Rain Song

 

Es war vor langer, langer Zeit. Ich war noch wesentlich jünger und schlanker als heute, und ich weilte in Griechenland, in einer beschaulichen kleinen Ferienanlage. Es war Mai, und das Wetter war herrlich.

Die Ferienanlage war in der Tat so klein und beschaulich, dass man mit den anderen Gästen durchaus in Kontakt kam. Wie viel waren es? Ein Dutzend vielleicht, soweit ich mich erinnere. Man saß abends lange auf der Terrasse beisammen, bei Ouzo und Retsina, Mondlicht und Zikadengezirpe, und redete über Gott und die Welt.

Einer war dabei, der eine Gitarre hatte, und er brachte uns eines Abends alle auf die Beine, um gemeinsam zu singen und zu tanzen. Keinen Sirtaki, sondern indianische Tänze. Behauptete er zumindest. Es waren einfache Melodien und einfache Schritte, und es war gut nachvollziehbar, dass man sich damit in so etwas wie eine Trance hineintanzen kann.

Am nächsten Morgen war der Himmel bewölkt. Das sei nicht ungewöhnlich um diese Jahreszeit, meinte der Leiter der Anlage. Irgendjemand meinte scherzhaft, vielleicht habe man am Abend zuvor versehentlich einen Regentanz getanzt und sich damit den Rest des Urlaubs verdorben.

Ich weiß noch, wie sich meine Augen weiteten, als ich das hörte. Was für eine Idee für eine Geschichte!

 

 

Abergläubische Leute machen mich rasend. Ich meine, man hat uns gewarnt, oder? Und nicht nur einmal. Das Wetter hat schon lange verrückt gespielt, und all die Wissenschaftler, die uns in den Ohren gelegen sind von wegen, dass wir zu viele Treibhausgase in die Luft blasen, zu viele Gifte, zu viel Dampf und so weiter. Man konnte es irgendwann doch nicht mehr hören.

Also: Das Klima stand schon lange dicht davor, umzukippen. Und dann ist es eben umgekippt. Darüber sollten all die Leute mal nachdenken, die jetzt hinter mir her sind.

Ich jedenfalls denke viel über all diese Dinge nach. Als Briefträger habe ich eine Menge Zeit zum Nachdenken, wenn ich die nassen Straßen entlangstapfe, während der Regen meine Hosen durchweicht, meine Brille beschlagen lässt und mir unter dem Regenmantel den Rücken runterläuft. Die Gärten stehen alle unter Wasser. Was einmal gepflegter englischer Rasen war, ist nur noch bleiche, schlammige Masse. Vielen Schlammlöchern kann ich ausweichen, aber oft muss ich durch Wasserströme waten, um zu den Briefkästen zu gelangen. Die Briefe sind oft schon durchweicht, wenn ich sie in die angerosteten Schlitze stopfe. Für Pakete gab es bis vor kurzem Schutzsäcke aus Plastik, aber die sind jetzt aus. Es verschickt außerdem kaum noch jemand Pakete.

In den Straßengräben sammeln sich ertrunkene Mäuse und Ratten. Es ist Juli, aber es ist kalt und nass. Jeder, dem ich begegne, sieht aus, als wollte er jeden Moment in Tränen ausbrechen. Wie der Himmel, der nicht aufhört zu weinen.

Ich sage mir, dass ich trotz allem Glück gehabt habe. Das Haus, das ich bewohne, hat meiner Tante gehört, die zeitlebens Angst hatte, die Deutschen könnten den Krieg neu anfangen, und deswegen erstaunliche Vorräte von allem gehortet hat. Ich kann es mir leisten, ein Zimmer fast durchgehend zu heizen, sodass es nahezu schimmelfrei bleibt. Ich schaffe es oft sogar, meine Kleidung wieder trocken zu kriegen, was heutzutage der größte denkbare Luxus ist. Das sage ich mir, wenn ich abends in meinem Zimmer sitze, die Wäscheleinen vor dem Ofen anstarre und dem wütenden Pladdern auf Fensterscheiben und Vordächer zuhöre. Und dem Geräusch, mit dem all das Wasser die Abflussrohre hinabgurgelt.

