Die folgende Story war ein Experiment. Ich wollte eine ungeheure globale Katastrophe aus einer extrem eingeschränkten individuellen Sicht schildern – aus der Sicht eines Menschen, der gar nicht versteht, was eigentlich passiert. Erst der Leser soll begreifen, was geschehen ist – und geschehen wird…
Die Blumen sehen alle krank aus. Schlapp und faltig hängen die Blütenblätter herum und haben braune Stellen an den Rändern. Die grünen Blätter sind bleich wie Käse. Er stellt erschrocken die Gießkanne hin, rennt zum Kalender und schaut, aber heute ist Mittwoch, erst Mittwoch! Er rennt zurück zur Fensterbank und könnte fast heulen. Er hat doch alles richtig gemacht, genau so, wie Mama es auf die kleinen Zettel geschrieben hat an jedem Topf. Er ist so stolz, dass er lesen kann, was da steht: »Montag, Mittwoch, Freitag« steht an dem Topf, in dem die Blume mit den großen violetten Blüten ist, und »jeden Tag« an dem großen Topf mit der Blume, die überhaupt keine Blüten hat, nur viele lange grüne Blätter und Stengel, und »nicht gießen« steht an den Töpfen mit den stacheligen Blumen.
Au weia, au weia! Er schüttelt wild die Hände, rennt jammernd weg von den Blumen und gleich wieder hin. Heulen könnte er, wirklich heulen. Früher hätte er wirklich geheult, aber er ist jetzt groß, ein erwachsener Mann, der sein Geld verdient. Und der auf Arbeit muss. Er schaut auf die Uhr. Wenn der große Zeiger auf den Strich vor dem Strich ganz oben ist, dann ist es Zeit, zur Straßenbahnhaltestelle zu gehen.
»Hermann, pass auf meine Blumen auf«, hat Mama gesagt. »Das kannst du doch, oder?« Und er hat großspurig »Ja, klar« gesagt – au, au, au. Jetzt heult er wirklich fast ein kleines bisschen. Er hat sich ganz arg angestrengt, so klug wie möglich zu werden. Er kann die Uhr ablesen. Er kann alleine auf Arbeit fahren. Er kann sogar ein bisschen lesen. Mama hat sich so auf die Reise gefreut, die Reise mit dem großen Schiff nach Afrika. Sie hat versprochen, ihm auch etwas mitzubringen. Er weiß nicht viel über Afrika, aber gehört hat er schon davon. Das ist ein Land, weit weg, in dem Menschen mit schwarzer Haut leben. Solche Menschen hat er hier in der Stadt auch schon gesehen, und er wäre gern mitgefahren, um zu sehen, wie es da ist in Afrika. Aber er muss ja auf Arbeit, und deswegen ist Mama allein gefahren. Und überhaupt ist er alt genug, eine Woche auf sich selber aufzupassen, hat Mama gesagt.
Aber die Blumen! Er hat jeden Morgen dran gedacht. Und nicht zu viel und nicht zu wenig gegossen, sondern genau wie Mama es ihm gezeigt hat. Er schaut wieder auf die Uhr. Der große Zeiger ist schon auf dem zweiten Strich vor ganz oben; er muss sich anziehen.
Mama wird ganz schön enttäuscht sein von ihm. Das mag er gar nicht, wenn sie enttäuscht ist, weil sie dann ein totes Lächeln bekommt und das wirkliche Lächeln drunter wegstirbt. Dann seufzt sie leise und sagt so Sachen wie »Oh, Hermann…« und geht ans Fenster und schaut hinaus und sieht dabei irgendwie sehnsüchtig aus. So, als wünscht sie sich in dem Moment, dass es ihn gar nicht gibt.
Aber es hilft nichts, er muss los. Er packt seine Aktentasche unter den Arm und vergewissert sich, ehe er die Tür zuzieht, dass er den Hausschlüssel um den Hals hängen hat. In der Aktentasche hat er nur sein Vesper, das er sich selber gemacht hat, aber es gefällt ihm, die Tasche unter dem Arm zu tragen, weil er dann so richtig das Gefühl hat, auf Arbeit zu gehen und erwachsen zu sein wie die anderen Leute in der Straßenbahn, die auch Aktentaschen tragen und auch auf Arbeit gehen. Bloß dass die klüger sind als er und schwierigere Sachen machen, mit Computern vielleicht. Wie Ludwig, der Werkstattleiter. Sein Chef. Der hat einen Computer in seinem Büro, und vor dem sitzt er viel, schaut auf den Bildschirm und macht irgendwas.
