Als Nächstes folgt eine kleine experimentelle Story, die ich 1995 geschrieben habe. Damals kamen die ersten Spracherkennungssysteme auf den Markt. In unserer jungen Firma experimentierten wir gerade mit einem System, das im Stande war, Befehle wie »Offnen« und »Schließen« und »Excel« zu verstehen. Nettes Spielzeug. Aber es stellte sich im Nu heraus, dass diese Art der Computerbenutzung ganz schön schnell ganz schön nervig werden kann, selbst wenn nur zwei Personen im selben Büro sitzen. Der eine telefoniert mit einem Kunden, während der andere mit seinem PC redet? Das will niemand wirklich.
Ich fragte mich, wie sich solche Systeme – sollten sie einmal annähernd so funktionieren, wie es die Hersteller versprachen – auf das Schreiben von belletristischen Texten auswirken würden. Wobei ich natürlich kein solches System benutzte, sondern die Tastatur und meine Finger in völlig herkömmlicher Weise… aber ich redete beim Schreiben vor mich hin und versuchte, so schnell wie möglich zu tippen, um zumindest dem Effekt nahezukommen, den eine solche Technik haben mochte. Und ließ meiner Fantasie freien Lauf…
Nun, wie sich inzwischen gezeigt hat, wird es wohl nicht so kommen.
Einstweilen jedenfalls.
Hallo, hallo, da sind wir wieder, wieder da in unserer kleinen wöchentlichen Kolumne, und wieder haben wir das allwöchentliche Problem: Wie füllen wir sie? Was wird uns diesmal einfallen? Mal sehen, was ist denn grade so angesagt – der zehnte Jahrestag des Kriegsausbruchs im ehemaligen Jugoslawien, ja ja, alles redet davon, also ist das kein Thema für uns, denn wenn alle davon reden, dann reden wir lieber von etwas anderem, nicht wahr? Tja, also, was dann? Die große Zweitausenderfeier ist schon ein Jahr her, prima, will keiner mehr was davon wissen, alles hat sich schon daran gewöhnt, dass man die Jahreszahlen wieder eher vierstellig schreibt, weil das Jahr Null oder Eins doch einfach seltsam aussieht. Vielleicht könnte man mal ganz bescheiden, ganz vorsichtig, in Deckung vor den Tomaten – darauf hinweisen, dass nach den Regeln der Mathematik und der Kalenderleute ein Jahrhundert ja eigentlich erst mit dem Jahr Eins beginnt. Das wussten Sie nicht, was? Ja, ist aber die Wahrheit, das bestgehütete Geheimnis aller Leute, die an Silvester 1999 verdienen wollten, aller Entertainer und Fernsehmacher und und und – dass das neue Jahrtausend eigentlich erst 2001 angefangen hat. So hat man uns angeschmiert, wie man uns dauernd anschmiert, aber für eine Kolumne gibt das auch nichts her. Lassen wir es also.
Da fällt mein Blick auf meinen Computerbildschirm, und ich sage mir, warum denn in die Ferne schweifen, wenn das Thema liegt so nah. Da, direkt vor meinen Augen, kann ich verfolgen, wie der Text, den ich spreche, in Form wohlgeformter Worte auf dem Schirm auftaucht, nahezu ohne Schreibfehler und mit einer Zeichensetzung, die besser ist als alles, was ich auf diesem Gebiet je gekonnt habe. Da haben wir doch ein hübsches Thema – die Sprachschnittstelle. Ein alter Hut? Warten Sie es ab. Lassen Sie mich erst mal ein paar Gedanken dazu ausbrüten.
So lange ist das ja noch gar nicht her, nicht wahr? Ein paar Jährchen bloß, und meine Güte, war das eine Sensation damals, als das ins Windows soundso viel eingebaut war und Computer mit eingebautem Mikrofon ein absolutes Muss wurden. Spracherkennungssoftware. Und zwar endlich eine, die funktionierte. Die nicht nur funktionierte, sondern sogar hervorragend funktionierte. Sehen Sie? Sie hat sogar erkannt, dass ich gerade ein Wort betont habe, und es kursiv gedruckt. Das ist doch wirklich erstaunlich, wenn man es sich überlegt. Endlich fühlte man sich so richtig verstanden von seinem Computer, und darauf hatten wir doch alle nur gewartet.
Gut, eine Schweigeminute für all die Sekretärinnen, die dadurch arbeitslos wurden.
So viele waren es übrigens gar nicht. Welcher Chef hat denn in den neunziger Jahren noch Briefe diktiert? Die hat er doch lieber gleich selber geschrieben. Oder eben gesagt, Fräulein, schreiben Sie an Müller und Partner, dass wir das Angebot für zu hoch halten, und sie sollen nochmal zehn Prozent runtergehen. Und so einen Brief dichtet einem auch heute noch kein Computer von selber. Nächstes Jahr vielleicht, aber bis dahin… Okay. Also, das war die schöne neue Welt von Winword zehn-null: Mikrofon einschalten und sprechen, den umgesetzten Text korrigieren, und was das Schönste war, das System lernte aus diesen Korrekturen und war in kürzester Zeit so gut wie perfekt, schrieb besser als man es selbst gekonnt hätte. Und natürlich dreimal so schnell. Halleluja.
Gut, ich gebe zu, man könnte sagen: Es musste so kommen. Musste es wohl. Ich will auch nicht bestreiten, dass das Ganze ziemlich vorteilhaft ist für Geschäftsleute, und für Professoren, denke ich. Aber – Leute, jetzt kommt das Aber, das allwöchentliche, gewohnte, kolumnentypische Aber – das Ganze hat einen riesigen Nachteil. Und ich will diesen Nachteil einfach mal in zwei lausige Worte pressen:
Jeder schreibt!
