Eine unberührte Welt

 

Kommen wir zum Finale. Auch die folgende Geschichte verdankt ihre Entstehung der Anfrage eines französischen Herausgebers. In diesem Fall war es Stéphan Nicot, der Herausgeber des bedeutendsten französischen SF-Magazins »GALAXIES«, der mich ansprach mit der Bitte um einen Beitrag für eine Anthologie mit Science-Fiction-Detektivgeschichten.

Ich bin eigentlich kein großer Leser von Krimis, erst recht bin ich keiner von denen, die nach zehn Minuten » Tatort« schon wissen, wer es war und warum und welche falschen Fährten noch kommen (ich wünschte allerdings, ich wäre es!). Entsprechend liegt mir auch das Schreiben von Krimis nicht.

In diesem Fall war es glücklicherweise so, dass ich in meinen Notizbüchern auf eine Idee stieß, die mich schon lange anlächelte, von der ich aber überzeugt war, dass sie keinen ganzen Roman tragen würde – die sich aber, wie mir beim Wieder-Lesen einfiel, ab richtige Detektivgeschichte erzählen ließ Ab da war es dann einfach.

Die Geschichte erschien, wieder einmal übersetzt von der unvergleichlichen Claire Duval, im April 2002 in der Anthologie »Détectives de l’Impossible«. Auf Deutsch erschien sie erstmals im Dezember desselben Jahres in dem österreichischen Literaturmagazin VOLLTEXT: Hat man mir zumindest gesagt, ein Belegexemplar erreichte mich leider nie.

 

 

An Bord eines Auswandererschiffes gibt es auch Jobs, die nicht im offiziellen Stellenplan stehen. Wim Freese war offiziell Klimatechniker – ein wichtiger und ehrbarer Beruf in einem Raumschiff, das einen Flug von 34 Jahren Dauer mit begrenzten Vorräten an Luft und Wasser überstehen soll –, aber sein eigentlicher Job war der einer Wühlmaus, eines Ermittlers, eines Ohrs und Auges, eines Beschaffers von was auch immer. Sein Name war der heiße Tipp, den man bekommen konnte, wenn man in Schwierigkeiten war und sich nach jemandem umhörte, der einem helfen konnte, an den Regeln vorbei, wenn es sein musste. Wenn man etwas brauchte, das es nicht gab. Wenn man etwas suchte, das nicht zu finden war.

Etwas – oder jemanden…

»Eine Frau?«, vergewisserte sich Wim Freese.

»Nicht einfach eine Frau«, sagte Pavlov. »Die Frau.« Er drehte an der Fenstersteuerung. »Ich kann sie nicht vergessen, verstehst du?« Die Blenden fuhren zurück, das Licht in der Kammer erlosch, und die sternendurchsetzte Leere draußen wurde sichtbar und ließ einen die Enge des Aussichtsraums weniger bedrängend empfinden. »Zumindest will ich wissen, wer sie war.«

»Ist mir schon klar, was du willst.« Freese zog sein Memopad heraus, hauchte den zerkratzten Schirm an und polierte ihn mit dem Ärmel. Er zückte den Stift. »Also nochmal. Getroffen hast du sie am vierten, etwa zwei Stunden nach Schichtbeginn?«

»Genau. Ich war hinten in der Hydroponik A, da arbeitet man immer allein, und es ist eine verwachsene Ecke. Uneinsehbar, würde ich sagen. Und heiß, wegen der Strahler.« Pavlov atmete, als laste die Erinnerung auf seiner Brust. »Ich hatte gerade mein Oberteil ausgezogen und war am Zurechtschneiden, da steht sie plötzlich vor mir. Nackt. Und mit einem Blick… Sie sagt nichts, streckt nur die Hand aus, berührt mich…« Er schluckte schwer.

»Wie sah sie aus?« Mal ein bisschen Nüchternheit reinbringen. Immerhin, für den Auftrag würde er einen guten Preis aushandeln können, das stand fest.

»Schön wie eine Göttin. Unglaublich schön.«

»Haarfarbe? Körpergröße? Brustumfang?« Freese sah hinaus und ertappte sich dabei, Ausschau zu halten nach sich bewegenden Lichtpunkten. Doch man würde die Kundschaftersonden, die demnächst zurückerwartet wurden, nicht sehen können.

»Blond. Große Augen mit langen Wimpern. Große Brüste. Schlanke Taille. Lange Beine.«

Freese klopfte ungeduldig mit dem Stift gegen das Memopad. »Geht’s nicht ein bisschen genauer? Das ist eine Beschreibung, die ungefähr auf zehntausend Frauen an Bord zutreffen würde.«

»Nein«, schüttelte Pavlov inbrünstig den Kopf. »So eine Frau hast du an Bord noch nicht gesehen. Ich schwör’s.«

Freese deutete hinaus zu den gleichgültig glimmenden Sternen. »Von da draußen wird sie ja wohl kaum gekommen sein. Denk mal nach. Irgendwelche besonderen Merkmale, abgesehen von ihrer göttlichen Schönheit?«

Pavlov dachte nach. »Sie hat nichts gesagt, aber als sie gekommen ist, hat sie was gestöhnt, das wie oh my god klang. Ich würde sagen, ihre Muttersprache ist Englisch.«

