Mein Freund Rainer Wekwerth war, als er noch unter dem Namen David Kenlock publizierte, von seinem Verlag gebeten worden, eine Anthologie rund um Aberglaube, schwarze Magie und dergleichen herauszugeben. »Andreas«, sagte er also eines Abends über einem blutigen Steak zu mir, »ich will von dir eine Story zum Thema Voodoo.« Und wenn Rainer so etwas zu einem sagt, gibt es keine Widerrede.
Nun ist Voodoo nicht gerade mein Hobby. Ich griff also erst mal zu Lexikon und Internet, um mich ein wenig schlau zu machen. Anregende Details fanden sich reichlich, doch sie wollten sich nicht zu einer Geschichte formen.
Erst beim Friseur kam mir die zündende Idee…
Die Geschichte erschien im Dezember 2002 in der Anthologie »Alte Götter sterben nicht«. Ich muss immer an sie denken, wenn ich den Abschnitt Nebenwirkungen auf dem Beipackzettel eines Medikaments lese. Ich frage mich dann immer, ob sie nicht irgendwo ein bisschen wahr ist…
Natürlich redet man mit den Leuten. Klar. Ich meine, gut, bei manchen weiß man, die wollen nicht reden, die wollen nur die Haare geschnitten bekommen und fertig; da hält man den Mund. Aber sonst quatscht man eben über das Wetter oder was im Ort so los ist, und wenn man sich ein bisschen besser kennt, auch mal über Politik. Andere erzählen einem ihre ganze Lebensgeschichte. Da frage ich mich dann, ob ich eigentlich Friseur bin oder ein Psychotherapeut, der nebenher Haare schneidet.
Wie dieser Arzt, der Anfang letzten Jahres in den Laden kam. Stellt sich gleich mit Doktortitel vor, will Waschen, Schneiden und Föhnen, und schon beim Shamponieren erzählt er, dass er gerade eine Praxis im Ort eröffnet hat, eine Fachpraxis für Schmerztherapie. Na ja, was fang ich damit an? Ich nickte und meinte, gut, und fragte halt, wie er darauf käme, dass sich so was trägt. Ich meine, wenn man mal nachzählt, wie viel Allgemeinärzte hier schon sitzen. Ganz schlecht sind die ja auch nicht.
Ja, meinte er, seine Spezialität sei, dass er jahrelang in der ganzen Welt unterwegs war, in Zentralafrika, im Amazonas, auf Neuguinea, Haiti und weiß der Himmel wo sonst noch, dass er immer unter Eingeborenen gelebt und deren Medizinmännern ihre Geheimnisse abgelauscht hat, sich hat einweihen lassen in uralte Heiltraditionen, und so weiter. Das alles wollte er mit moderner Medizin kombinieren und auf diese Weise zur letzten Zuflucht für alle werden, denen sonst niemand helfen konnte. »Was glauben Sie«, sagte er, »wie viele Leute sich Jahre und Jahrzehnte mit Schmerzen plagen, ohne dass ein Arzt auch nur den Grund dafür herausfindet, von Heilung gar nicht zu reden? Da gibt es viel zu tun, glauben Sie mir.«
»Ach so«, machte ich und war froh, einigermaßen gesund zu sein. Abgesehen davon, dass ich nicht mehr der Jüngste bin und der einzige Herrenfriseur im Laden. Da tun einem abends die Füße schon rechtschaffen weh.
Jedenfalls, am Schluss gab er ordentlich Trinkgeld, zu viel, als dass es unverdächtig gewesen wäre, und tatsächlich zieht er einen Stapel Prospekte von seiner Praxis aus der Tasche und fragt, ob ich die bei mir auslegen wolle.
