Der Albtraummann

 

Ein Mann, der an einer nach dem gegenwärtigen Stand der Medizin unheilbaren Krankheit leidet und sich deswegen einfrieren lässt, in der Hoffnung, in einer besseren Zukunft aufgetaut und geheilt zu werden, ist ein Standardmotiv der Science-Fiction.

Dem aufmerksamen Beobachter wird nicht entgangen sein, dass ich es liebe, wenn ich zu einem scheinbar ausgelutschten Standardmotiv der Science-Fiction einen neuen Dreh finde. So auch hier: Der hoffnungsvolle Zukunftsreisende erwacht in einer fantastischen neuen Welt – hinter der ein beispielloser Albtraum lauert…

Geschrieben habe ich sie, weil mich Jacques Chambon darum bat, und zwar, wenn ich mich recht entsinne, auf der Rückfahrt von St. Malo, wo ich zu dem Literaturfestival »Étonnants voyageurs« eingeladen war, das jedes Jahr stattfindet, jedes Jahr mit einem anderen Schwerpunkt, und 1999 war der Schwerpunkt eben die Science-Fiction. Jacques Chambon war – leider muss man »war« sagen, denn er ist im Jahr 2003 völlig überraschend gestorben – als Herausgeber einer der zentralen Gestalten der französischen SF-Szene.

Sie erschien, von Claire Duval ins Französische übersetzt, im Jahr 2000 in der von Jacques Chambon und Robert Silverberg (mit dem er viele Jahre lang befreundet war) herausgegebenen Anthologie »Destination 3001«. Es war geplant, dass diese Anthologie auch in den USA erscheinen sollte; dazu kam es jedoch aus irgendwelchen Gründen dann doch nicht.

Wieder eine Kurzgeschichte, die im Ausland zuerst veröffentlicht wurde. In Deutschland war sie kurze Zeit später für eine Anthologie bei Heyne vorgesehen; doch zu der Zeit machte der Heyne-Verlag eine schwierige Phase durch, und unter anderem wurde diese Anthologie gecancelt. In der Zwischenzeit erschien die Geschichte im Dezember 2003 in der spanischen Zeitschrift GIGAMESH und stellte damit meine erste Veröffentlichung auf Spanisch dar.

Hier nun – endlich! – die deutsche Erstveröffentlichung.

 

 

Geschafft! Großer Gott, er hatte es geschafft. Alles auf eine Karte gesetzt und gewonnen, gewonnen, bei Gott, alles gewonnen. Dem Tod ein Schnippchen geschlagen, wie noch keiner ihm eines geschlagen hatte. Und so leicht war es gewesen, so einfach, wie er es nie zu hoffen gewagt hätte. Er erinnerte sich an den Moment, in dem sich die aluminiumschimmernde Maske auf sein Gesicht gesenkt hatte, als sei es gerade eben gewesen, sah noch die kalten weißen Nebel des flüssigen Stickstoffs aufwallen, roch noch die Chemikalien, hörte noch das Zischen der Anlage… spürte noch die erbärmliche Angst, weil er es nicht wirklich geglaubt hatte, weil er sich sicher gewesen war, das Verlöschen seines Bewusstseins würde endgültig sein.

Eine Erleichterung, eine Verzückung stieg in ihm auf, die ihn schier zerreißen wollte. Er hatte den Sprung über den Abgrund der Zeit geschafft, tausend Jahre überwunden mit einem Augenzwinkern. Das, was er sah, ließ keinen Zweifel daran. Er sah in ein weites Tal, sah silberne Städte, die in den Wolken schwebten, Myriaden von Lichtern, umhergleitende Luftfahrzeuge von unfassbarer Eleganz. Er sah eine von Leben überschäumende Natur, ebenmäßig und harmonisch wie ein reines Kunstwerk, und alles war so weit, so gewaltig, dass er nicht fassen konnte, dass dies noch die Erde sein sollte und nicht ein Planet so groß wie eine Sonne.

Und natürlich war er geheilt. Er sah an sich herab. Nackt stand er vor dieser riesigen Scheibe aus unsichtbarem Glas, die nicht beschlug von seinem Atem, auf der seine Finger keine Spuren hinterließen, die nur kühl und glatt anzufühlen war. Er hatte ganz vergessen, dass er nackt erwacht war in diesem riesigen Raum, groß wie eine Turnhalle und vornehm wie ein Museum, mit Wänden und Böden aus erlesenem Marmor. Die Matratze in der Mitte des Raumes wirkte unscheinbar von hier. Erst hatte er nichts gesehen, hatte sich nur blind über den Bauch getastet und sie nicht mehr gefunden, die Metastasen, die dabei gewesen waren aufzubrechen und seinem Leben ein Ende zu setzen. Ich bin geheilt!, hatte er gedacht und es im nächsten Augenblick vergessen, als sein Blick sich geklärt und er gesehen hatte, wo er war.

Er war mehr als geheilt, stellte er nun fest. Auch die Fettpolster an seinen Hüften waren verschwunden. Er sah Muskeln, wo er noch nie welche besessen hatte. Er sah besser aus als je zuvor.

Zeit, sich die Welt genauer anzusehen, in der er angekommen war.

Als hätte er mit diesem Gedanken etwas ausgelöst, öffnete sich eine Tür, und drei Frauen kamen herein, kichernd und gackernd und offenbar völlig ausgelassener Stimmung. Er erschrak ein wenig. Sein erster Impuls war, zu der Matratze zu laufen und seine Blöße mit der dünnen Decke zu verhüllen, aber dann blieb er doch einfach stehen, wo er war. Die Frauen waren nicht so gekleidet, als lege man in dieser Epoche gesteigerten Wert auf Sitte und Anstand. An seiner Nacktheit nahmen sie keinen Anstoß, im Gegenteil, sie umringten ihn lachend, berührten sein Gesicht, seine Schultern, neckten ihn, schienen sich königlich zu amüsieren. Eine von ihnen fasste sogar nach seinem Geschlecht und lachte hell auf, als sie seine unwillkürliche körperliche Reaktion bemerkte. Die auch mit dem Anblick zu tun hatte, den sie ihm boten, denn was aus der Ferne wie Kleider ausgesehen hatte, waren dünne, durchsichtige Schleier, und die Körper, die sie mehr betonten als verhüllten, waren nichts weniger als vollkommen.