»Na, das ist doch schon mal was.« Freese notierte das zufrieden. Die weitaus meisten Kolonisten an Bord stammten aus Kontinentaleuropa. Diese Information und nachher eine kleine Sitzung mit dem Gesichtssimulator, und das Problem würde sich auf eine simple Datenbankabfrage reduzieren. Was er natürlich für sich behielt. »Sonst noch etwas?«

»Ja. Ich glaube, sie hatte keinen Chip.«

»Alle Frauen haben den Chip.«

»Du hast mich gefragt, oder? Ich habe keinen Chip bemerkt.«

»Du warst ja auch mit anderem beschäftigt.«

Pavlov sah ihn missmutig an. »Ich habe jeden Quadratzentimeter ihrer Haut… gesehen. Sie hatte keinen Chip. Sie hatte nicht einmal eine Narbe.«

»Hmm.« Freese notierte das und setzte ein Fragezeichen dahinter. Der Chip steuerte die Fruchtbarkeit, und er war Vorschrift. Aber bei manchen, vor allem bei jungen Frauen verheilte der Schnitt, durch den er eingepflanzt wurde, so gut, dass man ihn in der Tat kaum bemerkte. Vielleicht war das ein zusätzlicher Hinweis. »Wie alt war sie denn?«

»Ich schätze, fünfundzwanzig.«

Freese ließ Memopad und Stift seufzend sinken. »Verarschen kann ich mich alleine.«

»Ich schwöre es beim Grab meines Vaters«, versicherte Pavlov. »Fünfundzwanzig. Plus minus drei Jahre.«

»Es gibt keine fünfundzwanzigjährigen Frauen an Bord, das weißt du so gut wie ich.« Beim Start des Schiffes waren alle Kolonisten zwischen einundzwanzig und dreißig Jahren alt gewesen. Heute waren sie in den Vierzigern, abgesehen von den während der Reise geborenen Kindern, von denen nur eine äußerst überschaubare Anzahl älter als vierzehn war. »Es wird eine von den Bordgeborenen gewesen sein. Eine auf erwachsen geschminkte Sechzehnjährige.«

»Hätte ich dich gebraucht, wenn es so wäre?«, fragte Pavlov unlustig»Mmh«, machte Freese. Das war freilich eine berechtigte Frage. Auf die die Antwort ›Nein‹ lautete. Er ließ die Blenden wieder zufahren und musterte Pavlov aufmerksam im pissgelben Licht der altersschwachen Leuchtelemente. »Schon mal überlegt, ob es ein Traum gewesen ist?«

Pavlov zerrte ärgerlich am Halsausschnitt seines Overalls und entblößte einen in allen Farben schillernden Bluterguss. Bissspuren waren zu erkennen. »Schon mal einen Traum gehabt, der so was zurücklässt?«

Freese überlegte. Die einzige andere Erklärung, die ihm einfiel, war eigentlich zu fantastisch, um wahr zu sein. Aber es war eben die einzige andere Erklärung. »Das wird nicht leicht«, seufzte er. »Mit anderen Worten, teuer.«

Pavlov griff in die Tasche und holte ein Sammelsurium verschiedener Plastikmarken mit holografischen Prägungen hervor. »Das ist alles, was ich habe. Zwei Kleidergutscheine, hundertzwanzig Narko-Punkte und zehn Ruhetagsmarken.«

Scheiße, der Typ konnte nicht mal verhandeln. »Nicht viel«, sagte Freese, obwohl es natürlich eine Menge war. Zehn Ruhetage!

»Was? Für das verschwundene Halsband von Patrizia wolltest du nur einen Kleidergutschein und fünfzig Narko-Punkte!«

»Da hat sie dir was Falsches erzählt.« Vor allem hatte sie den sexuellen Bestandteil ihrer Abmachung verschwiegen. Freese schob das Memopad ein. »Außerdem war das ein leichter Auftrag, und das hier wird richtig schwierig. Sagen wir, die Kleiderpunkte und die Ruhetage als Anzahlung, und zweihundert Narko-Punkte, wenn ich die Frau gefunden habe.« Aus Narko-Punkten machte er sich ohnehin nichts, weil er weder Alkohol noch sonstige Drogen mochte; die Punkte waren nur gut zum Handeln. Aber von Ruhetagen konnte er nicht genug bekommen: ganze Tage in einem schallgedämpften, zwanzig Quadratmeter großen Einzelzimmer mit einer Frischluftzufuhr, die wie Meeresrauschen klang – die beste Annäherung an das Paradies, die an Bord zu haben war.

»Also gut«, meinte Pavlov und trennte sich von seinen Schätzen. Es musste eine wahrhaft beeindruckende Frau gewesen sein.

 

Die einzige andere Erklärung war, dass die Gerüchte, die seit Jahren kursierten, doch mehr waren als Gerüchte: dass beim Start eine Gruppe illegaler Kolonisten an Bord gelangt war, die sich seither in einem Unterschlupf im Maschinensektor versteckt hielt. Wenn die damals Kinder dabeigehabt hatten – und eine Menge Leute hatten versucht, mit ihren Kindern von der Erde zu entkommen –, dann waren diese Kinder inzwischen über zwanzig, und Pavlovs Geschichte konnte stimmen.

