Im Frühjahr 2000 war »Das Jesus Video« bei Bastei-Lübbe als Taschenbuch erschienen und entwickelte sich rasch zu jenem Best- und Longseller, der es bis heute ist. Das führte zu näherem Kontakt mit dem zuständigen Lektor, Stefan Bauer, der für den Herbst eine Anthologie zum Thema »Halloween« plante. Ob ich nicht Lust hätte, etwas beizusteuern?
Halloween. Hmm. Nicht unbedingt mein Leib- und Magenthema. Ich musste mir Bedenkzeit erbitten. Blätterte in meinen Notizbüchern, ohne fündig zu werden. Halloween? Was war das eigentlich? Ich griff, wie ich es in solchen Fällen zu tun pflege, zur Encyclopaedia Britannica, las nach, was dort stand…
Und stieß auf ein Detail, das mich elektrisierte. Wie ein Blitz aufleuchtet und eine bis dahin unsichtbare Szenerie ausleuchtet, stand auf einen Schlag die Idee zu dieser Geschichte vor mir. Es war gruselig schön, sie zu schreiben. Und großartig, sie im Herbst 2000 dann als Buch in Händen zu halten.
Hier also: mein Versuch, wie Stephen King zu klingen. Bloß dass die Geschichte nicht in Maine spielt, sondern in Baden-Württemberg. Ich jedenfalls lese sie immer noch gerne.
»Wusstest du, dass Halloween der einzige Tag im Jahr ist, an dem man den Teufel gefahrlos um Beistand bitten kann?«, fragte Norbert mich eines Abends beim Bier in der Wohnheimküche. Wir studierten damals beide Informatik und standen kurz vor dem Abschluss, also muss es Oktober 1992 gewesen sein.
»Halloween?« Das hatte ich bis dahin für die amerikanische Form von Fasching gehalten, ein Fest, bei dem ausgehöhlte, beleuchtete Kürbisse mit eingeschnitzten Dämonenfratzen, Marshmallows und Ähnliches eine Rolle spielten. Etwas, das in Hollywoodfilmen vorkam: Kinder in Gespensterkostümen, die von Haus zu Haus zogen und Süßigkeiten einforderten.
»Steht so in der Enzyklopädia Britannica«, behauptete Norbert. »Halloween geht auf Samhain zurück, das Erntedankfest der alten Kelten. An diesem Tag kehren die Geister der Ahnen in ihre Häuser zurück, und man kann den Teufel anrufen, ohne seine Seele zu verwirken. Oder so ähnlich.«
Ich zuckte mit den Schultern. Ich bin schon immer ein naives Bürschchen gewesen. »Na und?«
Norbert schob sein Bier beiseite und seinen Stuhl zurück. »Komm«, sagte er. »Ich muss dir was zeigen.«
Was er mir gleich darauf in seinem Zimmer zeigte, war ein altes, dünnes Büchlein, in Frakturschrift gedruckt und in Karton von der Farbe getrockneten Blutes gebunden. Keine Verlagsangabe, keine Jahresangabe. »Ein Privatdruck offenbar«, meinte Norbert. »Ich habe es aus dem Antiquariat in der Ziegenhainstraße. Erstaunlich, was?«
»Seit wann gibt es in der Ziegenhainstraße ein Antiquariat?«, wunderte ich mich. Eigentlich war ich der Büchersammler von uns beiden. Norbert sammelte Sporttrophäen und Strafzettel wegen überhöhter Geschwindigkeit.
Ich blätterte darin. Mit nicht geringer Verblüffung erkannte ich, dass es in dem Buch um Magie ging, um Beschwörungen und Zauberrituale. Ich klappte es zu. »Was soll das denn werden?«, fragte ich und spürte einen seltsam metallischen Geschmack auf der Zunge dabei.
Norbert sah mich an. Von irgendwoher spiegelte sich ein gelber Schimmer in seinen Augen, was seinem Blick etwas Lauerndes, Verschlagenes gab. »In den Laden bin ich gegangen, weil im Schaufenster ein Buch über Liebeszauber stand«, sagte er.