»W’bis duh?«, fragte eine von ihnen, und ihm wurde bewusst, dass es keine fremde Sprache war, die sie sprachen, sondern ein verwaschenes, verschliffenes Englisch.

»Adison«, sagte er. »Mein Name ist Jim Adison.«

»Adison«, wiederholte sie und lächelte. Lächelte hinreißend.

War er, durchzuckte ihn heiß der Verdacht, in einer Zukunft gelandet, in der es nur noch Frauen gab, alle Männer ausgestorben waren? Hatten sie ihn womöglich zu ihrem Vergnügen aufgetaut?

In diesem Augenblick erscholl über ihren Köpfen ein lauter Ruf, eine dunkle, kräftige Stimme, die etwas rief, das er nicht verstand. Hoch über ihnen, auf einer Galerie, die Adison bis jetzt überhaupt noch nicht bemerkt hatte, stand ein Mann, in eine majestätische Robe gekleidet, Würde und Autorität ausstrahlend. Er berührte eine dunkle Erhebung des Geländers, und auf kaum fassbare Weise und blitzschnell zerfloss das Metall vor dem Mann, tropfte in silbrigen Tropfen herab wie Quecksilber, um gleich darauf zu glänzenden, frei in der Luft schwebenden Treppenstufen zu erstarren.

»Seid nicht so… ungeduldig«, mahnte der Mann, während er langsam die unglaubliche Treppe herabschritt. Etwas Fremdes, Einstudiertes klang in seiner Stimme mit. »Er ist gerade erst erwacht. Er muss sich erst zurechtfinden. Er hat sehr lange geschlafen. Sehr, sehr lange. Tausend Jahre.« Er fügte ein paar Sätze in dem abgenutzten Englisch hinzu, die Adison nicht verstand, die die Frauen aber dazu veranlassten, mit schmollenden Gesichtern von ihm abzulassen und murrend abzuziehen.

»Es ist also wahr?«, fragte Adison. »Ich habe tausend Jahre überwunden?«

Der Mann sah ihn an, nickte. »Nach der alten Zeitrechnung schreiben wir das Jahr Dreitausend. Ungefähr.« Er deutete eine Art Verbeugung an. »Mein Name ist Waanu.«

»Adison. Mein Name ist…«

»Jim Adison. Das stand auf deinem Kühltank.«

»Mein Kühltank, ja…« Schimmerndes Metall, er erinnerte sich. Schimmernd wie diese frei schwebenden Stufen. Er trat unter die Treppe, berührte eine von ihnen. Sie ließ sich nicht einen Millimeter verschieben, gab keinen Laut von sich, wenn man dagegenklopfte. »Hat es so lange gedauert, bis meine Krankheit heilbar war? Tausend Jahre. Ich bin doch geheilt, oder?«

»Natürlich.« Ein schmales Lächeln. Waanu hatte silbergraues Haar, aber ein Gesicht ohne Falten. Unmöglich, sein Alter zu schätzen. »Die moderne Technik muss dir wie Zauberei vorkommen, vermute ich.« Er machte irgendetwas, eine wie beiläufige Bewegung, und die Treppe zerstob zu einem Schwarm glitzernder Kugeln, die emporschossen wie Funken einer Explosion und sich wieder zu dem ursprünglichen Geländer vereinten. »Wie gefällt es dir hier?«

»Gut. Fantastisch. Ich meine… ich bin am Leben. Das ist mehr, als ich zu hoffen gewagt hatte!«

»Gefällt dir der Marmor?«, fragte Waanu und schritt auf die Rückwand des riesigen Raumes zu. »Marmor ist gerade Mode. Du weißt, was Marmor ist? Das muss es zu deiner Zeit auch schon gegeben haben.«

»Ja. Sicher. Hübsch, ja. Allerdings ein bisschen – wie soll ich sagen…?«

Waanu berührte einen kleinen silbernen Knopf an der Wand, und aller Marmor verschwand, verwandelte sich in rauen, angerosteten Stahl. »Letzte Saison war es Stahl. Nicht mein Geschmack. Magst du vielleicht lieber Holz?« Der Stahl wich einer grandiosen Täfelung aus hellem Holz. »Subatomare Programmierung«, meinte Waanu, als erkläre das alles.

»Unglaublich«, entfuhr es Adison. »Das ist wirklich…«

»Soll ich das Holz lassen?«

»Ja. Ja, das Holz ist wunderschön.«

»Du wirst vielleicht Kleidung tragen wollen. Dort hinten findest du eine Einrichtung, die Kleidung zur Verfügung stellt. Wenn du ein Kleidungsstück nicht mehr tragen willst, wirfst du es in den Vernichter daneben.«

»In den Vernichter«, wiederholte Adison. »Verstehe.«

»Vielleicht willst du noch ein wenig ruhen. Wenn du uns suchst, wir sind unten im Garten.«

»Im Garten, verstehe.« Adison nickte. Da Waanu sich zum Gehen wandte, fragte er hastig: »Und was ist, wenn ich… Hunger bekomme? Oder, na ja, das Gegenteil?«

»Hast du Hunger?« Waanu schien verwundert, fast erschrocken.

