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Das Buch

Stefan Hentschel ist schon als Kind stärker als die anderen. Nachdem er aus seinem sächsischen Dorf in die Großstadthärte Hamburgs gekommen ist, boxt er sich durch. Seine Stärke wird sein Kapital. Im Milieu steigt er als junger Wilder unter den Augen des »Paten« Wilfrid Schulz auf. Die hochkarätige Hure Reni aus dem legendären »Cherie« verliebt sich in den unverbrauchten Typen. Der Verführte lernt schnell und wird ein professioneller Verführer von Frauen. Sie lieben ihn, sie arbeiten für ihn. Schließlich herrscht er über eine Etage im Eros-Center. Als der kranke Pate abtritt, zerbricht der Kodex »Ohne Waffen«. Drogen überschwemmen den Kiez, die Machtkämpfe im Milieu werden ausgeschossen. Die mörderische Konkurrenz engagiert einen Killer, auf Hentschel wird ein Kopfgeld ausgesetzt.

Ariane Barth hat Stefan Hentschel zum Reden gebracht – eine Persönlichkeit mit weitem Spannungsbogen, geprägt von großer Härte und tiefem Mitgefühl. Herausgekommen ist eine spannende, authentische Geschichte aus der von Mythen prallvollen Welt der »Roten Meile«.

Die Autorin

Ariane Barth schrieb über drei Jahrzehnte lang für den Spiegel. Ihre Reportagen über den Holocaust in Kambodscha oder die Kindervernichtung in Rumänien erschütterten die Öffentlichkeit. Viele ihrer Titelgeschichten hatten gesellschaftliche Auswirkungen. Auch als Sachbuchautorin machte sie sich einen Namen. Sie lebt in Hamburg.

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Ungekürzte Ausgabe im Ullstein Taschenbuch

1. Auflage Juni 2005

6. Auflage 2011

© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2004

Umschlaggestaltung: HildenDesign, München

(nach einer Vorlage von Büro Hamburg)

Titelabbildung: zefa/P. Leonard

Satz: ew print&medien service GmbH, Würzburg

eBook-Konvertierung: CPI – Ebner & Spiegel, Ulm

Printed in Germany

eBook ISBN 978-3-8437-0248-5

Gesamtbild

Nein, Prinzessin, du und ich, wir können nicht zusammenkommen. Denn ich unterliege barbarischen Werten. Mein Umfeld ist im Vergleich zu deinem finster wie die Nacht. Du hast aus Büchern gelernt. Ich hab meine Seminare im Leben gehabt, ich hab aus ungesunden Strukturen gelernt. Mein Fett habe ich 28 Jahre auf St. Pauli verdient, das prägt.

Sieh mich an, Prinzessin. Ich seh dich nur mit einem Auge an, wie Moshe Dayan oder Lord Nelson. Mein Augenlicht, das rechte, hab ich nicht bei ’ner vornehmen Fechtübung verloren. Ein Oberwichser von ’nem schwarzen Mischling hat mir mit ’nem Bierglas den Sehnerv durchtrennt, aus ’nem Gespräch heraus, in ’ner Kneipe von St. Pauli. Schmerz im Auge kann man nicht beschreiben, Prinzessin. Die Augen sind ja Spiegel der Seele.

Bevor das geschehen ist, da ist schon eine Menge abgegangen. In einer Wade hab ich ’nen Durchschuss. An einem Finger hab ich ’ne Narbe, weil mir den ’ne Hure halb durchgebissen hat. Ich bin vier Mal abgestochen worden. Das heißt, vier Männer sind mit ihren Stichwaffen in meinen Wanst eingebrochen, schmutzigen Messern, mit denen der eine vielleicht seine Nägel ausgepopelt und der andere ’ne Fischdose aufgemacht hat. Ich hab fast drei Liter Blut verloren und mich mit dem lieben Gott unterhalten, dass ich noch nicht sterben will. Geblieben ist ’ne Zweiundzwanzig-Zentimeter-Narbe überm Bauch.

Der Serienkiller von St. Pauli, Mucki Pinzner, hat für mich Kopfgeld kassiert. Dabei bin ich mit ihm schon in den Kindergarten gegangen. Meinen Freund hat er erschossen. Ich bin ihm entkommen, zweimal, vielleicht auch dreimal.

Ich habe vom Leben meine Strafe gekriegt. Nicht unverdient. Ich bin ein Scheißkerl gewesen, in jüngeren Jahren, das zeichnet sich in dich ein, das kannst du nicht abwaschen, nie mehr.

Meine barbarischen Werte drücke ich auch in meinem Gesamtbild aus. Du sagst, ich hätte nette Grübchen. Das ändert aber nichts an meinem Gesamtbild, auch nicht, dass ich ein leidenschaftlicher Sonnenanbeter und immer braun gebrannt bin. Bei schönem Wetter bin ich früh draußen, aber um die Mittagszeit ist bei mir Abwinken, wie bei den Südländern. Dann komm ich erst abends wieder raus.

Mein Gesamtbild kann ich nicht beschreiben, nur so viel: Ich bin 1,82 groß und in jeder Muskelfaser durchtrainiert. 95 Kilo. 55 Jahre auf diesem Planeten und 150 Jahre alt im Kopf.

Männer, die mich kennen, würden dir über mich sagen: »Vorsicht, wenn er getrunken hat.« Aber es ist nicht der Suff, der mich brandgefährlich machen kann. Wenn ich betrunken bin, dann mach ich schon mal den Lauten. Dann kommt aus mir ein Lachen heraus, dass der Himmel in anderen Ohren einstürzt. Aber gewalttätig werde ich nicht einfach aus mir heraus, sondern in ’ner bestimmten Situation.

Stell dir vor, Prinzessin, du kommst auf der Reeperbahn in ’nen Zuhältertreff rein und einer, der über zwei Meter groß ist, kommt wie im Wilden Westen mit dem Vorsatz auf dich zu: Den muss ich heute platt machen, ich hab genug Publikum. Stellt sich mir in den Weg und sagt: »Kannst du mich stoppen?« Das ist ’ne absolute Ansage: Ich bin schneller, ich erschlag dich hier in der Öffentlichkeit. Der hat den Satz kaum beendet, box ich dem ’n Fünfmarkstück großes Loch in die Backe, und der liegt dann in seinem Blut ausgeruht über zwei Tischen zwischen den Tellern, von denen gerade ein Ehepaar gespeist hat. Der Koch muss den wieder zum Leben bringen, mit Eiswürfeln an der Schläfe. Natürlich könnte ich das heute noch, aber ich geh nicht mehr in solche Läden, um alte Zeiten aufzuforsten.

Tu mir nicht weh, ich bin von meiner Natur her kein Schläger. Aber ich hab die Scheiße angezogen. Wie ich aufgetreten bin, das ist eben für viele blankes Gift gewesen, ein maskulines Gebalze, ein Verhalten, die Männlichkeit zur Show hochzufahren. Heute kann ich darüber lächeln, aber ich hab’s gemacht.

Wenn du die längste Zeit deines Lebens abends aus der Dusche springst und in das Nachtleben von St. Pauli rennst, dann unterliegst du seinen Bedingungen und lernst da ’ne ganz andere Sorte von Menschen kennen als die, die morgens in den Schlaufen von der U-Bahn hängen und verschwitzt aus dem Oberarm riechen. Die kommen vielleicht am Wochenende nach St. Pauli, um über die Flaniermeile zu hopsen. Die gehören zu ’nem anderen Schlag als die, die in St. Pauli leben und ihr Geld da verdienen. Wenn man im Nachtleben seinen Geschäften nachgeht, speziell der Förderung der Prostitution, wie es in der Sprache der Schmiere heißt, knallen Interessen aufeinander. Es ergeben sich Situationen, und du trägst dazu bei, dass sie sich ergeben und auswachsen, und du kannst nur verlieren, und wenn du das nicht willst, klärst du sie wie ein Barbar. Du siegst, unter Umständen mit der Faust, und verlässt den zivilisierten Bereich. Wenn du das oft machst, werden die barbarischen Werte ein Teil von dir. Aber es ist nicht so, dass du sie nicht mehr erkennst.

Auch wie ich mit Frauen umgegangen bin, ist barbarisch, wie ich heute zugeben muss. Frauen hatten bei mir keinen allzu großen Stellenwert. Aber letztlich sind es doch Frauen gewesen, die mich auf ’nen gewissen Weg gebracht haben, den ich noch nicht gekannt habe, auf dem ich aber Schritt für Schritt weitergetrieben bin. Und du feilst an dir, wie an ’ner Modellpuppe, um die nächsten Anforderungen durchzustehen. Auch im Sex.

Du hältst ja nicht ’ne Hure über Jahre im Bett – und ich hab die längste Zeit meines Lebens mit Huren zusammengelebt –, wenn du dir nicht ein breites Spektrum aneignest. Da musst du sehr variabel sein. Wenn du viele Pferde im Stall hast, musst du schon wissen, wie man sie reitet. Und das hab ich beherrscht. Vielleicht ist die Unterwerfung einer Frau mit meiner Potenz, das Ausreizen all meiner Möglichkeiten, auch barbarisch zu nennen.

Ob ich bedauere, wie ich mit Frauen umgegangen bin? Auch mit denen, die ich auf meine Art geliebt habe? Grausam bedauere ich das, Prinzessin, aber dadurch wird nichts ungeschehen. Dass ich vom Leben auf die Fresse gekriegt habe, akzeptiere ich als eine höhere Form des Ausgleichs, weil ich mit Frauen nicht gerade koscher umgegangen bin. Ich hab zehnmal wiedergekriegt, was ich den Damen angetan hab, da kannst du sicher sein, Prinzessin.

Weißt du noch, wie wir uns kennen gelernt haben? Du lachst und erzählst mir, dass du durch mich die Körpersprache zwischen Männern auf dem Kiez verstanden hast. Für mich ist das, was du in deiner unsäglichen Art ein »archaisches Imponiergehabe« nennst, was Selbstverständliches gewesen. Ich hab dich in der »Ritze« an der Reeperbahn gesehen, als ich an dir vorbei zum Pissen gegangen bin. Dein rotes Wuschelhaar und deine schlauen Augen sind mir gleich aufgefallen. Du hast mit dem Wirt Hanne Kleine am Tisch gesessen und was in dein Blockbuch geschrieben. Irgendein Tonband hat da auch rumgestanden. Ich denk: »Da sitz ’ne Journalistin, der kann ich was erzählen, dass ihr der Mund aufklappt und der Stift aus der Patschhand fliegt.« Als ich vom Pissen zurückgekommen bin, hab ich an deinem Tisch angehalten und mich aufgebaut. Ohne dass ein Wort gefallen ist, hat Hanne den Rückzug angetreten, und ich hab auf seinem Platz gesessen. Nein, es ist dir gar nicht recht gewesen. Du hast Hanne zurückgewollt und ein bisschen pikiert gefragt: »Wer sind Sie denn?« – »Ein göttlicher Zuhälter.« Ich seh noch heute deine erschrockenen Kinderaugen vor mir, für ’nen Sekundenbruchteil hast du mich fassungslos angestarrt, dich aber schnell wieder eingekriegt und technisch wie ’n Profiboxer losgefragt. Aber herrlich naiv, wie jemand, der vom Innenleben im Rotlichtmilieu keine Ahnung hat, doch ehrlich bemüht ist, die Menschen in diesem wüsten Kosmos von St. Pauli zu verstehen. Ich hab viel gelacht über dich und du über mich. Du bist für mich aus Glas geworden, durchsichtig, und ganz wichtig.

Irgendwann in der Nacht hab ich dich gefragt, ob ich dich küssen darf. Du hast cool gesagt, dass so was nicht zum Interview dazugehört. Da hab ich dir in dein Buch diktiert: »Neugier und Leidenschaft sind die Quellen sexueller Potenz.« Wie bei ’nem Übergriff hab ich dir dann den Stift aus der Hand genommen und in dein Buch einen transparenten Würfel gemalt. Und gesagt: »Mal nach.« Ich hab wer weiß wie viele Frauen unter der Presse gehabt und mit vielen meinen Würfelversuch gemacht. Keine hat ihn bestanden. Transparente Würfel können sonst nur Männer zeichnen. Aber du, meine intellektuelle Prinzessin, du hast es gekonnt. Ich hab auch gemerkt, dass man mit dir im verbalen Bereich rumalbern kann wie sonst nur mit Männern. Und wir haben dann immer mal wieder zusammen gelacht.

Aber zwischen dir und mir ist was Fremdes geblieben. Prinzessin, wie kannst du Klassenunterschiede beschreiben? Ich hab einen souveränen Auftritt. Ich kann mich auf jedem Parkett benehmen, wenn mir danach ist. Ich hab keinen Gehfehler, wenn ich in Räume reinkomme, die schon belegt sind. Über die Jahre hab ich ’ne gewisse Aura gepflegt, wenn ich erschienen bin, und auch den Widerhall genossen. Heute übe ich ein bisschen persönliche Bescheidenheit und freu mich, wenn mir Respekt entgegengebracht wird. Aber egal, wo ich bin, meistens ist nach kurzer Zeit ’ne Traube Menschen um mich herum. Ich kann mich auch in ’ner mondänen Wolle wohl fühlen, aber irgendwie merk ich bald, das bin ja nicht ich. In deine Welt, Prinzessin, pass ich nicht rein. Da wo du wohnst, an der Alster, hab ich das Gefühl, dass mich die Leute lätschert angucken. Ich komm aus dem ärmsten Stadtteil Europas mit einem multikulturellen Gewusel. Da bin ich zu Hause.

Über die Grenzen hinweg ist aber doch zwischen dir und mir so was wie Vertrauen gewachsen, sonst wären wir ja nicht weitergerutscht. Du hast immer mehr gefragt, und ich hab dir immer mehr erzählt.

Solide

Wie es kommt, dass ich so stark geworden bin, Prinzessin? So stark, dass ich dich ganz einfach zerquetschen könnte. Das Grundprinzip liegt in jeder Faser von mir. Wie wenn Eier aufplatzen und kleine Krokodile rauskommen: Sie sind gleich von irgendetwas beseelt. Sie schnappen nach einem und haben trotzdem eine liebevolle Mutter. Geschickt nimmt sie alle ins Maul auf, was keiner von einem Krokodil erwartet.

Wie so ein kleines schnappendes Krokodil hatte ich wohl schon von Anfang an dieses Durchsetzungsvermögen. Obwohl nach dem Krieg die Ernährung schwierig war, kriegte ich von meiner Oma Dora, der Dorle, alles Gute in den Mund geschoben. Hefeblöcke zum Lutschen. Ich habe sie über alles geliebt. Sie war großherzig und resolut bis zum Gehtnichtmehr. Sie war vollbusig und hatte starke Arme. Sie schnitt das Brot zur Brust hin. Wenn sie mich drückte, war alles wieder gut. Aber sie konnte mir auch in die Fresse geben. Manchmal nahm sie ’ne Drahtbürste. Danach sah ich aus wie mit Pocken verziert. Das hatte ich dann wohl verdient. Sie war gerecht.

Und dann war da mein Opi Sepp, der herausragende Typ in der Gegend. Der sah mit seinem Moustache aus wie Clark Gable, als man den da überhaupt noch nicht kannte. Immer elegant, der Schneidermeister. Stell ihn dir vor, Prinzessin, wie er mit hochgeschobenen Armein, Maßhemd, Monogramm in der »Goldenen Wartburg« gefeiert wird als Billardhäuptling. Aber der Opa Sepp hat die Zeit nicht zu seiner Geliebten erwählt. Einmal hatte Oma Dora grüne Knödel gemacht. Ich sollte ihn holen aus der »Goldenen Wartburg«. Du kommst rein und siehst deinen Großvater spielen, konzentriert und elegant. Er sieht dich, und dann kommt diese durchdringende Stimme: »Mein Junge ist gekommen, mein Junge.« Er ruft den Wirt. »Was Kleines für den Kleinen.«

Das Bier war wie Weihwasser für mich. Da war ich so ein Hosenmatz, der noch nicht zur Schule ging. Mein Großvater nimmt einen Kleiderbügel und reißt den Haken ab. Er nimmt den Bügel zwischen seine schneeweißen Zähne, und ich soll mich dranhängen. Da konnte ich ja nicht wie eine Lusche rumhängen, ihn zu blamieren wäre das Letzte für mich gewesen. Er war ein Pokerspieler und wusste nicht genau, ob ich das konnte, was er mit mir vorführen wollte. Aber er hatte meine Muskeln oft in seinen Händen gehabt, an ihnen rumgedrückt und rummassiert, das war hart, wie Pferdeküsse. Ich habe gelacht und gejammert. Meine Omi schimpfte: »Hör auf, du tust ihm weh.« Aber er sagte: »Der Junge soll stark sein, aus dem soll ein harter Bursche werden.« Als ich das erste Mal an dem Bügel zwischen seinen Zähnen hing, da hab ich ihm gezeigt: Ich bin stark. Habe ihm das Letzte gegeben, meine eiserne Reserve. Ich bin hoch im Klimmzug und hab in das Weiße von seinen Augen gesehen. Zur Belohnung kriegte ich eine kleine Bockwurst. Mit Senf.

Vielleicht stammte mein Großvater von August dem Starken ab, der Hufeisen und Goldmünzen in der Hand zerbrechen konnte. Er soll in Sachsen mindestens 246 Söhne hinterlassen haben, warum nicht auch in Gablenz, so einem gallischen Dorf am Rande von Chemnitz. Karl-Marx-Stadt hat man damals gesagt. Der Sachse macht ja über alles Witze und aus ’ner Bierdose ’ne Handgranate, und wenn da ein Schwarzer kommt, dann sagt der Apartheidsachse: »Den bürste ich weg.« So war das in meinem Dorf, davon ist noch heute was geblieben, wenn auf der Straße auch nicht mehr die Pferdeäpfel liegen, die ich für die Gurken- und Bohnenbeete meiner Omi aufgesammelt habe. Gablenz war Endstation der Straßenbahn, Ende der Welt, meine Ein-und-Alles-Welt. Doch da tobte das Leben nicht nur bei den Nachtfaltern.

Neben der Schneiderei von meinem Opi, unten die Werkstatt mit der Schneiderpuppe im Fenster, oben die Wohnung, also neben der Schneiderei war die Schmiede. Da drin am Feuer war für mich der Mittelpunkt der Welt. Stell dir vor, Prinzessin, ich durfte den Blasebalg bedienen. Der Schmied war für mich der größte Held. Ein tapferes Schneiderlein wie mein Großvater wollte ich nicht werden. Ein Mann, der das Eisen biegt, so einer wollte ich einmal sein. So wie der Schmied, der den Pferden die Hufe hochbog und beschlug. Der vor nichts Angst hatte, und um ihn herum flogen die Funken. Der diesen Riesenhammer schwang, den Hammer, den ich als Kind so gerne anfassen wollte, aber nicht hochkriegte.

Der Onkel Schmied, den ich so bewunderte, der sagte: »Ey, Stefan, gib mir mal das Eisenstück.« Ob er sich einen groben Spaß machen oder mir beibringen wollte, nicht alles zu tun, was man gesagt kriegt, was weiß ich. Das Eisenstück war vor Hitze noch halb blau. Das muss er gesehen haben. Im Vertrauen auf Onkel Schmied hab ich das Eisen angefasst und bin fast kleben geblieben. Mit den verbrannten Fingern bin ich flennend über das Weltunrecht in die Werkstatt von meinem Opa gerannt. Der saß zwischen seinen Lehrmädchen im Schneidersitz auf dem Tisch, und das Erste, was ich von ihm gekriegt habe, war eine Backpfeife, weil ich geheult habe, vor Frauen, vor seinem Personal. Dann hat er mich gefragt, was los war, hat mich an meiner unverbrannten Hand genommen und zur Schmiede geführt. Der Schmied mit seinem dicken Lederschurz war hinten am Feuer zugange. Mein Opi in seinem Anzug aus feinem Tuch, eben seiner Arbeitskleidung, ging rein und machte die Tür vor mir zu. Ich habe vor der schweren, eisenbeschlagenen Pforte gestanden und gezittert und gedacht, jetzt wird mein Opi erschlagen. Dieser starke Schmied. Mehr als 100 Kilo. Mit seiner Lederschürze. Ich habe gewartet und gewartet. Es dauerte endlos, und ich hatte nur Angst, dass mein Großvater in diesem Fegefeuer verendete. Irgendwann geht die Tür auf, und er kommt raus, nicht mehr korrekt in seinem Anzug. Der sieht völlig verwichst aus. Aber er kommt eben raus. Ich gucke, wo ist der Schmied, und kann es nicht fassen: Der liegt auf dem Rücken mit seinem gewölbten Lederschurz. Wie der dicke Obelix. Ausgestreckt auf dem Boden. Und rührt sich nicht mehr.

Mein Opi war nicht mein richtiger Opi, obwohl er sehr wohl der Richtige war. Ich musste zu dem Kommunisten Petzold Opa sagen. Der war auch ganz nett zu mir. Aber ich mochte ihn nicht. Ich konnte nicht leiden, dass der im Bett Pfeife rauchte und gelbe Finger hatte. Irgendwie roch der für mich schlecht. Aber dass ich zu Weihnachten von beiden was kriegte, von dem Petzold-Opa und dem Opa Sepp, fand ich gut. Der Kommunist, der hatte was zu sagen, und das war wohl schon so, als er in der Nazi-Zeit noch nicht der Kommunist war. Als er die Dora wollte. Sie ihn nicht. Aber sie musste ihn nehmen. Vor der Hochzeit sagte man ihr: »Du musst alles machen, was er will«, und das war für ein Mädchen mit heilem Trommelfell, sprich Jungfernhäutchen, nicht angenehm. Nein, das war ziemlich unheimlich. Der Petzold war ein Gummifetischist. Das hat meine Omi, da war sie schon sehr alt, mir unter Tränen gestanden. Das Bett war mit einem Gummilaken ausgeschlagen. Das Knistern machte den Petzold an. Der trug eng geschnittene Gummihosen mit ausgeschnittenen Arschbacken, revolutionär für die Zeit. Aber die Dora mochte das nicht. Sie fand das nur fürchterlich. Als der Petzold auf einen Lehrgang musste, hat er seinem Freund, dem Schneidermeister, meine Großmutter zum Aufpassen gegeben, und der hat mehr als aufgepasst. Die Dorle lernt den ersten richtigen Mann kennen, der nicht mit Gummi behaftet ist und auch nicht nach Gummi riecht, sondern nach Sepp. Der zeigt ihr, wo der Hammer hängt und was normal ist. Sie haben guten Sex, ohne Gummilaken, und das Ergebnis ist meine Mutter Ursula. Das wurde natürlich kaschiert. Als Kind glaubt man ja Marmelade an der Wand, bis zum Schluss, bis man weiß, was wirklich gelaufen ist.

Meine Mutter war 17, als sie mich gekriegt hat. Ich hab ihr wohl schon von Anfang an was angetan, denn ich war schon vom Kopf her ein Brocken, so um die neun Pfund. Dass ich mit zwei Jahren immer noch keine Haare hatte, war ihr peinlich. Kindlich, wie sie war, hat sie mir eine Pudelmütze aufgesetzt, die ich nicht abnehmen durfte, wenn wir bei ihrer Freundin waren. Das hat mir die Freundin später erzählt, ich erinnere mich nicht mehr an die Zeit, als meine Mutter noch da war. Ich habe meine Mutter nur als Fata Mor-gana gekannt. Die schwirrte zu Weihnachten an und war eine ziemlich attraktive Frau. Das konnte ich schon an ihren Nahtstrümpfen erkennen. Und an ihrem Parfüm. Wenn sie wegging, habe ich gebettelt, dass sie mir was davon auf mein Kopfkissen macht.

Von meinem Vater habe ich kein frühes Bild im Kopf. Der ging bei Nacht und Nebel in den Westen. Die Motorik ausgelöst hatte sein jüngerer Bruder, der Onkel Manfred, mit seinen sarkastischen Briefen aus dem Wirtschaftswunderland: »Meine Abzüge hier im Westen sind so hoch wie dein jämmerlicher Verdienst im Osten.« Das war der Schlüsselsatz für alles Weitere, den hab ich später noch oft gehört.

Mein Vater Heinz war der Ältere, der wollte erreichen, was der Jüngere schon hatte. Dann holte mein Vater meine Mutter nach und meinen kleinen Bruder, mich nicht. Meine Eltern verlor ich völlig aus der Birne. Meine Oma Dorle war meine Mutter und mein Opi Sepp mein Vater. Ich vermisste nichts und niemanden. Bis die Geschichte mit Gerda geschah.

Sie war Jung-Gesellin bei meinem Opa und die lockerste von all den Mädchen, die mit ihren Nadelkissen und Pieksern auf dem Tisch der Schneiderei saßen, in meiner Kopfhöhe. Sie wollte, dass ich das Mäuslein suchen sollte, was weiß ich, ob sie das angemacht hat. Ich kleiner Spargel ganz naiv: »Ja, wo ist denn hier ein Mäuslein?« Irgendwo unter ihren Röcken, kicherten die Mädchen. Da bin ich mit der Hand so hin und her gegangen. Irgendwie bin ich dann bei der Gerda an die Haare gekommen und hab ihr feuchtes Fell zu fassen gekriegt. Zutiefst erschrocken zog ich meine Hand blitzschnell zurück. Tante Gerda wollte sich totlachen, weil ich von Tuten und Blasen keine Ahnung hatte.

Mein Opi Sepp war ein Luftikus und hat sich in Gerda verrannt. Die war zwanzig Jahre jünger als er. Meine Omi muss irgendwann dazugekommen sein, als der Sepp an seiner Gesellin rumgemust hat. Die Gerda ohne Schlüpfer. Da hat die Omi gezetert, und der Opa hat ihr ein blaues Auge gehaun. Ich sehe meine Großmutter mit der Farbe im Gesicht und bin mittendrin im Scheidungskrieg. Sie macht mir meinen Lieblingsopa schlecht. Ganz böse wird er mit einem Mal. Mit dem blauen Auge ist meine Omi sofort weg. Die hat sich nicht noch einmal schlagen lassen. Mein Opi ist bis an sein Lebensende mit der Gerda zusammengeblieben. Meine Omi blieb allein, nach dem Sepp fand sie alle anderen Männer ekelig.

Für mich waren die glücklichen Tage in der Schneiderei zu Ende. Danach lebte ich in so einer Chaossituation. Meine Omi und ich, wir müssen ein trostloses Gespann abgegeben haben. Wir kamen in zwei Zimmerchen auf dem Hinterhof einer Mangelwirtschaft unter. Meine vollbusige Omi, an die ich mich immer anlehnen konnte, war mit einem Mal geschwächt. Hochrot stand sie von morgens bis abends an der Heißmangel. Als Frau vom Schneidermeister hatte sie Kostüme mit Nadelstreifen und frisch gebügelte Blusen getragen. In ihrem neuen Unglück verschwand sie in unförmigen Kittelschürzen.

Völlig durcheinander, wie ich durch die Trennung meiner Großeltern war, wurde ich eingeschult. Ich war ein starker Junge und hatte nie Bock zu verlieren. Ob ich schon damals gefährlich wirkte? Gefühlt hab ich was ganz anderes: Die Schule hat mich grausam gequält. Ich hab das alles nicht verstanden. Warum werde ich so ausgegrenzt? Warum darf ich nicht mit den anderen rausrennen, wenn es schellt? Warum muss ich warten und nur mit dem aufsichtsführenden Lehrer gehen und mein Pausenbrot essen? Mein Makel war, dass meine Eltern republikflüchtig waren. Dann hab ich noch verbrochen, am heiligen Ersten Mai der DDR Präser aufzublasen. Wozu die da waren, wusste ich nicht. Mein Onkel Manfred aus dem Westen hat den Familienruf noch mehr versaut: Er konnte sich nicht verkneifen, mit der Isetta vorzufahren und Kaugummi zu verteilen. So kam es, dass ich in der Schule meine Nietenhosen – die hießen noch nicht Jeans – runterziehen musste, weil die ein amerikanisches Element waren. Man wollte sehen, ob ich noch was Fremdes drunter hatte, und so musste ich meinen blanken Arsch zeigen. Das war für mich eine Demütigung hoch drei. Da krieg ich heute noch einen Kackreiz.

Mein Opa Petzold, der Kommunist, hat mir auch nicht geholfen. Der war ein Hasenfuß.

Anstatt in der Schule stillzusitzen, wollte ich in der Gegend rumstromern. Ich war ein Träumer und hab oft die Zeit vergessen. Manchmal bin ich erst nach Hause gekommen, wenn es schon dunkel war. Wenn es sehr spät wurde, war meine Omi fast krank vor Angst um mich. Dann hat sie mich fürchterlich verdroschen, was ich heute verstehen kann, damals natürlich nicht. Einmal, als ich mit Kopfschmerzen aus der Schule kam, hat sie mir angesehen, dass irgendetwas nicht in Ordnung war. Sie hat gebohrt und rausgekriegt, dass mir ein Lehrer einen schweren Weltatlas an den Kopf geballert hat, weil ich gepennt und nicht das richtige Interesse gezeigt habe. Daraufhin ist sie zur Schule gegangen und hat Zoff gemacht. Als Kind wusste ich nicht, dass sie riskiert hat, eingesperrt zu werden. Das haben unsere Nachbarn meinen Eltern in den Westen geschrieben: »Hier muss was geschehen, sonst geht es mit der Dorle und dem Stefan nicht gut aus.«

Es ist dann was geschehen. Es war wie Feueralarm. Ich wurde aus dem Schlaf gerissen. Mein Vater, den ich gar nicht kannte, stand an meinem Bett. Er kam so elitär daher und roch irgendwie fein, nach Westen. Ich wurde überfallartig angezogen. Wir fahren nach Leipzig, wurde mir gesagt. Meine Omi ist noch mitgekommen bis Leipzig. Der Bahnhof war furchtbar zugig, kalt, die Riesenlokomotive schüchterte mich ein. Ich konnte meine Tränen nicht zurückhalten und wusste: Alles, was meine Omi sagte, war Lüge. »Wir sehen uns bald wieder, ich komme nach.« Alles Lüge. Alles Bullshit. Ich wurde wie ein Gepäckstück an meinen Vater abgegeben. Da war ich neun Jahre alt.

Was aus mir geworden wäre, wenn ich im Osten geblieben wäre? Ein Spitzensportler oder ein Häftling in Bautzen, lebenslänglich. Ich kam renitenter im Westen an, als ich je im Osten gewesen war. Ankunft am Hamburger Hauptbahnhof: Das war für mich gigantisch. Da stand ein weiß Uniformierter auf einem Sockel und hat den Verkehr geregelt. Verkehr – so was kannte ich nicht. Wo ich herkam, spielten wir Kinder Kippelkappel auf der Straße. Wenn ein Auto kam, war das was Besonderes. Und auf einmal dieser brausende Verkehr. Ich hab vor Aufregung bald einen Gehfehler gemacht.

Ich werde nie vergessen, wie ich in mein neues Zuhause kam. Das Einfamilienhaus mit der weißen Vorderfront war nicht unseres, da wohnte ein Russenehepaar. Wir gingen in den Hof, zu so einem Garagenanbau. Von meiner Mutter lag ein Zettel in der Küche: Sie war im Krankenhaus. Keine Ahnung, warum. Wir hatten fließend Wasser in der Küche, aber das kam von den Wänden. Im Wohnzimmer stand ein Gitterbett. Da lag mein kleiner Bruder drin, dreieinhalb Jahre jünger als ich, der wird wach und erkennt mich nicht. Neben seinem Gitterbett gab’s ’ne Couch, die konnte man hochklappen, knicken und ausziehen, auf Rädern. Das war die Ausziehcouch. Darauf machte mein Vater das Bett für mich. Was ich da literweise Wasser reingeweint habe, das möchte ich nicht wissen. Was ein Seemann oder ein Fremdenlegionär kennen lernt, habe ich als Kind erfahren. Heimweh. Jede Nacht habe ich das Kissen zugeheult. Ich brauchte gar nicht mehr auf Toilette.

Zum Klo musste man raus aus der Wohnung durch zwei Türen. Die erste war schwer aufzumachen. Dann war da so ein Strick, mit dem man die Glühbirne anmachte. Daran zu ziehen, war mir unangenehm. Was glaubst du, Prinzessin, was sich da für Fliegen ansammelten, gefangen in Spinnennetzen. Du hörst das Gesumm, dieses irre Gesumm. Du wagst nur ganz kurz an dem Strick zu ziehen, damit es hell wird. Du gehst durch die nächste Tür zum Plumpsklo. Ohne Spülung. Du hast Angst, in das Loch reinzufallen, wenn du auf dem Sitz rumrutscht. Du musst aber, wenn du fertig bist, sofort zur Seite rutschen, weil dann der Abschaum hochschießt. Dann ziehst du dir vom Zeitungspapier die Druckerschwärze bis zum Rückgrat hoch.

Unser gemischtes Familienbild: Von sieben Tagen hat es mindestens an vieren geknallt, nicht immer nur verbal. Mein Vater hat meine Mutter gehauen, und oft hat sie zurückgeschlagen, nicht gehauen, die haben sich geprügelt. Meine Mutter hat dann bei Onkel Manfred übernachtet, das war nicht gut, weil der reichlich amerikanischen Whisky hatte.

Mein Vater war ein korrekter Typ, Kf z-Elektriker. Ich hör noch heute, wie er von der Arbeit kommt: Er schließt auf. Er putzt sich die Schuhe ab. Alle anderen Schuhe sind aufgenordet, keiner darf aus der Reihe stehen. Steht doch ein Schuh falsch? Er ruft: »Ursula!« Das ist schon die Alarmstufe. Wir hatten jeder unsere Aufgaben zu erfüllen, ich musste immer den Ascheimer runterbringen und mit einem Zettel einkaufen. Habe ich was vergessen? Hat sie was falsch gemacht? Alle sind elektrisiert, wenn es kommt, sein lang gezogenes: »Ursula!«

Meine Mutter war ’ne lebenslustige Frau, sehr stark in ihrer Persönlichkeit. Auch sehr kreativ darin, Männer anzumachen. Mein Vater hing trotzdem oder gerade deswegen an ihrer Schnur. Sie war eine Art Vorstadtschönheit, meistens hatte sie kastanienrote lange Haare, Locken. Aber sie war variabel mit den Haaren und der Farbe. Großen Wert hat sie immer drauf gelegt, was herzumachen. Wenn sie aus dem Haus zur Arbeit ging, sie war Sekretärin, sah sie nach was Besserem aus. Nicht so einfach wie die Frauen in unserer Nachbarschaft.

Und dann, Prinzessin, wird meine Mutter nach einem Betriebsausflug von zwei Männern nach Hause gebracht. In ihrem Klappverschnitt, also der Tasche, findet sich ihr Höschen. Und sie ist vielleicht von den zwei Männern durchgevögelt worden. Was sich meine Eltern da gewichst haben, grauenvoll haben die sich geschlagen.

In der erbärmlichsten Verfassung habe ich meinen Vater erlebt, als er meine Mutter mit hoch geschobenem Rock gesehen hat. Wie sie an ein Fahrzeug gelehnt gerade gefickt wird. Da hat er geflennt: »Was soll ich nur machen, Ursula? Ich kann dich doch nicht totprügeln.« Das ist vor uns Kindern ausgetragen worden, weil wir ja schliefen.

Jedes Wochenende hat mein oberkorrekter Vater die Sau rausgelassen und sich betrunken. Meine Mutter auch. Meine Eltern haben jede Woche Party gehabt. Onkel Sigi, Tante Thea, Onkel Manfred, Erika und die Sachsen, die hier angesiedelt waren, haben sich getroffen. Und dann ist die Post abgegangen. Die sind alle ihrem gegenseitigen Wettbewerb unterlegen. Ich hab ’nen Ford Cabrio, Heinz muss den Daimler haben, sein Bruder noch was Besseres. Alle haben sie in ihrer unterschiedlichen Art und Weise versucht, meinen Bruder und mich zu erziehen und auf uns einzuwirken. Auch da war ein Wettbewerb zwischen meinen Verwandten und meinem Vater. Wenn mein Vater ’ne Uhrzeit gesetzt hatte und der eine Sprössling war nicht da, oder der andere hatte was gemacht, was er nicht sollte, dann wollte er vor den anderen nicht bloßgestellt sein. Dann musste er den anderen zeigen, wie das so ging, die saubere Erziehung der Söhne.

Sonntags, Prinzessin, krieg ich noch heute Depressionen, wenn ich mich an meine Kindheit erinnere.

Nie habe ich mich mit meinem Vater umarmt oder gedrückt. Das Vater-und-Sohn-Ding hat er schon gewollt, aber das hab ich nicht hingekriegt. Abends die Tür nur fünfzehn Zentimeter aufgemacht und »Gute Nacht« durch den Spalt geschoben. Die Kälte war zum Gänsehautkriegen.

Die erste Dresche von meinem Vater hab ich gekriegt, als ich mit meinem einzigen Paar Stiefel Fußball gespielt hab. Die nächste, als ich mit meinem Ball ein Loch in eine Hecke geworfen hab. Oder ich hab beim Spaghettiessen geschlürft. Da hat er mir ins Gesicht gehauen, so doli, dass mir die Gabel im Gaumen stecken geblieben ist. Ich hab so ’ne Angst gehabt, sie rauszuziehen. Dass dann das Blut rausspritzt. Ehrlich Prinzessin, ich hab ihn selber schlürfen gehört.

Schlimmer noch ist die Sache mit dem Hühnchen gewesen. Das Russenehepaar hat hinter dem Anbau, wo wir gewohnt haben, Geflügel gehalten. Das Schnattern der Gänse und das Glucken der Hühner, das Piedelpiedelpiedelpiel der Russin, wenn sie Körner gestreut hat – das hab ich von Anfang an nicht leiden können. Irgendwie hab ich zu dem Federvieh ein gestörtes Verhältnis gehabt. Dann hat der Russe vor mir einem Huhn den Kopf abgehauen, und das ist ohne Kopf hinter mir hergelaufen. Tagelang hat mich dieses Elendstier verfolgt. Ich hab dann angefangen, kleine Kieselsteine nach den Hühnern zu werfen. Und geguckt, wie sie weggelaufen sind. Obwohl ich eigentlich tierlieb bin, hab ich einen größeren Stein genommen und auf ein Huhn gezielt, das nicht die Flatter gemacht hat. Als das Huhn breit dagelegen hat, bin ich vor lauter Angst abgehauen. Der Russe muss das beobachtet haben. Er hat das Huhn geschlachtet und verlangt, dass mein Vater es kauft. Ich komme nach Hause und sehe, wie mein Vater das Hühnchen am Gasherd abbrennt. Was man bezahlt hat, soll man ja nicht verkommen lassen. Mein Vater sieht mich und zerdrischt das ganze Hühnchen, angefasst an den Beinen, auf meinem Kopf und meinen Schultern. Immer wieder, immer wieder, bis mir die Gedärme über der Fresse und den Ohren hängen. Es hat mich zwanzig Jahre gekostet, bis ich wieder ein halbes Hühnchen essen konnte.

Mein erster Schultag in der neuen Stadt war grausam und himmlisch zugleich. Niemand hat Zeit für mich, weil meine beiden Eltern berufstätig sind. Da erbarmt sich die Russin aus dem Vorderhaus und bringt mich hin. Sie ist stolz, mich an der Hand zu halten. Mir ist unangenehm, dass sie so einen festen Händedruck hat, richtig derbe. Das Schlimmste jedoch ist ihr Überbiss. Angst erregende Zähne ragen da raus. Jeder hält sie für meine Mutter. Das ist mir peinlich, weil das Einzige, was mir an meiner neuen Familie gefällt, das gute Aussehen meiner Mutter ist, ein bisschen auch mein kleiner Bruder.

Meine Klassenlehrerin Frau Fieger – Prinzessin, ich weiß noch heute ihren Namen, so muss sie mich beeindruckt haben –, Frau Fieger hat ein grünes Kleid an. Sie ist so höflich zu mir. Das ist mir fremd. Ihr Gesicht hat einen slawischen Einschlag. Sie spricht sehr hochdeutsch. Als ich meinen Mund aufmache und das reine Sächsisch quillt raus, geht die Klasse ab. Alle kichern. Frau Fieger hat das sofort unterbunden und sich sehr um mich bemüht. Wenn sie sich über mich gebeugt hat und ich ihre Achseln gerochen habe, dann ist mir weich in den Knien geworden. Da ist ein Signal angegangen. Prinzessin, ob Frau Fieger meine erste Liebe war?

Wenn man mit so einem komischen Dialekt daherkommt, muss man sich gleich in der ersten Pause mit dem Klassenstärksten anlegen. Das hab ich gemacht und den in den Papierkorb reingewichst. Auf diesem großen Schulhof mit jahrhundertealten Bäumen konnte ich mich zum ersten Mal in meinem Leben unter meinen Mitschülern frei bewegen. Mit der Folge, dass ich ganz schnell für den Schutz von meiner ganzen Klasse verantwortlich war. Wenn irgendeiner angejammert kam, hab ich geguckt: Wer war das? und hab das mit der Faust geregelt. Oder mein kleiner Bruder kam an und hat geflennt, dann bin ich runter und hab nicht gewusst, dass da drei warteten. Hab ich alle fertiggemacht.

Auf dem Schulhof wurde ich natürlich von den Größeren gehänselt: »Ach, der Sachse, gugge mal.« Sie haben den Dialekt nachgemacht. Zu denen bin ich hinmarschiert und hab denen als Kleinerer auf die Birne geboxt. Das ist immer krasser geworden, und ich bin in der Schule beim Lehrkörper klassisch auf den Arsch gefallen. Als Schläger.

Ich konnte als Sachse »Hamburger Dampfschifffahrt« nicht klar aussprechen. Das glaubst du gar nicht, Prinzessin, so geläufig wie ich das heute sage. Damit ich das Sächsische verliere, bin ich dann von meiner ersten Schule in eine Sprachheilschule geschickt worden. Da hat mir die wunderbare Frau Fieger furchtbar gefehlt.

Ich war aber nicht nur ein lästiger Schläger, den man abschiebt, Prinzessin. Im »Tannenwäldchen« bin ich als fideles Kerlchen aufgefallen. Das »Tannenwäldchen« war ein Kindergarten, in den ich nach der Schule gehen musste. Genau wie Mucki Pinzner, der ein Jahr älter war als ich. Wir waren nicht befreundet, aber unsere Wege kreuzten sich immer wieder, bis er als Massenmörder mit seinem schauerlichen Abgang in die Verbrechergeschichte einging. Er war mir schon als Kind nicht geheuer.

Dass ich im »Tannenwäldchen« gemocht wurde, Prinzessin, kannst du daraus ersehen, dass ich für das ehrwürdige Hamburger Schauspielhaus ausgesucht wurde, für das Weihnachtsmärchen. Ich war der Freund von Pinocchio, Rübe, der Straßenjunge. Es war aufregend, es hat Spaß gemacht, mit dem Pinocchio über die Bühne zu albern. Ich konnte gar nicht genug davon kriegen. Und das Beste war: Dafür wurde ich auch noch bezahlt. 175 Mark. Für mich ein Vermögen. Für 45 Mark hab ich einen elektrischen Rasierapparat für meinen Vater gekauft.

Mein Vater träumte davon, irgendwann noch seinen Meister zu machen, eine eigene Werkstatt zu haben, in der ich dann der Junior sein sollte. Sein Spielzeug für mich war nicht wirklich für mich. Es entsprach seiner ersten und wichtigsten Linie: dass ich seinen Beruf erlerne. Er legte großen Wert darauf, dass ich mit seinen Stabilbaukästen, Lego und anderem Puzzlekram zu Hause blieb. Das ging mir am Arsch vorbei. Ich musste raus. Ich war schon als Kind nur auf der Straße zu finden. Ich hatte kaputte Knie, zerschlissene Hosen. In den Ruinen rumturnen, alte Autobatterien finden oder Kupferkabel und beim Schrotthändler verkaufen, das war mein Ding.

Die Schule war es nicht. Aus der Sprachschule bin ich wieder in eine andere Schule abgeschoben worden. Neben mir saßen meistens irgendwelche Genies oder Mädchen. Von denen hab ich mir die Schularbeiten machen lassen. Die wurden morgens angeliefert, natürlich nicht in meiner Schrift. Ich hab das dann sauber abgeschrieben. Danke, Gabi, du warst die Beste, die Treueste. Bei Besinnungsaufsätzen hab ich aus blanken Seiten vorgelesen. »Stefan, was haben wir denn von dir zu hören?« Da krieg ich eine Angst, tief durchgeatmet, ohne Souffleuse. »Blick aus dem Fenster«. Da gibst du dich hin, das hast du doch schon gesehen. Die Regentropfen, die an die Scheibe klatschen. Ich hab dann von irgendwelchen Rinnsalen geredet und von Papierschiffchen, bis ich diese aufgelegte Hand gespürt habe. Für den Lehrer war mein Verhalten natürlich transparent. Er war auch verständnisvoll. »Eigentlich gibt man dafür eine glatte Zwei, da du aber nichts geschrieben und dir keine Mühe gemacht hast …«Er war schon verständnisvoll, der Lehrer. Der konnte mit Kindern umgehen.

Mathematik war für mich eine furztrockene Materie. Schon gegen das Rechnen habe ich mich gesperrt, und mein Vater hat das nur noch schlimmer gemacht. Wenn er nach Hause kam, das Erste, was ich ihm zeigen musste, war das Rechenheft. Dann hat er mich abgefragt: Sechs mal sieben. Wusste ich nicht. Er hat seine Zunge ein paar Millimeter rausgestreckt und seine Unterlippe nass gemacht. Dann wusste ich: Jetzt krieg ich in die Fresse. Das kenn ich schon von klein auf.

Als ein Musiklehrer dieses Züngeln auch gemacht hat, bin ich ausgerastet. Unsere Klasse war in der Aula, der Lehrer am Klavier. Jeder sollte vorsingen und seine Zensur bekommen. Ich übe mein Lied als Stummfisch. Ich kann jede Zeile. Jetzt bin ich dran. Es geht nicht mehr, ich kriege keinen Ton raus. Der Musiklehrer stimmt dreimal an, ich stehe da und starre ihm ins Gesicht. Er steht auf, rennt auf mich zu. Und züngelt. Zack. Ehe ich mich besinne, haue ich zu. Er liegt auf dem Aulafußboden. Die Schüler schreien. Panik. Der Direktor kommt. Bevor ich weiß, was los ist, gibt es ’ne Rückhand. Sie haben mich in der Aula eingesperrt. Viele Stunden. Um mich zu rächen, habe ich das Wasser aus den Aquarien abgelassen. Die Fische lagen japsend auf dem Grund. So wie die habe ich mich gefühlt. Dann haben sie mich von der Schule geschmissen. Wenn ich diese ganzen Strategen vor mir sehe, Pädagogen nennt man sie, dann krieg ich ’nen Kackreiz.

Sie haben mich in einem Scheißheim untergebracht, irgendwo über die Autobahn. Ich hab da Bettnässer im Flur stehen sehen, die ganze Nacht über sind die mit ihren Matratzen rumgelungert. Weißt du, Prinzessin, wenn einer Bettnässer ist, hat er viel Mist und Scheiße erlebt. Der mit der Hasenscharte, der musste sein Erbrochenes wieder essen. So mit Kindern umzugehen ist brutal.

Mir ist da eine üble Rotze passiert. Neben mir im Schlafsaal lag einer, der war drei bis vier Jahre älter als ich. Zwischen einem Zwölfjährigen und einem Sechzehnjährigen, da sind Welten. Der will, dass ich ihm mit der Hand am Schwanz rumspiele und einen wichse. Na gut, ich bin rüber, hat mir nicht gefallen. Am nächsten Abend sagt der: »Heute wieder.« Ich sag: »Nein.« Als wir uns im Freien auf dem Spielplatz aufhalten, droht er mir: »Wenn du heute Abend nicht kommst, kriegst du richtig Senge.« Da hab ich zwei Steinchen ins Taschentuch gewickelt, nicht ganz faustgroß. Als er seinen blöden Pfiff wieder hören lässt, bin ich hin und keule rein. Mann, hat der geschrien. Die Schwestern kommen reingerannt und sehen mich nur als Täter. Mein Taschentuch ist blutig. Blaulicht. Krankenwagen. Eltern informiert. Und ich sitze da wie ein Stockfisch. Ich kann niemandem erklären, warum ich dem die Hoden zerdroschen habe. Als Kind, Prinzessin, konnte ich die Vorgeschichte nicht so locker erzählen wie jetzt.

Ich wurde auf den Dachboden verbannt. Da roch es nach Staub und Jauche und Pisse. Da haben sie für mich ein Bett aufgestellt. Eine Ewigkeit war ich da oben. Sie haben mir auch noch glaubhaft versichert, ich dürfte Weihnachten nicht nach Hause. Ich sollte als Einziger ganz allein in dem Heim zurückbleiben. Ich wurde dann doch abgeholt, zu einem wunderschönen Weihnachten, hatte ich geträumt. Ein Scheißweihnachten war das. Alles nur Stress. Da wurde hart gearbeitet. Wir mussten sogar die Fransen vom Teppich kämmen. Alle waren am Ende erschöpft. Ich höre meinen Vater noch immer krakeelen: »Ursula, werf nicht das Lametta tonnenweise auf die Zweige.« Ich hasse noch heute Tannenbäume.

Mit Andy, mit dem ich zur Schule gegangen bin, hab ich mich eines Morgens verabredet: »So, wir werden Gangster. Wir machen einen Überfall.« Wir wollten vom Fahrrad aus ’ner Frau die Handtasche wegnehmen. Wir haben dann ’ne Münze geworfen, wer den Überfall macht. Auf mich fällt die Zahl. Furchtbar. Wir ziehen unsere Kreise, wir fahren näher ran, an der Bushaltestelle steht ’ne Oma, ich greif mir die Handtasche, geb Schraube, bis mir das Blut umkippt. Am S-Bahnhof stemm ich mein Fahrrad hoch auf den Hängeständer, geh auf die Toilette, weil ich den Scheiß ja wegschmeißen will. Ich weiß nicht warum, ich nehm zuerst den Personalausweis, guck mir den an und sehe das Bild: wie meine Großmutter. Sie sieht mich an, und ich denke: Bin ich bescheuert, dass ich solche Sachen mach. Ich hab mich geschämt, aber das Geld hab ich doch genommen. 40 Mark. Ne Prinz-Heinrich-Mütze hab ich mir gekauft, und von dem Rest sind Andy und ich Essen gegangen, Chinesisch. Man hätte uns fast nicht bedient, solche Kinder waren wir noch.

Mir ist es dann immer dreckiger gegangen, ich hab kaum noch gegessen. Heimweh. Heimweh. Ich war nur noch ein Strichlein, klapprig und elend. Zu zwei verschiedenen Ärzten wurde ich gebracht. Als mir Blut abgenommen werden sollte, hab ich mir die Spritze rausgerissen. Bis heute krieg ich ’nen Anfall, wenn man mir Blut abnehmen will, werde kalkweiß wie ’ne Aspirin. Der eine Arzt hat dann klar erkannt, was mit mir war, und meinen Eltern gesagt: »Entweder Sie schicken den Jungen wieder in die DDR oder Sie holen die Großmutter her.« Sie kam dann. Nicht dass man sie abgeholt hat. Mein Vater hatte keinen Bock, seine Schwiegermutter an seiner Seite zu wissen. Sie war erst im Lager. Dann kriegte sie Unterkunft im St.-Anschar-Krankenhaus, wo sie sauber gemacht hat. Der Pflichtbesuch mit meinen Eltern war grausam. Sie saß da in einer Art Zelle von siebeneinhalb Quadratmetern und hat ihre trostlose Lage kaschiert. Ich hätte sie am liebsten mitgenommen aus diesem verkackten Nonnenloch.

Sie war immer erreichbar für mich. Wenn ich nachts kam, hab ich mich auf die drei Stufen gesetzt. Irgendwann ging dann das Flurlicht an. Es war so, als hätte ich ein Ufo gesehen. Und sie kam in ihrem gesteppten Morgenmantel raus und hat mich reingeholt. Wir haben kein Wort gesprochen. In der Schule ging es besser, allein, weil sie da war.

Mein Onkel Manfred war ’n halber Playboy. Der wohnte zur Untermiete und durfte natürlich keine Mädels mitbringen. Das hat ihn nicht gehindert. Er hat seine Mädels reingeschmuggelt. In Bananenkisten hat er die Mädels reingetragen, auf der Schulter. Das hat mich schon als Kind fasziniert. An Onkel Manfred hab ich gedacht, als mich die Brigitte völlig verrückt gemacht hat. Immer donnerstags beim Schwimmunterricht, die war schon richtig reif. Ich war ja ein Schlüsselkind und hab ihr gesagt: »Ich geh schon mal hoch, und du kommst nach.« Wir haben uns splitternackt ausgezogen und ein bisschen angefasst. Ne tolle Sache. Es klingelt. Ich seh durch den Spion. Meine Mutter, die gestützt wird. Ich reiß unter der Dachschräge die weiße Klappe auf: »Geh bitte rein, Brigitte.« Schmeiß ihre Schulsachen und Kleider rein und bettle: »Bitte geh rein.«

Meine Mutter kommt ins Zimmer und jammert: »Mir ist so schlecht.« Deshalb hat man sie von ihrer Arbeitsstelle nach Hause gebracht. Sie fragt, warum ich nicht angezogen bin. Ich jammere los: »Mir ist auch so schlecht.« Sie legt sich auf die Couch im Wohnzimmer und gibt mir endlos Anweisungen, was ich bei irgendwelchen Nachbarn erledigen soll. Plötzlich geht die Klappe auf und Brigitte kommt nackt rausgekrochen: »Frau Hentschel«, keucht sie, »Frau Hentschel, ich hab nichts damit zu tun, ich kann Ihnen das auch nicht erklären.« Prinzessin, du musst dir die prüde Zeit damals vorstellen, Kuppeleiparagraf, Minderjährige. Das Gesicht meiner Mutter. Du denkst, sie kriegt ’ne Sehkrankheit, die Augäpfel kullern ihr raus. Und ich, Prinzessin, ich stand da, ich war enteiert, ich war enthauptet. Es gab nichts mehr, was mir noch einfallen konnte.

Urlaub, Gardasee. Mein Bruder und ich waren wie aus dem Häuschen. Mein Vater fuhr einen alten DKW, frontangetrieben, hinten drin die schwere Campingausrüstung. Als die ersten Berge kamen, hieß es: »Ursula, geh mal raus, schieben.« Wenn die dann geschoben hat, sahen wir unsere Mutter bald verkleinert im Rückfenster, und unser Vater hat gebrüllt: »Ursula, wir sehen uns oben wieder!« 700 Meter. Abwärts hat er dann den Gang rausgenommen und oft nicht wieder reingekriegt.

Wenn unsere Mutter irgendwo mal austreten wollte, hieß es: »Ursula, halt mal durch.« Dann hat sie eben auf den Sessel gepinkelt. Wenn wir Essen gingen, hieß es: »Ursula, guck auf die rechte Seite, wo die Preise sind.«

Vom Gardasee ist mir nur noch das blaue Wasser in Erinnerung und die »Nachtübung«. Schon von dem Wort waren wir Jungen begeistert. Nachtübung. Wir haben die Heringe rausgezogen, das Zelt ganz leise abgebaut und alles in den Kofferraum geschmissen. Unser oberkorrekter Vater, der in allem so genau war und uns nichts durchgehen ließ, hat das Schloss geknackt. Unser oberkorrekter Vater konnte den Campingplatz nicht bezahlen.

Unsere Eltern haben um jede Mark gerungen. Schon als Kind war es mir peinlich, wenn ich beim Kaufmann anschreiben lassen musste. Das hat mich Nerven gekostet. Und ich muss da wieder hin, muss den Einkaufszettel zeigen und hab wieder kein Geld in der Tasche. Ich hab eine Scheißunlust beim Einkaufen, ich hab mich geschämt, und ich krieg eine Wut, verdammt noch mal, ich will nicht anschreiben lassen, ich will Geld. Jahre hat mich das beschäftigt.

Nach einem Umzug wohnten wir in Plattenbauten, voll gestopft mit Flüchtlingen aus dem Osten, Zigeunern und Ausgesiedelten. Von den Jungs, die da draußen rumlungerten, war ich sofort der Chef, wegen meiner körperlichen Überlegenheit. Wir waren sechs, manchmal sieben. Die meisten von uns waren Zigeuner. Angeberisch nannten wir uns »Totenkopfbande«, nach dem Piraten Störtebeker. Was wir gemacht haben, war erst mal Kinderkram: Vorhängeschlösser von Kellern geknackt und das Eingemachte gegessen. Wenn wir Flaschen mit Gummipfropfen fanden, haben wir den Wein ausgetrunken und besoffen rumgelegen. Mein kleiner Bruder wollte so gern bei der Bande dabei sein, aber ich wollte das nicht. Ich wollte für ihn die Verantwortung nicht übernehmen. Ein Hentschel auf der Straße reicht.

Als ich einmal besoffen nach Hause kam, hat mein Vater mich grün und blau geschlagen, mit einem Wasserschlauch, 70 Zentimeter. Es lag an seiner körperlichen Schwäche, dass er mir kräftemäßig nicht mehr gewachsen war und so einen verlängerten Schwanz brauchte. Meine Mutter, die war im Schlafzimmer eingeschlossen, die schrie: »Heinz, Heinz, tu dem Jungen nichts an!« Er hört nicht auf zu prügeln, bis ich auf den Trick komme, mich totzustellen. Da hat er Pause gemacht und gehechelt wie ein Hund, hat sich über meinem Rücken ausgekeucht. Da war ich drauf und dran, mich in seinen Genitalien festzubeißen. Hab ich gelassen, ich musste ja tot sein. Ich war mit Sicherheit nicht bequem, aber wenn ein Kind so aussieht, dann nimmt man es den Eltern weg, da brauchen wir gar nicht drüber zu reden. Als er mich nach zwei Tagen im Badezimmer mit den Striemen am Rücken gesehen hat, ist ihm schlecht geworden. Nach vier, fünf Tagen sah ich immer noch so grausam aus, dass meine Großmutter auf den Plan trat. Ich sehe sie noch heute vor mir, wie sie mit ’nem Kartoffelschälmesser in der Hand zu meinem Vater sagt: »Wenn du Stefan noch einmal anfasst, schneid ich dir den Hals auf.«

Es war wie ein Bibelspruch für mich, was meine Oma zu meiner Mutter gesagt hat: »Trenn dich von dem Dreckskerl. Wenn ein Mann einmal schlägt, schlägt er immer wieder.«

Auf einem Gartenfest haben wir von der Totenkopfbande ’ne Geldkassette im Vereinshaus einer Laubenkolonie gesehen. Die hat uns interessiert, und wir haben beschlossen: Die holen wir uns. Hat auch geklappt, war aber nicht viel drin. Wir haben uns dann auf Gartenlauben spezialisiert, sind in eine nach der anderen eingestiegen und haben die durchsucht, um uns zu bereichern. Vor allem Bargeld haben wir genommen.

Bei einem Streifzug sind wir auf einen Mann gestoßen, der in einer Lehmkuhle gewohnt hat. Das war ein desertierter Bundeswehrsoldat. Der hatte eine Pistole, die hat er uns gezeigt. Wir Jungs waren begeistert, auch von seinem Leben in der Kuhle. Die Waffe war unser Traum. Ich hab ihm jeden Tag mein Schulbrot gebracht. Der Mucki Pinzner war auch bei dem Soldaten und wollte ihm die Pistole abschwatzen. Hat er aber nicht geschafft. Hat er wieder und wieder versucht. Weil der Mucki die Scheißpistole von dem Soldaten nicht gekriegt hat, ist er zur Schmiere und hat den Soldaten und natürlich auch mich verraten: »Der Hentschel füttert einen Deserteur, der bringt ihm jeden Tag Schnittchen.« Die Polizei war dann bei meiner Großmutter, glücklicherweise nicht bei meinen Eltern, weil der Mucki die Adresse falsch angegeben hatte. Der war unberechenbar – schon damals –, und das hat ihn so gefährlich gemacht.

Von den Gartenlauben ist die Totenkopfbande dann zu Baubuden übergegangen. Das bot sich an, weil rundum viel gebaut wurde. Unsere Zigeuner hatten Spaß daran, was kaputtzumachen, die Arbeitskleidung von Bauarbeitern zu zerfetzen, Telefone und Maschinen zu zerkloppen, eben Randale, Bambule zu machen. Ich war nicht zerstörerisch, ich war an was ganz anderem interessiert: nämlich an den Bierkästen, die in den Baubuden drin waren. Wie oft wurde ich als Kind zum Bierholen geschickt, von meinem Vater, Onkel Sigi, Onkel Manfred und dem ganzen Nachbarklüngel. Am Wochenende wurde ja nur gesoffen. Ich hab mir Bohlen besorgt und sie im Schlamm unter eine Baubude geschoben. Mit einem einfachen Wagenheber hab ich die ganze Bude hochgepumpt, 30, 40 Zentimeter, und bin durchgeschlüpft. Dann hab ich die Bierkästen rausgezogen. Für den Vorrat hab ich eine Erdhöhle gebaut. Da standen dann 20 bis 30 Bierkästen drin. Wenn am Wochenende wieder Bierholen angesagt war, hab ich meiner Familie das geklaute Bier verkauft. Ich kannte ja die Preise – und das Geld gehörte mir.

Das Schlimmste, was passieren konnte, ist mir dann passiert: Die Baubude, mit der ich gerade rummachte, ist durch den Schlamm gerutscht. Stell dir vor, Prinzessin, ich komm weder vor noch zurück. Die Baubude hätte mich totdrücken können oder mein Rückgrat quetschen, dass ich im Rollstuhl sitze. Die Baubude rutscht nicht weiter, aber sie martert mich, die ganze Nacht. Ich lieg im Schlamm, mein Leben zieht an mir vorbei, und ich schwöre, wenn ich da heil rauskomme, gehe ich nie wieder Einbrechen. Ich muss da von elf Uhr abends bis sieben Uhr morgens gelegen haben. Als es hell wird, kommen die ersten Bauarbeiter. Die haben mir die Hose runtergezogen und den Arsch versohlt. Dann haben sie mich endlich rausgezogen, mir ’nen Tritt gegeben und mich weggescheucht: »Lass dich hier nie wieder sehen.« Das Zeichen hab ich verstanden. Einen Einbruch hab ich mein ganzes Leben nicht mehr gemacht. Die Totenkopfbande hat ohne mich weitergeklaut. Von zwei Kumpeln, dem Pupper und dem Gerry, beide Roma, habe ich später gehört, dass sie lebenslänglich gekriegt haben.

Leider hab ich dann noch mal Mist gemacht und schmerzlich bezahlen müssen. Mit einem geknackten Moped bin ich um den Bramfelder See geheizt, bis der Tank leer war. Dann hab ich das Moped ins Schilf gestellt. Am andern Tag bin ich mit ein bisschen Benzin wieder los. Mit ’ner Zigarette im Mund hab ich einen auf alt und lässig gemacht. Da ist mir ein Lehrer entgegengekommen, und ehe ich alles richtig begreife, finde ich mich in der Schädlerstraße wieder: Endstation Jugendgefängnis, zwei Wochen Einzelhaft. Wenn die Tür aufging, musstest du dich unter das Fenster stellen und dein Strafdelikt sagen. Die Scheißhaustüren waren bis zu den Knien abgeschnitten, da haben die Beamten durchgeguckt. Jeden Donnerstag wurden die dreigeteilten Matratzen weggenommen. Denk ja nicht, dass die Urinflecken weggemacht worden sind. Ich hab dann mit einem Handtuch im Sitzen an der Heizung gepennt. Dumpfes Unglück, nichts als dumpfes Unglück, 14 lange Tage lang.

Was dann kam, war noch schlimmer. Zu Hause hat mit mir keiner mehr gesprochen. Da hab ich gedacht: Jetzt dreh ich durch. Es war die Zeit, in der meine Großmutter auf einem Bauernhof am Stadtrand gearbeitet hat. Dort konnte ich immer am Wochenende sein. Dass da Tiere geschlachtet und verarbeitet wurden, hat mich fasziniert. Eigentlich hatte ich immer Hunger. Ich hab gern zugeguckt in dem Betrieb und gesagt, okay, Schlachter und Koch, das will ich werden, dann kann ich immer für mich sorgen und satt werden. Mein Vater hat die Welt nicht mehr begriffen. Er war nun endlich dabei, seinen Meister als Kfz-Elektriker zu machen, und ließ nicht ab, mich in seinen Beruf zu drängen. Was ich an meinem Vater am meisten gehasst habe, die ganze Kindheit, das waren seine schwarzen Hände. Der hat selbst am Wochenende und auch nach drei Wochen Urlaub keine sauberen Finger gekriegt. Das Schmieröl saß in jeder Rille, in jeder Narbe und unter den Fingernägeln. Ich hab immer gedacht, egal was ich mal mache, diese schwarzen Hände, die will ich nicht haben.

Ich wurde aufs Arbeitsamt geschickt und komme raus aus der Testkacke für Filigrantechniker. Um Gottes willen. Mein Vater hat nicht locker gelassen. Mich hat er meinen schulischen Leistungen nach nur irgendwo unterbringen können, wo er selbst schon mal war: in einem LKW-Reparaturbetrieb auf der Veddel. Jeden Morgen anderthalb Stunden Hinfahrt, jeden Abend anderthalb Stunden zurück. Scheißlehre. Prinzessin, ich krieg genau diese schwarzen Hände, die ich nicht wollte. Zu der Zeit wurde viel mit Diesel gearbeitet. Die Fahrzeuge waren anders konstruiert, du konntest nicht mit dem Oszillographen reinfahren, du hast alles per Hand gemacht. Du sahst aus wie eine Sau, wenn du aus dem LKW den Anlasser rausgeholt hast. Der wiegt 25 Kilo, einen anderen erschlägst du damit, wenn der den tragen muss. Ich hab das leicht gekonnt, aber ich hab das immer abgelehnt. Ich kriegte 75 Mark im Monat, wovon ich 25 Mark zu Hause abgeben musste, weil ich so ein starker Esser war. Und das Schlimmste war: Ich hatte immer Hunger. Kurz bevor die Sirene heulte zur Pause, bin ich raus. Ich hab jedem aus der Brotdose eine Scheibe gemaust und auf dem Scheißhaus gefressen. Körperlich hab ich zu der Zeit stark zugelegt, vor allem im Wachstum. Ich brauchte einfach Futter. Innerlich hab ich mich geschämt und gedacht, das geht so nicht weiter, dass ich meinen gleichaltrigen Kollegen das Brot klaue.

Wenn ich vom Bahnhof nach Hause ging, meine Aktentasche rechts in der Hand, ich musste mich ja im ersten Lehrjahr wichtig machen, guckte auf dem Weg immer mal wieder ein Kindermädchen aus dem Fenster. Die war 21 oder älter. Rein optisch eine tolle Frau, füllig, ein weiblicher Typ, üppige Brüste. Eines Tages sagt sie: »Bleib doch mal stehen, ich will dich mal was fragen.« Ich denk, was will die denn von mir? Ich bin zurückhaltend und mach einen auf John Wayne. Ich hab dann mit ihr eine mitgeraucht und erfahren, dass sie Sonja heißt. Sie hat nicht jeden Tag am Fenster gestanden wie Frau Holle. Sie war wohl hinter der Gardine, wenn ich sie nicht gesehen habe. Jedenfalls muss sie gemerkt haben, zu welcher Zeit ich nach Hause kam. Auf einmal steht Sonja am Bahnhof und sagt: »Ich hab auf dich gewartet.« Wir sind dann zusammen einen Wiesenweg gegangen. Da stand ein Bauwagen und anderes Zeug. Wir haben geknutscht und uns angefasst. Unter dem Bauwagen hatte ich meinen ersten Sex. Der war schnell wie bei den Huskys, schätze ich mal. Ich hab ein bisschen ’ne Show hingelegt. Die Sonja hat mich meschugge gemacht. Na klar, ich war sechzehneinhalb.

Als ich das erste Mal rumgedochtelt hab, bin ich nach Hause gekommen wie ein Revoluzzer. Was wollt ihr noch von mir? Wie ein Rüde, das ist ein animalisches Verhalten. Ich hab wahrscheinlich Adern gehabt wie Kompressorschläuche, so stark hab ich mich gefühlt. Deine Mutter kommt dir vor wie eine getragene Hose. Es ist vorbei, ich wusste: Jetzt habe ich gelebt. Da wurde ich natürlich immer sperriger.

Ich bin Sonja hinterhergelaufen wie ein läufiger Hund. Wenn Andys Eltern zur Ostsee gefahren sind, hab ich dem gesagt: »Mensch, lass mich am Wochenende zu dir hochkommen.« Mit der Sonja hab ich es eine ganze Zeit getrieben. Da hab ich mich schon gefühlt wie James Dean. So in der Art: Mir kann keener mehr an den Karren pissen, was kann ich jetzt alles! Ich werde abgeholt vom Bahnhof, Sonja steht da, die steht für mich da. Die Rose, ich riech das, genauso hat die Frau Fieger gerochen, meine Lehrerin, die erste Vollfrau, von der ich den Saft riechen durfte. Und jetzt bin ich der Kutscher und mache zum ersten Mal Hü, na servus.

Ich habe lange Zeit mit ihr angegeben und war sehr stolz. Auf einmal sagt sie: »Stefan, ich bin schwanger.« Toll, ich bin schwanger. Da hab ich gedacht, ich hab noch Scheiße in der Hose, wenn ich nach Hause gehe, und jetzt werd ich noch Vater zum Kompott. Das war alles unwahr, die hat geflachst. Die wollte mich ein bisschen an sich binden, ein bisschen quälen. Eine gescheite Dame. Der hab ich ja nicht das Trommelfell kaputtgemacht, das war schon offen.

Sie hat in einer anderen Stadt einen besseren Job gekriegt. Wir haben uns nie wiedergesehen.

Als Sonja weg war, hat mich nichts mehr in der Gegend gehalten. Natürlich kam dann das, was kommen musste. Ich war eben erwachsen. Aber selbst als Lehrling kriegte ich von meinem Vater noch ’ne Uhrzeit. Da musste ich Punktum zu Hause sein. War ich aber nicht. Ich sah Licht und wollte ein bisschen abwarten, bis mein Vater schläft. Das Auto von meiner Mutter war nicht abgeschlossen, weil sie Probleme mit dem Aufschließen hatte. Da hab ich mich reingelegt. Man hat mich beobachtet und für einen Autodieb gehalten. Leute kamen, es gab Geschrei. Bis klargestellt war, dass ich der Sohn von der Besitzerin bin. Oben hab ich dann die Tür zum Wohnzimmer aufgemacht und rotzfrech »Guten Abend« gesagt. Mein Vater, der mit seinem Steuerberater zusammensitzt, steht auf und sagt: »Geh weg hier.« Ich geh nicht weg. Er will meine Hand vom Türgriff lösen. Ich halte fest. Durch die Hebelwirkung wird die Tür hochgehoben, fällt aus den Scharnieren, und das Glas zerspringt. Da wird er ganz blöd, rennt in mein Zimmer und kommt mit meinem Stiletto zurück, von dem ich dachte, dass ich es in einem Geheimversteck habe. Er muss also in meinen Sachen geschnüffelt haben. Mit meinem Klappmesser in der Hand baut er sich auf. Ich soll jetzt Angst vor ihm kriegen, ich soll mich verpissen. Ich nehm seine Hand, die schwarze Hand, und drücke seinen Arm runter. Jetzt bin ich stärker. Durch das Geschrei kommt der Nachbar raus. Den dresche ich auch noch zweieinhalb Etagen runter. Ein Schneider, Zwei-Meter-Mann, aber schon älter. Ich bin stärker.

Die ganze Nacht bin ich draußen rumgerannt. Ein Zuhause hatte ich nicht mehr, und das war schlimm, aber das war gut so. Am nächsten Tag hab ich mir ein möbliertes Zimmer genommen, das letzte Dreckloch. Nach einer Woche war ich weich für ’nen Kompromiss. Ich bin zu meiner Großmutter gezogen, zu ihren Bedingungen: »Du wohnst hier bei mir auf einer Matratze unterm Fenster auf dem Boden, bekommst was zu essen, gehst jeden Tag zur Arbeit und bist jeden Abend um 22 Uhr zu Hause.« Das hab ich durchgezogen. Meine Oma Dora, wenn ich mich später aus irgendeiner Scheiße wieder rausgearbeitet hab, dann war das ihretwegen. Meine Oma Dora, die war mein galvanisches Element, die hat mich aufgeladen wie ’ne Batterie, die hat mir geholfen, meine Schwierigkeiten auf der Arbeit zu meistern und hinzugehen, wenn ich nicht hinwollte. So hab ich tatsächlich meine verhasste Lehre geschafft und abgeschlossen. Mit Strom konnte ich jetzt himmlisch umgehen. Ich hätte ’nen Pferd verkabeln können, dass es Karten gibt. Nur, wozu?

Endlich sollte mein Leben losgehen: Ich würde jetzt Geld verdienen als Geselle, die Stunde fünf Mark gab es damals. Nichts ging los. Ich kriegte ein Schreiben, das war geöffnet, weil es an meine Eltern gerichtet war. Das hat mir meine Oma gegeben, nicht meine Eltern persönlich. Es war der Musterungsbefehl. Das Entsetzen kam, als ich erfuhr, wohin ich sollte: nach Pinneberg, einem lausigen Vorort von Hamburg. Ich dachte, jetzt komme ich zu den Soldaten, weit weg, zu den Fallschirmspringern nach Sonthofen oder zu den Kampfschwimmern. Prinzessin, du darfst nicht vergessen, ich war topfit, ich kann dir unten im Keller die Urkunden zeigen, in Schwarz-Rot-Gold. Die Stoßkugel hab ich so weit geworfen wie keiner in meinem Jahrgang. Ich bin die hundert Meter auf elf null gelaufen. Und den Schlagball, der bei 60 Metern runterkommt, den hab ich der Jury auf den Tisch geknallt, damit hatte keiner gerechnet, so weit saßen die weg.

Ich war stocksauer. Na ja, dann habe ich mich trotzdem gemeldet beim Luftwaffenausbildungsregiment in Pinneberg, um denen zu sagen: Nee, hier will ich nicht hin, ich möchte, dass ihr was Richtiges aus mir macht. Die Voraussetzung war aber, dass ich mich mindestens vier Jahre verpflichten sollte. Da hat es bei mir wieder einen Lichtschalter umgelegt. Uniformträger zu sein entsprach nicht so ganz meiner Denkweise. Und ich wollte mich bestimmt keine vier Jahre verpflichten, damit ich bei den Kampfschwimmern ein bisschen im Wasser planschen kann.

Ich also in Pinneberg. Mein Opi Sepp hatte mal zu mir gesagt: »Irgendwann kommst du ja mal zum Militär. Melde dich nie freiwillig.« Bei der Bundeswehr war meine erste Erfahrung, dass ein Feldwebel fragt: »Wer versteht was von LKWs und Autos?« Natürlich verstand ich davon was, schließlich war ich Autoelektriken Ich dachte, vielleicht komme ich zum Stab, ich wollte Fahrer werden, LKWs fahren, alle Führerscheine bei der Bundeswehr machen.

Als ich den Schritt nach vorne mache, aus der Kompanie heraus, höre ich meinen Opa: »Melde dich nie freiwillig.« Aber es war schon zu spät. Wir freiwilligen Idioten durften die aufs Gelände kommenden Fahrzeuge aus Kaltenkirchen säubern. Weil wir was von Autos verstanden. Mit einer Bürste. Wenn so ein Laster reinkam vom Truppenübungsplatz, der sah wirklich aus wie ein Warzenschwein im Sand. Trotzdem hab ich die Dreckarbeit gut gemacht.

Meine anderen sieben Mitstreiter, die auf der Bude lagen, kamen aus Kamen, Unnaer Kreuz, aus Dortmund, aus den schönen Städten, Essen und so weiter. Ich war der einzige Hamburger, und ich sollte denen an den ersten freien Tagen St. Pauli zeigen. Natürlich wollte ich mich als Insider erweisen, aber mit St. Pauli habe ich als junger Bursche nichts zu tun gehabt. St. Pauli, das war kein Thema. Trotzdem bin ich gut rumgeturnt, mit den anderen über die Reeperbahn gezischt und dann in der Talstraße gelandet, in der »Amigo Bar«. Eine Schwulenbar. Dort hatte der Chef gerade Geburtstag, Willi hieß der. In der Bar waren Transvestiten und ab morgens um vier Zuhälter mit ihren Mädels. Mein Vorteil war, dass Willi Riesenbock auf mich hatte. Wir bekamen den Jägermeister umsonst. Du musst dir vorstellen, Prinzessin, du kriegst 175 Mark im Monat bei der Bundeswehr und bist auf dem Kiez und kannst umsonst saufen. Ich hab meine Kameraden zum ersten Mal ausgeführt, hab mein Ding gemacht, bin richtig vorne. Ich hab mir keine großen Gedanken gemacht, dass da Schwule verkehrten, Transvestiten. Ich war ohne Vorurteile. Ich war 19, die schräge Welt war in Ordnung.

Die Nacht in der »Amigo Bar« war der Zünder für mein zukünftiges Leben mit all den Explosionen. Das war mir natürlich nicht klar. Ich habe gefeiert bis zum Gehtnichtmehr, in einem wachen Rausch, den ich bis heute nicht vergessen hab.

Ich bin dann noch oft nachts abgehauen, über die Zäune. Ich war in St. Pauli oder bei meinem Mädel, der Elna. Einmal, während der Riesenkrise in Prag, gab es Natoalarm. Alle Kasernen wurden dichtgemacht und scharfe Munition ausgegeben. Ausgerechnet in der Nacht war ich auf dem Kiez unterwegs und kam, Gott sei Dank, morgens gerade noch rechtzeitig zurück, ohne dass mein Abhauen groß bemerkt worden war.

Nach der Grundausbildung landete ich beim Stab. Wenn Offiziersabende waren, hab ich mich zur Ordonnanz gemeldet. Einmal war unter den Gästen so ein Oberfeldwebel, ein Rothaariger, der hat mich immer mit meinem Namen gerufen: »Flieger Hentschel, kommen Sie mal her!« Den ganzen Abend hat der mich genervt, ich fühlte mich wie der letzte Arsch, er schrie immer über die Tafel meinen Namen: »Flieger Hentschel, kommen Sie mal her und schenken Sie mal nach! Haben Sie Drops auf den Augen?« Das war was für mich, das brauchte ich so nötig wie einen neuen Kopf, aber wirklich.

