Der Amaryllis-Virus

 

Im April 2002 meldete sich die Redaktion des »Reader’s Digest Jugendbuchs« bei mir und wünschte sich eine Kurzgeschichte, und zwar zum Thema »Computer und Internet«.

In meiner Jugend habe ich »Reader’s Digest« regalweise gelesen, insofern war ich der Anfrage von vornherein gewogen. Bestrickend war aber, in diesem Zusammenhang zu erfahren, dass besagtes Jugendbuch seit einigen Jahren bei einem anderen Verlag mit anderem Cover auch unter dem Titel »Das Neue Universum« erschien.

Das war nun was. Denn ich meine, dass ich in einem Band eben dieser Reihe die erste Science-Fiction-Geschichte meines Lebens gelesen habe. Sein kann es, denn unter anderem kein Geringerer als Hans Dominik hat SF-Kurzgeschichten veröffentlicht in diesem »Jahrbuch für Haus und Familie«, wie es hieß, als es erstmals 1880 erschien.

Leider wurde die Reihe »Das Neue Universum« genau eine Ausgabe, ehe meine Story erschienen wäre, eingestellt, mit der 119. Ausgabe. So sind Hans Dominik und ich einander doch nicht näher gekommen. Das »Readers Digest Jugendbuch« dagegen erschien weiter und wird 2009 fünfzigstes Jubiläum begehen.

 

 

Sie bemerkte gar nicht, dass er sie anstarrte über den ganzen Schulhof hinweg. Sie redete mit zwei breitschultrigen Kleiderständern aus der Zwölften, Grinsegesichter mit Pullovern in den angesagten Farben, na klar doch, und so was von cool. Die fand sie wohl toll, oder?

»Displays von dem Typ sind praktisch überall eingebaut«, quengelte Sven ihm ins Ohr. »In Handys, in Routenplanern, in medizinischen Geräten, in Flachbildschirmen, einfach überall.«

»Sagt dein Vater«, meinte Fabian missgelaunt. Jetzt legte ihr dieser geschleckte Typ den Arm um die Schulter. Und sie ließ es sich gefallen. Grinste sogar. Verdammt.

»Klar. Er sagt, der Fehler in der Displaysoftware existiert seit mindestens sechs Jahren, ohne dass es bisher einer bemerkt hat.« Sven war klein, hatte grauenhaft schiefstehende Zähne und von Computern keine Ahnung. Er spielte Computerspiele und so, aber was im Innern der Maschine abging, wie man programmierte zum Beispiel, davon hatte er keinen Schimmer. Er hielt sich für einen Hacker, weil sein Vater für eine große Computerfirma arbeitete und beim Abendessen gerne Firmengeheimnisse ausplauderte.

»Irre interessant«, murmelte Fabian geistesabwesend.

Sie hieß Amaryllis und ging in die Parallelklasse. Amaryllis Weber, und dabei war ihr Vorname noch nicht einmal das Auffallendste an ihr. Sie hatte lange weißblonde Haare und eine traumhafte Figur und war so was wie der Star der Oberstufe.

Kein Wunder, dass jeder hinter ihr her war.

Kein Wunder, dass sie jemanden wie Fabian Fuller nicht einmal zur Kenntnis nahm.

 

Fabian hatte bisher nie viel über Mädchen nachgedacht. Was ihn interessiere, waren Computer. Die beherrschte er in- und auswendig. Im Informatikunterricht setzte ihn Herr Klopstock immer an einen PC im Nebenzimmer, wo er nach Herzenslust im Internet surfen oder sonstwas machen durfte, weil dem Lehrer klar war, dass er ihm nichts mehr beibringen konnte und Fabian in seinen Tests noch mit verbundenen Augen volle Punktzahl schreiben würde. Er fragte ihn sogar um Rat, wenn er was nicht wusste, und Klopstock wusste eine Menge nicht, das stand mal fest.