Heute ist er irgendwie traurig, als er an der Haltestelle steht mit den anderen. Manche schauen ihn komisch an, aber das ist er gewohnt. Das macht ihm schon gar nichts mehr. Nicht einmal die hübsche Frau ist heute da, die sonst immer da ist. Er steigt immer in den gleichen Wagen wie sie, sodass er sie während der Fahrt anschauen kann. Er weiß auch nicht, wieso eigentlich.
Heute bekommt er einen Sitzplatz, und ihm gegenüber sitzt ein Mann, der Zeitung liest. Hermann erkennt die Zeitung; die gleiche Zeitung liest Ludwig auch. Sie hat riesige Wörter überall, die rot unterstrichen sind, und meistens Bilder von nackten Frauen drin, die sich Hermann manchmal heimlich anschaut, und dann bekommt er immer so ein eigenartiges Gefühl.
Der Mann liest die Rückseite. Hermann versucht, die Worte auf der Vorderseite zu lesen. »Wissenschaftler« steht da. Er weiß, was ein Wissenschaftler ist: ein furchtbar kluger Mensch, der in einem Labor arbeitet und alle möglichen Sachen erforscht. Das hat er im Fernsehen oft gesehen. »Wissenschaftler setzt Todes-Gen frei.« Das versteht er nicht. Er versteht meistens nicht, was gemeint ist, wenn er etwas in der Zeitung liest. Er überlegt, was wohl ein Todes-Gen ist.
Am Bahnhof steigt die hübsche Frau immer aus, aber heute nicht. Er muss noch vier Stationen weiterfahren. Das kann er zählen, und außerdem sieht er schon von weitem das kleine Zeitschriftenhäuschen mit dem roten Dach, das an der Haltestelle steht, an der er aussteigen muss.
Auf Arbeit ist es wie immer. Er sagt »Guten Tag« zur alten Frau Steidlitz, die an einem Tisch neben der Tür sitzt und aufschreibt, wer alles kommt und um wie viel Uhr, zieht seinen Anorak aus und hängt ihn an seinen Haken und geht dann an seinen Platz. Dort stehen schon ein paar graue Plastikkästen, wie jeden Morgen. In einem Kasten sind Briefumschläge, in einem anderen gefaltete Briefe, in einem dritten bunte kleine Prospekte.
Er muss immer einen Brief und einen Prospekt nehmen und in einen Umschlag stecken, und zwar so, dass die Adresse in dem durchsichtigen Fenster vorne zu sehen ist. Das kann er wirklich gut. Ludwig lobt ihn immer und sagt, dass er das prima macht. Ludwig ist groß und stark und hat einen wilden Bart, und Hermann stellt sich manchmal vor, dass sein Papa auch so ausgesehen hat. Aber er weiß es nicht, weil Papa fortgegangen ist, als er noch klein war.
Als sie ihr Vesperbrot essen, fragt er Iris, die am Platz neben ihm sitzt und immer Glückspfennige auf Briefe klebt, wegen den Blumen. Iris ist dick und hat schwarze Stoppelhaare und schaut ihn mit ihren kurzsichtigen Augen durch ihre Brille hindurch an, und das sieht jedes Mal aus, als müsse sie überlegen, wer er ist.
»Du musst Pflanzendünger gießen«, sagt sie. »Der ist in einer großen grünen Flasche. Nicht bloß Wasser.«
Ludwig sitzt in seinem Büro und hört Radio. Das macht er sonst nie; sonst sitzt er immer bei ihnen und macht Späßchen mit ihnen.
»Aber meine Mama hat nur gesagt, dass ich Wasser gießen muss.«
»Nein. Wenn du Wasser gießt, dann haben sie was zu trinken, aber nichts zu essen.«
Das leuchtet ihm ein. Aber warum hat ihm Mama das nicht gesagt? Vielleicht hat sie es gesagt, und er hat es vergessen. Manchmal vergisst er Sachen, weil er eben dumm ist.
Ludwig kommt aus seinem Büro und geht zu Frau Steidlitz hinüber, und Hermann hört, wie er sagt: »Das Virus ist jetzt auch in Südamerika aufgetaucht und in Australien. Wirklich überall. Und der Wissenschaftler ist immer noch verschwunden.«
»Unglaublich«, sagt Frau Steidlitz und wackelt mit dem Kopf.
Hermann versteht nicht, wovon die beiden reden, aber er gesellt sich dazu und sagt: »Wenn ich klug wäre, dann wäre ich auch gern ein Wissenschaftler.«
Frau Steidlitz drückt ihm ein bisschen den Arm – das mag er – und sagt: »Ja, Hermann, du wärst sicher ein anständiger Wissenschaftler. Nicht so einer.«
Hermann versteht nicht, was sie damit meint, aber er sagt nichts, sondern freut sich bloß, dass sie ihn ein bisschen drückt. Frau Steidlitz kann ihn gut leiden, und er sie auch.