Solange mein Vater gelebt hat, war ich, wenn mich einer Hentschel gerufen hat, stinksauer. Solange mein Vater gelebt hat. Wenn heute einer sagt: »Ey, Hentschel!«, das tangiert mich in keiner Weise. Anders als damals dieses: »Flieger Hentschel, kommen Sie mal her!« Da hab ich gedacht, den mach ich schön besoffen, der kriegt nachgeschenkt, der kriegt mich schon noch zu spüren. Na ja, Flieger Hentschel hat sein Äffchen gemacht, bis der Penner besoffen zum Pissen gegangen ist. Mein Fehler war, dass ich dem hinterhergelatscht bin mit meiner kleinen schwulen Pingumuniform als Staatseingießer. Dann hab ich ihm die grünen Waldmeisterbonbons an den Kopf geschmissen, also die Pisswürfel aus dem Pissbecken für frischen Geruch, und ihn mit der Birne reingedrückt. Ich bin ein gerechter Mensch. Hundertprozentig. Leider kommt so ein Oberleutnant, der auf dem Klo gesessen hat, zu dem Zeitpunkt aus der Tür heraus und sieht, wie ich den Rothaarigen in das Pinkelbecken reinwichse.

Sie haben mich mit dem Feldjäger gleich zur Wache gebracht und am nächsten Tag nach Uetersen ins Gefängnis, wo alle 24 Stunden Wachwechsel war. In der Zelle auf der Wache gab es Schaumgummikissen, die man mit dem Kopf niederdrücken muss, wie heute in vielen spanischen Urlaubsquartieren. Mein Kissen habe ich aufgeschlitzt und in das Loch meine Pfeife reingetan. Abends wurde einem die Bettwäsche gebracht. Und dann habe ich schön meine Sachen geraucht. Ich saß da, glaube ich, 14 Tage in Einzelhaft.

Die Sache sollte erst strafrechtlich verfolgt werden, wurde dann aber fallengelassen wegen meiner außergewöhnlichen sportlichen Leistungen. Ich habe mich abgemüht mit der Stoßkugel. Weißt du, von neun auf zehn Meter, das waren Welten. Es ging aber ums Verrecken nicht weiter. Dann kommt ein Hauptmann, ein toller Kerl, und sagt: »Junger Mann, Sie machen viel falsch.« Er nimmt diese Kugel und will damit spielen wie mit einem kleinen Hühnerei, 7,5 Kilo. »Jetzt schauen Sie, ich mache Ihnen das zwei Mal vor, ich hab nicht so viel Zeit.« Es war die Technik. Ich hab es nur mit reiner Kraft gemacht, ich wollte mich dadurch verbessern. Jetzt kommt so ein Hauptmann, der nimmt sich die Zeit und die Mühe, für mich ein Glückstreffer. Er zeigt es mir, ich mache es zwei, drei Mal und bin auf einmal bei fast elf Metern. Dann habe ich über 13 Meter gestoßen, genauer 13,5 Meter, als Neunzehnjähriger. Der Weltrekord liegt bei 21 Metern. Der Sport hat mich gerettet.

Ich bin dann in die Truppe zurückgekommen, in die Fahrbereitschaft. Wieder bin ich, wie schon so einige Male in meinem Leben, ausgesondert worden. Ich durfte nicht mehr in der gemeinsamen Baracke schlafen. Ich hatte ’ne halbe Etage für mich. Ich war wieder allein auf dem Zimmer. Aber das machte mir nichts, weil ich jeden Tag einen Fahrbefehl kriegte, ich hatte was zu tun.

Bei der Bundeswehr hab ich alle Führerscheine gemacht. Ich bin sogar Chinesen-Rallye gefahren. Was das ist, Prinzessin? Da kriegst du eine Vorlage, auf der nur Striche drauf sind, und dazu eine Landkarte. Dann musst du beides im Kopf überblenden, bis du die Route findest, die ziehst du in dem Strichmuster nach: Bevor sich die anderen umgeguckt haben, hab ich sie schon alle im Sack gehabt.

Motorrad im Gelände bin ich gefahren. Den Hängerschein hab ich gemacht. Als Busfahrer hab ich die Auszubildenden zum Schießplatz transportiert.

Ja, ich hab auch gern geschossen. Seit ich als Kind dem fahnenflüchtigen Bundeswehrsoldaten begegnet bin und zum ersten Mal eine P 38, eine Pistole mit Kaliber 38, in der Hand hatte, war ich ein Waffennarr. Bei der Bundeswehr hatte ich endlich meine eigene Waffe, ich war sehr zufrieden. Schießen wollte ich gut können, damit ich mir, wenn ich mal in einem Blockhaus in Kanada sein sollte, was zu essen holen kann. Präzision war für mich eine Herausforderung, durch alle Schulen und durch allen Scheiß. Da wollte ich der Beste sein. Das war eine Akribie, wenn man eine Waffe mit sieben Schuss übernommen und sieben Schuss richtig platziert hat. Das hat alles seine Richtigkeit und Pflicht gehabt. Man stand mit den Hacken zusammen. Meine Beziehung zu der Waffe war, dass ich damit treffen kann. Aber ich hatte nicht das Gefühl, dass ich sie brauche. Ich hatte auch keine Angst vor einer Waffe. Ich habe da keinen Bullerofen oder eine Wärme gespürt. Später brauchte ich eine Waffe immer nur, wenn es um mich ging, wenn es um Leben und Tod ging.

Ich habe eine ziemlich schnelle Auffassungsgabe, wenn ich in einen geschlossenen Raum reinkomme. Da gucke ich erst mal, wo ich herauskomme. Wenn einer bellt, dann weiß ich schon, dass das der kleine Häuptling sein muss und dass ich mich eine Zeit lang unterordnen muss. Ich spreche nur von einer gewissen Zeit, limitiert. Ich habe nie die Bereitschaft gehabt, vor irgendjemandem zu kuschen, wenn der mir ungerecht entgegenkommt, ob er ’ne Uniform hat oder wer weiß was für ’nen Winkel. Mit dem Instinkt habe ich mich als niederer Soldat durch das wahnwitzige Gestrüpp der Befehlsketten geschlagen und bin einigermaßen durch die 18 Monate Bundeswehr gekommen – mit einer besonderen Einlage: meiner Hochzeit.

Mit Elna bin ich zur Schule gegangen, die letzten zwei Jahre. Die war Jungfrau, wie sich das gehört. Das war meine Freundin, wir haben im Hausflur geknutscht, aber keinen Sex gehabt. Elna war heia popeia während der Schulzeit. Ich dachte, vielleicht wird da mal mehr draus und habe den Kontakt zu ihr und ihrer Familie nicht abgebrochen. Meine Familie war doch Bullshit. Ich war nicht gerne zu Hause, weil da Krach war. Bei der Elna, in der Familie, bei Mama Miezi und ihrem Mann Hans, da kriegte ich immer meine sechs Spiegeleier, meinen Topf Kaffee. Ich war damals fixiert auf Eier, ich habe auch morgens rohe Eier höllenweise gegessen. Ernas Familie hat mich fast wie einen Sohn aufgenommen, das war schön für mich.

Während meiner Bundeswehrzeit habe ich mit Elna ein paar Erkundungsausflüge gemacht. Das erste Mal war bei ihr zu Hause, als die Eltern nicht da waren. Es war peinlich. Es ging damit los, dass ich Riesenprobleme hatte, ein Gummi überzuziehen. Dann habe ich den Fehler gemacht, die vollen Gummis aus der ersten Etage zu werfen, sodass die beim Nachbarn in den Stiefmütterchen hingen. Wir haben versucht, die mit dem Besen wieder herauszuholen. Wunderbar. Mama Miezi hat dann gesagt: »Seid doch ein bisschen vorsichtiger. Es ist peinlich, wenn ich die Dinger in den Stiefmütterchen oder an den Straßenlaternen sehe.« Weil sie so herzlich und verständnisvoll war, überhaupt nicht muffig oder verklemmt, bin ich gerne da gewesen.

Irgendwann hatte ich dann Bundeswehrurlaub und bin nach Hause. Elna hat Wäsche auf dem Boden aufgehängt. Dabei hat sie mir gesagt, dass gerade ihre Tage zu Ende waren. Ich wollte mir dieses Mal keine Pudelmütze aufsetzen. Aus der nicht aufgesetzten Pudelmütze ist meine Tochter entstanden. Mehr oder weniger musste ich Elna jetzt heiraten. Dafür habe ich bei der Bundeswehr drei Tage frei gekriegt.

Am Abend vor der Hochzeit kriegte mein Schwiegervater Hans, ein Rumäne, in der Kneipe Ärger mit den Zigeunern, weil sie alle besoffen waren. Die Sintis hatten ein Rasiermesser dabei. So was nimmt man doch nicht mit in die Gaststätte. Sie haben ihm die Nase abgetrennt. Ich habe ihn aus dem Scheißhaus herausgezogen, weil sie ihn regelrecht schlachten wollten. Daraufhin schnitten sie mir quer über die Hände und über das Gesicht. Diese Sintis, jedenfalls die in unserer Gegend, die haben ihre Praktiken, die kriegen sie schon als Patengeschenk in die Wiege gelegt, die richten einen so zu, dass man beschissen aussieht, aber nicht tödlich verletzt ist.

Es war toll, als ich damals zum ersten Mal gespürt habe, wie meine Kumpel zu mir standen und in der Kneipe die Sintis platt machen wollten. Das war aber nicht mein Interesse. Mein Schwiegervater kam lebensgefährlich verletzt ins Krankenhaus. Er hatte viel Blut verloren bei der Zigeunerschlacht. Auch mich nahmen sie mit Blaulicht mit. Als ich aus dem Krankenhaus kam, mit den genähten Pfoten und der genähten Schnauze, bin ich gleich zur Polizeiwache, um die Täter zu identifizieren. Den mit dem Rasiermesser habe ich sofort erkannt.

Als Paar auf dem Standesamt gaben wir ein jämmerliches Bild ab: Erna mit dem dicken Bauch und ich mit den dicken Verbänden. Der Fotograf hat unser Hochzeitsbild kräftig retuschiert, aber das hat niemandem gefallen. Dass mein Schwiegervater Hans fehlte und in einem kritischen Zustand war, drückte bei der Hochzeitsfeier auf die Stimmung. Es war so üblich, dass bei der Feier Brüderschaft mit Leuten getrunken wurde, mit denen man früher gar nichts zu tun haben wollte. Als alle nach Hause gingen, war ich froh.

Meine Eltern haben sich am Anfang mit den Schwiegereltern sehr gut verstanden und uns unterstützt, unser eigenes Leben als Paar zu finden. Wir sind nach Wandsbek in eine kleine Wohnung unterm Dach gezogen. Wir haben sogar Hausmeisterfunktionen übernommen. Meine Frau musste das Treppenhaus machen, ich habe hundert Quadratmeter Schnee geschoben. Da man damals nicht sehen konnte, ob es ein Sohn oder eine Tochter werden würde, haben wir zwei Namen ausgesucht. Zu der Zeit hat Mireille Mathieu immer das Lied »Martin« gesungen. Martin war mein Name für einen Jungen. Elna wollte für ein Mädchen Nicole.

Zur Geburt habe ich Elna ins Marienkrankenhaus gebracht. Ich tat das Übliche, was jeder Vater machte: rumsitzen und warten. Dann stand ich hinter einer Scheibe, und mir wurde ein runzliges Brett gezeigt. Wie Babys eben nach der Geburt aussehen.

Nicole aus dem Krankenhaus abzuholen, das war für mich das Größte. Ich hatte damals einen klapprigen grauen Simca 1000, um von zu Hause zur Bundeswehr zu fahren. Vorne auf die Motorhaube hatte ich mit der Sprühdose in Rot ihren Namen lackiert, Nicole. Mit der Kutsche habe ich sie abgeholt. Ich bin mit der blauen Babytragetasche überall rumgefahren und habe meine Tochter ganz stolz gezeigt.

Als meine Bundeswehrzeit zu Ende war, konnte ich mich durch meine erarbeiteten Führerscheine auf den Kutschbock bei einer Spedition setzen. Statt den Beruf von meinem Vater weiterzumachen, war ich Fernfahrer. Basta.

Richtig verheiratet waren wir eigentlich nur drei oder vier Monate. Elna hat sich nie abnabeln können von ihrer Mutter und der alten Umgebung. Sie wohnt heute noch immer in dem Haus ihrer Eltern, wo ich mit sechzehn Jahren mein Moped abgestellt habe. Auf ihre Art hat sie mich verlassen. Sobald ich aus dem Haus war, ist sie mit ihrem Töchterchen zu Mama zum Frühstück, hat ihre Zigaretten geraucht. Wenn ich abends mal verfrüht nach Hause kam, dann war das immer so husch husch, dass sie gerade kam. Ich habe schon mitgekriegt, dass unser Zuhause gar nicht ihr Zuhause war.

Eigentlich war auch ich gar nicht verheiratet. Ich war tagsüber auf Achse ab 5 Uhr 30 und um 16 Uhr 23 war ich mit dem Mercedes Richtung Celle auf der Autobahn und kam erst abends gegen 20 Uhr zurück, nachdem ich den Laster abgestellt hatte. Das war einfach nichts für eine Ehe.

Als Ausgleich für das viele Sitzen auf dem Bock habe ich in einem Bodybuilding-Center trainiert. Das war als ultimative Männermode gerade aufgekommen. Der Chef hieß Richard. Zur Zeit des Karnevals haben wir feschen Jungs uns zurechtgemacht und sind zum LiLaLe gegangen. In der Kunsthochschule am Lerchenfeld waren alle Klassenräume in Wahnsinnsräume verwandelt worden. Rein atmosphärisch war die Wirklichkeit ausgeblendet. Das irre Fest ging über mehrere Etagen. Ich war ein Seemann in Blauweiß geringelt und sah mich plötzlich einem Vamp gegenüber, Netzhemd, sehr transparent, darunter Tanga und BH, riesengroße rote Perücke: Helga. Sie war 32, ich 21. Sie hat mich auf zwei Partys mitgenommen. Dort sind schon einige Sauereien über die Bühne gegangen, Sex zu mehreren. Das war zwar nicht mein Fall, aber zugeguckt habe ich schon. Das war Neuland für mich und hat mich ein bisschen heiß gemacht.

Helga hat mich dann in ihre Wohnung mitgenommen. Da bin ich vier Tage versackt. Wir haben derartig einen drauf gemacht, dass ich vier lange Tage mein Zuhause gänzlich vergessen habe, Frau, Kind et cetera, alles vergessen.

Irgendwann war der Rausch vorbei, und ich musste wieder nach Hause, mit eingezogenem Kopf. Ich bin hochgegangen, es war natürlich niemand mehr da, meine Frau nicht, meine Tochter nicht. Aber ein geschriebener Brief. Der war an mich als Papa gerichtet, als hätte ihn meine Tochter geschrieben, meine Tochter, die ja noch ein Baby war. Es war ein aufgesetzter Brief meines Vaters aus der Sicht eines Kindes, grausam falsch im Ton.

Es hatten natürlich alle Verständnis dafür, dass Elna mit dem Kind bei mir ausgezogen ist und alles mitgenommen hat. Dann ging das ruckzuck mit der Scheidung. Ich habe die volle Schuld auf mich genommen. Kaum war die Scheidung durch, hat Elna gleich den anderen geheiratet. Als Vater für meine Tochter war ich nicht mehr sehr gefragt, als Zahlvater schon.

Als ob sich der Himmel ’ne besondere Strafe ausgedacht hätte – ich hab jedenfalls eine gekriegt. Ich war gerade von Elna geschieden worden, und mein Bruder und ich schnupperten in ’ne Discothek rein, in dem durch und durch bürgerlichen Stadtteil Wandsbek. Ich stand da nun nicht gerade nun wie ein Verklemmter. Ich war sicherlich provozierend mit meinen 95 Kilo unter ’nem engen weißen T-Shirt. Das muss dem Platzhirsch dort nicht gepasst haben. Der hat sich das angeguckt und draußen auf mich gewartet. Ich weiß nicht, wie besoffen der war. Ich steh zwischen zwei parkenden Autos, und er steht vor mir mit gezogener Pistole. Wenn der jetzt abdrückt, bin ich im Arsch. Und er drückt ab. Es macht klick, und er guckt runter. In dem Moment stürz ich los wie ’n 100-Meter-Läufer beim Startschuss und beschleunige, um dem in den Bauch zu rennen. Und ich greif an ihm hoch, wie in so ’nem alten abgegrabschten Western. Der nimmt die Pistole in dem Gerangel wie ein Beil, und dieser abgedrückte Schuss, der durch ’ne Ladehemmung steckengeblieben ist, geht durch das Hämmern los und mir in die Wade rein. Ich fall auf die Straße. Mein Bruder bringt mich ins Krankenhaus.

Der Platzhirsch kriegte natürlich ’ne offizielle Anzeige, aber ich bin nicht zur Aussage hingegangen und war auch nie vor Gericht mit dem Arsch.

So ’ne Wunde ist irgendwann mal zu, aber die Vernarbung kannst du im Kopf aufreißen, wenn dir danach ist.

Einstieg

Als Lastwagenfahrer hatte ich die Schnauze restlos voll. Da wurde mir in der »Amigo Bar« ein Angebot gemacht, zu dem ich nicht mehr nein sagen konnte. Ich hab mir gedacht, ich setz mich doch nicht mehr auf den Kutschbock für 350 Mark die Woche. Wohl kam ’n kleiner Nebenverdienst dazu. Ich habe natürlich an den Paletten gemaust wie ein Hamster. Wenn die Fernfahrer die Paletten im Freihafen aufstapeln und da ist was geladen, zum Beispiel Underberg, dann baut man ein Loch, nimmt zwei Kisten Underberg mit nach Hause und kann die Verwandten ein bisschen bedienen. Das macht jeder Fernfahrer. Aber von der öden Fahrerei hatte ich die Schnauze voll. Willi aus der »Amigo Bar« kam wie ein Retter zu mir: »Wenn du Lust hast, kannst du am Wochenende bei mir arbeiten.«

Ich bin natürlich hin. Ich war ein junger Spund, sportlich durch und durch, ich war topfit. Heute ist Bodybuilder ein Begriff, den man fast ablehnt, weil es so viele gibt. Damals waren wir nur wenige. Ich kam gut an bei den Schwulen, Schwuchtern und Transvestiten. Ich habe in der Bar zum ersten Mal einen Riss gehabt von 150 Mark netto in der Nacht. Abends habe ich angefangen mit dem schwulen Publikum, und morgens um vier kamen die Weiber nach der Arbeit in den Puffs rein und haben 20 Mark Tip gegeben, auf den Oberschenkel drauf. Ich dachte: »Hier bist du richtig, mehr geht nicht.«

Ich hatte eine leere Zigarrenkiste, in der hab ich fast jeden Morgen, nach zehn oder zwölf Stunden in der »Amigo Bar«, 120, 150 Mark gebunkert. Hör mal zu, Prinzessin, als ich in die Ferne gefahren bin, da stand ich die ganze Woche von morgens bis abends unter einer Belastung, die kannst du in ’ner Pfeife rauchen, so stark ist die. Und auf einmal hast du das gleiche Geld in zwei Nächten und wirst auch noch poussiert. Als Kerl kriegst du einen Tip von ’ner Prostituierten. Ich war sehr stolz.

Schnell hatte ich meine ersten paar tausend Mark zusammen. Jeder junge Arsch hat sich damals an Autos orientiert, ich nicht. Ich wollte mich in ein Sportstudio einkaufen. Das war mein Ding, weil ich da drei oder vier Stunden am Tag verbracht habe.

Richard hat mich als Partner genommen, und dann war sein Sportstudio auch mein Sportstudio. Dort habe ich Bernd kennen gelernt, einen eleganten Hahn, durch den mein Leben wieder einen neuen Dreh bekommen hat. Er war ein paar Tage älter als ich. Wie ich kam er aus der DDR. Er hatte sich seine Papiere auf die Brust geklebt und war über die Elbe geschwommen. Mittlerweile hatte er es zum Geschäftsführer in einer noblen Reederei gebracht. Er fuhr einen 6,3 Liter-Mercedes, eine der schnellsten Limousinen der Welt, ausgestattet mit Autotelefon, das war gigantisch. Das Auto war so lang, dass Bernd drei Minuten brauchte, um es einzuparken. Ins Studio kam er immer mit Krawatte und edel angezogen. Er hatte einen riesigen geilen Body. Wir lagen im Wettbewerb mit der Körperstärke. Ich war anders stark, ich hätte ihn durch die Wand kloppen können. Er war massiger. Bewundert hab ich an ihm sein geschäftliches Know-how.

Irgendwann fragt er mich: »Hast du heute Abend Bock, mit mir ins ›Café Chérie‹ zu kommen?« Ich sagte: »Bernd, tu mir ’nen Gefallen, nicht das ›Café Chérie‹, das hab ich nicht auf der Kralle.«

Ich wusste, dass das »Chérie« ein Etablissement war im klassischen Stil, berühmt in der ganzen Republik. Draußen versprach die Leuchtschrift: »Sie kamen als Fremder und gehen als Freund.« Den Slogan kannte fast jeder Mann in der ganzen Stadt. Vor dem »Chérie« durfte kein Zuhälter seine Stussmutter abladen und mit seinem Auto protzen. Der musste schön um den Block fahren, und die Dame durfte alleine vortragen. Das war das Höchste an Edelprostitution.

Der Bernd hat nicht locker gelassen: »Nee, nee, mach dir mal keinen Kopf, das ist meine Welt. Geh mal mit rein. Das kostet dich alles nichts.« Eigentlich lächerlich, ich hab mich aufgerüstet wie bei meiner Konfirmation und bin komischerweise sehr souverän reingegangen. Viel roter Samt, Geglitzer von Messingkandelabern. Du hast das Gefühl, du kommst rein in eine Filmkulisse. Überall kleine runde Tische. Ungefähr 120 Personen. Jede Frau war in der Bereitschaft, als müsste sie gleich vor die Kamera, exquisit angezogen, Abendkleidung, die Haare und die Schminke top gestylt. Die Frauen saßen zu zweit oder sie saßen mit Gästen. Dann gehst du einen Gang von circa 30,40 Metern zur Bar und denkst: »Das ist der Garten Eden.« Vorne an der Bar bediente Mario, ein charmanter Typ. Italiener.

In der Situation war Bernd sehr hilflos. Ohne das große Auto war er schüchtern, irgendwie verklemmt. Indem ich ihm meine lockere Art überspielt habe, ist er aus sich rausgekommen. Er hat sich dann wie ein Scherenschnitt von mir verhalten, und ich hab den Dirigentenposten übernommen. Ich hatte natürlich das Fett nicht in der Tasche. Aber ich hatte ja nun mal das große F auf der Stirn: F heißt Freier, das ist der, der das Geld hat und die Souveränität. Mario, der Goldgräber, war fleißig, uns zu bedienen.

Dann kamen zwei bildhübsche Frauen, eine kleinere und eine größere. Die größere hatte einen fränkischen Dialekt, der mir gefallen hat. Sie hatte ein orangenes Abendkleid an mit Trägern, eine kleine, sehr sportliche Brust. Das Gesicht mit den ausgeprägten Wangenknochen erinnerte mich an meine Lehrerin, die Frau Fieger. Sie war nicht so, wie man sich eine Hure vorstellt. Vom Typ her war sie ein Model vom Feinsten. Sie hatte ein sehr schönes Lachen und die blauesten Augen, die ich bisher gesehen habe. Dunkle Locken. Ihre Bewegungen waren von aller Eleganz geprägt. Auch ihre Unterhaltung. Diese Dialoge, die ich von Prostituierten aus der »Amigo Bar« kannte: »Hey, bist du geil?«, die gab es nicht. Wenn jemand so gesprochen hätte, wäre das befremdend. Man versucht in so einem Moment, wenn einem etwas gefällt, sein Bestes zu geben. Ich unterlag einer Neugierde, ich hab ja mein Rückgrat blubbern gehört. Und jetzt bezahlt jemand für mich, eine Stunde Vögeln vielleicht für 400 Mark. Mir so was selbst zu spendieren, da wäre ich nicht drauf gekommen.

Bernd ohne Auto blühte durch mich auf. Er sagte: »Hier nimm das Geld, dann komme ich auch mit.« Wir blieben noch länger im »Chérie«, ich hab mich geziert, ich muss so ’ne Maus im Kopf haben. Ich mochte nicht schon nach ’ner halben Stunde abhauen und mit so ’ner Mutter auf den Turm gehen, sprich aufs Zimmer. Das wäre für mich tiefste Provinz gewesen. Bernd hat mir auch keinen Anstoß gegeben, lass uns abhauen oder so. Er wollte auch den Löwen raushängen lassen. Ich dachte, da machst du mit, das kostet eh nicht dein Geld. Ich konnte mir das gar nicht erlauben, schon gar nicht zwei Frauen. Wir kannten uns ja lange unter der Dusche, der Bernd und ich, durchs Studio. Wenn da zwei Bräute mit rumhopsen, das wäre uns am Rücken vorbeigelaufen.

Wir sind dann den Steindamm runter zum »Hotel Kruse« und hatten das Vergnügen zu viert auf dem großen Turm, das werde ich nie vergessen. Die beiden Frauen waren ja vertraut miteinander, vielleicht haben sie gedacht, wir gucken ein bisschen zu, wie sie rumschnäbeln, und dass wir uns vielleicht ein bisschen geil machen. Das war’s aber gar nicht. Ich spürte, dass eine unbeschreibliche Sympathie von der blauäugigen Dame kam. Sie bestand als Erste darauf, dass wir getrennte Zimmer nehmen. Da war ich natürlich aufgerufen. Das ging sogar so weit, dass wir nachts noch zusammen los sind. Ein Riesenerlebnis, auf einmal fährst du mit so ’ner göttlichen Hure vom »Café Chérie« in dein halbseidenes Sportstudio, und die macht da noch so ein paar Trizepsübungen und spricht im Dialekt. Wir waren eigentlich immer noch besoffen von dem, was passiert ist mit uns beiden. Verrückt. Reni hieß sie.

Wir sind dann zu mir in die Wohnung gegangen, das war wirklich die letzte Mottenhöhle. Da konntest du nur verrecken oder wie Charles Bukowski zu Ende gehen. Aber trotzdem hat sie mich das nicht merken lassen. In der Wohnung war ja nichts mehr. Nur das französische Ehebett war mir geblieben. Darauf haben wir unseren Sex ausgetobt. Noch und noch.

Danach hat sie mir erzählt, dass sie mit einem Zuhälter zusammen ist, dem Luden-Schorsch. Das war für mich natürlich eine neue Perspektive. Mir war sonnenklar, jetzt kannst du dich auf was gefasst machen. Aber mir war das auch scheißegal. Ohne zu wissen, was auf St. Pauli zwischen Miliern- und Nobistor für Gefahren lauern.

Um ’ne Frau aus dem »Café Chérie« zu kämpfen, das heißt auf dem Kiez: Krieg gegen Vietnam. Erstens verliert man ihn, weil man den Dschungel nicht durchschaut. Und zweitens verliert man ihn, weil die Frau jede Nacht 1500 Mark verdient. Andrerseits, das wusste ich damals noch nicht, das kann ich dir heute, Prinzessin, mit aller Sicherheit sagen: Eine Hure verliebt sich mit einem gewissen Profidenken. Mit Know-how. Also in einen, der dem Kampf insofern gewachsen ist, dass er ihn vielleicht doch gewinnt. Das soll auch so sein. Das ist Zuchtwahl wie im Tierreich.

Der Luden-Schorsch, der war für mich natürlich biblisch alt. Ich war 24, und der war um die 40. Der hatte einen großen cremefarbenen SL, nur Mercedes hat damals bei den Zuhältern gegolten, der Stern musste auf der Mütze sein.

Irgendwann musste Reni ja nach Hause. Luden-Schorsch war psychologisch ein Ass, er hat sie sofort gefragt: »So, so, wer ist es denn?«

Ein paar Tage später kam sie wieder zu mir, in Jeans. Es war nicht mehr so wie vorher zwischen uns, und ich sagte: »Was ist los, Reni? Du druckst rum mit mir. Du hast ein Problem.« Sie hatte kein zerklopptes Auge, das wäre für mich eine Motivation gewesen, gleich mit dem Hackebeil hinzufahren. Darum ging es nicht. Reni war völlig aufgelöst. Ich sollte 60000 Mark bezahlen für sie: Abstecke. Das Wort, das sie mir in ihrer fränkischen Art reinhustet, hab ich vorher nie gehört. 60 Mille Abstecke. So viel Geld hab ich vorher noch nie auf einem Haufen gesehen. Verdammt, ich bin doch nicht auf dem Sklavenmarkt, für mich ist das alles Neuland.

Schorsch hatte ihr gesagt: »Sag mal deinem Tarzan Bescheid, wir sitzen im ›Nobistor‹.« Das war damals ein Hotel, das gehörte einem Boxer, Europameister. Da saßen nur die Jungs rum im Foyer, also nur Zuhälter und Puffbesitzer. Du musst dir vorstellen, Prinzessin, wenn du als einigermaßen solides Kerlchen zum »Nobistor« bestellt wirst: »Du hast da meine Frau angebaggert«, dann scheißt du dir in die Hose vor Angst, oder schlimmer noch: Die Wurst kommt dir als Kupferbolzen aus den Rippen geschossen, so einem grausamen Druck unterliegst du, dass deine Fantasie Unmögliches mit dir anstellt.

Ich bin in mein Studio zum Training gegangen. Da liefen ja keine Seifenteddys rum, sondern toughe Kerle. Denen habe ich meine Situation geschildert. Mein Freund Ditschi sagte gleich: »Komm, lass uns anziehen, ich brauch das Training nicht, ich muss mal ein paar Zuhältern aufs Maul hauen, das gefällt mir.« Henk aus Holland, der konnte 200 Kilo drücken, war auch sofort dabei.

Dann sind wir da hingegangen, Henk, Ditschi und ich. Mich kennst du ja, Prinzessin, ich bin ein 100-Kilo-Mann. Henk kannst du noch mal 20 Kilo mehr geben. Nicht dass er aussah wie ein Monster, eher wie ein gepflegter Konfirmand, aber er hatte Arme wie ein Kesselflicker und war um die zwei Meter groß. Der Ditschi hat sich öfter in der Kneipe geprügelt, der hat keine Hemmschwellen gehabt. Beruflich waren sie beide relativ solide Menschen. Der Ditschi war Polier auf dem Bau, der Henk in der Werbung tätig, er war souverän.

Jetzt komm ich da rein ins »Nobistor« mit den beiden hinter mir und seh einen Pool-Billard-Tisch. Als Erstes sag ich: »Schiebt den vor die Tür. Ich will das Tor zu haben, dass hier keiner wegläuft.« Ditschi und Henk erledigen das sofort. Drei Mann sitzen beim Zocken. Einer am Tresen, der sagt: »Schorsch kann nicht.« Ich weiß gleich, wer Schorsch ist. Ich erkenn ihn an seiner geföhnten Haartolle und seiner affektierten Ludenkette. Ich lehn mich an dem Zockertisch zu ihm rüber: »Hier ist der Tarzan!« Jetzt sehe ich die Knie von Schorsch – als hätte er Popcorn zwischen den Eiern. Er zittert vor Angst. Die anderen vertiefen sich in ihre Karten. »Die sind irgendwie billig«, denke ich, »so einfach geht das, du musst nur Überzeugung rüberbringen. Es kann doch nicht angehen, dass sich auf einmal irgendein Lackaffe meldet, und ich muss den Arsch zuschnallen. Nee, Stefan, komm, da machen wir uns gerade!«

Ich mag Schwächeren nicht auf den Kopf hauen. Dass dem Schorsch die Karten nicht aus der Hand fallen, ist ein Meisterwerk. Seine Knie gehen jetzt wie ein Maschinengewehr. Ich sehe seine Scheißangst. Henk und Ditschi stehen wie römische Soldaten an der Tür. Konsequenz ist angesagt, kein halbseidener Vortrag. Nicht ums Verrecken, Prinzessin. Ich hätte Luden-Schorsch aufgefressen zu der Zeit. Ich war wie ein Kannibale vor lauter Liebe zu einer Hure.

Also, wir sind am Zug, hier ist euer Tarzan. Selbst der Europameister hat als Erfahrungswert erleben dürfen: Mit mir ist schlecht Kirschen essen. Ich sag zu Schorsch: »Was hast du für Probleme? Die 60 Mille kannst du dir fein in den Arsch stecken.« Ich bin bereit, ihm den Kopf wegzuknallen. Ich denke keine Sekunde an was anderes. Der merkt, dass er seine Karten behalten kann, aber nicht seine Frau. Nicht mal seine Freunde erklären sich solidarisch. Die sitzen zu dritt am Tisch und kuschen vor uns.

Genauso hätten uns drei Bauchschüsse passieren können. Die Frau hat so viel Geld verdient, da werden andere bewusstlos und fangen zu ballern an.

Nach dem Showdown sind wir raus. Reni wartete im Sportstudio auf mich. Ich sagte: »Es ist an der Zeit, dass du deine Sachen holst. Ich möchte nicht, dass du die Kinkerlitzchen am Body trägst, die er dir geschenkt hat. Das gehört ihm.« Da war sie relativ dankbar und hat von allem abgelassen, ob das nun bunte Kniestrümpfe waren, auf die er bestanden hatte, oder all das andere Zeug, was er mit ihr beim Schaufensterschnüffeln zusammengetragen hatte.

Eigentlich war der Schorsch ein netter Kerl, aber er war der Daddy und ich war in ihrem Alter, zwischen ihm und mir, da sind Welten gewesen

Wir sind nach Rahlstedt gefahren, Reni hat da in einem Hochhaus gewohnt. Die Wohnung gehörte Schorsch. Ich habe unten gewartet. Sie sollte sich ihre Rüstung rausholen, Klamotten und so weiter. Sie zog in meine Wohnung nach Wandsbek, in diese Puppenstube ohne alles, nur mit französischem Ehebett. Eigentlich haben wir da von morgens bis abends nur rumgevögelt. Ich hab sie geliebt. Es war ein berauschender, knallgeiler Sex.

Abends hab ich Reni ins »Café Chérie« gefahren, nicht direkt vor die Tür, das war nicht angesagt. Wenn sie zur Arbeit ging, wusste ich, was sie tun wird, weil ich am Anfang ja Freier bei ihr war. Irgendwann wächst, wenn sie weg ist, der Gedanke, vielleicht vögelt die mit ’nem anderen genauso rum. Nicht alle Freier sind hässlich oder haben Schuppen hinten auf dem Kragen. Andere ticken auch gut, sehen sehr ästhetisch aus und haben Geld. Mit dieser Herausforderung zu leben ist schon gigantisch. Das ist eine offene Wunde im Hals, die nie zuwächst.

Dass sie mit anderen Männern geschlafen hat, das habe ich verdrängt, Prinzessin. Guck mal, ich hab das Weib ja geliebt. Du kannst dir gar nicht vorstellen, was da abgeht. Ob man das wiedergeben kann, was man erlebt hat? Oder unterliegst du in deiner Fantasie den Gesetzen der Verlogenheit? Oder kannst du sie aufdecken? Ich hab mich besoffen rund um die Uhr. Ich hab das kaschiert, weggesteckt und hab sie morgens blöde gefickt, wenn sie von der Arbeit gekommen ist. Ich wollte besser sein als alle, mit denen sie zusammen war. Ich hatte gar keinen anderen Weg mehr. Das Geld kam so schmerzhaft schnell, 1200, 1500 Mark am Tag. Was denkst du, was da auf einmal in dir abgeht.

Ein Zuhälter wird nicht geboren, er wird gemacht.

Und auf einmal riechst du diesen Gummigeruch. Unausweichlich. Da kann sie reden: »Ich lass keinen Brustfick machen mit mir.« Der Talggeruch von Gummi zwischen den Titten von der Reni ist da, der ist trotz ihres Duschens nach der Arbeit nicht weg. Ich bin ja ein Geruchstyp seit der frühesten Kindheit. Dann nimmst du das wahr und bist mit ihr am Machen. Das kann man nicht schildern. Irgendwie macht es dich geil, das ist das, was ich seelische Vernarbung nenne, wo etwas aus dir herausgerissen wird. Ich hab das gerochen, das tat weh, und trotzdem war ich geil. Hätte ich denn noch mal mit ’ner Scheißhausbürste zwischen den Titten saubermachen sollen? Das wäre doch Verrat gewesen am Ganzen. Morgens war alles weg, aber das Geld war da, in der Schublade oder unter der Kaffeetasse. Wenn du morgens 1000 Mark findest, dann kann das ruhig ein bisschen nach Präser riechen. Da kannst du nicht noch Vorwürfe machen. Auf einmal stellst du fest, du bist auf ’nem Drehbahnhof und hast vielleicht ’ne Macke. Jeder andere würde seine Frau erschlagen. Du hast verwirrende Gefühle und eine merkwürdige Art von Stolz: Die Frau geht schick angezogen und hat drei bis fünf Freier gehabt und kommt zu dir und bringt Geld mit. Du bist ja nicht ohne Gefährdung. Da passiert ’ne Verwandlung. Auf ’ne simple Art fühlt man sich besser als die anderen Männer. Eigentlich geht das viel, viel tiefer in die Seele rein. Du bist das Alpha-Männchen. Das Ganze ist für ’nen Außenstehenden nichts weiter als gemein: »Deine Frau für Geld ficken lassen und dann auch noch sagen, dass du sie liebst. Du bist ein Scharlatan. Du bist ein Wichser.«

Aber ich hab ja ’ne ganz andere Schule mitgemacht und erst von der einen geliebten Hure und dann von vielen anderen Huren eine Menge Erfahrungswerte über Männer sammeln dürfen, die ihre Bilderchen von ihren Frauen und Kindern zeigen und sich die Eier abbinden lassen. Also hab ich ’ne Trennschärfe zu denen entwickelt. Die schwulen Geschichten hab ich gefressen, also aufgesaugt. Der Heilungsprozess, um das zu verarbeiten, war die Kohle. Und so hat sich das Angenehme mit dem Nützlichen verbunden.

Manchmal stell ich mir heute die Frage: Was war eigentlich los, Hentschel? Was hat dich geiler gemacht, dass sie dir einen Sack voll Geld nach Hause gebracht hat oder sie selbst? Natürlich war ich in sie verliebt. Oder auch in ihren erotischen Klappkoffer von Louis Vuitton? Da hat sie das Geld reingelegt, und ich konnte da reingreifen wie in ein Wurschtbündel und mir einen schönen Tag machen.

Man kann ja auch sagen, man hat perfide reagiert. Ich war gar nicht in der Bereitschaft, ein Zuhälter zu werden. Sie hat mich zum Lodel gemacht. Ich habe einfach nur gedacht: Du bringst das alles unter einen Hut und benimmst dich ein bisschen anständig. Du respektierst die Selbstständigkeit von der Frau, und du respektierst sie wiederum nicht. Der Mann ist für eine sich prostituierende Frau sehr wichtig. Von dem zusammengefickten Geld kauft man ihr zu Weihnachten ’ne Rolex, und die freut sich wie ein Kind.

Was sie an mir hatte? Sie war glashart verknallt, und ich hab ihr vermittelt, dass sie gut drauf ist. Wir haben beide Grübchen und uns totgelacht. Für Reni war ich was anderes als ihr zweiundvierzigjähriger Lodel, ich unterlag noch nicht dem eiskalten Atem, ich war unverbraucht und blauäugig, ein Neuer im verschissenen Spiel, ein Schmuckstück. Das brachte ihr Status. Sie stand da als eine, die keinen Mann mehr zur Anleitung brauchte. Sie konnte sich einen erwählen, mit dem sie Spaß hatte. Sie steigerte sozusagen ihren Luxus. Trotzdem konnte ich ihr durch meine Stärke den Schutz geben, den sie brauchte, mehr das Gefühl von Schutz, ich musste ja nicht wirklich einschreiten. Sie hat meinen Body gern angefasst. Ich hab ihr Bild von einem Kerl voll erfüllt. Sie hat gern mit mir im Kreis ihrer Freundinnen angegeben: Er hat mich den ganzen Tag nicht aus dem Bett rausgelassen und mir das Gehirn aus der Birne getickt. Unter Huren ist Sex ein ganz wichtiges Thema, und Reni hatte viel zu bieten. Wir hatten eine gigantische Abfahrt nach der anderen. Zwischen uns stimmte es, wir passten zusammen, auch äußerlich. Wir waren ein tolles Paar.

Natürlich wollte mich Reni nur in gutem Tuch sehen, vom Hemd drei Knöpfe offen. Sehr wichtig war für sie, dass ich mir einen BMW 2,8 gekauft habe, in Weiß mit schwarzen Ledersitzen. Darin hab ich immer auf sie gewartet, bis morgens um vier. Und wir sind dann ins »City Treff« gegangen, Spaghetti essen. Dann hat sie mir die Kuppe gegeben, sprich das Geld, 1500 Mark und sagt: »Das war schlecht.« Was meinst du, was da für ein Film abgegangen ist. Ich denk mir, du hast die Welt nicht verstanden. Ich bin für 350 Mark die Woche LKW gefahren. Da geht in deinem Kopf ’ne Revolution ab. Du bist so ein junger Hahn und kriegst 1500 pro Tag oder 1600. Wenn es schlecht lief, durfte ich sie noch nicht abholen, sie wollte noch 1500 voll machen. Oft sind wir morgens danach auf die Reeperbahn gegangen und haben abgetanzt und wieder gesoffen.

In meinem verschlurften Puppenhaus wollte ich mit der Reni keine Sekunde länger wohnen. Wir haben uns eine Eigentumswohnung in Rahlstedt gekauft. Aber der Spaß hat nicht lange gedauert. Wir kamen erst morgens nach Hause und waren gut drauf. Die Nachbarn haben sich zusammengetan, weil sie uns beim Ficken zuhören mussten durch das offene Fenster. Einmal guck ich durch den Spion und seh die ganze Schar der Hausbewohner. Peinlicher konnte es nicht sein. Die hatten ja auch Kinder. Wir haben beide gelacht und das Fenster zugemacht. Das hat aber nichts genützt. Die haben uns schließlich doch rausgeekelt.

Wir haben dann auf ganz wichtig gemacht und sind wie die Landlords an den Stadtrand gezogen: in ein Anwesen mit Terrasse, wo vierzig Sambatänzer hätten rumhopsen können. Reni hat das große Haus in Altenglisch eingerichtet. Stilempfinden hatte sie ja.

Um meinem Vater zu zeigen, dass man es auch ohne große Leistung in Mathematik zu was bringen konnte, hab ich meine Eltern eingeladen. Sie waren von dem Haus und von Reni sehr beeindruckt. Für meine Eltern war Reni in der Kosmetikbranche tätig. Was die wirklich machte, bei ihrer Eleganz in der Aufmachung und der Redeweise, da wären meine Eltern nicht im Traum drauf gekommen.

Fast jedes Wochenende haben Reni oder ich meine Omi abgeholt. Sie hat wie ein Zinnsoldat am Gartentor gestanden und sich riesig auf uns gefreut. Meistens haben Omi und Reni mit viel Gezwitscher und Gelache zusammen gekocht: Die sächsische und fränkische Küche haben sich geknutscht. Und ich genieß in vollen Zügen die grünen Klöße von Omi und die kinderkopfgroßen Speckknödel von Reni. Allein die köstlichen Gerüche haben mich schon meschugge gemacht. Ich hab mich gefühlt wie Graf Koks im englischen Esszimmer mit weißem Tischtuch.

Ich hab nicht auf der faulen Haut gelegen und gewartet, dass die Reni das Geld reinbringt. Der Bernd, der elegante Hahn, der mir meine geliebte Hure das erste Mal bezahlt hatte, machte mich zu seinem Geschäftsführer im »Mic Mac«. Das war die ultimative geschäftliche Nebenidee von diesem hochkarätigen Reederei-Manager: ein Nightclub, in dem sich die feine und die schräge Welt mischen sollten. Und da mischte sich was auf Deibel komm raus. Da kreuzten erfolgreiche Typen aus der Wirtschaft und der Werbung auf, da stellte die Creme der Jungs von St. Pauli und St. Georg ihr Geschmeide aus, die hatten ja noch Fett in der Tasche und waren keine Hungerhaken wie die heute sind. Die Boxpromotion war vertreten und die Musikbranche, Presseleute hingen rum und machten sich wichtig mit ihren News, der Sprecher der Tagesschau war live zu sehen; er aß immer Scampis und trank Wodka-Lemon. Morgens um vier knallte die andere Abteilung rein, die Huren aus den Edel-Etablissements und die Zocker vom Steindamm sagten Guten Tag. Mehr ging nicht. Mittendrin machte ich den Zampano.

Wenn Wilfrid Schulz reinkam: Das war, als wenn das Vakuum erst mal rausgezogen wird und er füllt den luftleeren Raum, mit den Vasallen um ihn herum. Dakota-Uwe, ein kerniger knallharter Typ, war seine rechte Hand. Seinen Schatten gab der Perser-König, eine orientalische Spielernatur. Wilfrid Schulz hatte eine Aura, absolut. Von der Presse wurde er als Pate hochgejaucht. Ich wusste, dass er richtungweisend war, wenn man auf St. Pauli ’nen Tannenbaum verkaufen oder ’ne Strohhütte aufmachen wollte. Dann sollte man sich tunlichst über seine Connections an ihn wenden. Wenn nicht, konnte das ungut enden. Wilfrid Schulz, man nannte ihn »Frieda«, war eine lebende Legende. Gegen ihn, das wusste man, liefen zwei Dutzend Ermittlungsverfahren, und alle wurden eingestellt. In St. Pauli war er der absolute King. In St. Georg hatte er seine Perle, das »Café Chérie«.

Ohne Reni hätte ich keine Möglichkeit gehabt, den Paten kennen zu lernen. Ich konnte ja nicht bei dem klingeln und sagen: »Ich arbeite bei der Post und möchte mit Ihnen ein Geschäft machen.« Ich wollte ihn unbedingt treffen, seit ich auf einer Boxveranstaltung war. Auf den Plakaten stand als Promoter Wilfrid Schulz. Ich hab natürlich die Dame aus dem »Chérie« mitgenommen und in der zweiten Reihe zwischen der Prominenz rumgelungert. Als Zuschauer bei den Kämpfen hab ich den Mut gefasst: Das trau ich mir auch zu. Also hab ich gedacht, geh mal zu Wilfrid Schulz. Das lief dann über Reni. Sie kam ganz locker zurück: »Ja, morgen.«

Am nächsten Abend bin ich in das »Chérie«. Wenn du ein Date mit Frieda hast und gehst durch das Café und siehst die 120 toll angezogenen Frauen in Abendkleidern und du gehst runter zum Chef: Also, dass der da keine Frittenbude hat, das ist doch klar, Prinzessin. Der empfängt mit der passenden Vorhut vor seinem Thron. Da saß der dicke Fritz, der Boxmanager. Der hatte den einen oder anderen Europameister gemacht. Außerdem gehörte ihm neben dem »Café Chérie« ein Pelzgeschäft. Der andere, Theo, war Boxpräsident; der hieß damals Goldfinger, weil er an jedem Finger so ’nen Sarg hatte, also ’nen Ring. Ich hatte einen erdbeerrosafarbenen Pullover an, auch das passende Sakko, für 96 Mark von C&A, und wollte vor seiner Eleganz fast in den Boden versinken. So stand ich vor dem Gentleman. Er war in jeder Hinsicht die Umkehrung von meinem Vater, bei dem mir immer verhasst war, dass er schmutzige Hände hatte. Mein Vater war ein Nichts. Da war ein Jemand. Ich konnte ihm den nötigen Respekt erweisen. Dass er so ’nem jungen Spund wie mir die Hand zu geben bereit war: Das war schon was.

Ich bin ziemlich unbelastet in die Boxangelegenheit reingegangen. Naiv irgendwie. »Ich trau mir das auch zu.« Das muss ihm gefallen haben. Er hat mir das Du angeboten. Wir haben uns in erlesener Höflichkeit unterhalten.

Ich hab dann angefangen, in einer Boxhalle von Wilfrid Schulz zu trainieren, zusammen mit fünf anderen Boxern. Über ein Jahr lang. In meinem Sportstudio hab ich nicht mehr trainiert. Als ich die Welt von Schulz geschmeckt hab, ist mir die Lust vergangen, in meinem Ding den Chef raushängen zu lassen mit dem Wissen, dass damit kein Reibach zu machen ist. Schon deshalb nicht, weil meine Freunde und die Freundesfreunde ihre Körperkultur für lau kriegten, also ohne groß dafür zu bezahlen. Als ich mich nicht mehr so richtig um das Sportstudio gekümmert hab, hat es sich wie triefender Honig verlaufen. Die Restblase hab ich meinem Partner überlassen.

Als ich mal Karten für ’nen Boxkampf besorgen wollte, war der Vorverkauf in der »Ritze« an der Reeperbahn. Da betrat ich zum ersten Mal die Kneipe, die heute Museumscharakter hat. Die wurde damals in der Freiertoilette vom »Palais d’amour«, dem neu gebauten Großbordell, eingerichtet, weil sich herausgestellt hatte, dass die Freier sich nicht auspissen, sondern Mut ansaufen wollten. Das Witzige war, dass die »Ritze« als vielleicht einzige Kneipe der Republik genehmigt wurde, die keine Fenster hatte. So was würde heute bei keinem Ordnungsamt mehr durchgehen.

Die »Ritze« hatte damals schon die gespreizten Beine am Eingang, eigentlich ein toller Einfall von dem Kiez-Rubens Erwin Ross. Die Beine hatte er mit Nylonnetzstrümpfen gemalt, abgesetzt vom Fleisch mit Ziergummi, und natürlich Stöckelschuhen. Die Tür ist die Ritze oder Muschi oder Fotze oder Fickfrosch. Du gehst durch die Ritze rein, und dann durch den Schlauch.

An diesem Abend war es brechend voll. Ich erkannte sofort eine Anzahl der Leute und die unterschiedlichen Dialoge: Stuttgarter Milieu, Düsseldorfer Raum… Der Wirt Hanne Kleine, ein Schützling des so genannten Paten, stand in einem hellen Anzug hinterm Tresen und nahm mich natürlich in keiner Weise wahr. Monate später, als ich mich in »Charlys Nightclub« mit Catcher Joe prügelte und ich den unter mich gebracht hatte, da nahm mich Hanne von dem weg und hob mich auf. Sein erster Satz zu mir war: »Du wirst mal ’n Großer.«

Hanne ist 16 Jahre älter als ich, biologisch fast ’ne Vaterfigur für mich. Seine »Ritze« wurde für mich wie ein zweites Wohnzimmer. Vorne in der Kneipe saß das »normale« Publikum und guckte sich die Fickfilme an. Und hinten, da war ein Vorhang, der war immer zugezogen: Der »Eiserne Vorhang«, der heute nicht mehr da ist. Als es den noch gab, waren wir dahinter unter uns. Da kam nicht irgend so’n Hufschmied oder ’n Patient nach hinten und bestellte ein Bier. Wenn wir in Lust und Laune waren, ließen wir auch mal ’nen soliden Appel nach hinten. Aber sonst waren wir dort nur unter uns: Zuhälter, Puffbosse, andere Kneipenbesitzer. Die »Ritze« war ein Dreh- und Angelpunkt. Und Wilfrid Schulz hielt die Hände darüber. Er brachte Hanne sogar die Buchhaltung bei.

Noch einmal hab ich um Audienz bei Wilfrid gebeten, in der Angelegenheit von Erichs Pension. Die meisten Mädchen vom »Café Chérie« gingen mit den Freiern zu Erich. Der war schon 63, hat mich reingeholt in seinen Puff, als Geschäftsführer. Ich hab da nicht viel mehr gemacht als mich in Stoßzeiten kurz blicken zu lassen und mit meinen Muskeln zu imponieren. Dafür hab ich ’n paar Mark gekriegt. Dann hat er mir den Vorschlag gemacht, Partner zu werden. Was ich allerdings nicht wusste, aber schließlich als Gerücht hörte: Wilfrid Schulz wollte mit einem Kompagnon gegenüber dem »Chérie« ein Hotel bauen. Nur dort sollten dann alle »Chérie«-Mädchen absteigen. Somit war die Pension, in der ich jetzt Partner werden sollte, hinfällig. Als mich Schulz empfängt, sag ich ihm: »Ich hatte vor, bei Erich in den Puff einzusteigen. Ich hab erfahren, dass du mit einem Freund ein Hotel bauen willst.« Da lehnt er sich zurück und lacht und sagt: »Ich geb dir ’nen Favour.« Er hat ab und zu auf Englisch rumgesülzt. Und er sagt: »Lass es, vergiss es.« Er gibt mir ein Briefkuvert. Darin waren 20 000 Mark in bar. Damit war die Sache zu Ende.

Wofür ich das Geld gekriegt habe? Nun ja, er hat mir ’ne Chance versaut, er mochte mich, er wollte mich nicht verletzen. 20 000 waren zu der Zeit für ihn, als würden ihm fünf Mark aus der Hose kullern. So ’ne Summe war für ihn gar kein Thema. Und ich war 20 Mille reicher. Du kannst dir vorstellen, Prinzessin, aus welcher Perspektive ich Wilfrid gesehen hab.

Später, als die Steuer bei ihm eingeflogen ist, die Sektkorken gezählt und jeden Pissgroschen umgedreht hat, ist natürlich auch dieses Dokument aufgetaucht. Deswegen mussten meine 20 000 nachversteuert werden. Ich bin auch angewichst worden durch die Steuerfahndung.

Als ich noch angeturnt von den 20 Mille gewesen bin, also vor der Sache mit der Steuerfahndung, sind Reni und ich an die Ostsee nach Scharbeutz gefahren. Dort haben wir gefrühstückt und uns in einen Strandkorb gesetzt. Der ganze Tag war schön, wir haben uns gut verstanden. Abends sind wir zurückgefahren, und ich hab die Dame um 20 Uhr zum »Café Chérie« gefahren, mit meinem BMW. Manchmal hab ich, wenn ich gut drauf war, direkt vor dem Eingang auf die Bremse gelatscht, das war überhaupt nicht angesagt. Darum hab ich mich aber nicht gekümmert und Reni bei dem Portier abgegeben und ihm dann zugewinkt. Danach häng ich noch ein bisschen im Stau rum und denke: »Scheiße, Stefan, dieser Tag war so affengeil.« Fahr einmal um den Block herum, halte wieder vorm »Café Chérie« und geh zum Portier: »Sag mal Jutta Bescheid.« Reni hieß Jutta im »Chérie«. Er sagt: »Die ist mit ’nem Gast weg.« Ich spür in mir tausend Nadelstiche. Ich bin maximal sieben Minuten weggewesen. Da hab ich mich gegenüber in die Parkreihe gestellt und hab gewartet, wie lange das mit dem Gast wohl dauert. Sie kommt nicht. Mir ist eine Luftblase aufgegangen. So ein Hass. Ich wusste schon bei dem Türsteher, dass er mich belügt. Den hätte ich am liebsten mit einem Samuraischwert enthauptet, ich wusste aber, dass er das mir zuliebe macht. Ich bin dann durch vier oder fünf Discotheken gezogen, überall hab ich reingeguckt und sie gesucht. Völlig klitschnass war ich. Der Tag war so schön gewesen, und ich war so abgewichst. Den Bruchteil einer Sekunde hatte ich, als ich sie abgab am »Chérie«, gedacht: »Nee, nee, den Tag machen wir rund.« Es war zu spät, ich hätte sie da nicht hinbringen sollen.

Was ich erst später erfahren hab: Sie ist zu diesem Zeitpunkt mit ihrer Freundin um den Block gegangen, also in alle möglichen Lokalitäten. Was ich mit ihr vorhatte, hat sie mit ihrer Freundin gemacht.

Natürlich ist sie schulmäßig wieder um vier Uhr morgens im »Café Chérie« aufgetaucht: »Göttin Shiva hat heute kein Geld gehabt. Nichts verdient.« Ich hatte sie stundenlang in Hamburgs Discotheken gesucht und nicht gefunden. Und jetzt kommt sie aus dem »Chérie« und macht den Platzwart vor mir. Das ging überhaupt nicht. Für mich war das Betrug. Natürlich war ich nicht in der Lage, mir morgens um vier in ’ner besoffenen Phase klar zu machen: Heute ist absolut Schwanz, es geht nichts mehr. Mir stießen Luden-Schorsch und seine Kumpel auf, diese Arschlöcher, die ich beim Kartenspielen gesehen hatte, diese Mistböcke, die die tollen Frauen besessen haben. Den Pennern hätte ich keinen Groschen bezahlt. Und jetzt werde ich behandelt wie ein Penner. Ich wollte nicht vorgeführt werden. Ich war mehr als voller Hass, und nicht nur geistig bewaffnet.

Ich hatte eine Pistole. Die hatte ich vom Geschäftsführer im »Club 88« für ungefähr 600 Mark gekauft: ein Kopfkissen, das wärmer ist als ein normales, wenn du sie drunter hattest. Obwohl ich sie gar nicht nötig hatte. Zu der Zeit waren Pistolen auf dem Kiez noch nicht gefragt. Für mich war die Waffe wie ein verlängerter Schwanz: ziemlich dusselig, wie ich heute sagen muss. Ich hab damals wie in »Miami Vice« die Weste aufgemacht und den Knauf sehen lassen. Irgendwie ist das als ganz witzig angekommen. Das hat man unter Freunden gemacht oder in geschlossenen Räumen, nicht in der Öffentlichkeit. Meistens hat die Pistole in meinem Autohandschuhfach gelegen. Als Geschäftsführer im »Mic Mac« habe ich die nie getragen.

An diesem Tag, als Reni mich belog, habe ich in meiner Wut versucht, Gewalt auszuüben. Während der Fahrt nach Hause habe ich die Waffe aus dem Handschuhfach genommen und gesagt: »Was denkst du, was ich mit dir vorhabe? Das machst du nur einmal mit mir.« Da hat sie sich aus dem Auto geschmissen, sich wie ein Gl abgerollt. Das wollte ich alles gar nicht. Ich wollte sie sowieso nie erschießen, um Gottes willen. Ich bin dann zurückgefahren und hab die Alte nicht mehr gefunden, ums Verrecken nicht. Sie war weg von der Chaussee. Sie muss irgendwo Schutz gesucht haben im Graben. Mit ihrem Nerzmantel lag die bis zu den Knien tief in der Jauche. Der muss gestunken haben wie ein Rammelbiber. Sie hat ja gedacht, es geht um ihr Leben. Ich hab ihr das auch so verkauft, wie Gustaf Gründgens im Film, nur dass ich der Darsteller war.

An dem Tag hab ich sie nicht mehr gefunden. Ich habe mich über mich selbst geschämt.

Am nächsten Tag kam das Telefonat von ihrer Freundin: »Reni hat bei mir geschlafen. Stefan, versteh das alles richtig und nicht falsch. Sie hatte höllische Angst vor dir.« Ich hab sie gebeten, nach Hause zu kommen. Ich hatte nur das Bedürfnis, nicht alleine rumzulatschen. Und sie kam nach Hause. Es gab den Versöhnungseffekt. Man sagt sich in so einem Moment viele Worte, die ganz schnell verpufft sind. Man ist leer wie ’ne Gießkanne. Dann hast du die Möglichkeit, wieder Luft zu kriegen, und lässt das nicht aus deinem Body raus, was passiert ist. Das zerfrisst dich. Dann merkst du auf einmal, dass du einen falschen Weg gehst. Später fängst du an, es zu genießen, bei diesem Wettbewerb Geld zu verdienen. Irgendwann interessieren dich andere Frauen.

Sogar ihre Freundin aus dem »Chérie«. Wenn die in ihrer Freizeit zu Hause geduscht hatte, die hatte ein Haus mit Garten, lief sie halb nackt rum. Komischerweise unterlag ich damals noch einer Aufrichtigkeit, keiner Scheißsensibilität. Ich hab mit ihrer Freundin nichts gemacht. Doch irgendwann kommt man dahin, was mit anderen Frauen anzufangen. Du wirst als Mann schon gerne rumgereicht. Das Schlimmste, was dir passieren kann, ist, dass man im Nachhinein schlecht über dich spricht. Männer empfinden das von Haus aus schlimmer als Weiber. Frauen können, wenn du gut mit ihnen umgegangen bist, über dich als Weichei lachen. Das kann dich kaputtmachen.

Die Edelhuren haben zu meiner Zeit Prinzen aufleben lassen und sie auch genauso zum Sterben gebracht. Sie haben ihr Geld den Kerlen gegeben und haben sie hochfeiern lassen. Wenn eine Frau merkt, dass er neben ihr noch vier oder fünf andere Frauen zu sich kommen lässt, gibt es Konfrontationen, bei denen du irgendwelche Wurfpfeile in deine Leber kriegst. Hundertprozentig. Man konnte sich nicht ohne Strafe wie ein Gockel gebärden, dann kam ’ne Degradierung. Ich hab’s trotzdem gemacht.

Mit Reni ging es weiter wie in einer beschissenen Ehe, mal gut, mal schlecht, sieben Jahre lang.

Wenn ich Reni abends abgesetzt hatte, wurde ich immer mehr wie ’ne Ratte. Und damit ich es werden konnte, hab ich mir die Bedingungen geschaffen und die Wohnung über dem »Mic Mac« übernommen. Ich habe so oft gesoffen und morgens nicht mehr weggekonnt. Meine Hochrechnung: Jeden Tag ’ne Taxe bis nach Hause, das sind 60 Mark. Deswegen hab ich die Hütte genommen. Das hat sich ausgezahlt.

Erst recht, als ich Josefa kennen lernte. Sie kam mit ihrer Freundin als Gast ins »Mic Mac«. Wenn du die gesehen hättest, dann brauchtest du eins und eins nur zusammenzählen. Sie hat Katzenaugen und sie hat Zähne gehabt, du dachtest, die beißt ’nen Kotelettknochen durch. Riesengroße weiße Zähne, davor konnte man Angst kriegen. Rabenschwarze Haare. Über die Figur brauche ich nicht sprechen, perfekter geht’s nicht mehr. Ein göttlicher Arsch. Vom Temperament hat sie immer den vierten Gang drin gehabt. Ich war ja jung, ich sah gut aus, ich hab mein Ding gemacht: Du hast ’ne Frau im »Café Chérie«, die liebst du. Du hast oben ’ne Absteige, in der steht nur ein Gummibaum und ’ne Rammelwiese, ein ideales Stoßkabinett für mich. Und da kommt Josefa. Als ich sie seh, werd ich vom Flammenwerfer im Arsch getroffen.

Zum Sex mit ihr brauchte man ’nen Helm. Alle waren geil auf Josefa. Der Pate hat sie für ’nen Tausender zu sich nach Hause kommen lassen. Der Perser-König war verliebt in sie.

Josefa war Portugiesin und ganz anders gelagert als die heimischen Huren. Aus der Hafenstadt Porto kam die. Ganz am Anfang hat die hier geputzt, ohne Aufenthaltsgenehmigung, und ganz schnell gerochen, wie das hier abgeht auf dem Kiez. Sie arbeitete im »Café Lausen« an der Reeperbahn. Das war auch ein Edelbordell, in dem Abendroben angesagt waren. Nein, bei Josefa gab’s kein Geld. Sie wurde von den Luden mit Respekt gemieden. Über Josefa wurde gesagt: Die bezahlt an keinen Jungen Geld. Das war der Slogan. Insider warnten mich: »Stefan, das brauchst du gar nicht probieren.« Mich hat das geil und heiß gemacht, dass sie kein Geld raustat und dass sie so fantastisch aussah.

Josefa hat in der Palmaille, nicht weit von der Reeperbahn, in einem Hochhaus gewohnt, 22. Etage. Sonntags bin ich dorthin, weil sie tierisch gut kochen konnte. Ich hab meinen Hund mitgenommen, Eros, einen Dobermann. Offiziell war ich für Reni im Dobermann-Verein. Josefa und ich sind mit dem Hund im Jenisch Park spazieren gegangen, dann hat sie gekocht für mich, meistens Ochsenbein mit Reis. Ich hab mich voll gefressen und bin zu mir nach Hause gefahren, zu Reni.

Dann hab ich den Tick mit dem Geld entdeckt. Eines Sonntags hatte ich mit Josefa Streit, da hab ich ihre blöde Pisstasche aufgemacht, ihre Handtasche. Da waren vielleicht 1200 Mark drin. Die Hälfte hab ich mir gleich rausgezogen: »Pass auf, ich wünsch dir noch ’nen schönen Sonntag, das ist der Tag des Herrn, und ich möchte nicht angerufen werden.« Weg war ich. Irgendwie war ich enttäuscht, dass ich keine Resonanz hatte. Nicht sauer, ich war froh, aber mir fehlte doch ihre Gegenwehr. Ich habe dann begriffen, wie sie tickt. Die hat nie was freiwillig hingelegt. Man musste es sich nehmen. Kein Vortrag. Nicht fordern: »Gib mir Geld.« Oder ihr an die Kehle gehen. Nicht mit der Arroganz der Schläger arbeiten, die es damals zur Genüge gab. Ich bin ganz einfach an ihre Pisstasche gegangen. Das war der Schlüssel zur Tür. Das war der erste Schritt. Man musste sich ihr Geld ganz einfach nehmen.

Wenn ich dann wieder bei ihr oben war und die von der Maloche kam, hab ich mir die Kohle rausgenommen, die ich brauchte. Aber nicht so viel, dass sie gejammert hat: »Ich brauch noch Miete, ich brauch noch dies und jenes.« Ich hab so viel drin gelassen, dass ich nie irgendwas gehört hab.

Jetzt hatte ich also zwei Huren. Ich konnte das aber ganz gut handeln, weil Reni ihr Revier in St. Georg hatte und Josefa ihres in St. Pauli. Ich hab das einigermaßen koordiniert und meinen Bewegungsradius etwas weiter auf den Kiez verlegt. Manchmal hab ich Josefa aus dem »Café Lausen« rausgeholt. Das hätte sich sonst keiner erlaubt. Jeden anderen hätten die Aufpasser geschlachtet. Es hat sich aber keiner gegen mich gestellt, ich war einfach zu stark. Ich bin dann mit Josefa in den »Club 88« oder ins »Sheila« zum Tanzen gegangen und hab die Sau rausgelassen. Von da war es natürlich näher, zur Palmaille in ihre Wohnung zu fahren. Zwischen ihren Beinen hab ich rumgelungert bis zum nächsten Tag.

Dann kam das Drama, als ich Josefa sagen musste, ich fahr mit ’ner anderen in Urlaub nach Italien, mit Reni, die ich noch immer geliebt habe. Da hat Josefa sich an meine Beine geklammert, ich bin mit ihr an den Beinen zum Fahrstuhl gegangen, hab mit meiner Lederjacke den Fahrstuhl blockiert, hab sie wieder Richtung Wohnung geschleift, mich gelöst und bin zum Fahrstuhl gerannt und runter. Als ich unten auf der Palmaille zu meinem Auto gehe, steht sie oben auf der Brüstung und schreit: »Stefan!« Alle auf dem Parkplatz gucken nach oben, 22. Stock, ich guck mit hoch, die sagen: »Wer ist denn hier Stefan? Die springt jetzt.« Ich habe Angst, ich hör sie schon aufklatschen. Ich steh da schweißgebadet. Doch sie geht von selber wieder rein, und ich fahr los.

Dann war ich mit Reni im Urlaub, hab ein schlechtes Gewissen gehabt und Josefa angerufen. Sie erzählt mir den Scheiß, sie hätte sich die Pulsadern aufgeschnitten. Da war der Urlaub natürlich gelaufen.

Wenn Reni gegen vier, halb fünf ins »Mic Mac« kam, hab ich sie beschnäbelt: »Hallo, mein Schatz.« Dass Josefa auch da war, hab ich kaschiert, und sie hat sich aus meinem Blickwinkel zurückgezogen. Ich hab mich dann ein bisschen mit Reni beschäftigt und gesagt: »Ich komm in zwei Stunden nach Hause.«

Bis es irgendwann gebrezelt hat. Auf längere Zeit geht so ein Doppelspiel überhaupt nicht. Morgens um halb fünf kommt Josefa, und in dem Moment, als ich sie begrüße, kommt Reni und sieht, wie ich die andere im Arm halte, die sie schon lange im Verdacht hatte. Frauen spüren ja so was. Die Josefa war ja nicht da, weil sie mir nur durch meine Locken streicheln wollte. Um die Zeit waren wir alle drei ziemlich alkoholisiert. Die beiden Mädels sind zusammengerasselt und haben sich geschlagen. Das war furchtbar für mich. Die meisten Schmerzen dabei habe ich ausgehalten. Ich hab gesehen, wie Josefa die Reni an den Haaren hatte und bin dazwischen. Josefa hat mir in den Daumen gebissen. Ich hab geschrien: »Hör auf, ich bring dich um!« Die hat nicht aufgehört. Einem Pitbull kann man das Maul nur mit ’nem Hebel aufmachen – dasselbe in Grün war Josefa. Die hat so heftig zugebissen, dass mir der Nagel nach vier Wochen abgefallen ist.

Mit Reni war danach natürlich Eiszeit angesagt. »Du hast mich beschissen, belogen, du linker Kerl.« Ist ja auch verständlich.

Josefa hat mich mit ihren Erpressungen genervt. Als ich zu ihr gesagt hab: »Hau ab, ich will mit dir Schluss machen, du Stussmutter, ich hab keinen Bock mehr auf dich!«, ist die auf die Reeperbahn gegangen, im Winter, hat ihren Pelzmantel, ’nen hellen Luchs, weggeschmissen und sich vors Auto geworfen. Ich hab sie wieder zugedeckt und die Erpressung beiseite geschoben.

Einmal hab ich im »Mic Mac« mit ’ner blonden Frau ganz cool getanzt. Die Tanzfläche war so klein wie ’ne Telefonzelle. Ich schmieg mich an, und wir besprechen gerade locker den Heimweg. Da seh ich Josefa kommen, die haut gleich in die Küche ab, hinter einen Vorhang. Ich dachte, sie telefoniert, weil der Automat da hing. Ich wusste ja nicht, dass sie ein Brotmesser holt. Da wichst die mir mit diesem Brotmesser die Fingerkuppe ab, die hing nur noch an ’n paar Fäden, und vorne pisst das Blut raus. Na Hilfe, Nachbarn. Da hab ich mich festgekrallt und ihr einen Fußtritt gegeben, damit sie mich in Ruhe lässt und weggeht. Ich denk ja, sie hat mich zum Krüppel gemacht. Mir wird ein Handtuch um die Hand gebunden und ein Taxi bestellt. Josefa ist mitgefahren, die hat sich nicht abschütteln, die hat sich nichts gefallen lassen. Die hat geweint: »Was hab ich dir angetan, mein Bandito.«

Die Fingerkuppe ist mir im St.-Georg-Krankenhaus wieder angenäht worden. Ich kriegte einen Gipsverband mit Schiene und vier Spritzen. Dann bin ich wieder ins »Mic Mac« gefahren. Das kam ja gut mit so ’ner Gipshand.

Von Josefa musste ich dann natürlich mehr gerudert werden. Das war okay, das war keine Strafe, das wurde nicht ausgesprochen, das war selbstverständlich. Sie hat sich bei mir wieder eingekratzt, und ich hab gesagt: »Wollen wir mal sehen, das überleg ich mir noch. Noch bin ich ja krank.« Sie hat mir dann ihre Pisstasche hingeschoben: »Nimm mit, mein Bandito, du Stinkstiefel. Du brauchst Geld, ich weiß schon.«

Ich hab Josefa verboten, weiterhin ins »Mic Mac« zu kommen: »Ich will dich hier nicht sehen, ich muss Geld verdienen. Ich muss mich um andere Gäste kümmern. Ich hab da keine Lust drauf, mir noch mal ’ne Fingerkuppe von dir abschlagen zu lassen.«

Es kamen noch andere ins Stoßkabinett. Was denkst du, wie oft mir die Tür von Weibern eingebrettert wurde. Wenn unten im »Mic Mac« mal eine ein bisschen witzig war, bin ich schnell nach oben auf die Rammelwiese.

Da lieg ich nach vollbrachter Nacht ausgelaugt im Bademantel. Irgendwann geht die Klingel. Ich geh an die Tür und seh ’n Mädel, ich will nicht sagen fade. Die Augen haben mir gefallen, das Lachen auch, sie hat Grübchen wie ich. Sie hat ’nen Stapel Zeitungen im Arm, den »Wachturm«. Weißblaue Ringelsocken. Ich im Bademantel wie Clark Gable, nichts darunter. Ich sag: »Bitte treten Sie näher.« Ich hätte sie genausogut wegschicken können. Ich hab nichts im Sinn mit ihr, nur den Gedanken: Ich will sie nicht vor den Kopf stoßen. Also bitte ich sie rein. Sie kam aus Franken, aus der Gegend von Coburg, ’ne Zeugin Jehovas war sie. Sie hat geredet vom Weltuntergang, hat mich bekehren wollen. Aber der Zug ist anders gelaufen, ich hab sie bekehrt. Aus den Ringelsöckchen sollten Strapse werden. Sie hat mir mehr geglaubt als ihren blöden verschlissenen Eltern, die sie zu dem Rumlaufen mit dem »Wachturm« gezwungen haben. Das Mädchen war mehr oder weniger verstört. Sie hat ein sympathisches Gesicht gehabt. Als ich sie da so stehen gesehen hab, da ist mein erster Gedanke gewesen: »Der kannst du ins Gesicht remschrrdnken.« Ich hab damals wahrscheinlich Fresse gedacht, Frauen hatten einen anderen Stellenwert für mich. Ich hab sie also abgeleuchtet, die Mutter. Sie hat sich in meiner Wohnung umgesehen, die ja nicht gerade mit Liebe eingerichtet war. Vielleicht hat sie gedacht, mir geht es finanziell nicht so gut. Jedenfalls hab ich das ein bisschen ausgenutzt. So wie man ’ner Brillenschlange sagt: »Nimm doch mal bitte die Brille ab« und »Mach dein Haar auf«, hab ich ihr gesagt: »Tu mir mal ’nen Gefallen, roll doch einfach mal deine blöden Ringelsocken runter. Ich hab was gegen die Farbe. Und erzähl mir nichts von dem ›Wachturm‹.«

Ich hab sicherlich ein paar Stunden gebraucht. Ich war in Laune und hab mir nachgegossen und ihr eingeschenkt. Sie hat an dem Whiskyglas genippt wie an Nagellack. Natürlich war sie vorsichtig. Aber dann hat ihr der Alkohol auch ein bisschen geschmeckt. Ich war sehr nett, vielleicht war’s auch mein Charme. Egal, es hat jedenfalls geklappt. Die Ringelsöckchen sind weg und auch dieser kleine Fransenfrostmantel. Der »Wachturm« wird vergessen. Ich gehe sanft mit der Zunge zwischen ihre Zehen. Ich weiß, ich bin ein gekonntes Schwein. Sie ist wie ein kleines Mädchen, dass ins Eis einbricht, und ich hol sie raus, nehm ihre Hand und drück sie auf meinen Schwanz. Natürlich kür ich mit meinem geilen Body ab, und ich rieche ihre Erregung. Sie geht auf wie ’ne Blume, und als ich mit ihr rumalbere, macht sie den Quieckfrosch und kann gar nicht genug davon kriegen.

Ohne groß danach zu suchen, hab ich ’nen Schlüssel in der Hand. Ich mach die Tür auf und staune, wie viel Dümmlichkeit im Raum steht. Sie ist verheiratet, natürlich mit so ’nem Zeugen-Jehovas-Wichser. Der macht ihr ’ne Menge Schwierigkeiten. Sie ist mit ihrem Dasein absolut nicht zufrieden, aber unfähig zur Veränderung, obwohl sie nicht wirklich dumm ist. Sie klammert sich an ihren Scheiß und will doch weg, aber sie hat tierisch Angst. Ich sag ihr: »Wenn du Ärger kriegst, Mädel, lässt du den Penner einfach allein und ziehst hier oben bei mir ein. Ist das klar? Da brauchst du nicht mehr den ›Wachturm‹ verkaufen, du glaubst sowieso nicht dran. Mach dir nicht mit deinem Ehemann Angst. Bei mir kriegst du Schutz. Wenn er dich verletzen will, brech ich ihm alle Knochen. Dir hat es doch bei mir gefallen, oder nicht?«

Ich riech, sie ist lenkbar wie ’ne Marionette, und schon geht sie an mich über, ohne es zu merken. Der Ehemann ist der größere Zuhälter, der sie verarscht und gezwungen hat, den »Wachturm« zu verkaufen. Keine Woche, und ich hab ihn aus der Partie geblasen. Sie ist bei mir eingezogen und hat die Scheidung gewollt. So herrlich naiv, wie sie gewesen ist, hat sie mir die Überzeugungsarbeit leicht gemacht. Ich hab ihr klar gesagt, dass ich Geld brauchte, um den Rotz aus ihrem Leben wegzumachen, den Ehemann und sein Jehova-Gedöns, Geld für Anwälte. Wie sie dieses Geld verdienen kann, hab ich ihr schonend beigebracht: »Du machst das nur kurzfristig, bis alles erledigt ist, das tut nicht weh, das ist kein zermürbendes Treppauf, Treppab, und du lernst was vom Leben.« Ich hätte sie auch nackt zum Nordpol beamen können, sie ist mir willig gefolgt.

Wenn ich sie zur Arbeit schicken wollte, musste ich ’nen Mittelweg für sie finden. Ich konnte sie ja nicht ins leuchtende »Lausen« setzen, da hätte sie gar nicht reingepasst, und Josefa hätte mich geschlachtet, wenn ich mit ’ner Neuen angetanzt wäre. Im »Chérie«, wo 120 Edelhuren rumlaufen und meine Frau drin ist, konnte ich sie erst recht nicht unterbringen. In der Kastanienallee in St. Pauli gab es einen gemütlichen Puff, da waren die Wirtschafterinnen alt, da saßen die etwas abgelebten, mit Cellulitis bereicherten Freudchen draußen und haben gekobert. Ich hab meiner Neuen, sie hieß Gisela, gesagt: »Siehste, hier kannste dann auch ’n bisschen rumquatschen. Hallo, mein Süßer und so. Du hast sehr viel Charme, und wie du sprichst, mit deinem rollenden R, das gefällt nicht nur mir. Jetzt können wir das gleich mal trainieren: ›Bleib mal stehen, ich möchte mal mit dir reden.‹ Du brauchst ja nicht viel machen.« Dann hab ich ihr gezeigt, wie man mit ’nem Gummi arbeitet und hab ihr das alles gutgeredet. Ihr erklärt, wie sie ’ne Falle schieben kann, ohne dass in ihre Vagina so ’ne Rotze reinläuft. Da war sie sehr aufnahmefähig.