Da war dieses Sportfest gewesen. Leichtathletik irgendwas, Fabian machte sich nichts aus Sport und hatte es vergessen. Befehl vom Rex war jedenfalls, alle schulfrei, ab ins Stadion und klatschen. Sie also hingeschlappt, schwitzen auf der Tribüne, vorn, wo den ganzen Tag kein Schatten hinkommt, und zuschauen, wie gerannt und weitgesprungen und so weiter wurde. Zum Gähnen.

Bis der Hundertmeterlauf der Mädchen begann und Amaryllis Weber auf die Aschenbahn trat. In einem dunkelblauen, absolut hautengen Bodysuit, als wäre Olympiade. Der Anblick war Fabian in die Augen gefahren wie ein Stromstoß und durch den ganzen Körper hinab bis in die Zehenspitzen und zurück, absoluter Overload, Buffer overflow, genereller Systemfehler. Er hatte das Atmen vergessen, glatt aufgehört damit. Manchmal träumte er noch davon. Wie sie da stand und den nackten Arm hob und sich die überirdisch leuchtenden Haare aus der Stirn strich und die Ziellinie anvisierte und voll konzentriert wirkte. Wie sie in die Fußrasten stieg und die Beine beugte und in Startposition ging und einen Moment lang aussah, als sei ihr Trikot nur aufgemalt samt der Startnummer. Und wie sie rannte…

Er war verknallt. Man konnte es nicht anders sagen. Und er wusste verdammt noch mal nicht, was er machen sollte. Er glotzte sie in den Pausen an und hoffte und wünschte sich, aber er wusste gar nicht, worauf er hoffte und was er sich wünschte, nur dass sie eben merken sollte, dass er… dass sie… Es war wirklich zum Verrücktwerden.

Warum gab es für so was eigentlich kein Users Manual, keine Website, keine Newsgroup? Nachmittags hockte er an seinem Computer wie immer – er versuchte, mit ein paar Tricks aus seiner Grafikkarte etwas herauszukitzeln, was nicht gehen sollte laut Hersteller, bloß ging es eben doch, wenn man es schlau genug anstellte –, aber anstatt den Sourcecode zu sehen, glotzte er stundenlang vor sich hin und träumte mit offenen Augen. Wünschte, auch cool und groß und so verdammt selbstsicher zu sein wie die Typen, auf die Amaryllis offenbar abfuhr. (Himmel, wie er diese Kerle hasste!) Wie es wäre, einfach zu ihr hinzugehen und… Nein, das konnte er nicht. Sie würde ihn auslachen. Ihre ganze Clique würde ihn auslachen. Er musste es anders anstellen. Beweisen, dass er cool war. Sie irgendwie beeindrucken. Alle. Besonders Amaryllis.

 

Dienstags hatten sie Unterricht bis viertel sechs, und auf dem Heimweg traf er eines Tages – Herzschlag! – Amaryllis an der Bushaltestelle. Sie sah frisch geduscht aus, hatte eine Sporttasche dabei und vermutlich gerade trainiert, und sie begrüßte ihn mit »Hallo«.

Völliger Systemstillstand im Prozessor. Blackout im Hirn. Fabian hörte sich »Hallo« erwidern, automatisch, dann fiel ihm nichts mehr ein. Nichts Gescheites, nichts Cooles, nichts Lustiges, einfach gar nichts.

»Ist das dein Lieblingstier?«, fragte Amaryllis und deutete auf sein T-Shirt. »Der Pinguin, meine ich.«

»Was?« Fabian sah an sich herab. »Nein. Das ist das Logo von LINUX«, erklärte er und fügte hinzu, weil er aus Erfahrung wusste, dass man das hinzufügen musste: »Das ist ein Betriebssystem. Für Computer.«

Amaryllis nickte. Warum sah sie ihn so durchdringend an? Sie sah unwirklich aus, so, als träume er das alles nur. »Du bist aus der 11A, nicht wahr? Der Typ, der dem Klopstock in Informatik helfen muss.«

»Ja«, sagte Fabian. Beeindruckte sie das etwa? Sah fast so aus. Und da hieß es immer, Mädchen ließe alles, was mit Computern zu tun hat, kalt! Das war seine Chance. Sie war beeindruckt. Das musste er nutzen.