»Nein, aber das ist ja nur eine Frage der Zeit, oder?«

»Das sollte es nicht sein. Die Luft ist gesättigt mit Nährgas.«

»Nährgas!? Und was ist mit…?« Adison hielt inne. »Okay. Ich kann’s mir schon denken. Erzähl mir mehr über diese Welt. Gibt es Raumschiffe? Besiedeln wir andere Planeten?« Ein Gedanke wie ein jäher Abgrund durchzuckte ihn. »Sind wir überhaupt noch auf der Erde?«

Waanu schien wenig Lust zu haben, darüber zu reden. »Ja. Wir sind auf der Erde. Und wir siedeln in der ganzen Galaxis, auf anderen Planeten, auf Sonnen…«

»Auf Sonnen?!«

»Ich verstehe von diesen Dingen nicht sehr viel. Ruh dich aus, und dann leiste uns Gesellschaft.« Ohne im Mindesten anzüglich zu wirken, gerade so, als spreche er über die denkbar alltäglichsten Dinge, fügte er hinzu: »Die Frauen sind sehr gespannt darauf, mit einem Mann aus der Vergangenheit zu schlafen.«

 

Dies kann nicht das Jahr 3000 sein. Das war das Mantra seiner ersten Tage und Wochen, sein Morgengebet und seine Abendandacht. Dies muss das Paradies sein. Er stieg von einem Bett ins andere, kroch von einer Frau zur nächsten, vergaß Sitte und Anstand, erschöpfte sich hemmungslos und wurde umschwärmt dafür.

»Wie alt bist du eigentlich?«, fragte er eines Morgens, als er neben Elea aufwachte, die ihm von allen am besten gefiel.

Elea sah ihn an, als wisse sie nicht, wovon er rede. »Wozu willst du das wissen?«

»Es interessiert mich eben.« Sie sah aus wie zwanzig, aber sie benahm sich nicht so. Hatten die Menschen des vierten Jahrtausends die ewige Jugend gefunden? Die Unsterblichkeit womöglich?

»Denk nicht so viel an die Vergangenheit oder die Zukunft«, sagte Elea und legte die Hand auf seine Brust. »Du denkst überhaupt so seltsam viel. Heute ist heute, jetzt ist jetzt. Liebe mich, anstatt nutzlose Fragen zu stellen.«

Adison setzte sich auf. »Wir Neandertaler denken nun mal viel«, stieß er hervor und erkannte, dass dies doch nicht das Paradies sein konnte, denn im Paradies würde man nicht alle Wünsche erfüllt bekommen und danach unzufrieden erwachen.

Dies war das Jahr 3000, und es gab keine Pflichten mehr. Man musste nicht mehr arbeiten, um zu leben, nicht einmal essen oder trinken oder sich entleeren – man konnte einfach tun, was man wollte.

Adison fragte sich, wie er das auf die Dauer aushalten sollte.

 

Er begann, lange, einsame Spaziergänge zu unternehmen. Es war schwierig, sich nicht zu verlaufen, denn die Bäume in dem riesigen Park, in dem sie lebten – tatsächlich erreichte er niemals ein Ende, einen Zaun oder eine Mauer –, sahen einander alle sehr ähnlich, waren makellose, wunderschöne Bäume, zweifellos geklont oder wie immer man das inzwischen nannte, und eine Weggabelung sah aus wie jede andere. Ab und zu glitten Fluggeräte vorbei, und er sah zahlreiche Passagiere durch die großen Fenster, aber er bekam nie Kontakt mit einem von ihnen. Auch in den schwebenden Städten sah man das Leben wimmeln, und bisweilen, wenn er weit hinausging, sah er am Horizont leuchtende Gebilde den Himmel erklimmen, die Raumschiffe sein mussten.

»Vielleicht später einmal«, sagte Waanu auf seine Frage, ob er einmal mit so einem Raumschiff mitfliegen könne.

»Was heißt das, ›später‹?«, wollte Adison wissen.

»Später eben«, erwiderte Waanu, legte den Arm um Lisere und verschwand mit ihr im nächsten Gemach.

Es mochten etwa zwanzig oder fünfundzwanzig Männer und Frauen sein, die hier lose zusammenlebten, in diesem Park, in diesen sinnverwirrenden, den Gesetzen der Schwerkraft spottenden Gebäuden. Nicht mit jedem von ihnen kam er in Kontakt; viele der Männer tauchten nur flüchtig auf und verschwanden bald wieder, mit bizarren, summenden Fluggeräten meistens. Und wenn sie da waren, hockten sie mit ein paar der Frauen zusammen, unterhielten sich mit ihnen in dem für Adison kaum verständlichen Kauderwelsch und äugten höchstens ab und zu misstrauisch zu ihm herüber.

»Was tun sie?«, wollte Adison wissen. »Wohin gehen sie? Ich weiß nicht einmal, wie sie heißen.«

»Sie haben wichtige Dinge zu tun«, sagte Nykis und schmiegte sich an ihn. »Mach dir keine Gedanken darüber.«

Als er einige Rundwege erforscht hatte, begann er zu laufen. Selbst das Laufen war nicht mehr so, wie er es gekannt hatte. Es fiel zu leicht. Es strengte an, natürlich, aber er bekam keinen Muskelkater, es schmerzte nicht, es war einfach nicht mehr wie früher. Vermutlich hatten sie auch das in den Griff bekommen inzwischen.

Auf einer dieser Runden war es, im Dämmerlicht der golden untergehenden Sonne, dass er von ferne eine Gestalt zu Gesicht bekam, die aus dieser Umgebung herausstach wie ein Schrei aus einer Symphonie. Schwarz gekleidet war er, ein buckliger Mann mit einem hässlichen Gesicht, und stand in einiger Entfernung am Wegesrand. Adison blieb stehen und musterte den Unbekannten, konnte kaum glauben, was er sah. Der Mann winkte ihm zu, bedeutete ihm, näher zu kommen.

Doch Adison drehte um und lief den Weg zurück, den er gekommen war. Als er sich noch einmal umdrehte, war der schwarze Mann verschwunden.

»Er kann dir nichts tun«, sagte Waanu, als er ihn danach fragte. »Du darfst ihm nur niemals gestatten, dich zu berühren. Dann kann er dir nichts anhaben. Am besten, du sprichst überhaupt nicht mit ihm.«

»Aber wer ist er? Wieso läuft er so abgerissen herum? Wieso sieht er so seltsam aus?«

»Das ist eine gute Frage«, nickte Waanu. »Ich hatte gehofft, er würde nicht hier auftauchen.«

Sie zeigten ihm die Spiele, mit denen sie die Tage verbrachten – einfache Ballspiele im Freien, Brettspiele, deren Regeln so kompliziert waren, dass er sie nicht begriff, Versteckspiele, bei denen er sich in den Gebäuden verlief und regelmäßig auf Gänge und Räume stieß, von denen er hätte schwören können, sie noch nie gesehen zu haben. Bei einem dieser Spiele verteilten sie sich im Park, versteckten sich hinter Bäumen und Büschen, und da begegnete er dem Unheimlichen wieder. Keine zehn Schritt von ihm entfernt stand er plötzlich da wie aus dem Boden gewachsen, schwarz und unheimlich, mit knotigen, verschobenen Gesichtszügen.