Ich bin ganz blöde geworden, als sie am ersten Tag mit siebenhundert Mark nach Hause gekommen ist. Ich dachte ja, ich muss sie noch drei Wochen besprechen. Ich hab bald Schluckbeschwerden gekriegt, dass es so gut lief.

Gisela war also meine dritte Hure, ich musste selber über mich staunen.

Meine drei Frauen haben zugeguckt, als meine Boxkarriere beginnen sollte, endlich, nach langen Trainingseinheiten. Von meinem Vater habe ich gar nicht gewusst, dass er auch gekommen ist. Natürlich haben auf dem Kiez viele ’nen Steifen gekriegt, dass Stefan Hentschel, der Zögling von Wilfrid Schulz, groß angekündigt ist. Die Plakate sind noch heute in der »Ritze« an der Reeperbahn zu sehen.

Die eine Hälfte hat mich beneidet und mir ’ne Faust in den Arsch gewünscht, die andere Hälfte hat mir die Daumen gedrückt und mich angefeuert: »Er soll alle k.o. schlagen.« Beim Training hatten sie mir versprochen, ich sollte meinen ersten Rahmenkampf in Österreich machen. Da ich aber schon ein bisschen stadtbekannt im Boxmilieu war, brachten die mich in die Ernst-Merck-Halle. 5000 Zuschauer. Wie die Kulisse dröhnt, bebt, vibriert, damit hab ich nicht gerechnet. Ich geh da rein in den Ring. Den Bademantel hat mir Wilfrid Schulz schneidern lassen, bei einem Spezialisten. Damit seh ich aus, als war ich schon Weltmeister. Ich mach den Oberkörper frei. Da geht ein Raunen durch die Menge. Natürlich stimmt alles mit dem Body. Nur bin ich der Sache mit dem Publikum nicht gewachsen. Nervlich bin ich einfach ein Wrack, bin so verspannt und so fertig, dass ich nichts mehr kann. Na ja, ich verlier. In meinem ersten Profikampf gegen einen Schwarzamerikaner krieg ich in der zweiten Runde eins auf die Schnauze. Von diesem Neger, den hätt ich totgepisst auf der Straße oder beim Sparring. Nur nicht vor dieser johlenden Masse.

Es ist ein beschissenes Gefühl, mit der Nase auf dem Ringboden zu liegen. Du musst wieder aufstehen, das ist das Schwerste, und wenn du das schaffst, fängt was Neues für dich an.

Die Niederlage hat mich geformt, Prinzessin.

Nachdem ich den Boxkampf verloren und den Paten enttäuscht hatte, also in der Öffentlichkeit als Nullsumme dastand, da hat jeder Hühnerarmige gemeint, dass er dem Geschäftsführer, dem Stefan Hentschel, nun aufs Maul hauen könnte. Die kamen ins »Mic Mac« rein wie in ’nen John-Wayne-Film: »Wo ist denn euer Boxer?« Aber ich hab meinen Champ nicht zerstören lassen. Was denn mein Champ wohl ist? Mein Champ, nichts weiter als meine Ehre, Prinzessin. Ich hatte überhaupt keine Probleme mit den Arschlöchern. Da kamen nicht nur Einzelne, die kamen reihenweise an, wie bei High Noon. Ohne Flachs. Ich kann dir die Namen der Reihe nach aufzählen. Die haben alle die große Schnauze im Laden gehabt: »Na, wo isser denn, der Boxer, der in der zweiten Runde aufs Maul gekriegt hat?« Ich sag: »Hier!« Die sind frech geworden, ich hab sie niedergeboxt, und sie sind alle mit der Sackkarre rausgefahren worden. Beschwerden, Anzeigen? Nein, die gab’s nicht. Das waren alles Jungs aus dem Leben, die haben ja nicht bei der Post gearbeitet oder Brötchen verkauft. Die Größen von St. Pauli und von St. Georg, die Halbgrößen und die Möchtegern-Größen bewegten sich damals wie unter ’ner Käseglocke. Da drang nichts nach außen.

Meine Wunden mussten natürlich geleckt werden. Da war Reni wunderbar. Ich hab sie noch immer geliebt. Aber in mir ist wieder was durchgegangen, als ich Lilo mit den Marmortitten gesehen hab. Die war Lehrmädchen bei einem ganz biederen Friseur in einem ganz biederen Viertel. Trotzdem kreuzte da der Luden-Corso vom Kiez auf. Der weiße Rolls-Royce von dem Schönen Mischa, jede Menge tief liegender Mercedesse und bemalter Harleys waren da geparkt. Die Jungs ließen sich in dem Salon die Nägel machen. Lilo war extrem gefragt.

Als ich reinkomm, krieg ich Atembeschwerden: diese Marmortitten, überwältigend, schlanke Taille, bildhübsches Gesicht mit viel Herz drin, braune, glatte Haare bis zum Arsch. Als Kerl sag ich: »Wow«. Als Geschäftsmann taxier ich: »Das ist die Börse persönlich.«

Ich bin wiedergekommen, aber nicht mit ’ner 1000er Kawasaki, ich hab so ’ne Protze gar nicht gehabt. Dass ich die Tasche nicht zugekriegt hab, weil die Hunderter rausgeguckt haben: So wie die anderen Jungs hab ich das natürlich nicht gemacht. Ich hab auch keine Goldkette um den Hals gehabt, die hätte mich beim Lecken gestört, im Klartext. Doof gefunden hab ich auch solche Talermaxe, noch doofer diese Gravuren mit den Anfangsbuchstaben oder dem Datum vom Geburtstag. Jeder hat so was auf dem Kiez getragen, und das hab ich nicht gemocht. Ich weiß doch, wann ich Geburtstag hab und wie ich heiße, das muss ich mir nicht um den Hals hängen. Also, das Standardprogramm der Luden hab ich nicht abgezogen.

Was ich gemacht hab, das hab ich instinktmäßig aus der Situation entwickelt. In den Friseursalon ist einer reingekommen, der hat ausgesehen wie der Glöckner von Notre-Dame und aus so ’nem Vorbau Postkarten verkauft. Diesem Buckelarsch hab ich fünfzig Mark gegeben und gesagt: »Zieh dich mal nackend aus und renn durch den Damensalon.« Das hat der gemacht. Die haben alle geschrien. Lilo hat so schön gekreischt, ihre Marmortitten haben so stark vibriert, dass bei mir das Ding gewachsen ist. Das hat sie gesehen, und da hat es auch bei Lilo gezündelt. So sind wir uns nähergekommen. Ich hab sie ausgeführt, nicht ins Milieu, sondern in Cafés mit Terrasse oder Wintergarten. Und irgendwann hat sie auf meiner Rammelwiese gelegen. Meine Seligkeit, den Kopf zwischen ihre Marmortitten betten zu dürfen, ist unbeschreiblich gewesen.

Später hab ich ihr gesagt: »So ’ne Frau wie du darf doch nicht im Friseursalon verkommen. Das ist unmöglich. Dir springen die Kerle auf den Schoß, und du putzt denen an den Nägeln rum. Du musst dir ’ne richtige Reifeprüfung anpassen, das heißt: Klamotten, die deine Reize rausbringen, und mit dem Arsch wackeln. Guck mal, selbst wir beide haben uns kennen gelernt, und ich bin ’n ausgebuffter Arm, so viele wie ich mir schon gegriffen hab.« Die hat sich natürlich gefreut und geschmeichelt gefühlt, aber mir eher geknickt klargemacht: »Du glaubst doch wohl nicht, dass ich mich von ’nem Kerl mit Schuppen antatschen lasse. Da bleib ich lieber im Friseursalon.« Jahre später sollte sie ihre Meinung gründlich ändern, aber das war erst nach meinem tiefen Fall.

Im »Mic Mac« waren zwei Italiener Stammgäste bei mir. Danny, ein schräger Hund, war Portier auf St. Pauli. Toni, der aus Palermo kam, hatte ein eher solides italienisches Restaurant in einem Vorort. Der liebe Gott ist mein Zeuge, ich mag mich zwar überhaupt nicht gern auf ihn berufen, aber: Ich wurde von den beiden Italienern angesprochen, die wollten noch mit ’ner Dicken nach Hause. Ich hatte die am Abend kaum wahrgenommen, aber die Italiener bequatschten mich zu einem flotten Dreier. Und ich Arschloch hau mir mein Leben weg.

Die Italiener hatten mich im Schlepptau, ich saß hinten in irgendeinem Auto und bin besoffen eingenickt. Die haben mich wachgerüttelt, wir sind da: zu Hause bei der bewussten Dicken. Eine öde Souterrainwohnung, muffig. Ich weiß noch, dass ich mir mit der Katze, die so rollig war mit ihrem steifen Schwanz, den kleinen Spaß gemacht habe, ihr die Arschrosette mit ’nem Eiswürfel einzureihen. Die anderen waren mit der Alten am Ficken. Irgendwann sagen sie: »Jetzt bist du dran.« Da latsche ich in die Falle des Jahrhunderts. Ich will abhauen, weil mir die Dicke am Arsch vorbeigeht. Ich hab ja ästhetische Werte. Werte, denen die überhaupt nicht entspricht. Da sagt die: »Du kannst mich wohl nicht ficken.« Da bin ich hingegangen und hab ihr in die Fresse gehauen. Ja, ich hab ihr ’nen Flicken verpasst, also ein blaues Auge, die hat ausgesehen wie ’n voll geschissener Turnschuh, ja, das ist ein ganz linker Ausraster von mir gewesen.

Ich hab den Kragen hochgemacht und bin mit dem Taxi zu meiner Wohnung über dem »Mic Mac« und hab mich aufs Ohr gehauen. Irgendwann ruft meine Mutter an und sagt: »Stefan, bei uns war die Polizei. Sie haben die Tür aufgemacht. Mit ’nem Rammbolzen.« Ich war noch immer bei meinen Eltern gemeldet, weil ich bei meinem halbseidenen Rumgeturne eine Briefordnung haben und die Post nicht in die Kneipe oder sonstwohin kriegen wollte.

Ein Hentschel wurde gesucht, wegen Vergewaltigung. Die Polizisten dachten, mein Bruder sei ich, haben ihn auf den Boden geschmissen, den Kopf verdreht, die Hände nach hinten gezerrt, also das halbe Programm aus dem Terroristenfang-Lehrbuch.

Mein Bruder hat zu der Zeit noch bei meinen Eltern gewohnt. Er war als Werkzeugmacher einer der besten Lehrlinge. Er konnte in Filigrantechnik winzige Motoren bauen, zum Staunen. Was ihm meinetwegen passierte, war für mich natürlich grauenhaft. Ich liebte meinen Bruder und liebe ihn bis heute.

Ich bin sofort zu einer Polizeiwache gegangen: »Guten Abend, mein Name ist Stefan Hentschel. Sie haben bei meinen Eltern die Tür eingetreten und meinen Bruder verhaftet. Was liegt denn gegen mich vor?« Sie haben mich in eine andere Etage gebracht und etliche Telefonate geführt. Beim letzten Telefonat ist die Tür abgeschlossen worden. Nach zwanzig Minuten sind vier Beamte reingekommen. Die haben mich über den Tisch gezogen und abgeklopft, von den Hoden bis zu den Knöcheln und zum Nacken. Eine Schusswaffe gesucht, aber nicht gefunden. Ich hab gedacht, ich bin in ’nem schlechten Film.

Ich wurde in Untersuchungshaft genommen und durfte mit keinem sprechen.

Was war passiert? Die Frau war morgens nach ihrer Tourneearbeit mit den Italienern zu ihrer Schwester gegangen und hatte sich in die Badewanne gelegt. Von meinem Schlag hatte sie das blaue Auge, das sie ihrer Schwester irgendwie begründen musste. Da hat sie erzählt: »Ich bin vergewaltigt worden. Da war ein Deutscher dabei.« Die Schwester war mit einem Kriminallöffel verheiratet, dem sie die Geschichte weitererzählt hat. Der hat sich dann in der vertrauten Art und Weise an seine Kollegen gewandt, die Anzeige und alles Weitere ins Rollen gebracht.

Für das blaue Auge saß ich elf einhalb Monate in Untersuchungshaft. Auf siebeneinhalb Quadratmetern in einer Einzelzelle. Ich wurde behandelt wie ein Stück Vieh: Stefan Hentschel vom Kiez. Die Beamten kriegten ’nen langen Schwanz und freuten sich richtig, wenn sie mir was Fieses antun konnten.

Als Danny in den Knast kam, wollte er sofort verlegt werden, weil er Angst hatte, dass ich ihn umlegen könnte. Er saß im Flur nackt mit einer Wolldecke und guckte mich panisch an, weil er gelogen hatte: »Stefan Hentschel hat uns dazu gezwungen.« Ich dachte: Die Italiener sind Weicheier. Was für ein Glück, dass die von der Schmiere mich bei der Verhaftung nicht ausgezogen haben. Bei Männern sieht das peinlich aus, wenn sie nackt sind und nur mit ’ner Wolldecke zur Schau gestellt werden. Die haben dann keine Männlichkeit mehr. Für mich ist das Schlimmste: nicht menschlich behandelt zu werden, Beine breit, sich in den Popo gucken lassen und solche Rotze.

Danny in der Decke, das war für mich ein Moment, der sich in meinem Kopf fixierte. Ich hatte im Leben wieder einmal Glück gehabt.

Mein Anwalt drängte sich mir durch Bernd auf, den »Mic Mac«-Eigentümer und Reederei-Manager. Er brachte mir die Sachen in die Zelle, die ich wollte: Rauchwaren, Pfeifen. Ich rauchte Hänger, Pfeifen, die nicht gradlinig sind. Ich war dem Anwalt sehr dankbar. Was ich nicht wusste: Zu der Zeit war er dabei, meine Frau anzumachen und sie zu bearbeiten, ihr Geld, was sie im »Chérie« zusammenfickte, besser umzusetzen und nicht mir zu geben. Eigentlich wollte der Anwalt als Anlageberater für Reni tätig werden. Ein trostloser kleiner Jammerlappen. Es fehlte nur, dass er gesabbert hätte. Irgendwie hab ich seine Unaufrichtigkeit gewittert.

Reni besuchte mich regelmäßig. Aber man distanziert sich ja von Menschen, wenn man von ihnen nicht mehr die Impulse kriegt

Dann kam ein anderer Anwalt, auch ein Pfeifenraucher, allein zu mir in die Zelle und sagte: »Hören Sie mal zu, Herr Hentschel, wenn Sie mir unter der Hand 30000 Mark geben, werden Sie freigelassen.« Reni zahlte. Der verlogene Penner, der den hochtrabenden Titel Professor führte, kriegte sogar noch mehr. Ich kam ganz normal auf Kaution raus.

Beim Wiedersehen mit Reni wollte ich eigentlich nur mit dem Rücken auf dem Boden liegen und die japanischen Fickkugeln in ihrer Fotze ansehen. Die Kugeln waren damals der Trend, die hatte sie neu. Sie hatte sich verändert. Stillstand ist Rückschritt. Ich wollte gar nicht ficken. Ich war frei davon. Ich sah die Dusche an wie eine Kirche. Nicht mehr mit zwanzig Leuten zusammen baden oder mit vier Schwarzen, von denen dann einer einen Furz lässt. Endlich wieder nur der eigene Geruch.

Vor dem Prozess kriegte ich ’nen Rappel und musste mir antun, nach Gran Canaria abzuhauen. Das war natürlich Bullshit pur.

Prozess

Beim Landeanflug auf Gran Canaria habe ich nur verbrannte Erde gesehen und mich gefragt, was ich hier will. Es muss Februar oder März gewesen sein. Ich war enttäuscht.

Den deutschen Gerichten habe ich angegeben, dass ich dort als Geschäftsführer arbeite und die spanische Arbeitsgenehmigung vorgelegt. Natürlich war ich ein Blender, ich hab da keine Hand krumm gemacht.

Ich bin mit dem Taxi nach Playa del Inglés gefahren. Da hab ich mir ein Hotelzimmer genommen, aber an der Rezeption gemerkt: Familienpublikum, das ist nicht mein Ding. Hier fällst du auf.

Im Pub »Bodega« habe ich Russen-Mischa kennen gelernt, einen bekannten Mann aus Düsseldorf, der mit seiner Gang Urlauber in Las Palmas abgezockt hat. Die haben Hütchen gespielt und alle Tricks mit Karten beherrscht. Besonders die Urlauber mit ’ner Rolex an der Hand haben sie sich rausgezogen. Das war ’ne richtige Anschaffe.

Russen-Mischa mochte mich und bequatschte mich: »Komm nach Puerto Rico runter, Alter. Ich besorg dir da unten in Patalavaca, Los Canarios Tres ’nen Bungalow für kleines Geld. Mensch, was wohnst du hier im Hotel, wo die soliden Mütter rumlaufen. Immer an der Rezeption vorbei, da kannste noch nicht mal besoffen zwei Bräute mit nach oben nehmen, dann kriegste Ärger mit dem Nachtportier. Und es kostet viel mehr. Schnapp dir da ’nen Turm in Patalavaca, du machst ’ne Pauschale und lebst genau wie in Germany.«

Da unten, im Süden der Insel, waren in einen Riesenberg schätzungsweise dreißig Bungalows gebaut. Davon war die Hälfte oder mehr, je nach Jahreszeit, belegt: Nur mit Jungs aus dem Leben, also mit Männern aus dem Milieu. Das war ’n Geheimtipp, damals. Heute ist alles zugemauert, der Ort hat seine Schönheit gänzlich verloren.

Mein Bungalow war so ’ne Mickymaus-Hütte, nichts Großes. Ich hab’s mir erst mal gemütlich gemacht, das Bettgestell rausgeschmissen und die beiden Matratzen auf den Boden gelegt. Das Kopfkissen, eine Plastikscheiße, die immer wieder hochsprang, blieb für mich ein Ärgernis. Unten im »La Grotta« konnte man Scampis mit viel Knoblauch essen, riesige Portionen. Ich war dann gleich unter Menschen, hab halb Deutsch und halb Spanisch gesprochen. In Arguinaguin, einem Dorf fünf Kilometer weiter, hab ich im Supermercado eingekauft und in der Lavanderia meine Wäsche abgegeben. Abends bin ich auf die Piste gegangen.

Viele Jungs haben damals in Patalavaca gewohnt. Jeder hatte sein eigenes kleines Häuschen mit erster und zweiter Etage. Unten war der Wohnbereich mit Kachelboden und oben ging’s zum Schlafgemach mit der sanitären Abteilung. Da wohnte der Frankfurter Büb, der hatte gerade dreizehn Jahre abgesessen. Wenn der Tschechen-Micha wach wurde, schoss der mit der Schrotflinte in den Himmel: »Guten Morgen!« Alle waren guter Dinge. Jeder hat seine Bräute einfliegen lassen. Da war ein buntes Treiben und Leben.

In Puerto Rico unten hab ich die Berliner kennen gelernt, Manni und Ossi, auch den Aggi aus Frankfurt, der hatte dort den Stellenwert von Wilfrid Schulz in Hamburg, sozusagen als Pate. Die Jungs haben damals auf der Insel ein Monopol gehabt, so wurde man auch national im deutschen Raum bekannt. Es bildete sich die Halbweltachse Frankfurt-München-Hamburg. Die haben sich alle auf Gran Canaria den Arsch braun brennen lassen. Das war zu der Zeit, in den Siebzigerjahren, das A und O. Viereinhalb Stunden Flug und den Max machen am Swimmingpool.

Woran sich die Luden erkennen? Oberflächlich betrachtet am Gang und an den Haaren. Der Gang, der strotzt vor Kraft. Die Haare, meistens etwas länger. Auch daran, wie du dich kleidest, auffällig, aber exquisit, exotisch. Viel Schmuck von Cartier. Jeder hat ’ne Rolex für 24 Mille am Handgelenk. Alles zusammen mit dem Gang macht den ganzen Mann. Man riecht sich wie ’n Tier. Und jeder hat ’ne hübsche Braut, nicht so ’ne verdistelte Mutter. Die haben da alle abgekürt, wenn sie abends ausgegangen sind. Sich zurechtgemacht, sich aufgerüstet. Die Kerle waren schlimmer als die Mädels. Ich hab mir abends ’ne Jeans angezogen und ’nen T-Shirt. Und dann auf die Meile. Die anderen haben sich aufgerüscht, Gürtel mit Strasssteinchen, das war alles nicht mein Ding. Das ist ja so ’ne halbseidene Branche, Rotlicht. Für mich war’s ’n Joke, wenn ich abends mit den ganzen Jungs zusammensaß und sich Leute aus einem Reisebus neugierig hingestellt haben: »Kann ich Sie mal was fragen?« Ich sag: »Selbstverständlich.« – »Woher kommen Sie denn? Alles so bunte Leute.«

Vor allem der Wiener Werner und der Münchner Peter mit ihren Begleitgangs hatten ’nen gehobenen Level. Die kamen mit ihrem SL, ihrem Lamborghini, mit ihrem Rolly, also Rolls-Royce, und Chauffeur. Der Chauffeur musste bei 42 Grad im Schatten fahren, Getränke holen und uns bedienen. Nen Chauffeur zu haben, hat den Respekt ungemein angehoben. Das Auto mitbringen war ’n verlängerter Schwanz. Man fährt bis Cadiz oder bis Barcelona, geht dann auf die Fähre und ist nach zweieinhalb Tagen da.

Die haben die Schmiere abgesteckt. Wenn die damals ’nen Rolls-Royce gesehen hat, war die Polizei bereit, ihn durchzuwinken, erst recht, wenn man denen tausend Peseten an die Stirn geklebt hat, selbst dann, wenn man stockbesoffen aus dem Auto gefallen war. Nur bei der Guardia Civil, da ging das nicht. Die mussten sogar schwören, dass sie im Konfliktfall Vater und Mutter verraten. Das ist für ein mediterranes Volk ’ne ganze Menge. Mit der Guardia Civil war nicht zu spaßen.

In Puerto Rico am Pool haben wir Backgammon gespielt. Ins Planschbecken für Kinder haben wir die Würfel reingeworfen für Seven-Eleven, haben unseren Matthaeus Rose gekühlt. Von den paar Spaniern, die auch in der Anlage waren, hat keiner seine Kinder reingeschickt. Es gab da nicht viele Kinder, nur drei bis vier kreischten rum. Mit den Peseten sind wir umgegangen, als wäre das Scheißhauspapier. Wir haben mit dem Geld rumgeschmissen. Das Geld hat ja von uns eh keiner verdient, da war keine Achtung. Wenn du ’nen Tausender eingelöst hast, kriegtest du mehr als ’nen Hügel. Du hast die Taschen voll gemacht, ein bisschen rumgezockt. Ich hab nie im großen Stil rumgezockt und mich eher zurückgezogen und zugeguckt. Das war in Ordnung, denn die Männer, die ich kennen lernen durfte, waren meistens zehn, fünfzehn Jahre älter als ich. Für die war ich der Stefan aus Hamburg und top, auch die Frauen, die sie bei mir gesehen haben. Da hatte ich von jedem ’ne Anerkennung.

Jeder unterlag ’ner anderen Art. Münchner Jungs und Düsseldorfer Jungs hatten ’nen halbseidenen Ruf. Die haben ’n bisschen mit der Schmiere kokettiert, waren schick angezogen, um auf dem modischen Level zu sein. Aber Hamburger Jungs und Berliner Jungs waren strong, das waren die Knaller der Saison. Ich als Youngster hab da irgendwie stilbildend gewirkt. Als es Rambo noch gar nicht gab, lief ich rambomäßig rum, Stirnband, Glasperlen, kaputtes T-Shirt. Die anderen haben sich ein bisschen angepasst.

Wir waren also zwölf, fünfzehn Jungs, und gegen Mittag lief jeder in Puerto Rico ein.

Das Geld hatte ich von Reni. Ich bin aus Hamburg mit ’nem Hügel gegangen. Was ein Hügel ist, Prinzessin? Viele Frauen hatten zu dem Zeitpunkt die Angewohnheit, das Geld irgendwo drunter zu legen. Von den Männern kam dann der Spruch: »Mensch, da lag so ’n Hügel.« Wenn ich morgens wach werde und die Kaffeetasse steht schief, ist das noch kein Hügel. Ein Hügel fängt an bei 20 bis 30 Mille. Den hatte ich, um erst mal Luft zu kriegen.

Dann musste Reni alle vierzehn Tage bis drei Wochen kommen. Die musste, das war für mich ganz wichtig. Das war ein Teil Heimat, die musste her. Sie wollte auch, sie hat Ferien gemacht. Ich hab sie auf Händen getragen und eingekleidet, natürlich von dem mitgebrachten Geld. Jetzt kannst du wieder in dich hineinschmunzeln, Prinzessin, aber das macht ja nichts.

Sie blieb immer Minimum ’ne Woche oder zehn Tage. Man brauchte fast anderthalb Stunden zum Flughafen, das waren alles Hoppelwege durch die Bananen- und Tomatenfelder. Ich war froh, wenn sie da war. Reni hat natürlich im »Café Chérie« auch abgekürt: »Guck mal, mein Mann hat gesagt, ich soll kommen. Ich muss wieder fliegen.« So ungefähr. Das war ein geiles Gefühl. Jeder redete so: »Morgen kommt meine Frau. Die bleibt ’ne Woche. Dann kommt meine Brandpartie.« Ne Frau, die nicht so viel Geld verdient, das ist ’ne Brandpartie. Die jagt dich in ’nen Brand, du kommst vor Hunger nicht in den Schlaf. Aber vielleicht fickt sie gut und gibt dir trotzdem noch ’n paar Mark ab. Wenn deine Frau in der Tür steht, der Gockelkurs ist ausgefahren, hast du dich natürlich groß gefühlt und sie überall rumgezeigt. Jeder hat den Knickmeister gemacht bei der Begrüßung und war höflich. Ich war ja auch höflich, wenn einer von den anderen seine Frau einfliegen ließ.

Wenn die Zeit mit ihrer Hauptfrau zu Ende war, dann haben die ihre anderen Bräute einfahren lassen. Das haben wieder andere von den Hauptfrauen gesehen und haben gedacht, ihnen geht das ähnlich. Chaosartige Zustände gab es manchmal. Zum Beispiel: Meine Frau lernt die Frau vom Wiener Werner kennen. Die verstehen sich in den zehn Tagen Urlaub fantastisch. Die Frau vom Wiener Werner bleibt noch ’ne Woche länger, meine Frau reist ab, und ich hab am zweiten Tag ’ne neue Mutter im Bett. Ich würde die dann zum Pool mit runterbringen, und dann heißt es: »Ist das bei mir auch so? Bist du auch so mies?«

Die anderen Frauen mussten auch ’ne Tüte mitbringen, also Geld. Die Brigitte von Dietmar kam auf die Insel, wir haben uns gesehen und ich wusste, dass es um sie geschehen war. Sie hat es dem Dietmar gesagt, und ihm blieb nicht viel übrig. Sie war ’ne scharfe Blondine, Typ Barbiepuppe, die mir viel Spaß gemacht hat. Als sie nach Hause geflogen ist, hab ich gesagt: »Tu mir den Gefallen und sei in drei Wochen wieder hier mit ’nem Hügel.« Die war dann wieder da. Sie war nicht die Einzige.

Am Swimmingpool haben sich oft Frauen zu mir gelegt: »Stefan, ich steh dir rund um die Uhr zur Verfügung. Ich will weg von Stulle.« Stulle ist später in Berlin erstochen worden. Ich war eigentlich immer Zuhörer. Wenn ich zu dem Zeitpunkt den Background und das Wissen gehabt hätte, das mir später in St. Pauli zufiel, ich hätte alle Jungen in den Arsch gefickt und ihnen die Weiber weggenommen. Die Jungs haben Backgammon gespielt, sich braun brennen lassen und sich gar nicht um ihre Stussmütter gekümmert. Stussmütter heißen die, weil sie im verbalen Bereich nicht mit rumalbern können. Weil sie irgendwie immer peinlieh sind. Entweder sprechen sie über Freier oder lachen silberhell, wenn sie zwei Rosé getrunken haben. Der Swimmingpool war voll von dieser Art deutscher Hure.

Meine kleine Zeugin Jehovas, die Gisela, hatte nicht das Glück, mit mir die Hütte auf Gran Canaria zu teilen. Die ist mit ’nem Freier über’n Damm gegangen, während ich auf der Insel war. Irgendwann nachts, als ich besoffen war und allein, guck ich die Telefonliste durch. Im Puff an der Kastanienallee haben die gesagt: »Die ist ausgezogen, Stefan, wir wollen dir kein X für ’n U vormachen. Wir haben ihr noch gesagt, sie soll dich anrufen.« Da war offenbar schon lange ein Freier am Popeln. Sie hat die Chance genutzt, das ist ja ganz klar. Na ja, und ich hab ihr alles Glück der Erde gewünscht.

Josefa, die Portugiesin, hab ich auch nicht kommen lassen, um Gottes willen. Wenn die gesehen hätte, was da abgeht, mit wechselnden Frauen, dann hätte ich zum zweiten Mal ’ne Distel gehabt, nicht nur am Finger. Wenn mir die mit ihrem Temperament vorn ’nen Messer reingestochen hätte, hättest du mir hinten am Rücken noch ’nen Hut anhängen können, an der Klinge. So voll Hass wäre die gewesen. Das brauchte ich ihr nicht zu zeigen, die Sonnenwelt da.

Manchmal hab ich zwei Schichten geschoben. Ich bin von einem Ort zum anderen gerast wie ein Verrückter, hab die Mutter dann unter der Presse gehabt und Hü gemacht. Mann, ich war jung, ich hab keine Staublunge gehabt, ich war fit. In den Hotels hab ich jeden Tag an den Geräten mein Training gemacht und Leute kennen gelernt, auch Geschäftsleute.

Etwa ein Ehepaar aus Köln, die hatten vier oder sechs Friseursalons. Sie sahen typisch kölnisch aus, er mit ’nem Bärtchen, sie mit viel Schmuck. Ich hab einen Mörderbock auf die Frau gehabt, die hat mir gefallen. Sie war sehr üppig, eben ’ne Kölnerin, aufgeschlossen, wie die halt sind, die Rheinländer. Die setzen sich an den Tisch ran, auch wenn man seine Ruhe haben will. Er war für mich überhaupt kein Mann. Wie können die harmonieren?, hab ich gedacht. Ihr sprang der Sex aus den Gliedmaßen und aus den Augen raus. Sie haben mich den ganzen Nachmittag zu Brandy eingeladen. Als wir uns abends trennen, guckt sie mir in die Augen und gibt mir was in die Hand zum Abschied. Ich spür ’ne Art Kette, nehme sie blitzschnell in die andere Hand und verabschiede mich auch von ihm mit Handschlag. Wir verabreden uns für den nächsten Tag an der Bar. Dann Bussi Bussi, links und rechts, diese ganze Schickeriascheiße, und sie haucht: »Trag das nicht, bitte trag das nicht.« Was sie mir in die Hand gegeben hatte, war ’ne Goldkette mit einem kleinen Goldbarren. Ich kannte den ideellen Wert des Goldbarrens ja nicht, sonst hätte ich den wirklich nicht getragen.

Am nächsten Tag bin ich wieder zum Treffpunkt, die beiden saßen da, und ich hatte ihr Geschenk um den Hals. Als Provokation. Ich hab ja nicht gewusst, dass das ihre eingeschmolzenen Eheringe waren. Was weiß ich, was in so ’ner Frau vorgeht, ob sie Hormonstörungen hat oder ihre Tage. Ich meine, was gibt mir ’ne erwachsene Frau ihre gestanzten Eheringe: »Trag das nicht, wenn mein Mann dabei ist.« Was geht da ab in so ’ner Flügeltechnik? Das ist für mich nicht nachvollziehbar. Er sieht jedenfalls diesen Anhänger, beide gucken sich an. Ich dachte, die haben mir ihr Kind geschenkt, so sah das aus. Er: »Du wirst schon sehen, was du davon hast!« Und rannte weg. Er konnte eh keine Auseinandersetzung austragen, er war nicht größer als ’ne Parkuhr. Hilfe. Er war für mich sowieso rein optisch kein Kerl. Und sie war ’ne Mordsdame.

Sie wusste ja, wo ich wohne, und kam per Taxi ins Haus: »Meine ganzen Pretiosen sind weg.« Die hatte er im Scheißhaus runtergespült, ihren Urlaubsschmuck. Er hat sie gleich abgestraft. Jetzt war sie bei mir. Wir haben gevögelt, das hat die auch gebraucht. Sie hat sich die ganze Nacht ein bisschen ausgeweint. »Der fliegt nach Köln, nimmt einen Linienflug, und bevor ich da bin, hat er mir das Geld weggenommen.« Ich bin runter nach Patalavaca an meine Kassette, eine Art Safe, das vertrauensvolle Türchen, und hab ihr 4000 Mark gegeben. Sie sagt: »Das kann ich gar nicht verstehen. Das hätte ich nie gedacht von dir.« Ich sag: »Was regst du dich denn auf, ich denk, du hast sechs Läden in Köln. Das wirst du mir ja wohl zurückerstatten. Du weißt ja, dass ich hier lebe und selber das Geld benötige.« Sie ist gleich von mir aus mit der Taxe zum Flughafen, weil die gemeinsame Konten hatten, es ging um viel Geld. Ich hab ihr also den Starter verpasst, dass sie abhauen und zu Hause in Germany das Finanzielle regeln konnte und nicht ein Desaster erleben musste, wegen dem Suppenkasper. Sie war sehr dankbar und hat mir einen Brief geschickt und sofort das Geld.

Irgendwie kam mir ’n schlechter Film in den Sinn, weil ich sehr viel Langeweile hatte. Ich hab ihn tatsächlich im Leben verwirklicht. Der Kölner Mordsdame hab ich auf Scheißhauspapier mit ’nem Kajalstift geschrieben, dass ich im Knast sitze, in der berüchtigten Hölle von Telde, und 40000 Mark Kaution brauche, umgerechnet in spanisches Geld. Und dass ich niemanden habe, an den ich mich sonst wenden könnte, zumal ich weiß, dass sie mir helfen kann, finanziell. Ich hab’s kaum fassen können, ich hab das Geld per Postüberweisung mit Hilfe von Russen-Mischa gekriegt. Der konnte Spanisch sprechen und hat mir erklärt, wie das funktioniert mit dem Geldtransfer. Da konnte ich wieder auf Zampano machen, konnte Reni, wenn sie kam, in Las Palmas in den Klamottenläden sagen: »Such dir aus, mein Mädel.« Das kommt ja auch mal steil rüber.

Die Frau aus Köln hat sich nie wieder bei mir gemeldet.

Natürlich, Prinzessin, vor dir haben schon andere festgestellt, dass ich perfide bin. Das war meine Überlebensstrategie. Ich hab mir ja keinen Rolls-Royce gekauft und keinen Chauffeur, der sich nicht umziehen darf und mich bedienen muss. Ich hab mit ’ner 900er Kawasaki rumgekaspert und hab da überlebt. Ich hab noch ’nen alten weißen VW gehabt, ’nen Käfer, da habe ich vorne auf die Haube »Puff-Reis« geschrieben. Frag mich heute nicht, warum. Mit dem bin ich dann kurz vor Playa del Inglés mit meiner ersten Schwarzen, die ich gevögelt hab, in die Leitplanken gefahren. Weil ich stockbesoffen war. Da hat uns ein schwedisches Ehepaar das Leben gerettet, ihr mehr als mir, denn bei ihr war der Hals aufgeschnitten. Die haben uns in die Klinik nach San Augustín gebracht. Man konnte da auf der Strecke verrecken. Der Unfallwagen brauchte anderthalb Stunden bis in die Klinik.

Während meiner Zeit auf Gran Canaria war Captain, ein Freund von mir, mit dem Motorrad gestürzt und hatte 13 Rippen gebrochen. Ich hab ihn zusammen mit ’nem Kumpel aus dem Krankenhaus von Las Palmas rausgeholt. Das Problem war, dass er mit ’ner Pesetenmünze in der Badehose geröntgt worden ist, und da dachten sie, die Niere ist gequetscht und wollten die entfernen. Er hat mir mit seinem blutverkrusteten Mund zugeflüstert: »Lass sie mir nicht die Niere wegnehmen, bring mich nach Deutschland.« Wir haben ihn auf ’nen Rollstuhl gepackt, ihn vom Tropf gelöst und ihm ein Ticket besorgt nach Hamburg. Das war ein Freundschaftsdienst. Als er in Deutschland war, haben ihn die Ärzte gefragt: »Wie haben Sie es überhaupt geschafft, hierher zu kommen mit den gebrochenen Rippen?«

Ein anderer Freund von mir, Rene aus München, war im Liebesrausch. Er sagt zu mir: »Ich hab mich in ’ne Chinesin verliebt, die steht in Nizza. Blauschwarze Haare bis runter zum Arsch.« Der hat stundenlang Liebesbriefe geschrieben, auf französisch, mit dem Wörterbuch, mit einer Akribie, die war gigantisch. Der war verliebt. Er sagt: »Stefan, wir haben ein Problem. Die hängt bei den Korsen fest, die sind brandgefährlich, die Jungs. Die steht auf der Straße, ich geb Order, auf Französisch natürlich, und du kommst mit dem Rolly vorgefahren. Stefan, traust du dir das zu?«

Wir sind von Gran Canaria nach München geflogen. Das war mein Pokerspiel. Ich hoffte, ich werde nicht mit Haftbefehl gesucht. Ich musste ja nur durch die Flughafenkontrolle und mit dem Auto nach Nizza fahren. Warum sollten sie mich rauspicken? Ich hatte niemanden umgebracht, nur ein offenes Verfahren. Ich hab zu dem Zeitpunkt noch nicht gewusst, dass es einen internationalen Haftbefehl gab. Ich hab Rene nicht gesagt: »Es kann sein, dass ich gesucht werde und dass durch mich die Bombe platzt.« Ich hab das Ding mitgemacht, als Freundschaftsdienst, ohne ’ne Mark, weil ich so stark bin. Ich hab auf der Insel das Image verkörpert, dass man mir solche Aufträge angeboten hat. Ich war noch ein junges Arschloch, das angeben wollte.

Es waren Filmfestspiele in Cannes und das Autorennen von Monte Carlo. Der Rolls-Royce passte gut rein. Der gehörte zwei Brüdern, dufte Typen, die ihre Frauen im Drei-Farben-Haus in Stuttgart hatten. In dem Trubel fiel nicht auf, dass man mit einem halbseidenen Auto rumfuhr. In Monte Carlo, wo das Rennen stattfand, waren wir mal in der Innenstadt, spielten aber nicht im Casino. Das Geld hatte ich gar nicht. Da waren ganz andere Herrschaften gefragt, die da rumlungerten. Da gehörte ich wirklich nicht dazu. Mal mit ’n paar französischen Huren verschneiden zu gehen und den Max im Café Festival zu machen – mehr war nicht drin. Aber man war dabei und konnte die Leute beobachten. Das war ’ne tolle Sache.

Rene hatte mit der Kleinen schon gepackt, es war alles auf Französisch gesagt. Das ging dann ruckzuck. Die Chinesin stand an der Straße, um zu ackern. Ich blieb im Auto und gab das Zeichen. Die kamen dann beide angehetzt und machten den Rolly voll mit Louis-Vuitton-Koffern. Du saßst beschissen in dem Rolly, das war ja ein alter, glaub ja nicht, dass das für den Chauffeur bequem war. Ich hatte den ganzen Rolly voller Louis-Vuitton-Koffer, und dann hieß es wieder: Richtung Germany. Rene, immer braun gebrannt auf den Kanaren, der war blass. Ich war nur mit ’nem Kartoffelschälmesser bewaffnet, weil ich dachte, wenn die ’ne Waffe an der Grenze finden, geht das nach hinten los. Man hatte mir eine Pistole angeboten, aber ich lehnte ab. Wir fuhren nach München, und ich trennte mich von Rene: »Du, das wird mir alles ein bisschen zu eng. Sieh zu, dass du mit der Mutter klarkommst, und ich fliege nach Gran Canaria zurück.« Dort wurde ich wärmstens empfangen.

In den zweieinhalb Jahren gab es natürlich noch einige Frauen außer der Barbiepuppe Brigitte und meiner ersten Schwarzen. Ne Holländerin war dabei, da hab ich gedacht, die ist vom Papst geboren, weil die so zurückhaltend war, dabei hatte sie mich gefressen. Dann hatte ich aus Frankfurt zwei Riesengranaten. Da war die Xappa, das war ’ne Halbgriechin. Die war ein starker Schuss.

Warum die Frauen das gemacht haben, mit mir zu vögeln und immer wieder Geld mitzubringen? War es meine Art, war es mein Charme, war es mein Aussehen, war es mein Body? Du musst die Frauen fragen, Prinzessin. Ich führe das auf meine Jugend zurück und auf die Denkungsweise der Frauen in den Siebziger- und Achtzigerjahren, die für Geld ficken gegangen sind. Die haben damit abgekürt, dass ihr Kerl ’ne dicke Rolex trägt, dass er ’ne Kette braucht, mit der er kaum den Kopf hochkriegt, und sie sagen können: »Das ist mein Kerl. Das ist mein Mann.« Die haben dadurch vielleicht mehr Substanz und Stärke gekriegt. Frauen unterliegen da schon geistig, indem sie ihren Kerl pushen, einer gewissen Eigenwertsteigerung. Wenn die sich einmal zur Hure erklärt haben, ist das auch so, dass sie zu der Sache gestanden haben. Dann war das eben scharf, dass du der Geilste warst und das geilste Auto gefahren hast. Mein Freund Rene hat nebenbei einen Ferrari gekriegt, der kostete um die 250 000 Mark. Das Geld ist untergebunkert worden, das heißt, die Frau hat es abgezweigt von dem, was sie ihrem offiziellen Gockel abgeben musste.

Ich will nicht sagen, dass es einem leicht gemacht wurde. Du konntest ja nicht aussehen wie ’n Auerhahn. Vielleicht haben die Frauen zu Hause noch ’ne zweite Schicht geschoben, dass sie mich auf den Kanaren bezahlen konnten. Das weiß ich nicht. Ich bin nicht an ihr Eingemachtes gegangen. Was sollte denn ein Kerl machen, wenn seine Frau ihm sagt: »Schatzi, Bronze tut mir gut, ich flieg wieder nach Gran Canaria und komm erholt zurück. Und dann geb ich wieder richtig Schraube im Puff.« Sie kommt zu mir und fühlt sich bei mir wohler, weil sich im Urlaub jeder wohler fühlt. Daher werden viele über den Leisten gezogen, wenn sie im Urlaub sind. Da ist man empfänglich, weil die Sonne und das Vitamin D bis in die Klötze reingeht.

Ich hab den Frauen das lockere Leben natürlich auch geben können, wir sind da rein, da rein, da rein, und überall hat es geschnackelt: »Hola Stefano, que passa, hombre? Muy bien?«

Auf dem Vulkan war ich nie. Ich bin ja der Vulkan gewesen. Da brauchte ich mich nicht noch irgendwo zu verbrennen. Als junger Kerl war ich viel zu sehr mit mir beschäftigt.

Hochbetrieb auf den Kanaren war im Winter. Ab Mai, Juni möchte man die Insel gerne verlassen. Da kommt der Schirokko rüber von Afrika, und du hast relativ viel Sand in der Schnauze. Die Geschäfte und Bars sind geschlossen. Die Marokkaner mit ihrem Ledergewerbe sind noch vor der Tür, die kriegt man nicht weg mit dem Schirokko. Das Klima ist anders, man fühlt sich nicht mehr so wohl.

In Patalavaca sind die Jungs, die keinen Haftbefehl hatten oder nicht gesucht wurden, weg gewesen. Dann lebst du in so ’nem riesigen Berg allein und freust dich natürlich, dass im September oder Oktober die Jungs wieder anreisen.

Eigentlich hatte ich den guten Vorsatz, mir ’ne Spanierin zu greifen, damit ich perfekt Spanisch sprechen lerne. Mein erster zaghafter Versuch ging nach hinten los. Ich dachte, wenn mich diese Spanierin gleich heiraten will, dann komm ich nicht von der Insel runter. Mit dem Gedanken im Rücken hab ich mich gewarnt: »Dann kannst du dir keine Scheiße erlauben, Stefan. Dann kommt die ganze Familie. Ja, doch, das Land gefällt mir gut, aber das ist nicht meine Herausforderung, nur auf so ’nem Eiland rumzuhocken.«

Im Juni, Juli schläfst du ohne Bettdecke, nur noch mit Bettlaken. Das ist schon zu viel auf dem Körper. Du bist nass in der Nacht, du bist klitschenass. Es ist nur noch heiß. Wenn deine Freunde weg sind, mit denen du jeden Tag rumgealbert hast, deinen Spaß gemacht hast, und auf einmal die beiden Zentren geschlossen sind, bist du sehr allein. Das ist eine andere Insel geworden.

Da hab ich meine ersten Rollen gemacht. Stundenlang hab ich Pink Floyd gehört und gekifft. Da kam ich auf ’ne ganz andere Insel, und wenn ich wieder runterkam, hatte ich Heimweh nach dem Regen, nach meiner Sprache. Wenn du aus deiner kleinen Welt rausfliegst, dann hast du nur Spanisch um dich gehabt. Natürlich konnte ich für mich alles auf Spanisch bestellen. Aber eine gewisse Fremdheit blieb. Ich lebte in einer Zwischenwelt, länger als zwei Jahre. Nach meiner Heimat konnte ich mich nicht einmal sehnen. Ich wusste, dass es zu Hause in Hamburg nicht mehr so war wie früher. Unser Haus hatte Reni aufgelöst und sich an der Trabrennbahn in einem Hochhaus ’ne Wohnung genommen. Darauf hatte ich keine Neugierde.

Auf der kleinen verkackten Insel war ich ziemlich bekannt. Wenn ich nicht gekifft habe, bin ich wie ein Brausewind rumgesaust mit meiner kleinen Kawasaki. Ich hab aber mehr gesoffen als gekifft, ich war der einsame Hemingway für arme Leute. Der hatte ja auch seinen Stoff, als er Der alte Mann und das Meer schrieb.

Na klar kannte mich Albero, der Polizeichef. Er war gefürchtet, weil keiner auf der Insel in den Knast wollte. Bei 40 Grad, du hast kein Bett in der Hölle von Telde. Albero ist mit Leuten hart verfahren, die ihm nicht gepasst haben. Der hat denen die Uhr abgenommen, manchmal ein Auto konfisziert, dafür war der berüchtigt. Der hatte nie Leute bei sich und stand immer sehr elegant angezogen abseits. Ich hab mich dann getraut, ihm zuzunicken mit dem nötigen Respekt. Er hat in sich reingegrinst, so in der Art: »Ich beobachte dich.« Ich hab ihn dann immer gegrüßt.

Nach zweieinhalb Jahren stehe ich in unserer Stammdiscothek an der Tanzfläche und seh den Albero. Er hat mir dies Zeichen mit zwei Fingern gemacht, ich hatte zu ihm zu kommen. Da war mir etwas mulmig. Ich bin hin, und er sagt: »Ich hab ein Telex aus Madrid bekommen. Du wirst international gesucht.« Und es wäre seine Aufgabe, mich auf der Stelle festzunehmen. Da ist mir natürlich der Kupferbolzen rausgekommen, ich war ja schon elf Monate in Einzelhaft gewesen. Aber was mir vorgeworfen wurde, lief unter Kapitalverbrechen. Wenn du auf der Insel bist, freiheitsliebend, und dir dann vorstellst, in der Hölle von Telde eingesperrt zu sein, dann wirst du verrückt.

Albero war Spanier, aber er sprach so gut Deutsch wie ich. Er sagt: »Du bist mir nicht unangenehm aufgefallen.« Die anderen haben in einer anderen Größenordnung rumgealbert, das fing schon bei den Autos an. Er hat mir angeboten, dass ich nach Deutschland fliege und mich dort den Behörden stelle. Natürlich war mein Inseltraum jetzt zu Ende, ich musste in den sauren Apfel beißen. In meinen Kreisen hatte sich rumgesprochen, was das für ein Transport ist, wenn du in Spanien in den Knast kommst: mit Fußfesseln. Die werden erst auf hoher See entfernt, und du kannst dich dann an Bord frei bewegen. Ehe du von Spanien in Deutschland bist und dann von München nach Hamburg musst – du nimmst jeden Pinkelknast mit, Karlsruhe, Kasseler Berge, alles –, dauert das locker sechs Monate, unter erschwerten Bedingungen. Und immer in der Grünen Minna mit den kleinen Sehschlitzen auf der Autobahn. Es liegt dann im Ermessen des Richters, ob der Transport auf deine Strafe als Haftzeit angerechnet wird. Der Transport ist mir durch Albero erspart geblieben.

Ich hab einen Direktflug nach Hamburg genommen und stand da in meinem kurzen Hemd, braun gebrannt. Ich bin zu Reni gefahren. Ich hab lange mit ihr darüber gesprochen. Ich hatte ja schon elfeinhalb Monate abgesessen und dachte, mir kann nichts groß passieren. Ich hab ja nur spekuliert, aber eigentlich mit einem Freispruch gerechnet. Reni und ich haben uns noch ganz gut verstanden. Ich hab das Ganze auf mich zukommen lassen, ich wurde ja nicht gejagt. Es sind ein paar Wochen ins Land gegangen.

Gearbeitet habe ich nicht. Ich war öfter in der »Ritze« und hab im Keller trainiert an den Sandsäcken. Wir haben geplant, eine Boxschule aufzumachen. Ich hatte immer das Talent, viele Leute rüberzuziehen, ein bisschen Spannung zu machen. Das wurde dann immer namhafter.

Ich konnte es nicht lassen und habe die Beziehung zu Lilo vertieft. Wir waren mal an der Ostsee, ich hab sie aus ihrem Friseursalon geholt und ihr was von der Welt gezeigt. Ihr hab ich auch erzählt, dass ich vielleicht bald in den Knast muss. Sie war sehr anteilnehmend und mitfühlend.

Danny und Toni waren schon verurteilt. Toni, der ein solides Restaurant führte, hatte eine Bewährungsstrafe gekriegt. Danny, die Portiersratte vom Kiez, musste zweieinhalb Jahre in den Knast.

Zuerst bin ich zu meinem Anwalt gegangen. Ich hatte noch nicht erfahren, was zwischen ihm und Reni lief. Und dann zur zuständigen Polizeiwache. Das macht ja einen guten Eindruck, Selbststeller: »Hier bin ich. Ich hab auf den Kanaren gearbeitet.« Ich konnte eine spanische Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung vorlegen. Die haben mir gesagt, dass ich mich montags und freitags zu melden hätte, bis ich vom Richter höre. Ich wurde also nicht gleich eingekesselt.

Auf der Wache habe ich mich regelmäßig gemeldet, bis ich bei der Großen Strafkammer erscheinen musste.

Der Gerichtstermin war fast wie ’ne Farce. Die Frau hab ich gar nicht wiedererkannt, das war so eine hässliche Tille. In der Verhandlung erfuhr ich, dass sie ein mongoloides Kind und einen falschen Kindesvater angegeben hatte. Selbst ihre Mutter hat vor Gericht ausgesagt, dass ihre Tochter viel dummes Zeug erzählt und dass sie sich beim Gruppensex anpissen lässt. Auch ihr geschiedener Ehemann hat gesagt, dass sie auf Gruppensex steht. Es hat mir aber nichts geholfen. Ich hab ’nen Scheißverteidiger gehabt.

Dagegen war der Staatsanwalt fast auf meiner Seite: »Die Frau hatte ein blaues Auge, das stimmt. Aber sie ist hier als notorische Lügnerin aufgetreten. Erlassen wir dem Mann in Anbetracht seiner Untersuchungshaft eine weitere Strafe.«

Dann ist das Gericht aufgestanden, und ich kriege das Urteil: »Wir lassen Milde walten, Sie sind nicht vorbestraft, Herr Hentschel, Sie sind noch nicht in Erscheinung getreten: Dreieinhalb Jahre.« Ich war wie gelähmt, fix und fertig. Das war verlogen. Das war nicht fair mir gegenüber. Wenn man diese Frau gesehen hat und mich in dem Alter, Prinzessin, mir sind die Weiber auf den Schoß gesprungen. Durch diese Rumpelfotze ist mir so vieles kaputtgemacht worden.

Der eigentliche Grund für das harte Urteil war, dass ich ein Schützling von Wilfrid Schulz war. Zu der Zeit liefen Ermittlungen gegen den Paten von St. Pauli, das wusste ich nicht und er wusste das auch nicht. Der leidenschaftliche Zocker hatte den Fehler seines Lebens gemacht und sich mit Größen vom Spielersyndikat der Cosa Nostra eingelassen. Nach einem Tipp aus den USA hing die Schmiere an seinem Telefon. Bevor sie den Paten hochgehen lassen konnten, versuchten sie, sein Umfeld abzuräumen. Da kam ich gelegen als Nachwuchskandidat.

Nachdem alles den Bach runtergegangen war, habe ich einen Revisionsanwalt genommen, der sagte mir: »Es sind so viele Verfahrensfehler gemacht worden, Herr Hentschel, da kriege ich Sie raus.« Das stimmte aber nicht. Er hat nur kassiert, 30000 Mark, unter der Hand, wie es der verlogene Penner wollte. Und ich hab meine Zeit abgesessen.

Ich musste nach Fuhlsbüttel, ins »Totenhaus«. Da wurden die Selbststeller gesammelt. Man weiß noch nicht, wo man hinkommt, nach Neuengamme, Glasmoor, oder man bleibt dort. Mein Freund Ditschi hat mich hingefahren. Ich hatte eine helle Lederjacke an und Turnschuhe. Das Ganze ist grotesk. Du klingelst da: »Guten Tag, ich möchte meine Haft antreten.« Als Erstes musst du deine Schnürsenkel abgeben, Krawatte, wenn du eine trägst, und den Gürtel. Du kommst von draußen, und plötzlich giltst du als suizidgefährdet. Da wird einem schon ganz komisch. Ich hab mich ja nie mit dem Gedanken getragen, mir im Knast das Leben zu nehmen. Der Gedanke drängt sich automatisch auf, man muss damit fertig werden. Man kommt in einen Block, da bleibt man eine Woche oder vierzehn Tage, bis man verlegt wird.

Ich bin in einem Sammeltransport nach Glasmoor gebracht worden, eine halb offene Anstalt. Zwar ist alles ummauert, vom Innenhof gehen die Zellen ab. Aber du arbeitest draußen in der Landwirtschaft oder im Innendienst, in der Küche. Ich dachte: »Das ist hier ein Kindergarten, da kann ich jederzeit abhauen.« Das ist ja das Fürchterliche. Wenn ich später mit einem Franzosen oder einem Iraner über die Sache gesprochen habe, konnten die das nicht verstehen: Die würden sich nie selbst stellen oder da zwei Jahre absitzen. Die würden sich gleich am zweiten Tag ’nen Fluchtweg bauen. Freiwillig eingeschlossen zu bleiben – so was bringen nur Deutsche fertig, die haben ’ne andere Erziehung genossen.

Meine Schnürsenkel kriegte ich wieder und den Gürtel auch. Ich kam in einen Gemeinschaftsraum zum Warten. Das ging relativ flott, wie beim Zahnarzt. Mein Name wurde aufgerufen: »Herr Hentschel, bitte in Zimmer 12.« Dann saß ich da vor sechs oder acht Leuten von der Verwaltung wie ein dummer Junge. Die reden zuerst gar nicht mit dir, blättern in deiner Akte: Na ja, das ist ja ein Harter, dieser Hentschel. »Was stellen Sie sich denn vor, hier zu arbeiten? Hier in Glasmoor wird gearbeitet.« Ich hab gesagt: »Wenn Sie mich so fragen, ich hab Ahnung von der Gastronomie. Ich meine, dass hier kein Bier ausgeschenkt wird, weiß ich. Aber ich kann gut kochen.« Das war gelogen. Aber man weiß von Insidern: Sieh zu, dass du in die Küche kommst. Du musst zwar früh raus, aber du hast mittags Feierabend.

Dann wurde ich in eine Zelle gebracht. In Glasmoor werden die Zellen mit sechs Mann belegt. Das Klo war eine Extrazelle in der Zelle, wie eine Speisekammer. Ich musste für die Küchenarbeit Pinkelprobe und Exkrementprobe zur Untersuchung abgeben. Solange das Ergebnis nicht da war, musste ich in die Kartoffelküche. Dort war ich mit einem Zweiundsiebzigjährigen, der hatte für viel Geld Abtreibungen vorgenommen. Er war bekannt, seine Praxis hatte sich auf dem Kiez befunden. Wir haben Kartoffeln geschält. Als der Befund kam, dass ich gesund bin, kam ich aus der Kartoffelküche raus, kriegte ein weißes T-Shirt an und war erst mal Hilfskalli. Du machst Hilfsarbeiten, du putzt das Gemüse, dann kommst du in die Brotküche und musst nur Brot schneiden. Das war ein dufter Job in der Küche. Die anderen kamen erst abends aus der Landwirtschaft in ihren Blaumännern oder aus dem Schweinestall in Gummistiefeln. Da wollte ich wirklich nicht hin. In der Küche sahst du flott aus, Hose und T-Shirt. Du warst mittags um halb zwei durch mit der Arbeit und hast den langen Mann gemacht. Du konntest machen, was du wolltest.

In Glasmoor waren 800 Strafgefangene. Ich hab mich mit einem Iraner aus meiner Zelle angefreundet, der hieß Lullah. Man hat nie darüber gesprochen, was für ’ne Tat man begangen hat. Danach fragt dich auch keiner. Du sagst ja nicht: »Hallo, ich hab ’ne Vergewaltigung begangen.« Jeder stellt sich ja unter ’ner Vergewaltigung vor, dass man hinter ’ner Hecke wartet und ’ne Frau niederreißt. Das war mir fast peinlich. »Ja, hier sind alle unschuldig, Stefan, erzähl mal.« Das hab ich mir abgehakt, meine Geschichte zu erzählen. Die saßen da wegen Betrug, Körperverletzung, waren aber überwiegend Ersttäter, weil es ’ne halb offene Anstalt war. Lullah saß wegen Sex mit Minderjährigen. Seine eigene Frau hatte ihn angezeigt. Feine Verhältnisse. So was erzählt man sich erst, wenn man befreundet ist.

In meiner Zelle waren alle Küchenbullen, weil man sehr früh geweckt wurde, um halb sechs. Die in den anderen Zellen um acht, außer für die Tierfütterungen. Wir waren zwölf Mann in der Küche. Es gab einen Philippino, Mano hieß der, den mochte ich sehr gern. Dann Lullah, den Perser. Die anderen waren Deutsche. Ich hab mich relativ schnell hochgearbeitet. Das ging ruckzuck, und ich stand an der Kippe: Das ist ’ne Riesenpfanne, in der kann man 40 Karbonaden gleichzeitig braten. Danach hatte ich den besten Job, ich kam in die Essenausgabe.

Nach dem Küchendienst musstest du dich für jeden Mist eintragen, woran du teilnehmen wolltest, Töpfern oder sonstwas. Natürlich hab ich mich für Sport interessiert. Du kannst jetzt lachen, Prinzessin, ich hab dort sogar Tennis gelernt. Die haben in Glasmoor einen Tennisplatz und einen riesigen Fußballplatz, Fußball konnte ich ja auch spielen. Draußen hab ich ja immer im Verein gespielt.

Jeden Freitag kam der Fleischlieferant. Der kam durch die Torschleuse in die Vorhalle der Küche gefahren. Wir mussten das Fleisch in die Kühlräume tragen. Eines Tages denk ich, ich trau meinen Augen nicht: Ich seh ’nen Bekannten vom Kiez als Fahrer in den Knast kommen. Manni, mit dem ich früher im »Club 88« abgetanzt hab. Der hatte auch mal zwei Mädels laufen. Jetzt sagt der: »Ich hab die Schnauze voll. Ich hab mit dem Kiez nichts mehr zu tun. Ich bin solide geworden.« Ich hab ihn gefragt: »Mensch, Manni, kannst du mir ’nen Riesengefallen tun? Wenn du das nächste Mal kommst, bringst du mir was mit.« Ich hab ihm aus der Küche zwei leere Reinigungsbehälter gegeben. Das waren Zwanzigliterkanister, milchig, nicht transparent. »Die machst du mir voll mit Wodka. Der ist hier wie flüssiges Gold. Da kann ich jeden Betrag nehmen. Du gehst in die ›Ritze‹ und lässt dir die Kanister vollmachen. Das kriegst du auf meinen Namen hin, das geht schon klar.« Hanne, der »Ritze«-Wirt, hatte mich im Knast besucht. Er musste, als er reinkam, erst mal 20, 30 Leuten die Hände schütteln, bis er an meinem Tisch saß, weil sie ihn alle kannten.

Die 800 Strafgefangenen waren eingeteilt in den West- und den Ostflügel. Einer, den sie Katze nannten, saß im Westflügel und hatte die Zockerei unter sich. Ich harte mich schon ein bisschen im Ostflügel etabliert. Die Leute sind ja zu einem gekommen, wenn sie gespürt haben, dir geht’s finanziell etwas besser. Dann hast du Geld verliehen oder zwei Koffer Blatt abgegeben, also zwei Päckchen Tabak mit Drehpapier. Oder Nescafé, ’ne Bombe hieß der. Du hast dir das dann mit Zinsen, also drei Koffer Blatt, wiedergeben lassen. Andere waren schweinisch, die haben richtig abkassiert. Ich war da sehr human, das kann ich ganz ehrlich sagen. Wir aus der Küche hatten natürlich die Spinde voll. Die waren großzügig, wir konnten da schon mal ’n paar Schnitzel mitnehmen.

Jeden Monat gastierte eine Art Supermarkt im Knast, die Sachen wurden in der Kirche aufgebaut. Da durften wir Strafgefangenen von dem Geld, das wir auf dem Konto hatten, einkaufen. Ich hab immer TriTop, so ’n gelben Saft zum Mischen, gekauft. Die hab ich am Knastfenster gekühlt. Es gab keine Eisenstäbe, das waren normale Fenster. Die Flaschen waren für jeden sichtbar, auch für die Beamten, die manchmal die Zellen gefilzt haben. Ich dachte mir, das behältst du bei. Im Knast heißt es, ’nen Kassiber machen, wenn du Connections zu denen aus der Landwirtschaft hast und sie dir abends zwei Flaschen Alkohol reinschmuggeln. Dünner Stoff, damit kannst du nicht viel anfangen.

Als nun Manni mit den beiden Wodkakanistern kam, konnte ich mit denen als Küchenbulle öffentlich durch den Hof gehen, ich bin ja nicht aufgefallen. Die dachten, da ist Reinigungszeug drin. Wunderbar. In den TriTop-Flaschen habe ich ein Drittel Saft drin gelassen und den dann mit Alkohol aufgefüllt. Die Flaschen mit dem gelben Saft konnte ich weiterhin auf der Fensterbank stehenlassen. Erst mal haben wir uns in der Zelle einen geknallt. Einer war so besoffen, der hat sich bekotzt von oben bis unten, der hat gestunken wie ’n Berber. Die Beamten wussten nicht, wo der Alkohol herkommt. Mein Versteck ist nicht aufgeflogen. Die Landwirtschaftsabteilung wurde verstärkt kontrolliert.

Die Flaschen hab ich dann verkauft, eine Flasche für 150 Mark. Die wurden gerne gekauft. Es war guter Wodka.

Nach drei Monaten hattest du Freigang, wenn du dir nichts zuschulden hast kommen lassen, ’ne Prügelei oder in der Küche klauen. Beim ersten Hafturlaub hat Reni mich abgeholt mit ihrem VW-Cabrio. Auf dem Verdeck stand ein Eiseimer mit ’ner Flasche Schampus. Sie parkte auf dem Anstaltsgelände. Wir haben die Flasche entkorkt, und da winkt mich ein ganz linker Beamter zurück, den hab ich immer den Semmelkopp genannt, weil er so weißblond war, ein mieses Arschloch, der Klapskalli. Ich hab ein ganz blödes Gefühl und sag Reni, sie soll schnell vom Gelände runterfahren. Der hätte mir ja den Urlaub streichen können, weil ich Alkohol gesoffen hab. Ich hab so getan, als hätte ich sein Winken nicht gesehen, und wir sind weg.

Das Geld von dem Wodkaverkauf hab ich draußen gebunkert, das waren nach dem ersten Vierteljahr um die 80000 Mark. Ich hatte ein Sparkonto bei der Bank wie ein kleiner dummer Junge. Draußen hatte ich auch Münzen, Krügerrand. Dazu hatte mir Brillanten-Paul geraten, weil der Goldpreis stieg und stieg. Ich bin zur Bank und hab die in Bargeld getauscht, das war ein Riss von 50 000 Mark.

Brillanten-Paul war ein Freund von mir. Der hatte das Ding drauf, Roulettekessel zu lüften. Er hat ’nen ganz starken Mann mitgenommen. Den kenn ich auch, ein wirklich starker Mann, denn so ein Kessel ist sehr schwer. Wenn der Kessel angehoben war, hat Brillanten-Paul mit seiner Mikro-Wasserwaage ’nen neuen Neigungswinkel bestimmt. Dann fiel die Kugel beim Roulette nur in ein Drittel der Zahlenlöcher. Bestimmte Leute konnten dann spielen und absahnen.

Der Brillanten-Paul hat zwei Jaguar E gefahren, einen mit Rechtslenker, original aus England. Er war immer englisch gekleidet, mit ’ner goldenen Taschenuhr und Uhrenkette. Mit seinem Grips hat er sich ein bisschen etabliert und richtig viel Geld verdient. Er konnte sich dann in Portugal einen Bauernhof kaufen.

An meinem dreißigsten Geburtstag hatte ich Hafturlaub. Ich komm in die »Ritze« rein und denk: Gar kein Lärm, niemand sitzt da, nur so normale Gäste. Ich war wie ein kleiner Junge enttäuscht. Da sagt Hanne zu mir: »Du, ich hab da zwei geile neue Sandsäcke hängen unten in der Boxschule. Willst du die mal sehen?« Ich sag: »Ja, okay.« Wir gehen runter, er macht die Tür auf, der ganze Boxraum ist umgebaut. Da sitzen ungefähr 60 Personen. Es wird hell, alle gratulieren mir. »Alles Gute zum Geburtstag.« Ditschi ist da, Brillanten-Paul, alle guten Freunde.

Weißt du, Prinzessin, was du da für ’n Gefühl hast? Das war gigantisch. Du bist ja richtig besoffen, berauscht von dem, was du erlebst. Du kommst aus ’ner Zelle, erst mal die Enttäuschung, weil keiner für dich da ist, na gut, zwei Sandsäcke angucken, und auf einmal kommt Cleopatra reingefahren. Das war überwältigend. Da lachst du über das ganze Gesicht, du hast Schmerzen, weil du mit dem Lachen nicht aufhören kannst. Absolut.

Auf meinem Geburtstagsfest hat mir Brillanten-Paul den ersten Snief Koks gegeben. Der Stoff, den es früher im Rotlicht-Milieu nicht gegeben hat, der war jetzt angekommen. Brillanten-Paul wollte mir nichts Schlimmes antun, er war wie ein Vater zu mir: »Denk dran, nie mehr als eine Nase.« In meinem jugendlichen Überschwang hab ich natürlich noch ’ne Nase genommen. Da hat er gesagt: »Es reicht, du bist zu gierig.«

Nach der berauschenden Zeit war es schwer, wieder ins Gefängnis zurückzumüssen.

Einmal, als Besuchszeit war, kam Reni und zur gleichen Zeit Xappa, die Halbgriechin, mit der ich einen Superschuss auf den Kanaren hatte. Die arbeitete als Hure im »Eros-Center«, ein reinrassiges Weib. Die Xappa hatte einen Besuchsantrag gestellt. Sie und Reni wussten natürlich nichts voneinander. »Herr Hentschel, zur Verwaltung bitte. Können Sie sich mal entscheiden, wer denn nun Ihre Verlobte ist? Wir haben hier zwei Mädchen stehen.« Ich hab dann beide eintragen lassen, aber da hab ich mich übernommen. Zu Xappa hab ich gesagt: »Ich bleib mit dir zusammen, ich mach mit der Reni Schluss.« Das hat sie mir nicht geglaubt. Sie hat den Braten gerochen, dass ich nicht aufrichtig war. Die Xappa wusste, wo Reni wohnt, hat sich vor das Haus gestellt und den Postboten abgepasst. Der hat ihr dann vertrauensvoll meine Briefe gegeben, in denen schöne Sachen standen: »Liebe Reni, das war ein einmaliger Ausrutscher mit der Xappa…« Da hatte ich meinen Mist runtergesülzt. Xappa kam zu Besuch und hat gesagt: »Ich hab dir was Schönes mitgebracht zum Lesen.« Das waren meine Briefe an Reni. Sie hat mich geschockt sitzenlassen. »Noch ’nen schönen Tag, Herr Hentschel.« Also, das ging nach hinten los, aber ganz pickelhart.

Mit Lilo bin ich vorsichtiger gewesen. Sie sollte mich nicht als Häftling sehen. Sie hat mir rührend viele Briefe in den Knast geschrieben.

Mein Vater hatte zu der Zeit seinen Traum vom eigenen Geschäft realisiert. Er dachte noch immer daran, dass ich das übernehme. Dafür sollte ich einen Personal- und Rechnungswesenkurs machen an der Volkshochschule. Er hat an die Anstaltsleitung ein Schreiben aufgesetzt, dass ich die Haftzeit sinnvoll nutzen könnte, wenn ich für den Kurs Freigang bekäme. Der Kurs kostete sechseinhalbtausend Mark, die musste ich selber bezahlen. Ich kam in die Freigängerzelle.

Den Kurs habe ich mir erst mal ’ne Woche reingeschmatzt. Morgens um sieben bin ich aus dem Knast raus, mein Auto stand vor der Tür, ein dicker metallicblauer Mercedes, den hatte ich mir neu gekauft. Da war natürlich der Hass ganz groß. Die Leute kamen in die Schule mit ihren Thermospullen, ihrem Butterbrot und kleinen Autos, und ich komm mit ’nem 500er SE angefahren.

Der Kurs ging mir auf den Sack. Ich hab mit den Lehrern gesprochen, denen gesagt, dass ich Strafgefangener bin und den Rotz gar nicht lernen will: »Ich will hier nur ein bisschen die Zeit absitzen, und dann hab ich drei Stunden frei und geh zu meiner Verlobten und mach ein bisschen auf Familie.« Die meisten Lehrer hatten dafür Verständnis und haben mir keine Schwierigkeiten gemacht. In der Pause hab ich Lumumba gesoffen. Einmal war es zu viel, und ich bin in drei geparkte Autos reingefahren. Der Polizei hab ich gesagt: »Ich bin Strafgefangener, machen Sie mir bitte keine Schwierigkeiten.« Den Führerschein hab ich natürlich verloren. Die Polizei brachte mich zurück nach Glasmoor. Mir wurde sofort der Freigang gestrichen. Mit der Schule war es vorbei. Und meine vorzeitige Entlassung wegen guter Führung war gefährdet.

Jetzt kamen die Beamten dran: »Wir haben eine neue Arbeit für Sie, Landwirtschaft, im Schweinestall. Bei 120 Viechern dürfen Sie ausmisten und füttern.« Weißt du, was das heißt, 120 Schweine zu füttern? Da werden Fässer aus Krankenhäusern und Altenheimen abgeholt, das nennt sich Trank. Da ist Brot drin, Erbsensuppe, Matsche, auch mal ’ne Binde, das wird alles aufgekocht. Es gab sogar einen Gefangenen, der hat sich da Wiener Würstchen rausgeholt, die abgespült und gegessen. Der war auch draußen ’n Penner. Zum größten Teil sind das ja arme Schweine im Knast. Die verdienen nicht viel Geld und kommen nicht über die Runden.

Ich bekam Gummistiefel und ’ne Mütze und musste wieder in ’ne extra Zelle. Ich hab im Schweinestall gearbeitet und wusste, da werd ich nicht alt. Einmal im Monat wurden von einem Bauern die Schweine gewogen. Der hat mir abends ab und zu Jungferkel abgekauft. Das kriegten die Beamten nicht mit.

Einmal hab ich einen Jungbullen zur Welt gebracht. Das war für mich das größte Erlebnis im Knast. Ich hör ’ne Kuh grausam schreien und geh in den Kuhstall. Der kam mit den Vorderhufen zuerst raus, die zwei Schlingen, die hab ich gepackt und daran gezogen. Mit der ganzen Fruchtblase sabschte der raus, den hab ich geboren, ’nen kleinen Bullen. Ich hab ihn mit Stroh abgerieben und nach vorne getragen. Die Beamten kamen gerade angerannt, als ich das schon hinter mich gebracht hatte. Jeden Tag bin ich in den Stall zu dem kleinen Bullen. Die Hosen, in denen ich ihn geboren hatte, hab ich nicht gewaschen, wegen des Geruchs. Die ersten zwei Tage lag der kleine Bulle; als ich kam, hat er sich aufgestellt. Es gab ’ne Verbindung zwischen uns, ich war die erste Kontaktperson. Verrückt. Ich war ganz durchgedreht. Ich hatte ’nen Jungbullen zur Welt gebracht.

Im Schweinestall hab ich ’ne Routine entwickelt. Wenn sie geferkelt hatten, musste man die Säue über Nacht bei Rotlicht festbinden, damit sie die Ferkel nicht erdrücken. Sie mussten auf der Seite liegen, damit die Ferkel alle säugen konnten. Den Ferkeln musste man den kleinen Schwanz abschneiden und die Zehen vorne, weil die sich selber anfressen. Und bei einer Sau bin ich auch mal mit dem Arm in der Muschi drin gewesen und hab Geburtshilfe geleistet.

Da war ein riesengroßer Misthaufen, fast wie ein Einfamilienhaus, mitten auf dem Hof. Ich hab gedacht: Wenn sie mir sagen würden, dass ich den abtragen muss, von A nach B bewegen, und dann wäre meine Haftzeit zu Ende und ich könnte sehen, wie sie zu Ende geht, das wäre das Schönste. Da würde ich Tag und Nacht arbeiten. Davon habe ich immer geträumt.

Auf meinem Unterarm hatte ich ein »R« in einem Herz tätowiert; R für Reni. Das hab ich in der Untersuchungshaft machen lassen. Da nimmt man einen Rasierapparat, vorne sind drei Nadelköpfe drin, die werden in Tinte getaucht. Die Tätowierer im Knast können das, die nennt man Stecher. Eigentlich war ich ein Gegner von Tätowierungen und hab mich fast geschämt. Reni hat sich gefreut darüber.

Das R hab ich von Lullah wegbrennen lassen. Dabei hatte ich keine Schmerzen komischerweise, nur seelische, weil ich bei einem Besuch von Ditschi erfahren hab, dass Reni mit ’nem Croupier vom Steindamm in ’ner Sauna rumgemacht hat. Wenn man mit jemandem in die gemischte Sauna geht, dann ist schon ’n Ei in der Hütte. Ich konnte eins und eins zusammenzählen. Meine Frau kenne ich, mit der war ich ja sieben Jahre zusammen.

Ich hab Reni geschrieben: »Mir ist zu Ohren gekommen, dass du mit ’nem Typen in der Sauna warst. Das langt mir. Das ist eine eindeutige Situation. Du bist raus aus meinem Leben, ich hab dich verbrannt. Ich möchte keinen Besuch mehr von dir kriegen und werde das, wenn ich entlassen werde, mit dir regeln.« Sie hatte ’ne Scheißangst, dass ich rauskomme aus dem Knast wie so ’n Bergepanzer mit Getöse. Sollte sie ruhig haben, auch wenn ich nichts Besonderes vorhatte.

Die Wunde von der ausgebrannten Tätowierung hat sich entzündet und war tief vereitert. Ich hatte natürlich einen Verband drum, die Wunde nässte stark. Da wollten sie mir noch ’ne Lampe draus drehen wegen Selbstverstümmelung. »Was haben Sie denn gemacht, Herr Hentschel, die Pulsadern aufgeschnitten?« Ich hab gesagt: »Ich hab mir das ausgebrannt, die Mutter ist mir fremdgegangen.« – »Das ist Selbstverstümmelung, da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.« Ich hab gesagt: »Und wenn ich mir das Arschloch zunähe, dann ist das meine Sache.« Aber es ist nie was danach gekommen.

Es wurde im Knast auch gedealt und gekifft. Wir haben uns ein bisschen blöde angestellt, das Haschisch konnte man riechen. Zwei Beamte haben uns gefilzt, und bei einem aus unserer Zelle was gefunden. Bei mir nicht, aber sie sind davon ausgegangen, dass ich daran beteiligt war. Das stimmte auch. Am nächsten Morgen kam das Rollkommando, sechs bis acht Beamte: »Fertig machen! Sie werden verlegt, Herr Hentschel. Sie sind nicht mehr tragbar für eine halb offene Anstalt.«

Ich bin wieder in das »Totenhaus« gekommen. Dort wurde ich neu eingestuft, und sie haben mich in einen festen Block gesteckt, Anstalt eins. In Fuhlsbüttel sieht jede Etage gleich aus. Die oberen Etagen sind nach unten hin mit Maschendraht abgesichert, damit keiner was runterschmeißen kann. Es gibt vier Etagen, die Gebäude sind sternförmig angeordnet. In der Mitte steht ein Wachturm. In Anstalt zwei sind die Gefangenen mit Langzeitstrafen untergebracht.

Hätte ich das vorher gewusst, wäre ich gleich in Fuhlsbüttel geblieben, genannt Santa Fu, und hätte mir den Minimal-Knast Glasmoor nicht angetan. Man hatte in Fuhlsbüttel viel mehr Möglichkeiten. Es wurde viel Geld gemacht mit Rauschgift. Das haben sie in Tennisbällen über die Mauer geworfen. Tagsüber hatten wir viel Freizeit und konnten in den Gefängnishof gehen, zu den Transis oder zu den Lebenslänglichen. Wenn du dich mit denen unterhalten hast, das war in den Siebzigern, und die sagten: »Ich komme 2001 raus«, da hast du dich als freier Mensch gefühlt.

Es geht in Santa Fu relativ locker zu. Du brauchst nicht arbeiten. Du kannst zur Arbeit herangezogen werden. Mich haben sie einmal geholt zu so ’ner Hoftruppe, Dreck wegmachen und so ’n Zeug. Ich hab mir mit ’nem Alustock auf den Fußknöchel gehauen und ihn dick gemacht – als wenn ich umgeknickt wäre. Ich wurde krankgeschrieben.

