Der Mann aus der Zukunft

 

Da wir gerade von Weltreise sprachen – auch die folgende Kurzgeschichte hat eine langen, verschlungenen Weg zurückgelegt.

Geschrieben habe ich sie im Jahr 1994. Dass man damals höchst beeindruckt war vom Herannahen des echten, wirklichen, wahrhaftigen Jahres 2000 ist ihr, glaube ich, noch anzumerken – inzwischen liest man sie eher mit einem Schmunzeln darüber, was für Ängste und Hoffnungen wir einst mit diesem magischen Datum verbunden haben.

Das Jahr 1994 war für mich in vielerlei Hinsicht ein Schicksalsjahr. Unter anderem hatte ich Anfang des Jahres einen Verlag gefunden, der willens war, meinen ersten Roman zu publizieren (die Rede ist vom Schneekluth Verlag München, bei dem im Jahr darauf »Die Haarteppichknüpfer« erscheinen sollte). Im Lauf des Jahres war der entsprechende Vertrag unterzeichnet worden, das Lektorat war abgeschlossen, das Jahresende nahte und damit die alljährliche Notwendigkeit, zu Weihnachten von sich hören zu lassen. Mir kam die Idee, das mit dem »von sich hören lassen« wörtlich zu nehmen und eine Cassette mit einer selbstgesprochenen Kurzgeschichte an Freunde, Verwandte und auch an die wenigen Leute aus der Verlags- und Buchszene zu verschicken, die ich bis dahin kennengelernt hatte. Damit – ich legte einen kleinen Hinweiszettel bei – hoffte ich die Aufmerksamkeit für meinen Romanerstling zu befördern. Denn dass so ein Erstling es nicht leicht haben würde, das hatte ich im Verlauf des Jahres gelernt.

Jungen Menschen muss man heutzutage vielleicht erklären, was eine Cassette war: ein Ding, mit dem man Akustisches aller Art speichern konnte, aber nicht in digitaler Form und in Speicherchips – die waren damals noch zu groß und zu teuer dafür –, sondern auf einem winzigen Magnettonband. (Wer Genaueres wissen will, muss vermutlich ins Museum gehen.) Nicht erklären muss man das Grundkonzept: Das, was ich da zu basteln vorhatte, nennt man heute »Audiobook« oder »Hörbuch«.

Zunächst schrieb ich die Geschichte. Geplant war, dass sie etwas mit Silvester zu tun haben sollte. Dass sie von einem deprimierten Schriftsteller handelte, war nicht geplant, aber vermutlich nicht zu vermeiden. Und irgendwie rutschte, wie schon erwähnt, das nahende Jahr 2000 herein. Ich schrieb, überarbeitete, feilte. Es sollte alles stimmen. Immerhin würde es ja eine Art Gesellenstück werden.

Nachdem der Text stand – der Winter rückte näher –, ging es ans Aufnehmen. Ich zog das so professionell wie möglich durch. Von einem Freund borgte ich mir ein Mischpult, ein sagenhaft empfindliches Kondensatormikrophon, ein Hallgerät und so weiter (einen guten Cassettenrekorder und Kopfhörer hatte ich selber) und machte mich ans Werk. Gar nicht so leicht! Der Text hatte über zwanzig Seiten, und die einigermaßen ohne Versprecher, Verhaspler und womöglich auch noch einigermaßen sinnvoll betont auf Band zu kriegen erforderte schon etliche Anläufe. Ich weiß nicht mehr, ob ich zufrieden war oder einfach nur die Nase voll hatte – vielleicht wurde auch einfach nur die Zeit allmählich knapp –, jedenfalls hörte ich irgendwann auf mit Lesen und machte weiter mit dem nächsten Schritt, der Vervielfältigung.