Leider wird das Brennholz knapp. Danach bleiben noch fünf große Kanister Heizöl. Am längsten werden die Vorräte reichen. Alles in Dosen, was nicht besonders gesund ist – mir sind schon zwei Zähne ausgefallen –, aber wenn man bedenkt, wie unbezahlbar Nahrungsmittel heute sind, ein Segen. Auf den überfluteten Feldern wächst inzwischen nichts mehr, alles, was es noch gibt, stammt aus ein paar Treibhäusern. Für Nahrungsmittel wird gemordet. Die Regierung gibt Bezugsscheine aus, aber sie hat immer weniger zu verteilen. Und ich bin so ungefähr der Letzte, der sich Hoffnung machen dürfte, einen Bezugsschein zu kriegen.

Natürlich war ich nicht immer Briefträger. In meinen besseren Zeiten, in unser aller besseren Zeiten, als die Welt noch in Ordnung war, bekleidete ich den Posten des A&R-Managers bei einer der ganz großen Schallplattenfirmen: ein aufreibender Job, der zu einem nicht geringen Teil darin bestand, sich die Nächte in Kneipen und In-Lokalen um die Ohren zu schlagen auf der Suche nach Bands und Sängern, die genug drauf hatten für eine professionelle Karriere. Ich bekam eine Menge zweitklassiger Sängerinnen ins Bett, die es auf die Tour schaffen wollten, aber zu einer festen Beziehung hat es nie gelangt. Ich hätte auch nicht gewusst, wie ich eine hätte unterbringen sollen in meinem High-Performance-Lebensstil.

Ich war gut in dem Job. Richtig gut. Wenn ich aufzählen würde, wen ich alles entdeckt und unter Vertrag genommen habe: Sie würden leuchtende Augen kriegen.

Ich selber wurde allerdings ziemlich nachdenklich, als ich in einer meiner wenigen ruhigen Minuten einmal alle Namen auflistete und jeweils dazuschrieb, wie viel Geld meine Company mit ihnen verdient hatte. Und mein Gehalt damit verglich.

So war ich bereit für den Sprung, als ich Don Maddison über den Weg lief. Wir machten einen Vertrag, danach kündigte ich und wurde sein Manager. So riskant, wie das jedem vorkam, war es nicht. Ich kannte die Regeln, und die Regeln sagten, das wir beide eine Menge Geld machen würden. Ich war mir da nicht nur sicher – ich wusste es.

Oder wenigstens dachte ich, dass ich es wüsste.

Don war eine neue Art Künstler, ein außergewöhnlicher Musiker, ja, ein Phänomen. Dabei war er weit davon entfernt, ein Teenie-Idol zu sein: Er war um die fünfundvierzig Jahre alt, ein Berg von einem Mann mit Händen so groß wie Schaufeln und einer Stimme so tief und voll, dass Johnny Cash oder Leonard Cohen daneben wie Kastraten geklungen hätten. Und diese unglaubliche Stimme war alles, was er brauchte.

Don war sein Leben lang durch die entlegensten Winkel der Welt gezogen, war zu Gast bei Ureinwohnern und aussterbenden Völkern gewesen und hatte sich deren Lieder und Gesänge beibringen lassen. Er beherrschte buchstäblich Zehntausende von Volksliedern, Stammesgesängen und alten Melodien auswendig. Wann immer er Geld brauchte, um weiterzureisen, stellte er sich einfach in irgendeine Ladenpassage und sang zur Gitarre, stundenlang. Dort entdeckte ich ihn auch, inmitten einer Menschenmenge, die sich um ihn versammelt hatte, ihm geradezu andächtig lauschte. Die vorderen Reihen tanzten und sangen sogar mit.

Ich war an dem Morgen verkatert und schlecht drauf, aber sogar in dem Zustand erkannte ich, was hier passierte. Wenn man so viele Sänger gesehen hat wie ich, dann weiß man, ob jemand Bühnenpräsenz besitzt oder nicht, und dieser Mann hatte sie, mehr als jeder andere. Ich starrte ihn eine ganze Weile an wie ein Maulwurf, der zum ersten Mal einen Sonnenaufgang sieht, während in mir eine ganz neue Vision meines Lebens entstand. Dann bahnte ich mir den Weg bis zu ihm, zerrte ihn ins nächste Cafe und nahm ihn unter Vertrag. Und ging ins Büro, um meine Kündigung zu schreiben.