Ich war vier Monate dort. Die hatten mir als Erstes ’ne Zelle zugewiesen mit vier jungen Kerlen, die haben Bambule gemacht, ihre Matratzen verbrannt und sich nach Einschluss mit eigenen Nadeln tätowiert. Die konnte man nicht als Rocker bezeichnen, die waren der letzte Dreck. Da gab es keinen Fernseher, keine Kultur, nichts. Zwei Waschbecken, in denen waren Dreckränder, Bartstoppeln, Essenreste. Das Klo war auch in der Zelle, den Geruch kriegte man nicht weg. Anfangs hatte ich Verdauungsprobleme, ich konnte nicht öffentlich kacken. Nach ’ner Zeit nimmt man das verrohte Ding an, man gewöhnt sich daran. Die haben wie Schweine gehaust. Abends kriegte ich mein Gepäck. Das Bett war verwanzt. Eine Scheibe war kaputt, es gab ja Gitter davor, dazwischen zog es rein wie Hechtsuppe. Die Beamten haben die Zelle nicht in den Griff gekriegt. Wenn da ein Beamter kam, hieß es: »Sieh zu, dass du abhaust, du Wichser!« Und die haben mich tatsächlich in diese Zelle gesperrt, zu den Chaoten. Das war gegen mein Empfinden, das war gegen mein Naturell. Diese Typen gehörten wohl zu denen, die draußen in Wohnwagen leben, voll tätowiert, und das Leben nicht geregelt kriegen. Also wirkliche Kaputtniks, die von Einbruch und Diebstahl und solcher Scheiße leben, zum hundertsten Mal straffällig. Die haben sich auch ein Zentimetermaß auf den Schwanz tätowiert, den angewichst, wenn der schlaff wurde, und das Maßband wieder rangehalten. Oder sie haben sich ’ne Fliege auf den Nillenkopf, also die Eichel tätowiert oder »Ich hasse dich« innen auf die Unterlippe. Mich haben sie nicht tätowiert. Ich hab denen gesagt: »Ihr könnt euch den Arsch und den Kopf tätowieren, das interessiert mich nicht.«

Irgendwann brachten die Beamten ’nen Fernseher, und ich hab die Kerle aus der Zelle bequatscht, dass wir alle was davon haben. Ich hab mich mit den Jungs leicht vertragen, mit mir geht das nicht, Randale und Ärger. Von den schmutzigen Waschbecken hab ich eins sauber gemacht und gesagt: »So, wer hier an das Waschbecken geht, der verlässt es so, wie es jetzt aussieht.« Das haben die voll akzeptiert, da war Ruhe im Stall.

Nach drei Tagen hab ich die Glocke gedrückt, ich wollte zum Psychologen. Das war ’ne Frau, die hatte ’ne Holzhand mit Leder bespannt und ’nen grünen Pullover an. Die hatte ein Riesenverständnis. Da war ich dem lieben Gott dankbar. Ich hab ihr gesagt: »Ich komm mir hier verschaukelt vor. Ich möchte nicht die Aufgaben der Beamten übernehmen. Die sind der Sache nicht gewachsen. Die haben mich bewusst, weil ich ein starker Hund bin, in diese Zelle gesetzt. Dort gab es immer Bambule, dauernd war ein Rollkommando da. Ich hab meine Arbeit erledigt, ich hab dort für Ruhe gesorgt, wir haben keinen Ärger mehr mit den Jungs. Wir haben abends brav ferngesehen. Und jetzt möchte ich bitte wieder unter normale Menschen kommen. Sonst mach ich mit den Vieren die Bambule mit.« Die Psychologin hat mich verstanden, und sie hat sich für mich eingesetzt. Ich durfte meine Sachen packen und wurde nach oben in die vierte Etage zu Hossi verlegt. Die Psychologin hatte mich gefragt, ob ich jemanden kenne, und den Hossi hatte ich mal beim Hofgang getroffen.

Hossi hatte eins der längsten Strafregister von Hamburg. In der »Bild-Zeitung« wurde mal ’ne ganze Seite drüber gebracht, nach dem Motto: »Warum ist dieser Mann noch in Deutschland?« Zuletzt hatte der ’nen reichen persischen Kaufmann erpressen wollen.

Der Gentleman war ganz was anderes als die Rocker. Wir haben Backgammon gespielt. Hossi war Europameister im Backgammon. In seinen guten Zeiten hat der 60000 Mark im Monat angeschafft mit dem Backgammonkoffer im Interconti. Der hat dich weggehustet, wenn er das wollte. Das war ein Zocker. Der war in den Casinos bekannt.

In Glasmoor hatten die immer Druck ausgeübt und mit Urlaubssperre gedroht wegen jeder Kleinigkeit. In Santa Fu gehen die Beamten immer nur zu zweit in die Zellen rein. Der Umgangston mit den Beamten ist besser, die sind zugänglicher. Man kann auch mal was von ’nem Beamten kriegen. Im Prinzip kannst du alles kriegen, wenn du dem sagst: »Du gehst jetzt in den Puff ficken bei dem und dem, und ich übernehme das. Und du bringst mir dafür was zu kiffen rein und für Hossi Koks.« Die Beamten, die das gemacht haben, sind auch nach meiner Zeit im Knast noch bei mir erschienen.

Wir hatten mehrere Beamte, die waren für verschiedene Dinge zuständig. Manche waren auf Geld fixiert, die verdienen ja nicht viel. Sie haben Langzeitjobs und müssen sich mit den Langzeithäftlingen arrangieren. In Santa Fu kann ein Beamter nicht so auftreten wie in Glasmoor bei den Erststraftätern. Wenn da ein Lebenslänglicher ist und der gefällt den Beamten nicht, oder umgekehrt, kann das für beide Seiten unangenehm werden. Die Beamten haben schon ein bisschen mehr Manschetten vor dir, und das merkst du gleich. Die Beamten, mit denen was ging, waren bei den Insidern bekannt. Die wurden mehr oder weniger heilig gesprochen, die waren natürlich ’ne geile Quelle.

Du darfst dir das nicht so vorstellen, dass da jeden Tag Party war. Es war auch nicht so, dass der Beamte mit jedem gequatscht hat. Man hat die Langzeitstrafler gefragt: »Was kostet das, wenn der mir das und das reinbringt?« Man durfte da selber manchmal gar nicht hingehen. Ich hatte auch einen Beamten, der hat mir immer mal was zu rauchen gebracht. Ich hab meistens nachts geraucht, da hast du deine Ruhe gehabt.

Wenn du Besuch kriegtest, gab es auch Übergaben. Auf St. Pauli ist es üblich, dass die Männer sich beim Umarmen küssen. Wenn das heute heißt: Der Bohlen hat den Gottschalk geknutscht auf den Mund – das haben wir Jungs schon immer gemacht. Dabei wurde das Dope übergeben.

Mucki Pinzner hab ich im Gefängnis in Fuhlsbüttel bei einer Sportveranstaltung wiedergetroffen, an dem Tag, als ich in der Anstalt zwei Fußball spielte. Kurz vor der Halbzeit hatte ich eine Verletzung und die Möglichkeit, mich umzuziehen. Ich hab die Zeit genutzt, mit Insassen in die Anstalt zwei zu gehen, weil ich gehört hatte, dass es da alles gibt. Frauen auch, aber das waren ja Männer. Ich bin auf ’ne Zelle hoch, und da kam Mucki Pinzner: »Stefan!« Wir kannten uns aus Kindergartenzeiten. Er ist mir noch mal zu meinen Fernfahrerzeiten begegnet. Als ich das Sportstudio hatte, kam er zur Mittagspause. In Fuhlsbüttel saß er wegen ’nem Raubüberfall mit einem Toten. Kaum hat er mich gesehen, da hat er mir seinen Shitbommel gezeigt, der war faustgroß, gigantisch. So was findet man nur bei Langzeitstraflern, die haben ganz andere Connections. Er hat mir mit einem großen Dolch ’ne Scheibe abgeschnitten: »Nee, nee, dafür will ich nichts haben.« So ganz wichtig. Als das Fußballspiel zu Ende war, bin ich zurück. Das Shit-Ding hab ich unter der Lippe gehabt, man wurde nur oberflächlich gefilzt, man kam ja vom Fußball.

Während der vier Monate in Santa Fu bekam ich keinen Besuch mehr. Ich bin vor eine Kommission gekommen, die entschieden hat, dass ich nach Absitzen der Zwei-Drittel-Strafe rauskomme. Der Gefängnisdirektor hat es sich nicht nehmen lassen, ist zu mir in die Zelle gekommen und hat gesagt: »Herr Hentschel, Sie sind ein freier Mann. Packen Sie Ihre Sachen.« Ich hab gesagt: »Das find ich toll, aber wir haben gerade Kaffee gemacht. In ’ner halben Stunde bin ich so weit.« Das war am Heiligabend ’79 um halb fünf.

In Fuhlsbüttel bin ich sofort in eine Telefonzelle und hab Lilo angerufen: »Liebst du mich noch?« Sie sagt: »Wenn du wüsstest, wie sehr.« Ich: »Dann bin ich in ’ner Stunde bei dir.« Wir hatten uns zwei Jahre nicht gesehen.

Mein erster Weg war der zu meiner Großmutter; meine große Liebe war ja meine Großmutter. Als ich in der Tür stehe, sagt sie: »Mein Gott, Junge, bist du ausgebrochen?« Ich sag: »Entspann dich. Ich bin ein freier Marm.« Da hat sie erst mal richtig geflennt, und wir beide haben uns umarmt. Ich hab ihr erzählt, dass ich noch zu ’nem Mädel will. Das hat sie verstanden, Großmütter sind ja so.

Vorher bin ich noch in ’ne Kneipe, mein Herz schlug wie aus dem Hals raus, und ich hab ein paar Jägermeister gesoffen.

Lilo wohnte in Eimsbüttel in einer Altbauwohnung, dritte Etage, man musste ’ne Holztreppe hoch, zweieinhalb Zimmer, simpel eingerichtet, mit ’ner Cordgarnitur. Lilo war ’n Mörderschuss, sie war ’ne Augenweide. Sie hatte auch einen Tannenbaum. Das war ein tolles Weihnachten. Mehr geht nicht.

Reeperbahn

Am ersten Feiertag lag ich zwar nicht im Koma, aber Lilo und ich waren immer noch am Rumpudeln. Irgendwann, als es hell geworden ist, sind wir ins Bett gegangen und haben den ersten Weihnachtsfeiertag verpennt. Als das Fest vorbei war, hab ich gesagt: »Ich hab mir Klamotten bestellt, die müssen abgeholt werden. Ich kann ja nicht Silvester in der Badehose rumsitzen oder in den Sachen, mit denen ich vor zwei Jahren in den Knast reingegangen bin.« Das wurde dann mit Verständnis aufgenommen. Meine Maße waren ja bekannt bei dem Maßschneider Warner auf St. Pauli. In meiner Abwesenheit hatte ich einen maßgeschneiderten Anzug für Silvester geordert.

Auf jeden Fall war ich in ’ner teuflisch guten Rüstung, bevor ich überhaupt die »Ritze« betreten hab. Wenn man aus dem Knast kommt, hat man die Verpflichtung, dass man nicht aussieht, als wäre man der letzte Penner. Im Prinzip wurde man von den Jungs sofort entlarvt: Man kam von ’ner Beerdigung oder war auf dem Gericht, wenn man ’nen Anzug getragen hat. Das war ’ne Festlichkeit. Der Anlass war die Kleiderstruktur. Man trug ein Jackett, ’n bisschen eleganter in der Form, ein Hemd, gut, vielleicht auch ’nen Rollkragenpullover, was natürlich bei mir nicht geht, weil ich immer geschwitzt habe, wenn ich so was um den Hals hatte. Man war immer trendy. Man fiel an den Boxabenden auf, man schillerte mehr, man hatte auch das Geld für die ersten drei, vier Reihen.

Gleich nach Weihnachten hab ich in der »Ritze« Guten Tag gesagt. Das ging dann bis Silvester. Das war ganz wichtig für mich. Ich habe durchgesoffen ohne Schlaf, damit hab ich keine Probleme gehabt. Ohne Flachs. Ich dachte, ich versäume sonst was. Es gab die Möglichkeit, dass ich unten in der »Ritze« meine Klamotten ausgezogen hab, mich am Sandsack zum Schwitzen gebracht und geduscht hab. Natürlich hab ich zwischendurch Lilo angerufen.

Mit Hanne bin ich Richtung Rahlstedt in ’nen Puff gefahren, da haben wir weitergemacht, sind in den Whirlpool, haben uns wieder fit gemacht, und wenn wir keinen Kick mehr gekriegt haben, haben wir Jägermeister mit Matthaeus gesoffen. Dann zurück mit der Taxe. Wir haben unseren Spaß gehabt. Nach fünf Tagen ist Lilo dazugestoßen. Ich hab sie empfangen in ihrem Pelzmantel mit den großen Brüsten darunter. Ich saß neben ihr in der Eckbank, es war einfach schön. Wir haben in der »Ritze« Silvester gefeiert.

Es ging ruckzuck weiter. An mich ist man ja herangetreten, mich haben sie in der »Ritze« ein bisschen gefeiert.

Was ich mir überlegt hatte? Alle Straßen führen nach Rom. Ich konnte überall hingehen. Und ich hab das Angebot von Axel angenommen, von dem Axel, mit dem ich die letzten vier Wochen in der Zelle saß, als ich in Untersuchungshaft war.

Der hatte im »Eros-Center« eine Etage, als Partner von Diddi. Der Laden hieß »Salon Dick & Doof«. Ich hab gesagt: »Axel, wenn du mir ein Angebot machst, dann ändern wir als Erstes den Namen, weil du dick bist, aber ich bin nicht der Doofe.« Er hat gelacht und gesagt, ich könnte mit 60000 Mark einsteigen, wenn wir renovieren.

Axel war vier, fünf Jahre jünger als ich. Der war gedrungen, dick, lebenslustig, hat ’nen Ferrari BBI gefahren. Er war mit Puffs gut im Geschäft. Was ihm gefehlt hat, war eine Absicherung durch meine körperliche Stärke, und so hat er mich angesprochen: »Stefan, der Diddi hat während meines Urlaubs bei mir einbrechen lassen und hat die Teppiche genommen. Ich bin dahinter gekommen. Und jetzt will ich ihn aus dem Puff raushaben.« Ich kam natürlich gerade richtig. Er hat gesagt: »Wenn du mein Partner werden willst, mit 60 Mille sind wir kippe, und Diddi stecken wir den Finger in den Arsch.« Nur durch die Präsenz, dass ich da war. Das hat auch geklappt.

Axel und ich waren wie Schwarz und Weiß, nicht nur, dass er klein und ich groß war. Er war kein Sportler, ich schon. Er war kein Trinker, ich schon. Er war der Kaufmann. Wenn man zu ’ner Rüstung ’n Schild und ’n Schwert braucht, das war ich. Obwohl er so gut rechnen konnte, hatte er dummerweise ’ne Neigung zum Zocken. Ich nicht.

Der Maler Erich Ross hat den ganzen Puff renoviert. Wenn der van Gogh von St. Pauli so was macht, kann man natürlich was erwarten. Der hat jeden Raum fantastisch ausgestaltet, einen ganz geheimnisvoll in Blau, einen leuchtend hell in Creme, die anderen in verschiedenen Rottönen, von Goldrot bis zu ’nem schweren dunklen Kastanienrot, wie im Schloss von Ludwig XIV. Alle Zimmer bekamen speziell angefertigte Himmelbetten. Ich hab dem Ganzen den Namen »Salon Mademoiselle« gegeben. Mit vier Frauen haben wir angefangen, nach ein paar Monaten hatten wir 27.

Das Geld auf meinem Konto hatte ich nicht nur durch den Alkoholverkauf in Glasmoor, sondern auch vom Verkauf meiner Krügerrands, die ich zu Anfang meiner Knastzeit über Brillanten-Paul draußen angelegt hatte. Inzwischen war der Goldkurs gigantisch nach oben gestiegen. Jetzt hatte ich insgesamt ungefähr 120000 Mark. Selbst wenn ich mehr Geld gehabt hätte vor dem Antritt im Knast, das hätte ich Brillanten-Paul gegeben, dem hab ich blind vertraut, und das hat sich gelohnt.

Mit Reni bin ich nicht gerade sauber auseinandergekommen. Ich bin zu ihr nach Wandsbek gefahren. Sie empfing mich souverän und blieb das auch, bis ich ihr meine Regelung erklärte: »Du behältst unsere Möbel, den ganzen englischen Schrott für 80 Mille, und gibst mir dafür 25 Mille, dann hab ich ’nen guten Start, und damit ist es gut, Mädchen.« Ich hatte im »Mic Mac« ja auch reichlich verdient, und wir haben alles gemeinsam bezahlt, Möbel, Urlaub oder sonst was. Logisch hat sie mehr Geld verdient. Aber wenn ich aus dem Knast komme, kann ich ja nicht in der Nase popeln, ohne Möbel, ohne Stuhl, ohne Tisch. Sie hatte sieben Mille da, die gab sie mir gleich. Dann wurde sie komisch: »Mit welchem Recht willst du mehr?« Sie hat mich angebellt, als hätte ich sie angebettelt. Aber da war sie der Pudel und ich der Mastino. Ich hab gebrüllt und mit dem mir eigenen Instinkt den Braten gerochen: »Soll ich deinen blöden Anwalt an seiner geföhnten Welle aus deinem Schlafzimmer rausziehen?« Der saß da tatsächlich, mein früherer Anwalt. Da war sie entlarvt. Das war gemein von ihr. Das übrige Geld hat sie ein paar Tage später in der »Ritze« in einem Kuvert abgegeben.

Ich hatte ihr früher mal gesagt, sie solle nicht auf dem Kiez mit irgend so ’nem Hampelmann rummachen; das hat sie auch nicht gemacht. Ich hatte nicht von ihr verlangt, dass sie die zwei Jahre auf mich wartet. Der aus der Sauna hatte nichts mit meinem Milieu zu tun. Auf den hat sie sich dann eingelassen und ihn letztendlich geheiratet. Das war ein Mann mit zwei Kindern aus erster Ehe. Da muss wohl Liebe im Spiel gewesen sein.

Wie es mit Lilo und mir weitergehen sollte, da hatte ich schon einige Vorstellungen. Erst mal hab ich mit ihr in ihrer kleinen Wohnung in Eimsbüttel gelebt. Aber da wollte ich ums Verrecken nicht bleiben. Schließlich hatte ich mich in ein gutes Geschäft reingebeamt. Ich hab ihr die 60 000 Mark zu Hause auf den Tisch gelegt und gesagt: »So, jetzt bin ich Bordellbesitzer, und was kostet das, unser Leben noch mal neu zu machen?« Jetzt hatten wir die Möglichkeit, uns ein bisschen zu orientieren, wo wir hin wollten. Ich sag: »Ich muss hier weg aus diesem Arbeiterviertel. Auf jeden Fall. Hier krieg ich ’nen Kackreiz.« Drei oder vier Etagen hoch auf der Holztreppe, das brauchte ich nun wirklich nicht. Und nur Chaoten im Haus.

Am Stadtrand in Schneisen haben wir ein schönes Haus gefunden. Als ich das Haus gesehen hab, hat’s sofort geschnackelt. Ich dachte: »Hier bläst du dich richtig auf.« Ich wurde da vorstellig bei einer etwas älteren weißhaarigen Dame. Die war sehr elegant und nett. Ich sag: »Gnädige Frau, hier möchte ich ’nen Kamin reinmauern.« Ich hab da gleich auf die Kacke gehauen. Das hat ihr sehr gut gefallen. Ich sag: »Ich bin bereit, zu heiraten.« Lilo war angezogen, als wären wir gerade von der Alm aus dem Urlaub zurückgekommen: im Dirndldress. Sie hatte nichts Nuttiges an sich, aber die Titten konnte sie ja nicht einklemmen, das war klar. Eine Frau wird ja nicht schuldig gesprochen, wenn sie solche Brüste hat. Ich war sportlich gekleidet, mit Wildlederjacke, sehr seriös, so wie ich meinen Eltern meine Zukünftige vorgestellt hätte. Wir sind mit Lilos Renault vorgefahren, nicht mit meinem schwarzen Turbo-Porsche. Ich dachte mir, klein ist besser. Die Frau steht bestimmt nicht mit den Füßen in ’ner Steckdose. Man weiß ja, was einem in Schneisen passieren kann, bei den soliden Kackern.

Dann haben wir ein bisschen die Charmebälle ausgetauscht, und ich hab die Hütte gehabt.

Das war ein gelbes Klinkerhaus mit vier, fünf Stufen nach oben, Briefkasten, an der Tür stand in Goldlettern »Stefan und Lilo«, also wie im Märchen, sechseinhalb Zimmer, zwölf Meter Swimmingpool, 1500 Quadratmeter Grundstück. Ich hatte ’nen eigenen Gärtner, der hat ein bisschen Kosmetik gemacht. Mein Onkel durfte den Kamin einbauen. Ich hatte der Vermieterin einen Wertzuwachs versprochen. Ja, Prinzessin, das war die Hütte, in der dann Jahre später mein Freund und sein Wirtschafter erschossen werden sollten. Aber erst mal haben Lilo und ich unser neues Leben im Luxus genossen.

Durch das »Café Chérie« hatte ich die Vorstellung vom Edelbordell im Kopf, im »Eros-Center« galten andere Regeln. Ich musste mich umstellen und mit einer gegebenen Struktur wie im Brennglas alles in der Logistik klarmachen. In dem Riesenkasten mit der Riesenkonkurrenz musste man, wenn man Erfolg haben wollte, den Frauen die Möglichkeit geben, dass sie sich wohl fühlen, dass sie ihr Zimmer als ihr eigenes ansehen, auch wenn darin ein fliegender Wechsel stattfindet. Je mehr Frauen auf ein Zimmer kamen, desto besser war unser Geschäft.

Axel und ich haben immer Kippe gemacht, also 50:50. Nach meinem 60 000-Mark-Einstand in das Bordell hat uns Erwin Ross die Rechnung geschrieben, die war noch mal etwas mehr als 60 Mille. Ich musste schon was riskieren. Die anderen Bordelletagen, die den Frauen zugemutet wurden, waren versiffte Löcher. Ich hab gedacht, wenn die Frauen von dem kalten Kontakthof aus der mörderischen Konkurrenz von vielleicht 100 bildhübschen Weibern hochkommen, muss der Aufenthaltsraum schön warm sein und toll aussehen: ’n schöner Leuchter, die Essecke aus Eiche, ’ne Ledergarnitur. Das hab ich alles anschaffen lassen. Ne beständige Frau hat ihr persönliches Umfeld gehabt. Das hat sich rumgesprochen unter den Huren.

Das Zimmer kostete pro Nacht 120 Mark und dazu die Getränke, die die Frau mit ihren Gästen hatte. Dafür war der Wirtschafter da, der wurde von den Frauen bezahlt. Der kriegte seinen Tip und hat die bedient. Die Frauen kriegten eine Strichliste, was sie getrunken haben. Natürlich machten wir bei den Getränken unseren Schnitt. Aber den Frauen und ihren Gästen wurde keine billige Jauche zugemutet wie in anderen Etablissements, wo die Pfennigfuchser jeden Gewinn rauspressten. Im »Salon Mademoiselle« gab’s nur Getränke mit Stempel, also Markenware. Mein Hauptverdienst war die Miete, ich war also Bordellbesitzer. Ich kann auch Zimmervermieter sagen oder mich Hanseatischer Kaufmann nennen. Ich war im Rotlichtmilieu Bordellchef und basta. Ich hab mein Geld mit der Anzahl der Frauen verdient, die im »Salon Mademoiselle« eingeschrieben waren. Mich hat nicht interessiert, ob die da Geld verdienen oder nicht. Jede, die dort arbeitet, Brigitte, Susanne, Frieda, Domina, hat 120 Mark am Tag zu bezahlen. Ob sie Freier haben oder nicht, das ist doch nicht meine Arbeit. Wenn sie einen Gast gehabt haben, lass sie 500 oder 600 Mark verdient haben, wenn sie vier gehabt haben, vielleicht 1200 Mark. Vielleicht haben sie auch sieben Freier gehabt. Auf dem Hof beim Ansprechen bieten sie sich für 50 Mark an. Wenn die Freier auf dem Zimmer spezielle Wünsche haben, wird nachgekobert: »Komm, lieber Schatz, leg noch ’n Scheinchen drauf, wir machen uns das gemütlich.« Wenn der dann in ’ner Phase ist, wo er sich in seiner Geilheit auflöst, dann ist er bereit, tiefer ins Portmonee zu greifen. Im »Café Chérie« war so was nicht üblich. Da konnte der Gast zu Wilfrid Schulz gehen und sagen: »Die Alte hat mich über’n Leisten gezogen.« Dann musste das Geld zurückgezahlt werden.

Alle haben ihre Miete zu bezahlen, und wenn sie nicht zahlen können an einem Tag, dann haben sie 120 Mark Blockschulden. Am nächsten Tag verdienen die wieder nichts, dann haben sie 240 Mark Blockschulden. Die müssen dann eben irgendwann abgearbeitet werden. Wenn das nicht klappt, setzt man sich mal mit deren Jungen in Verbindung: »Du, deine Frau sitzt hier nur nun und verdient nichts. Du musst mal mit ihr sprechen.« Man macht das ja auf ’ne nette Art. Jedenfalls bezahlten bald über 20 Frauen 120 Mark am Tag an uns, das ist doch toll.

Auf St. Pauli spricht sich nichts so schnell rum, wie wenn einer gestorben ist oder jemandem was passiert ist, also auch unsere Renovierung vom »Salon Mademoiselle«. Willi Bartels, der Erbauer des »Eros-Center«, ist gekommen. Der Multimillionär war der Kopf der seriösen Abteilung, die das Rotlicht abgemolken hat. Im »Eros-Center« haben viele Parteien Geld verdient, die Nutella-Bande oder die GMBH oder die vom »Salon Bei Ami«, die haben alle Miete bezahlt. Das waren horrende Mieten, ob es uns dreckig ging oder nicht. Wir mussten jeden Monat acht Mille, später elf Mille, an Willi Bartels abdrücken. Die Zahlungen liefen über den üblichen Bankverkehr. Wir, die das Geschäft an der Front organisierten, hatten nicht so ’nen tollen Ruf. Aber der Bartels konnte sich als König von St. Pauli sonnen.

Als er sich die Ehre gab, bei uns reinzuschauen, hab ich gedacht: »Mensch, wie viel Geld zahl ich diesem Mann.« Axel war mit ihm im verbalen Bereich beschäftigt. Ich hab ihm meine Anständigkeit bewiesen und die Räumlichkeiten irgendwann verlassen, um nicht dumm rumzustehen. Ich bin in die »Ritze« gegangen. Ich war da eben anders als mein Partner. Das ist ja auch die Einsamkeit, man macht da den Tapferen.

Willi Bartels Frau Erika hab ich zweimal mit Bartels zusammen gesehen und einmal alleine. Sie ist mir von Axel vorgestellt worden. Ich hab mich anständig verhalten, wie sich das gehört. Wenn man sie auf ’ner Eröffnung sah, hatte man das Gefühl, die Sektflaschen dürfen nicht zerbrechen. Ich hab mit solcher Kultur nichts zu tun. Axel hat sie mit den Mietzahlungen nie enttäuscht.

Die Frauen im »Salon Mademoiselle« hatten unterschiedliche Charaktere, das ist ja klar. Wenn Alkohol geflossen war, waren die zusammen wie ’ne große Familie. Mit ihren Familien hatten viele von ihnen einen großen Verlust, glaube ich. Ihre Zimmer sahen für mich immer spielerisch übertrieben aus. Eine hatte ’ne Nonnenpuppe mit Strapsen, eine andere Plüschtiere, das war irgendwie eine kleine versunkene Welt. Nicht dass sie mir Leid taten, das waren bildhübsche Frauen, mir tat keine von ihnen Leid. Ich hatte ja auch eine Position, dass die Frauen kamen: »Kann ich dich mal sprechen?« Dann sind wir in mein Büro gegangen. »Mein Mann schlägt mich.« Ich wusste aber: »Um Gottes willen, wenn du da jetzt reinspringst, dann verlierst du die.« Ich hab dann doch den Typen angerufen. Auch das war mein Job in der Zeit. Irgendwie hab ich meistens ein gesundes Mittelmaß gefunden, vielleicht weil ich ’ne Waage bin.

Die Frauen haben gewechselt. Vor Beginn der Schicht hat jede sich mit ihrer Schminke erdenkliche Mühe gegeben vor ihrem kleinen Spiegel an dem Tisch, wo sie alle saßen. Einige waren schon fertig und haben sich auf die Zimmer zurückgezogen. Um acht Uhr waren sie alle unten im Hof. Die eine hatte ’nen roten Tanga an, eine andere ein kleines Höschen oder vielleicht ’nen kleinen Rock, wo man die Arschbacken sehen konnte. Die eine hat sich nicht geschämt, wenn links und rechts die Schamhaare wie ’n Schnurrbart rausgeguckt haben, eine andere war rasiert. Die Schuhe waren unterschiedlich. Wenn die Frauen mit dem, was sie anhatten, nach zwei Stunden keinen Freier gemacht haben, sind sie hoch und haben sich umgezogen: »Die bringen keinen Bock, die Klamotten.«

Wenn sich eine Frau auf dem Hof anbietet, liegt darin eine Demutshaltung. Das ist zwar ihre Geschäftsmethode, aber sie ist in dieser Situation auch besonders verletzlich. Das Verquere ist mir erst allmählich klar geworden. Trotzdem hat mich immer geärgert, wenn ich mit angehört habe, wie eine Frau einen Freier auf dem Hof ankeift und wüst beschimpft: »Hau ab, du schwule Sau, wichs dir selber einen, Drecksack mit deinen perversen Gedanken.« Der ist dann mit hochgeschlagenem Mantelkragen vom Hof geschlichen. So was wollte ich nicht, und ich bin dem nachgegangen. Immer das Gleiche: Sie steht da in ihrer Demutshaltung, sie gibt ihren ganzen Charme und greift an. Der Freier sieht aus wie ein Penner, will den Preis drücken und kommt auch noch mit den letzten Wünschen, ohne Gummi und so. Da kippt die Demut weg, und sie rastet aus. Wenn die Frauen dann ihren ersten Gast hatten, waren sie wieder happy.

Etwa zu 70 Prozent läuft das Geschäft in ’ner Harmonie ab. Zwischen Hure und Freier stellt sich eine Art Partnerschaftsverhältnis ein. Viele Männer wollen sich ausheulen, wollen ein Lauschohr haben, die Fotos von ihren Kindern zeigen, eben ihr Leben durchsülzen.

Je mehr Frauen arbeiten, desto mehr Bewegung gibt es. Zwei oder drei haben einen Gast, kommen hoch. Die Frauen haben oft ’n Faible für ein bestimmtes Zimmer. Das Serviettchen wird vom Wirtschafter sauber gemacht, dann kommt der Nächste, manchmal ist das Zimmer auch besetzt. Dann wartet der Freier im Salon. Und ich wollte keinen abgerückten Salon, sondern einen klassischen, in dem sich jeder wohl fühlen konnte. Ich hatte auch keine Lust darauf, dass da aus Dusseligkeit Zigaretten in den Eichentisch reinbrennen.

Im Salon hab ich schon mitgekriegt, ob eine Frau ihr Geschäft sachlich ausgebufft abgewickelt hat oder mit Gefühl, was oft verschwiegen wird. Es kommt schon vor, dass eine so animiert ankommt und gar nicht anders kann als zu reden: »Eben hab ich ein Schnuckelchen gehabt, das war ein ganz Süßer, stark gebaut der Hahn, sieht man ihm gar nicht an.« Oder eine andere muss ihren Frust loswerden: »Eklig durchgesoffen hat der gestunken.« Aber er hatte gerade zwei Pferde verkauft, und es lohnte sich, wie sie gewittert hatte. Die Frauen haben ja dieses Einfühlungsvermögen, sonst wären sie keine Huren.

Über einen jungen Hahn freut sich jede. Wenn der gerade über die 18 rübergeturnt ist und der eigenen Mutter was abgeluchst hat, dann nehmen sie den gerne mit. Der wird auf der humanen Ebene eingeführt. Der Frischling kommt, wann die Hure es bestimmt. Wenn sie merkt, dass Brei im Löffel ist, also noch mehr zu holen, kobert sie gnadenlos nach, gibt sich aber weiterhin Mühe. Dagegen wird ein armseliger Typ mit einer Kriegskasse auf dem Rücken ruckzuck abgezockt. Wenn eine Frau einen Freier hat, der ihr gefällt, 1,85 groß, gutes Tuch, dann ist sie befleißigt, ihn am Salon vorbeizuschieben, um ihn den anderen, den Konkurrentinnen, bloß nicht zu zeigen. Sie braucht länger, kommt zwischendurch zwei, drei Mal in den Salon, um Getränke zu holen, und jammert: »So ein schwieriger Typ. Der kommt überhaupt nicht. Ich hab schon keine Kraft mehr in den Fingern. Der nervt.« Was die Frau mit so einem Getue kaschiert, kriegte ich nicht nur einmal mit, wenn ich den Kippschalter von der Sicherheitsanlage umlegte. Da konnte man in das Zimmer reinhören. Das machte ich eigentlich nur in Notfällen, wenn ich den Verdacht hatte, dass ein Freier renitent werden könnte. Aber gelegentlich machte ich mir den Spaß auch in ganz anderen Fällen. Neugier und Leidenschaft sind, wie gesagt, die Quelle sexueller Potenz, und was ich da zu hören bekam, war ein kolossales Theater. Der Kerl ging ab wie Schmidts Kater, der kriegte es besorgt, dass ihm der Quark aus den Ohren rauskam, und die Kleine quietschte gehörig. Dass die Mutter auch was davon hatte, das war es, was sie lieber kaschieren wollte.

Durch meine Hörbühne kriegte ich auch mit, wie traumwandlerisch eine gute Hure erkennt, auf welcher Welle ihr Freier drauf ist. Wie mit einem Wellenbrett springt sie auf und reitet sie. Geilen ihn kindische Sauereien auf, stachelt die Hure ihn an: »Dreh dich um, kleines Schwein«; »Soll ich dem Ferkelchen auf den Popo klatschen?«; »Komm, geh mal runter, ich will von dir so geleckt werden, zeig mal deine Zunge, ob sie mir gefällt, komm, zeig sie mir.« Keine Spur mehr von ihrer Demutshaltung, die Sache lief nun umgekehrt. Und wenn er noch 150 Mark in der Reserve hatte – sie wusste, wie sie ihn nehmen musste. Der Hirsch, der sich als Platzhirsch fühlt, geht leer in der Birne und barfuß raus. Wir Männer sind ja Opfer: Wenn wir auf eine Rüstung, eine bestimmte Art anspringen, sind wir geifernde Kerle und lassen uns nur noch über den Schwanz regieren. Süffisant führt uns die Meisterhure aufs Eis, bis wir mit allen Emotionen einbrechen.

Natürlich hab ich im Puff nie gearbeitet. Ich hatte ’nen Wirtschafter, was sollte ich denn da machen? Ich hab im Salon gesessen, in Abständen, und hab kontrolliert, ob sie alle pünktlich waren und dass keine maust. Die Schicht ging um 20 Uhr los. Mal waren es 17 Mädels, mal 24, eine haut mal ab, zwei sind krank, das ist wie in der freien Wirtschaft. Pünktlichkeit hatte im »Salon Mademoiselle« ’nen großen Stellenwert, eben so, wie ich erzogen wurde, Scheiß drauf. Das habe ich durchgesetzt. Genauso war morgens um fünf Feierabend. Das haben die Männer auch gerne gemocht. Es war Klartext angesagt. Ich meine, wenn noch ’n Freier auf dem Turm war, haben die auch mal bis morgens um elf da gewühlt. Dann hab ich nachgeguckt. Das hat den Frauen tierisch Spaß gemacht, wenn sie da so ’nem Heini die Eier abgebunden oder mit Gewichten beschwert haben.

Wenn Frauen von einem Jungen zu ’nem anderen übergegangen sind, und der wollte sie woanders unterbringen, hab ich gesagt: »Ihr habt genau nach drei Monaten tschüs zu sagen und nicht binnen ein paar Stunden, weil ihr euch in so ’nen Arsch verliebt habt. Da sagt ihr mir rechtzeitig Bescheid, und in drei Monaten dürft ihr Schichtwechsel machen in ’nen anderen Salon rüber. Das haltet ihr gefälligst ein. Dann kann ich mich darauf einrichten, dass ein Platz frei wird.«

Trotzdem bin ich wahrscheinlich einer der humansten Chefs gewesen. Ich hab nicht fünf Mark verlangt, weil die das Fenster nicht zugemacht haben auf dem Zimmer. Gebissen wie ein Geier, das haben andere, ich nicht. Ich bin ausgeflippt, wenn die Frauen mal ’nen Kaffee wollten, und der Wirtschafter war gerade beschäftigt und sagt: »Mach selber.« Zu der Frau hab ich gesagt: »Du machst nichts hier selber.« Die Frauen haben größte Priorität gehabt, weil die ja unten im Kontakthof gearbeitet haben. Das war nicht gerade leicht. Die standen da wie auf ’nem alten Fußballfeld. Meistens zog es wie Hechtsuppe. Oder es war kalt. Darm drängten sie sich unter den paar Wärmeröhren und mussten auch noch gut dabei aussehen. Wenn sie dann endlich ’nen Gast angesprochen hatten, konnten sie in ihr Etablissement gehen und den leichteren Teil ihrer Arbeit verrichten.

Der Zulauf wächst ja nicht nur durch die Frauen. Da gab es auch Mundpropaganda unter den Freiern. Unser Hit waren die Tagesfrauen. Für die helle Schicht hab ich die alte Wirtschafterin von oben abgeworben, die Elfi mit ihrem Muttertouch. Die war über 70. Mamas Hand hat gleich zwei Bräute mit runtergezogen. Da war ich ihr dankbar. Fünf Jahre war die Elfi im Salon tagsüber am Telefon. Man hätte sie auch nachts zu Hause anrufen können, die hätte sich gemeldet mit »Salon Mademoiselle«. In ihrer Art hatte die Elfi eine kleine Machtposition gegenüber wirklich gestandenen älteren Huren wie Marita oder Dédé aus Sri Lanka. Die haben die ganze Tagesschicht voll gemacht und andere nachgezogen. Es war wunderbar.

Dédé, dunkelhäutig, blauschwarze Haare, war eine angelebte Dame. Obwohl sie pummelig war oder gerade deswegen, sah sie erotisch aus. Sie sprach nur eine bestimmte Sorte gesetzter Herren an. Besonders ihre großen Arschbacken waren ein Auslöser. Mit sich und ihrem Serviettchen war sie peinlich sauber. Dédé arbeitete lautlos und effizient, angenehm die Dame.

Um die Marita hat es ’nen Kampf gegeben, als die noch nicht bei mir war. Die war verheiratet, aber da gab’s ’ne Krise. Ihr Mann hat den letzten Gehversuch gemacht, sie über ’ne besprochene Kassette zurückzugewinnen. Marita hat die Kassette im Salon abgespielt, damit wir alles mithören konnten. Da hab ich gedacht: »Okay, die ist schlechter, als die Nacht finster wird. Da hab ich keine Skrupel, die hole ich mir.« Und die hab ich mir wirklich geholt.

Marita, große Brüste, war eine Erscheinung, eine Diva wie Marlene Dietrich. Wenn sie unten auf dem Hof stand, zeigte sie wie der Kilimandscharo nur die Eisspitze. »Ich warte nur auf den einen, dafür stehe ich hier.« Gigantisch, wie sie das rüberbringen konnte und wie das wirkte. Mit drei bis vier Freiern am Tag hatte sie die Tasche voll. Sie nahm nur Männer aus den oberen Etagen, keinen Haubentaucher oder Protestarsch. Ihre Art, ihr durchlebtes Leben brachte ihr goldene Handschuhe, aber im Gegensatz zu mir verachtete sie Geld. Sie suchte was Wärmeres.

Ab und zu hab ich mich mit ihr in einem feinen Café in Pöseldorf verabredet. Einmal bin ich mir vorgekommen, als ob ich in einem alten Ufa-Film sitze: Sie erscheint, ganz in Gelb, elegantes Kostüm, ein schräg sitzendes Hütchen mit Schleier, eine hinreißende Figur aus den Dreißigerjahren. Ach Marita, was für ein jämmerliches Ende hast du genommen.

Mit den Huren aus meinem Puff hab ich der Reihe nach was angefangen, so wie ich es brauchte. Natürlich nicht mit denen, die in festen Händen waren. Das war Vertrauenssache ihren Jungs gegenüber. Zu uns kamen auch Huren aus anderen Städten, die waren alleine da. Die haben einen sehr stabilen Charakter ausgeschult und sahen dufte aus. Trotzdem kam ich da als Puffchef an. Gegen den Axel mit seinem Ferrari, ’nen Kopf kleiner als ich und dickbäuchig, war ich ’n Turbobursche, 1,82 groß, gut gebaut, immer braun gebrannt, tolle Wurst. Da hab ich eben den Schickimicki gemacht und abgekürt. Ich find’s heute lächerlich, aber ich hab so gelebt, verdammt noch mal.

Von der Kuppe haben die Frauen nichts abgegeben. Davon haben sie die Miete und manchmal auch ihre Mietschulden bezahlt. Man greift ihnen nicht jeden Tag das Fett ab. Wenn irgendwie ’ne Harmonie da war, dann ist man gerne hingefahren, um ’nen kleinen Hügel mitzunehmen.

Axel und ich haben uns sehr gut ergänzt, und das Etablissement lief. Bald haben wir den Puff in der Etage über uns übernommen. Wir haben uns ausgebreitet. Wir wurden sogar Partner im »Salon Bei Ami«, in dem später das Blut zentimeterhoch stehen sollte.

Axels Partnerin arbeitete als Hure immer da, wo er ’n Geschäft hatte. Dazu hatte ich nie Lust. Wo ich Chef bin, darf nie ’ne Frau von mir rein.

Lilo war mittlerweile so weit, dass ich sie ins »Café Lausen« bringen konnte. Das war zuerst furchtbar. Ich sagte: »Was willst du weiter zum Friseur latschen. Tu mir ’nen Gefallen, ich hab ’n Bordell. Guck mal, ich hab jetzt mit diesen Mädels zu tun. Ich will nicht, dass du jetzt im ›Eros-Center‹ stehst. Bitte Lilo, versuch’s doch mal, setz dich mal rein ins ›Café Lausen‹, das wird dir doch nicht so schwer fallen. Den anderen kommen doch die Augen raus wie Weinbergschnecken, wenn sie dich sehen, wenn du was Kurzes anhast. Ich leide ja auch darunter. Setz dich doch mal hin ins ›Lausen‹, ich sag dem Chef Bescheid.« Kurze Rede, langer Sinn, sie hat’s getan.

Lilo kam abends nach Hause und hat rumgeflennt: »Meinst du, mir gefällt das mit Freiern? Die Schuppen da auf dem Rücken, und denen soll ich dann noch den ungewaschenen Schwanz anfassen.« Ich sag: »Gut, gut, alles klar. Bleib zu Hause, mach hier die Königin in der Bienenwabe. Aber bitte, ich hab zu tun, rund um die Uhr.«

Dann hatte ich das Vergnügen, meinen Geburtstag bei mir im »Eros-Center« zu feiern. Du musst dir vorstellen, der Puffchef hat Geburtstag. Es sind natürlich viele Jungs da, und die dürfen sich im Salon nicht aufhalten. Da gibt es zwar kein Gesetz, aber das Geschäft mit der Prostitution ist rechtlich in ’ner Riesengrauzone angesiedelt, dass man das Wohlwollen der Polizei braucht. Man muss eben ’nen Diener machen, das gehört sich so bei deren Machtspielchen. Tarzan, der Stärkste von der Davidwache, dem Polizeirevier an der Reeperbahn, kommt mit seinen Gefolgsleuten rein und bläst sich ein bisschen auf. Er sagt zu einem der Jungs: »Was machen Sie denn hier?« Der antwortet: »Ich hab hier Blumen abgegeben.« Das war fast schon komisch, dass man gelogen hat. Mich kann er nicht rausschmeißen, mir gehört ja der Puff. Tarzan sagt zu mir: »Herr Hentschel, wir möchten, dass die Jungs hier Ihren Salon verlassen.« Ein Zivilfahnder, wegen seiner roten Haare »der Rotfuchs« genannt, sagt: »Ich bin der Einzige, der Ihnen die Bewährung vermasseln kann.« Ich sag: »Eher grab ich dich ein.« Der Rotfuchs und sein Kompagnon, genannt »der Läufer«, die hatten nichts anderes vor, als mich zu beschatten und mir ’nen Knüppel zwischen die Beine zu wichsen, egal wie und wo das war. Die waren von einer Missgunst beseelt, dass kannst du dir nicht vorstellen. Der Einzige, der ein bisschen Einvernehmen mit mir hatte, war Tarzan, dem ich mich einfach entgegengestellt hab: »Mensch, seid doch nicht so. Ich hab heute Geburtstag. Ich bin verantwortlich dafür, dass hier nichts passiert.« Er sagt: »Herr Hentschel, das ist ein Wort.« Und hat sich umgedreht und ist gegangen. Das war okay.

Madame Lilo kam sturzbesoffen rein und zurechtgemacht: »Passt das jetzt richtig?« Ich sag: »Ja, aber nicht hier bei mir im Laden.« Sie: »Du hast ja Geburtstag.« Da saßen die ganzen Weiber. Ihr Anblick war natürlich für Lilo ’n rotes Tuch: »Jetzt weiß ich, warum er nicht nach Hause kommt.« Sie sieht diese große Anzahl von Hühnern, jede rüscht sich auf, maximal ’ne Viertelstunde bevor sie runtergeht, und zieht sich dreimal um. Lilo war sehr eifersüchtig. Das eskalierte dann, sie wurde immer besoffener.

Nach ihrem Auftritt bei meinem Geburtstag hab ich ihr gesagt: »Das möchte ich nie wieder erleben.« Sie hat sich vor Eifersucht zerfressen, ich würde alle Weiber durchpimpern. Ich hab gesagt: »Komm, ich zieh dir den Zahn, dann hätte ich den Puff schon leer. Du bist ’ne Stussmutter, wenn du mit mir so redest. Ich fick da nicht alle Weiber, ich pass auf sie auf. Ich hab ihnen da das Ding gebaut und basta. Da bin ich nicht als Fickfrosch unterwegs. Das ist nicht mein Job, und ich werd ’nen Deubel tun, mir ’nen schlechten Namen bei den Jungs zu machen.« Das stimmte ja auch zu ’nem großen Teil, aber nicht ganz. Natürlich kam es mal vor, dass ich nicht nein sagen konnte, wenn die Mädels frech waren, mir ihr Höschen in die Tasche taten oder ’ne Lippe riskierten: »Ich hab Bock auf dich, komm mal her.« Da möchte ich den mal sehen, der seinen Arsch nicht bewegt.

Jedenfalls hat Lilo den Braten gerochen und nach meinem Geburtstag den Wettbewerb angenommen, hat sich geil angezogen, ist ins »Lausen« gegangen und hat da ’ne Mördermark verdient, logisch. Wenn du die Frau ins Abendkleid zwängst, da fällt dir kein Ei aus der Hose, du spritzt schon beim Sehen ab. Im »Café Lausen« war wie im »Café Chérie« Abendkleidung angesagt, nicht so ’n Flatterkram oder Tangas wie bei mir im »Eros-Center«. Für mich war klar: Meine Frau hat nicht so rumzulaufen. Du kannst mir in den Hals schießen, Prinzessin, ich weiß nicht, warum. Das ging nicht, weil ich auch ihre Mentalität kannte. Da hätte ich Magengeschwüre gekriegt. Mir sind zwar mit der Zeit die Haare ausgefallen und alles Mögliche, aber ’n Bypass und Magengeschwüre brauch ich nicht.

Josefa war oben an der Bar im »Café Lausen«, Lilo saß unten. Natürlich würden die sich übern Weg laufen. Die wussten anfangs nichts voneinander. Die Geschichte mit Josefa war aber schon abgeebbt. Josefa hat irgendwann mitgekriegt, dass Lilo zu mir gehört. Sie hat das zähneknirschend mit ihrem Knochenbrechergebiss hingenommen. Mit der Josefa hab ich ja nie zusammengewohnt. Die Frau, mit der ich zusammengewohnt hab, das war immer meine Frau. Das muss man sehr scharf auseinanderhalten.

Ob mich das gestört hat, Prinzessin, dass Lilo mit anderen Männern geschlafen hat? Meine Güte, du bist nach Hause gekommen und hast dir den Kopf voll geknallt, verdammt noch mal. Du unterlagst doch letztendlich auch einem Betrug an deiner Seele. Die war irgendwie verwanzt, nachher. Prinzessin, du fragst mich das alles heute. Ich hab das damals vielleicht spielerischer gesehen. Vielleicht lief das anders, vielleicht ging mir das anders von der Zunge. Wenn jemand gesagt hätte, meine Tochter ist im Puff, dann hätte ich sie da rausgeholt und jeden, der mich hindern wollte, erschossen. Der Sinneswandel, der ist schizophren.

Ich wusste schon im Vorfeld, dass Lilo ihren Job machen kann. Das Gequake macht jede Frau am Anfang. Das ist einfach so: »Du liebst mich nicht, wenn du mich auf den Strich schickst. Du kannst mich gar nicht lieben.« Das ist das typische Verhalten von Frauen, die als Hure geeignet sind, weil ihnen der Vater schon in der Mose rumgealbert hat, als sie zwölf waren. Irgendwann kriegst du das mit, wenn du dich vertiefst in die Mädels, sie haben alle diese Erfahrung machen müssen.

Von Lilo hab ich das erfahren, als ich mit ihr an Weihnachten bei ihren Eltern in Bramfeld war. Sie hat zwei Schwestern und vier Brüder, die Töchter sind wie die Mutter dominant. Die Brüder sind alles Fünf-Mark-Abholer am Tag für die Mama. Lilos Vater musste auf den Balkon, wenn er mal ’ne Zigarette durchziehen wollte, damit die Gardinen nicht schwarz werden: »Geh mal auf den Balkon, wenn du rauchen möchtest.« Ne Genussfähigkeit in der Kälte. Vielleicht noch ’ne angefrorene Dose Bier dazu. Das war nun das Letzte, da hätte ich mich kastriert, wenn das ’ne Frau mit mir machen würde. Ohne Flachs.

Das war am zweiten Weihnachtsfeiertag: »Komm, wir fahren zu meinen Eltern.« Also das Schöne, was man so gerne hat. Wir kamen mit dem Porsche vorgefahren in Bramfeld, Sozialbauten. Du kannst dir ja vorstellen, wie die angegeben haben: »Meine Tochter hat’s geschafft, die hat ’nen reichen Kerl gefunden.« Es hat fast jeder mit ’ner Plattnase am Fenster gehangen. Dass wir kamen, hörte man ja schon am Sound. Ich hab ein bisschen auf die Kacke gehauen, hab einen Bruder mal im Porsche mitgenommen und all so ’ne Rotze.

Wir hatten die dritte Flasche Rum ausgesoffen, und da fängt die Lilo an: »Ja, und Papa, was ich noch sagen wollte, früher bei Hoppe-Hoppe-Reiter, da bist du immer mit deinen dicken Schlachterfingern bei mir rein.« Die Mutter natürlich, weil sie die Dominante war: »Ey, Lilo, hörst du auf! Jetzt hältst du den Mund, du hast zu viel Rum gesoffen. Erzähl nicht so ’ne Scheiße hier.« Ich denk, mir fällt das Getränk aus dem Hals. Da ist was abgegangen. Ich hab das gehört und verstanden, aber ich habe auch den Vater gesehen, wie der in seinem Sessel zur Mickymaus wurde. Als würdest du ’ner Luftmatratze die Luft rauslassen. Ich komm ja auch aus ’nem Dreckhaufen von Familie. Und nun kann ich mir vorstellen, dass es in so ’ner Vielfalt-Familie noch schlimmer war. Die hatten sieben Kinder, und die Eltern waren zu zweit. Sie blieben immer in der Gosse von Bramfeld. Ich kenn das ja alles. Ob der Vater mit den Schwestern auch solche Sauereien gemacht hat, weiß ich nicht. Es geht mich auch nichts an.

Lilo hat das gnadenlos auf den Tisch gefeuert. Da hab ich natürlich Schluckbeschwerden gehabt. Ich rüste mich auf für den zweiten Feiertag, und dann kommt so was.

Es ist bei einer Vielzahl von Mädels vorgekommen, dass nach Jahren die böse Erinnerung an den Vater durchschlägt, immer bei einer Festlichkeit, und ich bin dabei: Was läuft da für’n Film ab? In den Erzählungen war der Vater immer einer, dem sie das Ventil wie bei ’ner Luftmatratze aufgemacht haben. Die Mutter war immer eine, die elendig reagiert, wenn ’ne Tochter kommt und sagt: »Der Vater macht mit mir rum.« Das lässt die nicht zu. Das hab ich so oft gehört in den ganzen Jahren, so viele Finger hab ich gar nicht an der Hand. Die Mädels haben auch ihre Plüschtiere gehabt. Und dann ist da ’ne Anlehnschulter, wenn man die Bereitschaft hat zuzuhören. Das ist ’ne Tugend, die heute gar nicht mehr in dem Umfeld vorhanden ist.

Lilo hat sich im »Lausen« profiliert, sie hat ihr Ding immer besser verstanden, weil sie außergewöhnlich gewesen ist. Sie hatte ein sehr schönes Gesicht, dann diese Riesenbrüste und ihre langen Beine und die langen Haare. Das hat sie auch irgendwie genossen. Sie hat sehr viel Geld verdient, 1000 Mark pro Tag mit Sicherheit. Nicht so viel wie Reni im »Chérie«, das hatte ’nen anderen Touch. Im »Lausen« saßen auch ’n paar Lodels rum, es war ein bisschen halbseiden. Davon war auch einige TV-Prominenz angeturnt, eben die ganzen Patienten, die zu Hause nicht klarkamen.

Wie Lilo und ich zusammenlebten? Ich hab mit der Frau viele Turbulenzen und große Katastrophen erleben dürfen. Aber wir haben uns auch tierisch geliebt. Eigentlich hätten wir beim Ficken Helme tragen müssen. Wir sind ja öffentlich auch so aufgetreten, nicht wie Bonny und Clyde. Aber sie neigte zu Demonstrationen, mit offenem Pelzmantel, die Titten raus: »Das ist mein Mann.« Sie hatte einen hellen Fuchs, Abendkleider, körperbetont, Schlitz bis oben. Sie konnte diesen chinesischen Trippelgang machen, wie eine lebendige Porzellanpuppe mit gebundenen Füßen: Stolzierende Zartheit durch und durch. Darm wieder hat sie die Arschbacken rausgereckt, dass man darauf ’ne Flasche Bier absetzen wollte.

Du unterliegst natürlich Schwankungen. Wenn ’ne Frau Erlebnisse mit ’nem Gast, sprich Freier, gehabt hat und kommt morgens um sieben nach Hause und ist stockbesoffen, da musst du höllisch aufpassen. Wenn du dann auch besoffen bist, und das trifft meistens zu, weil du ja auch unzufrieden bist, das ist der Übergang, wo du anfängst, zwischen ihren Titten diesen Talggeruch von Präsern zu riechen. Auf einmal macht’s dich geil, dass da vorher schon jemand dran war. Das ist ein Übergang, das kann man nicht erklären. Das sind Momente, die muss man erlebt haben. Einsame Genüsse. Wie Zigarrenrauchen. Da brauch ich niemanden.

Natürlich hab ich sie gefragt: »Wo ist denn das Geld?« – »Ja, das liegt oben in der Schublade links.« Ich sagte: »Ja, dann behalten wir das bei. Dann brauch ich nicht mehr fragen.« Dann ist da Geld reingelegt worden. Ich hab mein Geld immer versucht so anzulegen, dass ich nicht blöde aussehe, also in Klamotten. Ich hab mir Autos gekauft, die 150 000 Mark gekostet haben zu der Zeit.

Wenn wir Gäste hatten, einkaufen mussten, Urlaub, es gab keine Probleme mit dem Geld zwischen uns. Was liegt in der Schublade? Ich hab was draufgegeben, mal die Hälfte, mal mehr, mal weniger. Das ist gar kein Thema gewesen. Ohne Flachs. Ich bin kein Frauenboxer.

Den Tag habe ich zu Hause in Schneisen verbracht. Nach dem Aufstehen hab ich mir ’nen Kaffee gemacht. Die Madame hab ich schlafen lassen, die ist auch erst morgens nach Hause gekommen. Ich ja auch, aber meistens liegt das in der Natur der Frauen, dass sie etwas länger brauchen, auch beim Schlafen. Ich musste raus, sobald die Sonne schien. Wenn nicht, bin ich zu Hause geblieben. Wenn es das Wetter zugelassen hat, hab ich meinen Garten genossen. Ich hab mit meinem Hund gespielt, meinem Sammy. Ein American Pitbull. Die Rasse war noch nicht in Verruf gekommen.

Ich hab viel Sport getrieben, ging Boxen, um meinen Turbo vollzumachen. Oft bin ich nach Timmendorf an die Ostsee geblasen. Das »Café Wichtig«, wo alle sitzen, hab ich immer gemieden. Ich bin ins »Terrassencafé«. Da gibt es fantastischen Kuchen, die Bedienung ist nett, und dort sind die Insider, die in Timmendorf Grundstücke haben.

Oder ich hab in Cafés am Gänsemarkt in der Hamburger Innenstadt gesessen. Oder ich bin mit ’ner Frau shoppen gegangen, wenn sie Lust hatte, ’n paar neue Klamotten zu kaufen. Keine Frau aus meinem Puff, da muss man Distanz halten, weil sie ihre eigenen Männer hatten. Um Gottes willen, das wäre Krieg und Frieden gewesen. Das geht gar nicht, da muss man feinfühlig sein. Man kann nicht einer ’nen Seidenschal umhängen, wenn die mit jemandem zusammen ist. Mir haben ja auch Männer, die in den Knast gegangen sind, Frauen anvertraut, dass ich auf sie aufpasse. Das hab ich auch getan. Das war dann ein Zeitraum von ein paar Jahren, dafür hab ich mein Wort gegeben, weil ich einen guten, gesunden Background hatte. Das fand ich auch viel stärker, als mit der Mutter irgendwo unter der Presse zu liegen, weil sie alleine war.

Auf jeden Fall war ich abends um zwanzig vor acht bei mir oben im Salon.

Am Wochenende bin ich immer zu meiner Großmutter gegangen, mit ’nem Riechbesen, also Blumenstrauß. Ich lauf mit so ’nem Ding eigentlich nicht über die Straße, aber für meine Großmutter hatte ich da keine Hemmschwelle. Dass ich ’nen Puff hatte, wusste sie natürlich. Ich war nicht in der Bereitschaft, meine Großmutter zu belügen.

Sie unterlag von sich selber aus einer guten und stabilen Neugierde. Ich hab ein bisschen jongliert und das so’n bisschen spaßig erzählt. Sie war eigentlich mehr um mich besorgt: »Pass auf, in St. Pauli sind gefährliche Leute.« Wie halt ’ne Großmutter so ist. Den Zahn hab ich ihr ein bisschen gezogen. Da wuchs ihre Neugierde, und ich hab ihr das ein bisschen verklickert. Ich hab ihr erzählt, dass die Frauen da unten stehen und fremde Kerle ansprechen und oben die Zimmer bezahlen. Bei meinem nächsten Besuch hat sie gesagt: »Alles das weeß isch, mein Gutster, isch bin keene doofe Frau. Die laufen da so halb nackt rum und sprechen fremde Männer an, gehen mit ihnen aufs Laken und kriegen viel Geld dafür. Das weiß ich alles. Aber was ich nicht begreife: Warum sie dir das Geld abgeben.« Da musste ich richtig lachen. Ich hab gesagt: »Oma, du bist ja nicht der Typ Frau, den ich auf den Strich schicken würde.« Dann wollte sie wissen: »Wie alt sind denn die?« Ich sag: »Die dürfen mit 18 da stehen, aber die sind meistens 25, 27. Manche über 30 sind da schon sieben Jahre, die haben schöne Häuser. Ich kann dir die Bräute vorführen, Omi.« Sie hat dann in ihrer Art gesagt: »Na ja, wenn du das Materielle siehst. Wenn die das mit sich machen lassen, das sind ja keine Kinder. Meinst du, du kannst mich mal mit in den Puff nehmen?« Ich sag: »Ich hak dich ein, und dann latscht du mit mir nach oben.« Das hat sich aber nicht mehr ergeben, weil sie schwächer wurde. Aber wir haben immer wieder über meinen Job gesprochen, ganz locker aus der Hüfte, Prinzessin. Es gab für mich keinen Anlass, meine Großmutter zu belügen, wenn ich auch versucht habe, das etwas zu ummanteln.

Geschafft hat sie noch, mal mit mir Chinesisch essen zu gehen auf St. Pauli, das war ein Traum von ihr. Wir sitzen in dem Restaurant, und sie fächert durch die Karte und guckt so hoch. Der Kellner steht da und wartet auf die Bestellung der weißhaarigen Frau. Sie fragt ihn: »Haben Sie auch ’ne Bockwurscht da?« Bockwurscht beim Chinesen. So was Verrücktes rauszusabbeln, da fiel mir nichts mehr ein. Ich sag: »Mensch, Omi, bestell dir Haifischflossensuppe.« Sie sagt: »Haifisch, das ist doch zäh.« Aber wir haben dann doch schön Chinesisch gegessen, und es hat ihr geschmeckt.

Ihr größter Traum war immer, auf der Reeperbahn ’ne Wohnung zu haben mit ’nem Fenster und Kissen, von wo aus sie alles beobachten könnte. Rotlicht hat sie fasziniert wie überhaupt alles Dramatische. Sie war auch ein festlicher Mensch, immer sehr freundlich. Sie hat ihre Umwelt in einer gesunden menschlichen Art gesehen. Für sich hat sie entschieden: »Nach Sepp kommt kein Mann mehr.« Und sie hat auch nie mehr was mit ’nem Mann gehabt, das weiß ich ganz genau. Eigentlich war sie ’ne Moralistin, gnadenlos.

Einmal ist mir meine Großmutter ganz komisch gekommen. Ich musste ihr schwören, dass ich keine Pissmark an irgendwelchen weißen Sachen verdienen will. Sie hat darauf bestanden: kein Heroin, kein Kokain.

Was sie nicht wusste war, dass Lilo auch im Puff arbeitete. Meine Großmutter war zu der Zeit nicht mehr so oft bei uns zu Hause wie zu der Zeit mit Reni. Sie war älter und hinfälliger geworden, ihre Lebenslust ließ nach, als ihre Sehkraft abnahm. Das war schlimm für sie, denn sie war eine belesene Frau. Bei ihr lagen keine Romanstapel rum: Oberarzt Dr. Paul. Sie hat keinen Kitsch verschlungen, sie stand auf Weltliteratur und war immer mit ’nem dicken Wälzer zugange, in dem ein handgesticktes Lesezeichen lag. Das hatte seine Ordnung. Das Buch wurde weggelegt, wenn ich kam. Als sie nicht mehr gut lesen konnte, war Fernsehen nicht wirklich ihr Ersatzding.

Ich hab mir über das, was links und rechts von mir war, keine großen Gedanken gemacht. Aber es ist nicht ausgeblieben, dass ich nach und nach mitkriegte, wie die Claims auf diesem Goldgräberfeld von St. Pauli abgesteckt waren. Der Axel und ich saßen als Einzelkämpfer zwischen drei Machtkartellen: der GMBH, der Nutella-Bande und Ringos Leuten von der anderen Seite der Reeperbahn. Die haben sich alle im »Top Ten« getroffen, ’ner damals angesagten Disco, zum Defilieren. Man hat da seine Maskerade abgezogen. Da hat sich alles zugespitzt zwischen den Großen, den Wichtigtuern, den kleinen Pissern und den Heiermann-Luden, die mit den Frauen schlecht umgegangen sind. Da haben die sich taxiert, da haben sie Witze gerissen, sich aufgespielt und klein gemacht. Da haben sie gebalzt und Weiber aufgerissen.

Für mich war das ein riesiges Kasperletheater. Ich hab da nicht den Max gemacht, ich bin da auch nicht auf die Tanzfläche gegangen. Das »Top Ten« ist nicht mein Maß aller Dinge gewesen. Ich hab mich nur um mich gekümmert und gesoffen. Ich war froh, in den Morgenstunden noch den Aal zu wässern, die Alte blöd zu machen und mich gut feiern zu lassen. Das hat man genossen, es war ’ne hektische Zeit.

Nach dem »Top Ten« bin ich nach Hause, oder ich bin noch ins »Domino« gegangen, wo es bis mittags ging. Da hab ich auf den Hotelzimmern rumgefickt mit irgendeiner zurückgelassenen Alten, die geil auf mich war, die mir schon ins Ohr die Arschfickerei reingesäuselt hat. So was ist dir passiert. Wenn du dasitzt mit 2,4 Promille, und dir sagt ’ne Alte so was in die Ohrmuschel rein, dann explodierst du dementsprechend.

Wenn ich wieder nüchtern geworden bin, hab ich schon gesehen, dass man in so ’ner Lage zwischen drei Machtkartellen zerrieben werden kann. Dass aber mit mir nicht zu spaßen ist, hat sich seit dem Theater mit Aqua rumgesprochen. Das war ’n Perser, Ringer in der Olympischen Auswahl, tierisch stark. Der wollte sich hier und da wichtig machen mit Schutzgeld und ging manchen Leuten auf den Sack. Im »Lausen« hat der das Leben von seiner Hure schwer gemacht und das von dem Barkeeper auch ’n bisschen. Der Aqua war gefährlich. Man wusste: Der ist Waffenträger. Wir sind auf St. Pauli nicht mit so ’nem Scheiß rumgelaufen, der aber.

Eines Tages erzählt mir Lilo, dass der Aqua am Vortag bei ihr so ’nen Vermittlungskursus versucht hatte und ihr ’nen Freier aufs Auge drücken wollte: »Mit dem gehst du aufs Zimmer.« Sie wollte aber mit dem Freier nicht mitgehen. Da hat der Aqua den Häuptling raushängen lassen. Zwingen konnte er sie nicht, sie hatte schon ihren stabilen Charakter. Als die mir das erzählt, denk ich, ich hör nicht richtig. Ich bin ins »Lausen« und hab den Aqua zusammengebrüllt, das konnte man bis auf die Straße hören. Plötzlich hält der mir das Rohr an den Kopf. Ich dreh mich um, krieg die Waffe zu fassen und werf die dem Barkeeper zu. Das Ringerschwein geht mir an die Oberschenkel und hebt mich hoch. Da bin ich goldrichtig in der Position, seinen Kopf wegzudrehen. Ich donnere ihm eins aufs Ohr, und das Weichei ist erledigt. Dann hab ich am Fenster geruckelt. Leider konnte man das nicht aufmachen, nur aufklappen. Sonst hätte ich ihn rausgeschmissen.

Als Aqua es wagte, auf das goldmetallicfarbene Mercedescoupe von dem Paten mit ’nem Küchenbeil einzuhacken, hatte der bei Wilfrid Verschissen. Dakota-Uwe hat ihm ’nen Denkzettel verpasst und ihm ins Bein geschossen. Das hab ich selber gesehen. Dabei hat der Pate seit den Sechzigerjahren den Kodex hochgehalten: »Ohne Waffen.« Aber bei Aqua ging das nicht anders. Dass ich die Ringerratte mit bloßen Händen geschafft habe, hat mir einigen Respekt eingebracht. Sogar von Ringo. Der saß mit seinen Boys auf der anderen Seite der Reeperbahn, im »Chikago« am Hans-Albers-Platz. Oben war ’n Puff, unten gab’s Live-Musik-Veranstaltungen ab vier Uhr morgens. Ich war ein paar Mal mit dem Paten und Dakota-Uwe da. Der Kiez, die Huren, die Jungs und was da kreucht und fleucht aus der gehobenen Ganovenwelt, tanzte Seite an Seite mit Hamburger Prominenz, eine unglaublich gemischte Gesellschaft.

Engere Kontakte zur anderen Seite hab ich gemieden, aus irgendeinem Gefühl heraus. Die andere Seite war für mich der Wilde Westen. Es war nicht mein Ding. Schon deshalb nicht, weil ich kein Spieler war. Im »Chikago« saßen die Zocker. Ich hab auch erfahren dürfen, wie mein Partner Axel um 60 000 Mark leichter gemacht wurde. Ich sag: »Versprich mir, dass du da nicht mehr rüber gehst. Ich riech den Busch, das ist Müll. Du wirst über den Leisten gezogen.« Mit meinem bescheidenen animalischen Instinkt hab ich ihm den Rüssel geöffnet und die Eier korrigiert. Er hat mir nachher die Hände geküsst.

Von der anderen Seite kam auch das weiße Pulver, in eher kleinen Partien. Aber man wusste, dass die Gang vom Hans-Albers-Platz das große Geschäft mit Kokain machen wollte, und man wusste, dass es da einen V-Mann gab. Ich hab immer mit Vorsicht agiert und gesagt: »Tut mir einen Gefallen, ihr wollt ein großes Geschäft machen. Was wir wissen, das muss die Schmiere auch wissen. Da möchte ich an so einer Scheiße nicht ums Verrecken ’ne Mark dran verdienen.« Die weiße Dame in der Nase, die hat die Leute brisant gefährlich gemacht. Da ist eine Gier über dem Kiez aufgeschienen, wie ’ne neue Sonne. Wenn Frauen auf Koks abfahren, dann sind die zehnmal so kirre wie Männer. Die Huren haben den Freiern das Koks schon beim Ficken angeboten. Da kannst du dir ja vorstellen, was da für Festivalleichen rumlagen. Früher haben die Frauen noch Wert darauf gelegt, dass die Männer sich ’n Gummi rüberziehen. Das entschärft sich, die Frauen orientieren sich nur noch am Fett, weil das, was sie ausgeben möchten, auch immer mehr wird.

Ich hab immer ein Maß gehalten. Ich hab primär in der »Ritze« mein Bier gesoffen. Natürlich lief da mal irgendeiner rum, da hab ich meinen Rüssel reingehalten, und dann hieß es: »Der Hentschel ist wieder drauf.« Das war das Tolle. Ich wurde immer gleich erwischt, wie schon im Knast.

Es hat also gute Gründe gegeben, dass ich den Ringo abblitzen lasse, als der mich in der »Ritze« anspricht: »Mensch, den Aqua hast du platt gehauen. Du hättest uns ja was sagen können, wenn du jemanden brauchst…«Ich sag: »Du, ich brauch niemanden.«

Zu dem Ringo hab ich keinen Strahl gehabt, auch nicht zu dem Kuddel oder Kalle, dem Schneemarx oder dem Wiener Peter oder all dem anderen Zocker-Gezockel in seinem Gefolge. Weißt du, Prinzessin, meine eigenen Antennen sind für mich wichtig. Ich spür, wer mir gut gesonnen ist. Natürlich nicht immer. Dann kriegt man sein eigenes K.o. und hat wieder ’n Stückchen gelernt. Meistens hab ich im Ansatz gut selektieren können: Also damit will ich nichts zu tun haben, wie mit der anderen Seite. Der »Chikago«-Clan war von den drei Machtgruppierungen das düstere Imperium. Dagegen war die GMBH ’ne strahlende Firma, die einzige, die keine richtige GmbH war, sondern ’n Joke aus den Anfangsbuchstaben von den vier Bossen.

Die GMBH hatte ihren Höhepunkt schon hinter sich, war aber immer noch ’n einflussreiches Ludenkartell. Dazu gehörten vielleicht 100 Jungs, vielleicht ’n paar mehr, vielleicht ’n paar weniger und natürlich die entsprechenden Frauen. Die Bosse waren der G, der M, der B und der H. Gerd, der G, war ein Brillenträger, der mal Europameister im Karate war, Typ Geschäftsmann. Der hat sich mir gegenüber immer korrekt verhalten. Dass der schon damals die Buchhaltung per Computer gemacht hat, hab ich ein bisschen bewundert. Wirklich, ein sehr vernünftiger Mann.

M, der Schöne Mischa, hat für die Firma mit gigantischem Erfolg die Weiber aufgerissen. Wenn der zu Axel in den »Salon Mademoiselle« hochkam und ich ihn mir aus der Nähe reinziehen durfte, hab ich gedacht: Wie kann bloß ’ne Frau so bescheuert sein und auf diesen halbseidenen Wichser reinfallen. Für mich war der Schöne Mischa ein blumenreicher Kasper. Der hat seinen cremefarbenen Rolls-Royce gebraucht, damit er sich nicht in Zuckerwatte auflösen musste. Den Rolly hat der immer auf dem Fußweg geparkt, da blieben dann die Leute stehen und guckten.

Der B war der Beatle, der so hieß wegen seiner schulterlangen Haare. Der war früher mal ’n Kölner Taxifahrer gewesen. Mit seinem langen Schwanz hat der sich wichtig gemacht, so in der Art: Ich muss auffallen, wenn ich meinen Ludenschwanz aus dem Auto heb, deshalb muss ich ’ne Metallfarbe haben.

Hinter dem H stand der Hundertjährige Harry, der war mal ’ne Kanone im Sechs-Tage-Radrennen. Der war von oben bis unten tätowiert. Ich weiß nicht, wie der Frauen aufreißen konnte. Für mich sah der aus wie ’n Gespenst. Aber der hat sein Ding durchgezogen. Immer hatte der einen geilen Spruch drauf. Er konnte abenteuerliche Geschichten erzählen. Jeder kannte ihn.

Zu tun hatte ich mit der GMBH eigentlich nichts. Für mich waren das liebe Kerlchen mit den besten Autos. Die haben letztendlich immer um Freundschaften gerungen. Manche von den Jungs, die zur GMBH gehörten, sind mir auch aus dem Weg gegangen. Da hat es Begegnungen in der »Ritze« gegeben, die haben sich mit anderen geprügelt, und ich bin dabei gewesen, hab denen aber nicht geholfen. Was bei den Sitzungen der GMBH in ihrem Clublokal an der Silbersackstraße anlag, da hat St. Pauli drüber gefeixt und ’nen Spottreim gemacht: »Autos, Uhren, Frauen, wer hat wen weggehauen?«

Die GMBH war ein Machtfaktor, aber sie hatte entschiedene Konkurrenz gekriegt von der Nutella-Bande. Das waren für mich aufstrebende Jungs. Dass die sich den Namen nach ’nem Brotaufstrich geben konnten, war mir gänzlich fremd. Wie viele Jungs das waren, hab ich nicht gezählt. Ob die 200 Mädels kontrollierten oder ob das angeberisches Geschwätz war, ging mir am Arsch vorbei, mir ging’s ja gut. Unter uns in der Etage hatte die Nutella vielleicht 30 oder 40 Frauen drin, aber die hatten noch anderswo was.

Der Oberpoussierer bei der Nutella, der schimpfte sich auch Vorstandsherr, war der Schöne Klaus, der wirklich einigermaßen aussah, wie der Junge von der Barbiepuppe. Der ist ins »Corner« gegangen und mit vier Frauen wieder rausgekommen. Die passten nicht alle in seinen Lamborghini. Vielleicht ist der auch zweimal gefahren. Oder der Schöne Klaus hat zu seinen Mädels gesagt: »Kauft euch ’n Strüsschen, Vater möchte ’nen Blumenstrauß haben.« Dann ging im »Corner« die Tür auf, und die kamen alle mit Blumen reingetrippelt, vielleicht sieben Frauen, und der Schöne Klaus wurde gefeiert. Das war ein Joke von ihm, alle sollten den Spannmeister machen. Das halbsolide Volk tuschelte: »Was ist denn los?« Dann hieß es: »Das sind alle seine Mädels aus seinem Puff.« Da gab es einen Wirtschafter, der Goldie hieß. Der hatte Plateauschuhe an, die aus Eidechsenleder waren. Wenn er damit die Frauen getreten hat, die dafür geackert hatten, haben die gesagt: »Goldie, pass auf deine Stiefel auf.« Ich hab das nicht selber gesehen, ich hätte es auch nicht zugelassen. Mit der Story brüstet Goldie sich im »Club 88«, und wir haben uns natürlich alle totgefeixt, wir Armutsköppe.

Für die Abteilung Stress hat die Nutella-Bande sich Karate-Tommy geholt. Der war Deutscher Meister im Karate gewesen, auch noch Europameister im Kickboxen. Und der hatte Abitur, was ihn aber von einigen späteren Blödheiten nicht abhalten konnte. Mir gegenüber war der bei der ersten Berührung ziemlich vernünftig, und das kam so: Eine gut gehende Frau, ich weiß ihren Namen nicht mehr, sie war ’n hübsches Mädchen, die hatte im »Salon Mademoiselle« viele Gäste und kriegte auch dementsprechend viele Getränke. An den Getränken wurde ihr Umsatz hochgerechnet, und der war schön. Auf einmal ist so eine Frau bei Nacht und Nebel weg. Da macht man sich Gedanken. Dann gehe ich unten durch den Kontakthof, weil ich in meinen Laden will, da steht die da. Ich geh hin und sag Hallo, und die hat auf einmal ein ganz verändertes Gesicht. Ich frag: »Bist du immer noch nicht auf dem Damm, Kleene?« – »Ja, ich bin jetzt bei der Nutella-Bande.« Da hab ich das erste Mal über die Konkurrenz nachgedacht, das war ein wirklich ernst zu nehmendes Ding. Wir waren ja meistens überbelegt und hielten uns an die Abmachung mit den Frauen. Das hatte wirklich ’ne gewisse Aufrichtigkeit. Und dann ist die auf einmal über Nacht weg. Zu so ’nem Stussarsch, der besser ficken konnte und zur Nutella gehörte, mit so ’nem großen Imperium. Ich sag: »Wo bist du? Ist ja wunderbar, dass ich das erfahre. Du kennst unsere Regelung. Pass mal auf, du ziehst dich jetzt an und gehst zur Nutella-Bande und machst dich vom Hof. Ich bin oben im Salon, die sollen sich melden. Ganz schnell. Du stehst jetzt nicht hier für die Nutella.«

Ich bin hoch. Axel steht da und hat sein Whiskyglas mit viel Eis in der Hand. Er hat immer viel Eis gebraucht, weil er ’nen Zwölf-Zylinder-Ferrari BBI gefahren hat. Da hat der mit dem Arsch wie auf den Kolben gesessen. Wenn er im Puff angekommen ist, hat er von dem Geräusch immer Kopfschmerzen gehabt. Er ist ja von draußen aus dem Grünen gekommen. Axel lässt sein Eis klirren und sagt: »Ich bin mal gespannt, Stefan. Hoffentlich lohnt sich das. Hoffentlich hast du da keinen Fehler gemacht. Ich weiß nicht, ob die Alte das wert ist.« Ich sag: »Es geht nicht um die Alte. Ich hab ihr gesagt, die sollen sich bei mir melden.« Wenn die abhaut, muss schon ein Hügel rüberkommen. Wenn so was nur einmal gehen soll und nicht zweimal, muss man laut bellen.