»Das ist nicht wahr.« Ich warf das Buch auf den Tisch, als könne es jeden Augenblick in meinen Händen Feuer fangen. »Es geht immer noch um Irmina?« Er brauchte gar nichts zu sagen, sein Gesicht war Antwort genug. Ich hob die Hände, zählte ihm die Fakten an den Fingern vor. »Erstens, sie ist jetzt seit über einem Jahr mit ihrem Typen zusammen. Zweitens, sie ist schwanger von ihm. Drittens, der Hochzeitstermin steht schon fest. Ich meine, sieh es endlich ein – das ist gelaufen. Das wird nichts mehr, und wenn du dich auf den Kopf stellst.«
Norbert nahm das Buch wieder an sich, betrachtete es eine Weile schweigend und sah dann hoch. »Einen Versuch ist es wert«, sagte er und schob den Unterkiefer trotzig vor. »Die Frage ist lediglich, ob du dabei sein willst oder nicht.«
Ich weiß nicht mehr, warum ich nicht einfach gegangen bin. Sicher nicht, weil ich sehen wollte, wie Norbert sich blamierte. Nein, in meiner Erinnerung kommt es mir so vor, als sei ich stundenlang da gestanden und hätte dem verführerischen Ruf alter, vergessener Götter gelauscht, als sei eine Stimme in mir wach geworden, älter als die Menschheit oder das Leben selbst. Später sagte ich mir, dass es mich berührt haben musste, zu erleben, wie ein Mann eine Frau so unsagbar begehrte, dass er bereit war, alles zu tun, um sie zu erobern, buchstäblich alles.
Ich ging also nicht. Ich fragte: »Wann genau ist eigentlich Halloween?«
Irmina Langenstein war bestürzend intelligent, begehrenswert schön, ehrlich, warmherzig, sympathisch – jede Sünde wert, wie man so sagt. Sie hatte gerade von Kunstgeschichte zu Germanistik gewechselt, als sie und Norbert sich auf einem Fachschaftsfest begegneten. Es knallte heftig, allerdings nur bei Norbert – Irmina gab ihm nach einigen weiteren Begegnungen zu verstehen, dass sie ihn durchaus schätze, aber eben als Freund und nichts weiter. Einer jener Sätze, die einen Mann ins innerste Mark treffen und dort hängenbleiben wie Harpunen mit Widerhaken.
Kurz darauf sah man Irmina Langenstein – sie war eine Erscheinung, die man unmöglich übersehen konnte – Arm in Arm mit einem Tutor, einem dürren Spätintellektuellen mit langem, grau werdendem Haar, der zerschossene Cordjacketts trug, seit Jahren an einer Doktorarbeit über Hölderlin bosselte, einen Alfa Romeo mit offenem Verdeck fuhr und als den angenehmen Dingen des Lebens zu sehr zugeneigt galt, als dass man seiner Doktorarbeit ernsthafte Chancen eingeräumt hätte.
Norbert verging fast – vor Eifersucht zuerst, dann vor Verzweiflung. Ich hatte ihm nicht alle Aktionen ausreden können, mit denen er sich in dem vergeblichen Versuch, sie zu erobern, zum Narren machte. Er ließ sie über alle einschlägigen Radiosendungen grüßen. Er schickte ihr Blumen, bis sein Überziehungskredit erschöpft war. Er lauerte ihr auf, um ihr zu Füßen zu fallen, und ihm, um ihn zusammenzuschlagen – was kläglich misslang, denn der Nebenbuhler verließ das Institut an jenem Abend ahnungslos durch einen anderen Ausgang, während Norbert sich beim Warten eine Erkältung holte, die ihn zwei Wochen ans Bett fesselte. Kurz darauf kursierte bereits das Datum von Irminas Hochzeit, und irgendwer wusste, dass sie schwanger war. Deshalb die Eile, denn Irminas Eltern gehörte eine kleine Baufirma draußen auf dem Land, und sie hatten einen Ruf zu verlieren. Aber da Irmina ohnehin vor Glück so strahlte, dass man das Audimax mit ihr hätte ausleuchten können, war das kein Problem für sie.
Für Norbert schon. Wenn ich mich recht erinnere, war das sogar das Erste, was er mir über sie erzählte: dass sie jede Sünde wert sei.
Am späten Abend des letzten Oktobertages – Halloween also – fuhren wir hinaus zu dem Platz, den er sich für das Ritual ausgesucht hatte, ein kleines Wäldchen, nicht weit entfernt von Irminas Heimatort.