»Adison«, sagte der schwarze Mann und streckte die Hand aus.

Adison wich zurück, stolperte im Rückwärtsgehen über eine Wurzel, stürzte und wurde entdeckt. Elea war es, die sich mit triumphierendem Lachen über ihn beugte, noch außer Atem. »Ich hab dich!«

Er sah auf, deutete auf die Stelle, wo die schwarze Gestalt gestanden hatte. »Er war wieder da«, sagte er. »Der hässliche schwarze Mann. Elea – wer ist das?«

Sie musterte ihn mit ihren großen, vollkommenen Augen. Trauer schimmerte darin, eine tiefe, unstillbare Trauer. »Wir nennen ihn den Albtraummann«, sagte sie. »Er will, dass du ihm gestattest, dich zu berühren. Wenn er dich einmal berührt hat, kann er dir jederzeit seine Albträume schicken.«

»Seine Albträume? Warum will er mir seine Albträume schicken?«

»Ich weiß es nicht. Und wenn es einen Grund gibt, will ich ihn nicht wissen.«

 

Aber Adison wollte ihn wissen, diesen Grund. Er wollte wissen, was es mit dem Albtraummann auf sich hatte, und sei es nur, weil das die einzige wirkliche Herausforderung war in dieser friedlichen, glücklichen, paradiesischen Welt. Er begann wieder mit seinen einsamen Rundläufen, rannte durch die Dämmerung des Abends und des Morgens und hielt Ausschau nach der schwarzen Gestalt. Er suchte die entlegensten Verstecke, spähte hinter Büsche und Sträucher. Irgendwann fing er an, ihn zu rufen, wenn er weit weg war von den Gebäuden, die nadelspitz schräg in den Himmel ragten, atemberaubend wie Geschmeide aus Jade und Jaspiz.

Doch er fand den Albtraummann nicht. Stattdessen stellte er fest, dass es außer Schmetterlingen keine Tiere mehr gab, nicht einmal Mücken oder Ameisen.

Schließlich, eines Tages, verlief er sich, rannte einen Pfad entlang, den er zu kennen glaubte, doch die Gabelung, auf die er wartete, kam nicht, kam schließlich auf der anderen Seite und führte ihn in eine Gegend, die er noch nie gesehen hatte und die auf erschreckende Weise leer war. Es gab keine Bäume mehr, keine Büsche, nicht einmal die schwebenden Städte waren mehr zu sehen oder die Lichtspuren der Raumschiffe. Es gab nur flaches Land ringsum, einen mageren Rasen und diesen schmalen Weg, der schnurgerade von Horizont zu Horizont zu laufen schien.

Er blieb stehen, schaute zurück. Da war noch das kleine Wäldchen des Parks, so weit hinter ihm, als sei er zehn Stunden gelaufen, ohne es zu merken.

»Adison…«

Er fuhr herum, und da stand er, der Albtraummann. So nah wie noch nie, aber diesmal streckte er die Hand nicht aus. Er stand einfach da auf dem Weg, in schwarze Lumpen gehüllt, die nach Unaussprechlichem stanken.

»Wer bist du?«, fragte Adison. »Wie bist du hierhergekommen?«

Ein paar wässrige Augen betrachteten ihn. Der Mann war alt, unglaublich alt in dieser Welt allgegenwärtiger Jugend und Kraft. »Du weißt doch, wer ich bin, Jim Adison. Und du hast doch gesehen, dass ich auftauchen und verschwinden kann, wo und wann ich will. Sie nennen mich den Albtraummann, deine neuen Freunde, und verschweigen dir meinen richtigen Namen.« Nun streckte er die Hand aus, zum Gruß. »Mein Name«, sagte er, »ist Cohanur.«

Adison zuckte zurück. »Darauf falle ich nicht herein.«

»Sie haben dir gesagt, ich würde versuchen, dich zu berühren, nicht wahr?« Cohanur lächelte ein schiefes, zahnlückiges Lächeln. »Sie denken, sie wissen Bescheid. Aber sie wissen nichts, gar nichts. Sie träumen nur.«

»Was willst du von mir?«, fragte Adison.

Zu seiner Überraschung lachte Cohanur laut auf. »Ich?«, rief er. »Die Frage ist doch, was du willst! Du hast nach mir gerufen, hast du das vergessen? Du hast mich gesucht. Du hast auf mich gewartet. Also, hier bin ich. Sag mir, was du von mir willst.«

Adison sah den Unheimlichen an, spürte sein Herz bang schlagen und fühlte sich, als sei er plötzlich zu Porzellan geworden. Als könne er jeden Moment zerspringen. »Woher weißt du das? Dass ich nach dir gesucht habe?«

»Weil ich alles weiß, was geschieht. In dieser Welt, mein Freund, bin ich ein Magier.«

»Ein Magier. Im Jahr 3000.«

Cohanur lachte wieder, laut, schief und auf bizarre Weise beinahe verzweifelt. »Du glaubst mir nicht? Sieh her.« Und zu Adisons Entsetzen nahm er seinen eigenen, lachenden Kopf ab, hielt ihn sich vor die Brust, warf ihn in die Höhe, immer noch lachend, fing ihn auf und setzte ihn an seinen angestammten Platz zurück. Im nächsten Moment nahm Cohanur mit dem rechten Arm seinen linken ab, setzte ihn wieder an, wiederholte das Spiel auf der anderen Seite. Dann verwandelte er sich, nahm innerhalb weniger Augenblicke die Gestalt von Waanu, von Elea und von allen anderen an, die Adison kannte, um am Schluss in einem Funkenregen ins Nichts zu zerstieben.