Es dauert gar nicht lang, zehn Minuten, und das Telefon klingelt: »Ich bin’s, Tommy von der Nutella.« Ich sag: »Wunderbar. Dass wir gleich zur Sache kommen – ich kann das überhaupt nicht ab. Ich latsch durch den Laden unten, und da ist ’ne Frau von uns. Und jede Frau, die hier bei uns arbeitet, weiß genau, dass sie drei Monate Kündigungszeit hat. Das weiß jede, schon wenn sie reinkommt oder reinkommen darf. Entweder sie hält ihre Kündigungszeit ein, oder es wird für drei Monate jeden Tag die Miete gezahlt.« Das ging dann noch ’n bisschen hin und her, und dann haben sie die Miete übernommen: an die 10 000 Mark. Es war mit mir auch nicht anders gegangen.

Mit dem Chinesen-Fritz ist das ganz anders gelaufen. Der sah mit seinen schlitzigen Augen wirklich aus wie ein Chinese. Er war mal Briefträger gewesen und irgendwie an zwei Frauen geraten. Die hat der bei dem Wiener Peter eingebracht. Das war so Standard: Wenn man jemandem, der ’nen Namen hatte – und das hatte der Wiener Peter von den »Chikago«-Leuten –, zwei Frauen in den Puff stellte, dann war man auf einmal ein guter Junge wie der Chinesen-Fritz. Wenn man natürlich hinter die Fassade geguckt hat, hat man gemerkt, dass die Zoff hatten. Chinesen-Fritz soll mit dem Schönen Mischa gesprochen haben, um seine Mädels bei der GMBH unterzubringen. Deswegen hat ihn der Wiener Peter in die »Ritze« bestellt. Es steht ganz außer Frage: Der Wiener Peter ist machtgeil gewesen.

Am 28. September 1981, zwei Tage vor meinem Geburtstag, kam ich mit Axel aus dem »Top Ten«. Draußen vor der »Ritze« gab es einen Auflauf. Wir sind reingegangen und haben den Wiener Peter gesehen, der war ganz bleich: »Stefan, der Fritz ist erschossen worden!« Hinten in der »Ritze« lag der Chinesen-Fritz in einer Blutlache. Der Killer hat seinen Revolver weggeschmissen und ist durch die Hintertür raus. Man weiß ja, dass man solche Leute anheuern kann, und wenn die Schmiere zu ermitteln anfängt, sind die längst raus aus der Stadt. Axel und ich sehen uns an, drehen uns auf dem Absatz um und sind wieder draußen. Mit der transparenten Scheiße wollten wir nichts zu tun haben.

An diesem Bluttag ist der Kodex »Ohne Waffen« zerbrochen, der Kodex, den der Pate so lange in St. Pauli hochgehalten hatte. Es hat eine Spirale der Gewalt begonnen, von der noch Legenden zehren werden. Damals hab ich das persönlich nicht empfinden können. Natürlich war ich hautnah am Geschehen: Im Auge des Tornados, drumherum rast die Zerstörung, und du stehst in der Stille, Prinzessin. Oder stell es dir alltäglich vor, so wie in einem vollen Bus: Du hältst dich fest, wenn gebremst wird, aber auf die Fahrt, die Beschleunigung und das Krachen an irgendein Hindernis hast du keinen Einfluss. Man konnte natürlich vorsichtig sein. Aber das war nicht mein Ding, noch nicht.

Vom Boxen kannte ich Alexander, der war Geschäftsführer in einer Discothek am Stadtrand. Der hatte Protest mit den Rockern dort. Ich hab ihm gesagt, dass ich mal mitkomme. Das war der Vorlauf. Ich hatte einen marinefarbenen Overall an, wie Rambo, mit ausgeschnittenen Armen. Das hat mir gefallen, war aber sicherlich vom Erscheinungsbild her provozierend. Wie in den alten Wildwestfilmen: Die Schwingtür geht auf, und es kommt einer rein mit tief hängendem Colt und bringt so eine Aura mit sich. Damit hab ich vielleicht ein bisschen zu dick aufgetragen. Das weiß ich heute, damals hab ich da ’ne Clownnummer draus gemacht. Dafür bin ich richtig bestraft worden.

Ich hab mich da hingesetzt und ’ne Flasche Johnny Walker getrunken. Hinter mir tanzten welche mit Stirnband, das war die Rockergruppe. Ich war besoffen. Ein Wort gab das andere. Dem einen hab ich aufs Fressbrett gehauen, der lag ausgeknockt am Boden. Auf einmal lief ich aus wie so ’ne Milchkanne. Die hatten mich mit Messern gestochen, die Einstiche spürst du nicht. Ich hatte ja schon richtig gesoffen. Mit vier Mann haben die mich aufgepikst. Du merkst auf einmal, deine Klamotten werden klebrig, du fasst dich an, deine Hände sind blutig, und dann merkst du, was los ist.

Alexander hatte ’ne Gipshand, der konnte mir nicht helfen. Ich bin raus auf die Straße, die Rocker hinter mir her. Das erste Auto war ’ne Taxe, ich hab gewunken, der Fahrer hat gebremst, und dann saß ich in der Taxe und hab gesagt: »Ich bin am Sterben, fahren Sie mich bitte ins nächste Krankenhaus.« Da konnte ich aus der Taxe nur noch in einen Rollstuhl rein, ich hatte so viel Blut verloren, fast drei Liter, ich saß in meinem eigenen Blut.

Nach vier Tagen auf der Intensivstation bin ich verlegt worden. Dann kam der Rückschlag. Abends um 16 Uhr 30 bekam ich Schüttelfrost und hatte fast 42 Fieber. Ich war schwer infiziert. In mir waren ja vier verschiedene Messer drin, in der Bauchdecke, im Thorax. Jeder behandelt sein Messer anders, der eine macht seine Fingernägel sauber, der andere macht ’ne Fischdose auf. All die Bakterien hatte ich dann im Körper, und die bellten in mir. Über dem Bett hatte ich ’ne Drehangel, da hab ich mich hochgehangelt und gebrüllt: »Lieber Gott, ich bin zu jung, ich will nicht sterben!« Ich wusste, dass es über den Jordan geht, aber ich wollte nicht. Da hab ich ein Zwiegespräch mit dem Großen Uhrmacher gehabt.

Ich hab 13 Kilo im Bett abgenommen. Etliche Frauen haben mich besucht, nicht nur Lilo. Ich hab den sterbenden Schwan gemacht, bis der Docht wieder stand. Da wusste ich, dass alles wieder in Ordnung ist und ich über’n Berg bin. Ich hab den Schwestern gesagt: »Weg mit der Apparatur.« Ich hing ja am Tropf, weil ich innere Verletzungen hatte, die mussten innerlich heilen. Ich hab zu dem Arzt gesagt: »Herr Professor, ich mag die Schläuche nicht mehr sehen, wenn der Saft aus meinem Körper läuft, ekel ich mich.« Nachdem die alles aus mir rausgezogen hatten, war ich die erste Nacht fieberfrei. Nach gut drei Wochen bin ich auf eigene Verantwortung rausgekommen.

Die Discothek ist später bis auf die Grundmauern abgebrannt. Aber dafür konnte ich nichts.

Nachdem ich außer Lebensgefahr war, hat mich das Glück gleich noch mal gepudert. Der Schöne Mischa ist nach Gran Canaria abgehauen, weil eine seiner Frauen ihn angezeigt hat. Ich hab Gran Canaria gemieden und lieber auf der Nachbarinsel Fuerteventura Urlaub gemacht. Auf dem Kiez hatte sich rumgesprochen, dass der Schöne Mischa auf Gran Canaria lebt wie Napoleon. Selbst eine GMBH-Flagge hat er gehisst. Er hat sich ein eigenes Haus gemietet und seinen Rolls-Royce rüberschiffen lassen. Mit Champagner hat er sich am Pool die Haare gewaschen. Als ich das gehört hab, kam mir das Bild von Polizeichef Albero hoch, und ich hab gedacht: »Junge, das kann nicht gut gehen.«

Ich sitze also auf Fuerteventura mit Lilo gelangweilt am Pool, und auf einmal hören wir im deutschen Radiosender von 16 Verhaftungen. Natürlich hat sich Albero den Schönen Mischa und sein ganzes Rudel gegriffen. Auch Russen-Mischa war verhaftet worden. Mir tat das in der Seele Leid. Ich war froh, dass ich auf Fuerteventura war. Ich hatte noch drei Jahre Bewährung. Wenn ich dabeigesessen hätte, ich hätte keine Chance gehabt. Das wäre wieder ein Knastabschnitt für mein kleines Leben gewesen. Die sind alle für Monate festgemacht worden. Ich glaub, dass der Schöne Mischa im Knast richtig aufgebockt worden ist, das hat ihn bestimmt sehr viel Männlichkeit gekostet. Er war in ’nem miserablen Zustand. Er hatte ’ne abgelegte Frau von Beatle, Mira, die hat mir das erzählt. Mira war ein Begriff. Die hat selbst nicht mehr gearbeitet, sie hat die Frauen um Punkt acht in die Davidstraße auf den Strich runtergejagt. Wenn eine nicht pünktlich war, die hat sie in den Arsch geboxt.

Von Mira hab ich erfahren, dass der Schöne Mischa zurück in Deutschland ist. Er hat angefangen, seine Sachen zu verschenken, seine Lederjacke und andere Designerklamotten. Er war in einer sehr melancholischen Stimmung, wie mir berichtet wurde. Die anderen drei Bosse von der GMBH haben ihr M fallengelassen. Das wird seine Richtigkeit gehabt haben. Für mich hat der überzogen, den großen Zampano gemacht. Die GMBH musste den rauskaufen aus der Hölle von Telde, und er hat ihr kein Geld mehr gebracht. Seinen ersten Knacks muss er in dem spanischen Knast gekriegt haben, da haben sie ihn umfunktioniert, da hat ihm dann was an Männlichkeit gefehlt, als er den GMBH-Leuten gegenübertreten musste. Und dass er keine Freunde mehr hat, weil er zu viel abgefeiert hatte, dass hat ihm den Rest gegeben. Er hat sich auch ’ne Übernase Koks geleistet. Dass er sich ’nen Strick genommen hat und vom Hochsitz in einem Wald gehüpft ist, hat mich nicht besonders berührt, sein Ende ist mir irgendwie folgerichtig vorgekommen.

Seine Beerdigung war gigantisch. Jeder konnte sein eigenes Ego ein bisschen zur Schau stellen. Dunkle Anzüge, dunkle Wagen, das hat alles gepasst. Dunkle Ferrari, dunkle Porsche, dunkle Lamborghini. Es sind ein paar hundert Mann da hin gebrettert und haben ihre Gesichtsmimiken gezeigt, viele mit dunklen Brillen. Ich war im Anzug da. Die aus dem süddeutschen Raum hatten Pelzmäntel an, die wollten prall auffallen. Es sind viele von auswärts gekommen, die ihre Anteilnahme der GMBH gezollt haben. Mischas Freundin Manu trug ’nen Pelzmantel und spielte die Trauernde. Überall hörte man das Surren der Kameras von den Polizisten. Die hatten sich als Undercover-Agenten getarnt, fielen aber tierisch auf. Das war fast lächerlich. Aber man hat das irgendwie genossen.

In der Kapelle auf dem Ohlsdorfer Friedhof war ein Blumenmeer, sie haben ihm sogar einen Rolls-Royce aus 3000 Nelken gemacht. Auf einem Kissen aus Nelken stand »Aloha«. Eine Bluesband spielte was Klassisches und Sinatras Song »I did it my way«. Der Sarg wurde von Leuten mit Stehkragen rausgetragen und zur Erde gelassen. Jeder musste ein bisschen schaufeln. Das taten die Bosse der GMBH scheinheilig. Einer kam mit ’ner Blume, ein anderer mit ’ner Rolls-Royce-Figur. Das ganze Szenario wäre ’n geiler Hollywoodstreifen gewesen. Danach gab es den Leichenschmaus in einem gemieteten Raum in Ohlsdorf. Da wurde schon wieder derbe gelacht, da haben sich Geschäfte angebahnt, da war ja ’ne überregionale Gesellschaft zusammengekommen.

Manu ist zu dem Beerdigungsunternehmer übergelaufen. Das wurde mit einigem Stolz präsentiert: Die Frau ist dahin gegangen, wo Geld ist. Ich fand das ’n bisschen unschick. Es wurde aber akzeptiert. Mich hat es ja persönlich nicht betroffen, aber ich hab da ein Defizit an Menschlichkeit erkennen dürfen. Mir war das suspekt. Auf der Beerdigung sah es noch so aus, als würde ihr der Beerdigungsunternehmer zur Seite stehen. Dabei war der erste Schritt getan.

In den paar Tagen zwischen dem Selbstmord vom Schönen Mischa und seiner Beerdigung passierte die Sache im »Salon Bei Ami«, der im Parterre des »Eros-Center« lag. Zu dem Zeitpunkt war ich mit Axel zusammen beim Italiener essen. Auf St. Pauli sind die Nachrichten in Windeseile rumgegangen. Wir haben also über unseren Spaghetti gesessen und gehört, dass es ’n paar Tote gegeben hat. Na ja, haben wir gedacht, vielleicht haben sich welche geschnitten, aber es hat leider gestimmt, es waren zwei Tote.

Die Scheiße ist durch ’ne Frau ausgelöst worden, die kannte ich aber nicht, höchstens vom Sehen. Die gehörte zur Nutella-Bande und hat sich auf dem Kontakthof mit einer Frau aus dem »Salon Bei Ami« gezofft, dabei hat sie ’n blaues Auge abgekriegt. Mit dem ist sie flennend zu ihrem Mann Angie gelaufen. Der ist in den »Salon Bei Ami« und hat 2000 Mark Schmerzensgeld gefordert. Die Jungs, das waren unsere Kompagnons, haben den ausgelacht. Der Angie hat dann was Dummes gesagt und denen gedroht, dass er mit Karate-Tommy und SS-Klaus wiederkommt. »Dann stampfen wir eure Frauen ein und für euch gibt’s die Kugel«, soll der Schwachkopf gesagt haben. Der SS-Klaus war als Waffenfanatiker bekannt, ’n ehemaliger Soldat, der immer geprahlt hat, dass er als Einzelkämpfer die ganze Ostsee gegen die Russen verteidigen könnte. Dem Karate-Tommy eilte ja sowieso ein besonderer Ruf voraus.

Bei unseren Kompagnons hat es eine Substanz und einen Stolz gegeben. Die wollten die Puff-Chefs raushängen lassen, Siegi, der Fallschirmspringer, Wolfgang, der Zocker, und Karl-Heinz, der Poussierer. Jetzt waren die irgendwie angeschlagen. Männer, die einer gewissen Instabilität unterliegen, sind wie die Ratten. Wenn die in die Enge getrieben werden, dann beißen sie, Prinzessin, so musst du dir das vorstellen. Ich würde mich früher wehren, wenn mich jemand verletzt. Ich würde nicht das Licht mit dem Dimmer runterdrehen und in ’ner dunklen Ecke mit dem Schießeisen auf dem Schoß warten, das ist geistlos. Das haben die aber gemacht, die haben so im »Bei Ami« gesessen und gewartet, stundenlang, bis nach Mitternacht. Vielleicht hatten die auch die Weiße Dame in der Nase.

Es war dann wie im Western. Die Nutella trat an mit Angie, SS-Klaus und Karate-Tommy. Irrwitzigerweise hatten die keine Schießeisen, das Gedröhn war nichts als heiße Luft gewesen. Aber die Jungs im »Bei Ami« haben natürlich erwartet, dass die Nutellas schwer bewaffnet ankommen. »Guten Abend«, hat der Erste gesagt. Keine Antwort. »Guten Abend, hab ich gesagt«, das war Karate-Tommy. Und dann gab’s Feuer. Dem SS-Klaus wurde das halbe Hirn weggeschossen. Der Angie kriegte ’n ganzes Magazin ab. Nur Karate-Tommy hatte Glück mit ’nem Schuss seitlich durch die Bauchdecke.

Die Schießerei hab ich aufgenommen wie ’ne Verlustmeldung, ohne Emotionen. Es sind ja keine Freunde von mir gestorben. Mit Erschütterung kann ich nicht dienen. Die haben sich eben mit ihrer Hahnbalzerei über ’ne Stussmutter zur Sau machen lassen und mit ihrem Leben bezahlt. Soll ich da ’nen Kackreiz kriegen? Nein. Ein bisschen dumm gelaufen, das Ganze.

Siegi, Karl-Heinz und Wolfgang sind erst getürmt, haben sich aber dann mit ’nem Anwalt gestellt. In der ersten Instanz kriegten sie acht Jahre, in der zweiten wurden sie freigesprochen, wegen Putativnotwehr: Das ist ’n schweres Wort für den Fall, dass man denkt, man wird angegriffen und wehrt sich, obwohl man nicht wirklich angegriffen wird. Die Anwälte, die das fertiggekriegt haben, die hätte ich haben sollen, dann war ich nicht einen Tag in den Knast gegangen.

Nach der Schießerei, dem roten Oktober 1982, haben sich in St. Pauli viele aufgerüstet. Ich nicht. Die Pistole aus der »Mic Mac«-Zeit hatte ich nicht mehr. Das war sowieso ’ne Kasperpistole, die Handschuhfach-Abteilung, die war so ’n bisschen wie ein verlängerter Schwanz. Den Schuss hätte ich mit dem Mund aufgefangen, damit konnte man niemanden umlegen.

Ich wollte keine neue Pistole, weil ich mich kenne, ich hab ’nen anderen Blutdruck. Wenn ich so was trage, benutze ich das, Prinzessin. Ich war nur geistig bewaffnet. Das reichte. Ne Waffe brauchte ich erst ’n paar Jahre später, als ein Kopfgeld von 60 Mille auf mich ausgesetzt war.

Ende 1982 gab’s ’ne Razzia in 100 Lokalen in einer Nacht: das Ende von Wilfrid Schulz. Der Pate fuhr mit 18 Personen in den Knast ein. Ich als Bewährungsmännlein war froh, dass ich selber nicht am Arsch gekriegt worden bin.

Dass die Ära Wilfrid zu Ende ging, das hat man natürlich schon vor der Verhaftung gemerkt. Man hat das Zurücknehmen seiner Person mitgekriegt, andere tauchten auf. Ich hab auch seinen körperlichen Verfall gesehen, über seinen Krebs hat der neue Mercedes und auch die Sonnenbräune nicht hinwegtäuschen können: Diese welke Haut, wenn man nicht verzichten mag, das Hemd noch mit dem zweiten Knopf offen zu tragen und die Cartierkette zu zeigen. Aber man sieht trotzdem die zurückliegenden Augen, darin sitzt der Tod schon auf Abruf.

Ich wusste, dass sich der Pate mit der Cosa Nostra eingelassen hatte, mit der Zocker- und der Würfel-Abteilung. Ich hab nie zu den Glücksspielern gehört. Ich hab mal irgendwann 500 Mark im Roulette auf Schwarz gesetzt, und es kam dreizehnmal hintereinander Rot. Das werd ich nie vergessen.

Bald war auch die GMBH am Ende. Die haben sie mit der Steuerfahndung aufgerollt. Ich hab mich nicht großartig damit auseinandergesetzt, mir aber im Hintersrübchen vorgenommen, solange das geht, noch ’n paar Mark zu greifen. Natürlich merkst du das: Bergab geht’s schneller. Das merkst du auch an deinem eigenen Geschäft.

Noch konnten wir uns ’nen Luxusurlaub leisten. Lilo hatte sich ausgesucht: Jamaika, Karibik. Na wunderbar, das hörte sich gut an, drei Wochen für 22000 DM, Montego Bay. Fabelhaft, das beste Hotel. Das ging mir nach dem dritten Tag richtig auf den Schlauch. Das Gemüse zum Frühstück mit roten Melonen, aber nicht das Richtige, was ich brauch. Dann diese weißen Handschuhe von den Kellnern: »A cup of coffee, Sir«. Man ist nur bedient worden. Toll. Die Engländer spielten am Flügel rum und sangen ohne Hemmungen ihr Liedchen. Die Klimaanlage im Zimmer war zu laut. Also alles Mögliche hat mir nicht gepasst. Die Leute in dem Hotel waren furchtbar, wenn du die gesehen hättest, überwiegend natürlich Engländer. Die Insel gehörte ja früher zum englischen Commonwealth. Vom Frühstück angefangen war man in der Anlage eingesperrt, das funktionierte nicht, da wollte ich nicht so viel Zeit verbringen. Der tropische Strand war schön, selbst wenn es geregnet hat, angenehm warme Tropfen. Da sind diese verpimpelten Leute ins Hotel geflüchtet und haben sich noch den Kopf bedeckt. Für mich gehörten die da eingeschlossen. Von Jamaika wusste ich ja nichts, ich hatte das beste Hotel genommen und saß da voll tief drin.

Irgendwann hab ich mich in den eigenen Socken auf den Weg gemacht, nicht übers Hotel und deren Sicherheitsleute. Ich bin ein bisschen ins Land der Einheimischen gelatscht. Da haben Männer am Beach gesessen und Figuren geschnitzt, Eulen. Ich hab mich dazugesetzt und nach Ganja gefragt, so heißt in Jamaika der Shit. Sie haben gelacht, übers ganze Gesicht gelacht, und wir haben zusammen ’ne Tüte geraucht. Ich war so angebraten. Ich hab mir das Meer angeguckt. Da ist ’ne Freundschaft gewachsen. Am nächsten Tag saßen vier oder fünf dort. Dann hab ich den Spaß aufleben lassen und ’nen Kasten Bier geholt. Einer hat Musik gemacht. Das war für kleines Geld viel Freude. Abends kam ich mit sechs, sieben Schwarten, die durften gar nicht ins Hotel. Ich hab denen gesagt: »Ich komme wieder.« Lilo war stinksauer. Ich war nur mit den Schwatten zusammen, welcher Frau gefällt denn das?

In dem Hotel war es auch üblich, dass eine Tanzgruppe kam. Es wurde Feuer gemacht und Latten wurden gelegt, unter die man sich im Tiefgang schieben konnte. Jeder sah schön aus. Auch die Männer waren hübsch und muskulös. Bei den Tänzerinnen war eine Überlange die ausschlaggebende Frau in der Gruppe. Ich lernte die kennen, aber es ist zu nichts gekommen. Ich war ja mit Lilo da. Einmal hatte ich die Möglichkeit, mit ihr allein zu sprechen. Sie konnte komischerweise gut Deutsch und Englisch sehr gut, mein Englisch war nicht so richtig auf der Höhe. Es war, als hätte jeder von uns ’nen Angelhaken im Arsch: Egal, wo du dich hindrehst, du wirst gezogen. Ich wollte sie Wiedersehen. Sie hieß Tanja.

An einer Straße hat ein Blinder Mundharmonika gespielt, die hab ich gar nicht gesehen, weil die so klein war. Ich hab gesagt: »Ich komm wieder nach Jamaika und bring dir ’ne große Mundharmonika mit.« Er hat gelacht und sich gefreut. Aber geglaubt hat er mir wohl nicht.

Ich war in Kingston und hab ein Getränk gesoffen, das war ätzend wie Nagellack. Ich war in Ocheria und hab da Rastamen kennen gelernt, die mit ihren Messern geklappert und den Touris Angst gemacht haben. Freundschaft geschlossen habe ich mit Tanga, einem von den Holzschnitzern, dem habe ich mich anvertraut, gleich über den ersten Blick.

Vor der Abreise habe ich zur Feier des Tages eine Ziege schlachten lassen. Für Tanga, seine Familie, Mutter, Oma, Freunde, alles Schwarze. Die Frauen waren damit beschäftigt, dass sie lachten oder kochten. Die Stimmung: gigantisch. Ich hab gesagt: »Ich komme wieder.« Tanga hat mir als Abschiedsgeschenk einen Stock geschnitzt. Oben der Knauf war meine rechte Hand, den hab ich mit nach Deutschland genommen. Leider hat das Holz unser Klima nicht ausgehalten und ist gespleißt.

Nach vier oder fünf Monaten bin ich zusammen mit Lullah, meinem Freund aus dem Gefängnis, wieder nach Jamaika geflogen. Wir haben Seesäcke mitgehabt, US-Militärklamotten und ’n Nasazelt. Ich wollte nicht mehr in so ’n affiges Hotel, das hatte ich Lullah von Anfang an gesagt: »Ich will an den Beach, mit Lagerfeuer. Ich hab das auskundschaftet, ich hab da Freunde.«

Am Flughafen wollten sie Lullah, den Iraner, nicht ins Land lassen. Zu der Zeit muss Krieg gewesen sein im Iran. Belastend kam noch dazu, dass die uns in unserer Aufmachung für Söldner gehalten haben. Aber freundliche Worte und Dollars haben Lullah dann doch reingebracht. Meine schwarzen Freunde haben mich mit lauter Reggae-Musik am Flughafen abgeholt, mit ’nem alten verkommenen Bus. Keiner von denen hatte sich vorgestellt, dass ich, dieser weiße Sir aus dem Luxushotel, ’nen iranischen Freund mitbring. Zuerst sind wir in ’ne Kneipe gefahren, da hing nur ’ne Glühbirne an der Decke, wir haben warmes Guinness-Bier gesoffen.

Meine Freunde hatten gedacht, ich will ein Häuschen. Tanga hatte für mich ein tolles Häuschen am Wasser für ein paar Jamaika-Dollar gefunden und eine kräftige Mahlzeit kochen lassen. Aber ich hatte nicht vor, da einzuziehen. Wir haben uns in der Nacht noch einen Schlafplatz gesucht. Es war mondhell, hinter uns ’ne Schlaufe von Menschen und Jungs, die uns mit Fackeln begleitet haben. Die staunten nicht schlecht, als wir unsere Seesäcke aufmachten, unsere Luftmatratzen rausholten, aufbliesen und uns schlafen legten. Der Sternenhimmel war unser Zeltdach.

Als ich morgens wach werde und in den Himmel gucke: um mich herum nur Kuhköppe. Ich hatte in der Nacht die Jamaikaner nicht verstanden, warum wir uns da nicht hinlegen sollten. Ich hab gesagt: »Hier ist der Boden gut, Lullah.« Wir hatten auf ’ner Kuhweide gepennt. In mein Tagebuch, das meine Großmutter sich über die Jamaikareise gewünscht hat, hab ich geschrieben: »So möchte ich jeden Tag aufwachen.« Die Landschaft sah natürlich malerisch aus wie auf ’ner Postkarte.

Wir haben uns ein anderes Plätzchen ausgesucht und ein Camp aufgebaut. Um uns herum haben sich vier Schwarte niedergelassen. Die haben ein Lagerfeuer gemacht und es wochenlang nicht ausgehen lassen. Tag und Nacht sah ich ’nen schwarzen Schatten springen und neues Holz auflegen, das war gar nicht unsere Aufgabe. Das Fischen hab ich dort gelernt: Über ’ne Colaflasche die Sehne legen, rauswerfen, das Gewicht an so ’ner Mutter. Du spürst Widerstand, wie die Sehne durch die Finger rillt. Dann holst du ’nen Weißfisch raus, wie zu Kolumbus’ Zeiten, auch wie der am offenen Feuer gegart wird. Tanga ist der Boss von dem Team. Seine Leute sind permanent beschäftigt. Sie halten Wache und passen auf, dass nichts wegkommt. Wollte uns hier jemand ans Leben, sie wären sofort bereit zum Killen. Das zu wissen, ist ein beruhigendes Gefühl. Sie machen für uns das Essen und bedienen uns mit einer Zuneigung, dass wir uns, ja ehrlich, wie weiße Herren fühlen, die geschätzt werden.

Zum Frühstück gibt es Obst, Fleisch und Kaffee. Dann bringen sie uns Ganja zu rauchen. Wir kiffen unter freiem Himmel mit ’nem satten Gefühl. Wenn wir wieder auftauchen, kommt der Sport. Wir trainieren täglich. Immer wenn das Meer ebbt, ziehen wir uns nackt aus, reiben uns mit dem Schlick ein, suchen uns ein geeignetes Plätzchen auf dem Meeresboden und meditieren lange im Schneidersitz. Mittags verziehen wir uns mit T-Shirt und Hut auf dem Kopf ins Meer. Lullah und ich liegen stundenlang im seichten Wasser und quatschen. Tanga schickt uns Guinness-Bier ins Meer, so lässt es sich in der Hitze aushalten. Die Mahlzeiten werden uns dahin gebracht, wo wir gerade sind, selbst ins Wasser. Dort speisen wir auf unseren Luftmatratzen. Einmal stell ich mich so dämlich an, dass mein Topf voller Köstlichkeiten ins Wasser abrutscht. Dass Lullah so höllisch darüber lacht, kommt mir nicht gerade angemessen vor.

Abends legen wir Kartoffeln ins Feuer und essen sie dann mit Butter und Salz. Voll gefressen legen wir uns aufs gemachte Lager. Man bringt uns was zu rauchen und was von dem Rumtopf, den ich mit Früchten aus der Karibik, rotem Sirup und reichlich weißem Rum angesetzt habe. Wir lachen und lachen, immer in minutenlangen Abschnitten, bis wir vor lauter Lachen müde werden. Man hört das Meer, man sieht die Sterne und den Mond, man riecht das Holzfeuer. Friede, Freiheit. Scheiß Mücken.

Unser Camp wird größer. Sogar Tangas sechs Wochen alter Sohn ist bei uns. Ein junger Jamaikaner mit Namen Junior saust täglich affenähnlich die zehn bis fünfzehn Meter hohen Palmen rauf und wirft uns Kokosnüsse runter. Er fängt für uns einen Barrakuda, eine Delikatesse. Vier-Pfund-Hummer werden für uns zubereitet.

Einmal haben wir uns, ohne Tanga Bescheid zu sagen, mit einem anderen Jamaikaner aus dem Lager entfernt und sind erst abends zurückgekehrt. Die haben sich wie die Tiere angebrüllt. Tanga war eifersüchtig. Ich musste dazwischenspringen, um Übleres zu vermeiden. Eifersucht und Neid kommen hier auf, weil wir Geld haben. Sonst leben sie unter gleichen Bedingungen friedlich miteinander. Sie respektieren eine Rangordnung wie in einem Wolfsrudel.

Ich bin wieder mal splitternackt, Lullah auch, wir sind in unserer Meditationsphase. Auf einmal schreit jemand von ganz weit: »Stefan!« Ich denk, das kann ja nicht angehen: Zwei schwarze Frauen, die lange Tänzerin mit ’ner Freundin. Es hatte sich auf der Insel rumgesprochen, dass wir da sind. Ich hab natürlich auch das Hotel besucht und hab abends mal gefragt: »Gibt es die Große noch? Ich bin wieder da.« Jetzt ist sie gekommen: Tanja. Als Erstes hab ich keusch die Hose angezogen. Sie ist dageblieben, und abends, als sich alle mit dem Kochen beschäftigt haben, ist sie dabei. Ohne das Tanzkostüm, die Haare straff zurückgehalten, hat sie ganz anders ausgesehen. Sie war wie eine Gazelle. Die ist mit am Kochen und bewegt immer ihr Hinterteil. Da kommt der Tanga zu mir: »Ey, catch as you can.« Ich soll angreifen. »Die zeigt dir den Arsch. Woran liegt das?« Ich sag: »Bist du nicht ganz dicht?« Na ja, sie guckt immer so rüber, ich guck zurück, und da verstehn wir uns. Es läuft wie in ’nem alten Tarzanstreifen. Sie kommt ins Zelt, und es passiert. Gigantisch, tropisch.

Auch den Blinden mit der kleinen Mundharmonika hab ich wiedergesehen. Ich hab dem ’ne Mundharmonika mitgebracht, die hat mich vielleicht 24 Mark gekostet. Und dann bringst du ihm die, und du siehst, wie er so ’ne richtig große, nicht so ’ne kleine, so ’n Pissding wie ’ne Schiedsrichterpfeife, sondern eine richtige Mundharmonika spielt. Und der flennt vor dir ab, er spielt, und aus seinem blinden Auge kommt ein Tröpfchen Freude – das ist doch wie ’ne Geburt. So ’n alter Mann, schon weit über 70.

Braun gebrannt, unrasiert und fern der Heimat, ein geiles Dasein. Der Inbegriff von Freiheit lässt sich nicht beschreiben, ich darf erleben, wie sich der anfühlt. Draußen am Beach ist das Leben reine Männersache. Die braune Haut ist von Insekten jeglicher Art zerbissen und zerstochen. Lullah und ich sind uns einig, wir wollen uns hier niederlassen. Auf dieser Insel lässt sich das Leben auf dieser beschissenen Welt noch ein bisschen lebenswert gestalten.

Die schöne Zeit ist nach ungefähr einem Monat zu Ende gegangen. Wir haben das Zelt und unser Zeug verschenkt. Tanga und seine Leute haben sich riesig gefreut. Ich glaub, wir hatten noch 500 US-Dollar. Tanja hat nur geflennt, was ich in Germany will, es ist doch wunderbar im Zelt. Sie hat mit uns in der Taxe gesessen, zweieinhalb Stunden bis zum Airport. Ich habe mich von ihr verabschiedet, aber sie ist mit Drückernase an der Scheibe kleben geblieben und will mich unbedingt wegfliegen sehen. Ich danke dem lieben Gott, dass es so gewesen ist. Lullah und ich stehen am Flughafenschalter, die erste Ansage: »No flight to Europe.« Das sagt der kleine Schisser vor mir. Die Airline ist in dem Monat pleite gegangen. Als wir das begriffen haben, hat Lullah die beiden Tickets zerrissen. Wir haben gefragt, wie es weitergeht. »Maybe one week, two weeks.« Das Erste, was ich gemacht hab: Ich hab zur Scheibe geguckt.

Dann wieder zurück ins Gewesene, alles verschenkt, nur noch 500 US-Dollar. Aber ich habe mein schwarzes Glück gehabt. 200 US-Dollar haben wir in Jamaika-Dollar gewechselt. Dann ist Tanja einkaufen gegangen. Sie hat uns ’ne Hütte beschafft, wieder am Meer, große Terrasse, zwei Schlafzimmer, Küche, Wohnstube. Sie hat gekocht für uns, mit ’ner Che-Guevara-Mütze und ’ner Zigarette im Maul, ein Essen gekocht, das fantastisch geschmeckt hat. Wieder in einem Bett zu liegen, ist ein feines Wohlbefinden gewesen. Leider ist die himmlische Ruhe durch eine handtellergroße Spinne gestört worden. Bevor ich sie totschlagen konnte, ist sie in einem Luftschacht verschwunden. Wir haben vorsichtshalber unser Bett in die Raummitte geschoben, eine richtige Schutzmaßnahme: Am andern Morgen haben wir erfahren, dass diese Spinnen äußerst giftig sind.

Als wir nach ein paar Tagen ’nen Flug kriegen sollten, hat uns ’ne Taxe abgeholt, ein großer amerikanischer Schlitten. Nach ’ner halben Stunde hat der Motor beim Überholen plötzlich ausgesetzt. Kabelbrand. Rechts und links von der Straße ’ne Art jamaikanischer Urwald. Unser Fahrer stoppt ’n anderes Auto, weg ist er. Als wir so dastehen und die Situation begreifen, fangen wir tierisch zu lachen an. Das glaubt uns keiner.

Nach endlos langen 30 Minuten kommt der Fahrer zurück, fängt sofort an zu werkeln, alles klappt, und weiter geht’s mit Vollgas. Wir schaffen es gerade noch, wir kriegen die zwei versprochenen Plätze nach Europa.

Auch Huren gehen wie Sekretärinnen oder Lehrerinnen mal nach Feierabend wohin und sprechen über ihre Berufsangelegenheiten. In so ’nem Kollegenkreis wird Lilo gefragt: »Warum bist du nicht in der Herbertstraße? Was machst du im ›Lausen‹ auf wichtig und wartest in dem versifften Samtladen auf irgendeinen Arschlochfreier? Wenn überhaupt einer kommt. Wenn du dich ins Fenster stellst, dann gehen hier in der Herbertstraße die Lichter an.«

Wer die Herbertstraße nicht kennt, muss sie sehen: Das ist eine Straße, die hat den Charme von ’ner Antiquität mit ihren kleinen Häusern; die ist noch mit Kopfstein gepflastert. Vorne, wenn du ’ne Tür siehst, ist das keine, das sind versetzte Wände wie ’ne Schleuse, da musst du durchgehen. Dann kommst du rein und siehst links und rechts in unterschiedlichem Licht gehaltene Fenster. Eine eigenartige Atmosphäre. Die animierenden Lämpchen beleuchten die verschiedensten Frauen. Hinter den Glasscheiben wirken sie irgendwie kostbar. Wie ’ne aussterbende seltene Art, die geschützt werden muss. Aber wenn du anklopfst, kannst du sie gleich haben. Die Straße hat sich seit 100 Jahren nicht verändert. Die Frauen schon, die im Fenster sitzen. Vielleicht findest du das, was du siehst oder sehen möchtest, gut ausgeleuchtet. Du gehst kein Risiko ein, du siehst ja genau, was für ein Körper es ist, den du anfassen könntest, wenn du nur willst. Am Fenster wird dir ein Versprechen gemacht. Vielleicht denkst du, das Angebot ist günstig und nimmst an. Sie macht die Tür auf, und schon bist du ihr Gewinn.

Eine gute Hure zeichnet es aus, dass sie dem Freier ans Geld will. Je erlesener ihre Höflichkeit ist, desto mehr erreicht sie. Sie geht vor ihm langsam die Stiege hoch mit gekonntem Arschwackeln. Routiniert, weil oft geübt, achtet sie darauf, dass seine Nase genau auf der Höhe ihrer Poritze ist. Wenn er oben ankommt, ist er schon ganz schön wuschig. Er sollte der Besteller seiner Wünsche sein, und wahrscheinlich meint er noch immer, er wäre es. Er merkt nicht, dass er geführt wird wie ein Ochse am Nasenring. Die Macht über sein Ich geht an die Frau über. Sie wärmt ihn in der fremden Umgebung durch ihr Gespräch auf. Vielleicht wurde er mit 50 Euro angekobert, und am Ende tut er 250 Euro raus, weil sie für jede Verrichtung, auf die er anspringt und von der er mehr will, etwa von den süßen kleinen Bissen in sein Ohrläppchen, den Preis erhöht, was ihn wiederum anturnt, weil ihm ihre Leistung noch kostbarer, noch erlesener vorkommt.

Kleinliche Beamtenköppe, die Teil von ihren Mappen sind, die sie an sich gepresst mitführen, Buchhalternaturen ohne erotische Fantasie, kommen relativ preiswert weg, erleben aber auch nicht viel. Es gibt auch erfahrene Puffgänger, die mit Kennerblick auf Frischfleisch aus sind, das die Tricks mit dem Nachkobern noch nicht richtig beherrscht. Die haben eine preiswerte halbe Stunde, mehr nicht.

300, 350 Euro sind schon drin für den ultimativen Kick, von dem ein solider Appel zehren kann, wenn er als Schlafmittel zur guten Nacht seine angetraute Äppelin besteigt. Die Fantasie über die Hure, an der er sich aufgeilen kann, amortisiert sich über die Jahre.

Einen glatten Fünfhunderter und mehr wird einer los, der auf bestimmte Spezialitäten der Herbertstraße erpicht ist. Er liegt dann mit ’ner Ledermaske, eingeschnürt von Lederfesseln, drei oder acht Stunden auf dem Zimmer, wird körperlich gezüchtigt und seelisch gedemütigt. Ich bin ein paar Mal zu solchen Sitzungen gebeten worden. Der Kerl ist inkognito durch die Maske. Der Männerkörper sieht nicht schlecht aus. Die Domina stellt ihn mir vor: »Guck mal, was da für ein Würstchen liegt, das bezahlt dafür.« Der Kunde stöhnt. Sie führt ihn mir vor: »Spiel mal mit dem Schwanz und zeig, was du für einer bist.« Er macht, was sie sagt. Sie kommandiert, dass er ihr die Hacken lecken soll. Er tut’s. Ich sag: »Dreh dich rum, du liegst hier wie ’n krummer Hund.« Unter dem eindeutigen Befehl wimmert und zittert er wie ’ne kleine Fickamsel.

Ich fand’s zum Kotzen, für mich ist so einer krank, aber die 200 Mark für meine Anwesenheit hab ich gerne eingesteckt.

Du siehst, Prinzessin, die Herbertstraße ist voller Möglichkeiten. Aber eine Frau wie du karm da nicht rein. Die Huren lassen sich nicht von Nichthuren begaffen und reagieren äußerst kiebich.

Irgendwann kommt also Lilo und fragt mich: »Was hältst du von der Herbertstraße?« Ich sag: »Mach, was du willst.« Sie ist so weit, dass sie ’n bisschen dieses Ding als Chefin rauskehren will. Das muss man ’ne Frau dann auch lassen, das ist okay. Sie will also experimentieren, na gut, jeder verwirklicht sich auf seine Art. Sie kauft sich in den Frauen-Club der Herbertstraße 7b ein. Das einzige Haus der Straße, das ein bisschen zurückliegt und an dem die männlichen Bordellbetreiber kein Interesse hatten. Daher konnte sich da die einzige Frauengruppe vom Kiez festsetzen. Es kostet um die 45 Mille. Das ist viel Geld, aber sie hat bestimmt 27 Mille im Monat.

Die 7b ist ein kleines Haus, ein bisschen zurückversetzt, das macht neugierig. Die Ellen ist da drin mit ihrem Kabinett, da hat sie ’ne Streckbank und ’nen Strafbock, ’ne Sammlung von Peitschen, Rohrstöcken, Gerten, auch Spezialfesseln und Ledermasken. Eben alles, was sie für ihre Domina-Spezialität braucht: Entspannung durch Schmerz. Nicht gerade mein Fall, aber auf ihrem Gebiet ist sie ’n Ass mit hohem Bekanntheitsgrad, außerdem gebildet. Der Star in der 7b ist zu der Zeit Domenica. Der »Ritze«-Wirt Hanne Kleine hat sie angebracht. Ein berühmter Dichter bedichtet sie, ’n berühmter Maler malt sie. Durch ein Fotobuch und ’nen Fernsehauftritt wird sie die berühmteste Hure der Republik. Die 7b hat in den Achtzigerjahren Kultstatus.

Na klar, dass meine Lilo in den ganz besonderen Club reingewollt hat. Zuerst hat sie natürlich ’nen Schock gekriegt, als sie im Fenster gesessen hat. Das ist ja normal.

Und dann, weißt du, was ich mir dann angehört hab? »Warum bist du nicht auf die Idee gekommen, mich gleich in diesem Kostüm in die Herbertstraße ans Fenster zu stellen?« Korsage, Strapse, die langen Federn, also die langen Haare. Dazu ihr Puppengesicht und dann noch die Marmortitten hochgeschnürt: Die Kerle haben wie beim Zahnarzt gewartet.

Sie hat verdient, was sie wollte in ihrer Rüstung. Die Freier hat sie auf ihre Art selektiert. Die haben schon ’nen Piccolo ausgegeben und nicht als Prämisse das Ficken angesehen. Ihre Freier sollten schon ’ne Würde und ’n Alter haben, andere hat sie meistens nicht an sich rangelassen.

Wenn einer an ’ne Frau Ansprüche hat und stellt sie und hat ’n dickes Portmonee, dann überlegt ’ne gute Hure schon, was sie zu bieten hat und dreht auf. In jeder Hinsicht, das heißt, dass sie sich auch verbal hingibt und den Sex in einen Dialog einbettet. Das ist die feine Hurenkunst.

Domenica und Lilo haben noch ’ne spezielle Fantasie entfaltet und als Mutter und Tochter abgekürt. Marmortitten haben sie ja beide gehabt, nur dass die von Lilo noch jünger und frischer gewesen sind. Jedenfalls sind sie zusammen ein sagenhaftes Gespann gewesen, das bei Männern die geheimsten Wünsche geweckt hat.

Stell dir vor, ein Geschäftsmann, der in der Gegend Häuser aufgekauft hat, ist so heiß auf Lilo gewesen, dass er ihr 100000 Mark geboten hat. Damit sollte sie abgesteckt werden, aber ich hab sie zu der Zeit noch geliebt, da hat es keinen Preis gegeben. Der Typ, ’n namhafter Mann, hat sich dann über meine Person schlau gemacht, und da ist ihm wohl die Angst über den Arsch gekrochen. Die Sache ist dann im Sande verlaufen.

Gewaltklima

Meine Mutter ist zur Alkoholikerin geworden. Sie hat so viel getrunken, weil das tolle Weichei von Arzt Frau Hentschel alleine ins Vertrauen gezogen hat: »Ihr Mann hat Leukämie und nur noch maximal zwei Jahre zu leben.« Meine Mutter war der Sache überhaupt nicht gewachsen. Sie hat gesoffen wie ’ne Badewanne, zwei Flaschen Korn, jeden Tag. Sie hat ’nen Mastino-Schädel gekriegt, so aufgedunsen ist sie gewesen. Mein Vater hat nicht mehr zwei Jahre gelebt. Ich hab den Film, wie sie sich im Esszimmer gefilmt haben, das Stativ hat damals noch ’nen halben Zentner gewogen. Mein Vater war ja immer der Erste, der alles Neue haben musste, das gerade auf dem Markt war. Die haben sich beim Essen von Rinderrouladen gefilmt. Da hat er nur noch sechs Monate auf dem Zettel gehabt. Die sind dann ganz schnell vergangen.

Er lag im Krankenhaus, und es wurde immer enger im Prinzip, sodass meine Mutter mich telefonisch wieder angekratzt hat: »Du, Vater geht’s dreckig.« Ich hab gesagt: »Gut, dann setz ich mich ins Auto und düse da hin.« Ich hab meinen Bruder abgeholt, und wir sind hingefahren. Wenn mein Vater sich durchs Haar gegriffen hat, sind ganze Büschel ausgefallen. Wenn ich aus dem Krankenhaus mal zwei Stunden weggefahren bin, zum Essen, und dann zurückgekommen bin, ist er schon wieder vier Jahre älter gewesen.

Ich hab immer am Fußende von seinem Bett gestanden, mein Bruder hat neben ihm gesessen. Auf einmal fängt er an zu reden. Ich konnte nie mit ihm reden wie mit meiner Großmutter. Er kann auch jetzt nicht richtig reden. Er liegt ja unter schwerem Morphium. Es blubbert raus aus seinem quittegelben Höhlenmund.

»Was hab ich dir angetan?« Das ist sein Satz für mich, den schreit er raus, mit Aufbäumen. Das ist zu viel für mich. Ich fang das Zittern an und muss mich an seinem Bettgestell festhalten. Ich kann nur sagen: »Mensch, hör auf, so ’nen Scheiß zu labern.« Ich hab doch nie gedacht, dass es mich so wegbeutelt, wenn mein Vater den Arsch zukneift. Das sind Ereignisse, auf die einen das Leben nicht vorbereitet. »Du hast mir gar nichts angetan!« Ich bin völlig fertig, in einem Zustand der Auflösung. Meine Mutter kann es wieder mal nicht ertragen. Sie geht raus. Mein Bruder auf seinem Bett, ich an seinem Fußende, wir sind allein mit unserm Vater. In dem Moment geht die Tür auf – das sind natürlich Bruchteile von Sekunden, die vergisst man nicht, Prinzessin –, da geht die Tür auf, und der Arzt kommt mit seinem Hörstecker rein, der Oberscheißer, und piept meinem Vater an der Brust rum. Ich steh am Bett und werde fast irre, der Arzt soll sich verpissen mit seinem Hörgerät. Ich will nicht, dass er meinem Vater die Augen zudrückt. Ich verstärke meinen Wunsch. Er geht. Mein Wunsch erfüllt sich, mein Vater lebt noch. Ich halte mich an seinem Bett fest, er atmet noch mal durch, sein letztes Röcheln. Und ich darf ihm die Augen zudrücken. Es ist meine erste Begegnung mit dem Tod.

Dann kommt der wieder mit seiner Stethoskopabteilung und mit seinem heftigen Beileid. Ich registrier den Arsch in Weiß nicht. Der will mir ’ne Spritze geben, weil ich so am Zittern bin. Ich brauch keine Spritze zur Beruhigung. Wenn einen der Tod nicht zittern lassen soll, was dann?

Ob ich meinem Vater verziehen hab? Prinzessin, dazu bin ich gar nicht imstande gewesen. Das hat der Tod gemacht.

In seiner Kindheit, das war immer ’n Wettbewerb. Er hatte einen Zwillingsbruder, Gerhard. Der hatte nicht die Kraft in den Eiern, über die Zonengrenze rüberzumarschieren. Der hatte so ’ne Alte an den Eiern, die ihn platt gemacht hat. Ich hab das Elend von meinem Vater gesehen. Die Fotos von ihm mit seinem Zwillingsbruder und seinem kleinen Bruder Manfred, wie die als Knaben da aufgebaut wurden, starr wie Orgelpfeifen, da möchte ich mich nicht dazugesellen. Das war für mich keine schöne Kindheit. Komischerweise steh ich mit meinem Bruder auf Fotos auch so da, im Sonntagsanzug mit Schlips. Das ist deckungsgleich.

Wir sind als Söhne mal seinem Vater präsentiert worden. Der war Vorstandsmitglied, Direktor in einem der größten deutschen Konzerne, hat ’n tolles Auto und ’ne tolle Wohnung gehabt. Mein Vater hat da angegeben mit abgeschnittenen Lederhandschuhen. Das war ’ne Vörstellungsscheiße, das war keine Liebe. Ich glaube, dass mein Vater daran orientiert war, mit allem, was ihm angetan wurde, seinem Vater nachzueifern. Wie er auf einmal Hochdeutsch gesprochen hat, mein Vater wurde mir fremder und fremder. Er ist als Kind viel geschlagen worden. Was ich nicht verstehen kann, dass man als Erziehungsberechtigter daraus nicht gelernt hat. »Was hab ich dir angetan?« Das ist der Satz, den er gesagt hat, förmlich rausgebrüllt hat. An seinem Todestag. Das war für mich erschütternd. Der Satz kam am Übergang vom Leben zum Tod.

Heute, wenn du mich fragst, mit allem Respekt: Ich hätte gerne Dialoge mit meinem Vater. Er ist nur 56 Jahre alt geworden.

Meine Großmutter ist immerhin 82 Jahre alt geworden. Sie hat mir in einer Prophezeiung gesagt, die mich noch heute erschüttert: »Mein Junge, ich habe keine Lust mehr, weiterzuleben.« Das ist kurz nach dem Tod von meinem Vater gewesen. Ich sag: »Entspann dich mal, Omi.« Ihr Augenlicht hat stärker nachgelassen, sie konnte nicht mehr lesen, das Fernsehen ist bei ihr kaum noch angekommen. Daran hatte ich ein bisschen Schuld, weil ich Weihnachten mal darauf bestand, dass sie die festesten Nüsse für mich aufbeißt. Damit hatte sie mir als Kind so viel Spaß gebracht, und als sie mir das später noch mal vormachen sollte, riss ihr die Netzhaut ab, und sie war auf dem rechten Auge blind. Das war lange vor ihrem Tod. Mit ihrem linken Auge hat sie mich zuletzt, wenn ich jeden Sonntag mit meinem Riechbesen hingegangen bin, erst auf dem letzten Meter erkannt. Sie hat gesagt: »Wir brauchen uns nicht lange was vormachen.« Sie ist schon so ’ne Art Indianer gewesen, der kennt keinen Schmerz.

Eine Woche nach ihrer Prophezeiung hab ich sie im Krankenhaus besucht, in einem riesigen Saal. Sie konnte sich kein eigenes Zimmer leisten. Das Liegen im Krankenhaus hat sie gelangweilt. Sie hat sich eigentlich zum Sterben hingelegt. An diesem bewussten Tag, als ich hingekommen bin, heißt es: »Frau Sappa ist auf ein Einzelzimmer verlegt worden.« Meine Mutter sitzt da: »Ach schön, dass du kommst, mein Junge.« Ich frag: »Was ist denn?« – »Ja, ich muss den Klaus abholen.« Meine Mutter ist nach dem Tod von meinem Vater gleich ein neues Abenteuer eingegangen mit so ’nem rothaarigen Arschloch aus Berlin. Ich sag: »Dann mach los. Ich bleib mit Omi alleine.« Ich bin ja froh gewesen, dass sie nicht mehr in dem Zimmer gesessen und immer auf die Uhr geguckt hat, wann sie ihren Stenz abholen soll. Meine Großmutter muss sich genau den Zeitpunkt ausgesucht haben, als ihre Tochter weg war, gnadenlos bis zum Letzten. Als die Tür hinter meiner Mutter zuging, ist seltsamerweise in diesem Zimmer was ganz anderes zu atmen gewesen, etwas, das ich nicht beurteilen kann. Gesprochen haben wir nicht mehr viel, weil wir ja schon früher normale Dialoge geführt haben übers Leben, den Tod und das Weiterleben nach dem Tod.

Ihre letzten Worte weiß ich noch. Aber die kann ich nicht sagen. Vielleicht nie.

Sie hat dann das Signal gesetzt und ihre Augen geschlossen. Ich hab die Möglichkeit gehabt, ihre Atemtechnik nachzuvollziehen. Das Atmen ist Sprechen mit ihr gewesen. Unter diesem Eindruck hab ich gestanden, und so hab ich mit ihr geatmet und gesprochen, immer weiter, geatmet, gesprochen, bis zum Übergang. Da merke ich auf einmal, dass es verdammt eng wird, obwohl ich die bessere Lunge habe. Auf einmal atmet sie nicht mehr. Ich höre auch auf zu atmen, so lange ich kann. Ich zwinge mich, meine Luft anzuhalten. Dann erwischt es mich, und ich kann nur noch weinen.

Als sie tot war, hab ich ihr die Schweißperlen an der Stirn weggeküsst. Die waren schon kalt. Mir war so, als wenn ich kein Wasser mehr in mir gehabt hätte. Ihre Schweißperlen sind ihre letzte Liebe für mich gewesen. Ich hab sie zugedeckt, ihren Kopf, nachdem ich mich verabschiedet hatte. Merkwürdigerweise haben, als ich auf den Flur ging, die Schwestern mir keine Fragen gestellt, die haben mir alles angesehen. Ich hab erst mal tief durchgeatmet, die Luft ist mir angenehm gewesen, das Leben. Und in dem Moment ist meine wahnwitzige Mutter mit ihrem Spielarsch reingekommen und hat mich gefragt, ob sie Muddel sehen kann. Und ich sag: »Ja, Muddel liegt oben zugedeckt von mir. Gut, dass du Klaus noch abgeholt hast. Nen schönen Tag noch.« Die hat das gefressen, sie hat meinen Sarkasmus nicht verstanden. Ich bin wahrscheinlich für ihre Verhältnisse viel zu cool gewesen. Tapfer.

Meine Mutter konnte mit ihren Schuhen, die sie auszog, wenn ich ’ne blöde Fratze machte, mir auf den Kopf hauen wie sie wollte, das ging mir als Kind am Arsch vorbei. Wenn ich zu spät nach Hause kam und meine Großmutter, die ja bis abends um zehn oder zwölf für fremde Leute Wäsche mangelte, mich anguckte und ich wusste, jetzt sollte ich Senge kriegen, da ging mir das durch und durch, ob ich welche kriegte oder nicht. Meine Großmutter konnte im Guten und im Bösen mein Herz erreichen, meine Mutter nicht. Da war alles drin in meinem Gruß auf dem Krankenhausflur: »Nen schönen Tag noch.«

Der Tod und das Weiterleben nach dem Tod war zwischen meiner Großmutter und mir ’ne Thematik, die uns immer gefesselt hat. Die Gewissheit haben wir alle, dass wir verrecken müssen, sterben müssen, jeder auf seine Art. Das war uns nicht fremd. So wie ja die Mexikaner beim Tod feiern, damit haben wir uns bestärkt. Dass sie als Erste den Arsch zukneift, war uns beiden klar, wenn mich nicht irgendwo ’ne Kugel erwischt auf dem Kiez oder sonst was, das war ja auch nahe liegend. Sie hat immer beim Rausgehen gesagt: »Pass auf dich auf, mein Junge.«

Sie war absolut überzeugt, dass es ein Leben nach dem Tod gibt. Da konntest du gar nicht dran rütteln. Das hat mich natürlich wie auf ’ner Kinderschaukel hin und her wanken lassen. Ich wollte eigentlich ’nen Beweis, weil sie ja tausend Jahre älter war als ich mit ihrem belesenen Charakter. Ich wollte wissen, ob es weitergeht. Ich meine, sie hat auch Beweise in den Raum gestellt. Das war ja schon in meiner Kindheit so, als ich vor ihrer Tür geflennt hab, weil ich mit den Eltern Probleme hatte und sie nicht wecken wollte, weil ich mir so schäbig vorkam. Und ich sitz vor ihrer Haustür, und da geht das Licht an. Sie kommt raus, ich hab ja nicht geklingelt. So laut kannst du nicht flennen, dass es durch Mauern geht.

Für sie war es absolut klar, dass es weitergeht. Das ist auch heute noch ein Zwiespalt für mich. Und ab und zu, wenn es mir mal wieder richtig an die Nieren geht, dann führ ich meine Patschhändchen zusammen, und dann zieh ich sie wieder auseinander, das ist ein gesunder Dialog. Ich will erwachsen sein. Wenn du in Demut verfällst und mal auf die Knie gehst, dann wirst du was los, das ist ein Riesenventil, so wie ’n Sandsack für mich. Und das brauch ich, sonst hätte ich gar nicht mehr so viel Lust zu leben. Sie hat mich auch auf ihre Art erzogen: »Man braucht nicht in die Kirche gehen. Den Scheiß machst du nicht. Man muss in sich gläubig sein.«

Meine Großmutter war für mich die tollste Frau, die mir je begegnet ist. So eine Prinzessin hätte ich auch mit ’ner Lanze erobern wollen. Das war so eine Vorstellung von mir, als ich in abenteuerlicher Weise noch an Märchen glaubte. Wenn ich als Kind die Kraft gehabt hätte, hätte ich meiner Großmutter ’n Schloss gebaut. In meinem kindischen Verhalten hab ich noch ’ne Abmachung mit ihr gehabt: »Mensch, wenn du tot bist, Omi, dann stell ich eine Figur ans Fenster, die fasse ich nicht an. Und wenn die verrückt ist, dann ist das ’ne Botschaft von dir. Wir müssen ja kommunizieren. Du kannst nicht einfach abhauen.«

Dass meine Großmutter nach Sepp keinen Mann mehr gehabt hat, das hat mir schon imponiert. Sie hat gesagt: »Der kann mir gestohlen bleiben. Die Kerle sind mir das nicht wert. Ich war mit dem Sepp glücklich. Und damit ist das Ding mit den Männern beendet.«

Warum bin ich mein ganzes Leben mit Huren zusammen? Warum hab ich keine Märchenfrau wie meine Großmutter gekriegt? Das wäre für mich tödlich gewesen in dieser Form. Wie ’n Verhungerter zu warten, bis meine Frau nach Hause kommt, mit dieser Nervosität hab ich gelebt, durch diese blöden Jalousien geblinzelt, morgens um vier, ob das Auto kommt oder die Taxe. Dieses Pochen, dieses Gequäle, wo jeder normale Arsch seine Alte an die Wand geklatscht hätte, das hab ich ja alles durchlebt mit den Frauen. Mein ganzes Leben lang als Mann.

Dass die mit anderen Männern geschlafen haben, hat mich auch entlastet, hat mich frei gemacht, mit anderen Frauen rumzualbern. Die Eifersucht wurde ja zugeschmettert oder vergipst mit dem Geld. Aber das Edle in meinem Weltbild hat im Prinzip meine Großmutter gelebt. Das war sehr kasteiend, und ich hab das bewundert.

Um mich ein bisschen zu erholen, bin ich nach dem Tod meiner Großmutter mit Lilo nach Portugal geflogen, zu meinem Freund Diamanten-Paul auf seinen Bauernhof. Er hat mir das Tauchen beigebracht, und er wollte mir auch das Surfen beibringen. Nicht mit ’nem Segel, sondern richtiges Wellensurfen nur mit ’nem Brett, auf dem man steht. Ich hab das nicht hingekriegt und nur im Wasser gelegen. Diamanten-Paul ist ganz elegant durch die Brandung geflitzt. Das Bild werd ich nie vergessen. Ein paar Tage nach unserer Abreise ist ihm ein Motorboot über den Kopf gefahren und hat ihm die Rübe zerrissen. Ich hab noch mit seiner Mutter gesprochen. Ich bedaure es sehr, dass er so schmerzhaft zu Tode gekommen ist.

Nach dem Desaster mit den Pappchinesen, die im »Bei Ami« umgefallen sind – die wären auch irgendwo anders erschossen worden, wenn sie da so rumgemacht hätten –, also nach diesem Vorfall hat Karate-Tommy Geburtstag gefeiert. So lange der Chef von den Nutellas in Amerika war, hat Karate-Tommy in dessen Haus gewohnt und ihm die Geldsammlungen von der Gang gelegentlich über den großen Teich gebracht. Tommy hat den Gastgeber gemacht in dem aufgemotzten Haus mit Löwenköpfen aus Gips am Eingang. Irgendwie neureich, aber der Nutella-Boss war ja vom Sternzeichen Löwe. Ich hab da so gesessen, und für mich ist das wie Hollywood gewesen. Tommy hat mit seinem Bauchverband ’ne Show abgezogen, und alle haben mitgespielt. Das einzige Gesprächsthema ist gewesen, dass Tommy ’nen Ein- und Ausschuss hatte. Immer wieder ist der Verband gezeigt worden. »Gut, dass du lebst.« Auffällig in dem Film ist für mich nur eine Szene gewesen: Tommy wird von ’nem Schwarzen mit einem supergeilen Body umarmt. Waldi. Er hat mich an diesem Abend nicht wahrgenommen.

Irgendwann unterliegt man keiner Bereitschaft mehr für die Verbandsorgie und hat was anderes zu tun: Ich hab mir ’ne Taxe bestellt.

Waldi hab ich beim Boxtraining wiedergetroffen. Er hat da gesessen und sich seine Hände von seinen Huren binden lassen. Das ist für mich neu gewesen, das hatte ich noch nie gesehen. Ist doch mal schön, wenn die Weiber ihm die Boxbandagen binden. Was Abgefahreneres fällt mir wirklich nicht mehr ein. Ich hab gedacht: »Kann der überhaupt boxen?« Von seinem geilen Body her schon, aber mit diesen Händen? Das ist irgendwie verrückt gewesen. Ich hab gedacht, machst dich erst mal warm. Dann hab ich meine Hände auf den Sandsack gebracht, und das hat eben gepasst. Er ist fasziniert gewesen von dem, was ich am Sandsack gemacht hab. Waldi kam aus Nürnberg und hat in seinem Nürnberger Dialekt gesagt: »Oh Jesus Christ, was bist du denn für einer?« Ich sag: »Ey, komm.« Das war okay, da hat man schon die Hose runtergelassen, weil so ’n bisschen Ehrlichkeit im Raum stand. Natürlich finden sich dann Männer in dieser Ebene. Er hat den Fürst raushängen lassen, das ist okay. Er ist ja auch so ’n starker Bär gewesen, und er sieht mich am Sandsack und sagt: »Jesus Christ«.

In Nürnbergerisch erzählt er mir abends, als wir noch was zusammen trinken, ’ne Story über Las Vegas, und wie sie da auftreten wollten mit ihren Weibern, wie große Gewinner. Und dann kam die Schmiere rein und sagte: »Hello«. Als sie dachten, sie wären die Größten, ging alles nach hinten los. Wir haben gelacht und gemerkt, dass wir uns nix vormachen mussten. Wir sind d’accord gewesen.

Ich glaube, Waldi war ’n Besatzungskind, aber ich hab die Frage nach seiner Hautfarbe nie gestellt. Ich hab mich nach schwarzen Frauen orientiert, und auf einmal hab ich ’nen schwarzen Kumpel, egal wie. Da ist gleich ’ne Sympathie gewesen, wie in dem Film Flucht in Ketten, Schwarz und Weiß, das ist ruckzuck gegangen.

Wie ich hatte Waldi ’ne Puffetage, seine hieß »Hollywood«. Ich bin von dem Zeitpunkt an immer mit Waldi gewesen. Er hat einen komischen Rattenschwanz gehabt, Kumpels aus dem Nürnberger Milieu. Daher kam auch einer seiner späteren Mörder. Und auch sein Wirtschafter im »Hollywood« kam daher. Der hat ’ne Corvette gefahren, so ’ne Ludenkutsche, deshalb hieß der Corvetten-Ralf. Waldi hat sein Ding gemacht, er hatte seine Eigenständigkeit. Der hat in Jeansklamotten geheiratet, und einen Tag vorher hatte er seine Junggesellenparty im »Lausen« gefeiert. Da ist er im Anzug erschienen, und zur Hochzeit in Jeansklamotten. Er hat ’n paar Weiber gehabt. Geheiratet hat er Brigitte, ’ne Blonde, die war früher Friseuse. Warum er gerade die genommen hat? Vielleicht, weil bei ihr alles im normalen, unauffälligen Bereich gehalten war, vielleicht hat er das als Gegensatz gebraucht, denn er ist ’n extremer Kerl gewesen.

Obwohl Waldi eigenständig war, hat er sich an meiner Person orientiert und mit mir in den Läden aufgedreht. Ich hab das auf meine Art bemerkt, aber nicht gewusst, dass er vorher leicht ’ne weiße Nase gefahren hat. Koks hat ihn unvorsichtig gemacht, und ich hab da mit dringehangen. Waldi und ich sind auch mal rübergegangen auf die andere Seite zu Ringo und seinen Leuten. Heute fällt es mir schwer, mich so ’n bisschen dümmlich hinzustellen, aber wir sind da manchmal rübergegangen wie mit ’ner Kompanie, auch wenn mir das schon missbehagt hat, weil ich nie gerne auf die andere Seite gegangen bin. Goldlocke ist auch dabei gewesen, der hat ’ne Knarre mitgeführt. Eigentlich hat der mit Warentermingeschäften zu tun gehabt.

Die Begegnungen mit der anderen Seite, mit Ringos Leuten, zu denen der Wiener Peter gehörte und natürlich auch King Kong, sind wie feindliche Berührungen abgelaufen. Jede Seite hat ihre Stärke raushängen lassen. Blöd im Nachhinein, aber du bist in so einem Umfeld, das waren eben die Achtzigerjahre.

Wenn Ringo gebellt hat, ist King Kong an seiner Seite gewesen. Das ist auch vom Job her nahe liegend, wenn Feierlichkeiten im »Chikago« waren, dass er den Türsteher gemacht und aufgepasst hat und nachher auch noch die Regie übers »Top Ten« übernommen hat, dass da nichts passiert. Wenn Schwierigkeiten aufgetreten sind zwischen Ringo und irgendwelchen Leuten, dann ist King Kong mitgegangen, und sie haben versucht, die Dinger zu lösen. Du siehst ja, Prinzessin, wie es ausgegangen ist, King Kong ist später mit ’ner Schrotflinte das Gehirn weggeschossen worden.

Aber erst mal hat er mich auf dem Kieker gehabt. Merkwürdig, dass der King Kong mich im »Top Ten« immer nur angeguckt hat. Ich hab gedacht: »Was hat der mit mir, der kann doch nicht schwul sein.« Solche Gedanken sind mir anfangs gekommen. Der war auf mich angesetzt, wenn ich da rumgelaufen bin und den Lauten gemacht hab.

Es ist auch zu einer Auseinandersetzung im »Domino« gekommen, und ich hab mit King Kong richtig Streit gekriegt. Prinzessin, ich möchte ja ehrlich sein: Ich weiß, dass ich für einen Großteil der Situationen verantwortlich gewesen bin. Es ist ja nicht so, dass ich irgendwas beschönigen muss. Zum Beispiel, dass ich da blöderweise, als ich den King Kong gesehen hab mit drei Kumpels, und ich komm alleine rein ins »Domino«, keinen taktisch gebotenen Rückzieher machen will. Stattdessen geh ich ans Telefon, mach den oberwichtigen Paul und sag: »Ich bin im ›Domino‹.« Ich hab bei mir im Puff angerufen, Goldlocke war am Apparat. Was weiß ich, warum die Sau ans Telefon gegangen ist. Das ist aber möglich, wenn der Wirtschafter beim Pissen ist oder sich um ’ne Frau kümmert, dass ein Insider dann ans Telefon geht. Ich sag: »Du, ich sitz hier im ›Domino‹, und ich glaub, das wird ziemlich eng. Ich glaub, ich krieg Ärger.« Goldlocke kam nicht einfach nur angeschlendert: Die Tür fliegt auf wie ’n Pustesegel, wie im Hollywoodstreifen. Da seh ich Goldlocke mit ’ner Kanone, er hat ’ne Riesenschrotflinte in der Hand. Er schreit: »Stefan, raus!« Das heißt, ich soll den Laden verlassen, weil er jetzt Ernst machen will. Ich denk, er will die anderen umbringen, und sag: »Entspann dich.« Das hab ich von einem Boxer gelernt, der sich nie wieder in Fights einmischen wollte, weil daraus zu viel Scheiße entstanden war. Als ich sag: »Mach keinen Scheiß!«, nimmt der King Kong den Lauf der Waffe, und da löst sich ein Schuss und trifft so ’nen Bierfahrer. Der bricht mit 30 Splittern im Rücken zusammen.

Natürlich ist die andere Seite sauer auf mich gewesen, nicht nur wegen der Sache im »Domino«, sondern auch, weil ich oft irgendein Arschloch allein ausgeschaltet hab. Ich hab auch meine Meinungsverschiedenheiten mit denen gehabt, aber ich habe nie ’nen Rucksack gebraucht, wie Ringo den King Kong. Und das war zu viel für die, dass ich mein Ding alleine gemacht hab. Ich hab’s ja wirklich alleine gemacht. Natürlich kam ’ne menschliche Schwäche von mir dazu, ’n bisschen geiles Aufstreben, daran hat’s mir nicht gefehlt, das gestehe ich, das ist auch ’ne Frage der Zeit. Mit meiner Präsenz hab ich natürlich Guten Tag gesagt.

Die Nutella ist liquidiert worden. Die Schmiere hat alle Konten gesperrt und drei Vorstandsherren abgegriffen, auch Karate-Tommy. Auf dem Kiez ist es zu einer Art Vakuum gekommen und zu ’ner hektischen Stimmung, wer es in Zukunft füllen würde.

Natürlich haben Waldi und ich die schwarz-weißen Zampanos gemacht, halb nackt rumgetanzt und unser Geltungsbedürfnis rausgehustet.

Mitte September 1984 ist der Knall gekommen. Ich bin morgens in meinen Puff gegangen. Elfi hat Dienst gehabt. Es ist ihre Gewohnheit gewesen, dass ich immer die neue Zeitung bei der Leselampe vorgefunden hab. Das Erste, was ich gesehen hab, ist natürlich die Überschrift der Regenbogenpresse: »Bayern-Peter tot!« Später, als sich das Morden wiederholte, da hat man nachts die Zeitung schon gefressen und sich darüber auf dem Pissoir ausgetauscht. Ich komm also in den Puff rein und seh das Bild von Bayern-Peter in der Zeitung. Mir kommen die Erinnerungen hoch. Ich kannte ihn ja. Er war ein Arschloch, einer, der sich profilieren wollte. Der kam aus Bayern und hat den Mut gehabt, gegen Walter anzutreten, den Häuptling vom Fischmarkt, saustark. Gegen den ist er drei Mal angetreten und hat sich drei Mal ’nen Kieferbruch gefangen. Wenn ein Mann so was macht, dann muss er von Haus aus dumm sein, und Dumme sind gefährlich.

Er hat sich auch mal gegen mich gewagt, den hab ich dann eben platt machen müssen. Das war im »Hotel Domino« in der Talstraße. Ich bin oben mit ’ner Hure am Ficken und höre, dass Bayern-Peter unten den Lauten macht. Ich geh runter mit ’nem Badelaken und sag: »Ey, Peter, ich bin’s, Stefan.« – »Ja und, was denn? Ich reiß dir gleich das Handtuch ab.« Auf so ’ne Art und Weise. Ich lass mir noch ’ne Flasche Schampus geben und geh hoch, leichenblass, meinen Overall holen. Die Frau sagt: »Was hast du denn, willst du mich alleine lassen?« Ich sag: »Ich hab unten was zu erledigen.« Ich hab den Overall, in dem sie mich in der Discothek abgestochen hatten, angezogen. Dann bin ich wieder runtergegangen und hab den platt gemacht. Er hat sich zur Kosmetik auf den Boden gelegt. Er hat noch gut geatmet, er hätte noch stehen können, aber er ist zu feige gewesen. Ich hab ihm die Brille abgenommen und die zum Abschied zermatscht.

Warum der getötet worden ist? Die haben sich alle zu weit nach vorne gelehnt, der Bayern-Peter und die, die den Mord an ihm in Auftrag gegeben haben. Ne cliqueninterne Angelegenheit von der anderen Seite, vom Hans-Albers-Platz, hab ich mir gedacht. Bayern-Peter wollte alles auf einmal, und da und dort. Der lief nur noch in weißen Bettlaken rum, wie Gandhi. Sein Partner im Puff und Freund war Gerd. Die waren nur noch voll geballert mit Koks, die Arschlöcher.

Bayern-Peter war jahrelang mit ’ner Frau verheiratet, und auf einmal gehörte die dem Gerd. Obwohl sie Freunde waren. Das konnte ich nicht nachvollziehen, diesen Mischmasch. Ich kann nicht nach sieben Jahren Ehe meine Hure meinem besten Kumpel geben. Was läuft da für ’n Film? Das hat alles das weiße Zeug angerichtet. Da bin ich ins Stottern gekommen. Wie viele Wurfpfeile braucht man im Rücken, um ’ne Freundschaft wirklich in den Arsch zu machen?

Der Wiener Peter hat den Puffanteil von Bayern-Peter übernommen. Pikant ist noch gewesen, dass der Bayern-Peter in dem Pontiac erschossen worden ist, der früher dem Chinesen-Fritz gehört hatte, bevor der mit drei Kugeln abgepustet dem Wiener Peter vor die Füße gekullert war. Für mich ist die Interessenlage sonnenklar gewesen, aber auf den Killer bin ich nicht gekommen. Dass der Mucki Pinzner für 30 Mille von der anderen Seite den Job übernommen hat als »Eliminator«, wie der sich später vor der Schmiere gebrüstet hat, da hat mein Instinkt nicht ins Schwarze getroffen, noch nicht. Ich hab aber schon gewusst, dass seine zehn Jahre im Knast abgelaufen waren. Und irgendwann spendieren sie auch zwei Jahre, wenn man sich gut verhält. Aber er hat ’nen Nachschlag im Knast gehabt, weil er faustgroße Haschischbommel verkauft hat.

Zwei Monate später ist der selbst ernannte »Eliminator« wieder tätig geworden. Diesmal musste Lackschuh abtreten. Für mich und einige andere war sein Name Stacheldraht, der hat nie einen ausgegeben. Der hat nur frisch geföhnt in der »Ritze« gesessen und seinen Schmuck ausgestellt, den er ’ne Viertelstunde lang geputzt hatte, bevor er aus dem Haus gegangen ist. Das war Lackschuh. Und er hatte komischerweise trotz seiner minderen Größe und seiner hohen Absätze unter den Lackschuhen als Lude Erfolg. Er hatte sich in dem Sog vom Wiener Peter festgebissen. Lackschuh ist in der Nase blöde geworden auf Ibiza, wo sich beide ’ne Wohnung geteilt haben. Er hat löffelweise gekokst. Er hat die Weiber angeschleppt und mit dem Zeug gepudert. Er hat die Kontrolle verloren, was das Hamburger Geschäft angeht. Er hat mehr gekostet, als er eingebracht hat. Und der Wiener Peter ist ja ein schlauer Hund.

Als auf einer Geburtstagsfeier im »Top Ten« die Nachricht von Lackschuhs Tod kam, war der Rechtsanwalt vom Wiener Peter dabei. Ich seh noch heute das leichenblasse Gesicht vom Wiener Peter. Und dieses Hektische, wie da zwischen Einzelnen getuschelt wird. Und endlich kommt die Nachricht auch zu mir. Axel und ich, wir sitzen da, wir haben schon das kalte Büfett genossen, das reichhaltig gestaltet war. Da guckt Axel mich an, ich guck Axel in sein Halbmondgesicht, und wir beide gucken uns an und lachen: »Ja geil, jetzt läuft es ja wirklich wie in Chicago.«

Das war für mich tiefste Provinz an Verschleierungstaktik. Für was hat der Einfallsreichtum gerade noch gereicht? Für ’ne Geburtstagsfete, im Background ’n Anwalt. Und Lackschuh weit weg, irgendwo im Wald in München erschossen. Na, recht vielen Dank. Das war ’n schwarzer Geburtstag und das tausendfache Alibi des Wiener Peter, was denkst du denn? Und der Anwalt als Standbild daneben, der hat den Clown gemacht. Happy Birthday.

Natürlich haben wir auf die Überheblichkeit von der anderen Seite, diese Überheblichkeit, die über Leichen geht, heftig reagiert. Goldlocke hat neben mir im »Empire« am Gänsemarkt gestanden, und da ist Ringo ganz großkotzig reingekommen mit seinem Gefolge. Goldlocke wird hektisch neben mir: »Den leg ich jetzt um.« Das hab ich verhindert. Ich hab, weil ich im Sternzeichen Balance bin, also Waage, den zurückgehalten: »Ey, lass die Mätzchen hier.« Der ist zu allem bereit gewesen, der hat ’ne richtige Pistole dabeigehabt. Und wenn er geschossen hätte, wären noch drei Leute, die dahinter gestanden haben, mit umgefallen. Ich bin nicht der Aggressor gewesen, ich bin nur der Pitbull in dieser Gesellschaft gewesen.