Ja, auch das war nicht einfach im Zeitalter vor DSL und USB-Sticks, liebe Kinder. Einfach per Massen-E-Mail ans ganze Adressbuch schicken, das war noch nicht üblich in diesen finsteren Zeiten! Nein, es war nötig, Kopien von der Mastercassette zu ziehen. Das konnte man in speziellen Doppel-Cassettendecks selber machen; ich wollte jedoch optimale Tonqualität erzielen und beauftragte deswegen ein Tonstudio damit. Die zogen von meiner Cassette ein Mastertonband (das ich immer noch im Schrank habe, obwohl ich bezweifle, dass es noch viele Geräte gibt, auf denen man es abspielen könnte) und davon dann Kopien, die – fünfzig Stück an der Zahl – schließlich in einem hübschen Karton bei mir eintrafen. Die beiliegende Rechnung war weniger schön, aber 1994 hatte ich meine eigene Firma, die auch ganz gut lief, sodass ich mir erlauben konnte, ab und zu etwas Geld zu verplempern.

Aufkleber und Hülleneinleger machte ich wieder selber, mithilfe eines nahe gelegenen Copyshops (damals in Stuttgart am Berliner Platz befindlich – inzwischen, habe ich gesehen, gibt es ihn nicht mehr). Und schließlich verbrachte ich noch einen Abend damit, die Dinger mit Grüßen zu versehen und einzutüten, um sie anderntags zur Post zu bringen.

Ich erhielt ganz nette Reaktionen darauf. Dass meine Aktion dem Verkauf der »Haarteppichknüpfer« zuträglich gewesen ist, darf bezweifelt werden. Aber: Der Weg dieser Kurzgeschichte war noch nicht zu Ende.

Im Jahre 1994 war der Zugang zum Internet noch eine Sache für Spezialisten, aber es gab immerhin schon CompuServe, und ich war dort im Verlauf des Jahres Mitglied geworden. CompuServe war eine Art Internet für Anfänger – es gab E-Mails, es gab Diskussionsforen, alles noch sehr rudimentär (man bedenke, 1994 wurde noch ernsthaft diskutiert, ob Windows eine Zukunft habe oder nicht) und kompliziert, aber immerhin. In einem dieser Foren hatte ich mit einer gewissen Barbara Schnell Kontakt, wobei es unser gemeinsames Faible für den schottischen Schriftsteller Allistair MacLean war, das uns verband. Da sie zudem »irgendwie« als Übersetzerin, jedenfalls im Umfeld von Verlagen tätig war, kam sie gleich aus doppeltem Anlass auf die Weihnachtsliste.

Besagte Barbara Schnell (die tatsächlich als Übersetzerin arbeitet; sie hat u.a. die Romane von Diana Gabaldon ins Deutsche übertragen) hatte besagte Cassette an einen bei der ZEIT tätigen Redakteur weitergereicht. Und der wiederum kontaktierte mich gegen Ende des folgenden Jahres: Er würde die Geschichte gern in der Silvesterausgabe 1995 der ZEIT veröffentlichen.

– Gern, sagte ich höchst begeistert. In der ZEIT, man bedenke! Das baute mich auf der ich seit Erscheinen meines Romans (und erst recht seit Erhalt der ersten Tantiemenabrechnung) das Gefühl nicht los wurde, damit den Flop des Jahres gelandet zu haben.

– Allerdings, fuhr er fort, müsse sie dafür gekürzt werden; mehr als eine Zeitungsseite sei nicht drin.

– Oh, sagte ich mit etwas gedämpfterer Begeisterung. Und wieviel?

– Auf die Hälfte, sagte er.

Auf die Hälfte! Gut, dass die Unterhaltung per Compuserve-Mail erfolgte; ich hätte möglicherweise etwas Dummes gesagt. So überschlief ich die Sache – und sagte zu. Und machte mich an die Arbeit.