Ein paar der Funken trafen Adison vor die Brust, glitten an seinem Gewand hinab und lösten sich auf.

»Nun?«, fragte eine Stimme aus dem Nichts. »Beeindruckt dich das?«

Adison nickte. »Ja.«

Cohanur nahm wieder Gestalt an, so übergangslos, wie man das Licht einschaltet. »Nun, mein Freund, sag mir, was du von mir willst. Warum du mich gerufen hast.«

»Ich wollte wissen, wer du bist. Warum du hier herumläufst, in diesem… merkwürdigen Aufzug. Warum du die Leute in Angst und Schrecken versetzt.«

»Ich versetze sie nicht in Angst und Schrecken. Ich erinnere sie nur an etwas, an das sie nicht erinnert werden wollen«, sagte Cohanur und entblößte wieder seine faulen, lückenhaften Zähne. »Die Wahrheit.«

»Die Wahrheit? Was für eine Wahrheit soll das sein?«

»Das willst du wissen, nicht wahr? Ich weiß, dass du das wissen willst. Die Wahrheit. Die Frage ist nur, wie sehr willst du es?« Cohanur trat heran, bis sein Körpergeruch schier unerträglich wurde. »Die Wahrheit, mein Freund aus der Vergangenheit, ist schrecklich. Was ich wissen wollte, war, ob du im Stande bist, dich ihr zu stellen. Deshalb habe ich dich beobachtet.«

Adison spürte, wie seine Kinnladen sich verkrampften. »Du redest Unsinn.«

»Stimmt. Es ist Unsinn, darüber zu reden. Was immer ich erzählen würde, es bliebe wirkungslos. Nein, mehr als das ist nötig. Es ist nötig, dass du dich mir anvertraust. Ich muss dich mit mir nehmen.« Die wässrigen Augen musterten ihn. Die faltigen Augensäcke zuckten. »Nun, was ist – willst du die Wahrheit kennenlernen?«

»Das ist doch ein Trick«, erwiderte Adison.

»Was ist ein Trick? Was ist Wahrheit?« Cohanur begann, um ihn herumzugehen. »Du siehst so aus, als könntest du die Wahrheit ertragen. Ja, du siehst so aus…«

»Und? Als Nächstes muss ich dir erlauben, mich zu berühren, schätze ich.«

Cohanur lachte. »Du glaubst ihnen immer noch…! Nein, das ist nicht nötig. Sag einfach ja, das genügt.« Er hob mahnend den Finger. »Und überlege dir, ob es dir wirklich lieber wäre, wenn ich ginge und du nie wieder von mir hörst, dein ganzes restliches Leben lang nicht. Überleg es dir gut.«

Adison sah den gnomenhaften Mann an, sein schiefes Gesicht, die lauernden Augen, deren Blick ihn anzusaugen schien. Kein Entkommen schien es zu geben, keine andere Wahl. Unmöglich, dieses Angebot abzuschlagen, das Rätsel ungelöst zu lassen für alle Zeiten. Unmöglich, nein zu sagen.

Doch da war dieser modrige Geruch, nach Verliesen, nach Zerfall, nach verrottenden Abfällen. Cohanur war der Versucher. Der Dämon. Unmöglich, ihm ein Ja zu geben.

Adison stand, starrte, wusste nicht, was tun. Der Blick. Der Gestank. Mit einem Schrei wandte er sich ab, begann zu laufen, zu rennen. Als wäre der Teufel hinter seiner unsterblichen Seele her. Früher hatte man so gesagt, in der alten Welt, in der alten Zeit, an die er sich kaum noch erinnerte. Er rannte, keuchte, und plötzlich waren ringsum wieder Bäume, tauchten Büsche und Sträucher auf, nahm der Weg Kurven, die er vorher nicht gehabt hatte. Nur weg. Zu viel gewagt. Zu viel riskiert. Er sah nicht einmal mehr zurück. Bestimmt war Cohanur verschwunden, aber vielleicht auch nicht, und er hatte Angst vor diesem Blick. Und davor, zur Salzsäule zu erstarren.

Erst als er die Nähe der Gebäude erreicht hatte, wagte er es, den Schritt zu verlangsamen. Niemand war hinter ihm her. Alles war in Ordnung. Die Sonne sank über den Hügeln im Westen herab, ihr Licht ließ die fliegenden Städte in der Ferne bernsteinfarben aufleuchten. Auf dem von funkelnden Springbrunnen eingerahmten Vorplatz stiegen ein paar Männer in ein Fluggerät, das dicht über dem Boden schwebte, eine Hand voll Frauen winkten ihnen zum Abschied. Alles war, wie es sein sollte.

Adison nahm einen der hinteren Eingänge, um niemandem zu begegnen. Das Antischwerkraftfeld trug ihn durch einen gläsernen Schacht zu seinem Wohnraum empor. Er warf seine Kleidung in den Vernichter, ließ sich in der Dusche von vibrierenden, heißen Wassernebeln reinigen und schlüpfte in neue Gewänder.

Als er an sein Bett trat, fand er auf dem Kopfkissen einen unscheinbaren kleinen Zettel. Darauf stand, in schiefen, hässlichen Buchstaben: »Mach dich bereit!«

Adison starrte die Schrift an. Sie schien auf dem Papier förmlich zu tanzen, zu vibrieren vor böser Kraft. Er knüllte den Zettel zusammen, zerpresste ihn in der Faust, sah sich um. Hier konnte er nicht bleiben.

Er rannte hinaus, die Rampe hinab, zu Eleas Räumen, hoffend, dass sie da war und dass sie allein war.

Er fand sie, selbstvergessen zu einer seltsamen Musik tanzend, die mitten in der Luft entstand, von nirgendwo und überall zu kommen schien und zu erstickender Stille erstarb, als sie innehielt und ihn fragend ansah.