Das war ’ne hektische Zeit. Also, wenn du durchs Messer fällst, steckst du dir auch ’n Messer ein. Und wenn in deinem Bereich schon ein paar Leichen rumliegen und du bist in diesem Wirbelsturm verankert, dann bist du auch bewaffnet, so wie Goldlocke. Und irgendwann hat irgendeiner die Schnauze voll, und dann passieren eben solche Sachen. Das ist ein Austausch wie beim Boxkampf.

Auf dem Kiez war permanent ’ne negative Vibration. Egal, wo du hingegangen bist, es gab wieder ’ne Ansammlung von dreien, die anders gedacht haben. Aber trotzdem hat man irgendwie geglänzt, als hätte man ’ne neue Ritterrüstung an: Ritter Gawain stürzt sich gegen Ivanhoe. Tolle Wurst. Und irgendwann platzt der Riegel.

Waldi und Wiener Peter kriegten im »Top Ten« ’ne Auseinandersetzung. Und wieder bin ich in der gleichen Meerenge. Man steuert mit so ’nem Schiff. Jetzt kommt so ’n richtiger Ozeanriese entgegen. Man versucht volle Kraft zurück, der braucht fast fünf Kilometer und mehr, bis der reagiert. Dann sitzt du auf diesem Schiff und begreifst was von den Zwängen der Schubkraft und fährst weiter. Du willst auch nicht abspringen in die kalte Rotze, du fährst sehenden Auges in die Havarie.

Wiener Peter hat den Lauten gemacht, der ist ein machtgeiles Arschloch. Waldi muss die Rivalität entdeckt haben. Der schwarze starke Waldi nimmt den fahlen Wiener Wicht wie mit ’ner Hummerzange und drückt ihn an die Wand. Er soll sich hier nicht so aufblasen. Und zu mir kommt aus der Truppe von der anderen Seite so ’n blonder Arsch, ’n Hundert-Kilo-Mann: Hocki. Der Hartwichser hat sich später als Begleiter von Mucki Pinzner 15 Jahre Knast gefangen. Er hatte also schon was auf der Kerbe, als der sich drohend vor mir aufbaut. Dem box ich gleich aufs Bäuchlein. Der macht ’nen Knicks wie so ’n kleines Klappmesser und zieht sich wieder zurück. Das war ein Auftritt, den haben die Herren von der anderen Seite nicht verarbeitet.

Dass die uns den Tod an den Hals gewünscht haben, konnte man sich denken. Dass die wegen solchem Prestigescheiß für uns den Auftragsmörder bestellen würden, erst für Waldi, dann für mich, lag außerhalb von unseren Vorstellungsmöglichkeiten.

Aber ich hab schon ’ne Witterung in die Nase gekriegt, nur hab ich die noch nicht deuten können. Ich bin in der Café-Bar vom Sonnenstudio, wo man so ’nen guten Blick auf die Reeperbahn hat, mit Waldi verabredet. Er sitzt da mit ’nem riesenstarken Münchner Jungen, also rein optisch riesenstark, mit Oberarmen wie normale Leute Schenkel haben. Ich komm dazu, Waldi hat mich gern involviert in geschäftliche Gespräche. Zwei Tische weiter, ich denk, ich trau meinen Augen nicht, sitzt da der Mucki Pinzner. Und sofort nehm ich ’ne statische Figur an, sofort verändere ich mich. Was läuft hier? Ich seh immer wieder dieses Bild vor mir, diese atypische Jogginghose vom Pinzner und die Hand darin, mit seinem Armeerevolver. Im Nachhinein ist das ja in den Vernehmungsprotokollen bestätigt worden. Da hat der Mucki den Waldi schon unter Observation gehabt, mich noch nicht. Ich bin ja nur zufällig dazugekommen.

Stell dir vor, Prinzessin, da sitzt der Waldi und ist ’ne Abschussprämie von 60 000 Mark wert, ’ne Tellersammlung von der anderen Seite. Ich muss da instinktiv irgendeine Körpersprache verstanden haben, sonst hätte ich nicht so abwehrend auf den Mucki reagiert, denn unser letztes Zusammentreffen im Knast war schließlich nicht unangenehm.

Leider hab ich das kleine Zeichen nicht weiter beachtet. Wir haben uns Anfang 1985 noch ziemlich sicher gefühlt und manchmal sauwohl, wenn man die ganze Rotze vom Kiez privat hinter sich gelassen hat.

Waldi ist mit seiner Frau Brigitte in mein Haus eingezogen. Ich bin mit Lilo und meinem Hund Sammy zu Axel gezogen, in sein Doppelhaus in einer riesengroßen Gartenanlage mit Swimmingpool. Wir haben da ’ne abgeschlossene Wohnung gehabt und sind trotzdem in so ’ner Art Luxuswohngemeinschaft gewesen. Der ganze Zauber hat aber nur kurz vorgehalten. Die Geschichte mit Mona ist dazwischengekommen.

Mona, ’ne Schwarze mit krausen Haaren, kess mit Berliner Schnauze, hat im »Eros-Center« gearbeitet. Sie hat als erste schwarze Hure auf St. Pauli einen Stellenwert gehabt. Von ihr hab ich ’nen Anruf gekriegt: »Ich hab Bock auf dich, ich bin im A-Haus am Arbeiten, und mein Kerl ist auf Ibiza. Ich würd dich gern mal kennen lernen.« Ich bin hinmarschiert, gar kein Thema, da hab ich ’ne Hemmschwelle gleich Null gehabt. Wir haben uns gut verstanden, und ich hab ihr gesagt: »Sag deinem Hahn, wenn er aus dem Urlaub zurück ist, er soll sich mit mir in Verbindung setzen.« Der hat meine Gewohnheiten gekannt und seine Möglichkeit genutzt, als ich unten in der »Ritze« trainiert hab.

Er kommt tatsächlich in die Boxschule, braun gebrannt, wie man sich eben ’nen netten Kerl vorstellt. Er wartet, bis ich fertig bin mit meiner Runde. Ich frag, was los ist. »Stefan, mit dir kann man ja sprechen, du bist ’n guter Junge«, fängt er an, mir den Arsch zu lecken, und sagt weiter: »Ich hab da ’ne Menge Unkosten gehabt bei der Mona. Ich hab ihr die Wohnung eingerichtet, Einbauschränke, Fernseher.« Im Nobistor-Hochhaus, am Ende der Reeperbahn, hatte ihr der Liebeskasper anderthalb Zimmer verziert. Ich sag: »Ja, das hab ich alles gesehen. Ich war ja da oben. Was willst du mir denn nun sagen?« – »Ja, Mensch, wenn du mir dafür zehn Mille oder acht geben würdest.« Dann hätte er seinem Umfeld sagen können: »Der Hentschel hat mir zehn Mille für die Tussi gegeben. Die hat sowieso nichts gebracht.« Auf solche Dialoge hab ich mich von vornherein gar nicht eingelassen. Ich hab ihm gesagt: »Nee, da bist du auf ’nem falschen Schiff. Nimm die ganze Scheiße in 24 Stunden raus aus der Hütte. Bitte, verschon mich mit deinem Mobiliar, mit deinem blöden Fernseher. Das kotzt mich an, es geht hier um Menschen. Raus mit dem Schrott. Sonst schmeiß ich das oben aus dem 20. Stock. Oder lass es drin. Jetzt langweil mich nicht. Also 24 Stunden hast du Zeit. Ich will nicht über Möbel diskutieren, Arschficker.« Der ist halb schweißgebadet abgezogen: »Ach, so ist das.« – »Ja, so ist das. Das sind deine Sachen, und die darfst du gefälligst rausholen. Ich hab mich erkundigt, der Mietvertrag läuft auf Mona. Das ist nicht deine Wohnung, du hast nur deine Möbel rauszuholen. Das ist meine Ansage. Ist das klar? Und es gibt nie, solange ich meinen Arsch zwischen Nobis- und Millerntor bewege, eine Mark für ’ne Frau, damit das klar ist. Und tschüs, schönen Tag noch!« Das hat er akzeptiert. Geh davon aus, dass ich ihn sonst totgepisst hätte, wenn’s anders gegangen wäre. So einfach ist das gewesen.

Die Leute in ihrem Puff haben irgendwann keinen Bock mehr auf Mona gehabt, weil sie den Lauten gemacht hat: »Mein Stefan.« Und dann haben sie mich gebeten: »Bitte nimm sie in deinen Laden.« Das wollte ich letztendlich ja auch. Man hat mir die Dame zugeführt. Sie hat dann bei uns im »Salon Mademoiselle« gearbeitet, und Axel hat sich sehr die Hände gerieben. Wir haben wieder neuen Zulauf gehabt. So ist das Spiel gewesen, wie eben jedes Spiel seine Regeln hat.

Zum Kompott im »Top Ten« hab ich mir meine schwarze Diva bestellt. Heute kannst du darüber schmunzeln, dass ich zu der Zeit so ’ne vernetzte Kriegerjacke angehabt hab und ’nen Indianer-Jones-Hut auf. Mona hat hinter mir gestanden und mir den Nacken leicht massiert und keine andere Alte auf zwei Meter herangelassen. Das ist natürlich ein Bild für die Götter gewesen. Die anderen haben sich das reingeimpft, das hab ich gespürt, und das hab ich genossen, verdammt noch mal.

Die Nacht im »Top Ten« hätte leicht meine letzte werden können. In dem Vernehmungsprotokoll von Mucki Pinzner habe ich lesen dürfen, dass er auf der Straßenseite gegenüber stundenlang auf mich gewartet hat. Der »Elirninator« muss mich schon länger beobachtet haben. Aber er hat ein Handicap gehabt. Weil wir uns aus der Kindheit kannten, wollte er mich aus der Entfernung erschießen. Das war der Grund, weshalb das nicht geklappt hat. Er konnte nicht an mich rangehen und Piffpuff machen, er konnte mich nicht von vorne erschießen. Ich bin über ihn hinausgewachsen, obwohl er ein paar Tage älter gewesen ist. Im Knast hatte er mir fast in einem Domestikenverhalten dieses Haschisch gegeben. Natürlich hatte ich auf meine Art meinen Knicks gemacht, weil das ’n symbolischen Inhalt hatte.

Dass er vor dem »Top Ten« nach stundenlangem Warten nicht zum Abschuss gekommen ist, muss an seiner Irritation gelegen haben. Im Vernehmungsprotokoll hat gestanden: »Morgens ist der Hentschel mit ’ner schwarzen Fotze aus dem ›Top Ten‹ rausgekommen.« Da hab ich wieder Glück gehabt, das Glück, dass ich jemanden zum Kraulen gewollt habe und nicht allein rausgekommen bin.

Das hat sich noch mal in verschärfter Form wiederholt. Als ich im »Club 77« mit Mona bis auf die Mandeln am Knutschen bin, geht die Tür auf, und es kommt Marmortitte rein, Lilo, mit der ich die Wohnung bei Axel gerade neu gemacht hatte. Die Kneipe kannten nur Insider, man rechnet nicht damit, dass jemand, den man gar nicht erwartet, da reinkommt. Meine Lilo, stolz wie sie ist, sie ist ein Widder, nimmt am Tisch Platz und bestellt sich ’n Glas Bier. Stell dir vor, was da abgegangen ist. Meine Zunge hätte ich am liebsten verschluckt. Ich mach auf die Distanz so ’n bisschen auf cool, aber das ist zum Scheitern verurteilt. Transparenter geht’s nicht, was da abläuft. Mona hat keinen Schiss, die findet die Situation toll. Ich lös mich von ihr und geh zu Lilo. Die ist affencool, die lässt sich nicht beeindrucken, in der Art: »So schlimm finde ich das nicht.« Ich bin mit meinem ganzen Getue am Ende, mir fällt nichts mehr ein. Lilo zahlt und lässt mich stehen. Ich sag zu Mona: »Das Ding ist noch nicht zu Ende.«

Ich ahne natürlich nicht, dass für mich ein ganz anderes Ende am Ausgang vom »Club 77« vorgesehen ist. Wieder lauert Mucki auf mich. Diesmal hat er von der anderen Seite schon 20 Mille Vorschuss kassiert, um mir das Hirn auszupusten. Als Anzahlung. Aber er kommt an mich »schlecht ran«, jammert er in dem Protokoll. Warum kommt er diesmal nicht ran?

Ich hab mir ein Taxi direkt vor das »77« aufs Trottoir bestellt. Es ist vielleicht eine Frage, wie arrogant man in dem Moment ist, wenn man die Bestellung aufgibt: »Ich möchte von der Tür abgeholt werden.« Jedenfalls ist das beim Taxifahrer richtig angekommen. Der fährt fast rein in den Club. Ich genieß meinen starken Abgang, den brauch ich jetzt vor den Jungs. Natürlich wusste ich nicht, dass mir diese Arroganz das Leben rettet. Ich wollte einfach nur angeben. Heute bin ich froh, dass ich angegeben habe. Ich lebe.

Nein, das Ding mit Lilo ist noch nicht zu Ende. Der Knalleffekt kommt, als ich in unserer Wohnung ankomme. Ich kann die Tür nicht ganz aufmachen. Ich denk, dahinter liegt ’ne Leiche. Das sind Berge von Klamotten. Die Wohnung ist ruiniert, die Wohnung, die wir gerade frisch eingerichtet hatten. In der Küche alles verwüstet, das Mehl ausgekippt, der Zucker verstreut. Lilo grüßt mit ’ner Sprühdose, an den Wänden steht »Negerficker«, quer über die Möbel: »Negerficker«. Selbst die Kopfkissen sind zerfleddert. Die weißen Federn kleben an der nassen Farbe von den Buchstaben »Negerficker«.

Wie viel Kraft kostet dich ein Umzug? Was kostet dich eine eingerichtete Wohnung? Alles hast du teuer tapezieren lassen. Und du siehst dann alles ruiniert. Die Wohnung konntest du in ’ner Pfeife rauchen. Die hättest du auf dem Sperrmüll abgeben können und noch Schwierigkeiten gehabt wegen der Entsorgung. Ich dachte, ich krieg ’ne Augengrätsche. Na servus. Was fällt dir da noch ein? Hau hier ab. Wenn ich dageblieben wäre, hätte Lilo vielleicht ein Dreizehn-Schuss-Magazin in meiner Brust leer gemacht. Dabei hatte sie sich vorher in der Kneipe noch ’n Bier bestellt und war obercool.

Ich hab meine Sachen zusammengepackt. Irgendwas willst du ja als Eigenes mitnehmen, und wenn es das Mieseste ist. Viel hab ich ja nicht gebraucht. Wenn ich nach Marbella fahr, brauche ich kein Surfbrett, obwohl das vielleicht da in ist.

Waldi hatte in Spanien ’nen Buggy, der hat sich aber meist nur fahren lassen. Ich hab Fotos aus Marbella gesehen, tolle Bilder. Er hat sich angepasst an das Milieu in Marbella. Er hat mir Clubs gesagt, da bin ich auch später hingegangen. Die haben ihn da alle gekannt, seine Bilder haben noch an der Wand gehangen. Er ist nicht ’n Komparse gewesen. Ich bin nach Marbella gegangen mit Waldi, also gedanklich. Wir haben vorgehabt, uns nach Ostern da unten zu treffen und ’n paar Wochen auszuspannen.

Als ich dann wegen Lilo schon vor Ostern auf die Flucht gehen wollte, hab ich Waldi noch in meinem früheren Haus besucht. Er hat mir erzählt, dass ihn der Siggi angehauen hat um zehn Mille, weil er gerade aus dem Gefängnis raus war. Den kannte der Waldi aus dem Nürnberger Milieu, und deshalb hat er ihm das Geld in Aussicht gestellt. Natürlich hat er nicht geahnt, dass diese Drecksau Siggi von der anderen Seite mehr zu erwarten hat, wenn er den »Eliminator« bei Waldi einführt. Das ist genau bei dem Bettelgespräch geschehen, und Waldi hat das gewittert. Er hat mir den Typen, den Siggi im Schlepptau hatte, so beschrieben: »Der saß auf dem Rücksitz und hatte weiße Handschuhe an. Ey Stefan, du kannst mir in den Schuh scheißen, aber der soll mich killen.« Einen Namen hat er nicht gesagt. Ich hab nicht gewusst, dass es um Mucki Pinzner ging. Wenn ich den Namen gehört hätte, war das alles nicht passiert. Es war anders gekommen, weil man die Gefahr gekannt hätte. Es war vielleicht auch kein Staatsanwalt niedergerumst worden. Die weißen Handschuhe habe ich nicht mit Mucki Pinzner verbunden, weil ich von den Pusteblumen an seinen Onanierzangen nichts wusste. Nichts. Heute weiß ich, dass er Allergien an den Pfoten hatte und deshalb die weißen Handschuhe trug. Waldi war wie ich sehr instinktiv geleitet, deswegen war vielleicht auch zwischen uns die Schublade okay. Ich hör noch heute, wie er von seinem Verdacht spricht: »Ey Stefan, du kannst mir in den Schuh scheißen …« Beim Verabschieden seh ich ihn mit ’ner Dose Bier am Fenster: »Das ist mein letztes Bier.« Mich durchzuckt’s wie ’ne Nadel, sein letztes Bier. Ich sag: »Nie wieder Bier?« – »Nee.«

Warum hat er nicht auf seinen Instinkt gehört? Warum hat er drei Tage später den Killer mit den weißen Handschuhen ins Haus gelassen?

Auf dem Weg nach Spanien sitze ich mit meinem Freund Ditschi und mit Goldlocke in so ’nem Alpenhofhotel in Österreich beim Frühstück. Über mich werden Scherze gemacht, weil ich morgens, wenn ich gut gegessen hab, auch immer ein Weizenbier trinke: »Gestandenes Mannsbild«. In Österreich ist das ’ne Abwechslung, wenn solche Leute wie Ditschi, Goldlocke und ich da auftauchen. Draußen steht ein schwarzer Mercedes mit Hamburger Nummernschild, das ist ja für die Bevölkerung auch schon was, oder? Wir haben ja nicht bei der Post gearbeitet. Auf einmal wird Telefon für uns ausgerufen, für die »Hamburger Jungs«. Axel ist am Apparat und sagt zu Goldlocke wie so ’n Mädchen: »Das sag ich Stefan nicht.« Goldlocke soll es mir sagen. Der will nicht, und Axel sagt es mir dann doch: »Waldi ist bei dir im Haus erschossen worden.«

Das passierte Ostern 1985. Waldis Frau Brigitte war gerade Kuchen holen. Vorher hatte sie noch gehört, wie Waldi mit dem Siggi telefonierte und »Tschüs, bis später« sagte. Vielleicht war es Corvetten-Ralf, der die Mörder reinließ. Der kannte den Siggi ja aus dem Nürnberger Milieu. Als Brigitte mit dem Kuchen zurückkommt, liegt Corvetten-Ralf tot auf der Treppe zwischen Wohn- und Arbeitszimmer. Und mein Waldi sitzt an seinem Schreibtisch mit drei Einschusslöchern, sitzt am Schreibtisch wie Präsident Bush und lässt sich erschießen. Und ich hör ihn immer wieder sagen: »Ey Stefan, du kannst mir in den Schuh scheißen, aber der soll mich killen.«

Wer ist der Killer? Die Frage hämmert mir im Kopf. Waldis Tod ist für mich ein Warnschuss. Steckt die Machtgeilheit der anderen Seite dahinter? Geht sie so weit, mit Mord ihre Zukunft zu sichern? Ja, die Geschäfte gehen in ganz St. Pauli bergab, aber Waldi und ich sind wie das schwarz-weiße Zukunftsduo aufgetaucht, zwei Kerle, eben die Stärkeren, denen nach diesem Darwin-Gesetz alles zuwächst wie früher dem Paten. So muss uns die andere Seite gesehen haben. Waldi, mir läuft es eiskalt den Rücken runter, ist auch für mich gestorben, ich bin als Nächster dran.

Aus meiner läppischen Flucht vor ’ner durchgeknallten Frau ist in dem Moment ’ne ernsthafte Flucht vor einer wirklich großen Gefahr geworden. Ne Flucht vor einem Serienkiller, der schon ’ne Reihe von Menschen umgebracht hat: ein Serienkiller mit weißen Handschuhen.

Auf so einer Flucht bist du eingeengt in deine dunklen Gedanken und eingeengt in ein stickiges Auto. Und dann diese unterschiedlichen Gewohnheiten von Ditschi und Goldlocke, auch zwei Jungs aus dem Leben. Ditschi hat eher den Derben gegeben, wie er das vom Bau gewohnt ist. Goldlocke ist zu der Zeit groß im Warentermingeschäft gewesen, aber er hat sich in einer sehr diplomatischen Art und Weise zurückgenommen. Irgendwie ist er mehr Frau gewesen. Der hat jeden Tag ’nen Friseur gebraucht. Ohne Flachs. Auf der Fahrt hat er ständig ’ne Zigarettenpause gewollt, »Retü rauchen« hat er in seiner gespreizten Art gesagt.

In Barcelona hat sich Goldlocke geziert, mit uns durch den Transenpuff zu gehen. Erst sind wir in ’ner Straße gewesen, da haben vor den Puffs nur hübsche Frauen gesessen, aber ich hab die absolute Gosse erwischen wollen, weil ich gewusst hab, dass ich Goldlocke damit ’nen Genickschuss verpassen kann. Ditschi und ich haben uns bald ’nen Ast gelacht, weil Goldlocke Angst gehabt hat. Wir sind in eine enge Gasse gekommen, und dort saßen Transen mit ausgestochenen Augen, weil sie wahrscheinlich irgendwann mal mit ’nem Hetero nicht klargekommen sind, oder was weiß ich. Meine Güte, die haben ihr Leben gelebt, die sind über 50, und die halten dich fest wie im Film so Leprakranke, die an dir rumzerren, oder wie indische Kinder, die vor Hunger nicht in den Schlaf kommen. Wir haben das nicht gewusst, wir haben es vorher nicht so hart eingestuft. Als wir die Straße gesehen haben, da wären Ditschi und ich am liebsten auch umgekehrt. Aber durch Goldlocke in unserer Mitte ist ’ne verrückte Situation gewachsen. »Ich hab mein ganzes Geld in der Tasche«, hat der gejammert, 40000 Mark in bar. Der ist bald in sich zusammengebrochen, und Ditschi und ich haben ’nen Lachkrampf gekriegt.

Wenn du auf so ’ner Flucht und nach der Einengung im Auto endlich an deinem Zielort ankommst, ist das wie ’ne Geburt. Ich bin fix und foxi, aber beeindruckt von Marbella. Wir haben ’ne Telefonnummer von der Immobilienmaklerin, bei der Waldi schon bekannt war, Heike heißt die, mit ’nem Spanier verheiratet. Ich hab sie angerufen: »Ich hab die Telefonnummer von Waldi. Mein Name ist Stefan Hentschel. Und Waldi ist tot.«

Sie hat uns ins »Sinatra« dirigiert, so hieß die Location gleich vorne links beim Jachthafen. Diese Immobilienmaklerin und wir drei in diesem noblen Badeort mit unserer St.-Pauli-Geschichte: Waldi erschossen, und ich auf der Flucht vor ’nem Serienkiller. Sie fragt ganz cool: »Wie lange willst du denn hierbleiben, zwei Tage?«

Heike hat uns geholfen, die ist gleich befleißigt gewesen. Wir sind ja mit ’nem Drama da angekommen. Hamburg. Wir haben nichts weiter gewollt, als die Sache zu reflektieren. Wir waren durchgebrettert und haben entsprechend ausgesehen. Das ist ja nicht jeden Tag passiert, dass Leute mit so ’ner Geschichte angekommen sind. Wir haben uns erst mal am Golfplatz niedergelassen. Heike hat alles organisiert. Wir haben ’ne ganz tolle Begehung von dem Feld gemacht und sind untergekommen in ’ner Villenunterkunft vom Allerzartesten. Da haben wir in den Betten gelegen wie in Hamburg. Ich sag: »Hier kann man es aushalten.« Wir haben nur ’ne Schlafstelle gewollt, und die Schlafstelle, die wir bekommen haben, ist für uns absoluter Luxus gewesen.

Ich hab an was Kleines gedacht, ich hab ja vorgehabt, ein bisschen länger dazubleiben. Das hab ich Heike am nächsten Tag gesagt. Sie hat sofort begriffen, dass ich auch in Gefahr bin, als sie von Waldis Tod erfahren hat. Ich hab gedacht: »Wenn ich in Marbella den Arsch zukneife, das ist affengeil.« Heike hat was Passendes gefunden und gesagt: »Einer von euch dreien muss sich da vorstellen.« Das Haus gehörte einem schwedischen Ehepaar, das nur im Winter kam. Ja, wer kommt denn in Frage? Goldlocke liegt auf der Couch, das weiß ich noch wie heute, und sagt: »Ditschi, willst du dich melden? Du kannst kaum reden. Ich sowieso nicht, ich seh aus wie ’n Lodel mit meinen gelben Federn. Stefan macht das.« Na ja, dann hab ich mich zurechtgemacht und mich als deutscher Sportlehrer ausgegeben. Ich hab die beiden älteren Herrschaften überzeugt. Wir haben uns in ihrem Haus sauwohl gefühlt. Was mir im Nachhinein eigentlich ein bisschen Leid tut: Am Ende ist das Haus ruiniert gewesen. Es hat kein Mobiliar gegeben, das heil geblieben ist, keinen Badevorhang, keinen Sessel. Goldlocke hat Bräute einfliegen lassen aus Deutschland, und ich hab das Theater gehabt mit Lilo. Natürlich haben wir nichts bewusst kaputtgemacht. Aber da sind zu viele aufeinander gewesen, da ist immer was passiert. Und jeder hat diesen Druck gehabt, als würde ein Auto eingestampft in ’ner Presse: »Ich muss da wieder hin, nach Hamburg.«

Das Haus hat auf ’nem Hügel gestanden, man konnte auf Marbella gucken. Es hat 16 000 Mark Miete für die fünf Monate gekostet. Ich hab 30 000 Mark mitgehabt, die hab ich immer mit mir rumgetragen. Ditschi hat ja nicht viel Geld gehabt. Das habe ich mit Goldlocke erledigt, er war ein großzügiger Mensch. Erst mal bin ich natürlich stolz genug gewesen und hab die Miete zur Hälfte übernommen. Zu Goldlocke hab ich gesagt: »Die Telefonkosten übernimmst du. Du telefonierst viel nach Deutschland, das ist außerhalb. Ich brauch niemanden, mit dem ich rede.« So haben wir uns eben im Klartext über die Kleinigkeiten geeinigt.

Obwohl wir ’nen Hügel mit hatten, kamen wir doch zeitweise vor Hunger kaum in den Schlaf. Nun ja, wir konnten gerade noch essen.

Andalusien ist eine der ärmsten Gegenden. Aber in Marbella ist man krass abkassiert worden. Ich bin ins »Navy« gegangen, ein toller Laden, da hat ’ne Flasche Wodka zu dem Zeitpunkt 280 Mark gekostet. Deswegen hab ich mir abends schon zu Hause was vom Supermarkt reingegurgelt. Das ist verrückt, du kriegst ’ne andere Getränkekarte, wenn Scheich Ahmed kommt. Wenn Ramadan vorbei ist, werden die Karten umgedreht, ’ne Flasche Wein kostet dann 340 Mark statt 80 Mark. Das muss man alles erst begreifen lernen. Wenn Ramadan vorbei ist, kommen die reichen Araber rüber nach Marbella. Dann kommen auch die amerikanischen Aufreißer, die für die Araber die Weiber klarmachen und ihnen Geld und Christian-Dior-Kleider versprechen. Die Frauen müssen dann mit aufs Schiff. Zeitweilig ist das in Marbella so wie unter ’ner saudiamerikanischen Kriegsbesetzung.

Da unten in Marbella ist man unter sich, dort ist man affektiert. Zu dem Zeitpunkt hab ich das so gesehen. Man spricht da Englisch, nicht Spanisch. Ich komm ins »Navy«, und da sitzt sie, so ’ne schwarze Perle. Ich guck sie an, weil sie so hübsch ist. Wenn sie lacht, dann geht die Sonne auf, ganz simpel gesagt. Wir lachen uns an, und dann setz ich mich dazu. Ich sprech sie an mit meiner verkackten englischen Sprechweise, und sie antwortet in einem besseren Hannoveraner-Deutsch: Akosua, ’ne afrikanische Diplomatentochter, aufgewachsen am Rhein. Ich hab ja alles erwartet, aber das nicht. Da lacht sie über das ganze Gesicht: »Ich hab noch viel auf dem Programm, aber wir sehen uns wieder.« Also obercool, das Mädel, 27 ist sie. Sie sagt ganz locker: »Lass uns mal auf ’ne Party gehen.« Ich frag: »Wo wohnst du denn?« – »Ja, ich bin nicht irgendwo im Hotel.« Sie hat so gelebt, wie es dort üblich ist: Man wird rumgereicht und schläft mal bei dem und mal dort. Das war für mich ’ne andere Welt, das war Neuland.

Ich hab Akosua nicht getickt oder gevögelt, so ’nen Ausdruck kann ich bei ihr einfach nicht zulassen. Ich bin mit ihr in eine fantastische Altbauvilla gegangen, sie hat da gewohnt. Wir haben ein Bett zur Verfügung gehabt, sie hat auf dem Bauch gelegen, wir sind vom Alkohol geschafft gewesen. Ich hab nur diesen gigantischen Arsch gestreichelt. Wir haben keinen Sex gehabt. Sie ist auf ihre Art eigentlich ziemlich anständig gewesen, was Sex angeht. Sie hat sich ein Buch gekauft über die Sinnlichkeit der Frau. Irgendwie hat mich das angemacht. Zwischen uns hat sich das allmählich entwickelt. Meine Güte, wenn du die Akosua gesehen hättest, die ist ja nicht umsonst als Model über den Laufsteg gegangen und hat Pelzmode vorgeführt.

Ich bin sehr in sie verliebt gewesen. In Marbella hat sie ’ne ganz andere Vorstellung von mir gehabt, wer ich bin. Die ganze Hamburger Zuhälter-Rotze, der Stress mit der Lilo – das ist alles von mir abgefallen. Oder ich bin daraus aufgetaucht und nur der gewesen, der ich sein wollte, einer im Zwischenreich ohne Gestern und ohne Morgen. In den Stefan hat sie sich verknallt, und der Stefan ist auch in ihren Kreisen angekommen. Wenn ich sie abgeholt hab, bin ich auf einmal bei den Leuten eingeladen und mit ihr rumgereicht worden in der besseren Gesellschaft. Akosua ist zu dem Zeitpunkt in Marbella rumgelatscht, weil sie Modeaufnahmen gemacht hat. Als sie kurzfristig nach München gereist ist, hab ich das so jongliert, dass Mona kommt. Nachts hab ich telefoniert mit ihr: »Tu mir ’nen Gefallen, das Leben ist hier teuer, ich brauch 13 Mille. Flieg hier ein, ich hol dich aus Málaga ab.« Sie hat ja angeschafft im »Salon Mademoiselle«. Doch sie hat einen Riesenfehler gemacht. Ich hab gesagt: »Wenn du 13 Mille voll hast, und das kannst du schaffen, dann kommst du.« Sie hat gesagt: »Ich hab’s voll gemacht.« Dann hab ich da gestanden wie so ’n Primaner am Flughafen, und sie hat nur sieben Mille mitgehabt. Da sind meine ganzen Pläne den Bach runtergegangen. Und dann hat sie sich auch noch gegen meinen Willen ihre Negerkrause rausmachen lassen, ich bin bald ausgerastet, als ich sie gesehen hab.

Mona hat mich verarscht, nur sieben Mille. Zuerst haben wir gefickt wie die Wilden, und dann hab ich sie ausquartiert. Mit ihren glatten Haaren hat sie ausgesehen wie ’ne Inderin. Es hätte nur noch der Punkt auf der Stirn gefehlt, aus welcher Kaste sie ist. Mir ist zu ihr rüchts mehr eingefallen. Du bist ja in Marbella, nicht im Penny-Markt, und hast ’ne ganz andere Vergleichsperspektive. Sie kommt da mit ihrer Berliner Kodderschnauze und ohne Negerkrause – das hat mir nicht gepasst.

Und dann sind natürlich Sachen passiert: Mona und ich haben irgendwo zusammen gegessen. Dann sind Bekannte gekommen, mit denen ich wochenlang bei Akosua gesessen hab. Die haben das schwarze Mädchen gesehen und gleich von Akosua gesprochen. Und natürlich ist ’ne Hure ausgeschlafen, die hat das sofort überrissen.

Mona hab ich gesagt: »Wunderbar, du hast aus dreizehn nur sieben gemacht. Du ziehst ins Hotel ein, das wird bezahlt. Und du nimmst deinen Rückflugtermin wahr. Ich hab mit dir hier rein gar nichts mehr zu tun.« Und so hab ich das gemacht. Sie hat natürlich noch dreimal gekräht und mir zwei Fensterscheiben eingewichst, weil sie nachts reinwollte.

Lilo ist auch gekommen, das war das Kompott zur Sache. Ich hatte einen Hilfeschrei losgelassen, dass sie kommen soll. Eigentlich wollte ich sie nicht haben, aber sie war der einzige Mensch, der mir meinen Sammy bringen konnte, meinen Hund. Den brauchte ich, er ging mir grausam ab. Ich vermisste meinen Sammy, wenn ich in den Bergen war, und ich vermisste ihn, wenn ich am Strand war. Ich wollte nur meinen Sammy kommen lassen. Dann hab ich natürlich den Knicks gemacht und gesagt: »Ich hol euch aus Málaga ab.« Die erste Begegnung ist ’ne Enttäuschung. Ich steh in Málaga am Flughafen, sie kommt alleine raus, und ich guck nur: »Wo ist denn der Hund?« Das dauert ja länger, endlich kommt er in seiner Transportkiste an. Dann sieht er mich, schmeißt mich auf den Boden, und dann leckt er mich von oben bis unten ab, dieser Vierzig-Kilo-Koloss. Lilo sagt: »So werd ich nicht begrüßt!« – »Alles zu seiner Zeit«, sag ich, »ich bin schon geil.« Sie hatte mir geschrieben, dass sie sich geläutert hat: »Neckerficker, das ist Vergangenheit.« Ich hatte ein Gefühl von Großzügigkeit in mir, als ich das las, ich hab ihr geglaubt. Aber das ging alles wieder los.

Lilo hat sich in Torremolinos ein Hotelzimmer genommen. Sie ist dort mit ’ner Taxe hingefahren, für viel Geld. Gott sei Dank ist Akosua nicht da gewesen, als mich die Lilo in Marbella aufgesucht hat. Sie hat mehr gewollt, ich hab vorgehabt, es knallen zu lassen. Lilo ist dann eines Abends mit ’ner Taxe angetrunken von Torremolinos nach Marbella gefahren. Sie kommt ins »Ra Ra« rein, und ich sitz mit Akosua da. Sie hatte mich ja schon mit der schwarzen Mona im Hamburger »77« knutschen sehen. Und jetzt sieht sie mich in Marbella mit Akosua, der 1,82 Meter langen Schwarzen. Die muss ’ne Augengrätsche gemacht haben. Irgendwas muss da passiert sein. Ob da ein Eierstock runterfällt? Dann ist sie raus. Natürlich hat sie mir noch ’ne Show geboten. An den zwei Stränden, wo die Jungen und die Reichen rumturnen, ist sie langgefahren mit so ’nem amerikanischen Schlitten. Sie ist ausgestiegen und hat mich keines Blickes mehr gewürdigt, sie hat richtig abgekürt. Sie hat ’nen holländischen Freier gehabt und versucht, mich da nun ’n bisschen abzustrafen. Das brauchte ich so nötig wie ’n Loch im Kopf. Ich hab meine Zufriedenheit versteckt und gedacht, sie darf jetzt bloß nicht merken, dass ich mehr auf die Akosua abfahre. Ich bin richtig glücklich gewesen, wie sie abgebalzt hat, die Mutter. Das ist mir schon wichtig gewesen, weil ich ja ihre Scheiße gekannt hab. Aber sie ist mit meiner Ruhe nicht zufrieden gewesen: »Wie kann dieser Hund so ’ne Gelassenheit vorführen?«

Heute weiß ich, sie ist Widder vom Sternzeichen her, dass sie mich zurückhaben wollte auf ihre Art, aber auch zerstörerisch. Zum gleichen Zeitpunkt wie Lilo ist auch Ditschis Frau gekommen. Kannst du dir vorstellen, Prinzessin, wenn Frauen in Hamburg für Geld ficken gehen, und die beiden Kerle, Ditschi und ich, sind in Europas nobelstem Badeort und lassen sich die Welt gut gehen – was die sich für Gedanken machen? Wie sie sich trotzdem geifernd in ihrer Form um diese Kerle bemühen: »Also, dann muss an denen was dran sein, da geben wir unser Bestes.«

An uns ist auch was dran gewesen. Man ist ja bei dem Wetter schon morgens und erst recht beim Abendessen im Lokal sehr schwanzorientiert gewesen. Du hast bei den Temperaturen ein Verlangen gehabt, das sich nicht steuern lässt. Dieses Gefühl hab ich auch gelebt, egal wie. Mich hat es schon angemacht, wenn sich zum Beispiel nachmittags so ’ne Reinigungskolonne aufgereiht hat, und dann haben die alle angefangen, beim Saubermachen mit dem Arsch zu wackeln. Das hat mich richtig geil gemacht. Aber ich hab mich zurückgehalten, obwohl ich besoffen gewesen bin.

Diese Mixtur, das Wetter und dann der Druck, was kommt auf dich zu?, das hat mich in einen Ausnahmezustand versetzt. Du liegst nachts auf deinem Laken, der Moskito ist dir angenehm als Ablenkung: Was kommt jetzt auf dich zu?

Ich hab mir Vorwürfe gemacht, dass ich ’n ziemlich feiger Hund bin, weil ich zugelassen hab, dass es sich in Hamburg so zugespitzt hat. Ich hab mir das Vergangene immer wieder vorgespielt, wie ’nen Film, hab mix jede Kleinigkeit angesehen, jeden Vorfall immer wieder von vorne bis hinten durchgespielt. Auf einmal setzt sich alles zusammen wie ein Mosaik, und dann drehst du den Schalter um, und das Licht geht an, und du siehst ganz klar: Der Wiener Peter steckt dahinter, der Wiener Peter mit seiner Machtgeilheit und seinem Größenwahn. Er will der Pate von morgen sein, ein Pate, der über Leichen geht.

Und dann findest du den letzten Mosaikstein. Goldlocke redet über die Jungs in Hamburg, wie er ja oft über den und den geredet hat, und so redet er von dem Mucki mit seiner Scheißgicht und seinen weißen Handschuhen. Ich sag: »Was ist los?« Plötzlich kann ich die weißen Handschuhe in Waldis Beschreibung erkennen. Da gehen alle Birnen an, die ’n Mann hat. Ich sag: »Der Killer ist Mucki Pinzner.«

Mit Goldlocke hab ich sofort ’nen Konsens gehabt. Was er sich zusammengepuzzelt hat, ist deckungsgleich mit meinem Bild gewesen. Ich hab nach dem Gedankenblitz mit den Handschuhen was Dummes gemacht. Ich zu Goldlocke: »Gib mir mal gleich die Nummer vom ›Chikago‹. Ich muss mal mit dem Ringo Klartext reden.« Und dann zu Ringo: »Du, ich weiß jetzt, um was es geht. Weißt du eigentlich, dass dein Partner, der Wiener Peter, der Wurmstichige ist, ja, der Wurmstichige, der sich wie ’n Harzer Käse von alleine bewegt. So verdorben ist der. Und Mucki Pinzner ist sein Schießer.« – »Ehrlich, Stefan?« Ringo tut so, ach Gott, als wenn ich ihm Neuheiten erzähle. Und er gibt mir wirklich Nahrung und lässt mich plappern. In Wirklichkeit hat er mich aushorchen wollen. Ich hab nicht für möglich gehalten, dass er voll involviert sein könnte. Ich war immer noch unter diesem herrlich naiven Mantel verdeckt. Durch den Anruf hab ich mich gefährdet, der ist ’ne Angel gewesen, die ich zum Mist ausgeworfen hab, absolut.

Goldlocke ist versessen darauf gewesen, unseren Verdacht der Polizei mitzuteilen. Wenn man monatelang auf der Flucht in ’nem Haus zusammen ist, dann tauscht man sich ja über alles aus. Der hat wirklich nächtelang telefoniert und immer mehr Indizien zusammengekriegt. Ich will nicht wissen, was der Heike an Telefonrechnungen bezahlt hat. Der hat seiner Alten Heiratsanträge gemacht, und, weil er sich sicher gefühlt hat an dem Platz wie auf der Lorelei, über seinen Rechtsanwalt die Verbindung zur Hamburger Kripo gemacht. Goldlocke hat denselben Anwalt gehabt wie der Wiener Peter, das war ja das Groteske an der Sache. Als mich Goldlocke einweiht, sag ich: »Pass auf, wir haben den Jeep, wir treffen uns mit denen hier nicht in der Hütte, das will ich nicht. Wenn du willst, komm ich mit.« Die Kripoleute sind zu zweit aus Hamburg eingeflogen, wir haben uns in der Mitte der Strecke zwischen dem Flughafen und unserem Haus getroffen, in einem Gartenlokal. Das Versteckspiel haben wir uns sparen können, denn die haben genau gewusst, wo wir uns aufhielten. Die haben alles gewusst, die Schmiere war ja so geil, die haben am Telefon gesagt: »Hören Sie mal zu, Herr Hentschel, wir können uns treffen, wo wir wollen. Wir wissen, wo Sie sich aufhalten. Ich gebe Ihnen ’ne Luftlinie von sieben Kilometern.« – »Ich weiß, ich hab auf meinen Tacho geguckt, das waren sechs Komma vier.« Also, ich hab mich da nicht mit doofen Herren unterhalten. Da hab ich immer schon irgendwie ’n Orientierungsmaß gehabt.

Wir sind in das Lokal gefahren, und natürlich waren wir rein optisch gleich zu erkennen, das war klar. Ich denke mal, dass sie auch Bilder von mir vorliegen hatten. Goldlocke hat geredet wie ein Buch. Ich hab mich zurückgenommen und gemerkt, ihr Interesse hat mir gegolten. Ich hab mich gefühlt wie in ’nem Operationshemd, das man hinten zuschnürt: hilflos. Und dann fragt der Kripomann, der spricht wie ’n Junge vom Kiez, ob man mit mir sprechen könnte, und ich sag: »Aber bitte in der Gegenwart von meinem Begleiter.« Daran hat mir gelegen, weil man irgendwie ’nen Kodex hat, man ist ja kein Verräter. Ich hab denen einfach in einer schmerzfreien Zone gesagt: »Ich habe mir erlaubt, einen fünfseitigen Brief zu schreiben, wie ich die Geschichte sehe nach dem schmerzlichen Tod meines Freundes. Und jetzt liegt es an euch, mich was zu fragen.« Ich hab nicht auf die Tränendrüse gedrückt. Aber ich durfte wenigstens diese Worte in aller Deutlichkeit sagen: »Ich weiß, wie die Scheiße läuft, Mann. Und das und das sind meine Beweise, das ist das, was ich weiß. Der Killer ist Mucki Pinzner. Tut mir ’nen Gefallen, Männer, also Mucki Pinzner kenn ich vom Kindergarten, erzählt mir keine Kacke. Jetzt weiß ich um seine weißen Handschuhe, Mucki ist nicht Balu, der nette Bär, er ist der Serienkiller. Und der Auftraggeber ist dieses andere Arschloch, der geltungsbedürftige Wiener Peter. Und wenn ihr das nicht so seht, ist das eure Sache. Ich kenn den einen, und ich kenn den anderen mit diesem Schmachtbolzen.« So habe ich geredet: »Und ich komme wieder nach Deutschland, auch wenn diese Wanze noch lebt.«

Erst mal ist der Axel gekommen, weil er gedacht hat: »Der Stefan kommt nie wieder zurück und der Ditschi auch nicht.« Der hat in Hamburg gemerkt, wie die Geschäfte runtergegangen sind, während sein Partner in Marbella sitzt. Goldlocke hat ihn mitgebracht, als er ’ne ganze Kolonne Mercedesse aus Deutschland geholt hat mit ’nem Vertreter von Mercedes. Die haben damals in Marbella diese ganzen Mercedes-Cabrio vorgeführt. Das hatten die vorher geschäftlich vereinbart und sind da über diese Traumstraße gefahren. Axel ist in seinem Ferrari gekommen. Aber Andalusiens Straßen haben ihm den vernichtet.

Er hat auch ’ne Hure mitgebracht, weil er gedacht hat, wir schwelgen da nur in Gold und Silber, unsere Weiber ficken rum, und wir tragen das Geld jeden Morgen schulterlastig weg. Irgendwie haben wir das auch in den kalten Norden vermittelt.

Das Schlimmste, was ’ner Frau in diesem Gewerbe widerfahren kann, ist Axels Hure passiert. Sie hat irgendwann ’nen Lauf mit ’nem Freier gemacht und ist morgens ganz entsetzt nach Hause gekommen. Also, die ist von so ’nem Polizeioberen durchgenommen worden. Der hat sich als Freier ausgegeben und die Frau die ganze Nacht durchgefickt, aber in jedes Loch, selbst ins Ohr. Dann hat er ihr gesagt, ihr Patrone soll sich bei ihm melden und hat ihr seine Karte gegeben. Da haben wir natürlich alle ’nen Schluckauf gekriegt. Das ist Alarmstufe Rot gewesen. Axel hat sich ganz schnell in seinen ruinierten Ferrari gesetzt und ist mit der Frau zurückgebrettert.

Ich hab gerochen, dass die Spanier hier höllisch aufpassen, damit sich keine Jungs von auswärts festsetzen und ihre Frauen rumturnen lassen. Vor Axel ist ’ne Stuttgarter Gruppe mit 24 Mann aus Marbella verjagt worden. Alles das hab ich ja gewusst durch die Heike. Ich hör ja Frauen, die was in der Birne haben, gerne zu. Sie hat gesagt: »Ihr Hamburger Jungs müsst vorsichtig sein, gerade du, Stefan, mit deiner Vorgeschichte, Waldi erschossen, vielen Dank. Spiel mal den Ball schön flach.« Das hab ich gemacht, flacher geht’s nicht.

Nach ’ner Zeit ist dann Goldlocke abgehauen. Ditschi auch, aber der ist noch mal kurz wiedergekommen. Ich hab ihn in Hamburg angerufen und gebeten: »Tu mir ’nen Gefallen, setz dich in mein Auto und bring mir den Sandsack mit.« In Marbella haben ja Leute wie Arnold Schwarzenegger im Sportstudio trainiert. Meinen Audi 100, den hab ich gebraucht wegen Sammy, um mit ihm in die Berge zu fahren und rumzutoben.

Irgendwann im September hab ich Marbella kurzfristig verlassen. Die Nachrichten über die aggressive Stimmung in Hamburg haben mich beschäftigt. Alle meine Lampen sind angegangen, ich hab in ’ner schmerzlichen Klarheit nachempfunden, was wirklich passiert war. Ich war voller Hass und hätte gerne meinen Ramboeffekt raushängen lassen. Ich hab ja nicht mit den Füßen in der Steckdose geschlafen, die Entwicklung in Hamburg ist mir nicht fremd gewesen, zumal ich gewusst habe, wer mit was im Spiel ist.

Sammy hab ich in einem spanischen Tierheim untergebracht. Das ist für mich grausam gewesen. Ich hab auch das Auto unten stehen lassen und bin geflogen. In Deutschland hab ich ’n paar Mark eingelöst, ich hatte noch ’ne Reserve auf der Bank, ’nen Pissgroschen, aber der sollte für Sprit und vielleicht für drei Monate reichen. Wenn du keine Luft mehr kriegst und in so ’nem teuren Badeort überleben willst, dann frisst du auch Staub.

Ich bin drei Tage in Hamburg gewesen und hab mich auf dem Kiez in meinem Trenchcoat gezeigt. Auf der anderen Seite hab ich einen meiner guten Freunde als Portier arbeiten sehen. Den hab ich »Opa« genannt und bin jahrelang sehr nett zu ihm gewesen. Ich sag: »Du stehst hier auf der falschen Seite.« Und er sagt: »Hier kann ich mir mein Geld verdienen.« Jetzt hat sich das Vertrauen gezeigt, dass zwischen uns in all den Jahren gewachsen ist. Er hat mir gesagt, dass auf mich ein Kopfgeld ausgesetzt worden ist. Dass die Tellersammlung rumgegangen ist. Wer alles sein Geld reingeschmissen hat, da hab ich nicht schlecht gestaunt. Da sind Leute darunter gewesen, denen ich mal geholfen hab. Danke schön. Ich musste ganz schnell wieder weg, ich wusste, der Nächste, der hier fällt, bin ich.

Dann bin ich wieder nach Marbella zurück. Die Heike konnte mir kein Haus mehr nach der Verwüstung bei den Schweden anbieten. Daher hab ich meinen Hund nicht abholen können. Akosua hat sich aus ihrer Villa verabschiedet und ist zu mir ins Hotel gezogen. Dass ich in so ’ner schwierigen Zeit ihrem Lachen begegnet bin, ist für mich wie ’n Trost vom Schicksal gewesen. Ich hab noch ’ne schöne Zeit mit Akosua gehabt. Die werd ich nie in meinem Leben vergessen.

Nein, das Geld ist noch nicht alle gewesen. Mein zweiter Name ist Heinz, so hieß mein Vater. Wie er bin ich Sachse und hab immer noch was im Beutel. Nach Hause, nach Hamburg, wollte ich schon irgendwie kommen. Auf jeden Fall hab ich die Verantwortung gefühlt, Akosua abzusetzen bei ihr zu Hause am Rhein. Mein Zuhause gab es nicht mehr. Die verwüstete Wohnung bei Axel wurde ja aufgelöst. Aus Marbella hab ich Lilo angerufen, was Akosua wiederum nicht wusste, und ihr gesagt: »Du, ich glaub, ich hab noch was zu erledigen.« Ich hatte ja noch diesen Ramboeffekt im Kopf. Und irgendwo musste ich ja pennen.

Mir ist schon bewusst gewesen, dass ich meinen Hund in Einzelhaft gelassen hatte. Auf unserer Rückreise bin ich mit Akosua in diesem Audi in das Tierheim gefahren, um ihn abzuholen. Wir haben eine Begrüßung gehabt, das war die schönste, die ich je erlebt hab. Ich geh auf das Tierheim zu, da steht so ’n alter Spanier. Er sieht aus, als hätte er 80 Weinberge, er hat graue Bartstoppeln und so ’ne Hängerpfeife im Gesicht. Auf einmal nimmt er die raus, guckt mich an und schreit: »Sammy!« Ich sag: »Ja, ja.« Er hat mich nie vorher gesehen und sagt zu mir »Sammy«. Der ist der einzige Hund gewesen – und die haben ja viele Hunde dort gehabt, und in Spanien hat man ein anderes Verhältnis zu Tieren –, den er abends in sein Haus gelassen hat, meinen Hund. Bei den Herrschaften, also den Spaniern, hab ich noch lange gesessen mit Akosua auf ein Schnäpschen. Ich hab eine große Freude über Sammy gehabt.

Dann sind wir ins Auto und los, durch die Sierra Nevada. Unterwegs steht überall, wo du halten willst, um zu tanken oder ’nen Espresso zu nehmen: »Sin Perro«, keine Hunde. Ich lass natürlich meinen Sammy im Auto, dreh ein bisschen die Scheibe runter, wie sich das gehört, und geh mit Akosua rein. Wir trinken ’nen Espresso und essen was. Irgendwann komme ich zurück auf den Parkplatz, so nach ’ner Stunde. Ich hab meinen Schlüssel in der Hand, seh mein Auto und guck da rein, das ganze Auto ist voll von Plastikzeug. Das ist nicht mein Auto. Ich geh weiter und wieder zurück.

Mein Hund hat in meiner Abwesenheit, nachdem ich ihn so lange alleine gelassen hatte in Einzelhaft und dann noch einmal ins Auto gepfercht hab in die Isolation, da hat der mir alles zerlegt. Die Zentralverriegelung, die Seitentür, die Kopfnackenstützen, die Armaturen – das Auto war ein Chaos. Sammy hat da unten gelegen, als würde er von mir Dresche kriegen. Ich hätte fast weinen können – was hab ich dem Hund angetan? Der Hund ist ’n Pitbull, ein Vierzig-Kilo-Hund. Jetzt hab ich den im Auto ’ne Stunde allein gelassen. Trotzdem ist zwischen Sammy und mir eine gigantische Solidarität. Ich seh das Auto zerfetzt, ich denk, hoffentlich geht das Gaspedal noch.

Ich hab den Scheiß erst mal ausgeräumt. Die Kopfstützen waren nur noch Schaumgummi. Es war nichts mehr da, die Seitenverkleidung weg, nur noch das Blech da, ein Wischer ging nicht. Und ich war mitten in Spanien. Ich weiß noch, ich musste erst mal hinter irgendwelchen Autos versteckt pinkeln.

Ich bin über drei Grenzen gefahren mit einem Lenkrad, das aussah wie ’n Flugknüppel. Es war katastrophal. An jeder Grenze: »Bitte rechts ran.« – »Selbstverständlich.« Ne Schwarze auf dem Beifahrersitz, hinten ’n Pitbull und ein zerfetztes Auto. Na, recht vielen Dank, ’ne tolle Heimreise.

Bleifuß Richtung Hamburg. Ich hab nur getankt mit dem zerrissenen Auto, nichts gegessen, nichts getrunken. Auf dem Nachhauseweg hab ich immer wieder Lilos Stimme gehört: »Dann komm mal mit Sammy, es ist alles okay. Wunderschön.«

Als ich in Hamburg angekommen bin, hat früher Schnee gelegen. Für unsere tolle Unterkunft bei Axel wollte Lilo nicht mehr die Unkosten tragen, weil ich den Harlekin in Marbella gemacht hatte. Sie hat sich ’ne Wohnung in der Waterloostraße genommen, in Eimsbüttel. Ich komm in Lilos Altbauwohnung im 1. Stock, klobig, ein langer Flur, viel Stuck. Nur das Schlafzimmer ist eingerichtet, ein paar Möbel, die in unserer alten Wohnung noch heil geblieben waren, stehen rum. Na ja, ich bin gerade angekommen, und sie will gleich arbeiten gehen in die Herbertstraße. Ich hätte ja auch nie gebellt, dass sie mir was zu essen machen muss. Ich geh in die Küche und sag: »Ich will nur ’nen tiefen Teller, weil der Hund Wasser braucht.« Nicht, dass Sammy rumgefiept hätte, das hätte er nie gemacht. Der hatte mir zwar das Auto zerlegt, aber er hatte Charakter. Und ich fang da nicht an: »Machst du Bratkartoffeln und ’n paar Eier?« Wenn ich nicht gefragt werde, ob ich Hunger hab, nachdem ich 14 Stunden mit dem Auto unterwegs war, dann hat sich das andere auch erledigt.

Natürlich war das ein distanzierter Empfang, was anderes war auch nicht zu erwarten. Sie war ja informiert, dass ich mit ’ner Schwarzen zusammen war, aber trotzdem kam ich wieder an die Mutterbrust. Da war wieder eine Tür auf, erst mal. Da gab es auch ’ne Verbindung von dem Vierbeiner zu Lilo. Sammy freute sich auch über sie, aber sehr verhalten, so wie ich auch war.

Erst mal hab ich meinen Freund Ditschi und seine Frau besucht. Die haben im Hotel »Amber« gewohnt, mit allem Sack und Pack, was sie hatten. Ins Hotel »Amber«, na gut, da geht man mal hin zum Ficken. Da gibt es ein Spielzimmer, das ist die Zehn, das weiß jeder, das kann man reservieren. Aber da wohnen ist schon: Oh, Hilfe. Ich bin da hoch ins Zimmer und sag: »Ditschi, was machst du denn hier?« – »Ach, ich fall schon wieder auf die Füße.« Ein Wort gibt das andere, wir sind in so ’ner Grabesstimmung und hören diese Platte von Prince, Purple Rain: Das war Waldis Musik, die wurde auf seiner Beerdigung gespielt. Ich hatte das Stück in Marbella nicht gehört. Jetzt erlebe ich durch die Musik Waldis Beerdigung in Gedanken. Dann kommen solche Ausraster: Aus Hass wächst was, was einen wach hält.

Mucki Pinzner ist ja noch draußen rumgelaufen. Ich hab auch Dillo gesehen, der schon ’n bisschen schwach bei Blase gewesen ist und sich trotzdem mit 5000 Mark beteiligt hat an meinem Kopfgeld. Und ich hab von seinem guten Vorschlag gehört, mich durch den Fleischwolf zu drehen und an die Pitbulls zu verfüttern.

Ich bin, als ich aus Marbella wieder zurück war, einer der am meisten gefährdeten Männer. Ich rangiere ganz oben im Visier. Angst essen Seele auf, Prinzessin. Es geht um Leben und Tod, ich bin wieder da, ich stell mich, alleine wie immer.

Man ist absolut ein Topstar darin, Dinge zu verdrängen, wenn man unten in Marbella in der göttlichen Sonne ist und wie bei Bay Watch die schönen Leiber um sich hat. Dann ist alles in Ordnung, und man will eigentlich gar nicht an das denken, was in Hamburg passiert ist, versteht du das, Prinzessin? So verdreht man sich selber in seiner Person, und dann kommt mit Wucht die Vergangenheit zurück und ist mit einem Mal die Gegenwart. Wie geh ich jetzt weiter vor? Bin ich jetzt in Hamburg zurück ohne Eier, oder mach ich mein Ding? Ich hab immer mein Ding gemacht. Da kann der oder jener noch rumlaufen. Mit dem Wissen, dass die da sind, bin ich außer Haus gegangen, so hab ich mich auch angezogen.

Mein erste Amtshandlung: Ich bewaffne mich. Mir gehörte ’ne Smith & Wesson, 9 Millimeter, die hatte ich von meinem Freund Brillanten-Paul in rotem Geschenkpapier erhalten, lange bevor ihm in Portugal der Kopf zerschmettert wurde. Ich seh ihn noch vor mir im »Wintergarten«, und er sagt: »Hinter meinem rechten Hinterreifen ist was für dich.« So was lässt man sich nie in ’ner direkten Verbindung geben. Ich geh raus und bück mich am rechten Hinterreifen, als wenn ich ’nen Schnürsenkel zumachen will, und steck mir das Geschenk in die Tasche.

Brillanten-Paul war schon lange tot, aber die Kanone hatte ich wie eine Bibel bewahrt, die hatte für mich Priorität. Ich hab sie im Schrank unter der frischen Wäsche versteckt, da, wo ich früher das Geld gebunkert hatte.

Irgendwann habe ich sie meinem Freund Günther gegeben, der heute leider tot ist. Der hatte in der Hierarchie seiner Firma großen Streit und fragte mich nach ’ner Waffe. Den hab ich geliebt, ich hab immer »Vater« zu ihm gesagt. »Ey Vater, mach keinen Scheiß.« – »Stefan, gib mir ’ne Waffe, ich bin ein erwachsener Mann. Ich hab ein Haus und pflege meine Frau, die muss ich schützen. Du musst mir helfen.« Natürlich hab ich ihm geholfen. Was weiß ich, was da oben in diesen Chefetagen abgegangen ist. Es hat mit dem Krieg Iran-Irak zu tun gehabt und mit Waffengeschäften. Na ja, für mich ist das alles Neuland gewesen, verdammt noch mal, Waffengeschäfte. Günther hat kein Gemüse verkauft. Und er hat mich komischerweise nach ’ner Waffe gefragt. Er ist für mich wirklich ’n geiler Typ gewesen. Also, ich hab keinem Neurotiker was gegeben und schon gar nicht die Waffe. Ich hab gesagt: »Ich gebe dir die Waffe für die Zeit, wo du sie brauchst. Und wenn du sie benutzt hast, behalte sie, und dann sprechen wir über den Preis. Wenn nicht, gibst du sie mir zurück.«

Und es ist dann die Zeit gekommen, dass er sie mir zurückgeben musste. Ich hab die Pistole geholt, aber ich wollte nicht schießen. Ich hab sie am Mann gehabt, hinten im Gürtel, die ist wie mein zweiter Schwanz gewesen. Ich hab auch immer ein Gewicht, sprich das Schlüsselbund, in die Tasche gelegt, denn wenn du zur Pistole greifst, musst du ein Gewicht haben, dass die Stoffrolle nicht zurückkommt. Du musst gleich Platz haben, um an den Knauf ranzukommen. Wenn ich zum Boxen gegangen bin, hab ich mir nur eine Hand bandagiert, damit ich die Smith & Wesson durchziehen kann. So hab ich gelebt hier, sogar zum Scheißhaus hab ich das Ding mitgenommen, in meiner eigenen Wohnung, weil man mir mein Rennrad im ersten Stock geklaut hat. Das hat neun Kilo gewogen. Da hab ich gedacht: »Na, wenn man mir das Rennrad da oben vom Balkon klaut, dann muss ich das Ding auch mit in die Heia nehmen.«

Mein Puff hat ja nun richtig den Kopfsprung gemacht. Ich geh da rein und finde nichts mehr von dem vor, was ich verlassen habe. Es sind – genauso wie damals, als ich angefangen habe – nur noch vier, fünf Weiber da. Die Aids-Hysterie hat die Geschäfte versaut. Es ist nichts mehr los gewesen. Ich hab die Massenhysterie vor Aids nicht verstanden, weil Huren in ihrer Arbeitsphase viel sauberer sind als ’ne Solide, die die Nacht durchgetanzt hat und danach den Weg zur Dusche nicht findet und sich auch noch geil fühlt. Also, ’ne Hure macht sich da schon in ihrer Sache sauber. Da wird Wert darauf gelegt, das ist letztendlich auch das Geschäft. Du verkaufst ja auch keinen Wagen, wenn da Scheiße auf dem Rücksitz liegt. Trotzdem wuchert die Vorstellung, wo Aids nur herkommen kann: aus ’ner Minorität, von Huren, die jeden Tag rumvögeln.

Eine von unseren Huren, die Marita, die aber längst nicht mehr im »Salon Mademoiselle« gearbeitet hat, die ist nur noch ein Drittel von dem gewesen, was sie mal war. Marita, die Diva mit den tollen Hüten, Marita, die immer so tat, als warte sie auf den einen, hat den einen gefunden, der ihr den Tod gebracht hat. Aids hat sie nicht vom Ficken gehabt, sondern von dem Penner, der sie auf die Nadel gehoben hat. Die ist dann bald gestorben.

Aber nicht nur wegen Aids ist der »Salon Mademoiselle« so heruntergekommen. Mein Partner Axel hat die Welt nicht mehr verstanden. Warum bin ich auf einmal monatelang weg, lass Bräute einfliegen und mir Geld geben? Ich hab seine Lage auch nachvollziehen können. Ich hab mich um Hamburg ja nicht mehr gekümmert. Ich hätte auch eher wiederkommen können, wenn ich nicht besoffen von dem gewesen wäre, was passiert war. Ich kann meine Fehler nicht schönreden, ich brauch nicht den Max zu machen, ich bin doch kein Armdrücker, in erster Linie bin ich Denker. Und das mach ich auch als Kampfsportler: Der Fight wird im Kopf entschieden, und den ums Geschäft hab ich verloren. Axel hat schon jemanden an der Leine gehabt, der den Puff kaufen wollte: Männlein ist der genannt worden, der hat ’nen ganz schlechten Ruf gehabt, weil der mit miesen Tricks gearbeitet hat. Er ist eben sehr talentiert auf seine Art gewesen. Wenn irgendwas bergab geht und du brauchst jede Mark und willst wieder aus der Scheiße raus, dann akzeptierst du auch so einen wie Männlein. Da fragt er mich: »Kannst du dir vorstellen, an mich zu verkaufen?« Ich sag: »Frag mich lieber, warum ich verkaufen will.« Mit meiner Ehrlichkeit hab ich ihn fasziniert. Das Geschäftliche hat Axel in die Wege geleitet und ein mehr oder weniger bankrottes Geschäft für kleines Geld verkauft. Er ist mir noch mit den Mietschulden gekommen: »Das müssen wir aufrechnen und hochrechnen.« Natürlich, wenn ich ein dreiviertel Jahr in Marbella rumgeturnt bin und mit diesem persönlichen Druck agiert habe, und Mucki läuft noch rum. Aber was hat der Axel mit Mucki und Waldi zu tun gehabt?

Am Ende hab ich ’n bisschen Bewegungsgeld gehabt, ein Handgeld, mit dem man noch ’n bisschen überleben konnte, ungefähr 20 000 Mark. Axel hat dann das »Relax« in St. Georg gemacht und gefragt, ob ich da mit einsteigen will. Wir galten ja noch als Partner. Das »Relax« hat mir schon gefallen, ein toller Laden, roter Samt, ’ne Hollywood-Bar in Hufeisenform. Da haben sich die Damen aufgereiht und sind in der Nachbarschaft in ein anderes Haus ficken gegangen. Im Prinzip ist das »Relax« ein Nachfolgeetablissement vom »Chérie« gewesen, ein Sammelpunkt von Huren, die Klasse hatten. Da ist das Geld nur so reingeprasselt. Axel mit seiner Spürnase hat das gerochen. Aber ich bin am Einstieg mit 30 000 Mark gescheitert, verdammt noch mal, ich hab das Geld nicht gehabt. Da war ich eben über Bord, im Klartext.

Zwischen Weihnachten und Neujahr bin ich mit Lilo verreist. Ich wollte der Alten mal wieder unter die Arme greifen, damit sie nicht so ’ne Fresse zieht. Ich war ja nicht ihr Heger und Pfleger, ich bin nicht mit Seidensakkos und Goldkettchen rumgerannt. Ich wollte einfach schnell wieder weg in die weite Welt. Thailand war eine Idee von ihr, weit weg und niemanden kennen lernen. Sie hatte immer Angst, wenn wir nur nach Spanien, nach Mallorca oder Ibiza gefahren sind, dass ich da die Hälfte der Menschen kenne. Also haben wir uns auf die Insel Phuket eingeschwärmt. Nach der Fünf-Sterne-Scheiße auf Jamaika wollte ich einen Bungalow mit direktem Blick aufs Wasser, nicht gerade günstig über die Feiertage.

Asien hat mir sofort gefallen: die Küche, erst recht die Garküchen am Straßenrand, die freundlichen Menschen, die Frauen unter ihren Spitzhüten, das Klima, der Platzregen. Zwanglos ohne Helm auf dem Moped durch die Gegend zu fahren – das ist für mich das Beste in den Ferien gewesen. Natürlich bin ich den Einheimischen mit meiner Größe und Stärke aufgefallen. Die haben mich »Lambo« genannt, die können das R ja nicht sprechen, die riefen immer »Hallo, Lambo!« Nach ’ner Zeit ist mir die Sprache auf den Sack gegangen. Manchmal hab ich dies Zwölf-Silben-Gezwitscher im Gehirn nicht gebraucht und mich abgesondert.

An der Bar von unserer Bungalow-Anlage haben wir ein Arztpärchen aus Düsseldorf kennen gelernt. Der Arzt hat mehr Augen für Lilos dicke Marmortitten gehabt als für alles andere. Wir sind alle schön besoffen gewesen, aber ich hab das gerissen: Dies Pärchen ist auf Partnertausch aus. Die andere Frau ist schon attraktiv gewesen, aber mir hat der Sinn nicht danach gestanden. Ich bin da vielleicht ein bisschen zu altmodisch: Weihnachten und Silvester, ich sitz nicht mit meiner Frau 16 Stunden im Flieger, um ’ne andere Henne rumzunudeln. Das war nicht mein Ding. »Wir brechen hier die Zelte ab«, pieps ich Lilo ins Ohr, weil sie schon wieder anfängt, die Titten zu rücken. Da kriegst du ja Angst, wenn sie die Kraken hochholt. Und der Arzt rückt rüber: »Wollen wir nicht Brüderschaft trinken?« Ich kenn dieses solide Zusammengerücke, Polonäse, da krieg ich ’nen Kackreiz. Ich sag: »Ich geh schon mal vor, komm du man nach.« Aber die Dame kommt nicht. Ich leg mich schlafen. Irgendwann werde ich wieder wach, ’ne Stunde später. Ich zieh meine Rüstung wieder an und geh im Stechschritt an die Bar zurück. Ich hör schon von weitem, wie sie rumfeixen. Ich geh zu Lilo und beiß ihr wie Mike Tyson ins Ohrläppchen, um ihr zu verstehen zu geben: »So, wenn du jetzt nicht kommst, mach ich dich platt.« Weil das ihre Gossensprache ist, die sie wirklich hört. Hab ich aber falsch gedacht, die Dame ist erst zwei Stunden später stockbesoffen gekommen, und da bin ich ausgerastet. Ich hatte ihr in Downtown tolle Kleider gekauft, die hab ich ihr runtergerissen. Und sie ist nackt, das musst du dir mal vorstellen, nackt weggelaufen. Ich hab gebrüllt: »Bleib hier, bist du bescheuert? Ich flieg mit dir nach Thailand, und du sitzt da wie in so ’nem Swingerclub vor so ’nem blöden Düsseldorfer Pärchen, weil er Arzt ist und Kohle hat. Du verwechselst hier was: Wir sind privat da!« Sie rennt weiter, und die Thais, die sie »La Bomba« getauft haben wegen ihrer Titten, sehen sie in ihrer nackten Pracht. Rennt die durch die Anlage und schreit um Hilfe. Ein grausames Chaos. Und was mach ich? Ich grab in aller Eile halb besoffen meine Teile zusammen und hau ab. Ich kenn die asiatische Polizei nicht. Was weiß ich, was die in solchen Situationen macht.

Ich hab mir dann für ein paar kleine Bäht ein Zimmer genommen mit Ventilator an der Decke wie in den alten Humphrey-Bogart-Filmen. Am nächsten Morgen hab ich vom Hotel wie ein Dieb mein Moped geholt und bin an den Beach gefahren, an dem wir immer zusammen gewesen sind. Aber sie ist nicht gekommen. Ich bin abends schweren Herzens in mein Zimmer gegangen, hab da gelegen und gedacht: »Sie muss doch mal kommen.« Man verträgt sich doch wieder: Neues Jahr, toller Anfang.

Nach dem zweiten Tag hab ich das nicht mehr ausgehalten und bin in das Hotel zurückgegangen, ganz locker in ’nem neuen Hemd. Ich hab einen zweiten Schlüssel gehabt. Ich komm in unser Zimmer rein, und da riecht das wie frisch verbrannt. Da hat sie die Klamotten, die ich ihr gekauft hatte, in der Badewanne abgefackelt. Also, sie ist noch auf Krieg aus. Da hab ich sofort die Tür zugeschlagen, bin nach Downtown gefahren und hab genau die Klamotten, die sie verbrannt hatte, neu gekauft, bin wieder ins Hotel und hab die auf dem Bett ausgebreitet. Und dann hab ich mich wieder verpisst.

Und einen Tag später bin ich am Strand unter meinem Bambusschirm, und da kommt jemand mit so ’nem wehenden Kleid. Ich seh schon von weitem, wer das ist.

Nach dem Versöhnungstrip sind wir bald wieder zusammengestoßen. Ich hab mich in ihre Wohnung nur wie in ein Zelt reingelegt, mit ’ner Raffinesse. Aber ich hatte die Schnauze voll und einfach nur vorgehabt, erst mal in Hamburg irgendwo zu überleben. Meinen besten Freund Ditschi im »Amber« zu sehen – das hat mich verletzt. In so eine Lage hab ich nicht kommen wollen.

Da sagte mir die Lilo: »Eine Wohnung in der Annenstraße steht leer und wird nur an allein stehende Herren verkauft oder vermietet.« Die Wohnung gehörte einer alten Dame, die ist dort als Mädchen Anfang des 20. Jahrhunderts groß geworden. Die wollte da kein anderes Mädchen drin haben, nur einen Mann, vielleicht so ’nen Typen, von dem sie als junges Ding mal geträumt hatte. Bei der Dame hat Domenica ihren Auftritt gehabt und meine Marmortitte, aber sie haben alle ’nen Korb gekriegt. Und ich steh draußen zum verabredeten Zeitpunkt, 14 Uhr, ich klingel, sie macht auf und sagt: »Ja, ich hab gerade ’ne Führung.« Und macht mir die Tür vor der Nase zu. Das ist meine erste Begegnung mit der Hausfrau. Als ich wiederkomme, hab ich ein blau geklopptes Auge, vom Sparring aus der »Ritze«. Wie soll ich jetzt ’ne Wohnung anmieten, Vertrauen kaufen? Was soll ich ihr erklären? Dass ich mich geschminkt hab? Sie macht auf: »Oh, was ist Ihnen denn passiert?« Ich sag: »Ich bin auch gerne Boxer, und ich hab mir heute eine eingefangen. Das ist sicherlich nicht der richtige Zeitpunkt für ’ne Vorstellung, aber das ist mir passiert.« Da hat sie gelacht, ich hab mitgelacht, und sie hat gesagt: »Oh, Sie haben aber ’ne schöne Lache. Sie wollen die Wohnung nehmen, und Sie haben keine Familie?« – »Nein, das war doch zur Prämisse gemacht worden.« So sind wir ins Gespräch gekommen, und ich hab den Turm gekriegt: Drei ineinander übergehende Zimmer, vorne ein richtiger kleiner Salon mit ’ner geschnitzten Holzvertäfelung rundum, hinten am Schlafzimmer ein kleiner Wintergarten mit ’ner Treppe zu einem Garten unter dem Schatten einer riesigen Rosskastanie, im Souterrain ’ne Sauna – eine Traumwohnung in ’ner stillen Gegend von St. Pauli.

Ich bin also von der Waterloostraße in die Annenstraße gezogen. Da leb ich noch heute.

Mit der neuen Wohnung hab ich Lilo erst mal wieder motiviert. Alle anderen haben Klimmzüge gemacht, sie haben den Turm nicht gekriegt. Jetzt hat die Lilo natürlich angegeben: »Mein Mann hat das geschafft.« Sie hat in der Herbertstraße wieder richtig gebohnert in ihrem Muschikorsett, und ich hab von dem gelebt, was sie verdient hat.

Dann hat mich die nächste Begegnung mit Mucki Pinzner aufgepeitscht wie ’n Orkan das Meer. Ich sitz neben Lilo in ihrem silbernen Golf, wir wollen die Davidstraße hoch fahren Richtung Herbertstraße, wo ich den Fahrersitz übernehmen will. Auf der rechten Seite in der Hein-Hoyer-Straße sitzt Mucki Pinzner in seinem BMW. Ich sag zu Lilo: »Das ist der, der Waldi erschossen hat.« – »Stefan, tu mir bitte einen Gefallen, bau keine Scheiße.« Sie weiß, dass ich das Eisen an der Hüfte hab. Die Ampel ist rot. Ich weiß, er ist auch bewaffnet. Er atmet genau so durch wie ich. Es ist wie bei der Formel 1 in der Pole-Position. Wir sitzen uns 40 oder 60 Zentimeter durchs Blech gegenüber. Die Ampel ist rot. In mir ist ein Aufkochen der Brandung. Als würdest du untergeduckert unter Wasser. Du willst aufatmen: »Mensch, befrei dich von dem Wichser, der hat Waldi umgelegt.« Und dann hörst du von links: »Bleib ruhig, Stefan.« Die ist so erbarmungslos, meine Dame da. Das ist schon verrückt.

Ich bin plötzlich wieder der junge Motorradfahrer, der gegen die Sonne ’nen Hügel in der Eifel hochfährt. Als ich über die Kuppe komme, sehe ich vor mir einen Unfall, ein anderer Motorradfahrer, der vielleicht auch geblendet worden ist. Ich will helfen und sehe durch den Lederanzug so ’nen rausgestellten Hüftknochen von der Frau, die hinten auf dem Rücksitz gesessen hat. Ich bin erschüttert und zugleich froh, dass ich niemanden auf dem Sozius habe außer dem lieben Gott.

Jetzt hab ich wieder das gleiche Gefühl, die Erinnerung an den Knochen taucht auf, als ich mich entscheiden muss, ob ich schieße oder nicht. Das sind nur Bruchteile von Sekunden.

Ich hab aus einem einfachen Grund nicht geschossen: Ich hatte eine panische Angst. Ich hatte Angst um Lilo, dass die getroffen wird oder ’nen Schuss in die dicken Titten kriegt. Nennen wir es, wie wir es wollen, aber ich war nicht allein in dem Moment. Dann wurde die Ampel grün, er bog rechts ab und wir sind geradeaus gefahren.

Als Lilo in der Herbertstraße ausgestiegen ist, hab ich lächerlicherweise die Verfolgung aufgenommen. Ich hab gedacht: »Hoffentlich steht er irgendwo. Jetzt ist mir das scheüßegal, jetzt mach ich Ernst, verdammt noch mal.« Ich hab die Satisfaktion gebraucht: »Jetzt jag ich ihn!« Getroffen hätte ich ihn bestimmt, mit meinem ganzen Magazin durch die Augen, das schwör ich dir. Wenn ich ihn gesehen hätte, wenn, wenn… Wenn meine Oma ’nen Schwanz hätte, wäre sie mein Opa. Aber es war zu spät, ich hab Mucki nicht mehr gesehen.

Tag für Tag habe ich an der Schwelle der Ewigkeit gestanden, eine ungeheure Belastung. Vielleicht hab ich mich auch vor meinen Rachegelüsten schützen wollen, vielleicht hab ich es satt gehabt, immer mit ’ner Waffe rumzurennen, vielleicht hab ich um mein Leben gefürchtet, vielleicht hab ich die Schnauze von Lilos Gezicke voll gehabt, vermutlich ist alles zusammengekommen: Mich hat’s wieder weggetrieben.

Da hab ich den Heino getroffen, der hat viel Geld gehabt, wer weiß woher, drei Porsche in der Tiefgarage, und trotzdem ist der seit 25 Jahren immer nur nach Österreich zum Kraxeln in die Berge gefahren. Dabei ist dem der Verstand in die Hose geplumpst, wenn der mal ’nen schwarzen Arsch gesehen hat. Also hab ich ihn gefragt: »Was hältst du denn mal von der Copacabana? Meine Güte, du hast doch genug Fett.«

Brasilien war schon immer in seinem Hinterstübchen, er spricht ja Portugiesisch, aber er hat nie den Kick gekriegt, alleine rüberzufahren. Transen aus der Schmuckstraße, die aus Brasilien stammen, haben ihn voll gelabert, dass er für ihre Freunde und Verwandten Sachen mitnimmt. Die haben ihn vielleicht beladen! Der ist mit peinlich verschnürten Kartons gereist, wie wenn man früher aus Westdeutschland mit Care-Paketen in die DDR fuhr. Dafür hat er auch noch am Flughafen ordentlich bezahlen müssen. Aber so was ist ihm nicht fremd gewesen. Weiber haben ihn ganz schön übern Leisten gezogen und sich die Titten auf seine Kosten machen lassen. Die haben ihn ausgenommen. Wenn ihm das klar geworden ist, hat er den Weibern an den Fersen gehangen und seine vorgestreckten Dollars wiederhaben wollen, für ihr Silikon in der Haube.

