Hindukusch

 

Bleiben wir noch einen Moment im Hindukusch.

Die folgende Kurzgeschichte ist erstmals im Dezember 2002 erschienen, in der von Michael Nagula herausgegebenen Anthologie Feueratem, die lauter Drachengeschichten enthielt, u. a. von Gisbert Haefs, Bernhard Kegel, Tanja Kinkel, Hanns Kneifel, Kai Meyer und vielen anderen.

Als Michael Nagula mich um einen Beitrag zu dieser Sammlung bat, kam mir zupass, dass ich kurz zuvor die Bekanntschaft eines bekannten Auslandsjournalisten gemacht hatte, der mir eine ungeheuerliche Geschichte anvertraut, ja, mich darum gebeten hatte, sie publik zu machen: die Begegnung mit einem wirklichen Drachen – hier, heute, im 20. Jahrhundert.

Aber bitte glauben Sie jetzt bloß nichts von dem, was ich im vorigen Absatz behauptet habe. Das habe ich nur erfunden. Alles. Ehrlich.

 

 

»Drachen?«, wiederholte ich, nur um sicherzugehen, dass ich mich nicht verhört oder plötzlich angefangen hatte, an akustischen Halluzinationen zu leiden.

Mein Gegenüber lachte. »Merken Sie es? An Ihrer eigenen Reaktion? Das ist es, was ich gemeint habe, als ich sagte, dass es Grenzen dafür gibt, was einem als Wahrheit abgenommen wird, und mag es hundertmal wahr sein. Was nicht sein kann, das darf auch nicht sein. Überschreiten Sie diese Grenze, hört man Ihnen nicht mehr zu. Was Sie sagen, wird einfach ausgeblendet, weil es nicht in das Weltbild passt, auf das wir uns stillschweigend geeinigt haben.«

Ich griff nach dem Weinglas vor mir auf dem Tisch, nur um etwas zu tun, solange meine Gedanken sich zu ordnen versuchten. »Na ja, gut und schön…«, sagte ich, oder so was Ähnliches. »Skandale werden unter den Teppich gekehrt, man redet nicht über Korruption, Konflikte in Gegenden, die keinen Nachrichtenwert haben, bleiben unerwähnt… Aber Drachen, ich bitte Sie!«

Mein Gesprächspartner war ein weitgereister, lebenserfahrener Journalist, den man öfters im Fernsehen sieht und dessen Artikel in den renommiertesten Zeitungen und Zeitschriften abgedruckt werden. Wenn ich seinen Namen nennen dürfte, wäre das hier nicht einfach eine nette Geschichte, die dem Amüsement des Lesers dienen mag, sondern eine Sensation. Aber er hat mich gebeten, es nicht zu tun, und natürlich halte ich mich daran und erkläre also, dass alles, was ich hier erzähle, reine Fiktion ist, selbstverständlich, nichts als meine pure Erfindung. Womit das hoffentlich abgehakt wäre.

Er lächelte sphinxhaft und winkte dann ab, mit einer jener sparsamen Gesten, an denen man ihn sofort erkennt. »Gerade darauf will ich doch hinaus, verstehen Sie? Skandale, Bestechung, Kriege – das kennen wir alles. Was im Einzelnen los ist, spielt für unser Weltbild keine Rolle. Die Begriffe sind uns vertraut. Es ist etwas, das es unserer Vorstellung nach wirklich gibt. Und das glauben wir auch, wenn wir noch nie in einen Skandal verwickelt worden sind. Auch, wenn wir noch nie bestochen worden sind. Ihre Generation hat auch einen Krieg nie am eigenen Leib erfahren müssen. Gott sei Dank, nicht wahr. Aber Drachen…« Er hielt schmunzelnd inne, und sein Blick wanderte über seine Sammlung von Erinnerungsstücken an seine Reisen, reichverzierte Krummsäbel und zerschlissene Gebetsfahnen an den Wänden, tönerne Gefäße und kleine Jade-Statuetten auf schmalen Borden. »Bei Drachen, da sind wir uns absolut sicher, dass die ins Reich der Märchen gehören. Vielleicht gehören sie da auch hin, das will ich gar nicht in Abrede stellen, aber es gibt sie jedenfalls. Hier. Heute. In unserer Welt. Nicht viele, man muss schon danach suchen, aber es gibt sie. Und das Irrsinnige ist, das ist nicht mal ein großes Geheimnis. Sie würden sich wundern, wie viele Journalisten Ihnen das im vertraulichen Gespräch bestätigen, auch wenn sie den Teufel tun und jemals auch nur ein Wort darüber schreiben würden.«