Das war richtig hart. Ich glaube, ich brauchte zum Kürzen länger, als ich gebraucht hatte, das Ding zu schreiben. Ich strich Füllwörter. Das brachte fast gar nichts. Ich dampfte Passagen ein. Das brachte wenig. Ich teilte den Text in Abschnitte auf, sagte mir, wenn ich jeden Abschnitt auf die Hälfte kürze, erreiche ich die geforderte Länge, ohne die Geschichte aus dem Gleichgewicht kommt. Ich begann irgendwann, Episoden zu streichen, Figuren, Wendungen, ganze Handlungsfäden… Ich hatte das Gefühl, das Ding zu massakrieren. Ich hatte das Gefühl, zu bluten.

Aber ich schaffte es irgendwie, und an Silvester 1995 erschien die Geschichte auf der letzten Seite der ZEIT, zusammen mit einer hübschen, wirklich passenden Grafik.

Wäre hier nun die Gelegenheit, die Urfassung zu veröffentlichen? Endlich?

Ja – bloß: Die gefällt mir inzwischen gar nicht mehr so gut. Die Magie des Kürzens hat gewirkt. Überlassen wir die Urfassung deshalb jenen 50 Cassetten, von denen einige noch irgendwo existieren mögen, und der Geschichte…

 

 

Er stand am Fenster, so dicht, dass er die Kühle der Scheibe auf der Haut spürte. Sie beschlug von seinem Atem, während er hinabstarrte in den schmutzigen Hinterhof. Wieder einmal ein Silvesterabend ohne Schnee. Die kleine orangerote Lampe, die den Hof erhellte, wackelte im Wind, und ein Gemisch aus Regen und verirrten, hoffnungslosen Schneeflocken huschte nebelartig durch ihren Lichtkegel. Auf einer der Mülltonnen lag ein Stapel alter Zeitungen; offenbar hatte jemand auf diese Weise mit dem vergangenen Jahr abgerechnet.

Man müsste eine Geschichte darüber schreiben, dachte Brück. Eine Geschichte über einen Mann, der am Silvesterabend einsam an einem schmierigen Fenster steht, durch alte graue Gardinen auf einen hässlichen Hinterhof hinausschaut und davon träumt, Schriftsteller zu werden. Gleichzeitig bringt er es nicht über sich, vom Fenster weg und zurück an den Computer zu gehen, weil ihn die Aussicht lähmt, wieder etwas zu schreiben, was keiner lesen, keiner haben, keiner drucken will.

Dabei hätte er heute Abend die Zeit und Besinnlichkeit gehabt, nach der er sich sonst das ganze Jahr über sehnte, heute, da die Stadt in beschaulicher Stille lag und alle zu Hause saßen bei ihren Familien…

In diesem Moment klingelte es.

Es war ein Mann, blond und stämmig, der geradezu begeistert schien, ihn zu sehen. Und er hielt eine Flasche Sekt in der Hand. »Herr Brück?«, fragte er mit leuchtenden Augen. »Peter Brück?«

»Ja«, gab Brück zu.

»Mein Name ist, ähm, Hans Schmidt«, erklärte der Fremde. »Ich bin heute Abend eingezogen«, – er machte eine unbestimmte Geste, die in die nach gedünstetem Kohl riechenden Tiefen des Hauses gerichtet war –, »nur ein Koffer und die Matratze… Dachte, ich frage Sie mal, ob Sie nicht Lust haben, diese Flasche mit mir zusammen niederzumachen?«

»Hmm«, machte Brück. Das Ansinnen war ihm unangenehm. Bisher hatte er allzu enge Kontakte mit anderen Bewohnern des Hauses sorgfältig gemieden, weil ihm diese, geradeheraus gesagt, herzlich unsympathisch waren.

»Ich will mich nicht aufdrängen«, erklärte der andere, als Brück zögerte. »Ich habe die Erzählung gelesen, die Sie letzten September veröffentlicht haben, und ich wollte die Gelegenheit nutzen, Sie persönlich kennenzulernen.«

Brück hatte das Gefühl, seine Augäpfel zu unnatürlicher Größe anschwellen zu spüren. Plötzlich glaubte er zu verstehen, was die Chronisten des Mittelalters gemeint hatten, wenn sie von Verklärung sprachen: Ein unirdischer, geradezu göttlicher Glanz schien mit einem Mal von dem Mann auf dem Gang auszugehen, und der Klang seiner Stimme war plötzlich süße, himmlische Sphärenmusik. Er öffnete die Tür weiter, einladender.

