Man hat mich schon oft gefragt, ob ich nicht mal eine Weihnachtsgeschichte schreiben wolle. Es muss trotz der zahllosen Erzählungen rund um dieses Thema einen schier unstillbaren Bedarf an weiteren Erzählungen rund um dieses Thema geben.
Aber leider ist Weihnachten ein Feiertag, der bei mir irgendwie keine kreativen Funken schlägt. Deshalb blieb es immer dabei, dass ich – durchaus ehrlichen Herzens – versprach, darüber nachzudenken, mir weiter aber nichts dazu einfiel.
Bis Carsten Polzin vom Piper-Verlag mich das fragte. Der Unterschied war, dass er hinzufügte: »Aber es sollte etwas Schräges sein.«
Schräg.
Nun – damit kann ich etwas anfangen…
Sie hieß Helena, ließ sich von allen Leuten aber nur Lena nennen, war siebenunddreißig Jahre alt und würde zum ersten Mal Weihnachten allein verbringen.
Das Wetter war so traurig wie diese Aussicht. Nasskalte Tage reihten sich auf das Fest zu. Der Himmel blieb grau und inkontinent, kein Schnee sank, nur die Temperaturen draußen. Hässliche Dinge geschahen. Zweimal fand Lena ein totes Tier am Straßenrand, erst einen überfahrenen Fuchs und am Tag darauf eine zerquetschte Katze. Sie sah eine Amsel, die an dem Kadaver herumpickte, und eine andere Katze, die sich mit glitzerndem Jägerblick näherte, ganz offensichtlich nur an der möglichen Beute interessiert, nicht am Schicksal ihrer Artgenossin.
Fressen oder gefressen werden, das war die Devise in der Welt der Tiere. Von einem Fest der Liebe, erkannte Lena, wussten Tiere nichts.
Um so trostloser zu erleben, dass auch Menschen dieses Fest auf den bloßen Anlass reduzierten, Geld auszugeben und Geschäfte zu machen, obwohl sie es besser hätten wissen können.
So überrumpelte sie ein Makler, indem er es verstand, den Eindruck zu erwecken, er käme von einer Behörde. Ehe Lena recht begriffen hatte, was los war, stand der Mann schon in ihrer Eingangshalle, sah sich um und sagte, sie solle das Haus verkaufen, es sei viel zu groß für sie. »Die vielen Räume! Da sind Sie ja nur am Putzen. Von den anstehenden Reparaturen ganz zu schweigen. An denen zahlen Sie sich tot, und wofür?«
Lena erklärte ihm kühl, das Haus sei seit über hundert Jahren im Besitz ihrer Familie und nichts käme weniger in Frage, als es zu veräußern.
Der Mann hob die Schultern. »Ich kann Ihnen nur sagen, dass solche alten Herrenhäuser heutzutage sehr gesucht sind. Organisationen und Firmen, die einen repräsentativen Sitz wünschen, sind bereit, dafür viel Geld zu zahlen. Sie hätten ausgesorgt, um es plastisch auszudrücken. Überlegen Sie es sich. Sie bekämen leicht anderswo ein schönes kleines Haus oder eine komfortable Wohnung und hätten genug Vermögen übrig, um den Rest Ihres Lebens finanziell unabhängig zu sein.«
»Ich bin noch jung«, sagte Lena.
»Gerade deshalb sage ich es«, erwiderte der Makler und reichte ihr seine Karte. »Hier, für alle Fälle. Sie erreichen mich jederzeit, auch an den Feiertagen.«
Lena nahm die Karte und legte sie, nachdem der Mann gegangen war, auf den großen, staubigen Stapel Werbepost im Flur neben dem Telefon, den zu entsorgen es wirklich höchste Zeit wurde. Gleich nach Weihnachten und noch vor Silvester, schwor sie sich.
Ihr Haus zu verkaufen, was für eine Idee! Ihr Urgroßvater, ein Fabrikant, hatte es erbaut und mit zwei Ehefrauen insgesamt elf Kinder darin großgezogen. Ihr Großvater hatte es noch auf vier Kinder gebracht, wozu fünf Ehen notwendig gewesen waren, und ihr Vater und ihre Mutter schließlich hatten nur ein einziges Kind bekommen: Lena, die ihrerseits kinderlos war und es, wie es aussah, auch bleiben würde.
Doch war das wichtig? Dies war ihr Zuhause, war es immer gewesen. Ihr Schloss. Ihre Burg. Wenn sie die eichene Haustür hinter sich zuzog, kam es ihr immer noch so vor, als zöge sie eine Fallbrücke hoch. Die Zinnen um das Dach herum erschienen ihr seit Kindertagen wie Wehrgänge, die Erker an den Hausecken wie Wachtürme.
Groß war es, ja. Drei Etagen, das Erdgeschoss mit herrschaftlich hohen Decken und einer imposanten Treppe hinauf in die oberen Stockwerke…
Was hatte es nur auf sich mit diesem verdammten Weihnachten, diesem so raumgreifenden Kalendereintrag, dass es ihr vorkam, als sei das Haus größer und stiller und leerer als sonst? Eine Halluzination, weiter nichts. Vaters Tod hatte schließlich an den tatsächlichen Verhältnissen nichts geändert; dass ihr nach seinem Schlaganfall vor dreieinhalb Jahren keine andere Wahl geblieben war, als ihn in ein Pflegeheim zu geben, war doch die weitaus dramatischere Veränderung der Situation gewesen!
Alle zwei Wochen mindestens hatte Lena ihn besucht. Zwei Stunden mit dem Auto waren das immer gewesen, über schmale Straßen zwischen Kuhweiden und Feldern, vorbei an Höfen, in denen Hühner frei herumliefen. Das Heim selber lag am Rand eines ehrfurchteinflößenden Waldes, aus dem manchmal Rehe traten und mit furchtsamer Neugier die Bauwerke der Menschen musterten. Über die Weihnachtsfeiertage hatte Lena sich dann jeweils in einem Gasthof im Dorf ein Zimmer genommen, immer dasselbe, mit einem Blick auf den Bach hinter dem Haus, an dessen Ufer sich stets ein paar Enten und Gänse zu schaffen machten, selbst im Winter.