Kennengelernt hatten wir uns auf einem Verlagsempfang während der Frankfurter Buchmesse. Normalerweise nicht die geeignete Umgebung, um über ein mehr oder weniger beeindrucktes Händeschütteln und einen Small-Talk, mit dem man beweisen will, wie unbeeindruckt man ist, hinauszugelangen, aber trotz all dem und trotz des nicht unbeträchtlichen Unterschieds an Lebensalter und Erfahrungshintergrund war zwischen uns ein Draht da gewesen, der in der Folge zu Briefwechseln, Telefonaten und schließlich dazu geführt hatte, dass ich an diesem Abend, nach einem beeindruckend guten Essen in einem Restaurant, das eigentlich auch ins Reich der Märchen gehört, in seiner beeindruckenden Bibliothek saß und das Gespräch über Gott und die Welt irgendwie auf Drachen gelangt war.

»Wir verstehen uns richtig?«, setzte ich noch einmal an, während ich mein Weinglas wieder absetzte, ohne einen Schluck getrunken zu haben. Das schien mir jetzt doch zu riskant. »Wenn wir von Drachen reden, meinen wir nicht die, die kleine Jungs im Herbst in den Himmel steigen lassen, sondern die anderen? Die Jungfrauen entführen und denen sieben Köpfe nachwachsen, wenn man ihnen einen abschlägt?«

»Was für Eigenschaften sie tatsächlich haben, kann ich Ihnen auch nicht sagen. Aber es muss doch etwas bedeuten, dass Sie zu allen Zeiten und bei jedem Volk auf diesem Planeten Legenden über Drachen finden und dass sich alle Beschreibungen ähneln.«

»Mit anderen Worten, in Loch Ness haust wirklich ein Drache.«

»Wer weiß. Vielleicht war es sogar ein Drache, der die ganzen Schiffe im Bermudadreieck hat spurlos verschwinden lassen Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts. Das werden wir niemals erfahren.«

»Weil niemand dabei war«, nickte ich. »Weil es zwar massenhaft Legenden gibt, aber keine Fotos.« Ich schüttelte den Kopf. »Ich würde mich wirklich besser fühlen mit ein paar Fotos. Oder mit einem anderen Beweis.«

»Vielleicht hat es einen Grund, warum keine Fotos existieren. Es heißt ja, Drachen seien magische Lebewesen.« Er hob die Hand, als befürchte er einen Aufschrei der Entrüstung; übrigens zu Recht. »Was immer das im Lichte unserer naturwissenschaftlichen Weltsicht bedeuten mag, wohlgemerkt. Vielleicht findet eines Tages jemand, dass die psychologische Deutung von Magie nicht die einzig mögliche ist.«

»Ich fürchte, auch dafür wird er irgendwelche Beweise haben wollen«, beharrte ich.

Mein Gegenüber nickte verständnisvoll und erhob sich aus seinem wunderbaren alten ledernen Ohrensessel – um den ich ihn inbrünstig beneide, anbei bemerkt. Er ging die Regale seiner Memorabilien ab und blieb vor einem Stück Marmor stehen, das eiförmig und so lang wie ein Unterarm war und von einer darüber hängenden Rotlichtlampe angestrahlt wurde, deren Licht die feinen, archaischen Kratzmuster darauf zur Geltung brachte. Jetzt erst fiel mir auf, dass dahinter eine gerahmte Karte an der Wand hing, und als er sie abnahm und vor mir auf den Tisch legte, sah ich, dass es eine uralte Karte von Afghanistan war.