»Es ist abgelegen genug, dass uns keiner stört. Mitten drin ist eine Lichtung, und auf der Lichtung ein Hexenkreis. Bevor du fragst: Das sind Pilze, die entlang einet kreisförmigen Linie wachsen. Es gibt eine Erklärung, warum sie das tun, aber ich habe sie wieder vergessen. Jedenfalls, eine Lichtung mit einem Hexenkreis. Der ideale Platz.«
»Man könnte meinen, du glaubst den ganzen Quatsch wirklich«, sagte ich.
»Heute Abend«, antwortete er und sah mich mit unerbittlichen Augen an, »glaube ich ihn. Nur heute Abend.«
Wir fuhren ein Stück tiefer in den Waldweg hinein, als erlaubt war, aber es war kurz nach zehn Uhr abends, und niemand sah uns. Wir stiegen aus. Die nasskalte Dunkelheit des Waldes umfing uns, roch nach Moder und nassem Holz und tausend anderen Dingen, und ich fing an zu bedauern, mich auf dieses verrückte Unternehmen eingelassen zu haben.
Norbert packte zwei dicke Taschenlampen aus und reichte mir eine. Ich knipste sie sofort an und ließ den blassen Strahl die Umgebung abtasten: Nirgends waren Monster zu sehen, nicht einmal Tiere. Norbert schulterte eine Tasche, die wohl die Utensilien für das Ritual enthielt, und stapfte los. Ich folgte dichtauf.
Ein Wald bei Nacht, das war nichts für meine Nerven. Ich bin eben doch ein Stadtmensch und Stubenhocker. Die Dunkelheit schien das magere Licht unserer Lampen erdrücken zu wollen, überall knackste und knisterte es, und jedes Mal, wenn ein Regentropfen von einem nassen Blatt rollte und mich traf, setzte schier mein Herz aus. Wir gingen schweigend. Ich hätte was darum gegeben, wenn einer von uns einen Witz gemacht hätte, aber Norbert war von ernster, geradezu finsterer Entschlossenheit beseelt und eindeutig nicht in der Stimmung für Witze.
Endlich erreichten wir die Lichtung. Am Himmel zogen schwarze Wolkenfetzen dahin, zwischen denen ein zunehmender Mond herabsah wie ein halbiertes Auge. Norbert ließ die Tasche geräuschvoll zu Boden fallen, zog das Büchlein noch einmal hervor und rekapitulierte im Schein seiner Lampe die entscheidenden Stellen.
»Bringen wir’s hinter uns«, sagte er dann, und mir rieselte eine Gänsehaut über den Rücken vom Klang seiner Worte. Oder von der Kälte, ich weiß es nicht.
Ich hielt die Taschenlampen und leuchtete ihm, während er zwischen den Pilzen umherschritt, schwarzes Pulver aus einer Plastiktüte vom Baumarkt rieseln ließ und geheimnisvolle Linien damit markierte. Er zog sechs Wachsfackeln hervor, rammte sie entlang des Kreises in den Boden und zündete sie an, sich jedes Mal in die entsprechende Himmelsrichtung verneigend. Es sah zum Angsthaben lächerlich aus.
Er winkte mich her, als alle Fackeln brannten, und deutete auf einen Punkt inmitten einiger Linien, die ein Pentagramm bildeten. »Setz dich da hin«, sagte er. »Da kann dir nichts passieren.«
Ich nickte nur und tat, was er gesagt hatte. Ich hätte kein Wort herausgebracht. Das Gras war nass vom Regen, als ich mich hinkniete, und der Boden kalt.
Norbert setzte sich in die Mitte des magischen Musters, hob die Arme und fing einen Singsang an aus Worten, die ich nicht identifizieren konnte, düsteren, rauen Lauten, dem Bellen von Kettenhunden ähnlicher als menschlichen Stimmen. Ich will das Ritual nicht in Einzelheiten schildern, aber jedenfalls stand irgendwann eine metallene Schale vor ihm, und er hielt die Arme hoch, ein Messer in der rechten Hand und in der linken etwas, das sich bewegte. Mit jähem Entsetzen erkannte ich, dass es eine Maus war, eine lebendige Maus. Das hatte ich nicht gewusst, und ich wollte aufspringen und ihn davon abhalten, zu tun, was er ohne Zweifel zu tun vorhatte, aber ich brachte es nicht fertig. Ich saß da auf meinem Platz im Pentagramm wie festgewachsen und verfolgte mit grausiger Faszination, wie er der Maus den Kopf abtrennte, ihr mit grimmiger Entschlossenheit das Messer in die Kehle bohrte, während sie fiepte und sich wand und ihn aus ihren entsetzten schwarzen Knopfaugen ansah, wie der Blick dieser Augen dann erstarb und wie er ihr Rückgrat durchsäbelte und sie über die Schale hielt und ihr schwarzes Blut hineinlaufen ließ, sie regelrecht auspresste wie eine pelzige Frucht. Ich bringe es nicht über mich, den Namen aufzuschreiben, den er anrief, dreimal, die Schale wie ein Opfer vor sich in die Höhe haltend.