»Entschuldigen Sie. Ich war etwas überrascht. Ich hatte niemanden erwartet…«

Der Fremde lächelte verzeihend und trat ein. »Haben Sie Gläser?«, fragte er und begann, das Silberpapier vom Verschluss der Sektflasche zu wickeln.

Brück eilte in die Kochnische, um zwei Saftgläser aus dem überfüllten Abtropfgestell zu klauben. Der Kloß in seiner Kehle war ungeheuer. »Hat sie«, begann er und musste elend schlucken, »hat sie Ihnen gefallen?«

»Sehr«, sang der Mund des Fremden. »Ich war ungeheuer beeindruckt.«

Brück hätte heulen können vor Glück. »Wirklich? Sie hat Ihnen wirklich gefallen?«

»Ja. Wirklich«, meinte sein unbekannter Gast. Damit ließ er den Korken knallen, goss die beiden Gläser gleichmäßig voll und nötigte ihn mit einer Handbewegung, eines davon zu nehmen.

Die Erzählung… Es war eine kleine, ziemlich autobiografische Erzählung über einen jungen Verkäufer, der, eingebunden in einen immer gleichen Alltag, nur wie durch die Sichtluken einer Festung mitbekommt, wie sich draußen die Welt verändert und allmählich vor die Hunde geht. Die Veröffentlichung dieser kleinen Geschichte hatte ihn den größten Teil des vergangenen Jahrs über beschäftigt. Letztes Silvester hatte er begonnen, sie zu schreiben, und Ende Februar war er damit fertig gewesen. Im März hatte er allen Mut zusammengenommen und sie an den Herausgeber der »Wilden Blätter« gesandt, der einzigen Literaturzeitschrift der Stadt. Im April hatte er einen Brief bekommen, den er immer noch aufbewahrte: dass man sie veröffentlichen werde, in der Juli-Ausgabe! Dann hatte es allerlei Hin und Her gegeben; beinahe wöchentlich waren neue Depeschen gekommen, die ihn abwechselnd von höchsten Höhen der Ekstase hatten abstürzen lassen oder umgekehrt ihn aus den tiefsten Tälern der Verzweiflung wieder ans Licht holten: Man könne die Erzählung – leider – doch nicht veröffentlichen. Doch, man werde sie veröffentlichen, aber es seien da noch einige Punkte, die überarbeitet werden müssten. Und er überarbeitete, wieder und wieder, schlug sich Nächte um die Ohren und verbrachte sonnige Wochenenden darüber, bis das Manuskript schließlich endgültig angenommen war und in der Septemberausgabe gedruckt erscheinen sollte. Das waren noch einmal qualvolle Monate, in denen er unruhig schlief und ständig überlegte, wie die Leute, die er kannte, auf die Veröffentlichung reagieren würden. Was man ihn fragen würde. Was er antworten konnte.

Und dann, endlich, war es September, und die »Wilden Blätter« lagen in den Buchhandlungen, und seine Erzählung war sogar auf dem Titelblatt angekündigt, in der dritten Zeile von unten. Er zitterte am ganzen Leib, als er – obwohl er wusste, dass er ein Belegexemplar bekommen sollte (das er dann doch nicht bekam) – ein Heft kaufte, aufschlug, seine Erzählung suchte und fand und las.

Und weiter geschah nichts. Der September ging, der Oktober dazu, und dann erschien schon die Novemberausgabe, ohne dass irgendjemand von der Erzählung Notiz genommen hatte.