Freese lag auf seinem Bett, die oberste Koje zum Glück, hatte die Hände hinter dem Kopf verschränkt und die Zimmerdecke dicht vor dem Gesicht und versuchte nachzudenken, wenn es schon mit dem Schlafen nicht klappen wollte. Die Luft war mal wieder zum Schneiden dick, und der dicke Pete unten hatte die Decke über den Kopf gezogen, rubbelte sich einen herunter und stöhnte so vernehmlich dabei, dass es doch jeder mitbekam.

Was natürlich sorgfältig bedacht sein wollte, war, wie er mit einer solchen Entdeckung umgehen würde, gesetzt den Fall, er stieß auf etwas Derartiges. Zweifellos würde das etwas sein, das einen dazu verpflichtete, dem Kommandanten Meldung zu erstatten. Was wiederum die Gefahr unangenehmer Fragen heraufbeschwor, die er so beantworten zu wissen musste, dass seine halblegalen Praktiken und Tauschgeschäfte nicht ruchbar wurden. Alles nicht so einfach.

Pete stieß endlich seinen finalen Quieklaut aus und wurde still. Der Duft von Sperma breitete sich aus. Einen Moment lang war nichts zu hören als das immerwährende, alles durchdringende Summen der Maschinen, jener dunkle, leise Ton von weit her, der vor zwanzig Jahren begonnen hatte und seither nicht verklungen war.

»Du solltest es mal mit ‘ner Frau versuchen, Pete«, sagte Ricardo, der das Mittelbett gegenüber bewohnte. »Hat echt was.«

Pete schlug schnaubend die Decke zurück. »Wenn ich deine Ratschläge hören will, werd ich’s dich wissen lassen, okay?«

Es gab eigentlich nur zwei denkbare Bereiche, in denen sich eventuelle blinde Passagiere aufhalten konnten: die Maschinensektion oder die Materialgondeln. Letztere enthielten alles, was dereinst für den Aufbau der Kolonie an Geräten und Grundausstattung erforderlich sein würde, doch während des Fluges waren sie vom Wohntrakt aus unzugänglich. Man hätte einen Raumanzug anziehen und etwa zweihundert Meter Kletterpartie über dünnes, nicht für Kletterpartien gedachtes Rohrgestänge hinter sich bringen müssen, und das scheiterte schon daran, dass die wenigen Raumanzüge vom stellvertretenden Kommandanten höchstpersönlich verwaltet wurden. Abgesehen davon, dass die Materialgondeln bis auf den letzten Kubikzentimeter gefüllt waren. Um darin zwanzig Jahre zu überleben, hätten die blinden Passagiere etliche Mähdrescher, Sägemaschinen und Saatguttonnen über Bord werden müssen, und dass man ihnen das dereinst nicht verzeihen würde, konnten sie sich ja wohl ausrechnen.

»Wisst ihr«, begann Pete mit jammervoller Stimme, »ich wünschte wirklich, ich wäre auf der Erde geblieben.«

»Geht das wieder los«, knurrte Ricardo.

»Ich werde vierundsechzig sein, wenn ich meinen Fuß wieder auf den Boden eines Planeten setze. Vierundsechzig! Was hat mich bloß getrieben, in dieses verdammte Raumschiff zu steigen? Ich weiß es wirklich nicht.«

»Darf ich deinem Gedächtnis auf die Sprünge helfen?«, bot Ricardo an. »Könnte es etwas mit der Kriegsgefahr zu tun gehabt haben? Mit Umweltverschmutzung und Übervölkerung? Hast du dich möglicherweise sogar um diesen Platz beworben, eine Million Auswahltests absolviert und Luftsprünge gemacht, als die Zulassung kam?«

Leonhard, der das Bett gegenüber Wim hatte, wälzte sich herum und knurrte unüberhörbar: »Verdammt, könnt ihr das bitte bei Tag diskutieren? Es gibt Leute hier, die schlafen wollen. Und vergesst nicht, ich bin in dem Team, das die Kundschaftersonden einfangen muss. Hängt einiges ab davon, dass ich ausgeschlafen bin, okay?«

Die anderen murrten trotzdem, und die Luft war noch immer zum Schneiden dick. Wim Freese erwog, eine seiner Ruhetagsmarken gleich morgen einzulösen, einfach um in Ruhe nachdenken zu können.

 

Natürlich durfte man vor lauter Hirngespinsten nicht die Grundlagenarbeit vernachlässigen. War die Frau, deren Gesichtsskizze er in einem verborgenen Winkel seines Memopads abgelegt hatte, im Verwaltungssystem gespeichert oder nicht? Was ließ sich aus der Information machen, dass ihre Chipnarbe praktisch unsichtbar war? Alles Fragen, die sich einfach beantworten ließen, wenn man Zugriff auf das System hatte.