Dann wartete er. Wir warteten. Nichts geschah.
Wären meine Nerven Klaviersaiten gewesen, man hätte Töne darauf zupfen können, hohe Töne, so gespannt waren sie. Ich wagte nicht, mich zu bewegen, und Norbert hielt die Schale, als wäre er zu einem Standbild erstarrt. Und dann…
Habe ich mir alles nur eingebildet? Jede Überlegung meines rationalen Verstandes kommt genau zu diesem Schluss. Aber so oft ich daran zurückdenke, sehe ich es wieder, höre ich es, spüre ich es. Wie sich eine Stille auf uns herabsenkte, eine kalte, schwere Stille, die die Waldlichtung zu einer düsteren Kathedrale werden ließ. Wie sich das Gras ringsum aufrichtete, jeder einzelne Grashalm, als bekäme die Erde selbst eine Gänsehaut. Wie die Luft erfüllt war von zitternder Elektrizität.
Was.
Es war keine Stimme, nicht wirklich, oder wenn, dann war sie leiser als eine Einbildung. Ich hielt den Atem an, ich merkte, wie Norbert den Atem anhielt, der ganze Wald schien den Atem anzuhalten.
Willst.
Es war eine Stimme, die unser Ohr umging, die direkt an unsere Seelen rührte, eine Stimme mit einem betäubenden, frostigen Klang.
Du.
Ich sah Norberts Rücken einsinken, als gebe er unter einem schrecklichen Gewicht nach. Ich sah seine Lippen zittern, als er sie zusammenpresste. Dann hörte ich ihn sagen: »Ich begehre Irmina Langenstein zur Frau.«
Die Worte schienen von seinen Lippen zu wehen, hinaus in die Dunkelheit jenseits des Kreises, und dort aufgesogen zu werden, ehe sie die Bäume erreicht hatten. Dann herrschte wieder Stille, aber es war eine Stille voller Erwartung, eine lockende, verführerische Stille, als hätte uns eine übermenschliche Kraft gehört und wolle mehr hören.
»Und«, kam es aus Norberts Mund, »ich will reich sein. Ich will…«
Voller Schrecken fuhr ich hoch und nach vorn und stieß ihn gegen die Schulter. »Norbert, hör auf.«
Er zuckte zusammen und ließ die Schale mit dem Blut fallen, und in dem Augenblick, in dem das Blut den Boden netzte, verschwand der ganze Spuk. Plötzlich war die Nacht wieder voller Tierlaute, knackender Äste und tröpfelnder Blätter, als hätte jemand eine unsichtbare Glocke von uns gehoben.
»Scheiße«, sagte er und wischte sich ein paar Tropfen Blut von der Hose. Er warf mir einen wütenden Blick zu. »Du hast mich rausgebracht. Ich war…«
»Es ging um Irmina«, erwiderte ich. »Das war es, was du wolltest, oder?«
»Ja.« Er nickte, schaute sich um. Die Fackeln, die Rußstriche auf dem dürren Gras – mit einem Mal sah das alles reichlich albern aus. »Meinst du, es hat gereicht?«
»Mir reicht es jedenfalls.« Ich stand auf und klopfte die nassen Stellen meiner Hose ab. »Komm, lass uns heimfahren und Wahrscheinlichkeitsrechnung büffeln.«
Ich weiß nicht, was Norbert für Vorstellungen hatte, wie der Zauber wirken sollte. Er ließ sich nichts anmerken, wollte nicht einmal mehr davon sprechen, was wir da gemacht hatten in dem Wald, aber ich hatte den Eindruck, dass er, wenn wir abends in der Wohnheimküche hockten, darauf wartete, dass Irmina einfach zur Tür hereinkam.