Es lief von Anfang an großartig, genau wie ich es mir gedacht hatte. Die Leute hatten die künstlichen Moden der Popwelt schon lange satt gehabt, die ewig gleichen Mätzchen und infantilen Rituale, die Coverversionen von Coverversionen, und sich nach etwas Echtem, Wirklichem, Wahrhaftigem gesehnt. Don Maddison verkörperte genau das, und das Publikum strömte ihm zu wie einem Propheten.

Don sang nicht für die Leute, er sang mit ihnen. Das war sein Ding. Er machte keine Show, er machte viel mehr als das: Er bezog alle, die da waren, mit ein, machte ein Ereignis daraus, verwandelte die Menschen, die als Zuhörer gekommen waren, in Sänger. Er hat nie einen einzigen eigenen Song geschrieben – was hieß, dass wir keine Einkünfte aus Urheberrechten erzielen würden –, aber er konnte jeden beliebigen Raum auf diesem Planeten betreten – sei es einen Konzertsaal, eine verrauchte Kneipe, ein Geheimtreffen der russischen Mafia oder das Enklave einer Papstwahl –, sich ein Tamburin schnappen, zwei oder drei Zeilen eines Liedes in einer nie zuvor gehörten Sprache sprechen und eine simple Melodie summen – und fünf Minuten später sang und tanzte alles mit ihm, klatschte jeder mit den Händen und sang.

Zugegeben, ich war nie dabei, wenn die Kardinäle einen neuen Papst wählten, und auch meine Kontakte mit der russischen Mafia hielten sich erfreulicherweise in Grenzen – aber ich kann es mir nicht anders vorstellen. Don Maddison war, in einem Satz, der größte Performer, den die Welt jemals gesehen hatte. Oder, wie mehr als ein Kritiker schrieb: Er konnte zaubern.

Nachdem wir das erste Album draußen hatten, gingen wir auf Tour. USA, Europa, England. Je höher das Album in den Charts kletterte, desto größer wurden die Hallen und Clubs, die wir füllten. Irgendwann reichten Hallen und Clubs nicht mehr. Ich ließ meine Verbindungen spielen und buchte das Wembley Stadion.

Wembley. Queen hatten hier gespielt, U2, Michael Jackson. Live Aid hatte hier stattgefunden. Neunzigtausend Sitzplätze, dazu der Innenraum. Wir verkauften einhundertvierundvierzigtausend Karten innerhalb von fünf Stunden. Das Fernsehen rückte an, um Don Maddison weltberühmt zu machen. Wir hatten die Sterne berührt. Ich machte mir ein bisschen Sorgen, ob er mit einem derart großen Publikum zurechtkommen würde, aber selbst wenn nicht, würde er das Stadion als Superstar verlassen. Ein Superstar mit einem Super-Manager.

Eine Stunde vor Beginn der Show war ich noch backstage in meinem Büro und mit diversen Telefonaten beschäftigt, als ein Mann hereinkam. Er sah aus wie ein Penner, aber ich war mir ziemlich sicher, dass sich kein Penner auch nur das billigste Ticket hätte leisten können, deshalb legte ich die Hand über die Sprechmuschel und fragte höflich, was er wolle.

»Ich muss mit Ihnen reden«, stieß er hervor.

Ich roch Alkohol. Ich versprach, zurückzurufen, legte auf und wählte eine andere Nummer. Eine Notnummer, die zwei Sicherheitsleute in Bewegung setzen würde. »In Ordnung«, sagte ich, um den Eindringling in der Zwischenzeit nicht unnötig aufzuregen. »Darf ich fragen, wer Sie sind?«

»Ich bin Medizinmann White Eagle vom Stamm der Lakota«, erklärte er mit wildem Augenrollen. »Ich bin hier, um zu fragen, ob Mister Maddison heute Abend das Regenlied singen wird.« Er trug tatsächlich etwas um den Hals, das wie eine Art indianisches Lederamulett aussah, wie man es auf Fotos von Schamanen manchmal sieht.