Als wir in Rio ankommen, steigt der aus wie der Papst und küsst den brasilianischen Boden. Na ja, gut, das ist sein Ding. Wir sind in einem Hotel an der Copacabana abgestiegen, teuer, aber relativ bescheiden. Er ist »O Louro« genannt worden, weil er blonde Haare hat. Mit seinem perfekten Portugiesisch hat Heino gleich am ersten Abend so ’nen Schnapper kennen gelernt, also ’ne Frau, die keinen Aufwand kostet, um sie vors Rohr zu kriegen, sich aber lohnt, eben ein Schnäppchen aus Fleisch und Blut. Dann ist er gekommen: »Wir ziehen hier aus. Wir kriegen ein Privatappartement im zwölften Stock mit großem Foyer am Eingang.« Die Alte hat draußen mit ’nem Auto gestanden, und wir sind in die andere Richtung, fast bis ans Ende der Copacabana gedonnert.

Wir haben jeder eine Wohnung gekriegt. Am nächsten Tag hab ich mich gewundert: Er ist morgens nicht rausgekommen. Ich hab noch ein bisschen länger gewartet, die Sonne knallt ja in Brasilien unendlich, und der Heino schließt sich mit ’ner Brasilianerin ein und guckt Tennis. Ich bin allein, natürlich völlig unorientiert, an die Playa gegangen und hab mich da niedergelassen, wo es mir am besten gefallen hat. Ich hab Bier getrunken, zugeguckt, wie das Mischvolk grillt, mich über die gegenseitige Anteilnahme gewundert und gedacht: »Hier geht aber die Post ab.« Ein paar Transis hab ich wohl gesehen, aber erst am zweiten Tag haben sie mir erzählt, dass ich mich am Homo- und Transenstrand aufhalte. Das ist mir nicht zuwider gewesen, aber ich hab gedacht: »So, jetzt reicht’s auch, Stefan. Hier lernst du mit Sicherheit keine richtige Brasilianerin kennen.«

Der Heino hat nach drei Tagen ein Telegramm gekriegt, dass seine Mama gestorben ist. Ich hab bei ihm Heiapopeia gemacht, und wir haben beide geweint. Er ist sofort wieder zurückgeflogen mit ’nem sündhaft teuren Linienflug. Mein fest gebuchtes Billigticket ging erst in sechs Wochen zurück.

Ich also allein in Rio. Bin rumgelatscht. Hab mir ein anderes Stück Strand gesucht, das Treiben beobachtet und mich gefreut, als in meiner Nähe ein Vater mit seinen Söhnen ein kleines Zelt und einen Getränkestand aufbaut. Ein drittes, kleineres Kind ist auch noch rumgewuselt. Wenn der Vater zum Meer gegangen ist, hat er niedergekniet und sich bekreuzigt. Die Sorgfalt und der Eifer der Familie hat mir gefallen: Wie sie das Eis zum Kühlen der Getränke zerhacken, wie sie alles in Ordnung halten, wie sie ihr Strandstück im Blick haben. Wenn ich gewinkt hab, sind die Kids wie die Sputniks angerast gekommen und haben mich mit kühlem Bier versorgt. Die Jungs haben zerschlissene T-Shirts angehabt. Als ich ihnen neue gekauft hab, sind sie erst ganz verschämt gewesen, dann aber stolz durch die Gegend gewetzt.

Nach ein paar Tagen, als die Strandverkäufer ihr Zelt abgebaut haben, hab ich dem Vater klar gemacht, er soll mal mit seiner Familie mitkommen. Fast hätte ich sie über die Straße ziehen müssen, weil sie sich so geziert haben, ins Restaurant zu gehen. Ich hab gedacht, was läuft hier für ’n Film? Und dann hab ich der Familie mit viel Mimik zu verstehen gegeben, dass ich sie auf brasilianische Art einladen möchte. Es ist dann noch ein ganzer Tross von Verwandten und Freunden mitgezogen. Als der Kellner gekommen ist, sind sie alle in einer Demutshaltung erstarrt. Aber ich hab gedacht: »Arschlecken. Das geht nun gar nicht.« Ich hab gesagt, es soll ’ne lange Tafel gerichtet werden, ich möchte Bohnen essen, schwarze Bohnen. Die Gesichter haben gestrahlt, meine Güte. Umgerechnet hat mich das ’n paar Dollar gekostet, davon haben zwölf Leute an der Tafel gegessen. Und das hat geschmeckt, die haben sich mit ihren fettigen Händen beeilt, noch ’n Stück Fleisch reinzuschieben.

Dann hab ich den Vater gefragt, wo die Familie wohnt. Ich hab mich in der stickigen Hitze in ihr Auto gequetscht, das muss ’n Japaner gewesen sein. Es hat irgendwie nach Lebendigkeit gerochen. Wir sind in die Favela, in die Berge gefahren. Schlüssel aus und Schlüssel an. Da hab ich begriffen, dass sie bergab den Zündschlüssel rausgenommen haben, um Sprit zu sparen. Ich hab geschrien: »Tankwart, Tankwart, tut mir ’nen Gefallen!« Nein, sie wollen schieben. Nein, es wird getankt, ganz klarer Fall, Hentschel setzt sich durch.

In der Favela waren die Häuser aus Wellblech oder aus Lehm gebaut. Wo wir ausgestiegen sind, waren Billardtische aufgebaut, nur so groß wie ’ne aufgeklappte Zeitung. Die Knüppel hatten sich die Jungen aus Ästen geschnitzt. Die Hütte der Familie hat ausgesehen wie ein Schachturm, oben ein Dachgarten, wo man die Wäsche aufgehängt hat. Alles in einer peinlichen Sauberkeit trotz Armut, das ist mir aufgefallen. Ich bin in das Haus reingegangen, es ist relativ kühl gewesen, da hab ich das erste Mal seine Frau sehen dürfen. Sie hat ein kleines Kind auf dem Arm getragen, und ich hab wieder in so ein schönes Gesicht reingucken dürfen.

Das Haus hat nur einen Raum mit einer Schlafstelle gehabt. Ich hab erfahren, dass sie wechselweise dort schlafen. Wenn du das gesehen hättest, Prinzessin, verrückt. Die schlafen in Abständen, damit jeder das warme Zuhause hat, das ist wirklich Familie. Das einzige Fundament hat sich da befunden, wo die kleinen Kinder schlafen, in Geborgenheit. Babygeschrei hast du kaum gehört, komischerweise. Du hast das Rabaukentum von den älteren Kindern gehört, diesen Lärm, das permanente Durchgehen von den Kids, die da rumrennen. Die Erwachsenen haben Besonnenheit gezeigt. Wenn du durch die Favela gehst, kriegst du als Weißer kaum ’ne nette Geste oder ein Lächeln geschenkt. Da musst du cool sein, das ist mir ja nicht fremd aus meinem Leben heraus. Dann hörst du bobobomm, da schießt irgendwo wieder jemand. Automatisch bin ich einer, der sich genau so verhält wie die: Ich duck mich nicht.

Bei jedem Regen müssen sie in der Favela was Neues erfinden. Vor Regen haben sie Angst. Ich hab so einen Regen erlebt, aber in der Innenstadt. Ich denk: »Was rennen die hier weg?« Und dann: »Wo kommt denn das Laub her?« Ich krempel mir die Hosen hoch, das Wasser steigt: »Wo kommt das Laub her, hier sind doch gar keine Bäume?« Da sind das Kakerlaken aus den Kellergewölben, die sind so groß wie Laubblätter. Wenn du das begreifst, wie du dann hochspringst, wie von der Tarantel gestochen. Du bist in Südamerika.

Du bist allein in Südamerika, und abends fängst du das Caipirinha-Saufen an, dann wächst der Trieb in dir, die Sonne hat dich aufgeheizt, die ganzen Halbnackten am Strand. Ich sitz da in der Armeehose, die mich überallhin begleitet hat, und fühl mich stark wie ’ne Litfasssäule. Du sitzt da und merkst, dass Frauen an dir interessiert sind. Du trifft Touris, die sagen: »Du musst ins ›Help‹ gehen.« Na ja, da bin ich ins »Help« gegangen, eine große fetzige Discothek. Da findest du absolut die schönsten Menschen auf der Welt, du wirst von ihnen mit Erdnüssen beworf en, die gucken dich an, die Frauen vom Allerzartesten. Im Klartext sind das Huren. Natürlich hab ich mir eine mit nach Hause genommen. Der Hentschel ist ja in Laune durch die Caipirinhas gewesen und hat den Tänzer gemacht. Ich hab mir die Krönung, die Sahneschnitte rausgepopelt.

Natürlich haben wir rumgehühnert und ’n geiles Ding gehabt. Dann wachst du auf, die Schnitte liegt nicht neben dir, du bist sofort hellwach, der Instinkt treibt dich hoch, du denkst, die ist abgehauen. Dann seh ich ihren schwarzen Arsch: Die macht in meiner Wäsche rum, wo mein Geld ist. Ich hab noch von den Caipirinhas Minimum 2,0 Promille in der Birne und spring sie an. Sie wehrt sich und kreischt, ich soll gleich löhnen, greift nach ’nem Bügel, um mich zu schlagen. Ich hau der in die Backen, ich hab schließlich meinen Ehrenkodex: »Was bildest du dir ein? Wir ficken uns hier wund, und morgens bemaust du mich.« Also Missverständnisse pur, mehr geht nicht. Na, dann fliegt sie natürlich raus, wie sie das braucht. Sie schreit noch in ihrem gebrochenen Scheißenglisch, dass ich verrecken und sterben werde.

Am nächsten Morgen hab ich erst mal die Miefbettlaken mit ihrem originellen Parfüm rausgeschmissen. Alles voll mit Lippenstift. Als sich die Wirkung von den Caipirinhas langsam vernebelt hat, ist mir zu Bewusstsein gekommen: »Hab acht.« Als das Telefon geklingelt hat, hab ich ein Scheißgefühl gehabt: »Irgendwas läuft hier.« Am nächsten Abend um 17 Uhr hat die Hausmeisterin angerufen: »Da will Sie jemand besuchen.« – »Nein, nein, ich kenn hier keinen.«

Am nächsten Tag ist mir klar geworden: Die lassen sich nicht abwimmeln. Für die bin ich ein Gringo, den wollen sie platt machen. Ich bin also wieder auf der Flucht gewesen, wie ich das aus Hamburg kannte: Das Letzte, was ich gebraucht habe. An der Copacabana sind zu der Zeit jede Woche ’n paar Morde passiert. Dann bin ich wieder an meinen Bonschestrand gegangen, wo die Halbseidenen, die Transen und die Schwulen rumturnen. Da ist mein Hilfeschrei angekommen. Da hat’s einen gegeben, der hatte irgendwann mal in Hamburg auf der Großen Freiheit angeschafft, der hat mich verstanden und den anderen meine Situation erklärt. »Näo problema, Stefano, tudo bem.« Dann sind vier von ihnen mitgekommen, haben sich einquartiert in meiner Wohnung und die Brüder von der Hure empfangen: »Was ist? Wir wohnen hier schon ganz lange. Die muss sich irren.« Die haben ’nen Film abgezogen, das hätte keiner besser vortragen können. Die Brüder haben mit ihren Stilettos dagestanden, und die Schwulen haben sie kirre gemacht: »Hä? Also eure Schwester muss voll doof gewesen sein.« Und ich hab hinten gesessen, mit ’nem Kartoffelschälmesser und ’nem Lederriemen um meine Hand und gedacht: »Wenn sie kommen, dann kommen sie. Zwei, drei kann ich schon wegblasen.« Aber sie sind nicht gekommen, sie sind abgezogen, und ich bin wieder mal gerettet worden, Inshallah.

Ich hab mich erst mal dünn gemacht und tagelang auf die Suche nach ’nem Buch begeben. Und keine Bücherei, kein Arschladen hat deutsche Literatur gehabt. Englisch, Französisch, Italienisch, alles zu finden. Irgendwo hab ich schließlich ’nen Simmel-Schinken gefunden und den gefressen wie ’n Pfarrer die Bibel.

Auch die »Bild am Sonntag« hab ich gekauft für überbewertetes Geld. Ich schlag die auf und trau meinen Augen nicht: mein Freund Ditschi auf ’ner halben Seite. Im gelben T-Shirt mit ’ner Rose im Arm wirbt er für irgendein Gartencenter. Ich sitz an der Copacabana, und in so ’nem abgegriffenen Ding guck ich meinem besten Freund in die Fresse: der geilste Sonnenstrahl fern der Heimat.

Natürlich hab ich in Rio nicht aufgehört zu hühen, das kannst du gar nicht. Bei den Mahlzeiten kriegst du ein Prachtfleisch hingelegt, halbe Rinder, die hab ich vertilgt. Dann die Sonne und das Meer, das Schwimmen in gleißendem Licht. Und abends im Rest der Schwüle die Frauen. Da hab ich ’ne Nettere gefunden und die mit nach oben genommen. Mit der bin ich bald nicht mehr allein gewesen. Die hat ihre Familie im Schlepptau gehabt: Die stehen auf der Matte und gehen mit ’ner Selbstverständlichkeit an deinen mannshohen Kühlschrank und popeln den leer. Da kannst du dich gar nicht wehren, das musst du genießen als weißer Arsch.

Als ich nach Hamburg zurückgekommen bin, ist Lilo mit Schaum vor dem Mund rumgelaufen, weil ich für die Brasilienreise den Krügerrand aus dem Safe unten im Keller rausgeholt hatte. Wir hatten einen gemeinsamen Schlüssel in einem gemeinsamen Versteck, der Schlüssel hat natürlich noch in dem Versteck gelegen, nur im Safe ist nichts mehr drin gewesen.

Ausstieg

Zwei, drei Wochen nach meiner Rückkehr aus Brasilien ist Mucki Pinzner geschnappt worden, und auch den Wiener Peter hat die Schmiere eingehakt, an ein und demselben Tag. Im April 1986, genau ein Jahr nach Waldis Tod. Das hab ich alles aus der Presse erfahren dürfen, nicht von der Polizei. Ich gehe davon aus, dass die Polizei mir den Freiraum gegeben hat, bewaffnet rumlaufen zu können. Das müssen die gewusst haben. Wer wusste das nicht? In der Situation konntest du ja nicht mehr nur mit deinen Patschhändchen irgendwas erreichen. Das war ein Zenit, so wie Reinhold Messmer ohne Sauerstoff den Achttausender hochkrabbelt. Entweder es klappt oder es klappt nicht.

Ein bisschen Genugtuung hab ich aus der Zeitung erfahren: Mucki Pinzner hat in die Hose geschissen, als ihn ein Sonderkommando überwältigt hat. Der wollte ja nie wieder in den Knast zurück, der blöde Wichser, devot und in der ausgebeulten Hose die Kanone drin, den Armeerevolver. Kleiner Pullerarsch. Wie gefährlich der werden konnte – auf so ’nen Arsch kommst du gar nicht. Der hat sich nach seiner Verhaftung mit acht Morden gebrüstet oder auch mal mit »elf Duck, die ich putte macht hab«. Eine Sprache, die fasst du nicht.

Eigentlich war ich sauer, dass ich ihn nicht selber an dem Tag im Auto mit Lilo erwischt hatte. Das hätte mir ’ne Genugtuung gegeben, verdammt noch mal. Natürlich war ich auch irgendwie erleichtert. Es gibt Fluchttiere, da gehört das Reh dazu, und irgendwie hatte es mich erwischt, das ich mich wie ein Reh gefühlt hab. Ich war wochenlang nicht mehr bereit zu ’ner Kontaktaufnahme, gar nix. Die Pistole hab ich trotzdem noch nicht abgelegt, die brauchte ich noch. Dann verpisste sich der eine und der andere von der anderen Seite ins Ausland. Von denen, die größere Scheine für mein Kopfgeld in den Teller gelegt hatten, sind auch einige abgegriffen worden. Und mir wurde auf dem Kiez wieder ’n Lächeln entgegengebracht.

Aber es hat mir an der früheren Kraft gefehlt, egal, wie sie mir gewachsen ist. Ich bin wirklich ein bisschen durch gewesen. Sicher hab ich schon nach Marbella einen richtigen Knick gekriegt. Und das hat Axel auch mit Doppelpunkt gesagt: »Jetzt macht der ’ne Kneipe, ’ne Kneipe…« Der wollte sich totlachen. Er ist natürlich ins große Geschäft eingestiegen, und ich hab mich ein bisschen blenden lassen und mit dem Männlein das »Jahnkes Eck« gemacht.

Lilo hat Männlein nicht gemocht und gesagt: »Der hat Tücke-Mücke-Augen.« Also sie hat ihm die Hinterhältigkeit angesehen. Er war aus der Provinz mit einem perlweißen Mercedes und im weißen Trainingsanzug auf dem Kiez angekommen und als Vorstadtcowboy belächelt worden. Das hat er gemerkt und sich auf den modischen Trend umgestellt, aber ganz schnell überrissen. 1,80 groß, mal blond, mal dunkel, hat er groteske Angeberposen drauf gehabt: Männlein wie ’ne Filmdiva über die Motorhaube gelehnt – so seh ich ihn noch heute vor mir. Oder Männlein greift sich mit beiden Händen und abgespreizten kleinen Fingern links und rechts ins Revers und sagt: »Wenn ich mal fair sein darf…« Da ist bei mir die Alarmglocke angegangen, aber zu spät, ich hab mit ihm verbandelt schon in »Jahnkes Eck« gesessen.

Eigentlich ist das ’ne ganz gemütliche Kneipe in der Großen Freiheit gewesen, an der Ecke, wo die Transvestiten stehen. Der Vorraum richtig hanseatisch gediegen mit teuren Modellschiffen. Du kommst rein und denkst: »In ’ner Ecke muss Hans Albers sitzen.« Hinten ist eine Nachtbar gewesen, mit tief hängenden Lampen und Separees an der Seite. Unten im Keller ’ne luxuriöse Badewanne, rund gehalten, mit goldfarbenen Wasserhähnen, wie Fische geformt. Nach dem Planschen hat man sich in ein Zimmer zur Ruhe betten können. Oder zum Vögeln. Großes Geld ist da nicht zu verdienen gewesen. Ich hab mit Geldanlagen nie was an den Eiern gehabt, Männlein schon.

Irgendwann bin ich rübergegangen ins »Bistro« an der Reeperbahn. Da hab ich ’ne Barfrau hinterm Tresen gesehen und sie an der Jeans angepackt. Ich hab nicht gewusst, dass sie ’ne Tschechin ist. Sie hat mir gleich gefallen, das slawische Gesicht und diese grüngrauen Augen. Ich hab mir gesagt: Mit der willst du mal an die Ostsee fahren, das ist bestimmt ’n geiles Feeling. Ich sag zu ihr: »Ich hab da ’ne Kneipe, da kannst du mich ja mal besuchen.« Sie ist auch gekommen. Und dann fängt sie an: »Wie alt bist du?« Ich sag: »40.« Bin ich aber noch nicht ganz gewesen. Sie sagt: »Das gefällt mir.« Ich frag: »Was gefällt dir?« – »Ja, nicht dieses: ›Rat mal oder schätz doch mal‹.« Vielleicht neigen andere Kerle zu so ’nem Getue mit ihrem Alter. Ich nicht. Und da hab ich die Tschechin schon im Biss: Dunja. Die war arrogant, fast so groß wie ich, ’n breites Kreuz, wie ’ne gedopte Schwimmerin aus der DDR, ’n Händedruck wie ein Mann und herbe drauf. Nem Bekannten von mir, Harry, dem hat sie dreimal am Abend ’nen Weinbrand über die Hose gegossen und sich dreimal entschuldigt. Der hätte nie daran gedacht, sie zur Räson zu rufen. Keiner, weil sie Angst in der Hose hatten vor ihr. So eine war sie, die Dunja. Die Krönung an Stärke, nicht einholbar.

Das muss früher anders gewesen sein. Sie ist mal ausgenutzt worden von jemandem und hat lange im Knast gesessen. Dann ist sie wieder auf die Beine gefallen und zu ihrer Hochform aufgelaufen. Ihr Chef im »Bistro« hat sich gleich auf sie gestürzt und ihr gesagt, wie man sich zu benehmen hat. Das hat sie mir alles am ersten Abend anvertraut. Ich hab mir gesagt: Da musst du direkt am Ball bleiben.

Aber erst mal bin ich mit Ditschi nach München gefahren, Freunde besuchen, den Rene und andere. Renes Chinesin war zu der Zeit, als wir noch junge Springer waren und sie an der Riviera den Korsen abgenommen hatten, ja schon relativ alt. Aber mit ihren blauschwarzen Haaren hast du der nicht angesehen, ob die 17 oder 37 war. Sie ist auch nie mit wassersaugenden Strümpfen rumgelaufen, die war immer ladylike, wie ’ne Ming-Vase. Das hat Rene genossen. Ich hatte das Gefühl, als wir zusammen essen waren, dass die ’ne Harmonie gefunden haben. Die sind glücklich gewesen, sure.

Ditschi und ich sind zurück nach Hamburg gedonnert, und ich hab vorgehabt, mit ihm noch die Sau rauszulassen auf der Reeperbahn. Vielleicht auch Dunja treffen. Natürlich sollte Lilo nichts erfahren von dem ganzen Scheiß. In meiner Kneipe hab ich zu Ditschi gesagt: »Gib mir mal das Telefon«, wie man das so cool sagt im eigenen Laden. Ich hab Lilo angerufen in der Annenstraße. Ich sag: »Hallo, mein Schatz, Stefan hier. Mensch, du, wir haben noch ’nen Tag verlängert, ich bleib noch in München. Aber ich denke, so gegen morgen Mittag …« Und in dem Moment knallt diese blöde Kirche an der Großen Freiheit ihr Glockengeläut rein, aber gnadenlos. Das Geläut kennt jeder St. Paulianer. Da sagt Lilo ganz cool: »In fünf Minuten bin ich in München.« Ich sag: »Eins null für dich: Du darfst kommen.« In der Art: Bitte lachen Sie jetzt. Verbal ’ne geile Mutsche.

Lilo ist in die Kneipe gekommen, ich hab mich betrunken in die Ecke verzogen. Sie hat natürlich ganz wenig Verständnis für meinen Vortrag gehabt. Gut aufgerüscht hat sie da abgekürt und gesagt: »Ich wünsche dir noch viel Spaß in München.« Und hat die Kurve gemacht. Natürlich sind mir die Adern rausgekommen wie Kompressorschläuche am Hals. Sie hat mir den ersten Finger im Arsch gezeigt: Sie hat den Puff und ich die Kneipe. Die Machtverhältnisse haben sich verändert. Ich denk: »Oh Gott, ›Negerficker‹ auf zerrissenen Möbeln, Marbella, ich will nicht mehr, lass mich in Ruhe.« Diese alte Puffmutter hat natürlich erfahren, dass ich wieder mit ’ner anderen rumschnäbel.

Mit Lilo ist das natürlich richtig grausam abgegangen. Mit ihrem ganzen Geschwisterpack hat sie den Turm in der Annenstraße ausgeräumt. Ich komm nach Hause: Draußen steht ein Möbelwagen, drinnen rollen sie gerade die Teppiche zusammen. Ich sag: »Passt mal auf, die hab ich damals für zwölf Mille von dem Lullah gekauft, und wenn hier noch einer weiter zusammenrollt…« Vielleicht hätte ich dann auf die Geschwister geschossen. Die haben sogar die Jalousien abgeschnitten hinten im Wintergarten. Und guck mal hoch an die Decke, Prinzessin: Da ist für Suizidgefährdete ein geiler Haken mit Lüsterklemmen. Da hat der Kronleuchter drangehangen, den hab ich aus der Mönckebergstraße getragen, für sechseinhalbtausend Mark, wunderbar. Und dann macht mir das Geschwisterpack das Licht aus und die ganze Wohnung leer. Ich hab dann hier auf der Matratze gelegen, das war wie in ’ner Turnhalle. Das war ja affengeil.

Gott sei Dank, Lilo war dann weg, nicht weg, darüber red ich ja heute noch. Sie hat sich ein Haus genommen an einem See, wo ihre Mutter gewohnt hat. Das war mehr ’ne Gartenparzelle, da hat sie sich richtig glücklich gefühlt und ihre Heimat gefunden, bei ihren Schwestern, die Kinder haben. Ich denke schon – was ich immer wieder feststellen durfte, in jedem Bordell, ob sich das in ’ner niedlichen Ecke oder ’ner Sammlung von Steiftieren gezeigt hat –, dass die Huren immer ein Manko hatten: Sie konnten sich nicht diese familiäre Kruste schaffen, nach der sie ’ne Sehnsucht hatten. Und sie hatten ’nen Schweinevater im Topf drin.

Dunja ist dann ganz schnell zu mir auf die Matratze gezogen.

Die Umwälzungen in meinem Leben nach 13 Jahren mit Lilo sind in dem Vierteljahr passiert, als Mucki Pinzner im Knast wie ’ne hässliche Krähe gesungen hat: All den Scheiß, den ich dann in den Vernehmungsprotokollen gelesen habe. Dass er das Gesetz des Schweigens gebrochen hat, muss dem Klüngel vom Hans-Albers-Platz bis aufs Blut zugesetzt haben. Wie perfide in ihrer Denkungsweise und wie gefährlich die andere Seite noch gewesen ist, das kannst du daraus erkennen, dass sie Mucki im Knast mit Koks versorgt hat. Und mit der Waffe.

Was dann im Hochsommer 1986 passiert ist, hat es in diesem Land noch nicht gegeben: drei Leichen mit Schusswunden im Hochsicherheitstrakt des Polizeipräsidiums. Irgendwann gibt es alles zum ersten Mal. Da haben sich noch viele andere schuldig gemacht: Die, die schon vorneweg ’ne Story von seinem »Abgang triumphalis« auf den Markt geschmettert haben. Auch die von der Schmiere, die beißende Lücken in den Sicherheitsvorkehrungen gelassen haben.

Was Mucki gemacht hat, ist kein »Abgang triumphalis« gewesen. Das feige Arschloch erschießt im Polizeipräsidium den Staatsanwalt, einen wehrlosen Mann. Mucki war draußen ’ne Ratte, und er war drinnen ’ne Ratte. Ich bin wirklich kein Freund der Schmiere, aber der Tod von dem Staatsanwalt hat mir Leid getan. Natürlich hab ich gedacht: »Mann, du wärst noch am Leben, du wärst noch bei deiner Frau, wenn ich …« Ja, wenn.

Dass Mucki seiner Frau Jutta in den Mund geschossen und ihr das Licht ausgeblasen hat… Nun ja, ich will nicht geschmacklos sein, indem ich das bekränze und sag, die war ’n seelischer Sozialfall geworden. Wartet zehn Jahre mit ’ner Perspektive auf ’nen Mann, der im Zuchthaus ist, der kommt raus und wird sofort ein bezahlter Killer. Die ist mit ihm verstrickt gewesen. Sie ist geschlagen worden, sie ist gefickt worden und hat das ertragen. Ob das logisch für mich ist, dass sie mit ihm sterben wollte? Niederkniet, um die Kugel wie ’ne Weihe zu empfangen? Nein, ’ne Logik wäre das, wenn das nach meiner Denkungsweise richtungweisend wäre, und das ist es ja nicht. Für mich ist das Tunneldenken gewesen, Familie … Ich weiß nicht, nach was die Menschen suchen. Wenn sie sich dann nicht mehr haben und auseinandergehen, dann ist das so, dass manche sterben wollen. Mucki Pinzners Ding ist ja vielfach durchleuchtet worden, und da ist sie aufgewertet worden: diese hilflose Frau, die auch noch Din-A-4-Bogen mit erotischen Reizen voll gekritzelt hat, um ihn hinter Gittern zu erreichen.

Pinzners Selbstmord ist schon okay. Es ist eigentlich gut für die Welt, dass sich so ’ne Ratte wegbläst. Das ist als ’ne gigantische Geschichte verkauft worden. Ne gigantische Geschichte ist es ja auch, wenn oben der Eiszapfen runterfällt und ’ne Lawine auslöst. Wenn du den Mucki Pinzner so gekannt hättest wie ich, aus dem Kindergarten, dann denkst du: »Was ist los? Der Killer von St. Pauli.« Natürlich hat der ’ne Riesengefährlichkeit genossen und ist nur ein gigantisches Nichts gewesen.

Ob es auf St. Pauli ein Aufatmen gegeben hat? Damit tu ich mich nicht so leicht, das ist nicht so auf St. Pauli. Das ist ein falsches Aufatmen. Da gibt es immer noch welche, die mit Mucki mal Holiday gemacht hatten und ihre Scherzchen – die respektieren ihn immer noch, obwohl er tot ist.

Ich hab mich nicht betrunken oder so was. Es hat doch keinen Anlass gegeben. Man kann von den Asiaten viel lernen: in erster Linie, die Gefühle im Griff zu haben.

Wenn man das Gefühl nennen kann, dann ist es eine eisige Gefühlskälte gewesen, in der ich Muckis Schauerstück zur Kenntnis genommen habe. Mein Schmerz um Waldi ist durch den Tod des Killers nicht weniger geworden.

Nenn mich meinetwegen einen Gemütsathleten, Prinzessin, der cool abrückt, dass sich der Wichser Pinzner weg von der Platte gemacht hat, aber um seinen toten Hund Herzschmerz hat. Ich habe meinen Sammy mehr geliebt als die meisten Frauen, natürlich mit einer anderen Liebe: Einen Hund kannst du nicht belügen. Sammys Erschießung ist kurze Zeit nach Pinzners Abgang geschehen.

Ich weiß nicht, ob die Dunja besoffen die Wohnungstür aufgelassen hat. Ich schätze mal, dass es dahin tendiert, und dass mein Hund Sammy rausgegangen ist. Da ist ein Collie im Vorgarten gewesen, Lassie. Da sind also zwei Rüden zusammengekommen, und mein Hund hat ihn an seiner Nerzstola zu fassen gehabt, an seinen langen Federn. Da haben sich die Leute echauffiert, weil der gequiekt hat. Dann ist der Collie irgendwann abgehauen, und mein Hund ist noch frei rumgelaufen, weil die Türen alle zugeklappt waren und er nicht reinkonnte. Dann haben die von der Schmiere nichts anderes zu tun, als aus dem Peterwagen raus meinem Sammy acht Megakugeln reinzuschießen. Eine liegt hier noch. Ich wurde von ’nem kleinen Mädchen benachrichtigt, das war für mich grausam. Da kommt dieses kleine Mädchen, die hatte mich öfter mit dem Tier gesehen, die wohnte in der Nähe: »Es tut mir so Leid, dass ich das sagen muss, Ihren Hund haben die erschossen.« Die war acht Jahre, schätze ich, und sah aus wie so ’n kleines Zigeunermädchen, das um Geld bettelt, aber nett angezogen. Sie hatte es von gegenüber gesehen, diesen Einsatz, wie die Schmiere sich wichtig gemacht hat. Sammy lief da allein hin und her, und die Tür war zu. Er hat nichts getan, der Collie war längst weg. Ich sag: »Wie, mein Hund? Wie sieht mein Hund denn aus?« Dann seh ich auf meiner Treppe, dass da Farbe runterläuft. Zuerst denke ich, das sind Tintenflecke, es dauert, bis ich begreife: Das ist Blut von meinem Hund. Auf einmal realisierst du diese Krokodilsrotze, diese Blutflecken. Du siehst deine Treppe und findest noch ’ne Kartusche, die Schmiere ist ja auch beseelt, sofort das Zeug, das aus ihren Schießeisen fliegt, wegzunehmen, aber eine finde ich noch. Und ich begreife, dass da mein Hund erschossen worden ist. Wenn ich zugegen gewesen wäre, denen hätte ich die Pistole aus der Hand genommen und ihnen die Eier weggerumst.

Ich hab mich nach diesem Vorfall aus meiner Hütte verabschiedet und bin zum »Bistro« gegangen. Dort hab ich 24 Stunden gesessen. Ich hab die ganze Nacht getrunken. Man will was ertränken, aber das hat keine Wirkung. Man hat mich von der Davidwache aus der Entfernung beobachten lassen, denke ich mal, weil man in einer Präzision Aussagen gemacht hat. Die Polizei hat über die Pressestelle von dem Vorfall berichten lassen. Nach zwölf Stunden hab ich in der Zeitung gelesen: »Herrchen dreht durch, sein Hund ist erschossen worden.« Die wussten auf der Davidwache, dass ich acht Jahre mit meinem Tier zusammen war. Es ist aber nicht so gewesen, dass ich durchgedreht bin. Ich hab da nur gesessen und an Sammy gedacht.

Das Erschreckendste war, dass ich dann noch in so einer geschmacklosen Art ’ne Entsorgungsrechnung kriegte, die ich nie bezahlt habe. Da kam auch keine Mahnung.

»Jahnkes Eck« hab ich sehr bald umgetauft in »Cool«. Dunja hat da nicht rumgesessen oder zu Hause gewartet. Ich hab ihr schnell klar gemacht: »Tu mir ’nen Gefallen, wir wohnen hier zusammen, du siehst ja, wie wir hier wohnen. Wunderbar die Wohnung, aber nichts drin. Eigentlich ist es schon besser, wenn du dich ans Fenster setzt. Ich hab gute Cormections in der Herbertstraße.« Dunja ist im French Quarter untergekommen, dem vornehmsten Puff in der Herbertstraße, mit Markise und südländischem Styling.

Lilo hat hinten auf dem Hof in der 7b gesessen, Dunja gleich vorne links, wenn man von der Davidstraße reingeht. Die haben nichts miteinander zu tun gehabt. Ich bin ja auch schon mit Lilo durch gewesen, die hat nur noch ihre Hassbälle geschoben. Aber mir hat endlich mal gut getan, dass die Lilo mit ihren tausend Brüdern und Geschwisterfrauen nicht meiner Alten aufs Maul hauen konnte. Der Dunja konntest du nicht drohen, die hätte der Lilo ’n zweites Loch in den Arsch getreten, egal, mit wie viel Verstärkung die aufgelaufen wäre. Die Dunja ist mehr als stark gewesen.

Sie hat in der Herbertstraße gut verdient und für mich nebenbei was abgezweigt, als Überraschung. Im »Globetrotter« auf der Großen Freiheit bin ich im Sparclub gewesen. Da hat Dunja in mein Fach immer ein paar Mark reingeworfen. Und am Ende des Jahres bei der Auszahlung waren 13000 Mark drin, ohne dass man darüber gesprochen hat. Sie war, wie gesagt, Tschechin und mehr als rustikal. Aber sie hat in ihrer Form Dinge drauf gehabt, die sind sehr berührend gewesen: »Mein Miläcku«, hat sie immer zu mir gesagt. Sie war eben irgendwie verrückt, sie war in allem extrem, sie war mir ähnlich.

Mit meiner Kneipe hab ich nicht gut verdient, mich nur eben über Wasser gehalten. Ich bin von meinem damaligen Partner Männlein verarscht worden. Er hat sich aufgeplustert und durch mich in St. Pauli ’n bisschen Boden gefasst. Natürlich hat er ein Gespür für Geschäfte gehabt, ’nen Instinkt. Ich überhaupt nicht. Ich hab nicht die Bremse gefunden, um mich zu stabilisieren. Ohne den neuen Lebensstandard, ohne die Verlustmeldung zu akzeptieren, hab ich einfach so weiter gelebt. Der Druck wird irgendwann schwerer, darum hab ich viel Scheiße gemacht. Ich hab nicht ökonomisch gelebt, nicht ums Verrecken. Ich hab auch gedacht, 50 ist ein biblisches Alter, das erreich ich nie. So extrem, wie ich hier gelebt hab, da kann man gar nicht älter werden, Prinzessin.

Mir ging zu der Zeit Männlein schon auf die Eier, seine ganzen Geschäftspraktiken, sein Rumturnen mit den Automatenaufstellern. Und immer Ärger. Mich hat angekotzt, wie er unsere Angestellte vor der Arbeit noch ’n bisschen getickt hat, oder sie musste ihm einen blasen, oder sie haben etwas länger durchgemacht, bis mir der Kragen geplatzt ist. Ich hab ihr gesagt: »Sag deinem Stecher Bescheid, ich hab da keinen Nerv mehr drauf. Wir machen Geschäfte zusammen, ich hab keinen Bock drauf, dass er seinen Aal in der Kellnerin wässert. Dafür haben wir ’n großes Bordell um die Ecke.«

Ich hab mich nach zwei, drei Jahren nur noch ganz wenig um das »Cool« gekümmert, das muss ich ehrlich sagen. Ich hab da nicht den Kellner gemacht, ich hab da kein Bier angezapft, ich war präsent dort. Und wenn der Laden voll war, hab ich den Harlekin gemacht, den Zampano. Dann ist das eben bis morgens gegangen, und dann hab ich mich ausgezogen und ’nen Strip gemacht, also nicht so, dass jemand meinen Schwanz gesehen hat.

Auf einmal hat sich ein Jugoslawe für die Kneipe interessiert. Dem gehörte schon einiges auf der Großen Freiheit, und er war liquide, sofort ’ne Summe zu legen. Männlein hat mir das unterbreitet: »Mensch, das ist ein Hügel, den wir da schnappen.« Ein Anwalt hat den Labermann gemacht, das ist hin und her gegangen, und wir haben gesagt: »Jedes Mal, wenn du zur Verhandlung kommst, werden es 5000 Mark weniger.« Bis wir auf eine Summe gekommen sind, die okay für beide Seiten war. Und wenn dir nach drei oder vier Jahren jemand nicht nur das Doppelte oder das Dreifache dafür gibt, dann überlegst du nicht lange: Das »Cool« ist weggegangen für 150 000 Mark in bar. Die Summe haben wir natürlich geteilt. Der Jugoslawe hat aus dem »Cool« einen Thai-Laden gemacht. Er hatte in Thailand Connections und auch eine Thai als Frau.

Der Verkauf ist mir im Prinzip nicht schwer gefallen. Ich hatte Bargeld in der Hand, aber auch das Gefühl, es ist nur ’n Pissgroschen. Ich hatte ja schon ganz andere Summen verdient. Ich hab gedacht: »Du kannst was zusammen mit deiner Frau machen.« Ich wollte ja nicht stehen bleiben und das Geld auch wieder anders einsetzen. Ich hatte zwar keinen familiären Tunnelblick, aber ich hatte den Turm in der Annenstraße, und es lief mit der Dunja gut. Es war alles okay – bis du wieder auf den Arsch fällst.

Als das »Cool« weg war, hab ich mein Hauptquartier ins »Globetrotter« rübermanövriert. Da bin ich nur Gast gewesen mit meiner Frau, nach getaner Arbeit. Wir haben uns da getroffen und unsere Aufrisse gestartet. Dunja hat die Frauen für mich aufgerissen und für sich. Sie hat das gigantisch gemacht. Die Frauen sind bei ihr hingeschmolzen, wie wenn man Griebenschmalz zu lange im Backofen lässt. Die hat die richtig poussiert, die Mädels. Was meinst du, wie geil das ist, wenn du kommst und sagst: »Geh noch mal zurück und bring mir die oder die mit.« Die macht dich schwindlig in der Birne, die hat ’ne tolle Aura, und Dunja erscheint mit der in der Annenstraße, und wir haben ein Fest zu dritt.

Als meine starke Dunja mal nicht zugegen war im »Globetrotter«, ist mir was Schlechtes passiert. Ich sitz da mit Männlein und dem Orum. Der ist ’n Schwarzer, also ein Mischling, ein Arschloch, ein Oberwichser. Der ist stadtbekannt und hat fast überall Lokalverbot, weil er mit jedem Streit gekriegt hat. Als gebürtiger Bayer hängt er in München jedes Jahr auf dem Oktoberfest rum, um dann immer stolz seine Narben auf dem Schädel zu zeigen, wenn er sich mit ’nem Bierhumpen geprügelt hat. Er hat sich zu mir irgendwie hingezogen gefühlt, wir sitzen also in der Kneipe, und ich komm mit ’ner Frau ins Gespräch. Dann bin ich irgendwann mal zum Pissen raus. Und als ich wieder zurückkomme, liegt die Frau auf dem Boden wie ’ne Schildkröte. Ich helf ihr hoch und frag: »Was ist los?« Dann hör ich, dass der Orum ihr in die Fresse gehauen hat. Daraufhin geh ich zu ihm hin und ballere ihm erst mal ’ne Anstandsohrfeige rein: »Ey, der Frau, mit der ich mich unterhalte – du hast ja gesehen, mit der hab ich ’ne Stunde gequakt –, der haust du nicht, wenn ich beim Pinkeln bin, auf die Backen.« Das bleibt so im Raum, und er macht den Kuschheimer. Damit hatte ich die Sache abgeschlossen.

Wir sind alle in ’ner Harlekinstimmung, wir sind gut drauf. Es wird schon wieder hell draußen, wir wollen die Nacht durchmachen. Man gruppiert sich um einen Tisch herum, Orum sitzt rechts auf der Bank und ich lehne mich so rüber. Er trinkt wie ich ein Weizenbier. Das Weizenbierglas ist ja hauchdünn, deswegen klopft man es auch nur unten am Sockel an zum Prosten, weil es zu teuer ist, immer wieder neue Gläser zu kaufen.

Auf einmal zieht mir der Orum das Weizenbierglas in mein Gesicht rein. Dann spür ich nur noch warme Suppe, ich merke, das irgendwas mit mir passiert, mir läuft die Brühe aus dem Auge, ich kapiere: Der hat mir das Glas in mein Augenlicht reingegrillt und mir was durchgetrennt. Ich nehm ihn ins linke Korsett, also im linken Armbereich in den Schwitzkasten und flüstere ihm ins Ohr, dass ich ihn umbringen werde, wenn ich mein Augenlicht verloren habe. Ich muss Männlein anbrüllen, er soll einen Arzt rufen. So lange, bis der Unfallwagen kommt, so lange hab ich Orum im Schwitzkasten.

Sie haben mich erst ins Hafenkrankenhaus gebracht und dann sofort nach Eppendorf in die Augenklinik. Als wir dort angekommen sind, hab ich gewusst: Ich hab verloren. Ich kann dir nicht sagen, ob das wehtat, ein Leid im Auge kann man nicht beschreiben, Prinzessin. Du bist auf einmal ganz hässlich klein. Ganz stark willst du sein. Du hast Angst, die linke Hand zu heben, um dir das gesunde Auge zuzuhalten, und versuchst, mit dem zerstochenen Fitzel, den du da noch im Gesicht hast, rumzualbern. Und du siehst absolut nichts. Und dann hab ich gewusst: Das ist nicht mehr reparabel. Das hab ich gewusst und hab die natürlich trotzdem rumdoktern lassen. Das war das Schlimmste, ’ne Horrorbehandlung. Dann kam der blöde Spruch von dem Arzt: »Da haben wir noch Hoffnung.« Ich hab ja nun Gott sei Dank mit meinem linken Auge erkennen dürfen, wie die Schwestern reagiert haben: Als hätten sie alle zugleich ihre Tage. Dann hab ich gesagt: »Hör auf hier, Hoffnung ist ein Seil, auf dem Narren tanzen.«

Ich liege im Krankenzimmer, und es kommen Leute, reißen die Tür auf und sagen: »Visite«. Dich interessiert nichts mehr. Visite. Ich lieg in meinem Bett, ich warte auf die Visite. Dann kommen die wieder: »Herr Hentschel, wollen Sie nicht kommen?« Da sitzen die Patienten mit ihren verbundenen Augen in der Eppendorfer Klinik und haben Visite wie in einem vollbesetzten Zahnarztwartezimmer. Ich hab noch das Operationshemdchen an mit den grünen Schleifchen dran. Ich interessiere mich für nichts mehr. Die Dunja kommt gerade zu Besuch und bringt mir ’ne Pflanze, sie nimmt mich wieder mit ins Zimmer und fragt: »Was ist los?« Ich hab null Hemmschwelle mehr. Visite. Ich soll mich mit ’nem ausgestochenen Auge noch anstellen. Bitte? Und dann kommt meine Frau und sieht mich mit diesem Operationshemdehen. Visite. Der Oberarzt hat noch Hoffnung. Und dann kommt natürlich das Händchenhalten: »Herr Hentschel, der Sehnerv ist durchtrennt.« Ich sag: »Warum denn nicht gleich am Anfang so?«

Und dann ist die Lilo mit den Marmortitten gekommen. Mit vier Dosen Bier in der Handtasche. Sie hat sich in meinem Krankenzimmer besoffen, und ich hab sie dann rausgeschmissen. Mein Bruder hat vor mir geheult, den hab ich auch entlassen. Ich hab gesagt: »Haben die dir das Auge ausgepiekst?« Und all so ’ne Rotze ist mir passiert. Die Besuche hätte ich gerne gecancelt, mit Sicherheit.

Guck mal, so ’n eitler Hund oder Sack wie ich, der im Krankenhaus Zeit hat, der holt sich diese schwarze Augenklappe und lässt sich historisch durch die Birne gehen, wer auch ein Auge verloren hat. Moshe Dayan, Admiral Nelson. In Spanien kannte ich einen Go-Kart-Fahrer, der auch nur ein Auge hatte und immer in der Pole-Position zu finden war, das war Kamikaze. An solche Sachen klammert man sich wie so ’n Reckturner. Alles das baut einen wieder auf, und man orientiert sich daran: »Jetzt bist du auch einer von denen. Wie bringst du das jetzt rüber?« Man bleibt ja nicht auf der Strecke, ich hab doch keine voll geschissenen Windeln, dann würde ich mich nicht mehr in der Öffentlichkeit melden.

Ich war nur ein paar Tage im Krankenhaus. Die wollten eben noch ein bisschen Heiapopeia mit mir machen. Vielleicht braucht man so ’ne Seelenschiene, aber das Verlogene hab ich selber entlarven können, und deshalb haben sie es kürzer gemacht. Und ich war froh, als ich wieder zu Hause war. Ich bin mit ’ner schwarzen Augenklappe entlassen worden. Mein erster Weg ist der zu Joe gewesen, das ist der St.-Pauli-Fotograf. Den hab ich ein Bild von mir machen lassen mit meiner Augenklappe, so als Joke, nur ein Polaroidfoto. Natürlich haben mich auf St. Pauli die Leute angeguckt, die haben ja gewusst, was los war. Jetzt ist es drauf angekommen, wie ich wieder auf die Bühne gehe. Ich hab ja nicht meine Stimme verloren, aber das räumliche Sehen. Dass sich viele Kerle den Schwanz innerlich gerieben haben: »Der ist jetzt aus der Partie gepustet mit seiner großen Fresse und seinem Erfolg bei Weibern«, das hab ich in der Luft geschmeckt. Und das hat mir irgendwie wieder ’ne Motorik verliehen, als hätte ich das Rad erfunden.

Zu mir ist zweimal die Polizei gekommen. Die haben hier zu zweit wie Gebetsbrüder auf der Couch gesessen: Ich solle jetzt mal Federn lassen, das sei schwere Körperverletzung. Ich hab wie auf der Schulbank gesessen, die haben mich bequatscht, aber ich hab den Namen nicht gesagt. Orum ist auch nie deswegen verhaftet worden. Das ist mehr wie ’ne Streicheleinheit für mich gewesen, dass die Schmiere sich um mich bemüht hat. Ich wollte jetzt nicht noch ’nen Pullerkurs machen. Jeder auf dem Kiez wusste, wer es gewesen war. Den Namen hab ich nicht gesagt, warum denn auch? Orum ist auf Bewährung draußen gewesen und wäre wegen schwerer Körperverletzung garantiert für fünf Jahre in den Knast gegangen. Außerdem kenn ich seine Tochter, ein bildhübsches Mädchen, die hab ich schon im Arm gehabt und mit ihr geschmust. Arschlecken, Schadensersatz hat Orum mir nicht gezahlt. Das versteht der halbe Kiez nicht, warum er noch lebt. Nein, ich hab da ’ne andere Philosophie, und meine Philosophie bestimme ich persönlich. Wie die ist? Momentan noch ungewiss. Damals dachte ich, dass ich ihm mit meiner Kraft vielleicht auch ’n Auge mit dem Daumen aussteche, während ich ihn festhalte. Jetzt stelle ich mir das nicht mehr vor.

Orum hat heute noch ein Zucken, wenn er mich aus 100 Metern Entfernung sieht. Wir haben Begegnungen gehabt, die sind gigantischen Charakters. Das ist verrückt. Das hat ihm einen Stempel aufgesetzt, und das gibt mir eine Genugtuung, ’ne Streicheleinheit. Der kriegt alle paar Wochen ein Messer in den Rücken oder irgend so was passiert ihm immer wieder. Oder ich fahr auf der Straße durch St. Pauli, und er hat eigentlich Vorfahrt, aber er geht mit seinem Rennrad in die Bremse, weil er Angst hat, ich fahr ihn mit dem Auto von hinten platt. Einmal hab ich seine Stimme gehört, da hat er im »Kicker« gesessen, ich hab mich umgedreht, und er hat seine Jacke beiseite geschoben und mir den Knauf seiner Knarre gezeigt. Ich hab gesagt: »Du, wir haben Zeit, wir haben noch ’nen Termin.« Dann bin ich gegangen. Ich bin zu besoffen gewesen, ich bedauere das heute noch: In solchen Situationen hör ich in mir so ’n kleines Klingeln, das ist mein Selbsterhaltungstrieb. Also, wenn er hier auf dem Kiez unterwegs ist, ist er bewaffnet, der Ködel sitzt ihm im Arsch.

Ich bin zuerst wochenlang mit der Augenklappe rumgelaufen, bis mir der Arzt bei dem vierten oder fünften Besuch gesagt hat: »Jetzt hab ich eine Adresse für Sie, da gehen Sie hin, und dann fertigt man Ihnen eine Glasscheibe an, wie eine Prothese.« Ich erleichtert: »Ah, jetzt brauch ich keine Klappe mehr?« – »Nein, das sieht identisch aus. Sie haben ja noch das Auge in der Höhle, das heißt, wenn Sie nach links gucken, bewegt sich die Scheibe mit.« Mir ist das ja gänzlich fremd gewesen, und jetzt erfahr ich das alles. Das Sensibelste, meine Güte, der Spiegel der Seele, ist mein Auge.

Wenn dir einer das Bein amputiert, dann wird der dir nicht sofort sagen, dass du in die Reha musst, dass du ’ne Prothese angebunden kriegst, was das für ’n Werdegang ist. Als ich damals von dem durchgeschnittenen Sehnerv gehört hab, da hab ich nicht gedacht, dass ich mein Auge verlier. Ich hab gedacht, ich bin nur blind drauf. Und jetzt sieht das Auge aus, sag ich dir, wie die toten Augen von London. Davor muss man Angst kriegen. Und es entwickelt sich auch noch zurück, das siehst du ja an der Augenhöhle. Und dann gehst du in so ’ne Firma am Dammtor und kriegst ’ne Glasscheibe für dein Auge zusammengeblasen. Die Leute, die solche Linsen herstellen, müssen siebeneinhalb Jahre lernen. Ich hab sie beobachtet, die arbeiten so ähnlich wie Glasbläser, mit ’ner Flamme. Der Künstler, der mich zu fassen kriegt, der macht und taucht und guckt immer wieder in die linke Schatulle rein, also in mein heiles Auge. Und ich sitz daneben und bin beeindruckt. Dann kühlt er die Scheibe unter Wasser. Jetzt soll sie fertig sein, und er erzählt, wie ich die einzusetzen habe. Und dann seh ich mich im Spiegel mit dem einen Auge an und sehe wieder zwei Augen: »Ich bin wieder stark, ich bin wieder da! Ich kann nicht mehr gucken, aber ich hab wieder ’n bisschen Licht gefunden.«

Ich habe noch Wochen und Monate geträumt, dass ich einen brotähnlichen Korb hab, in dem Tausende von Linsen drin sind, und ich muss jeden Morgen meine Linse, meine Glasscherbe raussuchen. Ich bin dann klitschenass wach geworden. Das hat mich Monate beschäftigt.

Meine Vitalität hat mir keiner genommen. Ich hab eine Glasscherbe, kein Glasauge, da leg ich größten Wert drauf. In meinem Kopf ist keine Höhle oder sonstwas. Das Auge ist das einzige Organ, das nach der Geburt nicht mehr wächst, das hat von Anfang an seine Größe. Und das Auge ist noch drin. Davor ist nur die Glasscheibe, eine große Kontaktlinse. Das blinde Auge schrumpft mit der Zeit zusammen, weil es keine Tätigkeit mehr hat. Bis heute hab ich noch nicht mal ’ne Reservelinse. Ich krieg selbst im Vollsuff hin, die Platte in meine Schatulle auf den Nachttisch zu legen, sie ist noch nie runtergefallen. Durch die Scherbe bin ich rein optisch wieder für mich geboren worden.

In meinem Bekanntenkreis hatten ja alle von dem Vorfall gehört, und ich hatte ja nicht die Sprache verloren, und sie hatten mir ja nicht die Arme abgehackt. Und bei Frauen wächst auch die Neugierde. Die geilsten waren ja die Transvestiten in der Großen Freiheit. Die haben gesagt: »Stefan ist Stefan geblieben, der ist nur reifer geworden.« Die haben mir vermutlich sehr viel Kraft gegeben.

Mein Handikap ist, dass ich diese Glasscherbe abends rausnehmen muss, sonst hat das Auge nicht genug Sauerstoff und suppt. Wenn ich mal ein, zwei Nächte durchgesoffen und in der Öffentlichkeit die Scherbe natürlich nicht rausgenommen hab, dann hat sich dahinter Scheiße gebildet, es hat gesuppt. Wenn ich die Scherbe dann auf der Toilette rausgenommen hab, ist nur ein Viertel von den Leuten in meiner Umgebung sitzen geblieben. Und keiner von denen ist imstande gewesen, mir zu sagen, wie ich aussehe. Daraus, step by step, sukzessive, hab ich gelernt.

Wenn ich mit dem Glassplitter im Auge mit ’ner Frau zusammen bin, und die Dame ist auch alkoholisiert, dann lass ich die Scherbe drin. Die Mutter ist morgen wieder weg aus der Hütte. Aber wenn jetzt was enger wird, dann muss man schon Tacheles reden. Wenn ich mit ’nem Q-Tip das Glas rausangel, dann ist das zu illusorisch, noch gefallen zu wollen, weil nur noch ein weißer Schlitz zu sehen ist. Ich kann damit leben.

Dunja hat das ja miterlebt. Die hat sich absolut toll verhalten, ich sag Hut ab, in aller erdenklichen Form: Hut ab. Gigantisch, wie die in einer fürsorglichen Art und Weise für mich da war. Es war nicht nachvollziehbar für sie, dass ich mich Orum gegenüber zurückgehalten habe. Ich hätte sie auf den loslassen können wie ’nen deutschen Schäferhund, dann wäre der heute nicht mehr da. Das war ein geiles Gefühl. Und das spricht auch für sie, deswegen hab ich heute noch mit ihr Kontakt.

Dunja und ich haben uns trotzdem bald getrennt. Sie ist etwas über die Stränge geschlagen, milde gesagt. Weißt du, was die gemacht hat? Die ist reingekommen morgens, stockbesoffen, und haut mir ohne Ansage was in die Fresse. Das hab ich nicht erwartet, sonst schlägt mich ja keiner auf diese Art. Sie hat die ganze Scheiße mit dem ausgestochenen Auge miterlebt, und dann haut die mir aufs Jochbein, auf die Seite, wo ich den Glassplitter drin hab, dieses Fräulein. Na, recht vielen Dank. Da hat sie von mir Senge gekriegt. Bevor ich die Scheibe rausgenommen hab, hat sie auch ihr Ding in den Backen. Sie ist in die Vorhänge gefallen und hat alles runtergerissen. Dann hat sie zwischen all dem Stoff gesessen und nicht mehr gewusst, was sie wollte: richtig Buh machen, wie ’n Dinosaurier. Für mich ist das fast das Ende gewesen.

Sie hat irgendwo bei ’ner Freundin gepennt und ist wiedergekommen: »Kann ich noch ein paar Sachen holen, mein Miläcku? Verzeih mir.« Die als Tschechin hat das ja draufgehabt, wirklich ’ne Sülze daherzureden. Ich bin ja immer ihr Baby gewesen. Ich weiß nicht, was Miläcku heißt, ich hab sie auch nicht fragen wollen, es hört sich einfach niedlich an. Aber mit Miläcku ist es bald vorbei gewesen.

Ich hab mal wieder auf sie gewartet, im Bett gelegen und ’n bisschen Bock auf sie gehabt. Sie ist mit ’nem Freier unterwegs gewesen auf dem Hamburger Dom, der hat sie reichhaltig bei Laune gehalten. Dann kommt sie hier rein ins Schlafzimmer, und ich seh, dass sie in der Dose wühlt, wo ich Geld drin habe und wo auch sie ihr Geld reingelegt hat. Ich spring auf, ich hab Gott sei Dank ’ne Unterhose an, und will sie abhalten von dem Kassengriff. Da steht ein fremder Kerl bei mir im Flur, kannst du dir das vorstellen? Bei mir im Flur steht so ’ne Brauseflasche, also, ich beiß den nicht tot, ich brauch keine Angst vor dem zu haben. Der wartet auf sie. Also, ich brauch ’ne Zeit, bevor ich das verarbeitet hab. Dann reiß ich beide Türen auf und sag: »Beide im Stechschritt hier raus!« Mehr konnte ich nicht sagen. Ich hab mich hier hingesetzt und über die Situation nachgedacht. Das war natürlich ein grausames Ende zwischen uns, mehr geht nicht.

Ich bin allein durch die Gegend gealbert. Im »Top Ten« wurde der Geburtstag von ’ner Kiez-Größe gefeiert. Ich bin im Anzug reingegangen und wieder rausgegangen, weil es mir zu dicht und zu voll war, und die Arschlöcherei hatte ich auch satt. Auf der Großen Freiheit bin ich trotz der Erinnerung an mein verlorenes Auge ins »Globetrotter« gegangen. Auf einmal sitzt da hinten so ’ne schwarze Perle, ich seh sie und ihr Lachen über die breite Fresse. Natürlich sieht sie nicht aus, als wenn sie irgendwo bei der Post arbeitet. Man sieht eben schon, was los ist. Sie ist relativ klein, aber alles an ihr ist proportional gut verteilt. Die Kleine ist ’ne Bombe, wieder ein Girl mit ’ner guten Oberhand, alles dran. Sie hat einen körperbetonten ärmellosen Overall an, alles in Schwarz gehalten: sie selbst, der Overall, die Haare wie ’ne Flamencotänzerin, Träger, die Brüste, der Arsch, wo du ’ne Flasche Bier drauf abstellen kannst, und hochhackige Pumps. Das Maul etwas zurückgenommen, nicht in diesem Knallrot, was ich eigentlich ablehne. Die Haare wie ’ne Spanierin zurückgesteckt, also keine Krause. Sie hat sich eben nicht mehr zu ihren afrikanisehen Leuten bekannt, sondern die Krause rausgezogen und zurückgesteckt, natürlich mit ’ner Haarteilsubstanz, das sieht du nicht auf den ersten Blick. Wir haben uns sehr sympathisch gefunden, das ist im ersten Moment klar gewesen. Ich hab erst mal schwer durchgeatmet. Mein Knaller zu schwarzen Frauen – davon hat sie ja nichts gewusst. Ich hak das Ding erst mal ab und bestell mir ’n Weizen. Da kommt sie zu mir, ob ich mit ihr was trinke. Mehr geht nicht. Mit der Dame bin ich dann fünf Jahre zusammen gewesen, Loreen.

Sie kam aus ’ner starken jamaikanischen Familie, die sich in Birmingham nun wirklich durch die Kante des Lebens gefressen hat. Jamaika hat Loreen nicht gekannt. Und weil der Stiefvater ihr auch an der Muschi rumgealbert hat, ist sie abgehauen. Sie ist dreimal vergewaltigt worden. Erst hat sie in ’nem Edelbordell auf der Reeperbahn als Hure gearbeitet. Zu der Zeit, als ich sie kennen gelernt hab, ist sie im »Table Dance« als Stripperin aufgetreten.

Sie hat gefragt: »Was willst du eigentlich von mir?« Ich sag: »Ich will, dass du noch ’n Jahr für mich anschaffst, und aus der Kohle mach ich mehr Geld.« Als ich mit Lullah ins Geschäft kommen will, da ist sie anschaffen gegangen, am Anfang im »Chesa«, offiziell ein Nachtclub, in dem viele Huren rumgesessen haben. Das ist aber nach hinten losgegangen, weil sie da nur Koks geschnüffelt haben. Es hat nur ein paar Pissgroschen gegeben. Das hat sie selber erkannt und gesagt: »Ich geh auf Tournee.« Richtung Harz oder nach Süddeutschland, dorthin, wo Schwarze nicht so geläufig wie innerhalb der Hansestadt Hamburg sind, sondern wo die Bauern von ’ner Schwarzen schon ’nen halben Herzinfarkt kriegen. Dort wird auch Geld verdient. Dann ist sie immer nach drei, vier Wochen wiedergekommen mit ’nem Hügel, und wir haben uns von der Hälfte des Geldes ein paar Wochen in Dänemark gegönnt, wo wir uns ein Haus gemietet und ausgespannt haben. Ich hab Loreen einen Hund geschenkt, Sparkie, einen American Staffordshire Terrier. Diese Hunde waren ja damals noch Raritäten. Sie hat Sparkie immer mitgenommen auf Tournee, der hat zu ’nem schwarzen Bomber wie Loreen gepasst. Die hat ja ein Selbstbewusstsein gehabt, die hätte ’nen Kran umgeschubst, trotz ihrer Größe. Wenn ich mal Zoff mit ihr hatte und mich mit meinen 100 Kilo aufgestellt hab: »Was willst du?«, da hat die mich angeguckt, als würde ich ihr ’ne Salzstange überreichen. Da war keine Angst in ihren Augen zu lesen, und das hat mich irgendwie aufgeforstet. Ich hatte mit ihr ’n geiles Feeling. Und sie war natürlich auch knüppelhart.

Zu der Zeit hab ich Lullah das Motorradfahren beigebracht, dem Arsch. Wir sind oft am Lütjensee gewesen. Er hat ein Import-Export-Geschäft gehabt mit Teppichen und allem Möglichen aus dem Iran, nicht alles koscher. Er ist ja nicht dumm gewesen und hat ’n paar Mark im Rücken gehabt. Wenn zwei Männer, die jahrelang im Knast gesessen haben – da kaut man ja zusammen –, mit dem Motorrad unterwegs sind, da wachsen Ideen. Und da sagt er: »Mensch, was meinst du, wenn wir beide ’nen Nightclub aufmachen?« Ich sag: »Ich hab die Schnauze voll von Kneipen.« Aber trotzdem hat mich sein Drängen wieder rausgefordert: »Stefan, wenn du da mitmachen würdest…« Und ich sag: »Ich seh ja, wie im ›Globetrotter‹ die Leute bis morgens rumhängen, da ist ein Geschäft drin.« Er sagt: »Ich hab da ein Angebot.« Wir sind zu dem Chef von einem Mietshaus gegangen. Der sagt: »Versprechen Sie mir, dass wir da keinen Puff reinkriegen.« Ich sag: »Das wird kein Bordell, sondern ein Nightclub. Da machen wir ’ne Computertür mit Karten, und es kommen nur erlesene Gäste rein.« Er ist ein bisschen skeptisch gewesen, aber Lullah hat das Geld hingelegt. Ich hab bei den Brauereien gebürgt, das Vertrauen bei denen ist ja dagewesen aus meiner Zeit im »Cool«. Und dann haben wir unsern Nachtclub aufgemacht. Nennen wir ihn mal »Explosion«, denn da ist im späteren Verlauf ein Fall passiert, der nie von der staatlichen Wahrheitsfindung abgewickelt worden ist.

Das »Explosion« lag im Souterrain, du gingst vier, fünf Stufen runter, da musstest du klingeln oder du hattest ’ne Karte. Dann ging die Tür auf, du kamst rein, alles war sauber gefliest, in schwarz-grün gehalten. Hinten rechts ging eine Stufe hoch, die musste vom Ordnungs- und Wirtschaftsamt her extra beleuchtet sein, dass man nicht stürzt. Dort waren die Toiletten, Gänge, noch ein Raum. Das waren alles meine Entwürfe. Die Bar mit den Spiegeleffekten, extravagant, aber nicht übertrieben. Das »Explosion« hatte Stil. Es gab etliche Sorten Bier, die Musikanlage war gut. Bei der Eröffnung balzte der Laden, es waren 60, 70 Leute da. Das war ’ne Menge in dem Kellerding. Die Leute kamen geballt mit ’ner gewissen Neugierde rein. Es waren alle da.

Zwischen Lullah und mir hatte es nie Spannungen gegeben, zwischen uns war mehr als Harmonie. Wir hatten Glasmoor und Jamaika zusammen durch, alles durch. Jetzt hatten wir den Laden zusammen. Okay, er war der Financier des Ladens, aber ich war der Macher, ich war der Werber. Wer kannte schon Lullah? Wegen mir kamen die Leute vom Kiez in unseren Laden. Natürlich war er genehm als mein bester Freund, als Perser, mit dieser Salonsprache. Da sind auch die Weiber drauf geflogen, auf diese Tränenaugen, kein Thema.

Lullah und ich waren als die Chefs umschichtig im Laden, weil wir merkten, wie anstrengend das war. Wir wechselten uns ab, ein Tag Arbeit, ein Tag Pause. Du hattest noch nicht mal mehr Lust zu ficken, so fertig warst du, weil du morgens in ’ner Scheißphase noch jedem gerecht werden wolltest, denn das war dein Laden, dein Name, dein Treffpunkt. Ausgesehen hab ich wahrscheinlich wie so ’n alter aufgedunsener Michelinreifen. Wenn nichts los war, hab ich selber den Bierhahn als Meister und Mann genutzt.

Wir hatten Angestellte, also zwei, drei Barfrauen. Eine von ihnen war ’ne exemplarische Hure, die Pia. Ich hatte sie in den Laden reingebracht, ich kannte sie von früher, und auf sie ist der Lullah abgefahren. Für ihn war das ja mehr oder weniger Neuland, wie ich mit den Mädels umgegangen bin. Ich war bestimmt in meinen Ansagen: »Pünktlichkeit hat für mich ’nen hohen Stellenwert. Der Laden wird nicht verspätet aufgeschlossen, und du kommst mir nicht mit ’nem versifften Kopf und nicht mit ’ner Tropfnase. Du machst deinen Job wie ’n Profi, und dafür gibt’s Geld.« Und so konnte Lullah halt nicht reden. Er hielt sich bedeckt mit seiner persischen blumenreichen Sprache und war dreißigmal so hinterhältig wie ich. Perfide ohne Ende.

Ich bin derjenige, der mit Lullah mehrere Frauen gemeinsam unter die Presse gekriegt hat, wie andere Lichtbilder beim Vortrag zu Hause. Wir kennen uns nun tausend Jahre, und er sagt: »Mensch, ich bin in die Kellnerin verliebt, in Pia.« Ich hab ihm dann ’ne Brücke gebaut. Eines Morgens, alle Kunden sind raus gewesen, da hab ich meinen Gürtel aus der Hose gezogen, Pia hat an der Bar gesessen, und ich hab gesagt: »Hast du Bock, wenn ich Lullah dazuhole?« Sie sagt: »Wenn du möchtest, okay.« Lullah hat das fasziniert, was sie gemacht hat, der ist weggeschmatzt mit seinen Ölaugen und hat seine angestammte Dame und alles andere vergessen. Den hat es richtig in den Eiern gejuckt bis in die Schulterblätter hoch.

Als ich nun mit der Pia und ihm, meinem Freund, um es salopp zu sagen, ’nen flotten Dreier gemacht hab – Pia stand ja auf auserlesene Dinge –, hat ihn das ’n bisschen blöde gemacht in seiner Oberstube. Da hat’s bei Lullah ’nen Kick gegeben, da ist der Dschingis Khan aufgerufen worden, und das ist die Alleinherrschaft. Was weiß ich, was in seiner Rumbanuss abgegangen ist.

Und wenn ich dann gearbeitet hab, dann hat er da rumgesessen: »Kann ich mit Pia noch mal in den Keller runter?« Ich sag: »Lullah, tu mir ’nen Gefallen, fahr mal mit ihr ins ›Maritim‹ übers Wochenende, aber jetzt geh mir nicht auf den Sack.« Ich hab das gar nicht so ernst genommen, Prinzessin. Dem hat es wirklich in den Eiern gekullert, dem iranischen Arsch. Pia war ’ne Vollblutfrau.

Die Zeit im »Explosion« mit Lullah, die ist vorbeigegangen wie ein Bergsteigerepos: Wir hatten ’ne Freundschaft über Jahre und rumpeldipumpel, weg war der Kumpel.

Ich lieg im Bett mit Loreen. Irgendwann klingelt das Telefon. Ich hab ein schlechtes Gewissen, weil ich am Vortag ’ne neue Frau angeludert hab. Und jetzt denk ich, dass ich der anderen die Nummer gegeben hab. Aber diese Beharrlichkeit, mit der das Telefon klingelt, ist doch befremdlich für mich, und ich hüpf ran. »Hier ist die Hamburger Feuerwehr. Gehen Sie mal schnell in Ihr Geschäft.«

Es ist tief in der Nacht. Ich spurte dort hin und denke, mein Kind steht in Flammen. Ich renne, als könnte ich das noch löschen. Ich hatte ja alles ausgesucht: die Kacheln, die Zeichnungen, ich war beim Ordnungs- und Wirtschaftsamt vorstellig geworden als St. Paulianer, ich wurde mit den Auflagen bis zum letzten Tag gequält wie ein Pavian. Ich renn mit all meinen Erinnerungen hin. Es heißt: »Das ist der Chef.« Gott, sie halten mich zurück, und dann sehe ich die Verwüstung: Da ist ’ne Bombe eingeschlagen wie in Dresden. Drüben auf der anderen Straßenseite liegen die Eisengitter von unseren Fenstern in so ’nem roten Kadett. Durch die Detonation im Keller muss ’ne Druckwelle entstanden sein, so stark, dass sie die Gitter aus den Fundamenten rausgewichst und wie Federn weggeblasen hat. Die Hausbewohner sind gefährdet. Sie müssen evakuiert werden. Ein Riss in der Hauswand geht hoch bis zur zweiten Etage. Das muss einen Rums gegeben haben – wenn in dem Moment jemand mit dem Thermometer Fieber gemessen hätte, das hätte der verschluckt durch den Arsch, so stark muss der Knall gewesen sein. Der Laden steht tief unter Wasser: Die haben die Schläuche reingehalten. Ich wende mich an einen Feuerwehrmann, weil ich in den Laden rein will, und dann sehe ich mit einem Blick: »Bullshit! Das Ding ist zu Ende, das ist vorbei.« Du kannst dir das nicht vorstellen, das ist wie ’n Einlauf, Prinzessin.

Die Feuerwehrleute haben nicht sofort festgestellt, dass das Brandstiftung war. Da reden irgendwelche Beamte mit dir, die nehmen dich beiseite, der eine will dir Trost spenden, ein anderer macht auf Macho und traut dir nicht ganz, weil er vielleicht deine Vorgeschichte kennt. Ich hab das alles gar nicht in der Birne gehabt. Ich hab noch im Polizeihochhaus nach zwei Stunden Verhör gefragt: »Ist das mit Plastiksprengstoff gemacht worden? « Weil ich gewusst hab, wer in Hamburg Plastiksprengstoff baut: So ’n kleiner Arsch, der gegen mich gewesen ist.

Dann hab ich nachts irgendwann Lullah angerufen. Der ist gekommen, und wir haben im »Backstage« gesessen. Ich hab gesagt: »Lullah, denkst du genau das Gleiche, was ich denke, wer uns das angetan hat?« Wir sind uns eigentlich sicher gewesen, wer das gemacht hat: Männlein mit seinem albanischen Freund. Dass wir Erfolg hatten, ging dem wohl ganz gegen den Strich. Die waren schon auf einen Besuch im »Explosion« gewesen. Aber ich konnte ja nicht ahnen, dass der Lullah sich daraus seine Parallele schöpft. Ich hab gesagt: »Du bleibst draußen. Ich werd das mit dem Männlein alleine ausmachen.« Und dann sagt er in seiner blumenreichen Sprache: »Der Pfeil ist in der Luft.« Ich sag zu ihm: »Ich will nicht, dass du mitkommst, weil deine Tochter im schulpflichtigen Alter ist. Wenn sie mich dabei am Arsch kriegen, bitte, dann bin ich doof gewesen. Aber du hast damit nichts zu tun.« Da sagt er: »Dadaschi, lieber Bruder, der Pfeil ist in der Luft.« Überleg mal, Prinzessin: Der Pfeil ist in der Luft. Er hat mir vertraut, dass ich den Wichser vernichte. Welche Ungeheuerlichkeit bietet sich denn noch an, nach so einer langen Freundschaft?

Als sie mich im Polizeihochhaus so lange gequält haben, da hab ich was Merkwürdiges herausgefunden. Ich hab ’ne Mütze aufsetzen müssen, weil ein Zeuge jemanden mit so ’nem Käppi auf dem Hinterhof gesehen hat. Die Mütze hat mir natürlich nicht gepasst, die hat ausgesehen wie ’ne Frostbeule auf meinem Dickschädel. Dann hab ich noch die Dummheit begangen, den Schlaumeier raushängen zu lassen und das mit dem Plastiksprengstoff zu fragen. Aber Spuren von Sprengstoff sind nicht gefunden worden. Die haben mir die Benzinkanister gezeigt. Ich hab ja nie gewusst, dass so kleine verpisste Fünf-Liter-Benzinkanister so ’ne Wirkung haben können. Ich geh davon aus, dass der Brandstifter das vielleicht auch nicht gewusst hat. Der Wichser hat auch nicht bedacht, denk ich mal, dass abends vielleicht ein altes Pärchen mit dem Hund noch spazieren geht oder sonstwas. Der hat gedacht, er fackelt nur den Laden ab. Die Mütze ist ihm von der Druckwelle weggerissen worden. Die hätte ihn unten im Keller zerrissen, dann hätten die gleich den Täter gehabt. Sie haben aber nur die Mütze gehabt, weil der schon vier, fünf Meter weg gewesen ist, als ihm die Mütze abgerissen worden ist. Meine Mütze wäre auf Lullahs Kopf wie auf ’nem Frühstücksei rumgerutscht, aber auf seinen kleinen Kopf hätte das Käppi gepasst. Den Gedanken hab ich natürlich weggeschoben, als er ins »Backstage« gekommen ist wie ein unschuldiges Mädchen. Lullah hat mich dann auch noch angemacht: »Warum hast du denn nach Plastiksprengstoff gefragt, Stefan?« Ich sag: »Weil ich weiß, wer der Patient ist, der uns wehgetan hat.« Und dann lehnt er sich genüsslich zurück: »Erzähl mal.« Das ist perfide.

Lullah und ich haben uns dann getrennt. Ich bin eigentlich davon ausgegangen, dass wir wieder irgendwas zusammen machen, aber er hat kein Interesse gezeigt. Ich hab ja nicht gewusst, dass er mit Pia ein Wohnmobil gekauft hat und nach Schweden abgehauen ist.

Irgendwann ist so ein verstaubter Anruf von Babak gekommen, Lullahs Bruder. Nicht ganz glaubwürdig. Wie kann mich einer anrufen, dass er sich mit mir treffen will, um mir was über den Brand meines Ladens zu sagen? Babak kannte ich, weil ich ihn mal in Lullahs Haus getroffen hatte. Da hatten wir den Laden noch nicht. Babak stand völlig unter Lullahs Fuchtel, er war auch jünger. Wir hatten zusammengesessen in einer Art, wie man bei Iranern unter Brüdern nicht herzlicher sein kann: ’n Backgammon-Spiel auf dem Boden, Datteln fressen, Süßigkeiten nehmen und und und. Nachdem Lullahs Pfeil in der Luft war, kommt also so ’n halbschwuler Anruf, und es meldet sich einer mit »Babak«. Ich krieg den nicht gleich eingeordnet, diesen Namen. Er kann auch nicht so gut Deutsch, und am Telefon ist das mit ’ner fremden Sprache doppelt schwer. Dann fragt er: »Wann kann ich dich sprechen, lieber Bruder?« Ich sag ihm, wo ich wohne, in der Annenstraße, und frag: »Bist du hier in Hamburg?« – »Ja, es ist wichtig, ganz wichtig. Es geht um deinen Laden.« Da ist meine Neugierde gewachsen. Dann hab ich mir ein Diktiergerät gekauft. Zu der Zeit hatte ich einen Marmortisch vor den Sofas, unter den hab ich das Teil geklebt. Ich hab animalische Instinkte, wenn etwas heiß ist. Ich hab gewusst, da kommt was rüber, es geht um meinen Laden, er will mir einen Täter nennen. Wenn der Bruder aus Schweden kommt, um mir ’nen Täter zu nennen, was läuft da für ’n Film? Wie Watergate.

Er ist gekommen, ich hab ihn begrüßt, Küsschen links, Küsschen rechts, er hat die Schuhe ausgezogen, wie das bei Iranern üblich ist. Dann begibt er sich in die Demutshaltung, Knie zusammen. Er hat nicht die Position, die Lullah hatte und durch mich auf dem Kiez und sein Geld auch auszudrücken gelernt hat. Er sitzt da und erzählt mir, dass sein Bruder Schande begangen hätte. Ich denk: »Was kommt denn jetzt für ’ne Scheiße?«

Lullah war in Schweden und wollte seinen Bruder besuchen. Babak war nicht zu Hause. Lullah nutzte das aus, Babaks Frau zu ficken. Babaks Frau konnte, nachdem Lullah wieder nach Germany abgereist war, damit nicht leben und hat das ihrem Mann gestanden. Aus Rache oder was weiß ich, wie das unter Iranern ist, hat Babak mich aufgesucht: »So, mein Bruder hat mir den Auftrag gegeben, den Laden da wegzubomben. Und dann fickt der meine Frau.« Babak hatte den Laden aber nicht angezündet, dem ging der Schwanz nach hinten. Aber er hat genau erzählt, wie er das machen sollte mit den Kanistern. Vorher sollte er noch die Kasse rausholen, damit es nach Raub aussieht. In der Kasse lagen immer ’n paar Pissgroschen, Wechselgeld, die Abrechnung. Er wusste genau, wo alles stand, obwohl er nie im »Explosion« war. Er hat mir erklärt, wie er die Alarmanlage ausschalten sollte, der Laden war ja fast wie ein Hochsicherheitstrakt gesichert mit der Computertür. Das hatte Lullah ihm alles genau erklärt. Bei so einer Verwüstung, wie sie da passiert ist, hätte auch die Alarmanlage nichts mehr genützt. Babak hatte einen absoluten Hass, weil sein Bruder seine Frau gefickt hatte. Unter Iranern muss das das Schlimmste sein, das muss Guillotine-Charakter haben: Der eine will den anderen jetzt schlachten, der kann sich nicht zum Schlafen hinlegen.