Mittlerweile hat man die Umrisse dieses Landes, weiß der Himmel, oft genug in der Tagesschau gesehen. Mich erinnert es immer an ein breitgeklopftes paniertes Schnitzel aus der Dorfgaststätte, mit einem knubbeligen schmalen Fortsatz am rechten oberen Eck. Auf genau dieses Anhängsel legte er den Finger und erklärte: »Der Hindukusch. Eine achthundert Kilometer lange Hochgebirgsregion, dem Pamir-Gebirge und der Himalaya-Hochebene vorgelagert, Wasserscheide zwischen dem Amu Darya Tal und dem Einzugsgebiet des Indus, und im Altertum ein militärisch höchst bedeutsames Hindernis auf dem Weg nach Indien.«

»Ah ja«, machte ich mit dem schlechten Gewissen, das mich in solchen Momenten immer befällt, weil ich dann merke, wie wenig ich in Geografie und Geschichte bewandert bin.

»Wussten Sie eigentlich«, fuhr er mit feinem Schmunzeln fort, »dass der Hindukusch niemals erobert wurde, seit es Afghanistan gibt? Die Russen haben sich die Zähne an diesem Gebiet ausgebissen, und die Taliban haben es erst gar nicht versucht. Und als die Amerikaner hinkamen…« Er zögerte einen Moment, aber doch lange genug, dass ich merkte, wie er sich überwinden musste. »Ich möchte Ihnen eine Geschichte erzählen. Eine Geschichte, die ich aus den Gründen, die ich vorhin genannt habe, nicht selber schreiben kann. Aber Sie könnten es. Sie könnten mir Ihre Stimme leihen und es klingen lassen wie etwas Ausgedachtes.«

Natürlich war ich neugierig. Natürlich konnte ich nicht widerstehen. Natürlich sagte ich: »Einverstanden.«

 

»Indscha chub nist«, sagt Ahmad Wahil, und das heißt, dass es hier nicht gehen wird. Er erhebt sich von der Stelle, an der er gekniet und das Eis abgehorcht hat, das den Fluss wie kalte weiße Lava bedeckt. Die Karawane aus Kamelen und Packpferden wartet geduldig. Es ist erbarmungslos kalt, doch die panzerdicke Eisschicht hat Risse, durch die man das tückisch gurgelnde Wasser hören kann, das darunter lauert. Hier ist kein Fehler erlaubt. Einbrechen bedeutet den sofortigen Tod.

Drei Wochen zuvor sind Pascal, ein Fotograf aus Frankreich, mit dem ich schon oft zusammengearbeitet habe, und ich auf weiter südlich gelegenen Schmugglerpfaden von Pakistan aus ins Land gekommen. Man schreibt den Dezember 1984. Seit annähernd fünf Jahren sind sowjetische Truppen in Afghanistan, versuchen mit immer brutaler werdenden Militäraktionen, aus denen wachsende Verzweiflung spricht, den Widerstand der Muhajeddin gegen das kommunistische Regime in Kabul niederzuzwingen. Doch alle Militärmacht versickert und versandet in den unzugänglichen Bergen Afghanistans. Weitgehend unbehelligt sind wir im Schutz unserer Führer umhergereist, haben mit Menschen in entlegenen Bergdörfern gesprochen, konnten Fotos machen, mit denen wir den Zustand des Landes nach fünf Jahren Besatzung zeigen werden, sobald wir zurück sind in unseren warmen Büros zu Hause.

Falls wir zurückkehren, heißt das. Im Augenblick ist nichts ungewisser als das.

Bei unserem Versuch, das Land über den Schmugglerweg, auf dem wir gekommen sind, zu verlassen, sind wir in eine sowjetische Falle geraten und nur mit viel Glück entkommen. Nun sind sie hinter uns her.

Wir haben ein schlechtes Gewissen. Uns ist nichts passiert in dem Schusswechsel, nicht einmal ein Kratzer, aber Faiz, unser Begleiter, seit wir im Land sind, hat eine Kugel im Oberarm und noch eine in der Seite, vielleicht, jedenfalls blutet er und muss uns verlassen. Man wird ihn in irgendeiner winzigen Siedlung in den Bergen verarzten, unter Bedingungen, die primitiver sind, als sich ein Westeuropäer vorzustellen im Stande ist, und er wird nur mit viel Glück überleben. Deswegen willigen wir in den halsbrecherischen Plan unserer Begleiter ein, Afghanistan über die Seidenstraße zu verlassen.