Ein paar unzusammenhängende Gedanken zischten ihm durchs Hirn, Ideen wie, sie nach ihrem Training zu fragen und ob sie gern an einer Olympiade teilnehmen würde oder zu erzählen, dass er sie beim Sportfest laufen gesehen hatte… Aber passte das, jetzt, wo sie gerade von ihm beeindruckt war?

Jetzt hieß es, cool zu sein. Er langte nach dem Buch in seiner Tasche, setzte sich, klappte es auf und tat, als lese er. Seine Brust wummerte im Megahertz-Takt, und er sah eigentlich nur verschwommene graue Flecken, aber er schaffte es, die Stirn zu furchen und konzentriert auszusehen.

»TCP/IP«, hörte er sie sagen. Sie hatte sich vorgebeugt und las den Buchtitel. »Ist auch was mit Computern, schätze ich?«

»Das ist das Internetprotokoll«, sagte Fabian. »Darüber werden alle Daten weltweit ausgetauscht.«

»Du kennst dich echt gut aus, was?«

»Ja«, sagte Fabian. »Stimmt genau.«

Sie musterte ihn, mit einem irgendwie komischen Blick, nickte und biss sich auf die Lippen. Aber sie sagte nichts mehr, schaute nur umher und wartete, und Fabian tat weiter so, als lese er, aber eigentlich las er immer nur die Kapitelüberschrift: Communication Protocol. Das Buch war in Englisch. Englisch konnte er auch echt gut. Er hatte es sich beibringen müssen, um die wirklich interessanten Sachen lesen zu können.

Dann kam ihr Bus, sie nickte ihm nochmal zu, sagte aber nicht »Tschüss« oder so was, gar nichts, stieg nur ein und setzte sich auf die gegenüberliegende Seite und fuhr davon. Fabian sah dem Bus nach und hatte das Gefühl, irgendwas versiebt zu haben.

Und auf einmal wusste er, was er machen würde. Er würde es ihr beweisen. Er würde beweisen, dass er der verdammt noch mal beste Programmierer der Welt war. Er würde den raffiniertesten Computervirus aller Zeiten schreiben. Und würde ihn nach ihr benennen. Amaryllis-Virus. Klang gut.

 

Fabian hatte sich mit Computerviren bisher nur nebenbei befasst. Natürlich hatte er Material darüber, natürlich kannte er das Grundprinzip. Ein Computervirus ist ein Programm, das sich gewissermaßen heimlich an andere Programme anhängt, wie ein Parasit, und das zunächst vor allem eines tut: sich fortpflanzen. Das heißt, es sucht nach weiteren, noch nicht infizierten Programmen und hängt diesen Kopien seiner selbst an. Erst wenn das erledigt und seine weitere Verbreitung gesichert ist, widmet sich der Computervirus anderen Aufgaben. Manche Viren tun überhaupt nichts. Manche Viren warten bis zu einem bestimmten Datum, um dann eine mehr oder weniger sinnvolle Botschaft auf Bildschirmen erscheinen zu lassen. Und andere Viren schließlich schlagen so schnell wie möglich und so rabiat wie möglich zu – vernichten Daten, blockieren Tastaturen, wüten und zerstören, was ihnen vor die wildgewordenen Bytes kommt.

Fabian wusste, dass seit dem ersten Auftauchen derartiger Programme in den Achtzigerjahren ein ständiger Wettlauf zwischen Virenprogrammierern und den Entwicklern von Virenschutzsoftware im Gange war. Es gab Virenwächterprogramme, die Tausende von Viren an ihrer Programmsignatur erkannten und Alarm schlugen, wenn ihnen eines unterkam. Es gab Firewalls, also Programme, die verhindern sollten, dass Viren aus dem Internet in Computer eindrangen. Es gab ein ganzes Arsenal von Abwehrtechniken.

Und immer wieder Programmierer, die allen ein Schnippchen schlugen.