»Ungern«, sagte ich. »Das dürfen Sie nicht persönlich nehmen. Aber wenn ich damit anfange, kommt über kurz oder lang jeder Verein und Handwerksmeister im Ort, und ich muss anbauen, um alles unterzubringen.«
»Klar«, nickte er. »Ich meinte auch nicht umsonst.« Er klappte einen von den Prospekten auf und zeigte auf eine eingestempelte Nummer. »Das ist ein Gutschein für zwanzig Prozent Rabatt auf die Erstuntersuchung. Wenn jemand damit ankommt, sehe ich anhand der Nummer, dass er den Prospekt von Ihnen hat, und Sie kriegen eine Prämie.«
So klang das natürlich schon anders. Er erklärte, wie viel er mir zahlen würde, und ehrlich gesagt, so rasend viel verdient man mit Haareschneiden nicht, als dass man eine Gelegenheit, nebenher was reinzukriegen, leichten Herzens ablehnt. Bei all den Steuern und Abgaben heutzutage muss man flexibel sein, um über die Runden zu kommen. Kurz und gut, ich war einverstanden.
Drei Wochen später kam er wieder. Ein paar Leute hatten einen Prospekt mitgenommen, aber noch keiner davon hatte sich bei ihm in der Praxis blicken lassen. Behauptete er zumindest. »Kennen Sie eigentlich Ihre Kunden mit Namen?«
»Mehr oder weniger«, sagte ich.
»Ich hätte nämlich eine Bitte. Eine etwas ungewöhnliche Bitte, um es gleich zu sagen.«
Ich hörte mir erst mal an, was er wollte. Nämlich, dass ich jedes Mal, wenn ich jemandem die Haare schnitt, ein Büschel davon für ihn beiseiteschaffte. Er würde mir kleine Röhrchen geben, aus Plexiglas und luftdicht verschließbar, dazu selbstklebende Etiketten, auf die ich den Namen schreiben sollte. Und für jede einzelne Probe gab es satt Geld, egal ob der Betreffende je zu ihm in die Praxis kam oder nicht.
»Hmm«, machte ich. Ich meine, man wird skeptisch, wenn man so was hört, oder?
»Sie fragen sich, was ich mit den Haarproben anfange.« Er sah mich im Spiegel an, lächelte, bis ich nickte, und erklärte mir dann die Hintergründe. »Schauen Sie, man weiß heute, dass viele, wenn nicht die meisten der unklaren Schmerzen von einer Belastung durch Umweltgifte herrühren. Schwermetalle, Pestizide und was heutzutage sonst noch so alles in der Luft und im Wasser ist. Trotzdem kümmert sich praktisch kein Arzt darum, weil man aufwendige und langwierige Tests machen muss, um so was nachzuweisen, und die zahlt keine Krankenkasse. Also verschreibt man lieber ein Schmerzmittel und fertig. Bloß ist damit niemandem geholfen. Damit kuriert man bloß an den Symptomen herum.«
Ich ließ mir das durch den Kopf gehen und sagte, ich sähe noch nicht, was das mit Haarproben meiner Kunden zu tun hätte.
»In Haaren kann man alles nachweisen, was sich in so einem Körper ansammelt. Sie erinnern sich doch an die Geschichte mit diesem Fußballtrainer, der angeblich kokainsüchtig war? Da hat man auch eine Haarprobe genommen. Und genau wie Drogen kann man in Haaren Blei, Cadmium, DDT und so weiter nachweisen. Alles, was man für die Schmerztherapie wissen muss.«
»Aber Sie können doch einfach den Leuten, die in Ihre Praxis kommen, eine Haarsträhne abschneiden. Da brauchen Sie doch mich nicht dazu.«
»Im Prinzip ja. Bloß, einen umfassenden Scan hier in Deutschland machen zu lassen ist schlicht unbezahlbar. Mein Trick ist, dass ich Kontakt zu einem Labor in der Ukraine habe, die solche Analysen genauso gut erstellen, aber zu einem Bruchteil dessen, was es hierzulande kosten würde. Nur brauche ich da entsprechenden zeitlichen Vorlauf – allein der Postweg ist ein Albtraum. Das würde zu lange dauern für jemanden, der mit akuten Schmerzen zu mir kommt, verstehen Sie? Deshalb will ich das vorher erledigen. Und es ist um so vieles billiger, dass es sich selbst dann noch lohnt, wenn ich von zwanzig Analysen neunzehn nie brauche.«
Ich überlegte, während ich ihm den Nacken rasierte. »Sie wollen also, wenn jemand zu Ihnen in die Praxis kommt, schon einen fertigen Befund in der Schublade haben?«
»Genau.«
»Ist das denn legal?«
Er verzog das Gesicht. »Na ja. So richtig verboten ist es nicht, aber ich glaube, man hängt es besser nicht an die große Glocke.«
Ich verstand, was er meinte. Mein Sohn stand damals mit seinem Jurastudium kurz vor dem Abschluss, und was er so erzählt hat im Lauf der Jahre war oft ziemlich haarsträubend, wenn ich das mal so sagen darf.