Das bedeutet, es geht hinauf in den Hindukusch, jenes zerklüftete Massiv, von dem die Afghanen sagen, es sei so hoch, dass selbst die Vögel es nur zu Fuß überqueren. Wir folgen jenem Weg, auf dem einst Marco Polo nach China gelangte und später chinesische Seide nach Europa, doch der Name täuscht: Es ist keine Straße, sondern ein oft kaum auszumachender Karawanenweg, der durch ödes Bergland führt und Höhenunterschiede von fast fünftausend Metern überwindet. Trostlose Gegenden sind es, die wir durchqueren, leblose und vereiste Steinwüsten. Würde jemand behaupten, dies sei der Schuttabladeplatz Gottes, der Hinterhof, auf den er einst achtlos jene Baumaterialien schüttete, die bei der Erschaffung der Welt übriggeblieben sind, ich wüsste kein Gegenargument.

Endlich findet Ahmad einen sicheren Übergang und gibt das Zeichen, ihm zu folgen. Die schwerbepackten Tiere überqueren den Fluss langsam und vorsichtig und in großem Abstand. Die Pferde tun sich schwer, während die Kamele mit ihren weichen Plattfüßen und ihrem sanften Wiegeschritt wesentlich sicherer gehen, sich sogar umschauen, als interessiere sie die Landschaft.

Wir haben zwei Stunden für zwei Kilometer gebraucht, und nun geht es einen Pass hinauf, obwohl die Dämmerung naht. Der Pfad ist so vereist, dass Ay Sattar Sand aus einem mitgebrachten Beutel streuen muss, damit er begehbar wird. Die Kamele sträuben sich, sind nur mit Zerren und Gebrüll zum Gehen zu veranlassen. Alle fünfzig Schritte müssen wir den Tieren eine Pause gönnen, dann geht es weiter, um jeden Meter muss erbittert gerungen werden von Mensch und Tier gleichermaßen.

Ein heimtückisch kalter Wind kommt auf, beißt mir ins Gesicht. Ich reibe fortwährend meine Nase und meine Wangen, um sie vor dem Erfrieren zu bewahren. In Pascals Bart hängen Eiszapfen, seine Augen sind blutunterlaufen, trotzdem bedient er mit klammen Händen die Kamera, versucht das atemberaubende Panorama auf ein paar Quadratzentimetern Film einzufangen, will den Betrachter später ahnen lassen, wie es ist, an den Flanken dieser Götterberge emporzuklimmen, zitternd in einer gleichgültigen Bergwand zu hängen, in der jeder Sturz oder falsche Schritt das sichere Ende bedeutet.

Plötzlich spüre ich Unruhe um mich herum. Die Tiere scheuen, sträuben sich, den nächsten Fuß vorzusetzen, die Treiber geraten in Panik. Zum ersten Mal fällt mir auf, dass jeder unserer Begleiter ein dünnes Pfeifchen an einer Schnur um den Hals trägt; bisher hatten sie es unter ihren Jacken verborgen gehabt, doch nun greifen sie auf einmal alle danach wie nach einem Talisman. Ich will gerade eine diesbezügliche Frage stellen, als ich es höre. Das Geräusch, das der Grund der Unruhe ist.

Ein fernes, unheilvolles Knattern.

Sowjetische Hubschrauber.

»Borem, borem!«, schreit Khodai Shah, der das letzte Gespann führt, »weiter, weiter«. Doch es hat keinen Sinn zu drängeln, schneller geht es nicht.

Man hört weit in diesen Bergen, deshalb bin ich überrascht, als ich mich im Sattel umdrehe und in der Ferne bereits die fahlen Lichtfinger der Suchscheinwerfer entdecke. Das ist keine Routinepatrouille. Die Russen müssen uns irgendwie aufgespürt haben. Vielleicht mit Hilfe ihrer Luftaufklärer oder Satelliten, doch die wahrscheinlichere Erklärung ist, dass sie einen Hinweis bekommen haben, gegen harte Rubel, versteht sich. In Afghanistan ist alles käuflich, auch Loyalität.

»Merde!«, flucht Pascal neben mir, aber sein Zorn gilt nicht dem nahenden Verderben, sondern der Tatsache, dass er nicht im Stande sein wird, es zu fotografieren: Er hat hastig versucht, einen neuen Film einzulegen, und dabei ist ihm ein Tropfen aus der Nase ins Kameragehäuse gefallen, auf der Stelle gefroren und blockiert nun die Mechanik.