»Hier«, sagte er und faltete den Zettel auseinander. »Das lag auf meinem Bett.«

Elea betrachtete, was er ihr zeigte. Der fragende Ausdruck in ihren Augen veranlasste ihn, sich den Zettel selber noch einmal anzuschauen. Er war leer. Die Schrift war verschwunden.

»Hier stand ›Mach dich bereit‹«, sagte Adison. »Ich wollte wissen, ob es sein kann, dass der Zettel von Cohanur stammt.«

Sie sah ihn erschrocken an. »Du hast Cohanur getroffen?«

»Ja. Heute Nachmittag.«

Elea wich zurück. »Hat er dich berührt?«

»Nein.«

»Bist du sicher?«

»Ja. Nein.« Da waren diese Funken gewesen, oder? Adison knüllte den Zettel wieder zusammen und warf ihn wütend davon. »Nein, ich bin nicht sicher. Ich habe nicht darauf geachtet.«

»Adison«, rief Elea und umschlang ihn mit ihren Armen. »Adison – die Albträume, die Cohanur dir schicken kann, sind keine Träume, wie du sie kennst. Es sind furchtbare, furchtbare Erlebnisse, die dir so wirklich erscheinen, dass dir dein ganzes Leben dagegen wie ein Traum vorkommt. Sie vergiften deinen Geist. Sie verbrennen deinen Verstand. Sie zermalmen dein Herz, Adison.«

»Er hat mich nicht angefasst«, sagte Adison und löste sich aus ihrer Umarmung. »Trotzdem – kann ich bei dir bleiben heute Nacht?« Elea nickte. Zum Glück, denn er fühlte sich müde. Verdammt müde. »Ich würde mich am liebsten gleich hinlegen…« Er setzte sich auf ihr Bett, sah zu ihr hoch.

Dann brandete Schwärze rings um ihn empor und verschlang ihn ins Nichts.

 

Ihm war kalt. Etwas Nasses drückte auf seinen Bauch. Rauer Stoff umschlang seinen Körper. Und sein Kopf schmerzte, als müsse er platzen.

»Was…?«

Die Schleier vor seinen Augen wichen, Tränen, oder Schleim, er sah olivgrüne Wände, von denen der Putz bröckelte. Und sein Kopf schmerzte, schmerzte so furchtbar…

»Was ist…?«

Er bekam die Hände hoch, sah sie an, bleiche, entsetzliche Hände, nass, schmierig, voller Falten und Runzeln, fasste sich an den Kopf, der schmerzte, und tastete – harte, metallene Stifte auf einem kahlgeschorenen Schädel. Was war das? Was war geschehen?

Ein Gesicht tauchte auf. Cohanur.

»Die Schmerzen werden gleich nachlassen«, sagte der hässliche Mann. »Der Übergang ist nicht ganz einfach.«

»Wo…?« Seine Kehle fühlte sich an wie narkotisiert, er hatte das Gefühl zu grunzen. »Wo bin ich?«

»Du bist«, sagte Cohanur, »erwacht.«

Er schloss die Augen, fiel zurück in sein eigenes Keuchen, wartete, bis die Wellen des Schmerzes abebbten. Schließlich konnte er die Augen wieder öffnen. Cohanur war immer noch da, streckte die magere Hand aus und half ihm, sich aufzusetzen.

Er sah an sich herunter. Wie sah er bloß aus? Wie eine Wasserleiche, die zufällig noch lebte. Wie eine Mumie bei der Einbalsamierung. Sein Körper war in etwas gehüllt, das aus verstaubten Säcken gemacht zu sein schien, und er war über und über eingeschmiert mit einer weißen, talgigen Paste. Die Liegestatt, auf der er saß, war ein modriges Feldbett, und das, was da am Kopfende stand, dieser hellgraue, summende Kasten mit Schlitzen, in denen dicke Staubwürste festhingen…

»Ein Computer«, bestätigte Cohanur. Er hob eine Haube hoch, die verdammt so aussah, als passe sie zu den Kontaktstiften, die er vorhin auf seinem Schädel ertastet hatte. »Du warst an einen Computer angeschlossen. Die Welt, in der du gelebt hast, war nur virtuell.«

»Was? Aber… ich war doch eingefroren, oder? Man hat mich aufgetaut?«

»Ja. Du warst eingefroren. Man hat dich reanimiert. Aber man ließ dich in der virtuellen Welt erwachen.«

»In der virtuellen Welt…?« Adison sah sich schwerfällig um. Der Boden war uneben, fleckig, zerschrammt. Das Licht, das von irgendwoher kam, flackerte unmerklich. Alles war so hässlich wie Cohanur selber. »Elea hat mich vor dir gewarnt«, sagte er und fasste den Mann in seiner dunklen Kluft ins Auge. »Sie hat gesagt, dass deine Albträume täuschend echt wirken. Aber das hier sieht alles aus wie du – hässlich, heruntergekommen, widerwärtig. Das verrät dich.«

Ein Zucken setzte sich in Cohanurs linkem Auge fest. »Glaubst du? Sei nicht dumm. Wie war denn die Welt beschaffen, die du immer noch für die wirkliche hältst? Riesige Räume. Atemberaubende Gebäude. Schwebende Städte, wie großartig. Wände aus Marmor, die man in Wände aus Holz oder Glas oder Jade verwandeln kann. War das subatomare Manipulation? Unfug – simple Computergrafik. Es gibt kein Nährgas – du wurdest hier künstlich ernährt, und auch die Abfallprodukte deiner Verdauung wurden abgeleitet. Die Kapazität des Computersystems hätte nicht ausgereicht, auch noch Nahrungsmittel in der nötigen Detailtreue darzustellen. Deswegen sahen die Bäume aus wie geklont – weil es nur eine Hand voll Varianten gibt. Deswegen gab es keine Vögel, keine Tiere, kein Laub auf den Wegen. Das hätte das System überfordert.«

»Die Tiere können ausgestorben sein. Die Bäume können tatsächlich geklont sein. Ich glaube dir nicht. Das war kein Computerspiel. Es war alles wirklich, was ich erlebt habe.«

»Was glaubst du denn – seit du eingefroren wurdest, haben wir die Technik natürlich weiterentwickelt. Enorm weiterentwickelt.« Cohanurs Blick wanderte in eine ungewisse Ferne. »Zuletzt haben wir fast nichts anderes mehr getan.«

»Was ist mit Sex?«, fragte Adison. »Ich hatte Sex. Jede Menge Sex. Wie willst du das erklären?«

Cohanur sah ihn wieder an, winkte ab. »Ach was. Eine direkte Verbindung zwischen deinem Thalamus und dem des anderen, das ist die einfachste Sache der Welt.«

»Den anderen?« Adison horchte auf. »Es gibt also andere?«

»Natürlich. Komm, sieh sie dir an.«

Cohanur half ihm, aufzustehen, und obwohl es ihm unangenehm war, musste er sich von ihm stützen lassen. Sie wankten ein paar Schritte bis zu einem grauen Vorhang, den der Mann mit der freien Hand beiseitezog.