»Der Rain Song ist Don Maddisons größter Hit«, sagte ich. »Natürlich wird er ihn singen.«

Der Mann schnaubte. »Er hat kein Recht dazu. Das Lied gehört ihm nicht. Das Lied gehört meinem Volk. Und es ist heilig.«

Ich war nicht in der Stimmung, ihn über das internationale Urheberrecht zu belehren und darüber, dass es weltweit anerkannte Übereinkunft ist, jedes kreative Werk, sei es ein Lied, ein Roman oder sonst etwas, siebzig Jahre nach dem Tod seines Urhebers als Bestandteil des kulturellen Erbes der Menschheit zu betrachten, zur freien Verfügung für jedermann. Ich seufzte nur und erwiderte: »Wie ich gerade gesagt habe, es ist sein größter Hit. Die Leute werden ihn nicht gehen lassen, ehe er ihn gesungen hat. Keine Chance.«

Er kam auf mich zu, kam mir ungemütlich nahe. »Sie dürfen das nicht erlauben. Es ist ein heiliges Lied, und es hat Macht. Seine Worte sind Worte göttlicher Macht. Seine Melodie ist heilig. Sie wissen nicht, was geschehen wird, wenn all diese Leute es gemeinsam singen.«

Wie ich schon erwähnte: Abergläubische Leute machen mich rasend. »Quatsch«, sagte ich. »Er hat es auf der Tournee schon mit Tausenden von Leuten gesungen. Und nichts ist passiert.« Ich grinste spöttisch und wiederholte betont: »Nichts.«

Etwas in seinem Gesicht veränderte sich. Er sah mich auf eine Weise an, die mich fast an alles hätte glauben lassen können. Höchste Zeit, dass die Wachleute kamen.

»Nein«, sagte er düster, »weil es nicht der richtige Zeitpunkt war.«

Endlich kamen sie, schnappten ihn bei den Armen und zerrten ihn aus meinem Büro. »Heute Nacht ist Vollmond!«, konnte ich ihn noch schreien hören, während Joe und Bill ihn den Korridor entlang schleppten. »Vollmond…!«

Es stimmte: Ein voller Mond hing an einem klaren blauen Himmel, und der Abend war so warm und sanft, wie ein Sommerabend nur sein konnte, als Don Maddison auf die Bühne trat und die Menge ihm zujubelte, als wäre es ein Rockkonzert. Einen Augenblick später war es wieder still – einhundertvierundvierzigtausend Leute, die in absoluter Stille zuhörten. Er hatte sie. Und wieder einen Moment später begannen sie alle miteinander zu singen.

Er begann mit dem Rain Song. Auf meine dringende Bitte hin, denn ich hatte wirklich Sorge, der verrückte Medizinmann könne mit ein paar Polizisten und einer einstweiligen Verfügung wieder auftauchen, noch ehe das Konzert vorüber war.

Ich stand am Bühnenrand und sah zu. Ich will erst gar nicht versuchen zu beschreiben, wie es war oder wie es sich anfühlte, da zu stehen, das ganze Wembley-Stadion singen zu hören und Hunderttausende von Armen wogen zu sehen wie Gras im Wind – was immer ich darüber sagen würde, klänge nur wie ein armseliges, weit entferntes Echo einer überwältigenden Erfahrung. Alles, was ich sagen will, ist, dass ich da stand und zusah, und während ich zusah, bemerkte ich, dass sich der blaue Himmel mit Wolken sprenkelte.

Zarte weiße Wolken, aber ich wurde ein wenig unruhig. Einhundertvierundvierzigtausend Kehlen sangen den Rain Song, und auf einmal wünschte ich mir, ich hätte sie stoppen können. Einhundertvierundvierzigtausend Sänger, die das heilige Lied zum Himmel hinaufschickten. Die die Worte sangen, die Macht hatten.

Es fing zu regnen an, noch ehe das Lied vorüber war.

Das war vor drei Jahren. Seit diesem Tag hat es nie wieder aufgehört zu regnen.

 

© 2007 Andreas Eschbach