Jetzt war das Glas etwas, an dem er sich festhalten konnte. Er nahm einen Schluck, einen tiefen Schluck, und war dann selber überrascht über das, was aus ihm herausbrach. »Ich würde gern mehr schreiben, viel mehr. Es ist so viel in mir, dass ich manchmal das Gefühl habe, zu platzen. Ich würde gern… ich würde gern einen Roman veröffentlichen…«

Er schwieg erschrocken. Das war schon beinahe, ja, Blasphemie. Aber der fremde Gast nickte nur gelassen, als habe er nichts anderes erwartet.

»Das werden Sie«, sagte er. »Und nicht nur einen.«

»Glauben Sie?«

»Ja. Sie werden viele gute Bücher schreiben, die von vielen Menschen gelesen werden.«

»Wie können Sie das mit einer solchen Sicherheit sagen? Sie kennen mich doch kaum.«

»Ich kenne Ihre Erzählung. Rings um dieses Hutgeschäft, das Sie beschreiben, bricht mehr oder weniger die ganze Zivilisation zusammen, während der Verkäufer aus dem Fenster lugt und auf Kundschaft wartet. Sie sehen die Zukunft zu düster.«

»Aber so ist es doch. Schauen Sie sich doch um in der Welt – wir vergiften die Luft, die wir atmen, das Wasser, das wir trinken, den Boden, auf dem wachsen soll, was wir essen. Und es sind sechs Milliarden Menschen, die essen wollen, und nichts – außer einem Atomkrieg vielleicht – wird verhindern, dass sich diese Zahl noch verdoppelt. Man nennt es Wirtschaftskrise, aber in Wirklichkeit wird einfach um die letzten Reste Leben gekämpft. Und wir, die wir nichts abbekommen, betrinken uns, nehmen Drogen oder tanzen uns bei hypnotischer Musik zu Tode.«

»Und das gerade zum Jahr 2000, wie passend.«

Brück sah seinen Gast irritiert an. »Wie bitte?«

»Ich habe nur überlegt, was für ein merkwürdiger Zufall es ist, dass das Ende der Menschheit gerade zusammenfallen soll mit dem Ende eines Jahrtausends.«

Brück musterte den Unbekannten, der da auf seinem abgewetzten Sofa saß und zufrieden lächelte. Diese Wendung des Gesprächs kam ihm reichlich seltsam vor. »Das haben Sie sich aber nicht gerade jetzt ausgedacht.«

»Nein, zugegeben. Ich arbeite über die Jahrtausendpsychosen der Menschheit.«

»Jahrtausendpsychosen?«

»Religiöser Wahn. Exzesse. Hysterie. Gewalttätigkeiten. Endzeitstimmung. Kurz – die Angst, die das kollektive Unbewusste zu allen Zeiten erfasst, wenn ein neues Jahrtausend anbricht.«

»Hmm«, machte Brück. »Originell. Eine originelle Variante des Versuchs, die Realität nicht sehen zu müssen.«

Der Fremde sah ihn mit einem unergründlichen Lächeln an und schwieg einen Moment, als müsse er sich die Munition seiner Argumente zurechtlegen. »Wandern Sie doch einmal«, forderte er ihn schließlich auf, »in Gedanken die imaginäre Reihe der Jahre entlang, oder wie immer Sie sich die Zeit vorstellen. Ist es nicht so, dass Sie eine beinahe körperliche Empfindung haben, wenn Sie das Jahr 2000 überschreiten? Eine Art geistige Kerbe, als würde man mit der Zunge über die Zähne tasten und ein Loch erspüren?«

»Hmm«, machte Brück widerwillig. »Ja.«

»Und nun frage ich Sie: Warum ist das so, wenn wir doch angeblich nicht an die Magie der Zahlen glauben? Die Antwort ist, dass in unseren endlosen seelischen Tiefen Zahlen etwas Magisches sind, sich an ihnen der Willen der Götter offenbart. Deshalb spüren wir Jahrhunderte und Jahrtausende am ganzen Körper.«

»Das mag ja sein«, meinte Brück. »Aber die Fakten reichen auch ohne Ihre Zahlenmagie für eine handfeste Endzeitstimmung.« Um überhaupt etwas zu tun, beugte er sich vor und schenkte nach. Er betrachtete die Flasche. Der Sekt war eine Marke, die er nicht kannte – was nichts heißen mochte –, und das Etikett wirkte sehr edel und teuer – was auch nichts heißen mochte –, aber irgendetwas irritierte ihn daran.