In den folgenden Wochen durchstöberte Fabian die entlegensten Winkel des Internets, besuchte die obskursten Newsgroups, tauschte, um an Informationen zu kommen, Mails mit Unbekannten, die sich hinter Namen wie WizardOfOz oder CaptainCrackz verbargen. Er zerlegte kleine Programme, die in so gut wie jedem Computer anzufinden waren, in ihre elementaren Programmschritte, versuchte zu verstehen, wie sie funktionierten, und suchte nach einer Schwachstelle, in die er mit seinem geplanten Supervirus einhaken konnte. Schließlich wurde er ausgerechnet bei dem Programm fündig, das Sven erwähnt hatte: der Firmware des weltweit verbreitetsten LCD-Displays. Sie enthielt eine sogenannte trapdoor, eine »Falltüre«, wie man eine geheime, ungeschützte Schnittstelle nennt, die ein Hersteller einbaut, um in Notfällen Zugriff auf das System zu bekommen. Nach und nach schrieb Fabian ein Virenprogramm, das diesen Zugang verwendete, um in die verschiedensten Systeme einzudringen, und das im Stande war, sich über das Internet fortzupflanzen.

Die Weihnachtsferien kamen und damit eine Zeit, in der er endlich durcharbeiten konnte, ohne permanent durch Schule, Tests und ähnliche lästige Dinge unterbrochen zu werden. Mit rotgeränderten Augen hockte er bis in die Morgenstunden vor den Bildschirmen seiner Computer, programmierte, testete, installierte neu, was durcheinandergekommen war, programmierte um und testete abermals. Kurz vor Weihnachten hatte er herausgefunden, wie er die gängigsten Antivirenprogramme täuschen konnte, zumindest einige von ihnen und zumindest einige Zeit. Er ließ sich am Weihnachtsbaum seiner Eltern blicken, freute sich pflichtschuldigst über die beiden Hemden, die ihm seine Mutter, und den Rasierapparat, den ihm sein Vater schenkte – ein Wink mit dem Zaunpfahl, oder was? –, und verschwand so früh wie möglich wieder. Während draußen Silvesterraketen böllerten, brachte er drinnen sein Testnetzwerk zum Durchdrehen. Und kurz vor Ende der Ferien war er fertig. Eine kleine, blaue Diskette enthielt ein kleines, absolut harmlos aussehendes, absolut unaufhaltsames Programm.

Falls er sich nicht verkalkuliert hatte, hieß das.

Die geeignete Stelle, um den Virus zu starten, hatte er schon ausgespäht: die Stadtbücherei im Nachbarstadtteil, wo man gegen geringe Gebühr und ohne dass jemand einen Ausweis sehen wollte einen Internet-PC benutzen konnte, der in einem stillen Eck stand und dessen Diskettenlaufwerk nicht abgesperrt war. Er sah auf die Uhr. Anderthalb Stunden noch, bis die schlossen. Seine Hand zitterte. Kein Wunder, er hatte die letzten Tage praktisch nicht geschlafen und sich nur von Schokomüsli, Cola und Weihnachtskeksen ernährt. Absoluter Tunnelblick. Er schob die Diskette in die Tasche seines neuen Hemdes. Raus damit, und dann nur noch schlafen, schlafen, schlafen.

Es klappte wie im Traum. Er kam hin, und der PC war frei. An der Ausleihtheke eine Aushilfskraft, die nur nickte, nicht mal Geld wollte. Diskette rein, Internetverbindung aufbauen, ab damit. Diskette raus und gehen, ohne dass jemand aufsah.

Es wurde dunkel, als er aus der Bücherei ins Freie trat, eine kühle, gläserne Dämmerung, die sich sanft und unnachgiebig auf die Welt herabsenkte. Die Zweige der Bäume glommen silbern, und die Leute hatten Dampfwolken vor dem Mund. Vor ihm ging eine Frau, die per Handy jemandem zu erklären versuchte, welche Packung er aus der Tiefkühltruhe nehmen und was er damit machen sollte. »Ach, komm, lass es«, rief sie irgendwann entnervt. »Lass es. Ich bin in zwanzig Minuten zu Hause und – «

Sie brach ab, nahm ihr Handy vom Ohr, betrachtete entgeistert das Display, versuchte es nochmal. »Peter?« Keine Antwort, wie es aussah.