So kam es, dass Freese am nächsten Tag in voller Schutzmontur in eine der Verwaltungsstellen stürmte, mit dem Analysegerät fuchtelte und rief: »Schnell, alles raus! Wir haben eine Faulgasblase im System, die jeden Moment eindringen kann!«

Die Frauen und Männer sprangen bleich von ihren Plätzen auf, ließen sich widerstandlos hinausdrängen. »Anstieg!«, schrie Freese, um sie noch mehr zu motivieren. »Schließen Sie die Türen von außen! Lassen Sie niemanden herein, ehe ich nicht Entwarnung gebe!«

Als er allein im Raum war, nahm er den Kopfschutz und die Handschuhe ab, setzte sich vor eines der Terminals und zückte sein Memopad. Gespannt tippte er die Zugangscodes für gesicherte Bereiche ein, die ihm jemand gegen monatliche Rationen an Narko-Punkten regelmäßig zukommen ließ, und war im System.

Der reine Gesichtsabgleich brachte, wie es typisch für diese Art Abfragen war, nichts Brauchbares, aber dafür erwies sich die medizinische Datenbank als ergiebig: Er fand eine erstaunliche Zahl von Frauen, deren Chipnarbe als kaum sichtbar klassifiziert war. Zwar ähnelte keine davon der Gesuchten auch nur ansatzweise, trotzdem überspielte er die Daten in sein Memopad, um Pavlov die Bilder zeigen zu können.

Dann zog er seinen Schutzanzug wieder an und strich eine winzige Spur Buttersäure auf die Gitter der Belüftungsrohre. Er öffnete die Tür und erklärte den Wartenden, die die Nase rümpften ob der Düfte, die ihn begleiteten: »Keine Gefahr mehr. Die Luft ist rein. Na ja, fast jedenfalls.«

Flüchtig dachte er darüber nach, wie oft er diesen Trick schon angewandt hatte. Das winzige Fläschchen würde vermutlich bis zur Landung reichen, und zweifellos war es eine gute Idee gewesen, es damals mit an Bord zu schmuggeln. Mittlerweile glaubten sogar die meisten der Klimatechniker, dass es so etwas wie Faulgasblasen gab.

 

»Nein«, sagte Pavlov beim Durchsehen der Bilder. »Nein. Auch nicht. Nein. Nie im Leben. Nicht mal ähnlich.«

Also hieß es weitermachen. Hinab in die Maschinenräume. Bis zu den Einspritzelementen der Triebwerke kam man, jenseits dessen erreichte die Strahlung ohnehin lebensgefährliche Werte. Schon der Aufenthalt zwischen den Fusionsreaktoren und Recyclinganlagen musste zeitlich begrenzt werden, da man beim Bau des Schiffes dem Maschinenraum natürlich nicht dieselbe Strahlenabschirmung zugestanden hatte wie dem Wohnbereich. Schwer vorstellbar, dass hier eine geheime Kolonie existieren sollte. Wo denn? Die Leute hätten einen eigenen, strahlengeschützten Wohnbereich gebraucht, und selbst wenn man die Frage außer Acht ließ, wie sie das hätten bewerkstelligen wollen, hätte das Ding einfach Ausmaße haben müssen, die man nicht einmal in den äußerst unübersichtlichen Maschinenräumen übersehen würde. Doch obwohl Wim seine gesamte Freiwache dafür opferte, in die entlegensten und schmierigsten Winkel der Maschinenräume zu kriechen, fand er nicht den Ansatz einer Spur. Er war mehr als frustriert, als er duschen ging.

Die Dusche, das waren sich drängelnde nackte nasse Männerkörper, Dampfschwaden, Hitze und das Geräusch plätschernden Wassers. Es roch nach Seife und Schweiß und käsigen Füßen, und die Handtücher, in zwanzig Jahren Flug zehntausende Male gewaschen, waren nur noch brettharte Fetzen. Trotzdem war es eine Umgebung, in der Wim schon manche gute Idee gekommen war. Er fragte sich gerade, was er übersehen haben konnte, als er einen Gesprächsfetzen aufschnappte.

»… mir erst danach gesagt, dass sie mich regelrecht ausgeguckt hat, über das Überwachungssystem…«

Wim Freese hielt in der Bewegung des Einseifens inne und glotzte hoch, suchte das Videoauge, das klein und schwarz und knopfartig an der Decke hing, hier genauso wie überall. Das Surveillance System, natürlich! Die Unbekannte musste in den Archiven des allgegenwärtigen Überwachungssystems erfasst sein. Warum war er nicht eher auf diese Idee gekommen?

Dann fiel ihm ein, wer das System betreute, und ihm war klar, warum er nicht eher auf diese Idee gekommen war. Verdrängung nannte man das wohl.

 

Joana Treben war ungefähr das Gegenteil von dem, was Wim Freese an einer Frau gefiel. Sie hatte keinen wahrnehmbaren Busen, ein überaus ausladendes Gesäß und in den letzten Jahren an burschikoser Stämmigkeit noch einige Kilo zugelegt. Kaum zu glauben, dass sie am Anfang der Reise eine Zeit lang eine Affäre gehabt hatten. Kaum zu fassen, dass Joana mittlerweile ausgerechnet das Surveillance System leitete.

»Eine Frau?«, fragte sie mit mehr als nur einem Anflug von Eifersucht in der Stimme, nachdem er ihr sein Anliegen vorgetragen hatte.