Jedenfalls, ich machte es. Er ließ mir einen ordentlichen Vorrat an Röhrchen da, und ich entwickelte eine unauffällige Methode, die Proben einzusammeln: Beim Zusammenfegen der Haare, wenn ich am Schluss mit der Schaufel komme, halte ich eines der Probenröhrchen in der Hand, stopfe nebenbei ein ordentliches Büschel hinein, und dann, zack, den Stopfen drauf und das Ding in der Tasche verschwinden lassen. Danach ging ich immer kurz nach hinten, pappte das Namensschild dran und tat es in eine Schublade, zu der nur ich den Schlüssel habe.
Es war auf jeden Fall das bessere Geschäft. Er zahlte sofort bei Abholung, und ohne Belege. Und steuerfrei ist Geld ja glatt das Doppelte wert heutzutage, bei all den Steuern und Abgaben. Jedenfalls, innerhalb kürzester Zeit stand zu Hause einer von diesen riesigen Fernsehern mit Plasmabildschirm und der passende DVD-Player dazu, und meine Frau staunte nicht schlecht, wie oft ich sie plötzlich zum Essen ausführte.
Keine zwei Wochen übrigens, nachdem ich damit angefangen hatte, Haarproben zu sammeln, klagte das erste Mal jemand über Schmerzen in der Schulter, ein Werbegrafiker, den ich öfters an jemanden empfohlen habe, wenn ich’s recht überlege, und der sich nie auch nur bei mir bedankt hat, von anderem ganz zu schweigen. Da war mein Medizinmann schon ein anderes Kaliber. Jedenfalls, ich drückte ihm einen von den Prospekten in die Hand und erzählte ihm von Schwermetallen und Naturheilkunde, natürlich ohne zu erwähnen, was sonst noch so lief. Er schaute zuerst skeptisch, doch ein paar Tage später kam er extra vorbei, um mir zu sagen, wie sagenhaft ihm der Arzt geholfen habe. Ganz billig schien es nicht gewesen zu sein, und die Krankenkassen zahlen diese Art Therapie wohl nicht, aber wenn man vor Schmerzen nicht schlafen kann, drückt man gern ein paar Hunderter ab für eine Behandlung, die hilft. »Wie Zauberei«, meinte er. Er konnte nicht mal genau sagen, was der Arzt eigentlich gemacht hatte, bloß dass die Schmerzen am nächsten Tag restlos weg gewesen waren.
Das gefiel mir. Bis dahin hatte ich insgeheim ein bisschen das Gefühl gehabt, etwas zu machen, das nicht hasenrein ist, wenn Sie verstehen, was ich meine. Weil diese Heimlichtuerei dabei war. Aber nachdem der Werbegrafiker so begeistert war, verflogen alle meine Bedenken, zumal er nicht der Einzige blieb. Dass der neue Arzt im Ort in Sachen Schmerzen eine Kapazität ersten Ranges war, sprach sich herum wie ein Lauffeuer. Ich sah zu, dass ich meine Prospekte unters Volk brachte, weil, die Geschichte mit den Gutscheinen sollte ja auch noch einmal Scheinchen in die Kasse spülen. Im Lauf der Zeit sah man erst, wie viele Leute sich mit undefinierbaren Schmerzen plagen, unglaublich. Es kam mir vor, als sei plötzlich eine Seuche ausgebrochen.
