Die Fußballfans von Ross 780

 

Im März 2003 meldete sich zu meinem Erstaunen niemand Geringeres als das Organisationskomitee der Fußhall-WM 2006. Ob ich mir vorstellen könne, eine kurze Science-Fiction-Story zum Thema Fußball zu verfassen?

Das schier Unglaubliche daran war, dass mir zu dem Zeitpunkt tatsächlich gerade seit einigen Wochen eine diffuse Idee im Kopf herumspukte, die mit fußballspielenden Außerirdischen zu tun hatte. Und es kann nur so sein, dass da die letzte WM 2002 noch nachwirkte, denn normalerweise bin ich alles andere als ein Fußballfan. Mich erwischt es immer nur, wenn WM ist, und selbst da braucht es ordentlich Anlauf.

Jedenfalls waltete offensichtlich das Schicksal, und da soll man sich sowieso besser nicht querstellen, und so schrieb ich »Die Fußballfans von Ross 780«. Die Story erschien im September 2004 auf Seite 94 der »Imagebroschüre ›Die Welt zu Gast bei Freunden™‹«, die ansonsten – neben den unmittelbar auf die WM-Vorbereitung bezogenen Artikeln – noch weitere Texte enthielt von Autoren wie Henry A. Kissinger, Roger Moore und Luciano De Cresecenzo. Illustre Gesellschaft also.

Für Sammler war das eine echte Herausforderung, denn besagte »Imagebroschüre« gab es nirgends zu kaufen. Soweit ich verstanden habe, bekamen sie nur Leute, die in irgendeiner Weise mit der Organisation der Fußballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland zu tun hatten oder die dafür gewonnen werden sollten. (Ich bekam immerhin 2 Belegexemplare.)

Deswegen habe ich damals auf meiner Homepage versprochen, dass diese Story irgendwann auch mal woanders erscheinen würde: Und hier ist sie nun. Nicht mehr ganz aktuell, denn meines Wissens sind die Fußballfans von Ross 780 nicht aufgetaucht, als im Sommer 2006 ganz Deutschland feierte – aber wer weiß? Vielleicht kommen sie ja das nächste Mal…

 

 

Sie duften nach Zimt. Ihre eigene Sprache hört sich an wie Vogelgezwitscher auf halber Geschwindigkeit, und die meisten von ihnen verwechseln hoffnungslos die Vokale, wenn sie sich in einem irdischen Idiom versuchen. Alle vier Jahre sind sie plötzlich wieder da, hocken scharenweise in den Straßencafes und trinken z’ip’shuit, lauwarmes Wasser mit zwei Tropfen Kaffee darin, und wenn man sich dazusetzt, verwickeln sie einen, ehe man es sich versieht, in Diskussionen über Obseits und Teerdifferanz, Mattelstörmer und Lunksaußen. Spätestens dann weiß man, dass wieder eine Fußballweltmeisterschaft bevorsteht.

Ich war vielleicht fünf oder sechs, jedenfalls noch ein Kind, als ich sie das erste Mal gesehen habe. Ich saß mit meinem Großvater im QCE von Frankfurt nach Straßburg, und am Vierertisch neben uns saßen welche. »Du brauchst keine Angst zu haben«, erklärte mir Großvater auf meine geflüsterte Frage leise, »das sind Endoraner. Vom Planeten Endora.« Zu der Zeit war, was ich natürlich nicht wusste, in Frankfurt gerade das erste europäische Landeterminal für endoranische Raumschiffe errichtet worden.

Bestimmt habe ich sie die ganze Fahrt über angestarrt. Damals kamen sie mir noch groß vor, obwohl sie einem erwachsenen Menschen meist nur gerade bis zur Brust reichen. Ich staunte über ihre enormen Köpfe und die großen – ich meine, die wirklich riesigen – schwarzen Augen. Und wie sie mit ihren mageren Armen und den langen, spinnendünnen Fingern an den Händen gestikulierten beim Reden! (Dass es sechs Finger an jeder Hand sind, fiel mir damals noch nicht auf.) Und sie lasen Fußballzeitungen. Einer von ihnen – vielleicht auch eine, so genau weiß man das bei Endoranern ja nie – sprach ein bisschen Deutsch und fragte mich freundlich, wer meiner Meinung nach Fußballweltmeister würde.

»Deutschland«, erklärte ich im Brustton kindlicher Überzeugung. Sie nickten alle, lächelten und schienen sehr ernst zu nehmen, was ich sagte. Und ich weiß noch, wie ich mich wunderte, dass Wesen, die aus dem Weltall kamen, von einem furchtbar weit entfernten fremden Planeten, sich ausgerechnet für Fußball interessierten.