Irgendwann, eine Woche später vielleicht, kam ich ins Haus und hörte ihn in der Küche telefonieren. Ich leerte meinen Briefkasten und schlich die Treppe hoch, um mich zu vergewissern.
»Er ist nicht der Richtige für dich. Ich bin der Richtige für dich«, hörte ich ihn sagen, in einem Tonfall, als müsse er seinem besten Freund eine Dummheit ausreden. Aber es konnte nur Irmina sein, mit der er sprach. »Ich bin der Mann, den du heiraten solltest, nicht er. Das weiß ich einfach, wie ich nichts anderes im Leben weiß, und ich wollte es dir wenigstens einmal gesagt haben, ein einziges Mal und nie wieder. Ich wünsche dir trotzdem alles Gute und…« Mir kam zu Bewusstsein, dass ich lauschte, und ich machte, dass ich davonkam.
An diesem Abend kam er mir völlig gelöst vor. Wir konnten über Automatentheorie, Bundesliga und Politik reden, als gäbe es keine Irmina auf dieser Welt.
Dann geschahen die Wunder.
Irminas Tutor hatte trotz aller Heiratspläne, wie sich herausstellte, die Frauenwelt nicht gänzlich vernachlässigt. Es stellte sich heraus, weil er, angeblich auf einem Kongress weilend, sich mit einer anderen Frau traf. Wie der Zufall es wollte, hielt sich nämlich in dem Hotel, in dem das Treffen stattfand, auch ein Kanzleramtsminister oder dergleichen auf, der den Medien just in dem Moment Rede und Antwort stand zum Fall des jüngst aufgeflogenen Atomschmuggels, als die beiden hinter ihm aus dem Aufzug traten. So konnte Deutschland zur besten Sendezeit die beiden engumschlungen im Hintergrund vorbeigehen sehen, in den Spätnachrichten noch einmal und auf anderen Kanälen in anderen Perspektiven. Es muss sehr heftige Szenen gegeben haben im Hause Langenstein, nicht zuletzt, weil die Eltern einen Ruf zu verlieren hatten, kurzum, die Verlobung wurde gekündigt, Türen flogen, Dinge gingen zu Bruch, und am Ende raste der Tutor in seinem Alfa Romeo, der Jahreszeit entsprechend mit geschlossenem Verdeck, davon. Die Kombination von bebenden Nerven und frühem Glatteis ließ seine Fahrt unter einem Sattelschlepper enden, in einem Albtraum aus zerfetztem Blech, den auseinanderzusägen die Feuerwehr mehrere Stunden beschäftigte. Obwohl man Irmina davon abhalten wollte, bestand sie darauf, die verschiedenen Überreste des Tutors zu sehen. Noch in der Leichenhalle bekam sie eine Fehlgeburt. Und einen Tag vor Weihnachten trat sie durch die Tür der Wohnheimküche, um Norbert das alles zu erzählen.
Die beiden heirateten kurz nach Ostern. Ich war Trauzeuge. Als Norbert mich nach der Feier verabschiedete, gab er mir ein schmales kleines Päckchen mit, in schneeweißes Geschenkpapier eingehüllt. »Du bist der Büchersammler von uns beiden«, meinte er.
Die Jahre vergingen. Aus Ruanda hörte man von Massakern, in Israel wurde Yitzhak Rabin ermordet, in Tokio setzte eine Weltuntergangssekte Giftgas in der U-Bahn frei. Belgien entpuppte sich als Land der Kinderschänder, der Schachweltmeister verlor gegen eine Maschine, auf dem Balkan herrschte Krieg. Das Ende des Jahrhunderts nahte unaufhaltsam.
Ich schloss mein Studium ab, fand einen Job und lernte Fabienne kennen, die zuerst nichts von mir wissen wollte, mich aber schließlich doch heiratete, fast auf den Tag genau ein Jahr nach Norberts Hochzeit. In den folgenden Jahren waren wir mit Kinderkriegen und Hausbauen beschäftigt, und wie es eben so geht, irgendwann stellte ich fest, dass ich vergessen hatte, Norbert und Irmina die übliche Weihnachtskarte zu schicken, und da sie auch uns keine mehr geschickt hatten, hakte ich die Beziehung als eingeschlafen ab. Was ich noch mitbekommen hatte, war, dass Norbert, der mehr oder weniger gezwungenermaßen in das Geschäft seiner Schwiegereltern eingetreten war, nach einem Schlaganfall des Seniors die Firma ganz übernommen hatte, innerhalb weniger Jahre zum Marktführer in der Gegend wurde und mindestens zehnmal so viel Geld machte, wie er als Informatiker jemals hätte verdienen können. Bei meinem letzten Besuch erzählte er mir eine Menge über Grundstücksspekulationen, Bauträgerschaften und Steuersparmodelle. Ich kapierte nicht einmal ein Viertel davon, und da er sich zu einem ziemlich arroganten Wichtigtuer entwickelt hatte, sah ich von weiteren Besuchen ab.