Zum Schluss hatte Lena nur noch verfolgen können, wie der Geist ihres Vaters zerfiel, und als schließlich der Anruf der Heimleiterin kam, er sei friedlich eingeschlafen, war es beinah eine Erlösung gewesen. Lena ließ ihn neben ihrer Mutter begraben, deren Tod zwölf Jahre zuvor sie zum Anlass genommen hatte, ihrem Studium der Germanistik den Rücken zu kehren, wieder nach Hause zu ziehen und ihrem Vater den Haushalt zu fuhren, da er das selbst nicht gekonnt hätte; er hatte noch zu jener Generation gehört, die in haushälterischer Hilflosigkeit gehalten worden war. Ohne Lena wäre ihm damals nur der Weg ins Altersheim geblieben, und sie wusste, dass er ihr für ihren Entschluss dankbar gewesen war, wenngleich er es nie ausgesprochen hatte.
Allerdings hatte sie ihre wissenschaftlichen Ambitionen mit ihrer Rückkehr ins elterliche Haus nicht aufgegeben, es ging eben nur langsamer voran. Nach wie vor schrieb sie, wann immer sie die Zeit dazu fand, an ihrer Magisterarbeit über Friedrich von Hausen, den großen Minnesänger aus dem 12. Jahrhundert. Dessen berühmtestes Lied »Abschied«, das den Kampf zwischen Herz und Leib zum Thema hatte, hing in einer farbenprächtig ausgemalten Fassung über ihrem Schreibtisch, und so manches Mal, wenn sie lange in ihrem Arbeitszimmer hoch unter dem Dach saß, war ihr, als müsse sie in einem früheren Leben selber eine Burgdame gewesen sein. Sie meinte bisweilen, die ferne, schmachtende Stimme eines Ritters zu hören, der zu ihr emporsang: »Mîn herze und mîn lîp, diu wellent scheiden, diu mit ein ander wâren nu manige zît…«
Zweifellos, sagte sie sich, war das eine bessere Zeit gewesen.
Kein Tannenbaum, beschloss Lena nach langem Grübeln. Genau genommen beschloss es sich von selbst, denn Lena hatte noch nie einen Baum für Weihnachten gekauft; das war immer die Aufgabe ihres Vaters gewesen. Es wäre ihr ungehörig erschienen, sich einer Aufgabe zu bemächtigen, die so sehr eine elterliche, väterliche war.
Immerhin hängte sie, einer Tradition ihrer Mutter folgend, Meisenknödel vor das Fenster ihres Arbeitszimmers; ein Weihnachtsgeschenk an die Vogelwelt. Wenn sie über ihren Büchern saß, war es bisweilen eine schöne Abwechslung, von den mittelalterlichen Sagen und Märchen aufzuschauen und zu beobachten, wie sich die Meisen über den Kloß aus Fett und Körnern her machten. Kopfüber krallten sie sich daran, schwangen mit ihm herum, während ihre kleinen Köpfe vor jedem Pick schier endlos oft hierhin und dahin ruckten, ob auch von nirgends Gefahr drohte.
Dieses Jahr kamen fast jeden Tag sechs Blaumeisen, und nach einiger Zeit war Lena, als erkenne sie jedes der Tiere wieder. Die blaugelben kleinen Wesen sahen aus wie aus Wolle gemacht, doch so niedlich ihr Treiben auch war, man kam nicht umhin zu bemerken, dass sie untereinander eine strenge, geradezu erbarmungslose Rangordnung einhielten – eine Rangordnung, die dem größten und stärksten Tier stets den Vorrang einräumte. Erst wenn dieses nicht mehr weiter fressen wollte, durften sich die anderen dem Futterbatzen im grünen Netz nähern. Manchmal duldete einer der Vögel einen Artgenossen auf der anderen Seite der Kugel, doch wenn, dann nicht für lange. Und immer war es der Kleinste und Schwächste, der am Schluss an die Reihe kam, wenn kaum noch etwas übrig war.
Und so waren es seit ein paar Tagen nur noch fünf Meisen, die sich um den Knödel sammelten. Lena musste unwillkürlich seufzen, als ihr aufging, was das bedeutete.
Doch so war das nun mal in der Natur. Tiere kannten keine Gnade, kein Erbarmen, kein Mitgefühl. Lieben, sagte sich Lena, war etwas, das nur Menschen konnten. Und auch die konnten es nicht besonders gut.
Aber sie würde der Versuchung widerstehen, sich dieser trostlosen Stimmung zu ergeben. Auch wenn es traurig war, an einem solchen Fest allein zu sein: Andere hatten es auch nicht leicht oder sogar noch schwerer. Die Bergers von nebenan zum Beispiel, deren damals elfjähriger Sohn vor vier Jahren verschwunden war. Lena hatte das Kind gekannt. Nun, was hieß gekannt? Vom Fenster ihres Zimmers aus hatte sie im nachbarlichen Garten einen Knaben spielen sehen, meistens alleine. Im Sommer hatte er nackt in einem blaugelben Planschbecken gesessen, dessen Wasser offenbar nie ausgewechselt wurde, jedenfalls war es im Lauf der Wochen immer schmutziger geworden. Und nun war er nicht mehr da, war verschwunden – an Weihnachten auch noch, hieß es –, und seine Eltern mussten damit leben, dass nie irgendeine Spur von ihm gefunden worden war.
Sicher musste man, wie meistens in solchen Fällen, vom Schlimmsten ausgehen, also davon, dass der kleine Julius nicht mehr lebte, aber solange man keine Gewissheit hatte, blieb eben doch ein quälender Rest Hoffnung. Lena begegnete den Eltern gelegentlich auf der Straße. Der Vater war ein verbitterter Mann Mitte fünfzig, der seit damals eine Privatfehde gegen die in seinen Augen unfähige Polizei führte, indem er immer wieder Beschwerden einreichte und jede Zeitungsmeldung über unaufgeklärte Verbrechen zum Anlass für ätzende Leserbriefe nahm, die das Lokalblatt auch stets abdruckte. Seine Frau, dicklich und etwa zehn Jahre jünger, tröstete sich mit einem mageren kleinen Schäferhundmischling, der ihr kurz nach dem Verschwinden Julius’ zugelaufen war und den sie seither mit inbrünstiger Liebe umhegte – ja, Lena hatte durchaus den Eindruck, dass diese Frau den Hund im Grunde mehr liebte, als sie ihren Sohn geliebt hatte.