Wenn er abends heimkommt, ist er immer ziemlich müde. Er setzt sich dann als Erstes auf die Couch und schaltet den Fernseher ein für die Kinderstunde. Er weiß, dass er eigentlich zu groß ist für Kinderstunde, aber sie gefällt ihm. Und später am Abend kommen bloß noch Sachen, die er nicht versteht oder die ihm Angst machen.
Aber heute kommt gar keine Kinderstunde, nur Nachrichten.
»… den dringenden Appell, den Lebensmittelhandel aufrechtzuerhalten und keine sinnlosen Vorräte zu horten…«
Im anderen Programm kommen auch bloß Nachrichten. Die versteht er sowieso nie, deshalb schaltet er wieder aus.
Die Blumen fallen ihm wieder ein. Die violetten Blütenblätter fallen schon ab, und die grünen Blätter sehen welk und trocken aus. Er zieht sich noch einmal die Schuhe an und geht tapfer hinüber zum Supermarkt. Der Supermarkt macht ihm Angst; da sind immer so viele Leute, die haben es immer furchtbar eilig und schubsen ihn umher, und zwischen den Regalen kann man sich glatt verlaufen. Manchmal geht er mit Mama, aber da schiebt er immer bloß den Wagen.
Heute sind besonders viele Leute da, so viele wie noch nie. Hui, und wie die ihre Wagen vollgeladen haben! Alle sind ganz aufgeregt; drängeln und schimpfen und sehen aus, als hätten sie Angst.
Er will am liebsten umkehren, aber er denkt an die Blumen und dass er Mama versprochen hat, auf sie aufzupassen. Er geht alle Regale ab und findet schließlich grüne Flaschen, auf denen »Pflanzendünger« geschrieben steht. Als er damit an der Kasse ist, schaut ihn die Kassiererin merkwürdig an, und die Leute ringsumher lachen ihn aus. Er macht ein grimmiges Gesicht und schaut nicht hin, bezahlt und geht dann einfach.
Auf dem Heimweg sieht er, dass die Bäume in der Straße alle schon ihre Blätter verlieren, als ob Herbst wäre. Aber es kann nicht schon Herbst sein, denn er hat erst Geburtstag gehabt, kurz bevor Mama fortgefahren ist, und Mama sagt immer: »An deinem Geburtstag fängt der Sommer an, Hermann.« Und dass der Herbst erst lang nach dem Sommer kommt, das weiß ja wirklich jeder.
Er gießt etwas von dem Pflanzendünger aus der Flasche in alle Blumentöpfe und wartet. Die Blumen rühren sich nicht, sehen aus wie völlig erschöpft. Er gießt noch einmal etwas von dem Dünger in jeden Blumentopf, bis die Flasche leer ist, und setzt sich wieder auf die Couch.
Es kommt immer noch keine Kinderstunde, aber jetzt ist es ihm egal. Er wird so lange warten, bis die Kinderstunde kommt.
»… bestätigt, dass das vor zwei Tagen versehentlich freigesetzte, gentechnisch veränderte Virus ausschließlich Pflanzen befällt. Es zersetzt den grünen Pflanzenfarbstoff Chlorophyll und gilt als Auslöser des weltweiten Pflanzensterbens.«
Auf der Fensterbank raschelt es. Die ganzen violetten Blütenblätter fallen ab; es sieht aus wie violetter Schnee. Er mag gar nicht hinsehen. Mama wird ihn schimpfen, wird sagen, dass auf ihn kein Verlass ist und dass man ihn nicht allein lassen kann. Vielleicht wird sie sogar weinen, weil sie ihre Blumen so gemocht hat.
»New York«, sagt die Frau im Fernsehen. »Die UNO hat eine Sondersitzung einberufen, um Konsequenzen und Gegenmaßnahmen zu beraten. Der Generalsekretär erklärte, wie die Lösung der Krise aussehen könne, wisse zur Stunde noch niemand. Er betonte jedoch, dass sie schnell gefunden werden müsse, ehe der Sauerstoff der Erdatmosphäre…«
New York ist eine große Stadt mit riesigen Hochhäusern, so hoch, dass sie an den Wolken kratzen. Das hat ihm Ludwig einmal erzählt. Er stellt sich vor, dass die Häuser die Wolken aufritzen und dass es dann regnet. Regen muss sein, weil sonst auf den Feldern nichts wächst. Wo es nicht regnet, muss man selber gießen, und jetzt muss er wirklich weinen, weil er wieder an Mamas Blumen denken muss. Er hat doch alles richtig gemacht! Hat alles ganz genau so gemacht, wie Mama es gesagt hat, ganz genau so! Und trotzdem so was!
© 1995 Andreas Eschbach