Und eigentlich stimmt das auch nicht. Eigentlich schreibt keiner mehr. Jeder rülpst nur noch in seinen Computer, sondert irgendwelche Laute ab, brabbelt und sabbert und verkauft das, was dabei herauskommt, als Literatur. Am Anfang war das noch ganz witzig, aber wirklich nur ganz am Anfang. Weil – natürlich liest jetzt auch keiner mehr. Ist ja auch alles andere als spaßig, sich durch einen fünfhundert Seiten dicken Schmöker in dieser Art hindurchzulesen. Vor allem, weil man sich dasselbe Zeug leicht selber erzeugen kann. Wenn einer den ganzen Tag Selbstgespräche führt, sind fünfhundert Seiten schnell zusammen.
Also, kurz gesagt, hat die Sprachschnittstelle dazu geführt, dass die heutige Literatur einfach nur noch Dumpfmist ist. Blödes Zeug, das Papier nicht wert, auf das es selbstmörderische Verleger immer noch drucken. Aber jeder ist so begeistert davon, dass er jetzt selber Kunst machen kann, dass alle Welt zu glauben scheint, Literatur müsse schon immer so gewesen sein. Und vor lauter Begeisterung kauft keiner mehr Bücher, die Verlage gehen reihenweise pleite, und die zeitgenössische Literatur vagabundiert heute eher im Internet als auf Papier. Und wenn so ein Elaborat mehr als hundert Mal von irgendwoher auf der Welt kopiert wird, dann feiern die ewig beschränkten Herausgeber der elektronischen Literaturmagazine das gleich als Bestseller.
Von wegen Bestseller. Fürs Downloaden zahlt ja kein Mensch etwas. Folglich verdient auch kein Autor mehr etwas, es sei denn, er kann einem der letzten Verlage kurz vor der Pleite noch einen fetten Vorschuss rausleiern. Und folglich müssen die Autoren, um leben zu können, Essays wie diesen hier rülpsen, blödsinnige Kolumnen füllen, die eh keiner liest, die aber sein müssen, weil Zeitschriften immer noch gekauft werden, dem Erfinder des Papiers sei Dank, und die Fotos nicht so einsam auf den Seiten stehen sollen. Der nostalgische Geschmack wünscht graue Masse um die Bilder herum, den Eindruck von Text. Und dafür gibt es noch ein wenig Geld, und deshalb machen es alle, und deshalb gibt es dafür auch immer weniger Geld, ganz getreu dem Gesetz von Angebot und Nachfrage, der gute alte Kapitalismus lässt grüßen.
Okay. Falls irgendjemand irgendwann diesen Text hier tatsächlich lesen sollte – herzlich willkommen zunächst –, könnte er oder sie fragen, warum ich mich eigentlich beschwere. Und nur für diesen Fall will ich das erklären. Ich bin, ich gebe es zu, der altmodischen, völlig verstaubten, nahezu viktorianischen Auffassung, dass es Anstrengung erfordert, etwas Gutes zu schaffen. Dass Qualität nicht nebenbei entsteht, sondern dass man sich ihr ganz und gar widmen muss, darum kämpfen, dass es einem wichtig sein muss. All das Zeug halt. Aber wenn sich heute einer hinsetzt und etwas schreibt, das wirklich gut ist, gut und dicht und stark – welche Chancen hat dieser Text, jemals von irgendjemandem gelesen zu werden oder gar gewürdigt? Und kommen Sie mir nicht damit, dass es schon immer viel Schund gegeben hat. Klar. Aber noch nie so viel wie heute. Als auch Schund noch Geld und Mühe kostete, war auch der Schund noch besser. Wenn Hedwig Courths-Mahler heute in den Netzen auftaucht, dann hält man sie neben all dem gestammelten Schrott unwillkürlich für Shakespeare.
Ich wette, Sie wissen nicht, wer Hedwig Courths-Mahler ist.
Okay, bringen wir die Sache zu Ende. Ich hätte gar nicht davon angefangen, wenn ich nicht neulich erfahren hätte, dass es eine Gegenbewegung gibt. Ja, da lacht doch mein Herz! Mal sehen, ob meine Sprachschnittstelle sich weigert, das zu übertragen: Es kommt in Mode, Bücher wieder von Hand zu schreiben. Und damit meine ich, richtig von Hand, in Handschrift auf weißes Papier, und clevere alternative Verlage machen daraus Faksimile-Bücher und ein Heidengeld damit. Zurück zum Echten, Wahren. Ein Buch in der Handschrift des Autors, vielleicht mit eigenhändigen Skizzen und Zeichnungen. Und jawohl, das finde ich gut. Und damit soll es genug sein; die vorgeschriebene Zeilenzahl ist für diese Woche erreicht. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag.
(Anmerkung: Tessa, wie klingt der Text? Klingt er, als hätte ihn jemand gesprochen? Oder ist er zu glatt, zu bearbeitet?/AE/)
(Gute Idee. Klingt echt. /Tessa/)
(cc: johnMuller@virginia.edu.com [Bitte Kommentar!])
(Boy! Wäre toll, so eine Sprachschnittstelle zu haben. /john/)
(John, *liest* du eigentlich, was ich dir maile? Sei dankbar für deine Textverarbeitung. Wenn die Spracherkennung kommt, musst du wieder von Hand schreiben! /AE/)
© 1995 Andreas Eschbach