Mir ging es gut in der Zeit, der Job machte Spaß, und ich hatte Glück mit ein paar Aktienspekulationen, sodass wir unser Haus früher abzahlen konnten als geplant. Das Jahr 2000 rückte näher, und alle Welt verfiel in Panik, die Computer könnten an Neujahr anfangen, verrückt zu spielen. Goldene Zeiten für Programmierer brachen an, abgesehen von den Nachtschichten, die das mit sich brachte. Zum ersten Mal im Leben mussten wir uns über die Feinheiten der Schaltjahresregeln Gedanken machen – alle vier Jahre, bei glatten Jahrhunderten aber nicht, bei glatt durch vierhundert teilbaren Jahren aber doch wieder, und so weiter. Mein Kollege Wolfram, genannt Der Hundertfünfzigprozentige, nahm das zum Anlass, sich umfassend über alle Kalender kundig zu machen, die die Menschheit jemals entwickelt hatte, und uns in jeder Mittagspause an seinem Wissen teilhaben zu lassen. So lernten wir den hebräischen Kalender kennen, den muslimischen, den Kalender der Mayas und Azteken, die Zeitrechnung der alten Chinesen und so weiter und so fort.
Eher beiläufig erwähnte er etwas, das mir das Blut in den Adern gefrieren ließ.
Etwas so Naheliegendes. Etwas, das man hätte wissen können. Wahrscheinlich hatten wir es sogar in der Schule gehabt und bloß nicht aufgepasst. Etwas, das mich veranlasste, wenige Tage darauf spätabends in Norberts weitläufiger Villa auf seiner ledernen Couchgarnitur zu sitzen. Es war wieder Ende Oktober. Wieder Halloween.
»Zigarre?«, bot Norbert mir eine Schachtel Havannas an.
Ich lehnte ab. »Ist Irmina nicht da?«, fragte ich, während er sich das dicke braune Ding umständlich anzündete.
»Nein«, sagte er, wedelte das Streichholz aus und begann zu paffen. »Kommt erst morgen wieder. Ist mit den Kindern bei einer Freundin, die eine Halloween-Party veranstaltet. Interessant, wie sie den Leuten in den letzten Jahren Halloween als Anlass zum Geldausgeben eingeredet haben, findest du nicht? Bei den Kindern wirkt es jedenfalls schon. Die sind heutzutage völlig verrückt nach Halloween.«
»Halloween«, wiederholte ich beklommen. »Deswegen bin ich hier.«
»Wegen Halloween?« Er nahm die Zigarre aus dem Mund, starrte mich ungläubig an und brauchte eine ganze Weile, bis ihm einfiel, was ich meinen konnte. »Ach so. Unser kleines Gruselabenteuer damals.