Zuerst erkannte Adison überhaupt nichts, und als ihm klar wurde, was er sah, wurde ein Brechreiz schier übermächtig. Es war ein bleicher, aufgedunsener Leib, vage erkenntlich als der einer Frau, der da auf einer Liege lag wie verdorbener Hefeteig. Die Bänder und Tücher, mit denen sie umwickelt gewesen war, klafften auf, enthüllten knotige Brüste und verfaulende Finger, die geschlossenen Augenlider waren verschwollen und vereitert, der halb offene Mund vertrocknet. Und doch zuckte es in diesem Leib, erschauerten die deformierten Fleischmassen von wilden Träumen. Sie lebte, lebte in der Illusionswelt, die ihr die Haube auf dem haarlosen Kopf vermittelte.

»Du kennst sie«, sagte Cohanur. »In der Welt, aus der ich dich geholt habe, trägt sie den Namen Nykis.«

»Nykis!«

»Jemanden wie sie«, fuhr Cohanur fort, »kann man natürlich nie mehr aufwecken. Sie muss in der virtuellen Welt leben, bis ihr Körper endlich versagt.«

Adison musste sich abwenden. Nykis, großer Gott. Er hatte mit dieser Frau geschlafen, besser gesagt, mit ihrem schlanken, ebenmäßigen virtuellen Bild, einer rothaarigen Schönheit, verlockend wie eine Göttin.

»Soll ich dir Elea zeigen?«, fragte Cohanur. »Oder Waanu? Willst du dich davon überzeugen, dass Lisere in Wirklichkeit ein Mann ist?«

Adison schüttelte den Kopf. »Nein. Nein, lass mich. Was soll das alles? Wieso bin ich hier? Angenommen, es stimmt, was du mir sagst – wozu hat man mich dann aufgetaut?«

»Sie wollten Gesellschaft. Die, mit denen du zu tun hattest. Es war ihnen langweilig geworden mit den anderen, und sie wünschten sich jemand Neues.« Cohanur machte eine Handbewegung, die niedrige Halle voller grauer Vorhänge, in der sie standen, umfassend. »Es sind nicht mehr viele Menschen übrig, und es werden keine mehr geboren. Die Eingefrorenen aufzutauen war der einzige Weg, noch ein bisschen Abwechslung zu bekommen.«

Ein furchtbarer Verdacht kam ihm. Adison sah an sich herunter, da, wo es sich nass anfühlte unter den Binden über seinem Bauch. Er schob sie beiseite und sah mit einem elendem Gefühl die Geschwüre, die durch seine Bauchdecke brachen. »Ich bin nicht geheilt«, sagte er. »Man hat mich aufgetaut, und ich bin immer noch todkrank.«

»Ja«, nickte Cohanur. »Und wir schreiben auch nicht das Jahr 3000. Ich weiß nicht mehr genau, welches Jahr wir haben, aber es müsste so um 2100 herum sein.«

»Also habe ich nur hundert Jahre übersprungen statt tausend.«

»Komm. Ich will dir zeigen, was du übersprungen hast.«

Adison schleppte sich, mit Cohanurs Hilfe, eine frostkalte, stinkende Treppe hoch in einen kleinen Raum, in dem ein Bett stand, ein Tisch und ein Stuhl, auf den Cohanur ihn setzte. »Hier wohne ich«, sagte er.

Adison sah sich mit Grauen um. In einem Eck waren große, von Rostflecken übersäte Konservendosen aufeinandergestapelt. Aus einem Rost im Boden unter dem Tisch kam warme Luft, die nach Maschinenöl roch. Die gegenüberliegende Wand schimmelte.

Cohanur machte sich an einer Kurbel in der Wand zu schaffen. »Wir haben es nicht geschafft, weißt du? Wir wussten schon vor hundert Jahren, dass es nicht so weitergehen konnte, aber wir haben es nicht geschafft, etwas zu ändern. Bis es zu spät war. Bis uns alles überrollt hat.« Mit der Kurbel hob er die stählerne Abdeckung, die vor dem einzigen Fenster im Raum herabgelassen war, und Adison konnte hinaussehen.

Entsetzen stieg in ihm auf, das ihn schier zerreißen wollte. Die schlimmsten Prophezeiungen, die er in seinem alten Leben gehört hatte, waren Wirklichkeit geworden. Das, was er sah, ließ keinen Zweifel daran. Er sah ein weites, totes Tal, sah Sand und Steine und schlierige, giftfarbene Pfützen, sah dunkel kochende Wolken, über einen unbarmherzig flirrenden Himmel ziehend, von dem eine unmenschliche Sonne herabbrannte mit mörderischer Kraft. Er sah eine Landschaft des Todes, düster und hoffnungslos wie ein Gemälde der Hölle, und alles war so fremd, so feindlich, dass er nicht fassen konnte, dass dies noch die Erde sein sollte.