Ahmad Wahil ruft etwas, das ich nicht verstehe, und der Zug kommt zum Stillstand. Alle Augen sind auf die sich nähernden Hubschrauber gerichtet. Drei sind es, dunkelgrau und gedrungen, und ich bilde mir ein, selbst auf diese Distanz schon den roten Sowjetstern an ihren Flanken zu erkennen. Noch haben sie uns nicht entdeckt. Ich mustere unseren bärtigen Führer mit seiner stolzen schwarzen Fellkappe und frage mich, ob er womöglich glaubt, wir könnten davonkommen, indem wir uns tot stellen. Es muss ihm klar sein, dass das aussichtslos ist. Die Russen besitzen Infrarot-Detektoren, die uns hier oben im eiskalten Hochland unfehlbar aufspüren werden. Alles, worauf wir hoffen können, ist, dass sie Anweisung haben, uns zu verhaften.

Doch – die Männer drängen die Pferde und Kamele gegen den Fels, lassen sie sich hinlegen. Schon das ist Wahnwitz: Die Tiere sind erhitzt vom Anstieg; selbst wenn wir schon oben und auf dem Rastplatz wären, müssten sie erst zwei Stunden stehen, ehe sie sich auf den tiefgefrorenen Boden legen dürften. »Ahmad?!«, rufe ich, doch er beachtet mich nicht.

Stattdessen führt er sein Pfeifchen an die Lippen und bläst hinein. Und die anderen beeilen sich, es ihm gleichzutun. Ein Chor eigenartig dünner, spitzer Pfeiftöne steigt in den eisgrauen Himmel, ein Klang, der irgendwie nur zu einem Teil in diese Welt zu gehören scheint.

»Qu’est-ce qui se passe?«, wundert sich Pascal, doch ich höre seine Stimme wie durch Watte, und die Watte ist in meinem Kopf.

»Ich habe keine Ahnung, was das soll«, rufe ich ihm zu. Die Hubschrauber beeindruckt es jedenfalls nicht im Mindesten. Sie kommen gemächlich näher, bewegen sich wie Raubtiere, die wissen, dass ihre Beute nicht mehr entkommen kann. Ich mache es Pascal nach, der es aufgegeben hat, an seiner Kamera herumzunesteln, und steige vom Pferd.

Meine Bauchmuskulatur spannt sich, als wäre mein Körper der Überzeugung, Kugeln aus russischen Bordgeschützen standhalten zu können. Dabei werde ich nicht einmal diesem Pfeifkonzert mehr lange standhalten, es scheint Löcher in meinen Kopf bohren zu wollen. Ich habe noch nie von einem derartigen Brauch gehört.

Ich will etwas schreien, doch eine Art Schatten, den ich aus den Augenwinkeln schräg hinter mir zu sehen glaube, lässt mich den Kopf wenden. So kommt es, dass ich ihn sehe.

Den Drachen.

Ein Tier so gewaltig wie ein Jumbo-Jet stürzt aus der Höhe des Himmels herab. Eine Masse, deren bloßer Anblick einem das Herz stehenbleiben lässt. Ich sehe Schuppen groß wie Kofferraumdeckel, als es dicht über uns hinwegfegt, und der Luftstoß schleudert mich wehrlos auf die Felsen. Ich höre Pascal aufheulen, aber darum kann ich mich jetzt nicht kümmern. Ich muss aufspringen und sehen, was da geschieht, muss zuschauen, wie das schlangenartige, geflügelte Wesen ins Tal hinabrauscht, auf die russischen Hubschrauber zu. Mein Verstand hat ausgesetzt, auf reine Aufnahme geschaltet, akzeptiert alles. Die Schulbildung enthält sich jeglichen Kommentars. Es passiert, und ich bin dabei. Das Einzige, was mich flüchtig wundert, ist, wie wenig es mich wundert.

Die Hubschrauber haben angehalten, stehen reglos in der Luft, tasten mit ihren Scheinwerfern dem Drachen entgegen, der sich fast spielerisch durch die Dämmerung schlängelt, mit eigentlich viel zu kleinen Flügeln und einem langen Schwanz, der wahrhaftig in eine Art Steuerruder ausläuft. Werden die Soldaten nervös? Sie wären keine Menschen, würden sie es nicht. Sie machen den Fehler, zu schießen.

