Fest: Philipp Clüver (1580–1622), Germania antiqua, Leiden 1616, S. 158. Houghton Library, Harvard University, GC6 C6275 616g.
Abb 8 Germanischer Bauer: Justus Möser (1720–1794), Osnabrückische Geschichte, in: Ders., Sämmtliche Werke, Bd. 5, Berlin 1798, Frontispiz. Widener Library, Harvard College Library, 47528.1.10.
Abb 9 SS-Runen: Deckblatt des Fotoalbums B der Sammlung Himmler, Hoover Institution Archives.
Abb 10 Gesichtswinkel: Pieter Camper (1722–1789), The Works of the Late Professor Camper, London 1821, Tafel vi. Boston Medical Library in der Francis A. Countway Library of Medicine, fNC760.C15.
Abb 11 Schädelindex: Hans F. K. Günther (1891–1968), Rassenkunde des deutschen Volkes, München 1922, S. 28. Widener Library, Harvard College Library, Ger 330.435.
Abb 12Titelkopf der Zeitschrift Alldeutsche Blätter: Mitteilungen des Allgemeinen Deutschen Verbandes 10, 4. März 1900. Center for Research Libraries, MF 10155.
Abb 13 Heinrich Himmler (1900–1945), Foto, um 1931/32: Nachlass Heinrich Himmler, Album A. Hoover Institution Archives.
Abb 14 Taciteisches Motto aus einem Handbuch der Hitlerjugend: Horst Wagenführ, Gefolgschaft – Der germanische Kampfbund, Hamburg 1935, Motto. Widener Library, Harvard College Library, KD 41701.
Die Rechte für die beiden Karten liegen bei Peter Palm, Berlin.
Der Verlag hat sich bemüht, die Rechteinhaber aller Abbildungen korrekt anzugeben, und bittet, mögliche Falschangaben zu entschuldigen.

Das römische Reich

Die Germanenbewegungen im 3. Jahrhundert
Die Originalausgabe erschien 2011 unter dem Titel »A Most Dangerous Book. Tacitus’s Germania from the Roman Empire to the Third Reich« bei W. W. Norton & Company, New York.
1. Auflage
Copyright © 2011 by Christopher B. Krebs
Copyright © 2012 der deutschsprachigen Ausgabe
Deutsche Verlags-Anstalt, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH
Alle Rechte vorbehalten
Typografie und Satz: Brigitte Müller/DVA
Gesetzt aus der Garamond
eISBN 978-3-641-11176-2
Die Manuskripte der Germania bieten als Namen für den germanischen Gott sowohl »Tuysco« als auch »Tuisto« (vgl. S. 298, Anm. 35). Die Mehrzahl der Leser und Herausgeber des taciteischen Werkes bevorzugt »Tuisto«, und so werde ich auch verfahren, sofern nicht der Autor, den ich behandle, »Tuysco« schreibt, wie es hier bei Annius der Fall ist.