Für die Bergers war Weihnachten jedenfalls bestimmt schlimmer, dachte Lena, und die Einsicht, dass es Menschen gab, die schlechter dran waren als sie selbst, veranlasste sie, an keinem Bettler vorbeizugehen, ohne ihm ein paar Münzen in den Hut oder die Pappschale zu werfen. Ihr schauderte, wenn diese abgehärmten, schlecht gekleideten Menschen ihr mit schwülstigen Worten dankten, und sie fragte sich, wo sie wohl den Weihnachtsabend verbringen würden und unter welchen Umständen. Sie konnte wahrhaft froh sein, dass sie ein gut geheiztes Haus besaß und nichts entbehrte außer menschlicher Gesellschaft.
Und trotzdem…
Je näher Heiligabend rückte, desto größer wurde die Unruhe, die sie erfüllte. Sie drehte jeden Abend ihre übliche Runde durchs Haus, um zu prüfen, dass alle Türen und Fenster auch wirklich verschlossen waren – und das Haus besaß von beidem eine Menge –, doch vor dem Schlafengehen konnte sie nicht anders, als noch einmal einen zweiten Rundgang zu machen. Dass dieser stets erbrachte, dass das Haus tatsächlich im Rahmen des Möglichen verrammelt und verriegelt war, änderte nichts an diesem Zwang.
Vielleicht, überlegte Lena, musste sie im neuen Jahr doch einmal psychologische Hilfe suchen.
Diese zwanghaften Rundgänge waren vermutlich Ausdruck ihres Unbewussten, einer uneingestandenen Angst, vielleicht sogar eines Wunsches, es möge jemand kommen, es möge jemand in ihr Leben eindringen… Das war ihr klar; sie hatte etliche Bücher darüber gelesen. Das Problem war nur, dass das Lesen von Büchern wenig half gegen solche Ängste. Nichts eigentlich. Dabei konnte sie sich schon denken, dass ein Psychologe ihr auch nichts anderes raten würde als das, was sie sich selber immer wieder sagte: dass sie ihr Leben ändern musste, das schon viel zu früh in ein viel zu festes Gleis geraten war.
Aber wie stellte man das an? Sie hatte keine Ahnung. Also kamen die Ängste, logisch.
Und sie kamen in Wellen. Am schlimmsten war es eben immer um Weihnachten herum. Die letzten Jahre hatte sie, wenn sie von den Besuchen bei ihrem Vater zurückgekehrt war, manchmal das Gefühl geplagt, es sei in ihrer Abwesenheit jemand im Haus gewesen. Jemand, der nichts gestohlen und keine Spuren hinterlassen hatte, was natürlich nicht für einen Einbrecher aus dem wirklichen Leben sprach. Es war ihr vorgekommen, als fehlten Lebensmittel – doch war sie in Dingen des täglichen Lebens kein so systematischer Mensch, dass sich dieser Verdacht irgendwie hätte bestätigen lassen. Einmal hatte sie bei ihrer Rückkehr einen aufgedrehten Heizkörper vorgefunden, worüber sie sich sehr erschreckt hatte, bis ihr eingefallen war, dass sie ihn wahrscheinlich selbst geöffnet und dann vergessen hatte vor ihrer Abfahrt.
Das war ihr alles klar, und sie nahm sich das mit dem Psychologen fest vor, während sie an Heiligabend bei Einbruch der Dämmerung den zweiten, überflüssigen Rundgang absolvierte. Sie suchte danach sogar ein paar Nummern aus dem Telefonbuch heraus und legte den Zettel zwischen die entsprechenden Seiten ihres Kalenders.
Und machte, sicherheitshalber, noch einen dritten Rundgang.
Diesmal kam ihr die Idee, auch die nach innen führenden Türen der einzelnen Kellerräume abzuschließen. Den Heizkeller. Die Waschküche. Die Werkstatt, in der das Werkzeug ihres Vaters verstaubte. Den Keller mit den uralten Schlafzimmerschränken, in denen die Kleider ihrer Mutter und die Anzüge ihres Vaters hingen, die wegzuwerfen sie bisher nicht über sich gebracht hatte. Den Keller, in dem die Tiefkühltruhe stand und das Weinregal, das inzwischen ohnehin so gut wie leer war.
Als alles verriegelt war, fühlte sie sich besser. Sie stieg die Kellertreppe wieder hinauf, bereitete sich in der Küche das Abendessen, etwas festlicher als gewöhnlich, weil Heiligabend war, aber wiederum auch nicht so festlich, dass die Abwesenheit eines Gegenübers sich schmerzlich bemerkbar machen würde. Nach dem Essen sah sie sich einen Film im Fernsehen an, dann ging sie schlafen. Es gelang ihr, den Drang, noch einen allerletzten Rundgang zu machen, niederzukämpfen und ins Bett zu gehen. Es war bestimmt besser, derartigen Impulsen nicht nachzugeben, sagte sie sich und schloss die Augen.
Sie erwachte mitten in der Nacht, überzeugt, dass es ein Geräusch im Haus gewesen war, das sie geweckt hatte.
Aufrecht im Bett sitzend, umgeben von wogender Dunkelheit, die Hand auf dem Lichtschalter, lauschte sie. Nichts. Ein Auto in der Straße, ein Knacken im Gebälk, rätselhaft, aber vertraut. Ansonsten Stille. Natürlich. Ein dummer Traum.
Lena seufzte und schaltete das Licht ein. Nein, das ging zu weit. Sie konnte nicht am heiligen Abend einen Psychotherapeuten anrufen. Schon gar nicht mitten in der Nacht.
Die Telefonseelsorge vielleicht? Dort war bestimmt jemand zu erreichen. Auch an Weihnachten. An Weihnachten erst recht.
Zum ersten Mal fragte Lena sich, ob alles so enden würde, dass sie sich in eine psychiatrische Klinik einweisen lassen musste. Der Gedanke krampfte ihr das Herz zusammen.
Bitte nicht, dachte sie, ein banges Gebet an eine namenlose Schicksalsmacht, lass mein Leben nicht so verfahren enden.
In diesem Augenblick hörte sie das Geräusch wieder.
Es kam aus dem Keller. Es hörte sich an, als werfe sich jemand gegen eine der Innentüren, die sie verschlossen hatte.
»Gott im Himmel«, murmelte Lena. Also war es doch keine Einbildung gewesen. Also war sie doch kein Fall für die Psychiatrie. Obwohl sie das in diesem Moment beinahe vorgezogen hätte.