»Glauben Sie nicht, dass Fakten durch Überzeugungen erst geschaffen werden?«

»Nein. Ich bin der ganz altmodischen Ansicht, dass Überzeugungen auf Wahrnehmung von Fakten beruhen sollten.« Brück kam nicht darauf, was ihn an der Sektflasche so beschäftigte. Er stellte sie zurück auf den Tisch.

Der Fremde lächelte. »Nehmen Sie sich selbst: Wie weit reichten die Zukunftsprognosen, die Sie von Ihrer frühesten Jugend an gehört haben? Immer nur bis zum Jahr 2000, nicht wahr? Das heißt, mit derselben Hartnäckigkeit, mit der man Ihnen das Alphabet eintrichterte, brachte man Ihnen bei, dass das Jahr 2000 das Ende der Zeitrechnung ist.«

»Bilde ich mir denn die Übervölkerung ein? Ist die Umweltverschmutzung eine Ausgeburt meiner Fantasie?« Brück starrte immer noch die Sektflasche an. Vorhin war sein Auge an irgendeinem Detail, einem bedeutsamen Detail, hängengeblieben.

»Nein. Was ich behaupte, ist, dass die Angst vor dem Ende des Jahrtausends die Menschen lähmt. Am Neujahrstag des Jahres 2000 werden die Menschen aufwachen und unfassbar erleichtert sein: Endlich hat das lange Zittern ein Ende, endlich liegt wieder ein unauslotbar großer Zeitraum vor ihnen wie weites, jungfräuliches Land.«

»Woher wollen Sie das wissen?«

»Ich weiß es.«

»Sie wissen eine ganze Menge«, meinte Brück abwesend, und plötzlich fiel sie ihm wieder auf, die merkwürdige Einzelheit, die ihn vorher stutzig gemacht hatte. Er nahm die Sektflasche in die Hand und las das Etikett. »Jahrgangssekt 1999…«

Er sah auf und sah in die Augen seines Gegenüber. Erschrockene Augen. Er sah den Gesichtsausdruck eines Mannes, der tödlich erschrocken war über einen Fehler, der ihm nicht hätte passieren dürfen.

Dieser Gesichtsausdruck, nur eine Hundertstelsekunde lang, verriet ihm alles. In diesem magischen Moment war es, als lüfte eine Gottheit einen Schleier, um ihn ungeahnte Geheimnisse schauen zu lassen.

»Jahrgangssekt 1999…«, wiederholte Brück langsam. Es klang weder anklagend noch ahnungsvoll. Er stellte nur Tatsachen fest, mit kühler, leidenschaftsloser Genauigkeit. »Sie haben einen Sekt aus dem nächsten Jahrtausend mitgebracht. Das ist der Grund, warum Sie so sicher über die Zukunft sprechen können: Sie sind ein Zeitreisender, der seine eigene Vergangenheit besucht.«

Seine Worte standen plötzlich im Raum wie aus Stahl gehämmert, und ihre Wahrheit war so offenkundig, dass es unmöglich schien zu leugnen. Der fremde Gast starrte ihn an wie erstarrt, wie von Panik gelähmt.

»Sie sind ein Zeitreisender«, wiederholte Brück.

Schließlich nickte der andere unwirsch. »Verdammt, ja.«

»Aus welchem Jahr?«

»2991.«

Unwillkürlich musste Brück lachen. »Zweitausendneunhundert… Leidet Ihre Welt etwa auch wieder an einer Jahrtausendpsychose?«

»Ja, natürlich.« Es schien ihm nun peinlich zu sein, wie er vorhin mit seiner Kenntnis der Zukunft regelrecht angegeben hatte.