Es war, als packe ihn eine kalte Faust ganz tief unten in seinem Bauch, als Fabian begriff, was geschehen war.

 

Amaryllis Weber war in der Woche nach Silvester mit ihren Eltern zum Skifahren nach Österreich gefahren. Der Freitag sollte der letzte Tag sein, und die Abfahrt kurz vor Sonnenuntergang die letzte Abfahrt des Urlaubs. Die Piste war, wie das ganze Skigebiet, mit modernen Signalanlagen ausgestattet, die vor Lawinen warnten und anzeigten, welche Routen wie stark befahren waren. Amaryllis war auf der Route, die in den letzten Tagen zu ihrer Lieblingsstrecke geworden war, als das Signalsystem plötzlich verrückt spielte. Irritiert von den sich widersprechenden Anzeigen kam ein Pulk älterer Skifahrer ins Straucheln, ein Mann stürzte und überfuhr Amaryllis, wobei ein scharfes Teil seiner Skibindung ihr den Oberschenkel aufschlitzte. Sie spürte einen jähen, scharfen Schmerz, und im nächsten Moment sah sie nur noch den sich verdunkelnden Himmel und wunderte sich, warum ihre Handschuhe eine andere Farbe hatten.

Der Mann rappelte sich aus dem Schnee auf, sah, was er angerichtet hatte, und schrie in einem fort: »O Gott, o Gott!« Ein junger Mann, der den Unfall mitbekommen hatte, zückte sein Handy, doch das fand – ungewöhnlich für ein Skigebiet – kein Netz. »Ich fahre runter und sage der Rettungswacht Bescheid«, versprach er, nachdem er mit wenig Erfolg versucht hatte, die Blutung durch Abbinden des Oberschenkels mit seinem Schal einzudämmen.

Er glitt knirschend davon. Der Himmel nahm die Farbe grauen Stahls an. Der Schnee rings um Amaryllis Bein färbte sich blutrot.

 

Auf der Heimfahrt blickte Fabian aus dem Bus heraus in hell erleuchtete Büros, in denen Leute diskutierend oder ratlos dreinblickend vor ihren Computern standen. Manche Ampeln funktionierten, andere blinkten nur. Der Verkehr stockte. Die Straßenbahnen standen an den Haltestellen, manchmal zwei hintereinander, und rührten sich nicht von der Stelle. Der Bus fuhr ein Stück über eine Schnellstraße mit einem Verkehrsleitsystem, dessen Anzeigen plötzlich erloschen, um wirren Mustern in rot und gelb zu weichen.

Fabian wagte kaum zu atmen. Das war alles ein schlechter Traum. Bestimmt würde er gleich erwachen. Ganz bestimmt.

 

Eine Sicherheitsschaltung hatte den Skilift abgeschaltet, sodass der Notarzt auf einen der Helikopter warten musste, die wegen schwerer Verkehrsunfälle alle im Einsatz waren. Als er endlich starten konnte, war es bereits dunkel, und nur dank eines älteren Mannes, der wild gestikulierend in den Lichtkegel des Suchscheinwerfers sprang, gelang es, das verunglückte Mädchen zu finden. Es hatte viel Blut aus einer verletzten Oberschenkelarterie verloren, war bewusstlos, unterkühlt und in kritischem Zustand. Der Notarzt versorgte sie, so schnell es ging, und die Helfer luden sie auf eine Trage.