»Nicht für mich«, wiederholte er. »Es ist ein, ähm, Auftrag.«

Joana nickte. »Schon klar. Du und deine Nebenjobs.«

»Man muss sehen, wo man bleibt.«

»Hast du nicht Angst, dass du eines Tages einmal etwas findest, was du lieber nicht gefunden hättest?« Als er nicht antwortete, zuckte sie mit ihren breiten Schultern. »Also, offiziell darf ich dir natürlich keinerlei Auskünfte geben. Das System untersteht allein dem Kommandanten und seinem Stellvertreter.«

»Und inoffiziell?«

»Musst du mir einen guten Grund liefern, meine Position zu riskieren.«

Wim seufzte. Das würde ihn in Teufels Küche bringen, er ahnte es, trotzdem schlug er vor: »Um der alten Zeiten willen?«

Das schien ihr zu gefallen. Sie musterte ihn mit rätselvollem Lächeln. »Na so was. Das hätte ich doch kaum zu hoffen gewagt.«

»Habe ich gerade etwas Verfängliches gesagt?«, fragte er und wusste genau, dass er gerade etwas Verfängliches gesagt hatte.

»Komm, Wim. Ich kenne dich. Du hast unter Garantie ein hübsches Polster an Ruhetagsmarken, habe ich recht? Du und ich und eine Nacht im chambre separée, um der alten Zeiten willen, und ich werde zu Wachs in deinen Händen«, erklärte sie mit lüsternem Augenaufschlag.

Also opferte er eine der Ruhetagsmarken seines Honorars und gab sich redlich Mühe, ihren Erwartungen zu entsprechen. Sie hatte immer noch jenen Geruch, der ihn, wie ihm wieder einfiel, einst angezogen hatte. Das machte es leichter, beinahe angenehm, und tatsächlich gewährte sie ihm am nächsten Tag Zugang zum Archiv, half ihm sogar bei der Suche nach der Unbekannten und wirkte bei alldem ganz weich und sanftmütig.

Sie fanden sie auf Anhieb.

»Merkwürdig«, meinte Joana. »Schau dir die Zeitangaben an. Sie taucht auf, stromert einen Tag lang im Schiff herum und ist dann wieder für Wochen verschwunden.«

»Und man sieht sie nie arbeiten«, nickte Wim. »Sie ist immer nur unterwegs. Und wie sie sich umsieht! Als ob sie jemanden sucht.« In dem grauen Overall und mitten im ewigen Gedrängel der Gänge wirkte sie seltsam alterslos. Wim kaute an seiner Unterlippe. »Wie weit reicht das Archiv zurück?«

Es reichte drei Monate zurück. Als sie es komplett durchsuchten, entdeckten sie auch Aufnahmen der Begegnung zwischen Pavlov und der Unbekannten. »Ist er das? Dein Auftraggeber?«, wollte Joana wissen und betrachtete die Bilder eingehend. »Die nimmt ihn ganz schön ran. Junge, Junge.«

»Du musst grade reden«, meinte Wim.

Pavlov war allerdings nicht der Einzige gewesen, den die Unbekannte beglückt hatte. Sie fanden zahlreiche weitere Aufnahmen diverser Stelldicheins, im Grunde immer mit demselben Typ Mann: groß, breitschultrig, dunkelhaarig und muskulös. Wim überspielte eine repräsentative Auswahl von Bildern in sein Memopad und war froh, den Hauptanteil seiner Bezahlung bereits erhalten zu haben. Pavlov würde nicht gefallen, was er ihm da zu zeigen hatte.

Sie entdeckten noch mehr. Sie fanden eine Aufnahme, die zeigte, wie die Unbekannte aus der Kabine des stellvertretenden Kommandanten kam.

Joana grinste. »Da drin hat das System zwar keine Augen, aber ich schätze, ich komme auch so drauf, was sie gewollt hat.«

Wim grinste nicht. »Eben«, sagte er. »Die Kommandantenkabinen sind die einzigen Orte im Schiff, die das System nicht einsehen kann. Und die Unbekannte muss ja irgendwo sein in den Wochen, in denen sie nirgends auftaucht, oder?« Er schüttelte den Kopf. »Ist das widerlich.«

Joana runzelte die Brauen. »Ich glaube, ich konnte dir gerade nicht ganz folgen.«

»Ich versuche, eine Alternative zu finden zu der Vorstellung, dass unser stellvertretender Kommandant eine heimliche Geliebte versteckt hält. Aber irgendwie will mir keine andere Erklärung einfallen. Verdammt, sie kann höchstens sechs Jahre alt gewesen sein, als er sie an Bord geschmuggelt hat, verstehst du? Er muss sie sich regelrecht herangezogen haben.«

 

Der stellvertretende Kommandant war ein kleiner, knochiger, wenig sympathischer Mann und so ziemlich in jeder Beziehung das Gegenteil des Kommandanten. Der war inzwischen zur Vaterfigur herangereift, allseits geachtet und ständig präsent, während man seinen Stellvertreter so gut wie nie zu Gesicht bekam.

Anlässlich der Verkündung der Ergebnisse, die die Kundschaftersonden geliefert hatten, waren ausnahmsweise beide Kommandanten im Kontrollzentrum anwesend. Beide trugen überaus ernste Gesichter zur Schau. Den Kolonisten, die praktisch ausnahmslos vor den Schirmen des Komunikationssystems versammelt zusahen, schwante Übles.