Das war ganz schön verrückt, was?«
»Das war es allerdings.«
»Schon ‘ne ganze Ecke her. Das müssen jetzt…«
»Sieben Jahre«, sagte ich. »Es war vor genau sieben Jahren.« Er hielt inne, rechnete nach. »Ja. Stimmt.«
»Sieben Jahre. Du weißt doch, was in den Märchen über einen Pakt mit dem Teufel steht – nach sieben Jahren kommt er und holt deine Seele.«
Norbert sah mich forschend an, suchte nach Zeichen beginnender Geistesgestörtheit und fing schließlich an, breit zu grinsen. »Du vergisst, dass damals Halloween war. Und an Halloween kann man den Teufel um Beistand bitten, ohne dass es einen die Seele kostet.« Er beugte sich vor, streifte die Zigarrenasche in einen schweren, teuer aussehenden Aschenbecher und grinste noch breiter. »Das ist wie mit dem Finanzamt. Man muss die Schlupflöcher kennen, dann kommt man davon.«
»Aber man darf sich nicht verschätzen dabei, oder?«
»Richtig. Sonst kann man am Ende ziemlich blöd dastehen.« Ich nickte und faltete die Hände. Wie zum Gebet. »Wir benutzen«, sagte ich, »heute den Gregorianischen Kalender. Er wurde von Papst Gregor dem Dreizehnten eingeführt, weil der Julianische Kalender, der bis dahin gegolten hatte, zu ungenau war. Die Einführung geschah, indem auf den 4. Oktober 1582 der 15. Oktober folgte – die zehn Tage dazwischen fehlen. Es hat sie nie gegeben. Um diese zehn Tage ist der Kalender verschoben worden.«
»Macht man sich in der Softwareindustrie neuerdings über solche Dinge Gedanken?«
»Verstehst du nicht? Du kannst nicht davon ausgehen, dass Halloween – das wirkliche Halloween, das keltische Samhain – tatsächlich dem 31. Oktober unseres heutigen Kalenders entspricht. Die Kalender sind alle gegeneinander verschoben, der gregorianische gegen den julianischen, und der keltische… Ich weiß nicht, was für einen Kalender die Kelten hatten, aber die Wahrscheinlichkeit, dass Samhain tatsächlich mit unserem 31. Oktober identisch ist, steht mindestens dreißig gegen eins.«
Norbert sog an seiner Zigarre wie ein hungriges Baby an seiner Flasche, versuchte einen Rauchring zu blasen, brachte aber bloß eine verzitterte Wolke zu Stande. »Man könnte meinen, du glaubst den ganzen Quatsch wirklich.«
»Irmina hast du gekriegt, oder? Und reich bist du auch geworden.« Ich hätte noch mehr sagen können, etwas, von dem er nichts wusste, aber ich behielt es für mich.
Die Türglocke unterbrach uns mit einer Folge tiefer, melodischer Gongschläge. Norbert legte die Zigarre weg und stand auf. »Das geht heute schon den ganzen Abend so«, sagte er, griff nach einem bereitstehenden Korb voller Süßigkeiten und ging hinaus. Man hörte das Gekicher und Gegacker von Kindern, als er die Haustür öffnete.
»Was meinen Reichtum anbelangt«, sagte er danach, »den habe ich mir hart erarbeitet. In jedem Stein dieses Hauses stecken mein Blut, mein Schweiß und meine Tränen. Du warst immer angestellt, du weißt nicht, wie das ist als Unternehmer… Und Irmina? Ich habe sie gewonnen, weil ich hartnäckig war. Und ehrlich. Ich habe sie damals angerufen, weißt du, kurz bevor all diese Dinge passiert sind, und habe ihr Glück gewünscht, und dabei habe ich ihr einfach gesagt, dass ich der Richtige für sie bin, meine ehrliche Meinung. Ich glaube, das war es, was den Ausschlag gegeben hat.«
Ich weiß nicht mehr, was wir an dem Abend noch im Einzelnen redeten. Er holte eine Flasche Wein und dann noch eine, und irgendwann waren wir wieder bei Grundstückspreisen und Zinssätzen. Ich weiß auch nicht mehr genau, wie spät es war, als es zum letzten Mal an der Haustür klingelte, aber jedenfalls murrte Norbert etwas wie »unglaublich, dass manche Leute ihre Kinder so spät abends noch durch die Gegend rennen lassen«, als er mühsam aufstand und mit dem fast geleerten Korb hinausschlappte.
Das Erste, was ich wahrnahm, war, dass das Leder der Couch knisterte. Als wolle sich die Füllung darin ausdehnen. Dann sah ich, wie etwas mit dem Teppich geschah, und das Gras fiel mir wieder ein, das sich aufgerichtet hatte, als bekäme die Erde Gänsehaut, damals.
»Norbert?«
Jedes einzelne Atom der Luft schien mit einem Mal im Bann eines übermächtigen Kraftfeldes zu stehen, die dunstigen Rauchpartikel darin sich im Rhythmus eines übermenschlichen Pulsschlags zu bewegen. Ich stand auf, bewegte mich zur Tür, als sei mein Körper nicht mehr meinem Willen unterstellt. Ich glaubte ein Geräusch zu hören, das klang wie das schwere Atmen eines Millionen Jahre alten, Millionen Tonnen schweren Wesens.