»Wir bekommen keine Verbindung zum medizinischen System«, rief der Pilot und wies auf einen Computerbildschirm, der verrückt spielte. »Keine Ahnung, welches Krankenhaus Kapazitäten hat.«

»Dann fliegen Sie zum nächstgelegenen«, schrie der Arzt zurück. »Und so schnell wie möglich!«

 

In der Tagesschau kam es als erste Meldung. Ein neuartiger Computervirus, im Stande, fast alle Sicherheitssysteme zu überwinden, breitete sich mit verheerender Geschwindigkeit über die ganze Welt aus und legte nicht nur normale Computer, sondern auch Telefonnetze, Steuerungsanlagen und Telemetriesysteme lahm. Telefone waren gestört, der E-Mail-Verkehr zum Erliegen gekommen, das Arbeiten in den meisten Büros unmöglich. Flugzeuge mussten notlanden, Züge auf offener Strecke stehenbleiben, die Havarie eines großen Rohöltankers war nur durch Glück verhindert worden. Weltweit stellten Börsen den Handel ein und Banken den Zahlungsverkehr. Bargeldautomaten waren außer Betrieb. Es würde in den kommenden Tagen zu Versorgungsengpässen kommen, weil in Lebensmittellagern die Fördertechnik streikte. In vielen Fabriken weltweit stand die Produktion still. Der Schaden belief sich auf Milliarden von Dollar.

Fabian saß da, hörte alles und hatte das Gefühl, bis in die letzte Zelle seines Körpers zu Eis zu werden. Es kam ihm immer noch vor wie ein Traum, und er war so müde, so furchtbar müde, aber er begriff, dass es kein Traum war, sondern die Wirklichkeit. Etwas, das er angerichtet hatte.

Als es später am Abend klingelte und seine Mutter gleich darauf mit flackernder Panik in der Stimme rief: »Fabian? Kommst du bitte?«, da wusste er, dass es nur die Polizei sein konnte, und war beinahe erleichtert.

 

Das Gesicht eines Mannes, der einen weißen Kittel trug und weiße Haare hatte, war das Erste, was Amaryllis sah, als sie zu sich kam. Es lächelte wohlwollend, das Gesicht. Vielleicht war doch alles nicht so schlimm, wie es sich anfühlte.

»Sie werden es überstehen, Fräulein Weber«, sagte der Mann mit gemütlich klingendem österreichischem Akzent. »Das Blut, das wir Ihnen geben mussten, war bedauerlicherweise nicht ganz genau die richtige Sorte. Unser Labor war komplett ausgefallen, wissen Sie? Oh, die Blutgruppe hat gestimmt, das können wir alten Ärzte gerade noch von Hand. Aber die ganzen anderen Faktoren, die es da zu beachten gibt… Na ja, wie gesagt, Sie werden es überstehen. Nach so viel Glück, wie Sie trotz allem gehabt haben.«

»Was ist passiert?«

»So genau weiß ich das auch nicht«, sagte der Arzt. »Man könnte allerdings fast glauben, dass es etwas mit Ihnen zu tun hat.« Er zog ein klobiges medizinisches Gerät heran, das mit zwei Kabeln in der Wand steckte, und drehte es so herum, dass sie den Bildschirm sehen konnte.

Amaryllis, ich liebe dich. Fabian war darauf zu lesen, in dicken, klotzigen Buchstaben.

 

Sie begleiteten ihn bis zur Tür des Krankenzimmers, zwei Beamte in dunklen Mänteln, unter denen sie Pistolen trugen. »Keine Tricks«, sagte der eine, als Fabian die Hand auf die Klinke legte, und die Schwester sagte: »Zehn Minuten. Höchstens.«

Es war ein Einzelzimmer. Amaryllis legte die Zeitschrift weg, in der sie gelesen hatte. »Hallo«, sagte Fabian und nestelte das Papier um die Blumen weg, zu denen Mutter ihm geraten hatte. »Hier. Die habe ich… die sind für dich.«

»Setz dich doch«, sagte Amaryllis.

»Vielleicht soll ich eine Blumenvase…?«

»Das macht die Schwester nachher. Setz dich.« Sie nahm ihm den Strauß ab und legte ihn auf das Tischchen neben dem Bett. Sie trug ein hellblaues Nachthemd und einen dünnen weißen Pullover darüber und sah gut aus, abgesehen von dem dicken Verband um das Bein und die Hüfte, den man unter der Bettdecke ahnte, und den Schläuchen und Beuteln am Bett, in die rote und hellgelbe Flüssigkeiten tropften.