Man sieht das Mündungsfeuer, noch ehe man die Schüsse hört, und die Reaktion des Drachen auch. Ein greller Feuerschwall, hell wie der Triebwerksstrahl einer startenden Rakete, schießt aus seinem Maul auf die drei Hubschrauber zu und hüllt sie ein. Eine der Maschinen explodiert sofort, die zweite mit Verzögerung, die dritte kann noch aus dem Inferno entkommen, um auf dem Boden der Schlucht zu zerschellen und in Flammen aufzugehen. Der Donner der Explosionen rollt über uns hinweg und macht die Lasttiere nervös, aber das ist nichts gegen den Schrei, den der Drache ausstößt, als er sich in einem unglaublichen Flugmanöver in den Himmel hinaufschwingt, um sich, gerade als die Strahlen der untergehenden Sonne seinen schlanken Leib goldschimmernd aufleuchten lassen, herumzuwerfen und noch einmal dicht über uns hinwegzufliegen, als müsse das so sein zum Abschluss einer solchen Aktion.

Ich schaue mit weit aufgerissenen Augen, während ich spüre, wie sich in meinem Hinterkopf der erste Widerspruch bildet, eine Stimme, die gleich behaupten wird, dass nicht sein kann, was ich sehe, dass ein solches Tier physikalisch unmöglich ist, dass Drachen mythologische Wesen sind, Märchengestalten, die in Legenden vorkommen, aber nicht in den Tagesthemen. Ich zögere den inneren Disput hinaus, gehe sozusagen nicht ans Telefon, weil ich schauen muss, weil ich diesen Anblick aufnehmen und in meiner Erinnerung bewahren will, wenn schon kein Gerät zur Hand ist, das dazu im Stande wäre.

Der Drache ist riesig. Im Flug wirkt er wie ein amerikanischer B52-Bomber, der sich im Kunstflug versucht, nur dass er wesentlich kleinere, fledermausähnliche Flügel hat und dass sein Leib sich windet und schlängelt wie eine angreifende Anakonda. Auch von militärüblichen Tarnfarben hält er nichts, sein Körper schimmert teils golden, teils silbern. Zwei gewaltige Pranken entdecke ich, die elegant nach hinten gerichtet sind und, wie es den Anschein macht, zusammen mit dem elastischen Schweif für Flugstabilität sorgen.

Dieses gewaltige Tier rast auf uns zu. Mir stockt der Atem. Ein fliegender Blauwal könnte nicht beeindruckender sein. Der Kopf des Drachen ist eine bizarre Fratze aus Knochenwülsten und dunklen Vertiefungen; auf einmal begreife ich, warum die Chinesen Drachen so darstellen, wie sie es tun. Nur die Augen sind kleiner und außerdem seitlich angesetzt, oder zumindest kommen sie einem klein vor gegen das scheunentorgroße Maul. Ich ducke mich, als der Drache uns überfliegt; diesmal bin ich gewappnet und bleibe stehen. Es riecht verbrannt, beinahe wie die Abgase eines warmlaufenden Düsentriebwerks. Dann ist das unglaubliche Wesen vorbei, schraubt sich mit einem letzten, gellenden Schrei in die Höhe und verschwindet hinter dem Bergkamm. Abgesehen von den brennenden Wracks der Hubschrauber ist alles wieder wie vorher.

Die Männer jubeln, schreien durcheinander. Ahmad Wahil kennt sogar das englische Wort. »Dragon«, ruft er mir zu und lacht über das ganze Gesicht, das mich immer an ein Bild Dschingis-Khans denken lässt, das ich einmal gesehen habe. Sie sind überzeugt, dass uns nun nichts mehr zustoßen wird und dass wir unser Ziel, die Grenze nach Kashmir, ohne weitere Zwischenfälle erreichen werden. Die Begegnung mit einem Drachen gilt als glückverheißend.

 

»Und weiter?«, fragte ich, als die dramatische Pause anfing, sich ein wenig zu lange hinzuziehen.