Mein Großvater hat mir erzählt, wie es war, als sie das erste Mal die Erde besuchten. Er ist nämlich dabei gewesen an jenem denkwürdigen Tag, er und fünfzigtausend andere, damals, während der Weltmeisterschaft 2006, als mitten im Spiel Frankreich gegen Südkorea urplötzlich dieses riesige Raumschiff über dem Westfalenstadion auftauchte. In der 56. Spielminute, heißt es in den Büchern lapidar.

Das löste natürlich erst einmal Entsetzen aus. Aliens! Extraterrestrische Intelligenzen! Wesen von einem anderen Stern, der Menschheit offensichtlich technisch haushoch überlegen! Alle hatten Angst. Was um alles in der Welt wollten sie? Uns angreifen? Die Erde erobern? Die Menschheit vernichten oder versklaven?

Wie sich herausstellte, war alles, was sie wollten, Fußball zu spielen.

Der Planet Endora umkreist, wie heutzutage jedes Kind weiß, die im Sternbild Wassermann gelegene Sonne Ross 780 in 15,34 Lichtjahren Entfernung. Es dauerte also genau 15 Jahre, 4 Monate und ein paar Tage, bis die ersten Fernsehsendungen, die hier auf der Erde ausgestrahlt worden sind, Endora erreichten und dort aufgefangen wurden. Sie tüftelten bald heraus, was die Signale zu bedeuten hatten und wie man sie zu Bild und Ton zusammensetzte, und verfolgten dann das irdische Fernsehprogramm mit zunächst eher verhaltenem Interesse.

Bis sie eines Tages ihre erste Fußballweltmeisterschaft zu sehen bekamen: Mexiko 1970, die erste vollständig per Satellit in alle Welt – und natürlich auch in den Weltraum – übertragene Fußball-WM der Geschichte. So um das Jahr 1985 erreichten die Funkwellen von damals Endora, und aus irgendeinem Grund, den, glaube ich, keiner so richtig versteht, nicht einmal die Endoraner selber, brach daraufhin dort die absolute Fußballbegeisterung aus. Die Aliens begannen zu kicken, und als sie heraushatten, wie das ging, gründeten sie Mannschaften und fingen an, eigene Meisterschaften auszutragen.

Trotzdem blieben ihre Idole die menschlichen Fußballspieler, die sie aus den Übertragungen kannten – Pelé, Franz Beckenbauer, Cubillas, Gerd Müller, Rivelino und so weiter.

Der Witz ist nämlich: Die Endoraner sind zwar verrückt nach Fußball – aber sie können’s nicht wirklich gut. Und sie sind klug genug, das selber zu wissen.

Das hat einfach biologische Gründe. Die Endoraner haben eine weitgehend andere Entstehungsgeschichte und sind folglich ganz anders gebaut als wir Menschen. Sie sind geschickter als wir, aber nicht so stark. Wenn es darum geht, zu rennen, sind sie unglaublich spurtstark, um nach spätestens zwanzig Metern außer Puste zu kommen. Sie verlieren leicht die räumliche Orientierung. Ein Kopfball ist für sie ein Ding der Unmöglichkeit, weil sie nicht die Muskulatur besitzen, die man dazu brauchte.

Logisch, dass sie den Fußball nicht selber erfunden haben.

Rätselhaft, dass sie trotzdem so einen Narren daran gefressen haben. Sie nennen es n’ikk“d’jub, was mein Endoranisch-Lexikon übersetzt als vergnügliches Ballspiel.

Diese Wesen also schwebten 2006 über dem Dortmunder Westfalenstadion und schickten aus ihrem Raumschiff heraus ein Fax (ich habe mich immer gefragt, wer letztendlich die Telefongebühren dafür bezahlt hat) an die FIFA, in dem sie sich vorstellten und höflich anfragten, ob es denkbar wäre, dass ihre Auswahlmannschaft sich an der Fußballweltmeisterschaft beteiligte.

Die nächsten vier Jahre vergingen mit allerlei Aktivitäten, wie sie ein Erstkontakt mit fremden Wesen von einem fremden Stern nun einmal so mit sich bringt. Die Wissenschaftler waren aus dem Häuschen, die Raumfahrtingenieure hatten Depressionen und die Politiker Zustände. Jedenfalls sagt mein Großvater das, und obwohl er gelegentlich zu Übertreibungen neigte, glaube ich, dass das eine Zeit gewesen sein muss, der man nicht anders als mit Übertreibungen beikommt, wenn man von ihr erzählen will.

Jedenfalls, unter allem anderen befasste sich die FIFA eingehend mit dem Anliegen der Endoraner. Man beriet sich mit Medizinern, menschlichen wie endoranischen, führte Bewegungsstudien und Testspiele durch und so weiter auf der Suche nach Regeländerungen, die dafür sorgen würden, dass ein Spiel zwischen einer irdischen Nationalmannschaft und der endoranischen Auswahl nicht mit sterbenslangweiligen 100:0 ausging. Man experimentierte mit anderen Bällen, kleineren Toren und so fort, und führte schließlich die Zusatzregel ein, die bis heute gilt, dass nämlich die endoranische Mannschaft mit 13 Spielern antritt.