Es kam aus der Vorhalle. Die Haustür stand offen. Der Korb lag auf dem Boden, die Bonbons in weitem Umkreis verstreut. Ein fahles, abscheuliches Licht fiel von draußen herein, ein Licht, das den Farben die Kraft zu stehlen schien, das eine graue Spur in die Welt fraß, wo immer es auftraf.
Als ich auf die Haustür zuging, entfernte es sich, langsam und schwankend.
Ich schwöre, die Spur, die später auf dem Marmor des obersten Absatzes eingepresst gefunden wurde, war der Abdruck eines Hufes, und seine Ränder brannten noch, als ich daran vorbeikam. Das Licht löste sich auf, war rund um die Villa und die Auffahrt verteilt wie feiner, körniger Nebel, den der Wind verwehte in Richtung des Waldes.
Erst jetzt kam es mir zu Bewusstsein, wie nahe dieses Haus jenem Wald, jener Lichtung war. Der Ort war gewachsen, nicht zuletzt durch Norberts Anstrengungen, und schließlich hatte er seine Villa hierhin gebaut, als wäre er einer Kraft entgegengegangen, der er ohnehin niemals hätte entkommen können.
Mit dem Auto waren es keine fünf Minuten. Ich fuhr so weit in den Wald hinein, wie ich konnte, sah wieder dieses böse, hungrige Licht und wusste, dass es von der Lichtung kommen musste. Als ein umgestürzter Baum den Weg versperrte, ließ ich den Wagen stehen, schlug mich quer durch das Gebüsch, ließ mich von Ästen schlagen und zerkratzen. Ich hatte nicht die Spur einer Idee, was ich dort auf der Lichtung machen würde, aber ich rannte, als gelte es mein Leben.
Erst als ich den Schrei hörte, blieb ich stehen.
Es war ein Schrei, der einem das Herz im Leibe stehenbleiben lassen konnte, ein Schrei von so unmenschlicher Fremdheit, von so entsetzlicher Verzweiflung, dass man zu Stein erstarren wollte vor Grauen. Keines Menschen Ohr hat jemals einen solchen Schrei gehört, wenn es überhaupt mein Ohr war, das diesen Schrei vernahm, und nicht mein Herz. Ich blieb stehen und wusste, dass es vorbei war. Im nächsten Augenblick erlosch das Licht.
Ich weiß nicht, was dann geschah. Ich erinnere mich, dass ich zusammengekauert neben einem Baum hockte, als es hell wurde, frierend und bis auf den Grund meiner Seele erschöpft. Nebel hing zwischen den Bäumen, und Wasser tropfte von den Ästen herab. Ich schritt die Lichtung ab, auf der das Gras bleich und tot war und zerfiel, wenn man es berührte. In der Mitte war der Boden kahl und verbrannt, von einem alten, verwitterten Lagerfeuer vielleicht oder weil die Erde sich aufgetan hatte, um jemanden zu verschlingen. Ich sah Spuren, die Kratzspuren von Fingern hätten sein können von jemand, der über den Boden geschleift wird und sich mit aller Kraft dagegen wehrt.
Neben den Kratzspuren fand ich ihn dann, den Ring. Ein dicker, goldener Ehering. Irmina 23.4.1993 stand darin eingraviert. Ich steckte ihn in die Tasche und ging.
»Eine vorgetäuschte Entführung«, war sich der Kommissar sicher, der mich befragte und mit meinen kargen Auskünften zufrieden war. »Gegen Norbert Brandes laufen seit längerem Ermittlungen wegen Bestechung, Subventionsbetrug und Steuerhinterziehung. Er ist vermutlich untergetaucht.«
Meine Hand schloss sich um den Ring in meiner Tasche, und ich sagte nichts.
Am nächsten Tag kündigte ich in meiner Firma, ging zur Bank, löste mein Aktiendepot auf, schloss eine Lebensversicherung zu Fabiennes Gunsten ab, die sie für den Rest ihres Lebens absichern würde, erledigte dies und das und legte am Abend eine dicke Mappe auf den Tisch, auf der ein bunter Globus prangte.
»Was ist das?«, wollte sie wissen.
»Die Unterlagen für eine Weltreise. Lass uns nicht länger damit warten«, sagte ich und hoffte, dass sie die Angst nicht spürte, die wie eine eiserne Last auf meinem Herzen lag. Ich wollte tun, was in meiner Macht stand, damit sie niemals etwas davon spüren würde in dem Jahr, das mir noch blieb.
© 2000 Andreas Eschbach