»Wie Sie wissen«, sagte der Kommandant, »sind vor einigen Tagen die beiden Kundschaftersonden zurückgekehrt, die wir vor sieben Jahren ausgesandt haben. Die Mission verlief vollkommen nach Plan. Die Sonden haben den Zielstern erreicht, alle geplanten Messungen durchgeführt und konnten wohlbehalten geborgen werden.« Man wartete auf das gewohnte warmherzige Lächeln, doch es blieb aus. Stattdessen fuhr der Kommandant fort: »Leider ist das die einzige gute Nachricht, die ich habe.«

Eine Pause. Fünfzigtausend Kolonisten, zusammengepfercht in schmalen Gängen und winzigen Kabinen, hielten den Atem an.

»Die Messungen zeigen zweifelsfrei, dass unser Zielstern, der zweite Planet des Sterns 47 Uma, nicht bewohnbar ist«, erklärte der stellvertretende Kommandant mit grimmig gefurchter Stirn. »Seine Oberfläche ist vollkommen tot und hochradioaktiv. Warum die Fernmessungen, die von der Erde aus mit Hilfe des Hoyle-Teleskops gemacht worden sind, dies nicht gezeigt, sondern im Gegenteil Lebensspuren ergeben haben, ist im Augenblick unerklärlich. Die einzige Hypothese derzeit lautet, dass dieser Planet von intelligenten Wesen bewohnt gewesen sein könnte, die sich erst vor kurzem selbst ausgelöscht haben.«

Fünfzigtausend Kolonisten in kaninchenstallartigen Aufenthaltsräumen und kaum mehr als schulterbreiten Gängen erschauderten.

Der Kommandant ergriff wieder das Wort. »Da die übrigen Planeten von 47 Uma aufgrund ihrer Sonnenentfernung allesamt ebenfalls nicht als neue Heimat in Frage kommen, hat es keinen Sinn, diesen Stern anzufliegen. Das Bremsmanöver, dessen Beginn für nächsten Monat geplant war, wird also entfallen. Stattdessen fliegen wir weiter.« Er deutete auf die Sternkarte. »Unser Flugziel wurde von Anfang an so gewählt, dass wir auf eine derartige Erkenntnis angemessen zu reagieren im Stande sind. Wir werden unseren Kurs geringfügig ändern und den Stern HD-89744 ansteuern, der ebenfalls von einem höchstwahrscheinlich bewohnbaren Planeten umkreist wird.«

Fünfzigtausend Kolonisten wagten noch nicht, aufzuatmen.

»Allerdings«, fügte der Kommandant kummervoll hinzu, »verlängert sich damit die Dauer unserer Reise von 34 auf voraussichtlich 102 Jahre. Das heißt, selbst wenn alles gut geht, werden erst unsere Kindeskinder wieder die Scholle eines Planeten betreten.« Er sah ihnen allen fest ins Kameraauge, allen fünfzigtausend Kolonisten. »Wir mussten mit so etwas rechnen, als wir an Bord dieses Schiffes gingen. Trotzdem schmerzt es, dass der Notfall nun tatsächlich eingetreten ist. Ich bitte Sie alle, jetzt den Mut nicht sinken zu lassen. Lassen Sie uns diese Herausforderung gemeinsam meistern, unseren Nachfahren zuliebe – und um unserer Würde als Menschen willen.«

Fünfzigtausend Kolonisten seufzten abgrundtief. Die meisten fluchten auch, unter Gebrauch der derbsten Flüche, die ihnen geläufig waren. An diesem Abend erreichte die Abgabe von Narko-Punkten einen neuen Höchststand.

 

Einer der Kolonisten hatte keine Zeit, zu seufzen. Wim Freese hatte die garantierte Abwesenheit beider Kommandanten benutzt, um in die Kabine des stellvertretenden einzudringen. Was natürlich in höchstem Grade illegal war und auch technisch nicht einfach, doch Wim besaß erstens die notwendigen Gerätschaften, um selbst ein Fingerabdruckschloss ohne Spuren und insbesondere ohne den richtigen Fingerabdruck zu öffnen, und wurde zweitens von der grimmigen Entschlossenheit getrieben, einen nicht nur rätselhaften, sondern darüber hinaus vermutlich in höchstem Maße unmoralischen Sachverhalt aufzuklären, koste es, was es wolle.

Zu seiner Enttäuschung fand er die Räume des stellvertretenden Kommandanten leer und verlassen. Niemand war da, insbesondere keine schöne Frau. Die Räume sahen darüber hinaus auch nicht so aus, als walte darin weiblicher Einfluss, sie sahen im Gegenteil geradezu unbewohnt aus. Was kaum zu fassen war, wenn man bedachte, dass der Stellvertretende sich den größten Teil seiner Zeit hier aufhielt.

Wim öffnete Schränke und Schubladen. Manche der Fächer waren regelrecht leer, was an Bord zumindest ungewöhnlich war. Das Bett war aufgeschlagen, fühlte sich aber klamm an, so, als habe schon lange niemand mehr darin geschlafen. Wim schritt die beiden Wohnräume ab, spähte immer wieder in die gleichen Ecken und Winkel, bis er sich eingestand, dass er es hauptsächlich deswegen tat, weil er der unvermeidlich scheinenden Konsequenz seiner Beobachtung ausweichen wollte: dass die Unbekannte, wenn sie hier nicht war, nur in der Kabine des Kommandanten sein konnte. Des allseits geachteten, ehrenwerten Kommandanten. Seine Kabine war die einzige weitere unbeobachtbare Zone im Schiff.