Chancengleichheit schafft das nicht wirklich. In den Weltmeisterschaften seither ist die Equipe von Endora noch nie über die Vorrunde hinausgekommen, eigentlich auch noch nie über den letzten Gruppenplatz. Die Endoraner brauchen sich nicht an den Qualifikationen zu beteiligen, werden heutzutage aber ausgelost wie alle anderen auch und sind aus verständlichen Gründen sehr beliebt als Gruppenmitglieder.

Im Jahr 2010, der ersten sozusagen intergalaktischen Fußballmeisterschaft, wurde es allerdings noch so arrangiert, dass die erste gültige Begegnung zwischen Endora und dem Mutterland des Fußbals, England, stattfand. Das war das ohne Frage meistgesehene Fußballspiel aller Zeiten, und es endete mit wenig überraschenden 9:0 Toren für die Engländer.

Zur allgemeinen Verblüffung machte das den Endoranern nicht das Geringste aus. Sie feierten ihre Mannschaft mit ansteckender Ausgelassenheit, und nach den Vorrundenspielen hockten sie immer noch im Publikum, schwenkten Fahnen ihrer Favoriten, bemalten sich die großäugigen Gesichter, stimmten fremdartige Gesänge an (von denen, was wenige wissen, heute übrigens mindestens zwei zum Standardrepertoire in Stadien gehören, selbst bei Bundesligaspielen und ohne dass auch nur ein Endoraner anwesend ist), tanzten in den Straßen, na ja, und damals stellte sich dann auch heraus, dass man Endoraner mit Alkohol in keiner Weise beeindrucken kann.

Seither gehören sie zu einer Fußball-WM wie das Endspiel oder der Pokal.

Großvater meinte auch, dass das alles eigentlich auf einem Missverständnis beruht. Weil sie uns zuerst so erschreckend fremd vorkamen und so furchtbar beeindruckende Raumschiffe besaßen, dachten wir, wir müssten sie mitspielen lassen. Aber das hätten wir nicht müssen. Sie wären auch mit einem Kontingent Eintrittskarten und einem Freundschaftsspiel dann und wann zufrieden gewesen.

Heute kennen wir sie besser. Sish’nilli’go, jener endoranische Spieler, der das erste und für lange Zeit einzige Tor für Endora geschossen hat, sitzt heute im FIFA-Gremium, aber er ist eben nur einer und wäre leicht zu überstimmen. Würde die FIFA beschließen, die Endoraner künftig durch die Qualifikationsrunden zu schicken – was in der Praxis hieße, sie von den Weltmeisterschaften auszuschließen –, die Endoraner würden »Schadi!« sagen, aber unverdrossen weiterhin Autogramme sammeln und Fußballzeitungen kaufen.

Warum also lassen wir sie trotzdem weiter mitmachen? Warum haben wir sie gern dabei, diese glatzköpfigen, großäugigen Gestalten mit der perlmuttfarben schimmernden Haut?

Bestimmt nicht, weil wir so leicht gegen sie gewinnen. Und der Grund, der meistens genannt wird – dass wir die Endoraner um so vieles beneiden, dass wir auch gerne solche tollen Raumschiffe hätten und so weiter, und dass es uns deshalb in der Seele gut tut, immer wieder zu erleben, dass es wenigstens eine Sache gibt, in der wir besser sind als sie, und sei es nur Fußball –, ich glaube nicht, dass das wirklich die Erklärung ist.

Mein Großvater sagte einmal: »Sie jubeln für ihre Mannschaft, obwohl sie immer verliert. Es genügt ihnen schon, dass sie dabei sind. Sie kommen aus unfassbaren Sternentiefen und sind uns fremder als irgendein Lebewesen auf Erden, aber ihre Fröhlichkeit ist ansteckend. Egal wie ein Match läuft, es macht mehr Spaß, wenn man mit einem Haufen Endoraner auf der Tribüne sitzt. Ich behaupte, wir mögen es, sie dabei zu haben, weil sie uns immer daran erinnern, dass Fußball ein Spiel ist und sein Ziel Freude.«

Ich glaube, Großvater hatte recht.

Es riecht wieder nach Zimt in den Straßen. Vor den Hotels hängen jene endoranischen Schriftsymbole, die besagen, dass Zimmer mit Schlafstangen und endoranische Küche verfügbar sind. Man hört es allenthalben zirpen in den U-Bahnen.

Es verspricht, wieder eine wunderbare Fußballweltmeisterschaft zu werden.

 

© 2003 Andreas Eschbach