Er hob die Schultern. »Nichts weiter. Das war es. Wir entkamen über Pakistan, kehrten nach Hause zurück, schrieben unseren Artikel und erregten damit bei weitem nicht so viel Aufsehen, wie wir erhofft hatten.«

»Und der Drache?«

»Eine Erinnerung. Wieder mal keine Fotos. Obwohl keine Magie im Spiel war, zumindest vordergründig betrachtet.« Er lächelte. »Pascal hat es nie verwunden, seine Kamera in jenem Moment nicht schussbereit gehabt zu haben. Er hat immer auf eine Gelegenheit gewartet, zurückzugehen. Während des Afghanistanfeldzugs der Amerikaner, kurz vor dem Sturz der Taliban und noch während die Nordallianz vorrückte, ist er mit CNN-Reportern hineingekommen. Er hatte vor, sich in den Norden Afghanistans abzusetzen und eine zweite Expedition über die Seidenstraße zu unternehmen.«

»So, wie Sie das formulieren, ist daraus nichts geworden.«

»Das Gebiet, in das er wollte – der östliche Hindukusch, die Wakhan-Region –, war plötzlich Sperrgebiet. Von Gewährsleuten erfuhr er, dass die amerikanischen Streitkräfte dort ausgedehnte militärische Operationen durchführten, angeblich auf der Jagd nach Terroristen. Aber Pascal behauptet, dass das ein Vorwand war. Was sie in Wirklichkeit jagten, war der Drache.«

»Ach. Und woher wussten die davon?«

»Ich sagte ja, ein so großes Geheimnis ist das nicht.«

»Aber sie haben ihn nicht gefunden, oder? Sonst hätte man ihn längst in einem Vergnügungspark ausgestellt. Oder er stünde ausgestopft im Smithsonian Museum.«

»Mag sein. Andererseits könnte militärische Geheimhaltung eine Rolle spielen. Sie wissen doch, was geschieht, wenn man in Drachenblut badet.«

»Für so fantasievoll halten Sie amerikanische Militärs?«

»Es war auch einmal Fantasie nötig, den Bau der Atombombe zu befürworten.« Er beugte sich vor und nahm den Rahmen mit der alten Karte wieder an sich. »Unverwundbarkeit. Ein alter Traum. Es mag fantastisch sein, sich vorzustellen, dass in diesem Moment in irgendeinem geheimen amerikanischen Militärlabor das Blut eines Drachen chemisch und genetisch analysiert wird – völlig auszuschließen ist es nicht.« Er hängte die Karte sorgsam wieder an ihren Platz. »Nein, den Drachen hat Pascal nicht gefunden. Ahmad Wahil lebt nicht mehr, und aus irgendeinem Grund trägt kein Afghane mehr eine dieser Pfeifen oder hat je auch bloß von ihnen gehört. Doch er fand Wahils Sohn, und der führte ihn nach langen Verhandlungen zu einem Nest. Einem erstaunlich kleinen Nest, wie er mir erzählte. Sieben Eier lagen darin. Zwei davon hat Pascal mitgenommen. Dass er mir eines abgegeben hat, werde ich ihm bis an mein Lebensende hoch anrechnen.« Er tätschelte das Ding in dem Ständer unter der Rotlichtlampe, das ich für ein Kunstwerk gehalten hatte.

»Ein Ei?!«, entfuhr es mir. »Sie wollen behaupten, das ist ein Drachenei?«

»Angeblich dauert es fünfunddreißig Jahre, bis das Junge schlüpft. Falls meine simple Installation hier überhaupt ein hinreichender Ersatz ist.« Er betrachtete die Lampe, als befielen ihn erstmals Zweifel. »Wie auch immer, ich werde das kaum noch erleben. Aber Sie vielleicht. Und dann hätten Sie den Beweis, den Sie suchen.«

Es hielt mich nicht mehr auf der Couch. Ich stand auf und trat an das Regal, besah mir das Ei aus der Nähe, die eigenartigen Muster darauf. Ich fasste es an. Trotz der Wärmelampe fühlte es sich kalt und hart an, unverwundbar wie ein rundgeschliffener Stein.

Und ich schwöre, einen Moment lang habe ich gespürt, dass es pulsierte. Langsam, wie der Herzschlag eines Wesens, das tausend Jahre alt werden wird. Dann war es vorbei und das Ei wieder ein Gebilde, das man für Marmor halten konnte. Wie ich auch wartete, es passierte kein zweites Mal.

 

© 2002 Andreas Eschbach