Jetzt sitzt der Babak hier bei mir, hat ’ne ganz dünne Stimme, ich kann ihn kaum verstehen. Gott sei Dank hab ich das Band laufen. Aber ich hab die ganze Zeit Angst, weil er so erregt ist und sich immer am Tisch festhält. Ich denk: »Hoffentlich fasst der nicht an mein festgeklebtes Tonband.« Aber dann ist mir das auch egal, als ich die ganze Geschichte höre. »Der Pfeil ist in der Luft.« Der donnert mir richtig zwischen die Schulterblätter rein.

Du kannst nichts mehr machen, Prinzessin. Du setzt dich hin und baust dir ein Röllchen, du kannst nicht unter Menschen gehen, du bist wie begraben. Ich hab hier isoliert gesessen, wie in Einzelhaft. Ich brauchte keine große Entscheidung zu treffen, es ging immer um Leben und Tod. Das hat mit Größe ja nichts mehr zu tun. Auf welches Eis ich geführt worden bin. Gut, dass ich das Diktiergerät angeklebt hatte. Ich wollte wenigstens, dass Lullah das durchlebt, seinen Bruder hört, die bekannte Stimme, mit der er groß geworden ist.

Ich habe sieben Tage gebraucht, bis ich ihn zur Rede stellen konnte. So lange musste ich warten. Meine Großmutter sagte immer: »Wenn’s ganz eng wird, zähl bis hundert«, weil sie mich ja kannte. Und dann hab ich mich sieben Tage hier eingeigelt. Weil ich wusste, ich würde ihn zerhacken, wenn ich nicht vorher zu irgendeiner Ruhe gefunden hätte.

Nach den sieben Tagen hab ich Lullah bei »Gretel und Alfons« in der Großen Freiheit getroffen, einer Kneipe, in der schon die Beatles rumgehangen hatten nach ihren Auftritten in St. Pauli. Ich hab Lullah vorher angerufen: »Das ist ein ganz wichtiger Termin, Lullah, sehr, sehr wichtig. Ich hab was zur Aufklärung beizutragen. Ich hab den Fall mehr oder weniger gelöst.« – »Das ist ja gut«, hat er gesagt. Er hat gedacht, ich hab jemandem auf die Rübe gehauen mit ’nem Baseballer, krankenhausreif. Er kommt da hin, ich hab bei »Gretel und Alfons« ’nen Stammtisch, da muss man zwei, drei Stufen links hoch. Er kommt hoch: »Lieber Dadaschi, mein lieber Bruder.« Diese Umarmung erinnert mich daran, wie der Judas den Jesus knutscht. Ich lass mich noch umarmen, und ich spür diesen Frustring. Ich sage dir, wenn der meine Haare gespürt hätte, dann wäre der weggesprungen, die waren aufgestellt wie ein Stachelpelz. Er fragt: »Was willst du trinken?« Diese großtuerische Geste. »Ich will nichts trinken.« – »Was ist denn? Dadaschi, was ist?« Da stell ich das Tonband an, er sitzt links von mir, und halt ihm das ans Ohr. Also, wenn du Bildhauer bist und da irgendwo rumkürbist im Gesicht: Dieser Mann, im Zuhören, die Gesichtsstruktur und im Verhalten, der zerfällt. Die Falten werden zu Tomahawkfalten. Das ist gigantisch. Und wie er dann versucht, nicht zu mir rüberzugucken. Er hört seinen Bruder mit dem Geständnis. Und der Pfeil ist in der Luft – na servus! Das ist mein Auftritt. Er kann mich nicht angucken. Ich seh nur – er ist natürlich auch ’n paar Tage älter als ich –, wie diese natürlich gewachsenen Falten zu Tomahawkfurchen werden. Dann das Aschgraue. »Das Wünschenswerte wäre, dass er neben mir noch verreckt«, denk ich, »vielleicht kriegt er noch ’nen Herzrhythmus-Anfall.« Ich hätte gesagt: »Guck mal, hier ist jemandem schlecht geworden.« Ich hätte neben ihm gewartet, bis irgend so ’n Blaulichtarsch kommt. »Der Pfeil ist in der Luft«, nun ist er unten auf dem Boden. »Bitte, bitte, Stefan, lass mich erklären.« Ich sag: »Wenn du jetzt noch wagst, mir halb schwul entgegenzukommen, und versuchst, mir was zu erklären, Lullah, dann bin ich bereit, dich hier zu töten. Verpiss dich zu deinem Auto, und ich lass mir noch was einfallen.« Er muss gehen, du kannst deine Luft nicht mehr mit ihm teilen: »Ich möchte nicht, dass du hier noch neben mir sitzt. Weil das, was ich dir hier gezeigt habe, das hat nichts mehr mit einem Verhalten zu tun, das ist eiserne Beherrschung.«

Lullah geht, und ich bewundere ihn, dass er die drei Stufen schafft. Er muss sich zur Orientierung mit der rechten Hand schlüpfrig an der Tresenstange zum Ausgang tasten. Das ist meine Genugtuung. Ich weiß nicht, wie man das beschreiben kann. Das ist wie bei Verliebten, die sich zufällig Silvester treffen, da mag so ein ähnlicher Gefühlsrausch entstehen wie bei mir in dem Moment, als er geht.

Ich hatte ’ne richtige Scheißhauskuhle ausgehoben, wo der so lange drin rumgewuchert hat, der Wichser. Das ist nicht nachvollziehbar. Wie der in so ’ner blumenreichen Sprache im Knast beim Backgammon großartig versucht hat, mir die besseren Seiten des Lebens zu erklären, wie er erzogen worden ist und was ich für ’ne beschissene Kindheit hatte. Und der macht so was mit mir.

Das war entsetzlich, Prinzessin. Ich hätte ihm gerne die Eier rausgerissen. Das war schon hart, du säufst ’ne Woche länger als normal. Ich war mit dem abgebrannten Laden in den Arsch gefickt, ich hatte 45000 Mark Getränkeschulden bei der Paulaner Brauerei, ich war der Bürge. Da war natürlich jede Perspektive affengeil.

Als ich dann in meinem neuen bürgerlichen Leben in ’ner ordentlichen Firma mit ’nem ordentlichen Gehalt zu arbeiten angefangen hab, da ist ’ne Lohnpfändung gekommen. Das ist der peinlichste Abstieg überhaupt gewesen. Ich sitz da bei meinem Chef, und es kommen zwei, drei Leute und wollen pfänden. Da bin ich erst mal wach geworden. Jetzt muss ich noch ’nen Freund anscheißen, dass ich zu meinem Geld komm. Der hat nicht für nötig gehalten, die Schulden zu regulieren. Natürlich bin ich gleich juristisch verfahren. Ich sag: »So sieht’s aus, ich schalte ’nen Anwalt ein.« Über den hat er dann die Schulden bezahlt.

Lullah hat ja alle ins Unglück gestürzt, auch unsere Bardame, die Pia, mit einem Kilo Kokain. Ihr sind die Kinder weggenommen worden, sie ist für fünf Jahre in den Knast gegangen. Er wollte ja immer aufs Große hinaus, toller Hahn. Wenn du ihn siehst, er ist voll so ’n Weibertyp. Er frisst kein Schweinefleisch, er ist ein Schwein.

Heute gehört ihm ein Edelpuff. Er hat ’ne blutjunge Tschechin geheiratet. Die leben gut.

Wir haben uns natürlich wiedergesehen, und ich hab einfach nicht mehr auf ihn reagiert. Hass ist was Klares, Liebe ist was Tödliches. Und ich hab Lullah mal geliebt. Die Phase, jemanden zu hassen, ist für mich nichts Fremdes. Sie macht dich reicher an Erfahrung. Guck mal, Prinzessin, ich sag das, und der liebe Gott bläst in meine Fenster. Ist das nicht verrückt? Danke dir, Großmutter. Das hat sie gemacht, mit Sicherheit, ich weiß das. Oder ich will, dass ich mir glaube.

Mein Laden weggebombt. Alles Scheiße. Da holt mich ein Mann raus, den ich vor ungefähr 20 Jahren kennen gelernt habe. Nennen wir ihn mal Holger, er gehört zur Gesellschaft, und vielleicht ist ihm die Verbindung zu mir öffentlich peinlich. Ich bin damals ins »Corner« gegangen, eine Discothek in Wandsbek. Da hat ein Typ mit ’ner Pulle im Eiseimer und zwei, drei Weibern um sich herum gesessen. Ich hab ihn gefragt: »Sag mal, sind das alles deine Mädels?« Ich war ja etwas ungestümer damals, heute bin ich sehr viel zurückhaltender. Irgendjemand hat ihm zugeraunt, wer ich bin. Ich hab meinen Spruch relativ ernst gemeint und ihn als Zuhälter angesprochen. Er hat das Beste draus gemacht und über meinen Auftritt gelacht. Das ist Holger.

Wenn sich zwei gleichaltrige Menschen begegnen, die ganz unterschiedlich sind, kann es vorkommen, dass sie sich anziehen. Das ist öfter so bei Rotlicht zu Schauspielern und Schauspielern zu Rotlicht. So ’ne Verbindung hat sich auch zwischen uns ergeben. Er: einer, der ein Altersheim geerbt hat, ich: einer, der von St. Pauli kommt.

Holger und ich haben uns dann ab und zu getroffen, ’n Tütchen miteinander geraucht, gesoffen zusammen. Nach dem Feuer sitzt er bei mir zu Hause und sagt, wie es so seine Art ist: »Stefan, hör mal zu, traust du dir zu, in mein Unternehmen einzusteigen?« Ich sag: »Du, ich trau mir eigentlich alles zu, für ’n Pfund Trinkgeld.« – »Ja, was brauchst du eigentlich, Stefan? Monatlich, um klarzukommen?« Ich lass mir ein bisschen Zeit und sag: »Was ich Minimum brauche, also das ist das Limit, ich brauch 5000 Mark netto jeden Monat. Das ist ganz klar.« Er akzeptiert.

Er hatte vor Jahren ein Altersheim geerbt, kräftig ausgebaut und hat nun die Idee entwickelt, für den ganzen Altenheimkomplex mit mir intern eine Reinigungsfirma aufzubauen. Erst mal ist es darauf hinausgelaufen, den externen Service von ’nem ehemaligen Boxer, der bei Holger sehr viel Geld abgegriffen hat, wieder aus der Partie zu boxen. Also aus reiner Nächstenliebe hat er mich nicht geholt.

Mein erster Tag ist in Holgers Art abgelaufen: Er holt mich ab im »Café Möller« am Ende der Reeperbahn, und ich fahr mit dem Chef von ’nem Sechzig-Millionen-Unternehmen in die Tiefgarage rein. Er stellt mich überall vor, ich lauf da ein bisschen hinterher, fühl mich saubeschissen, kein kaufmännisches Know-how, keine Ahnung, null. Na servus. Ich soll ’ne Reinigungsfirma machen. Das hat doch was, oder?

Natürlich hab ich ein Büro gekriegt. Ich bin als Einziger außerhalb dieses Büroclans untergebracht worden. Die Verwaltung hat sich in einem Büro im Eisenbahnabteil-Stil befunden, jeder hat öffentlich dagesessen, nur mit ’ner kleinen Trennwand zwischen sich und den anderen. Da hab ich gesagt: »Holger, das tust du mir nicht an. Ich setz mich nicht irgendwo da hin, da kann ich nicht zwei Tage leben.« Also ist für mich in einem anderen Block ein Büro in ’ner Altenwohnung eingerichtet worden: Betten und Tralala raus, Schreibtisch, Telefon, Faxgerät et cetera rein, wie sich alles gehört.

Auch einen eigenen Dienstwagen hab ich gekriegt und von dem gleich die Werbefolie für den sonnigen Altenpark an der Esso-Tankstelle abziehen lassen. Holger und ich haben darüber noch ’ne Aussprache gehabt. Ich sag: »Nee, da fahr ich nicht mit Streife. Ich wohn in ’nem anderen Viertel, und ich mach für dich da keine Reklame.« Das ist auch okay gewesen. Mein erster Dienstwagen: ein blauer Mercedes, ein altes Modell. Ich hab dann jedes zweite Jahr ’nen neuen gekriegt, in Rot, in Silber gehalten, dann ’n Esprit, tiefergelegt. Ja, vornehm geht die Welt zugrunde.

Um die Hütten sauber zu machen, braucht man jemanden, der davon Ahnung hat, und da bin ich der Letzte gewesen. Natürlich weiß ich, was sauber oder dreckig ist. Nur, das zu organisieren ist natürlich was anderes.

Erst mal hab ich mich über die Geräte zum Saubermachen orientiert, hab Kataloge studiert, hab die Vertreter kommen lassen. Herr Hentschel hat im grauen Anzug und Buttondown-Hemd in der Lobby empfangen. Bei der Größe des Auftrags kannst du dir ja vorstellen, was da für eine Nikolaus-Abteilung gekommen ist. Diese Taschenmesserknicker von Vertretern hab ich gründlich kennen gelernt. »Ja, ich brauche 40 Reinigungswagen und Staubsauger und alle Putzmittel.« Was diese Leute mir alles unter die Nase zu jubeln versucht haben. Selbstverständlich hab ich ’nen Preisvergleich gemacht und Klartext geredet: »Was nützt mir ein Staubsauger, der nur 14 Tage rumbläst? Ich will hier nicht laut werden in der Lobby. Wenn ich ’ne Menge Staubsauger kaufe, dann dürfen die nicht nach 14 Tagen den Geist aufgeben. Dann holst du die ganz schnell wieder ab. Wenn das zweimal passiert, dann holst du die wieder ab. Beim dritten Mal mach ich das nicht mehr mit: Dann holst du die alle ab. Die müssen erst mal ’n halbes Jahr schnurren.« Die haben die Beine zusammengefaltet. Bei dem Kursus für die Reinigungsleute, der sich über ’ne ganze Zeit ausdehnte, hab ich einen vernünftigen Vertreter gefunden, über den ist dann die Lieferung gekommen.

Die Reinigungsfrauen hab ich über das Arbeitsamt kommen lassen. Für jede Ablehnung hab ich eine Begründung schreiben müssen. Pünktlichkeit hat ’nen großen Stellenwert bei mir gehabt. Bei den Vorstellungsterminen von den Frauen hab ich mich natürlich genüsslich zurückgelehnt. Die haben an meinem Büro geklingelt. »Bitte nehmen Sie Platz.« Man gewinnt ja an diesen Herausforderungen. Allein in so ’nem Büro mit Zimmercharakter, mit Vorhängen, diesem schweren Schreibtisch und dem klotzigen Lederdrehsessel, da hast du ’ne ganz andere Aura. Ich bin dann cool gewesen, an den Kühlschrank gegangen: »Möchten Sie was trinken?«

Wenn jemand sich vorgestellt hat, dann ist die Abmachung über die Uhrzeit für mich wichtig gewesen. Eine, die vom Arbeitsamt geschickt wird, lass ich nicht erst um zwölf kommen, sondern um 7 Uhr 30 oder 8 Uhr 30. Ich bin extra früher ins Büro gekommen, obwohl offiziell die Dienstzeit erst um 9 Uhr angefangen hat. Wenn eine angekommen ist: »Ich muss gleich zum Arzt um halb elf, Herr Hentschel«, hab ich gesagt: »Da bleiben Sie dann mal. Arzt-hin-und-her-Gänger brauchen wir nicht. Ich hab ja Verständnis dafür, aber das lassen wir mal.« Im Endeffekt hab ich 41 Girls laufen gehabt, aus acht verschiedenen Nationen. Bei meiner Neigung zu Schwarzen natürlich Afrikanerinnen. Aber auch Polenfrauen, die sich zum Schlafen hingelegt haben, weil sie nachts irgendwo gestrippt haben und fertig waren. Die Türkenfrauen haben viele Probleme gehabt, weil sie zu Hause oft in die Fresse gekriegt haben. Die sind mit ihren Kopftüchern gekommen, und ich hab gesagt: »Selbstverständlich respektiere ich das, wenn das zu Ihrer Religion gehört.«

Ich hab auch einen Mann, einen Schwarzen, aus Mitleid eingestellt. Bis eine von den Frauen zu mir gekommen ist: »Herr Hentschel, ich muss mal mit Ihnen reden.« Ich sag: »Was ist denn los? Sie sehen so ängstlich aus.« – »Ja, der Herr Sowieso, der bedroht uns immer. Wir sollen seine Etage mit sauber machen.« Er ist Student gewesen, und der hat sofort die Lassoleine rumalbern lassen unter den Weibern als einziger Hahn. Die mussten die Scheißarbeit für ihn machen, die Mülleimer reinigen. Und eine hat den Mut gefasst und ist direkt zu mir gekommen. Ging Gong, und der ist raus gewesen.

Ich hab natürlich gleich Kittel verteilen lassen. Ich weiß ja, wie Frauen sind, wenn es um Kleider geht. Du musst sie an den weichen Sachen packen, damit sie mit dir arbeiten. Meine Frauen sind in pink-weiß gestreiften Kitteln mit Namensschildern rumgelaufen. Ich hab gesagt: »Ich möchte, dass mein Personal erkannt wird. Auffallen müssen Sie durch ’ne Sauberkeit, denn Sie machen ja hier sauber. Da fangen wir mal an mit dem Outfit.« Da hab ich ’nen Wind in die Frauengruppe reingebracht. Der ist dann durch die ganze Anlage gebraust.

Ich hab zu Holger gesagt: »Wie deine Schwestern hier rumrennen und ans kalte Büfett treten mit ihren Haaren, so will ich keines von meinen Streifenweibern rumlaufen sehen. Den Friseur würde ich verklagen.« Die Schwestern sollten sich dann meine pinkgestreifte Abteilung zum Vorbild nehmen.

Einen Altenkomplex sauber zu halten ist was anderes als die Reinigung einer Büroanlage. Alte Leute sind überwiegend hilflos, da geht mal ’n Sößchen vorbei, oder sie brauchen ’ne Gehhilfe und halten sich irgendwo fest, haben aber die Finger nicht sauber. So was hab ich sofort gesehen, wenn ich durch die Räume gelaufen bin in einer erlesenen Höflichkeit. Dann ruft man an oder macht piep piep und sagt der Oberreinigungsdame: »Schick mir mal zwei, die Tür vom Restaurant ist verklebt.« Durch mein Präsentsein hat sich das dann eingespielt. Es hat natürlich immer irgendwelche Störungen gegeben, und die Oberreinigungsschwester hat ’ner anderen gesagt: »Dann ruf doch den Herrn Hentschel an.« Zuerst hab ich natürlich einzeln mit denen geredet, das ist ganz wichtig. Du musst zwei Meinungen hören und eine dazu haben. Dann hab ich die beiden Streifenweiber zusammengesetzt und den Streit geschlichtet.

Wie ich mich gefühlt habe mit dem Job? Du machst das Beste draus, es ist ja wunderbar, du hast deinen Gehaltsscheck auf der Bank, du hast deine schwarze Braut zu Hause. Du hast ’ne Regelmäßigkeit, du fährst morgens weg. Nach 30 Jahren Nachtleben bin ich morgens aufgestanden. Ich hab ’nen ganz anderen Biorhythmus in mir gehabt. Ich hab mich ins Auto gesetzt und bin da rausgefahren. Manchmal ist das für mich katastrophal gewesen, der Regen, der Wischer hin und her, und ich hab gedacht: »Was mach ich hier überhaupt?« Trotzdem bin ich weitergefahren. Na ja, der Mensch ist ’n Gewohnheitstier, und dann hat man sich da eingeschossen.

Natürlich hat sich bei mir was verändert. Elemente duellieren sich. Du merkst im Hinterstübchen, dass manche von denen, die du mochtest, über dich reden: »Wollen mal sehen, wie lange er bei Holger aushält. Ich geb ihm vier Wochen.« – »Ich geb ihm zwei Monate.« Da ist gewettet worden. Mich hat das richtig motiviert, und ich bin wie ’n Pilzsammler geworden, der noch ’nen halben Korb voll machen will: »Leckt mich am Arsch, wettet euch blöde. I’ll never come back.«

Wenn ich dann wieder durch die Gassen von St. Pauli gehe, in denen ich 28 Jahre mein Fett verdient habe, ist das wie eine Amputation. An jeder Ecke werde ich fünfmal gegrüßt, jedem Portier muss ich die Hand geben. Hier ist das pralle Leben, aber ich bin nicht mehr hier, ich bin in ’ner Wartestation zum Tod.

Eine von den älteren Damen hat mich ein bisschen an meine Großmutter erinnert. Ihr silbernes Haar, ihre wasserblauen Augen. Sie war magerer, Omi hatte andere Ausmaße. Sie wohnte oben auf dem Flur, wo Holger sein Büro hatte, und sie ging immer nur im Flur auf und ab wie so ’n Tiger im Käfig. Natürlich mehr verhalten, step by step. Wenn ich sie dann sah, jeden Morgen, hakte ich sie immer ein und ermunterte sie: »Nun gehen Sie doch mal wieder an die frische Luft.« Dann guckte sie mich so an wie meine Großmutter.

Dass sie gestorben ist, hab ich mitgekriegt, weil sie nicht mehr auf dem Flur lief. Und ich hab nicht mehr morgens ihre wasserblauen Augen gehabt. Natürlich hat mich das tief berührt. Und wenn ich dann sehe, wie der Techniker lieblos ihr Namensschild rausangelt, wie er die zwei Schrauben aufbummelt. Schon wieder reserviert. Dann macht man sich schwere Gedanken.

Mich hat ihr Tod weggerissen. Ich bin zu Holger ins Büro gegangen und hab ganz wenig Verständnis gekriegt. Er kannte das natürlich aus seiner Welt. Wenn du als Kind in ein Altersheim reinwächst, dann sterben die Leute weg, wenn du im Fahrstuhl stehst und ein Toter fährt mit, und der Opa wird noch ausgezogen und kriegt ’nen Anzug angezogen, damit die Verwandten ihn nicht in ’ner Boxershorts sehen – also Holger hatte das hinter sich. Die Alten in dem Heim waren zu Nummern degradiert, mehr oder weniger. Es wurde wieder was frei, wieder ’ne Zahl weg. Das hab ich schwer gelernt.

Das war wie ein Paternostersystem. Der Tod hatte seine Regelmäßigkeit. Für ihn hatte man eine Einfahrt. Ein spezielles Blaulicht, wenn ein Toter durchkam. Es ist ja nicht dienlich für ältere Leute, wenn jemand abgeholt wird im Zinksarg. Man hat ja so seine Pietätsgründe. Und ich war nicht geneigt, in die halb offene Wunde des Altersheims reinzugucken, wenn wieder einmal der Kiefer runterklappt.

Ich hab trotzdem meine Beziehungen zu den alten Leuten nicht gekappt. Da gab’s einen wirklich eisenharten Hund, der saß im Rollstuhl und war oft bekleckert. Mit dem hatte ich mich angefreundet. Der hat dann immer am Eingang auf mich gewartet, ich weiß auch nicht, warum. Dem hab ich schon von weitem zugerufen: »Na, wie geht’s heute?« Dann hat er gesagt: »Besser war nicht auszuhalten.«

Ich bin ja meistens von Insassen angemacht worden, auch von Männern, das hat mir gefallen. Die haben gesagt: »Mensch, was haben Sie hier eigentlich für ’ne Funktion? Sie laufen immer so lachend durchs Gelände.« Da gab’s auch ältere Frauen, allein stehende, die waren drauf bedacht, dass ihre Wohnung in der Nähe meines Büros lag, weil sie mich dann ein bisschen beobachten konnten. Das brauchten sie, das hellte ’n bisschen auf. Und die Damen, die waren auch lebenslustig und erzählten mir viel. Ich hab da eben ein bisschen am Leben teilgenommen.

Loreen hat sich nie im Hamburger Milieu bewegt. »Tu mir ’nen Gefallen, so was geht gar nicht.« Das hab ich gleich abgehüstelt: »Ich mach den soliden Tiger da drüben im Altenpark, und dann passiert womöglich, dass dich einer aus der oberen Riege hier irgendwo pimpert, und bei ’ner Weihnachtsfeier im Betrieb gibt’s ein Zusammentreffen. Also, geh weiter auf Tournee, du bist ja flexibel, Madame.« Und das ist auch so gelaufen. Ich brauch den Leuten ja nicht erzählen, was meine Frau macht, die ist Hausfrau, ich verdien gut.

Loreen ist wirklich hausfraulich top gewesen. Mehr geht nicht. Sie hat wahnsinnig gut gekocht und nicht nur das. Ne Schwarze ist ja nicht wie ’ne Blonde morgens im Bett, die du abends mitgenommen hast. Ne Schwarze sieht noch genauso gut aus. Und ’ne Schwarze, egal aus welchem Teil Afrikas sie kommt, kannst du nachts wecken, wenn du Bock auf sie hast, und die sagt nicht: »Du, ich hab ’ne Migräne« oder »Das stört mich«. Die sagt höchstens ganz forsch: »Gut, du weißt ja, wo alles ist.« Die gibt dir noch Paroli, die knickt nicht ein im Bett. Die ist ganz anders erzogen worden. Da hat der Erziehungsberechtigte ihr schon als kleines Kind an die Stirn gehauen: »Greif da nicht noch mal an!« Bomm. Das hab ich ja auch von ihr erfahren dürfen. Ihre Jugend war knüppelhart. Und als wir das Lied von Bob Marley gehört haben, »No woman, no cry«, hab ich ihr erzählt, dass die übliche Deutung falsch ist: »Wenn du keine Alte hast, dann brauchst du dir auch kein Generve anhören.« Das Lied ist ein Trost für eine Frau, die weint über das Elend, was um sie herum ist, weint, weil sie das Kind nicht satt kriegt. Es heißt: »Nein, Mädchen, weine nicht.« Loreen hat das nicht gewusst, die guckt mich an und kriegt Augen mal zwei, die hat ja schon solche Atomdinger gehabt. Wenn ich Schickimicki in der Hütte gemacht hab, so wie ’n Eiskunstläufer und Pantomime, dann ist der ganze Raum hell geworden, so hat sie gelacht. Das ist schon faszinierend, wenn ’ne afrikanische Schnauze lacht.

Sie hat mich mit ihrem jugendlichen Übermut angesteckt. Sie ist ja 18 Jahre jünger als ich gewesen. Das hat sonst keine Probleme mit sich gebracht, nur dass sie gewollt hat, dass ich mit ihr immer die Popmusik-Sendungen im Fernsehen angucke: Nicht gerade mein Ding.

Loreen ist immer wieder mal 14 Tage weggeblieben. Zurückgekommen ist sie mal mit 3500 Mark, mal mit 4000, mal mit 2800. Sie ist dann so lange zu Hause geblieben, wie sie Bock gehabt hat. Einmal hat sie sich auch mit mir hingesetzt und gesagt: »Ich brauch 1500 Mark im Monat, dann hör ich auf.« Ich hab gesagt: »Pass auf, den Abstrich brauch ich nicht auf meinem Konto.«

Aber ich hab ihr meine Kreditkarte gegeben und meine Pin-Nummer, und plötzlich hab ich 20 000 Mark Disposchulden gehabt durch die Dame. Ich bin ein Rindvieh gewesen. Trotz geformten oder profihaften Verhaltens. Ich hab irgendwie ’ne ehrliche Nähe gebraucht. Du siehst ja, da hab ich wieder in die Scheiße gegriffen und das gemerkt, als der Oberfuzzi von der Bank anruft: »Herr Hentschel, wir haben Ihre Karte eingezogen. Ihr Dispo ist jetzt zu Ende.« – »Ja«, sag ich und sitz senkrecht in meinem Präsidentensessel, »recht vielen Dank, hat sich erledigt.« Dann hab ich aufgelegt. Der kleenen Schwarzen hab ich dann Angst machen wollen und bin ihr entgegengerannt. Die hat mich angeguckt: »Was willst du eigentlich? Ich hab dir zwei Sakkos gekauft. Und was ist dahinten? Da haben wir neue Gartenmöbel.« Ich hatte sie nicht gefragt, woher das Geld dafür gekommen war, komischerweise. Okay, das Thema war dann für mich erledigt, obwohl sie die volle Summe nicht erklären konnte. Ich geb jedenfalls meine Karte nicht mehr aus den Patschehändchen, egal, wer jetzt kommt, auch wenn da eine vom Himmel kommt. Meiner Großmutter würde ich sie geben, gar kein Thema.

Loreen hat ’ne Zeit lang vor Publikum getanzt beim Table Dance. Das hat sie affengeil gemacht. Dann hat’s ’ne Zeit gegeben, in der wir auf Kokain abgefahren und bis morgens wach geblieben sind. Einmal sind wir nachts so scharf auf das weiße Pulver gewesen, dass ich mir nicht mal Klamotten angezogen habe, nur mit ’nem Trenchcoat wie ein Exhibitionist rüber auf die andere Straßenseite gegangen bin und den Revierdealer rausgeklingelt hab. Loreen hat sich umgezogen, die beiden Spiegel aufgestellt, und wir haben Rollenspiele gemacht. Sie ist von draußen gekommen, noch mal frisch angezogen, und hat sich bei mir vorgestellt: »Ich finde keine Wohnung« oder »Ich möchte hier sauber machen.« Oder sie hat im Rollenspiel die Naive gegeben: »Darf ich das weiße Zeug auch mal probieren?« Dann haben wir Anfassen gespielt oder die Augen verbunden oder die Schamhaare rasiert. Mit ihr ist exemplarisch fünf Jahre die Bombe geplatzt. Das ist faszinierend gewesen. Bis ich gemerkt habe: Irgendwas ist anders geworden.

Vielleicht hab ich die Schiene vom Büro zu Hause nicht verlassen und mich zu stark mit meinen Angelegenheiten beschäftigt, nicht mehr darauf geachtet, wie sie sich kleidet, oder ihr nicht genug Interesse entgegengebracht und sie eben nur noch behandelt. Vielleicht hat auch ihre früher gestellte Frage zwischen uns gestanden: »Ich krieg 1500 von dir, dann hast du ein schönes Zuhause.« Und ich hör mich, wie ich in meiner abgefuckten Ludenart sag: »Hey, hey, entspann dich mal wieder.« Da hab ich was Dummes gesagt. Da hätte ich mal abwägen sollen. Sie wollte ja aufhören, außer wenn sie mal wieder ’nen Drive hat. Bei Huren ist das so. Da wächst wieder irgendwas durch die Monotonie, wenn sie immer wieder denselben Kerl auf der Couch sehen.

Vielleicht hätte sie ja auch keine Fluchtgedanken gekriegt, wenn ich mich gut genug um sie gekümmert hätte. Ich bin doch ihr Traummann gewesen. Und ich hab nicht kapiert, was ich an ihr hatte: an ihrem Lachen, das im Raum leuchtet, auch wenn kein Licht brennt, an ihrem Temperament wie ’ne doppelläufige Schrotflinte, das jede Langeweile im Alltag vertreibt und im Sex einen Kick nach dem anderen bringt, abgesehen von den Köstlichkeiten ihrer karibischen Küche. Ich hab das alles nicht respektiert, hab sie nicht so geachtet, wie sie es verdient hätte, hab ihr nicht zugehört. Dabei hat sie was zu sagen gehabt, hat viel gelesen und sich weitergebildet. Verdammt, das ist doch viel mehr wert gewesen als die 1500 Mark, das Geld ist doch da gewesen, und ich verspiel die Chance mit Loreen.

An unserem letzten guten Tag hat sie, wie immer, schön Winkewinke gemacht, als ich ins Büro gefahren bin, und ich hab gehupt beim Einparken, wie immer, wenn ich wieder nach Hause gekommen bin. Ich mach die Tür auf und hab ihr karibisches Essen gerochen. Das läuft dir doch runter wie Marzipan, das hat doch gepasst. Und abends die Leibchen übergestülpt und die Nummer ausgesucht: »Was spielen wir denn?« Und dann noch den Schleier Koks drübergelegt. Wir haben uns vierzehn Stunden platt gemacht, dass mein Schwanz ausgesehen hat wie ’n Lippenstift. Das hat gepasst, aber irgendwo ist dann mal Ende, du kannst dich nur noch mit Scheiße bewerten, Steigerung null. Ich hab ’ne Ruhephase gebraucht, mich zurückgebettet, und als ich wieder zu mir komme, ist Loreen weg. Wir haben vierzehn Stunden rumgemacht, und die ist nicht mehr da. Nach Tagen kommt sie wieder. Ich hab mich unten im Keller eingeschlossen, und sie singt durch die Tür: »Komm, nun mach auf, ich möcht dir einen blasen.« Ich reiß die Tür auf: »Was willst du? Woher kommst du?« Und lass mir einen blasen. Aber ich hab diesen Dolch im Body gehabt, dass sie, als ich gepennt hab, abgehauen war, und ich hab mich wieder breitschlagen lassen, weil wir natürlich sexuell okay drauf gewesen sind.

Und dann ist sie wieder weg. Sie hat nichts mitgenommen, nur das, was sie am Leib hatte. Die war weg, und der Hund hat rumgequiekt. Ich hab mich morgens fertig gemacht und gesagt: »Sparkie, ich lass den Garten hinten auf. Sie ist wieder auf Tournee. Die wird schon irgendwann besoffen auftauchen.« Ich komm abends wieder, der Hund rennt mir entgegen – es ist niemand aufgetaucht. Wir waren fünf Jahre zusammen. Sie kam nicht wieder, ob du’s glaubst oder nicht, Prinzessin, die war weg. Ich hab den Hund am Arsch, die Schränke voll wie in ’ner Boutique 2000, die hat so viele Klamotten gehabt. Sie war ja Tänzerin und sah bildhübsch aus. Ich hab sie nur noch auf Bildern gehabt.

Ich sitze in ’ner Kneipe, im »Utspann« an der Talstraße, ein Vierteljahr später, da kommt sie rein. Kommt rein mit ’nem fast freundlichen Gesicht. Ich habe so getan, als wäre sie mir fremd, gänzlich fremd. Ich habe keine Anstalten zu Vorwürfen gemacht. Sie albert im Umfeld rum, und ich verschanz mich in mir. Ne groteske Situation. Nach ’nem Vierteljahr taucht die auf. Sie boxt den Wirt in die Seite: »Na, warum bist du denn so schlecht drauf?« Ich weiß nicht, wie ich ausgesehen hab, als ich da oben auf der Eckbank gesessen hab, was für ’ne Gesichtsmimik ich gezeigt hab. Ich seh noch ihr fröhliches Gesicht vor mir. Der Handlungsbedarf hat auf ihrer Seite gelegen. Ich hab kein Wort gesagt. Dann ist sie wieder gegangen.

Nach diesem Auftritt, als sie wie ’n Lichtbild reingefunkt ist in die Kneipe und wirklich spaßig drauf gewesen ist, hab ich noch mal drei Monate gewartet, bis ich Sparkie, ihren Hund, weggegeben hab. Bevor ich mich dazu entschlossen hab, musste ich ihn ins Büro mitnehmen, da war der beliebt, die Schwestern warteten auf ihn mit Leckerbissen. Natürlich war das ’ne Clownnummer, Herr Hentschel kam mit ’nem Hündchen. Und was für einem. Sparkie war wohlerzogen, gehörte aber ’ner Rasse an, die als gefährlich verschrien war. Manche hatten Angst vor ihm. »Das brauchen Sie nicht zu haben, gnädige Frau.« Dieses ganze Gesülze ging auf die Dauer nicht. Ein Altersheim war kein guter Platz für einen Hund. Über den Wirt vom »Utspann« hörte ich von einem Bauernhof in der ehemaligen DDR: »Der hat’s da gut.« Da hab ich Sparkie hingebracht. Es hat mir wehgetan, ihn zurückzulassen. Aber er hat’s da besser als hier.

Nach ’ner geraumen Zeit hab ich einen Anruf von der bewussten Dame gekriegt: »Ich möchte meine Sachen abholen.« Meine Stimme ist sofort wieder belegt gewesen: »Wann kommst du?« Ich bin zu Budnikowski und hab mir 20 oder 30 Müllsäcke geholt. Da hab ich ihre ganzen Klamotten reingesteckt. Nicht beschädigt oder zerrissen aus Eifersucht, alles in saubere Müllbeutel rein. Drei Uhr war abgemacht, und um drei haben draußen vor der Tür 15,20 Müllbeutel mit ihren Sachen gestanden. Und zum Kompott hab ich mir die Hundeleine aufbewahrt.

Ein Möbelwagen fährt vor, Loreen kommt vom Bock runtergesprungen. Der Driver sieht mich und bleibt sitzen. Er lässt nur hinten die Ladefläche runterfahren, so ein Alugehäuse mit Blinklicht. Sie muss die Säcke ganz allein hochwuchten, der Fahrer hilft ihr noch nicht mal. Er fährt nur die Ladefläche immer rauf und runter, aber er erklärt sich nicht mit der Sache solidarisch. Der sieht aus wie ein relativ guter, stabiler Junge; Möbelwagen fahren ja keine Hungerhaken. Über der ganzen Szene liegt ’ne gigantische Spannung. Ich steh im Türrahmen und sag: »Hier, deine Sachen, das ist alles in blau gehalten, du hast ja nichts mit den Augen, das gehört alles dir. Und was ganz wichtig ist…« Und ich geh hin zu dem Möbelwagen und knall die Hundeleine mit diesem Kombischloss auf die Ladefläche, der Hund ist ja nicht dran.

Irgendwann hab ich einen schönen Brief von ihr gekriegt, dass sie mit mir keine Zukunft sieht und ihre Entscheidung richtig gewesen ist. Sie lebt jetzt bei ihrer Familie in Birmingham. Dann hat sie mir noch mal zum Geburtstag mit einer witzigen Karte gratuliert. Ich hab in meiner Küche noch heute alles das, was sie aufgehängt hat. Ihr Herkunftsland Jamaika in Holz geschnitzt und Fotos von außergewöhnlichen Hunden.

Ich denke gern an Loreen, die Wunderschöne. Manchmal stelle ich mir vor, dass sie zur Tür reinkommt und ihr Lachen leuchtet in meiner Hütte. Nein, ich würde nicht versuchen, sie zurückzuholen, ich bin kein Wiederholungstäter. Aber die Sehnsucht nach ihr ist geblieben, nach all den Jahren, eine Sehnsucht nach einem Wunder, aber man weiß, dass es nicht kommt.

Ich hab dann ein paar Jahre allein gelebt. Die Fickerei brauchte mich niemand lehren und das Essenkochen auch nicht. Tiefer als ich kannst du gar nicht in die Kacke fallen. Ich hab mich an meinem Job festgehalten und nicht das geringste Bedürfnis nach einem gemeinsamen Aufwachen mit ’ner Frau gehabt. Bis eben doch wieder was passiert ist.

Ich sitz in meinem Auto und seh auf der Straße ’ne tolle Frau stehen. Ich kenn sie aus der Zeit meiner Trennungsscheiße mit Lilo. Damals hatten wir ein paar Tage zusammen verbracht, viel Geld verbraten und viel gesoffen. Ich war dann so pleite, dass ich nicht wusste, wie ich meine Miete bezahlen soll. Ich saß entnervt beim Italiener, und da kam sie, Fathia, und legte mir vier verschiedene Paar Handschuhe hin, nicht die, die man anzieht, wenn man friert, sondern elegante Handschuhe, Glace oder so ’ne Jauche, in bunten Farben. Verbal rotzte ich ihr hin: »Ich weiß nicht, wie ich meine Miete bezahlen soll, und du führst mir hier diese Onanierpfoten vor.« Da war zwischen uns alles wieder gelaufen, da hatte man keinen Spaß mehr, zusammen zu essen. Also, ich war schon sehr unangenehm und vielleicht auch nicht gerecht. 14 Jahre war das her.

Fathia. Jetzt steht sie auf der Straße, wir sehen uns und wir lachen, wir lachen, wir lachen. Ich denk: »Wenn du jetzt nicht aussteigst, läuft sie wieder vorbei.« Ich bin ausgestiegen: »Darf ich mich vorstellen, mein Name ist Stefan Hentschel.« Wir haben gelacht, Küsschen links, Küsschen rechts. »Ja, ich würde dich gern zum Essen einladen.« Diese ganze Standardlauge. Und trotzdem bin ich hibbelig gewesen, weil sie mir so gefallen hat, derart hibbelig, dass ich erst mal die falsche Nummer aufgeschrieben hab. Also gleich zu Anfang ein Missverständnis.

Dann haben wir uns wiedergetroffen und sind zum Essen gegangen, vornehm in Blankenese. Ich hab abgekürt, Werbewoche, du ziehst dir ’ne andere Minelle an, also ’ne andere Klamotte. Sie hat ’ne Jacke für sechs Mille angehabt und erzählt, dass sie gerade aus dem Urlaub zurückgekommen ist: Acapulco, Florida, fünf Sterne.

Nach der blutjungen Loreen hab ich Fathia als ausgereifte Frau genossen. Sie hatte schon alles Mögliche gemacht und viel auf den Kopf gekriegt. Sie war mal Kellnerin im. »Bistro«, Türsteherm in Nobeldiscotheken und Managerin von einem Swingerclub. Als Hure war sie in der Herbertstraße, aber auch in Marbella, überall da, was gerade angesagt war. Sie spricht ja vier Sprachen. Fathia liebt die Straße, die Unabhängigkeit – und den Luxus, ein Star zu sein, jeden Tag, jede Nacht gekürt von niemand anderem als sich selbst. Dass sie schon 20, vielleicht auch 25 Jahre im Milieu war, hat man ihr nicht angesehen. Sie hat ein fein geschnittenes Gesicht, fast edle Züge und ein fantastisches Olivbraun als Hautfarbe. Sie hat arabisches Blut in sich vom Vater und von der italienischen Mutter die südländische Lebendigkeit.

Sie ist dann bald bei mir eingezogen, den Umzug hab ich ihr arrangiert und ’nen LKW gemietet. Vorher hab ich die Wohnung renovieren lassen: Die Eichenvertäfelung in mattem Elfenbein, die Wände mit ’nem Hauch Apricot marmoriert, weiße Sofas, Glastisch, alles hell und luftig. Fathia hat dann ihre ganzen Accessoires reingebracht, Versace-Geschirr und solch teuren Schnickschnack. Und Berge von Klamotten, gucciweise Lederjacken, vielleicht 50 Paar Schuhe, 15 Sonnenbrillen, Gucci und so. Klar, dieser Markenfetischismus ist nicht mein Turnschuh gewesen, überhaupt nicht. Irgendwann hat sie mal gesagt: »Ich hab von Joop ’nen tollen Ring gesehen.« Ja gut, den hat sie gekriegt, und ich hab mich damit auch ein bisschen wohl gefühlt. Aber ihre Ansprüche haben Maße angenommen, ein bisschen too much. Dass ihre beiden Malteser-Hündchen mit ins Bett kommen, wie sie es gewohnt war, ist bei mir nicht gegangen. Da bin ich hart geblieben: »Ins Bett kommt mir kein Hund, nicht ums Verrecken.« Püppi und Tammy haben ein großes Seidenkissen auf dem Fußboden an ihrer Bettseite bekommen.

Wir sind auch zweimal im Urlaub gewesen, einmal in Alicante vom Feinsten, in ’ner Villa mit eigenem Pool, dann auf Fuerteventura. Da sind wir zu den gleichen Orten und Stränden gefahren, wo wir früher mit anderen Partnern waren: ein wirklich schöner Urlaub.

Fathia hat sich als Domina spezialisiert. Das hat zu ihrem Alter gepasst. Eine Domina wird man erst, wenn man als richtige Frau die Schwächen der Männer kennt. Wenn du im 18. Lebensjahr bist und mit einigem Selbstbewusstsein in ’nem Puff anfängst, wächst dir doch nicht gleich der Grundgedanke: »So, ich zieh mir jetzt ’n Korsett an und straf da Kerlchen ab.« Das braucht doch seine Zeit, bis du dahin kommst. Dann guckst du mal zu, wie das ’ne Kollegin macht, du wächst da rein, das gefällt dir. Wenn du sowieso viel Erfolg hast bei den Männern und zeigst ihnen deine auserlesenen Schuhe, und die lassen sich gefallen, dass sich ihnen der Stöckelschuh bis zum Schnatterzapfen reinbohrt, weil sie Schuhfetischisten sind – dann wächst auch in dir eine Raffinesse, eine Lust auf delikate Situationen und ein Verlangen nach Befriedigung deiner untergründigen Machtinstinkte. Wenn du das dann austobst, die Mose in Leder gehalten, auch noch ’n Reißverschluss, stößt du auf das Potenzial der Männer: Die werden unglaublich aufgegeilt. Und diese Männer unterjochen vielleicht 400 Angestellte, wenn sie keine Friedhofsgärtner sind.

Von einer Domina profitierst du ja als Mann, als Partner, aber du erfährst auch viel Negatives. Du kriegst ihre Spannungen ultrabrutal zu spüren. Wenn eine Frau 20, 25 Jahre in diesem Gewerbe ist, hat sie schon Ausraster. Sie trinkt, sie schreit sinnlos. Dann musst du das eben als Folge ihrer Lebensart einordnen, du kannst nicht mehr auf die Frau einhämmern, so wie man das als Zwanzigjähriger gemacht hat. Das geht nicht, das geht wirklich nicht. Du musst eine höhere Form von Verständnis finden, dich selbst erkennen und begreifen, dass jeder seinen eigentlichen Weg geht, und wir gucken mal, was draus wird. So ist das.

Mein Weg ist dahin gegangen, dass sich meine Zeit im Altersheim dem Ende zugeneigt hat. Ich hab das mit meiner Witterung schon im Vorfeld gespürt. Als in unserem Land so manche Dinge abwärts gerutscht sind, hat sich das auch in Holgers Betrieb bemerkbar gemacht. Die Geldgeberseite hat ihm einen Sanierer reingesetzt. Der hat mich durch seine randlose Brille angeguckt und ist sofort gegen mich gewesen. Das hab ich vom ersten Moment an gemerkt.

Zur Kündigung nach neun Jahren hat mich Holger ins Restaurant eingeladen und gesagt: »Mir sind die Hände gebunden.« Geil. Ich bin aufgestanden vom Esstisch und hab gesagt: »Lieber Holger, ich hab noch ’nen Jahresurlaub. Und dann noch ’ne weitere Gehaltszahlung, und ich werde mich bei dir melden.« Und das Ding zwischen uns ist out. Nach dreißig Jahren.

Als ich noch mal zu Holger hingemusst hab, ist er so ängstlich gewesen, dass er zwei von seinen Sicherheitsleuten im Vorzimmer hat warten lassen. Also in der Art: »Hentschel soll hier nicht durchdrehen.« So wie es damals in der Zeitung stand, nachdem mein Hund erschossen worden war.

Mein Zeug hab ich dort gelassen, auch unser gemeinsames Foto, seine Geschenke. Ich hab nur das Nötigste mitgenommen, so viel, dass es in meine Hosentasche gepasst hat. Ich hab in diese Wartestation zum Tod ein menschliches Potenzial und eine geistige Wärme reingealbert. Ich glaub schon, dass viele ältere Menschen mich dort vermisst haben.

Nach ’ner Zeit hab ich mich beim Arbeitsamt melden müssen. Ich hab ’nen Anzug angezogen, naturellement, von Louis Vuitton diese flache Tasche mitgenommen und hab da abgekürt. Der Weg da rein in diese Burg der Niederlagen, den kann ich dir gar nicht beschreiben. Mit dem Fahrstuhl hoch, dritte Etage, dann so ’n Kärtchen ziehen wie auf dem Verkehrsamt und warten mit der erbarmungslosen Angst, dass dich jemand vom Kiez erkennt. So wie auf dem Arbeitsamt hab ich mich noch nie gefühlt, Prinzessin: wie auf ’ner Plattform der Verlorenen. Gott sei Dank hab ich, als meine Nummer dran ist, ’ne Dame am Schreibtisch. Das Büro bewohnt von einer Beamtenseele. Ich bleib stehen, weil ich keinen Platz angeboten kriege mit meiner Mappe, so wie Pfeiffer mit drei F aus der Feuerzangenbowle. Dann sagt sie endlich: »Bitte nehmen Sie Platz.« Ich setz mich hin. Sie sieht mein Zeugnis als Chef von 41 Angestellten, die größte Schmuseabteilung. Aber was nützt mir das? Sie sagt: »Für die offenen Stellen, die ich hab, sind Sie überqualifiziert.« Soll ich Suppenkasper mir darauf ein Ei backen? Ich komm raus, atme durch, endlich tief durch nach der Beklemmung und hab wieder ein Lungenvolumen von sieben Litern. Mich treibt es sofort in den Boxkeller. Da dresch ich stundenlang auf den Sandsack.

Macht macht erotisch, Prinzessin. Auch wenn’s nur ’ne kleine Macht über ’ne pink-weiße Streifenliga ist. Die habe ich ja nun nicht mehr gehabt.

Nachdem ich meinen Sesselfurzerposten verloren hatte, bin ich bei Fathia abgestürzt als der Zampano, der vorher sagen konnte: »Lass uns groß essen gehen.« Und das musst du ganz schnell wegstecken, auch wenn es dir wehtut. Du weißt ja erst mal nicht, wie es weitergeht.

Da ist, denke ich, bei Fathia die Selbsterhaltung durchgeschlagen. Und sie ist wirklich flexibel. Hört ins Leben rein: in Holland null Arbeitslosigkeit, ab halb fünf die Puffstraße voll wie früher die Hamburger Mönckebergstraße beim Sommerschlussverkauf.

Fathia ist als Domina nach Amsterdam gegangen und hat da großen Erfolg. Die meisten Accessoires hat sie aus meiner Wohnung mitgenommen. Aber die neue Kahlheit steht meiner Hütte gut. Obwohl sie schon Berge von Schuhen mitgenommen hat, stehen in meinem Keller noch mindestens 20 Paar von ihr. Auch ein Dutzend Sonnenbrillen ist noch da und ein Vermögen an Lederjacken.

Ich hab mit ihr wirklich ein Jahr und zehn Monate in der klassischen Form erfahren dürfen.

Wie es weitergeht? Ich muss in gewissen Abständen ins Arbeitsamt latschen und mit meiner Art und Weise nur das Beste draus machen, das ist verrückt.

Was beruflich mein Lebenstraum wäre? Ich würde gern Jungs von der Straße holen und sportlich trainieren, auch anleiten, dass sie nicht ins Rotlichtmilieu rutschen und schon gar nicht in die Kriminalität. Ich brauch keinen Luxus, nur meine Miete und das Nötigste zum Leben. Und wenn ich leben muss wie Gandhi, das wäre mir scheißegal, ich hab ja alles gehabt, schnelle Autos, teure Klamotten, weite Reisen. Am liebsten würde ich in Afrika Kids aus sozialen Sümpfen rausholen, weil ich das schwarze Lachen so mag. Dann brauchte ich nur ’ne Hütte und meine Verpflegung. Aber wer nimmt schon einen Mittfünfziger für ein soziales Projekt, noch dazu im Ausland. Ich würde auch sonst im organisatorischen Bereich jede Herausforderung annehmen. Aber wie das heute so ist auf dem Arbeitsmarkt, da prasseln die Stellenangebote nicht rein. Totenstille in der Nachfrage nach mir.

Wie ich meine Tage rumbringe, seit ich arbeitslos bin? Ich halte meinen Haushalt in Ordnung, dafür brauche ich keine Putzfrau. Du weißt ja, Prinzessin, wie viel Wert ich auf Sauberkeit lege. Hier wirst du kein Stäubchen finden. Gerade hab ich eine Trommel Buntes drin.

Jeden Tag um zwei Uhr gehe ich in den Keller der »Ritze« zum Boxtraining, bis nach vier. Ich bin topfit wie ’n Turnschuh.

Und nun lach nicht, Prinzessin, du siehst meine Zettel hier liegen. Ich schreib Gedichte. Ob du sie mal lesen darfst? Vielleicht, aber nicht jetzt. Ich hab sie noch niemandem gezeigt.

Wo sind sie geblieben?

Was aus meinen Freunden, Feinden und Frauen geworden ist?

Ditschi, der allerbeste Freund meines Lebens, hat nach seiner Strandung im Hotel »Amber« kein Land mehr in Hamburg gesehen. Er ist mit seiner Frau nach Berlin gegangen. Sie hat dort weiter angeschafft, und er hat ’nen soliden Zweig in der Baubranche aufgebaut. Berlin ist ja mal die größte Baustelle Europas gewesen. Zuerst hat er mit seinem Geschäft, drei Leute, richtig Umsatz gemacht. Als Musiktalent ist er auch mit ’ner eigenen Gruppe aufgetreten. Aber nach ’ner Zeit hat’s ’ne Stagnation gegeben – Bauende, Stopp. Na ja, da ist er wieder in die Scheiße reingefallen und hat sich mit seiner Musik über Wasser gehalten. Zum Kompott hat er mit der Wirtin von der Kneipe in seiner Wohnstraße was gehabt, die hatte sich ’n bisschen in Ditschi verguckt. Da hat er Stress mit seiner Frau gekriegt. Er hat vor ihr gestanden und sich das Hemd zerrissen, die Knöpfe sind wie Geschosse durch die Gegend geflogen: »Gib mich endlich frei!« Nach dem Krach ist er in die Stube gegangen, in der das fest installierte Telefon gestanden hat. Von da muss er mich angerufen haben. Seine Frau ist, wie so oft, wenn er ausgerastet war, zum Pennen gegangen. Sie hat sich morgens gewundert, dass Ditschi nicht im Bett neben ihr lag. Er hat in der Stube gelegen. Tot. Herzinfarkt.

Am nächsten Tag hab ich in meinem Büro auf dem Anrufbeantworter ein Hecheln gehört. Kein Wort. Er hat ganz, ganz schwer geatmet. Das hat ungefähr sieben Minuten gedauert, das kleine Band ist zur Hälfte in Anspruch genommen worden. Aber ich hab Ditschi am Atmen erkannt. Seine Frau hat mich nach seinem Tod besucht und mir von seiner letzten Nacht berichtet. Und sie hat mir bestätigt, dass auf dem Band zweifellos Ditschis Atemzüge aufgezeichnet worden sind. Dass er seine letzten Gedanken an mich gerichtet hat – das berührt mich bis heute.

Ein Jahr nach Ditschis Tod hat mich seine Tochter gebeten, als Vertreter für ihren Vater zu ihrer Hochzeit zu kommen. Ist mir eine Ehre gewesen. Sie hat ganz in Weiß in der Zwiebelkirche geheiratet, in der ich zufällig konfirmiert wurde.

Mein Freund Axel ist mehrfacher Millionär geworden. Er hat das »Relax«, den Edelpuff in St. Georg, bis zuletzt erfolgreich geführt. Und nicht nur das: Er hat auf Mallorca sieben Eigentumswohnungen gebaut und sich ’ne 21 Meter lange Segeljacht zugelegt. Mit der ist er zwischen Mallorca und der Karibik hin und her geschippert, das ist immer sein Törn gewesen.

Zuletzt haben wir uns im »Café Möller« verabredet. Axel, der immer kugelrund war, hat elend und abgemagert ausgesehen, aber er ist locker drauf gewesen. Er hat seinen Zustand verdrängt, indem er ihn gutgeredet und sich kein bisschen eingegraben hat. Ich hab vom Ende meiner beruflichen Existenz erzählt, und da hat er gesagt: »Mach dir mal keinen Kopf, du kommst mich besuchen.«

Als er in der Karibik rumgeschippert ist, hat ihn sein Arzt blitzschnell zurückbeordert. Die Werte hatten ergeben, dass Metastasen durch seine Blutbahnen rasen: Lymphdrüsenkrebs. Basta. Er ist keine 50 Jahre alt geworden.

Meine Feinde sind nicht meine Feinde, denn ich hab sie nicht als Feinde ausgesucht. Sie haben mich mit der extremsten Seite des Lebens konfrontiert: mit Mord. Dass mein bester Freund Waldi in meinem Haus erschossen wurde, war ja auch für mich ’ne Art Geburt, verdammt noch mal. Ich bin ein anderer geworden, reingeballert in ’ne Situation, die überhaupt nicht meinem Naturell entspricht.

Ringo, der Boss der anderen Seite, hat nur kurz im Knast gesessen. Dass er irgendwelche Fäden bei den Kiez-Morden gezogen hatte, ist nie bewiesen worden. Im Milieu von St. Pauli hat es ja immer ein Gesetz des Schweigens gegeben, wie die Omertá bei der Mafia. Nach der Haft hat sich Ringo nach Ibiza verzogen. Er hat da ’ne Kneipe und geht wer weiß welchen Geschäften nach.

Dillo, der die Idee hatte, mich an die Pitbulls zu verfüttern, damit keine Rückstände bleiben, hat auch auf Ibiza einen relativ gut gehenden Laden, wie ich gehört hab. Ich werd mal irgendwann ’nen Drink bei ihm nehmen.

Dem Wiener Peter hat Mucki Pinzners Geständnis »lebenslänglich« gebracht. Aus Santa Fu hab ich gehört, dass er da die Knastbibliothek geführt hat. Irgendwann ist er Freigänger geworden.

Ich komm rein ins »Utspann« in der Talstraße, komm da rein wie immer, in meinem Gang, und weiß um die Beschaffenheit des Ladens, weiß, dass man die Leute, die hinten sitzen, erst mal nicht sieht. Ich komm da rein aus der Sonne, und als er zwei Meter vor mir ist, seh ich diese Kalkleiste an der Bar sitzen. Dass Harry, der hinterm Tresen arbeitet, mich begrüßt, muss für ihn wie ’ne Zangengeburt sein. Bingo. Ich denk, er denkt, ich mach ihn jetzt platt. Aber er kommt mir mit dem Patschhändchen zuerst entgegen. Ich sag: »Hallo, Peter.« In dem Moment ist er fix und foxi, wie ich merke. Hier hat er mich nun garantiert nicht vermutet und ich ihn auch nicht, mit Sicherheit nicht. Ich geb ihm nicht die Hand, um Gottes willen, ich nehm ihn einfach nur zur Kenntnis und denk: »Ach ja, das ist der Wiener Peter. Hast zehn oder zwölf Sterne von deiner Strafe abgerissen, und jetzt sitzt du hier und wartest auf deine Abschiebung nach Österreich, wo du hergekommen bist.«

Wenn ich ihn gesehen hab, schon früher, hätte ich ihn immer erschlagen können. Da geht der Puls hoch, da kommen die Adern raus wie Kompressorschläuche am Hals, aber da musst du deine Gefühle, wie der Asiate sagt, im Griff haben. Das ist wichtig. Und so hab ich immer reagiert, bis zum heutigen Tag. Ob ich ihm gerne eine reingeschlagen hätte? Das hätte mich nicht befriedigt, Prinzessin. Das unterliegt einem ganz anderen Modus, was ich da gemacht hätte, wenn ich mich zu was hätte hinreißen lassen. Ihm mit ’ner Faust ins Gesicht zu boxen, wäre zu läppisch für das, was passiert ist. Also, da wäre was anderes geschehen, wenn ich mich zum Handeln bereit erklärt hätte. Ich bin dann aus der Kneipe rausgegangen. Die gemeinsame Luft hab ich bewusst nicht mehr eingeatmet.

Lebenslänglich geht eben auch mal zu Ende, und als seine Zeit im Gefängnis vorbei gewesen ist, hat er Deutschlandverbot gekriegt. Und wo ist er gestrandet? Natürlich auf Ibiza. Das Bermuda-Dreieck, sag ich immer.

Was aus meinen Frauen geworden ist?

Reni hab ich mal rechts von mir im Auto gesehen. Ich hab sie sofort erkannt, aber ich weiß nicht, ob sie mich erkannt hat. Sie hat immer noch diese Aura von Eleganz gehabt. Neben ihr hat ein Mann gesessen, der Croupier, der zwei Kinder in die Ehe mitgebracht hat, davon gehe ich aus, wenn es nicht ’n Neuer gewesen ist. Ich hab auch mal ’ne Frau getroffen, die früher im »Chérie« gearbeitet hat und auch solide geworden ist. Die hat gesagt, Reni geht’s wunderbar. Sie hat ein Nagelstudio, ist immer noch verheiratet und friedlich.

Portugiesen-Josefa seh ich ab und zu mal beim Einkaufen auf St. Pauli, bei Budnikowski oder sonstwo. Sie hat immer noch ihren drallen Knackarsch in der Jeanshose und lacht übers ganze Gesicht. Vor drei Jahren, als ich alleine gelebt hab, haben wir uns ab und zu noch mal bei mir in der Hütte getroffen und über alte Zeiten gequatscht. »Hallo, Josefa!«, ruf ich ihr manchmal über die Straße zu. »Hey, du Stinkstiefel«, ruft sie dann rüber. Stinkstiefel, diesen Ausdruck hab ich von ihr geerbt, weil ich früher zu ihr immer in den Springerstiefeln aus der Bundeswehrzeit gekommen bin. Wir wissen beide, dass ich mich umdrehe, wenn ich »Stinkstiefel« höre. Wenn man in Josefas Gesicht reinguckt, hat sie für ihr Alter, Mitte 40, ’ne durchlebte Fratze, aber das Lachen, das ist noch da.

Es ist ja viel auf der Strecke geblieben, wie ich glaube, bei jedem mit diesem Weg. Auch bei mir.

Lilo, die ein mehr als revolutionäres Verhalten an die Tagesordnung legte, die über die Deppen von ihren Brüdern das Lasso schwang, Lilo, die zwei Wohnungen ruinierte und mir Urlaube zur Hölle machte – Lilo hat mir nicht verziehen, dass ich links und rechts ein bisschen rumgekaspert hab mit anderen Frauen. Sie hat sich eben unsterblich gefunden, und jeder Kerl hat sich nach ihr umgeguckt. Ich bin ja nicht umsonst 13 Jahre mit ihr zusammen gewesen.

Als wir nach dem Hin und Her der Trennungsphase Abstand gewonnen hatten, haben wir ab und zu mal telefoniert und uns Sauereien ins Ohr geblasen. Einmal hat sie mir mit ’ner Taxe so ’ne Rotze geschickt. Unterhose in Folie und ’nen Zettel: »Willst du mehr, darm komm her.«

Vor ein paar Jahren hat sie mir im »Globetrotter« auf die Schulter getippt: »Stefan, ich bin’s. Ich bin hier in der Nähe. Hast du ’ne feste Frau?« Zu dem Zeitpunkt hab ich alleine gelebt. Dann ist sie mit ’nem Taxi und Getränken unterm Arm angekommen. Ich will höflich sein und sie umarmen, und ich merke, ich krieg meine Hände nicht um ihren Buckel geschlossen. Da hab ich erst mal Licht im Flur gemacht. Lilos Gesicht: etwas rundlicher, aber noch ausdrucksvoll hübsch. Es gibt viele dicke Frauen, die hübsch sind. Aber diese Marmortitten, die haben auf dem Bauch gelegen. Sie ist wie ’ne Walze reingekommen, hat sich auf einen Stuhl gepflanzt und ein Bild von meiner Tochter gesehen: »Wer ist das denn?« Die ist keine zwei oder drei Minuten dagewesen: »Wer ist das denn?« Ich sag: »Das ist Nicole, meine Tochter.« – »Ja, dafür wirst du mir noch bezahlen.« Da fällt dir nichts mehr ein.

Lilo war längst nicht mehr in der Herbertstraße. Sie hat mir erzählt, dass sie jetzt weiß, wie Geld verdient wird, dass sie selber Puff-Chef geworden ist und zwei, drei Polenweiber für sie anschaffen. Wie gut es ihr geht, damit hat sie gar nicht aufhören können. Als das Thema dann doch durch gewesen ist, hat sie immer wieder vertieft: »Ach, du hast ja genug Probleme mit deinem ausgestochenen Auge.« Daran hat sie sich geweidet. Na ja, dann hab ich sie rausgeschmissen.

Lilo will ich in meinem Leben nicht mehr an der Kreuzung sehen, wenn’s der Zufall nicht anders will.

Akosua, meine Sommerliebe, meine Marbella-Braut, ist ’ne Erfolgsfrau in den Medien geworden. Sie ist eigentlich immer schon plietsch gewesen. In der Zwischenzeit ist sie zweimal verheiratet gewesen, und ihre beiden Ehemänner haben nicht bei der Post gearbeitet. Da ist was hängengeblieben bei den Scheidungen.

Sie lebt in ’ner anderen Stadt, aber wir sind noch immer fleißig am Telefonieren. Wenn ich ihre Stimme höre, geht bei mir die Sonne von Marbella auf, und ich seh die schwarze Perle vor mir, und ich seh, wie sie mich anlacht. Wow.

Auch mit Dunja, der Tschechin, telefonier ich noch. Aus der stärksten Frau meines Lebens ist ’ne Löwenmutter geworden. Sie hat sich schwängern lassen auf Sylt, wo sie gearbeitet hat. Verheiratet ist sie aber nicht. Ihr Leben hat sich auf Sozialhilfeniveau eingependelt. Sie ist weg von St. Pauli und stark engagiert, was ihr Kind angeht. Als ihr Sohn noch ein Baby war, hat sie ihn mir stolz gezeigt. Er ist jetzt fünf Jahre alt. Wenn sie mit ihm auf dem Hamburger Dom ist, ruft sie mich an: »Ich bin hier in deiner Nähe. Hast du nicht Lust, mal rüberzukommen auf den Dom?« Da krieg ich natürlich gleich ’nen Buckel: Mutter und Kind und ich in der Ersatzvaterrolle – das ist mir zu fremd.

Familienkruste? Ich weiß nicht, was das ist.

Meine Mutter hab ich zuletzt nach dem Tod von meinem Vater gesehen. Sie ist extra nach St. Pauli gekommen, wo ich sie zum Essen eingeladen hab. Dann hat sie mir einen weißen DIN-A4-Bogen hingehalten und meine Unterschrift gewollt. Damit sollte ich mich bereit erklären, dass sie die Wohnung von meinem Vater behalten darf und der Mietvertrag auf sie übergeht. Wem unterschreib ich, ohne kaufmännisches Know-how, einen Blankobogen? So was unterschreibt man doch nur der eigenen Mutter, richtig? Sie hat mir versprochen, dass sie mich nicht verarscht: »Ich schwöre bei Gott.« Natürlich hat sie meine Unterschrift gekriegt. Die hat dann unter einer testamentarischen Verzichtserklärung gestanden.

Als sie direkt nach der Begegnung mit mir bei sich zu Hause, eben in der Wohnung, angekommen ist, hat sie ’nen Schlaganfall gehabt. Wohl, weil sie mich belogen und auch noch beim lieben Gott geschworen hat. Da hat sie ’ne halbseitige Lähmung gekriegt.

Sie hat noch jahrelang rumgesoffen in dieser schönen Wohnung mit ihrem Liebesgefährten aus Berlin. Der Penner hat meine behinderte Mutter krankenhausreif geschlagen und ihr die Rippen gebrochen. Als ich ihr telefonisch angekündigt hab, dass ich dem Wichser auch die Rippen eintreten werde, hat sie gesagt, ich soll doch in St. Pauli bleiben und nicht meine St.-Pauli-Manieren in ihre gute Gegend bringen. Dann hab ich gesagt: »Ab jetzt bist du für mich gestorben, Mutti.«

Eines Tages hat mein Bruder heulend vor meiner Tür gestanden: »Mutti ist tot.« Ich sag: »Ja, deine Mutter. Das Thema ist durch.« Ich bin auch nicht bei ihrer Beerdigung gewesen.

Mit meinem Bruder verbindet mich schon eine Bruderliebe, die kann man nicht beschreiben. Aber du findest keine Parallele, dass du sagen könntest, wir sind Brüder. Er ist ein ganz anderer Typ als ich. Er hat immer noch ein und dieselbe Frau und seit fast 30 Jahren ein und denselben Arbeitsplatz, absolut krisensicher. Er arbeitet unter der Erde in einem internationalen Forschungsinstitut, da, wo die Genies rumalbern. Für die baut er winzige Motoren in Filigrantechnik. Er ist wirklich ein Talent. Er malt auch, und in der Mittagspause sitzt er in seinem Gartenhäuschen und freut sich an der Natur. Wenn ich da bin, ist das für mich so, als ob ich rund um mich ein Brett habe.

Die Beziehung zu meiner Tochter – die ist der absolute Kick. Nach einer langen Durststrecke. Als Nicole 12 Jahre alt war, hat sie zu dem Lebensgefährten meiner Exfrau »Vati« gesagt. Wie sollte ich mich dazwischenschieben? Und was sollte ’ne heranwachsende Tochter, die ein bürgerliches Leben hat, mit ’nem Zweitvater aus dem Rotlichtmilieu? Ich konnte sie doch nicht schockieren, ich konnte sie aber auch nicht belügen.

Bei der Beerdigung von meiner Großmutter hab ich meine Tochter nicht erkannt. Sie war 16. Ich hab meine Mutter gefragt: »Wer ist denn das hübsche Weib neben meiner Exfrau?« – »Das ist Nicole.« Ich muss verdattert dagestanden haben. Damit man mir meinen Schmerz um Omi nicht ansieht, hab ich ’ne schwarze Sonnenbrille aufgehabt. Alle anderen haben unter Regenschirmen gestanden. Ich bin in den Nadelstreifen klitschenass, aber so ’nen Schirm spann ich nicht auf. Der Pfarrer will mir die Hand geben. Ich sag: »Nimm deine Hände weg. Ich hab das bessere Verhältnis zu meiner Großmutter, ich brauch deinen Text nicht.« Damit hab ich die alle unter ihren Schirmen natürlich geschockt, das hab ich noch mitgekriegt. Dann bin ich mit meinem schwarzen Porsche weggebraust.

Jahre später hab ich mir schon die Frage gestellt, warum Nicole nicht den ersten Schritt auf mich zu macht. Irgendwann hab ich mir selber das Lichtbild in die Fresse gebumst und gesagt: »Hey, Hentschel, das sind eben deine Gene, die ist wie du. Der erste Schritt liegt bei dir.« Ich hab aber noch gezögert.

Auf einmal macht’s »Bomm«. Auf einmal sitzt du hier und blätterst in deinen vergilbten Sachen rum und findest die Nummer von deiner Exfrau, mit der du ein Kind zusammen hast, und hast den Mumm, da mal anzurufen. Ich sag: »Ich bin nicht verheiratet, ich bin nicht mehr im Milieu, ich hab ’nen Job, und ich möchte meine Tochter kennen lernen. Das muss doch mal machbar sein.« Sie hat sich ein bisschen geziert. Ich sag dann: »Sei wenigstens so freundlich, hinterlass ihr meine Nummer. Wenn Nicole ganz dagegen ist, dann respektiere ich das. Aber leg mal ein gutes Wort für mich ein.«

Aber es dauert nicht lange, und ich hör die Stimme, genau die Stimme, die ihre Mutter hatte, als ich sie als junges Mädchen kennen lernte. Auf einmal ist diese Stimme im Hörer, das ist wahnsinnig. Wir haben am Telefon einen Termin ausgemacht, ich hab gedacht, ich explodiere.

Als ich zu unserem ersten Meeting gefahren bin, hab ich dreimal angehalten, weil ich pissen musste. In ’ner Fahrzeit von locker 30 Minuten. Sonst brauch ich nach 15 Weizenbieren nicht aufzustehen. Ich bin natürlich ’ne Viertelstunde eher da gewesen und hab wie so ’n Tagedieb irgendwo eingeparkt, damit sie bloß nicht sieht, dass ich schon da bin. Ich hab sie das letzte Mal vor 16 Jahren gesehen. »Sie ist jetzt ’ne Frau«, hab ich gedacht, »na, Hilfe! Und jetzt kommt mir vielleicht ’ne Zweieinhalb-Zentner-Wucht entgegen, oder sie hasst mich. Ich weiß ja gar nichts von ihr.« Sie wohnt in derselben Straße, in der ich früher als Lehrling ihre Mutter mit dem Moped abgeholt hab, nur zwei Häuser weiter. Allein durch die Straße kriegst du schon feuchte Hände. Du holst ja nicht irgendwen ab oder ’n paar alte Schuhe oder was, sondern deine Tochter.

Ich hab Schwierigkeiten beim Aussteigen. Sie steht natürlich nicht draußen, und ich will nicht hupen, ich hol ja nicht irgendwo so ’ne Stussmutter ab. Also, ich steig aus und geh über die Straße, Hausnummer 52, dann les ich meinen Nachnamen: Oh, ist das ein geiles Gefühl. Auf dem Klingelschild mein Nachname, das ist für mich: »Hentschel lebt.« Das Flur licht geht an, ich steh da im Lichtspot und geh wieder ein bisschen weg vom Eingang: Ich bin der Sache nicht ganz gewachsen, keine Souffleuse daneben, Hilfe. Dann kommt sie raus in so ’nem schwarz-gelben T-Shirt, die Schöne: Wir drücken uns beide.

Wir waren ja beide aufgeregt und haben uns das im Nachhinein gestanden, so aufgeregt, dass wir nicht analysieren konnten, was wir beim Spanier gegessen hatten. So matschig waren wir beide in der Birne. Und heute geht uns das so, wenn wir uns ein- oder zweimal im Monat treffen, dass wir aus getrennten Speisekarten das Gleiche bestellen, bei 24 Gerichten. Das ist verrückt, wir stimmen immer überein.

Sie hat mein Kreuz, ist 1,80 groß, gepflegt, Nägel, Zähne, alles à la bonheur. Sie hat genau die gleichen Macken wie ich mit der Sauberkeit und der Pünktlichkeit. Genau wie ich hat sie ’ne Schwäche fürs Reisen. Ich hab keine Reichtümer gehortet, aber ich zehre von meinen Reisen. Im Gegensatz zu mir hat sie beim Alkohol ihr Limit: Ich kann mit ihr drei, vier Tequila trinken, und dann ist Sense bei der Dame. Das bewundere ich bei meiner Tochter. Und noch was ist bei ihr anders als bei ihrem jeden Tag trainierenden Vater: Sport ist für sie Mord. Also, das ist ein sehr konträres Ding zwischen uns. Und trotzdem haben wir ’nen Bullerofen miteinander. Absolut.

Nach unserem ersten Essen beim Spanier sind wir ins »Rock Café« auf der Großen Freiheit gegangen. Vater will ja auch ein bisschen abküren, das ist klar. Allein mit ihr zu mir nach Hause zu gehen, hab ich mich nicht getraut, da muss erst mal ein Vertrauen wachsen. Aber da hat sie überhaupt nicht gezögert: »Logisch gehn wir noch zu dir.« Ich hab auch das Bedürfnis gehabt, ihr zu erzählen, dass ich im Gefängnis war, als sie klein war. Sie hat viel gefragt und mir zu verstehen gegeben, wie sie mich vermisst hat, wie schwer es ihr als Kind gefallen ist, mich als Vater nicht zu haben. Und ich hab ihr oft gesagt, wie Leid mir das tut. Das alles ist zur Sprache gekommen, ’ne Frau über 30 ist ja erwachsen.

Nicole unterliegt auch einer absoluten Ehrlichkeit. Wir sind mit der Prämisse aufeinander zugegangen, dass wir uns nie was vormachen wollen. Einmal, als ich zu viel getrunken hatte, hab ich ihr was auf ihren Anrufbeantworter gesprochen, was ich am nächsten Tag nicht mehr so richtig zusammengekriegt habe, aber ich hab gespürt, dass ich Scheiße geredet hatte. Am nächsten Tag hab ich sie wieder angerufen, und da sagt sie: »Hör mal zu, auf so was steh ich gar nicht.« Und dann: Bum bum bum. Ich sag: »Okay, jetzt noch mal eine Ansage von mir: Das war das erste und das letzte Mal. Einverstanden, Nicole? Okay?« – »Okay.«

Sie lacht irgendwie wie ich. Und sie hat die gleichen Grübchen. Lieber Gott, wir lachen schon, wenn wir uns sehen. Meine Tochter ist für mich wie ein großes Geschenk des Lebens, ich hab’s nicht verdient, ich hab’s einfach gekriegt.

Zauberflöte

Jetzt kennst du mein Leben, Prinzessin. Du hast mich nicht verdient und ich dich nicht.

Du sagst, in deinen Kreisen erzählt man sich sein Leben am Anfang von großen Liebesgeschichten. Das ist mir fremd, aber vielleicht haben wir ja eine im dreidimensionalen Bereich, eine, die sich im Kopf abspielt, ohne dass man sich antatschen muss. Vielleicht sind wir wie in ’nem transparenten Würfel gegenüberliegende Seiten mit viel Raum dazwischen. Vor dir hab ich nie ’ner Frau so viel von mir gezeigt und schon gar nicht von anderen Frauen erzählt. Die Frage, ob ich ’ne Akzeptanz verdiene, würde ich nie über meine Lippen bringen. So was zu fragen war für mich wie ’n Negerkuss, der mir aus der Hand rutscht.

Du sagst, dass meine größte Lebensleistung der Verzicht auf Rache ist. Und kommst mir mit Mozart, Zauberflöte, Königin der Nacht. Davon hab ich nie was gehört. Es ist auch nicht so, dass ich meine Rache niedergekämpft und besiegt hätte. Ich hab nur was ganz Einfaches verstanden: Auge um Auge hinterlässt nur Blinde.

Nachtrag 2007

Stefan Hentschel genoss nach der Veröffentlichung seiner Lebensbeichte das Interesse der Medien. Im Gegensatz zu seinen meist strahlenden Auftritten in der Öffentlichkeit stand sein Scheitern, einen neuen beruflichen Anfang zu finden. Als seine Mittel aufgebraucht waren, musste er seine geliebte Wohnung in der Annenstraße verlassen.

Am 18. Dezember 2006 erhängte sich Stefan Hentschel im Boxkeller der »Ritze«. Für seine letzte Inszenierung wählte er sein »zweites Wohnzimmer«.