Was jetzt? Polizei. Sie musste die Polizei anrufen. Jemand war in ihrem Keller, mitten in der Nacht. Das würde ja wohl Grund genug sein.
Schnell. Das Telefon stand unten im Flur. Ein uraltes Modell, weil ihr Vater nichts von den modernen, herumtragbaren Geräten gehalten hatte. Schnell, ehe etwas geschah, das sich zwischen sie und das Telefon stellte.
Lena schlüpfte aus dem Bett, hatte keine Zeit für Pantoffeln, hastete auf nackten Füßen hinaus und die Treppe hinunter. 112. Das war die Notrufnummer.
Die Hand auf dem Hörer verharrte sie. Stille. Auf einmal war sie sich nicht mehr sicher, ob sie dieses Geräusch wirklich gehört hatte. Was, wenn es nur Einbildung gewesen war? Sie konnte doch nicht die Polizei rufen, und dann war da nichts.
Sie hielt den Atem an. Stille. Dröhnende, ohrenbetäubende Stille. Lena ließ den Hörer los.
Das Geräusch war aus dem Keller gekommen. Wenn sie alle Peinlichkeit vermeiden wollte, blieb ihr nichts anderes übrig, als dort nachzusehen. Sie schluckte.
Vielleicht genügte es ja, am oberen Ende der Kellertreppe stehenzubleiben und zu horchen. Bestimmt genügte das. Ein Geräusch, das im Stande gewesen war, sie oben im Schlafzimmer zu wecken, würde von da aus zweifellos zu hören sein.
Sie drehte den Schlüssel, leise, öffnete die Tür. Lauschte.
Ja. Da war ein Geräusch.
Jemand weinte.
Es klang nicht nur harmlos, es klang entsetzlich hilfebedürftig. So, als ob jemand, der klein und schwach war, Schmerzen litt.
Was natürlich ein Trick sein konnte. Eine Falle.
Aber nachsehen musste sie, daran führte kein Weg vorbei. Lena eilte so leise wie möglich ins Wohnzimmer, zu dem mächtigen offenen Kamin, der zuletzt angeheizt gewesen war, als Vater noch im Haus gelebt hatte, nahm geräuschlos den hundert Jahre alten Schürhaken aus Schmiedeeisen vom Gestell und kehrte damit zur Kellertreppe zurück.
Ihr Herz pochte so laut, dass sie meinte, es als Echo von den Kellerwänden widerhallen zu hören. Doch das Weinen und Stöhnen war keine Einbildung. Es kam von der Tür, die zur Waschküche führte.
Die Waschküche, die eine Tür in den Garten besaß. Unter dem Türspalt schimmerte Licht.
Was ging hier vor sich?
Den Schürhaken fest umklammert, lauschte Lena an der Tür. Das Stöhnen kam in Abständen, und es klang wie das Stöhnen eines Kindes. Was um alles in der Welt machte ein stöhnendes Kind an Heiligabend in ihrer Waschküche?
Auf einmal ertrug Lena all diese Fragen nicht mehr, die sich in ihrem Kopf jagten und überschlugen. Sie hob den Schürhaken mit der einen Hand, bereit, zuzuschlagen, drehte mit der anderen in einer heftigen, ungeduldigen Bewegung den Schlüssel und riss die Tür auf.
Der Korb mit der Schmutzwäsche war umgestoßen. Auf dem traurigen Haufen aus Slips und Handtüchern lag ein Junge von vierzehn oder fünfzehn Jahren, in einer seltsam verkrümmten Haltung, das Gesicht verzerrt, am ganzen Körper zitternd.
Was kein Wunder war, denn es war kalt, und er war splitternackt.
»Wer bist du?«, stieß Lena hervor.
Der Junge antwortete nicht. Er machte auch keinerlei Anstalten, seine Blöße zu bedecken. Lena sah auf sein Geschlecht, das zwar von dunklem Haar umrahmt war, aber trotzdem so klein und niedlich aussah wie das eines Puttenengels auf einem Barockgemälde.
Es gehörte sich nicht, darauf zu starren. Sie hob den Blick und begegnete dem seinen.
Und erkannte ihn.
»Julius?«
Der verschwundene Sohn der Bergers…? Sie verstand überhaupt nichts mehr.
Er sagte immer noch nichts, aber sein Gesicht spannte sich an, wie unter einer alle Kräfte fordernden Anstrengung.
»Was machst du?«
Da war ihr Blick auf seine Füße gefallen, o Gott, seine Füße, oder was immer das war, und ein Schrei stieg in ihr hoch, blieb ihr in der Kehle stecken, wollte hinaus… Das waren keine Füße, keine menschlichen zumindest, das waren die Hinterbeine eines Tiers, längliche, fellbedeckte Läufe mit Krallen! Der Schrei drang nach außen, aber nur in Form eines erstickten Keuchens.
»Gleich«, stöhnte der Junge. Julius. »Die Füße brauchen immer am längsten.«
Was? Wovon redete er?
»Einen Moment noch – «
Wie gelähmt stand Lena da und sah zu, wie sich die Läufe verformten, langsam und zäh, wie das Fell dünner wurde, durchscheinender, und wie es schließlich verschwand und nur Haut zurückließ, wie sich die Krallen zu Zehennägeln umbildeten und die langgezogenen Hinterbeine zu menschlichen Füßen wurden. Julius ächzte während dieses gespenstischen Prozesses leise; was da vor sich ging, schien nicht nur anstrengend, sondern auch schmerzhaft zu sein.
»Kann ich bitte etwas zum Anziehen haben?«, flüsterte der Junge schließlich. »Mir ist kalt.«
»Was?« Lena war, als erwache sie aus einem schlechten Traum, nur um zu sehen, dass es kein Traum gewesen war. »Zum Anziehen…?« Sie fuhr sich mit der Hand durch das Haar. »Ich weiß nicht, was ich dir da… welche Größe und so… für einen Jungen…«
Julius zog die Beine an sich, rollte sich zusammen. Zu mehr schien er im Augenblick nicht in der Lage zu sein. »Im Raum nebenan. Dort, wo all die Schränke stehen… Also, in der untersten Schublade ganz rechts, da müsste ein grauer Trainingsanzug liegen.«
Lena starrte ihn an, außerstande, sich zu bewegen.
»Den habe ich die letzten Male immer getragen«, hauchte der Junge verlegen.