Er setzte sich also. »Deine Eltern haben mir gesagt, dass du aus Österreich zurückverlegt worden bist, und da wollte ich… na ja… ich wollte dir sagen, dass es mir leidtut. Alles. Das mit dir besonders. Das wollte ich nicht.«

»Und ins Fernsehen, wolltest du das?«

»Auch nicht.«

»Wär ja auch noch schöner gewesen.« Sie zog sich die Decke zurecht. »Was werden sie denn jetzt mit dir machen? Köpfen?«

Fabian betrachtete seine Hände. »So ein berühmter Anwalt aus München will mich verteidigen. Er meint, ich komme vielleicht mit ein paar Jahren davon oder mit Bewährung. Und ich hab Angebote von Computerfirmen, die mich gleich einstellen wollen, ohne Studium und alles.«

»Oh, gratuliere. Dann hat sich’s ja gelohnt.«

»Na ja. Mein Gehalt wird vermutlich gepfändet, solange ich lebe«, sagte Fabian. »Da komm ich nicht drumrum. Ich werde nie im Leben über das absolute Existenzminimum rauskommen, egal, was ich anstelle.«

Sie musterte ihn. »Ich schätze, es wäre billiger gewesen, mir eine SMS zu schicken, was? Ich meine, wenn es nur darum gegangen wäre.«

»Ich wollte nur… Ich… Hast du es denn überhaupt gelesen?«

»Ich hab’s gelesen.«

Fabian betrachtete das matte braunweiße Muster des Bodens. »Wirst du wieder laufen können? Ich meine, Leichtathletik und so?«

»Mit ein bisschen Glück. In einem halben Jahr, sagt der Doc.«

»Gut.« Fabian nickte, ein wenig erleichtert. »Ich weiß nicht, was ich mir bei all dem eigentlich gedacht habe.«

»Nicht?« Sie schien amüsiert. »Kann ich dir sagen. Du wolltest mich beeindrucken. Mir zeigen, dass du ein toller Typ bist. Das hab ich schon verstanden, ich bin ja nicht blöd. Außerdem hat das bis jetzt noch jeder Kerl versucht, den ich je getroffen habe.«

»Aber ich wollte nicht, dass so etwas passiert.«

Die Worte versickerten in einem Moment der Stille. Amaryllis sah ins Leere. »Damals an der Bushaltestelle, warum hast du da eigentlich nicht mit mir geredet? Mann, ich habe extra auf dich gewartet, weißt du das? Ich habe echt alles versucht, um mit dir ins Gespräch zu kommen. Aber du Idiot ziehst dein Buch raus und lässt mich kalt abfahren.«

Fabian war geplättet. »Echt? Du hast gewartet? Auf mich?«

»Meinst du, ich habe nicht bemerkt, wie du mich die ganze Zeit angestarrt hast? Ich wollte wissen, was du für einer bist. Ob du vielleicht anders bist als die anderen.« Sie lachte auf; ein hartes, schmerzerfülltes Lachen. »Aber du warst auch nur so ein Angeber.«

Fabian merkte plötzlich, dass er bis zu diesem Moment insgeheim gehofft hatte, wenigstens noch als zerknirschter Sünder, der sich Asche aufs Haupt häuft, ihr Herz zu gewinnen. Aber die Masche würde nicht ziehen. »Ich hab es echt verschissen, was?«, flüsterte er.

Amaryllis sah ihn an, und ihre dunklen Augen wurden schwarz dabei. »Ich wäre fast gestorben, Fabian. Wegen dir. Das macht mich – wie soll ich sagen? – etwas voreingenommen.«

»Verstehe«, sagte Fabian, und diesmal verstand er wirklich. Einen Computer rebootet man, installiert ihn zur Not neu, und alles beginnt von vorn, egal, was an Systemabstürzen gewesen ist. Doch das Leben geht immer weiter, kein Schritt kann rückgängig gemacht werden, nicht einer, und endgültige Dinge bleiben endgültig. Das war der Unterschied.

 

© 2002 Andreas Eschbach