»Und Sie sind in die Vergangenheit gereist, um die Symptome zu vergleichen… sicherheitshalber!«

»So ungefähr.«

»Warum sind Sie nicht stattdessen in die Zukunft gereist?«

Der andere wand sich förmlich. »Das geht nicht.«

Brück musterte den blonden, stämmigen Mann, der da auf seiner Couch saß und sein Sektglas verlegen zwischen den Fingern drehte. Erst jetzt wirkte der Fremde real – so, als könne man ihn anfassen, ohne mit den Fingern durch ein Trugbild zu stoßen. Komisch, dachte Brück, als ob ich es geahnt hätte, seit er zur Tür hereinkam…

»Immerhin scheint es noch Menschen zu geben im Jahr 2991.«

»Natürlich. Mehr denn je.«

»Gibt es Kolonien im Weltraum? Überlichtschnelle Raumschiffe?«

Jetzt lächelte er, so wie Brück gelächelt hätte auf die Frage eines Zeitgenossen von Wilhelm dem Eroberer, der sich nach künftigen Pferderassen erkundigt. »Raumschiffe, ja – und anderes, für das Ihre Sprache keine Worte hat…«

Brück lehnte sich zurück, sehr behutsam und vorsichtig. Plötzlich hatte er Angst, er könnte die Magie dieser Begegnung durch ein unbedachtes Wort oder eine hastige Bewegung zerstören. »Erzählen Sie mir etwas über die Zeitreise. Wie machen Sie das, dass Sie unsere Sprache sprechen, die richtige Kleidung tragen, wissen, wie Sie sich zu benehmen haben?«

»Das ist einfach. Ich bin Historiker; wir erforschen die Vergangenheit mit Hilfe der Zeitreise, und wir haben technische Möglichkeiten, unglaublich schnell zu lernen…«

»Ist es nicht gefährlich? Haben Sie nicht Angst, den Verlauf der Geschichte zu verändern?«

Der Mann aus der Zukunft nickte. »Man muss sehr aufpassen. Es ist auch nicht ganz… legal, dass ich hier bin.«

»Wie war das mit dem Sekt? Woher stammt der?«

»Ich habe zuerst die Zeit nach der Jahrtausendwende besucht. 1999 wird ein sehr guter Weinjahrgang. Ich habe die Flaschen verwechselt.«

»Und warum haben Sie ausgerechnet mich besucht?«

»Es war wirklich so, wie ich sagte. Allerdings habe ich auch die Bücher gelesen, die Sie noch schreiben werden, und sie haben mir gut gefallen. Ich wollte Sie kennenlernen; Ihnen Mut machen, sie zu schreiben.«

Brück schwindelte bei diesen Worten, aber zu seiner Verwunderung gab es einen Teil in ihm, der den verzwickten Verwicklungen mühelos zu folgen vermochte.

»Gut«, sagte er, »machen Sie mir Mut. Was passiert in den nächsten Jahren?«

Das Gesicht seines Gegenübers verschloss sich. »Das darf ich Ihnen nicht sagen. Es ist zu gefährlich.«

Brück fühlte plötzlich seinen eigenen Atem, spürte die Unebenheiten des sperrmüllreifen Sessels, auf dem er saß, und hörte das feine, ameisenhafte Ticken der Regentropfen, die gegen die hohen, schlierigen Fensterscheiben nieselten. In weiter Ferne schlug eine Turmuhr, drei viertel zwölf. Dies war die Wirklichkeit, er träumte nicht. Der Mann, der aus einer tausend Jahre entfernten Zukunft gekommen war, saß ihm gegenüber, und nur die fast greifbare Stille trennte sie.