Die letzten Male?, fuhr es ihr durch den Kopf. Also doch. Sie hatte sich nichts eingebildet. Es war beinahe eine Erleichterung, das zu hören.
»Warte«, sagte Lena.
Sie ging hinaus, öffnete die Tür zum Nebenraum, machte Licht. Tatsächlich, in der Schublade lag ein dicker grauer Trainingsanzug, der einst ihrem Vater gehört hatte. Er roch muffig, aber er war warm, einigermaßen jedenfalls. Darunter lagen dicke, handgestrickte Socken, die Lena ebenfalls herausnahm.
Als sie damit in die Waschküche zurückkehrte, stand Julius da und wartete. Er schien seine Nacktheit überhaupt nicht zu bemerken, so, als habe er vergessen, was es damit auf sich hatte, nackt zu sein.
Sie reichte ihm die Sachen. »Hier. Und jetzt würde ich gern erfahren, was hier los ist.«
Er schlüpfte in die Hose. »An Weihnachten muss ich immer Mensch werden. An Heiligabend kurz vor Mitternacht geht es los, und irgendwann am nächsten Morgen ist es wieder vorbei.« Er warf ihr einen scheuen Blick zu, griff nach den Socken. »Ich bin die letzten Jahre immer hier im Haus gewesen, während Sie nicht da waren. Tut mir leid.«
»Und wie bist du hereingekommen?«
»Ich wusste, dass Sie Ihren Reserveschlüssel in der kleinen blauen Vase auf dem Fensterbrett im Anbau aufbewahren.« Er streifte das Oberteil über. »Ich hab Sie mal beobachtet, als ich noch klein war. Von einem der Bäume aus.«
Lena nickte, in Gedanken ganz woanders. »Du sagst, an Weihnachten musst du Mensch werden… Was heißt das? Was bist du das restliche Jahr über?«
Er zögerte. Dabei wusste sie schon, was er antworten würde.
»Da bin ich ein Hund«, sagte er.
Ein Fluch, durchfuhr sie die Erkenntnis. Ein Fluch lastet auf ihm, genau wie in den Märchen. Und heute Nacht ist die Gelegenheit, den Bann zu brechen.
Lena sah sich blinzelnd um, betrachtete die Kellertür, den Schlüssel, der nun von innen steckte, die Waschmaschine, die auf dem Betonboden verstreute Schmutzwäsche, die kahlen Wände, die nach dem Krieg das letzte Mal gestrichen worden waren. »Wir müssen nicht hier unten in der Kälte herumstehen«, sagte sie. »Gehen wir nach oben. Möchtest du etwas essen?«
»Ja, gern«, sagte Julius.
Sie stiegen die Treppe hoch, und Lenas Gedanken nahmen Fahrt auf. Das Schicksal des Jungen hing jetzt von ihr ab, höchstwahrscheinlich zumindest. Sie durfte keinen Fehler machen, musste richtig entscheiden… Die plötzliche Last der Verantwortung nahm ihr fast den Atem.
»Was möchtest du?«, fragte sie, als sie die Küche betraten. Hier war es angenehmer als im Keller, aber auch nicht gerade gemütlich. Lena drehte die Heizung auf, obwohl sie wusste, dass das nichts nützen würde, weil es schon spät war und der Kessel nur noch auf Nachttemperatur lief.
»Etwas Warmes«, bat der Junge und fügte mit unüberhörbarer Begeisterung in der Stimme hinzu: »Etwas mit Schokolade.«
Das also hatte er vermisst. Natürlich. Was bekam ein Hund zu fressen? Fleisch, aus der Dose. Kalt.
»Etwas Warmes mit Schokolade«, wiederholte Lena. »Soll ich dir einen Kakao machen?«
»Das wäre prima«, nickte Julius.
Sie nahm eine Kasserolle vom Haken, entzündete die Gasflamme, holte Milch aus dem Kühlschrank. Ihre Gedanken rotierten derweil weiter. Wie war ein Bann zu brechen? Sie brauchte einen Hinweis, irgendeine Spur…
Kakaopulver war noch da, zum Glück.
»Die letzten Male – letztes Weihnachten und die Weihnachten davor – wusstest du da, dass ich nicht zu Hause war?«, fragte sie, während sie die Milch rührte.
»Ja«, sagte er.
»Woher?«
»Ein Hund weiß so was.«
Aha. »Und diesmal?«
»Ich wusste nicht, wo ich sonst hin sollte. Ich wollte ganz leise sein, im Keller bleiben…«
»Verstehe.« Sie steckte einen Finger in den Kakao. Heiß genug. Sie füllte alles in eine große Tasse und stellte sie ihm hin. »Erzähl doch mal. Wie ist das alles gekommen?«
Er griff mit beiden Händen nach der Tasse. »Was?«
»Dass du zum Hund geworden bist.«
»Genau weiß ich das auch nicht… Es war an Weihnachten. Ich denke, deswegen fällt die Zeit, in der ich Mensch werden muss, immer auf Heiligabend.« Er trank, immer noch mit beiden Händen. Es wirkte ungeschickt, so, als wäre er den Gebrauch seiner Hände nicht mehr gewöhnt.
Immerhin hat er den Schlüssel ins Schloss bekommen, dachte Lena. »Was ist passiert?«
»Ach, es war ein ganz blöder Anlass. Ich hatte mir einen MP3-Player zu Weihnachten gewünscht, und zwar wirklich gewünscht, ganz fest. Ich meine, es hätte ja irgendeiner sein können, auch ein ganz billiger; alle in der Schule hatten so ein Teil, bloß ich nicht, das war wirklich nicht mehr witzig, verstehen Sie? Jedenfalls habe ich meiner Mutter damit monatelang in den Ohren gelegen, hab es wirklich bei jeder Gelegenheit gesagt, und ich dachte, vielleicht hört sie diesmal auf mich…« Sein Gesicht verschloss sich, sein Blick schien in eine weit entfernte Vergangenheit zu entgleiten. »Mutter hat sich damals immer um den Hund von Frau Bose gekümmert – das ist eine Freundin von ihr, die oft verreisen muss, geschäftlich und so. Meine Mutter war ganz vernarrt in dieses Viech, und ausgerechnet diesmal war die Töle das erste Mal über Weihnachten da, fast den ganzen Dezember über. Und als ich dann unter dem Weihnachtsbaum saß, meine Mutter mit dem Hund spielte und redete, die ganze Zeit, echt… und ich mein Geschenk auspackte und es nur ein blödes Hemd war… da bin ich ausgerastet.«
Er atmete schwer, schien den dampfenden Becher in seinen Händen vergessen zu haben.