»Hast du nicht Angst, dass du eines Tages einmal etwas findest, was du lieber nicht gefunden hättest?«, hatte Joana gefragt. Sah ganz so aus, als sei es so weit.

Er wollte gerade gehen, als seine angesichts der Situation aufs Schärfste gespitzten Ohren einen sehr weit entfernten, sehr fremdartigen Laut vernahmen. Eine Art metallisches Schaben oder Kratzen. Einen Lidschlag später stand er in einem der Kleiderschränke zwischen muffig riechenden Uniformoveralls und spähte mit angehaltenem Atem durch den winzigen Spalt, den die Schiebetür offenstand. Dieses Versteck hatte er sich gleich nach dem Hereinkommen ausgeguckt; von hier aus hatte er den Eingang im Blick, zudem war es nah genug, um selbst für den Fall eine Chance auf Entkommen zu bieten, dass der Stellvertretende wider Erwarten zurückkommen sollte. Wenn er danach erst ins Bad ging, etwa. Er durfte nur nicht als Erstes an den Kleiderschrank wollen.

Wim beobachtete die Tür. Nichts rührte sich. Von dem Geräusch war natürlich auch nichts mehr zu hören; nicht in diesem schallgedämpften Versteck. Vielleicht hatte er sich das sowieso nur eingebildet. Überreizte Nerven und so.

Minuten vergingen.

Dann hörte Wim plötzlich jemanden singen.

Eine Frau. Trällerte vor sich hin, schien auf und ab zu gehen dabei.

Er konnte nicht anders, er musste hinaus aus seinem Versteck und sich vergewissern, dass das keine Halluzination war. Es war unmöglich. Woher sollte plötzlich eine Frau kommen? Und wie, vor allem? Er hatte die einzige Zugangstür keine Sekunde aus den Augen gelassen.

Es war keine Halluzination. Es war die Unbekannte. Sie erschrak fast zu Tode, als Wim in der Tür des Schlafzimmers auftauchte.

Hinter ihr fehlte eine Paneele in der Rückwand, jener Wand, die laut offiziellem Bauplan des Schiffes unmittelbar an die Außenwandung grenzte. Und hinter dieser Öffnung war ein matt beleuchteter, schmaler Gang zu sehen, der in die Unendlichkeit zu führen schien.

Sie weigerte sich, seine Fragen zu beantworten. Sie schrie herum, rief nach dem Stellvertretenden, versuchte durch den Gang zu flüchten, aber sie war nur eine junge Frau, und Wim war ein im Nahkampferfahrener Mann. Er hätte lieber eine beeindruckende Waffe in der Hand gehabt, als sie zu packen und ihr den Arm schraubstockartig auf den Rücken zu drehen, bis sie wimmerte vor Schmerz, aber es gab keine Waffen an Bord außer den Elektroschockstäben, die den Ordnungskräften vorbehalten waren. Also tat er es und schob sie vor sich her, durch diesen absolut irrealen Gang, den es eigentlich überhaupt nicht geben durfte.

Es war ein schmaler, unbequemer Schacht aus geriffelten Metallelementen, auf denen man nur mühsam vorankam. Wim erkannte das Geräusch wieder, das er gehört hatte: Er machte es jetzt selber. Eine leichte Biegung nach rechts gab es, und schließlich, mindestens hundert Meter weiter, kamen sie an eine schwere Stahltür mit Panzerverriegelung, die offenstand und außen in großen Lettern die Bezeichnung FDE-102 trug.

»Die Nummer unseres Schiffes?!«, fiel es Wim wieder ein. Vergessen Sie nicht, auf allen Dokumenten die Nummer Ihres Fluges anzugeben, hatte es in den Bewerbungsunterlagen immer geheißen. »Was hat das zu bedeuten?«

»Na was wohl?«, meinte die Frau verächtlich.

Auf der anderen Seite der Stahltür erstreckte sich ein breiter Gang, in dem eine gelbliche Notbeleuchtung glomm. Ihre Schritte hallten. Neben der Tür lehnte ein Fahrrad an der Wand. Endlos, alles. Alle hundert Meter ein weiteres Stahlschott, rechts und links jeweils, die Nummern fortlaufend – FDE-103, FDE-104…

»Was ist das? Wo sind wir hier?«, schrie Wim die Frau an, doch sie verzog nur das Gesicht.

Da kamen plötzlich Lichter von beiden Seiten, Fahrzeuge, Männer darauf, die sie umstellten, Waffen auf sie richteten. Einer trat auf die Frau zu, streckte die Hand aus und sagte: »Schluss mit diesen Ausflügen, Miss Vane. Geben Sie mir den gestohlenen Schlüssel.«

Sie händigte ihm eine schmale Karte aus, mit der er zu der offenstehenden Tür ging, sie zuzog und verriegelte. »Was soll das?«, protestierte Wim, worauf der Mann ihn ansah und sagte: »Sie werden nicht mehr zurückkehren, tut mir leid. Ihre Reise ist zu Ende.«

Sie packten sie beide auf ihre klobigen, unkomfortablen Fahrzeuge. Es ging kreuz und quer durch diesen und ähnliche Gänge, bis ein breites Stahltor vor ihnen auffuhr und sie in eine Helligkeit gelangten, die Wim die Tränen in die Augen trieb. Es dauerte eine Weile, bis er etwas sah, und als er dann etwas sah, war ihm, als müsse sein Herz stehenbleiben.