»Sie wollten mir Mut machen«, sagte Brück schließlich. »Dazu müssen Sie mir eine Frage beantworten – wie überlebt die Menschheit?«

»Sie überlebt.«

»Wie?«, beharrte Brück. »Sie brauchen mir keine Einzelheiten zu erzählen, wenn das so gefährlich ist – aber Sie müssen mir eine Idee geben. Mir fällt dazu nichts ein. Was könnte die Situation der Menschheit noch entscheidend verändern? Was könnte das sein?«

Der Zeitreisende verfiel in brütendes Nachdenken. Dann beugte er sich langsam vor und stellte sein Sektglas auf dem Tisch ab. »Der Kontakt mit einer außerirdischen Zivilisation«, sagte er schwerfällig.

Eine heiße Woge brandete durch Brücks Körper bei diesen Worten. »Was?«, entfuhr ihm.

»Eines Abends«, erklärte der seltsame Gast, und er schien zu leiden, während er sprach, »eines Abends werden Sie die Tagesschau einschalten, und es wird nur eine einzige Schlagzeile geben: die Entdeckung einer nichtmenschlichen, außerirdischen, intelligenten Lebensform. Diese Entdeckung wird nicht einfach eine Sensation sein, sondern der größte Schock, den die Menschheit je erlebt hat; ein Erdbeben in der Seele der Menschen, das Mächte zerfallen und Religionen verschwinden lassen wird. Wirkliche Fremde, verstehen Sie? Das wird die Welt verändern wie nichts zuvor. Es wird eine andere Menschheit sein, die das nächste Jahrtausend sieht.«

Brück hielt es plötzlich nicht mehr aus in seinem Sessel, stellte sein Glas ab und stand auf, um ans Fenster zu treten. Die Sterne funkelten milde und fern am dunklen Himmel, zwischen den wattigen, regenschweren Wolken, die im Mondlicht schwarzviolett glänzten. Er spürte ein Gefühl in seiner Brust, als breche eine Stahlklammer, die sein Herz bis jetzt umkrallt hatte.

»Es gibt also Leben da draußen«, sagte er halblaut.

»Das Universum wimmelt von Leben«, bekräftigte die Stimme in seinem Rücken.

»Es geht also weiter?«

»Wir hatten Besuch aus einer Zeit, die über fünfzehntausend Jahre in der Zukunft liegt. Und sie erzählten uns von einem Kontakt mit… nun, menschlichen Wesen aus einer Jahrmillionen entfernten Zeit. Die Zukunft der Menschheit scheint unauslotbar zu sein, immer weiter und weiter zu gehen…«

Brück sah die ersten, verfrühten Feuerwerksraketen aufsteigen. Er schob den muffigen Vorhang weiter zur Seite, als gelte es, dem neuen Jahr Einlass zu verschaffen.

»Und wissen Sie was?«, fuhr der Gast aus einer anderen Epoche fort – es klang, als wundere es ihn selbst –, »zu allen Zeiten suchen die Menschen das Paradies, aber was immer sie auch anstellen, das Leben wird immer dieses seltsame Chaos bleiben, das man nie ganz zu fassen kriegt. Immer wird es Freude geben und Leid, immer Geburt und Tod; zu allen Zeiten wird man Niederlagen und Heimtücke und Hass kennen – aber auch Siege, Ehrlichkeit und Liebe…«

Mitternacht. Die Kirchenglocken begannen zu läuten, grüne und rote Leuchtkugeln glitten majestätisch durch die Luft, und in den Straßen wirbelten die grellen Sonnenräder auf dem feucht glitzernden Asphalt. Zum ersten Mal nach langer Zeit faszinierte es ihn wieder wie ein Kind. Brück harte plötzlich das Gefühl, dass es ein gutes Jahr werden würde.

Zeit, darauf anzustoßen. Er drehte sich um, doch das Sofa war plötzlich leer. Der merkwürdige Gast war verschwunden, und die Sektflasche mit ihm. Nur die beiden Gläser standen noch auf dem Tisch, und als Brück sie verwundert in die Hand nahm, sah er, dass sie völlig leer und sauber waren, wie frisch gespült.

 

© 1995 Andreas Eschbach