Lena sagte nichts.
»Es war nicht, weil ich nicht bekommen hatte, was ich mir gewünscht hatte, verstehen Sie? Es war, dass meine Mutter sich nicht einmal daran erinnerte, was ich mir gewünscht hatte. Ich hatte mindestens seit September jeden verdammten Tag auf sie eingeredet, und sie hatte nicht mal mitbekommen, dass ich mir was gewünscht hatte!«
Lena nickte sachte. »Und dann?«
»Ich hab das Hemd liegen lassen und bin auf mein Zimmer gegangen. Aber die Wut ist angeschwollen und angeschwollen, weil es immer so war, verstehen Sie, immer, und am Ende ist irgendwas in mir… geplatzt. Ich bin abgehauen. Raus. Mitten in der Nacht. Es war sternklar, das weiß ich noch, und kalt, und ich bin einfach nur durch die Straßen gelaufen und gelaufen…« Er sah sie an, mit einem Blick, in dem sich Schmerz spiegelte. Nein, mehr als Schmerz – Entsetzen. »Irgendwann war ich auf dem Hermannsberg. Den nennt man auch Hexenberg, wussten Sie das?«
»Hexenberg?« Das hatte Lena nicht gewusst. Aber irgendwie überraschte es sie nicht.
Julius atmete immer noch schwer, brachte eine ganze Weile nichts heraus. »Ich war… Ich weiß nicht. Ich habe die ganze Zeit nur gedacht: ›Ich möchte ein Hund sein. Ich möchte ein Hund sein. Wäre ich ein Hund, dann würde sich meine Mutter auch um mich kümmern.‹ Immer wieder dieser Gedanke, wie ein glühendes Eisen, das in mir herum und herum wühlte…«
Er starrte ins Leere, minutenlang. Dann brach die Starre, er seufzte, erinnerte sich wieder an den Kakao in seinen Händen und führte die Tasse an den Mund, für einen ungeheuren Schluck.
»Und dann?«, fragte Lena schließlich.
Julius zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Von da an konnte ich es. Ich bin irgendwann zu mir gekommen, und erst mal hab ich nur gemerkt, dass irgendwas anders ist. Ich hab ‘ne Weile gebraucht, ehe ich kapiert hatte, dass ich auf einmal ein Hund war.«
»Das muss ein ziemlicher Schock gewesen sein.«
Er sah sie erstaunt an. »Ein Schock? Nein, überhaupt nicht. Es war okay. Ich hab nicht groß drüber nachgedacht… Man denkt ganz anders, wenn man ein Hund ist, wissen Sie? Mir war einfach kalt, ich wollte irgendwohin, wo es mir besser gehen würde, und dann bin ich nach Hause gelaufen. Ich wusste nicht einmal mehr, dass man klingelt, ich hab einfach an der Tür gekratzt und gejault, bis mir meine Mutter aufgemacht hat… Sie hat sich gefreut, das habe ich gemerkt. Der andere Hund war schon fort, und sie hat mir zu fressen gegeben und so weiter… Es war gut, ganz einfach. Es ging mir gut, und mehr wollte ich nicht. Ich erinnere mich, dass eine seltsame Unruhe im Haus herrschte, die mich nervös gemacht hat – ich hab damals nicht begriffen, dass es war, weil sie nach mir suchten; so was begreift man nicht als Hund.« Julius zuckte mit den Schultern. »Ich bin einfach geblieben, weil es mir dort gut ging. Ganz einfach.«
Lena spürte eine Gänsehaut über den Rücken laufen. »Bis es wieder Weihnachten wurde.«
»Ja.«
»Hast du gewusst, was dann passieren würde?«
Der Junge schüttelte den Kopf. »Da war bloß so eine… Unruhe. Ich bin raus, instinktiv, hab mich im Gebüsch versteckt, mich gefürchtet, ja. Bis ich dann…« Er hob den Becher mit einer heftigen Bewegung an die Lippen, trank ihn leer und stellte ihn hart auf den Tisch zurück.
Das knallende Geräusch schien lange nachzuhallen.
»Willst du noch etwas?«, fragte Lena.
Er zögerte. »Könnte ich bitte vielleicht ein… Rührei haben?« Der Ton, in dem er es sagte, schnitt Lena ins Herz. Es klang so mutlos, als sei ihm noch nie irgendein Wunsch erfüllt worden, den er geäußert hatte.
Bis auf den, ein Hund zu sein.
»Rührei.« Lena öffnete den Kühlschrank. Ein Glück, es waren mehr als genug Eier da. »Kein Problem. Hast du großen Hunger?«
»Riesenhunger.«
»Alles klar.«
Sie setzte eine Pfanne aufs Feuer, ließ Butter darin zerlaufen. »Das klingt wie aus einem Märchen«, sagte sie so beiläufig und nebenbei wie möglich. »Der verzauberte Junge, der nur an einem Tag im Jahr seine menschliche Gestalt wiedererlangt.«
»Hmm«, machte Julius hinter ihrem Rücken.
»Hast du eine Idee, was diesen Zauberbann wieder aufheben könnte?« In Märchen war das einfach. Da tauchte immer jemand auf, der erklärte, wie das Spiel lief. Man erfuhr den Grund dafür, dass jemand verzaubert worden war, und welch schier unmögliche Aufgabe es zu erfüllen galt, damit der Fluch wieder von ihm genommen wurde.
Sie drehte das Gas herunter, schlug drei Eier in die Pfanne und begann, die Masse zu verrühren. Von Julius kam keine Antwort. Sie drehte sich um und sah in ein verwundertes Gesicht.
»Was für ein Zauberbann?«, fragte er.
»Na ja. Was immer es ist, das dich zwingt, als Hund zu leben.«
»Es zwingt mich doch niemand.«
Es roch angebrannt. Lena wandte sich hastig wieder dem Herd zu, drehte das Gas ab, kratzte die gebräunte Schicht vom Boden der Pfanne. Dann gab sie alles auf einen Teller und legte eine Scheibe Brot dazu.