Sie waren auf der Oberfläche eines Planeten.

Sanfte Wiesen und Wälder. Wolken am blauen Himmel, der Vollmond dahinter.

Nicht irgendein Planet. Die Erde.

 

»Sie werden einsehen, dass wir Sie unmöglich zurückkehren lassen dürfen«, sagte der grauhaarige Mann, der Wim in einem bequemen Ledersessel gegenübersaß und eine schlanke Zigarre rauchte. Hinter ihm ging der Blick weit hinaus über ein bewaldetes Tal, herbstlich gefärbtes Laub und in der Ferne kreisende Raubvögel. Wim konnte sich kaum auf den Mann konzentrieren, so schmerzhaft schön war es, das alles zu sehen.

»Wie bin ich hierhergekommen?«, fragte er flüsternd. »Ich war in einem Raumschiff. Millionen von Kilometern entfernt von hier. Wie kommt es, dass ich hier sitze?«

»Sagen Sie bloß nicht, dass Sie sich nicht längst alles zusammengereimt haben. So schwer ist das doch nicht. Sie waren in einem Raumschiff, ja, aber es war nicht Millionen Kilometer entfernt im Weltraum, sondern steht in einer künstlich geschaffenen Höhle. Und eigentlich ist es nicht wirklich ein Raumschiff, sondern einfach ein großer Metallbehälter für Menschen.«

Wim starrte ihn an, weigerte zu verstehen, suchte nach einer anderen Erklärung für alles und fand keine.

»Die… Sterne!?«

»Virtuelle Realität. Computer. Holografische Projektionen.«

»Das Vakuum außerhalb des Schiffes?«

»Ist echt. Die Schiffe sind tatsächlich autark. Sonst würden die Menschen darin das Ökosystem der Erde ja weiterhin belasten.«

»Aber… der Flug im Shuttle?!«

»Simulatoren. So ähnliche Geräte standen in Disneyland und anderen Freizeitparks und gaukelten Besuchern rasante Flüge durch die Welt berühmter Kinofilme vor – auf computergesteuerten Stelzen stehend und Beschleunigungseffekte durch simples Kippen des Fahrzeugs vortäuschend.«

»Wie viele dieser… Auswanderraumschiffe gibt es?«

»Genug für die Hälfte der Menschheit. Rechnen Sie es sich aus.«

»Und die andere Hälfte?«

»Lebt in Bunkern und glaubt, einen Atomkrieg überlebt zu haben. Im Grunde dasselbe.«

»Aber… jemand muss das alles gebaut haben. Tausende von Leuten müssen das gewesen sein.«

»Die, die die Bunker gebaut haben, durften auswandern. Die Kavernen für die angeblichen Raumschiffe galten als Startrampen; wer daran mitgearbeitet hat, sitzt in Bunkern. Und die Leute, die Bescheid wussten, gehören zu uns – wie Ihr stellvertretender Kommandant – oder sind, na ja…« Der Mann streifte die Asche seiner Zigarre ab. »Wir hätten alle liebend gern wirklich fortgeschickt. Aber die Technik war nicht so weit, wird es vielleicht niemals sein. Die Abgründe zwischen den Sternen sind zu groß.«

Wim fühlte abgrundtiefes Entsetzen in sich aufklaffen. »Aber… warum? Warum das alles?«

Der Mann deutete hinter sich. »Schauen Sie hinaus, da haben Sie die Antwort. Die Erde muss sich regenerieren. Sich erholen von allem, was die Menschen ihr angetan haben. Denken Sie von der Erde als Gaia, als Göttin. Gaia brauchte Ruhe.« Er lächelte. »Übrigens erstaunlich, mit welcher Geschwindigkeit sie sich erholt. Es gibt kaum noch Straßen, auf denen man fahren kann. Der Wald erobert die Städte zurück, überwuchert Industrieanlagen, lässt Brücken einstürzen. In wenigen Jahrzehnten wird es sein, als hätte es uns Menschen nie gegeben.«

Wim schwindelte. Trotzdem fiel es ihm noch ein. »Was war das mit dieser Frau?«, fragte er.

»Miss Vane? Oh, sie hat versucht, ein kleines Problem in Eigeninitiative zu lösen.« Er zögerte. »Es liegt wohl an den künstlichen Hormonen, die sich über Jahrzehnte in der Umwelt angereichert haben. Die meisten von uns – von uns Männern, meine ich – sind unfruchtbar geworden. Vielleicht kein Zufall. Wir schätzen, dass, bis Gaia sich erholt hat – in einigen Generationen –, keine Menschen mehr auf ihr leben werden.« Er zuckte die Schultern. »Ich denke, einige der Siedler werden die Zeit überstehen. Die besten unter ihnen. Sie werden eines Tages den Weg an die Oberfläche schaffen und vorfinden, was sie gesucht haben: eine unberührte Welt.«

 

© 2001 Andreas Eschbach