»Wir haben irgendwann aufgegeben. Die virtuellen Welten waren keine Lösung, aber eine Fluchtmöglichkeit. Immer mehr Leute haben sie der Realität vorgezogen. Sie waren es müde zu kämpfen, gegen das Unausweichliche anzurennen. Die Technik wurde fortentwickelt. In den virtuellen Welten wurde immer mehr möglich, in der realen Welt immer weniger. Irgendwann gab es die ersten, die ganz ›umsiedelten‹, wie man das nannte – die sich mit Computersystemen verbanden in der Absicht, sich ihr restliches Leben lang nicht mehr auszuklinken.« Cohanurs Stimme wurde dünn und flach. »Und hier sind wir nun. Vielleicht sind wir die letzten Menschen, vielleicht gibt es irgendwo noch welche, es spielt keine Rolle. Die meisten haben vergessen, dass sie in einer künstlichen Welt leben, und ich gehe zwischen ihren nutzlosen, träumenden Leibern umher und warte darauf, dass einer von ihnen stirbt. Ich schaue ihnen zu, wie sie verlöschen, und räume fort, was übrig bleibt. So vergeht die Zeit, ich zähle nicht mehr die Tage oder Jahre, ich warte nur und versuche zu verstehen, was das nun alles sollte mit uns Menschen. Wozu wir existiert haben. Wozu wir auf diesem Planeten entstanden sind und gelebt haben, um ihn genauso tot zurückzulassen, wie es der Rest des Universums auch ist.«

Er schwieg.

»Warum hast du mir das gezeigt?«, fragte Adison. Seine Lippen fühlten sich verdorrt an, er glaubte den Geschmack von Schimmel und Urin auf der Zunge zu spüren. »Wozu? Ich kann doch auch nichts mehr daran ändern. Warum hast du mich nicht einfach gelassen, wo ich war?«

Cohanur beugte sich zu ihm herab, und zum ersten Mal erkannte Adison ein Gefühl in dessen Augen: Sehnsucht. Verzweiflung. »Du wirst sterben, Jim Adison«, sagte der hässliche Mann. »Es ist unausweichlich. Ich habe dich befreit, damit du im Bewusstsein der Wahrheit sterben kannst.«

»Ist das alles?«

»Das ist die einzige Hoffnung, die uns bleibt: dass auch diese Wirklichkeit Illusion ist und der Tod nichts weiter als ein Erwachen – ein Erwachen in eine Welt, die wahrhaftig ist und vollkommen.«

Adison wich zurück, vor seinem Geruch, seinem Atem, seiner Nähe. »Und wenn die nächste Welt noch schlimmer ist als diese?«

»Wie könnte eine Welt noch schlimmer sein als diese?«

»Wieso setzt du deinem Leben nicht selbst ein Ende, wenn du dir so sicher bist?«

Cohanur zögerte. »Ich sehe ihnen zu, wie sie sterben, gefangen in der virtuellen Welt. Man sieht nicht, was geschieht. Aber du bist wach. Bitte lass mich zusehen, wenn du stirbst. Vielleicht erhasche ich einen Blick darauf, wohin es dabei geht.«

Adison sah an sich herab, betrachtete die Geschwüre, vor denen er einst geflohen war. »Ich nehme an, es hat keinen Sinn, dich zu fragen, ob du mich wieder einfrieren kannst.«

»Nicht den geringsten. Die Geräte dazu existieren nicht mehr. Und selbst wenn – die Energie der Kühlanlagen wird versiegen, und niemand wird da sein, dich ordnungsgemäß wiederzubeleben.«

Adison nickte. Das hatte er erwartet. Er stand mühsam auf, hielt sich am Tisch fest. »Dann bring mich hinunter«, sagte er. »Schließ mich wieder ans System an.«

»Nein. Geh nicht.«

»Vielleicht kann ich es auch selbst tun.«

Cohanur packte ihn bei den Schultern. »Du belügst dich. Du flüchtest nur vor dem Unausweichlichen, ist dir das nicht klar?«

Adison schob ihn von sich fort. »Lass mich in Ruhe. Schließ mich wieder an das System an, und komm nie wieder in meine Nähe.«

Der alte Mann in den schwarzen, zerrissenen Kleidern schien ein Stück zu schrumpfen. »Gut«, sagte er dann. »Wie du willst.«

 

Er erwachte, gehalten, geborgen. Das Licht in seinen Augen brannte. Er langte mit tränenden Augen um sich, fühlte weiches Fleisch, samtenen Stoff, erkannte Elea, die ihn hielt.

»Bin ich wach?«, fragte er.

»Ja«, sagte sie.

Er zog sie zu sich herab, fuhr ihr durchs Haar, roch daran, den Duft nach Sandelholz und Meereswinden, atmete, spürte seine Lungen, seine Brust sich heben und senken. Er küsste sie, versank in der Süße ihrer Lippen, verschlang ihre Zunge, spürte lebendige Leidenschaft im ganzen Körper aufwallen wie Blasen in Wasser kurz vor dem Sieden.

»Wie lange habe ich geschlafen?«, wollte er wissen, als sie sich wieder losließen.

»Die ganze Nacht, und den Morgen über…« Elea sah ihn forschend an. »Du hast geträumt. Es war Cohanur, nicht wahr?«

»Ich erinnere mich an einen Traum«, sagte er. »Einen schrecklichen Traum. Das Schrecklichste war, dass ich im Traum glaubte, wach zu sein.« Adison schüttelte den Kopf. »Und jetzt? Bin ich jetzt wach, oder träume ich? Träume ich wieder, wach zu sein? Ich weiß es nicht. Ich meine, eines von beiden muss ein Traum gewesen sein, und das andere…«

»Adison«, sagte Elea. »Komm zu dir. Sieh mich an. Es war nur ein Albtraum, den Cohanur dir geschickt hat.«

Er sah sie an, ihre dunklen Augen, ihre reine Haut, ihr elfenhaftes Haar. »Ja«, sagte er. »Du hast recht. Es war ein Albtraum. Und er war wirklich schrecklich, seelenzermalmend schrecklich, genau wie du es gesagt hast. Aber es war nur ein Traum, der mir nichts antun kann…« Er holte tief Luft, reine, kühle Luft, und blinzelte empor in die herrlich blaue Himmelskuppel, ins Licht der Sonne, die strahlte wie das Leben selbst.

 

© 1999 Andreas Eschbach