»Du hast gesagt, dass du das ganze Jahr über als Hund bei deinen Eltern wohnst, bis auf Heiligabend, wo du für ein paar Stunden wieder Mensch wirst«, sagte sie, als sie ihm den Teller hinstellte. »Das ist nicht gerade normal.«
Er nahm die Gabel, die sie ihm reichte, und begann gierig zu essen. »Stimmt. Das kann nicht jeder.«
Lena blinzelte verwirrt. »Was?«
»Sich in einen Hund verwandeln.«
Er aß weiter, hieb mit der Gabel auf die weißgelbe Masse vor sich ein, schaufelte sie in sich hinein, ohne zu bemerken, wie Lena sich setzen musste, weil ihre Knie nachzugeben drohten, als sie begriff.
»Das kannst du?«, flüsterte sie schließlich in die stumme Kälte zwischen den Esslauten.
»Außer an Heiligabend«, nickte Julius mit vollem Mund. »Mensch, Hund – wie ich will. Hin und her. Es ist bloß ziemlich anstrengend, deswegen bleibe ich ein Hund.«
»Freiwillig.«
»Ist doch viel besser.« Er kaute. Derb, schmatzend. »Als Hund muss man nichts tun, nichts werden, nichts vortäuschen – man lebt einfach. Man kann so sein, wie man ist, ohne dass einer an einem rummeckert. Wenn ich früher mal was gesagt hab, dass ich irgendjemanden nicht leiden kann zum Beispiel – gleich hieß es, das darf ich nicht sagen, das sei ungezogen, ich sei ein schlechter Mensch und so weiter. Wenn man ein Mensch ist und nicht so denkt und redet, wie es die andern von einem erwarten, dann ist man immer der Arsch. Dann heißt es gleich, etwas stimmt nicht mit einem. Sobald man sagt, was man wirklich denkt, dann kann einen keiner mehr leiden. Als Hund« – Julius riss ein Stück Brot entzwei, um den leergegessenen Teller bis zu den Rändern auszuwischen – »knurrst du einfach jeden an, den du nicht leiden kannst, und dann hat der ein Problem, nicht du. Du bist ja ein Hund; kein Mensch erwartet von einem Hund, dass er höflich ist, sich verstellt oder einem nach dem Mund redet. Als Hund darf man genau so sein, wie man eben ist, und wenn einer damit nicht zurechtkommt, kann’s einem scheißegal sein. Man kriegt sein Fressen trotzdem.«
Lena starrte ihn an. »Du bleibst freiwillig ein Tier…?«
»Das ist echt viel besser«, versicherte ihr der Junge. »Meine Mutter liebt mich erst, seit ich ein Hund bin.«
Liebe. Natürlich. Das war der Schlüssel.
Was auch sonst? Lena nickte unwillkürlich. Letzten Endes verhielt es sich doch wie in den Märchen. Mit dem einzigen Unterschied, dass der Fluch in der Lieblosigkeit von Julius’ Mutter lag, was vielleicht noch schlimmer war als der Bannspruch eines bösen Magiers…
War es das? Rief das Schicksal sie wieder einmal, so, wie es sie damals zurück nach Hause gerufen hatte, sich um ihren Vater zu kümmern? Rief es sie diesmal, diesem Jungen beizustehen? Ihm ins Gewissen zu reden? Ihm klarzumachen, dass es eine Sünde war, freiwillig als Tier zu leben, wenn man als Mensch geboren war?
»Julius.« Sie sah ihm ernst in die Augen, die groß und dunkel waren, fast wie Hundeaugen. »Du bist ein Mensch. Du kannst doch nicht freiwillig das Dasein einer niedrigeren Lebensform wählen!«
Der Junge schüttelte den Kopf. »Ist gar kein Problem, ehrlich. Umgekehrt geht es wahrscheinlich nicht, denk ich, aber ich – ich hab die freie Auswahl.«
Die Leichtfertigkeit, mit der er das sagte, machte Lena sprachlos. »Aber… aber fehlt dir denn da nicht was? Ich meine…« Sie hob die Hände, betrachtete sie, spreizte die Finger. »Das zum Beispiel. Als Hund hast du nur Pfoten. Du kannst nichts greifen, kannst vielleicht gerade mal eine Türklinke drücken… In deinem Alter will man doch am Computer spielen, oder? Man will ein Handy haben, man will… was weiß ich, mit Freunden ins Kino gehen… Das entgeht dir alles. Das ganze Leben.«
Sein Blick hatte sich verdüstert. »Ich hätte ohnehin kein Handy gekriegt.«
Auf ihn einzureden würde nicht genügen, erkannte Lena. Das Schicksal verlangte mehr von ihr, als ihm Ratschläge zu geben. Genau wie es damals nicht damit getan gewesen wäre, Vater ein Kochbuch zu schenken oder ihm zu erklären, wie man Nudeln kochte.
Was, wenn sie Julius anbot, künftig bei ihr zu leben? Freilich, in der Nachbarschaft seiner Eltern würde das nicht gehen, aber wenn sie das Haus verkaufte und sie gemeinsam fortgingen, irgendwohin, wo man sie nicht kannte, wo man sie einfach für Mutter und Sohn halten würde…?
»Wissen Sie«, drängte es den Jungen zu erklären, »man denkt ganz anders, wenn man ein Tier ist. Nicht wie ein Mensch. Eigentlich«, korrigierte er sich mit einem heftigen Kopfschütteln, »denkt man überhaupt nicht. Das ist schwer zu beschreiben – es ist, als wäre da gar nichts zwischen einem und der Welt. Man ist einfach. Man fühlt. Man hat Gefühle, aber man macht sich keine Sorgen. Man weiß nicht mal, was das ist, Sorgen. Es gibt nur den Moment. Man rennt oder man ruht sich aus, je nachdem, wie einem zu Mute ist, man beobachtet, man riecht… Mann, was man als Hund riecht! Das ist überhaupt nicht zu beschreiben. Das Riechen haut einen um… Wobei, eigentlich auch wieder nicht – als Hund kommt es mir überhaupt nicht ungewöhnlich vor, nur jetzt, wenn ich daran denke… Es ist wirklich nicht zu beschreiben. Das muss man erlebt haben. Alles hat seinen ganz eigenen Geruch, man kann alles voneinander unterscheiden, und alles ist stark und gewaltig… Manche Düfte sind so groß wie Gemälde, lassen einem das Herz rasen, regen einen auf…« Er rieb sich die Nase, die menschliche, unzulängliche. »Wenn da eine Hündin ist, zum Beispiel, die läufig ist. Man denkt nicht, ›Oh, die ist läufig‹ oder so. Man denkt gar nichts, aber man muss ihr einfach nachlaufen… Es kommt mir seltsam vor, wenn ich das so erzähle, weil, also, wenn ich jetzt an Hündinnen denke, dann finde ich es eher abartig, dass ich…« Er räusperte sich. »Aber wenn ich ein Hund bin… Man will es einfach. Nein, man muss. Das ist völlig unkompliziert. Man rennt ihr nach, weil einen dieser Geruch… fasziniert, man holt sie ein, und irgendwie ist alles klar und geregelt, instinktiv, sie weiß, wie es läuft, man selber weiß es auch… Man gibt ihr zu verstehen, dass man will, und sie gibt einem zu verstehen, dass sie auch will… und dann tut man es. Ganz einfach.«
Lena hatte sich zurückgelehnt, verschränkte die Arme, spürte ein kaltes, fast schmerzhaftes Kribbeln im Gesicht und im Hals. So, als wollte etwas in ihr zu Stein werden.
Wie er das sagte! Dieser Unterton in seiner Stimme. Sie wünschte, er würde aufhören, so zu reden, aber sie brachte kein Wort heraus. Sie musste an Marcus denken, an den nicht mehr zu denken ihr jahrelang gelungen war, so lange, dass sie sich sicher gewesen war, ihn endgültig vergessen zu haben. Marcus, der manchmal auch diesen Klang in der Stimme gehabt hatte. Kirchenmusiker war er gewesen, hatte keinen Sonntag den Gottesdienst verpasst, wohlerzogen und höflich hatte er gewirkt…
»Wissen Sie, was das Beste dabei ist?«, fuhr Julian fort. Sie sah seine Augen glitzern, hörte diesen Klang in seiner Stimme immer deutlicher. »Dass man hinterher keine Schuldgefühle hat. Überhaupt keine. Man tut es, und fertig.«
Marcus war entsetzt gewesen, als sie ihm erklärt hatte, dass sie ihn nicht heiraten würde, dass sie auch aufhören wollte, ihn zu treffen. Er hatte nicht verstehen können, dass sie es nicht mehr ertrug, wie er sich ihr mit gierigem Blick näherte, dass sie es nicht mehr ertrug, wie er sie lüstern berührte, dass sie es nicht mehr ertrug, wie er mit seinem… Ding in sie stieß, kein Haar anders als Tiere es taten.
»Früher… also, ehe ich ein Hund geworden bin… da war ich mal in ein Mädchen verliebt.« Die Hände des Jungen zeichneten Kreise auf die Tischplatte. »Das war ziemlich… Ich weiß auch nicht. Ich hab schlecht geschlafen, mich dauernd bei ihrem Haus herumgedrückt, um sie zu sehen, einfach nur zu sehen, wissen Sie? Ich wusste gar nicht, was ich eigentlich wollte.«
Marcus hatte sie heiraten wollen, um keine Schuldgefühle mehr haben zu müssen, wenn er es tat. Wenn sie verheiratet gewesen wären, wäre es nicht einmal mehr Sünde für ihn gewesen. Alle Welt hätte dann gewusst, dass sie es taten, und es hätte so ausgesehen, als sei sie einverstanden, als wolle sie es womöglich.
»Ein Junge aus meiner Klasse, Dirk, hat mir dann alles erklärt… Mit Küssen und Sex und so. Eigentlich wollte ich aber bloß mal mit ihr reden. Herausfinden, was für ein Mensch sie eigentlich ist. Ihre Hand hätte ich gerne mal gehalten.« Er rieb sich etwas aus dem Auge. »Da ist aber nichts draus geworden.«
Lena merkte, dass sie begonnen hatte, mit dem Oberkörper zu wippen, vor und zurück, immer vor und zurück. Sie blickte den Jungen nicht an dabei. Wahrscheinlich sah es eigenartig aus, aber sie konnte nicht damit aufhören.
Mîn herze und mîn lîp, diu wellent scheiden…
»Nächstes Jahr«, sagte sie mühsam, »musst du dir einen anderen Unterschlupf suchen.«
Sie hörte ihn erschrocken einatmen. »Was?«
»Ich muss das Haus verkaufen. Es ist zu groß für mich alleine, verstehst du? Ich werde wegziehen. In eine andere Stadt. Der neue Eigentümer wird eine andere Kellertür einbauen, eine moderne, aus Stahl. Wahrscheinlich auch eine Alarmanlage.«
Sie hörte ihn mit den Fingernägeln über die Tischplatte fahren. »Schade«, sagte er ratlos.
Lena stand ruckartig auf, trat an den Herd, befingerte den Stiel der Kasserolle. »Willst du noch etwas trinken?«
»Nein, danke.«
»Etwas essen?«
»Danke, auch nicht.«
»So ein bisschen Rührei ist nicht viel.«
»Ich bin eigentlich satt. Ich hatte nur Appetit auf was anderes als sonst.«
Ihr schauderte. Sie würde nicht darüber nachdenken, wovon er satt war. »Ich bin schrecklich müde. Ich werde ins Bett gehen. Du kommst ja allein zurecht. Wie die letzten Jahre auch.«
Er räusperte sich und sagte dann leise: »Ja. Ich komm zurecht.«
»Dann gute Nacht.«
»Gute Nacht.«
Lena verließ die Küche, stieg die Treppe hinauf, fühlte nichts. Es war gut, nichts zu fühlen. Sie schloss die Tür ihres Schlafzimmers hinter sich ab, zweimal, schlüpfte unter die Decke, machte das Licht aus und lauschte noch eine Weile, ohne etwas zu hören.
Dann schlief sie ein.
Am nächsten Morgen war das Haus so verlassen wie immer. Sie fand die Kellertür ordentlich verschlossen vor, den Reserveschlüssel an seinem Platz. Wie hätte ein sich in einen Hund verwandelnder Junge das bewerkstelligen sollen? Lena beschloss, alles nur geträumt zu haben.
Dann machte sie sich daran, das Geschirr zu spülen. Eine Tasse mit Kakaoresten, ein mit Ei und Fett verschmierter Teller, eine Pfanne, Besteck. Nicht darüber nachdenken. Es gab nur den Moment. Kein Nachdenken, keine Sorgen, keine Schuldgefühle.