Was mir, im Nachhinein betrachtet, etwas zu denken hätte geben können, war, dass manche, bei denen die Therapie gut angeschlagen hatte, erzählten, dass die Wirkung bald nachließ, sodass aus der ganzen Angelegenheit eine Art Dauertherapie wurde. Es traf keine Armen, vielleicht kümmerte es mich deshalb nicht weiter. Ich war jedenfalls voll motiviert. Meine Angestellten wunderten sich zwar, dass der Chef plötzlich selber fegt, also eigentlich Lehrlingsarbeit macht, aber natürlich beschwerten sie sich nicht. Ich tat, als hätte ich auf einmal den Sauberkeitsfimmel, und dehnte das auch auf den Damensalon aus. Meine Frau hatte mich eine Weile im Verdacht, dass ich das nur täte, um das eine oder andere Auge in außereheliche Gefilde zu werfen, aber das konnte ich ihr zum Glück wieder ausreden. Und es brachte eine Verdoppelung meines Einzugsgebietes. Mein Medizinmann war begeistert.
So lief das dahin, alle waren zufrieden, und meine größte Sorge war, wie ich meiner Frau beibringen konnte, dass ich mich auf meine alten Tage noch einmal in ein Motorrad verguckt hatte, eine sündhaft schöne Harley zu einem genauso sündhaften Preis. Schon seltsam, wie das geht mit dem Geld. Egal wie viel man davon hat, es findet sich immer etwas, für das es gerade nicht mehr reicht, oder?
Anfang des Jahres stellte ich eine neue Friseuse ein, Therésa, die aus Haiti stammt und bis dahin bei dem Friseur neben dem amerikanischen Luftwaffenstützpunkt gearbeitet hatte, der aus Altersgründen zum Jahresende zumachte. Sie kannte sich mit diesen ganzen Kraushaarfrisuren aus, was nicht ganz unwichtig war bei den neuen Kunden, die den Weg bis in meinen Laden fanden, denn meine anderen Mädels hätten sich da schwergetan. Ich mich auch, anbei bemerkt. Aber dank Therésa war das kein Problem, ich konnte mich aufs Auffegen beschränken und dem Dottore den Tipp geben, seinen Prospekt auch auf Englisch zu drucken.
Therésa kennen Sie ja mittlerweile auch. Ist ein fröhliches Naturell, wenn man bedenkt, was sie alles mitgemacht hat im Leben – Flucht als junges Mädchen, Vater ermordet; wenn sie von ihrer Kindheit auf Haiti erzählt, sträuben sich einem zuverlässig die Nackenhaare. Wahrscheinlich tut sie’s deshalb so selten. Aber sie hat sich gut durchgebracht, und entsprechend pfiffig ist sie.
Kein Wunder, dass sie bemerkt hat, was ich trieb.
Ich nahm sie beiseite, weil es unnötig war, dass die anderen was davon mitbekamen – nichts für ungut, sind alles ordentliche Mädels, aber da hätte ich es auch gleich in die Zeitung setzen können –, und erklärte ihr die Sache mit den Haaranalysen und dem Doktor und den Naturheilverfahren.
Sie kriegte Augen so groß wie Suppentassen, als ich erwähnte, dass der Doktor unter anderem auch auf Haiti gewesen ist. Wobei ich das eigentlich nur erzählte, weil ich sie beruhigen wollte. »Voodoo«, sagte sie, und wenn ich mich recht entsinne, bebte ihre Unterlippe dabei. »Er macht Voodoo.«
»Kann schon sein«, sagte ich ahnungslos, »so im Detail hat er es mir nicht erklärt…«
Sie unterbrach mich. »Sie verstehen nicht. Voodoo ist keine Heilmethode. Voodoo ist Zauberei. Haitianische Zauberei.«
Ich wollte so was sagen wie, dass so manches, was den Leuten früher wie Zauberei vorgekommen ist, im Lichte moderner Wissenschaft seine natürliche Erklärung findet, aber sie hatte in dem Moment etwas an sich, das mich verunsicherte. Also fragte ich, wie sie das meinte.
»Wenn ein Voodoo-Zauberer etwas vom Körper eines anderen Menschen besitzt, Haare oder Fußnägel zum Beispiel, kann er Macht über diesen Menschen gewinnen«, sagte sie. Sie erklärte mir auch, wie das geht. Dazu fertigt der Zauberer eine Puppe an, die für den betreffenden Menschen steht. Sie muss demjenigen nicht mal ähneln, es geht nur darum, dass sie seine Haare oder Nägel oder was auch immer enthält, dass sie die für den jeweiligen Zauber richtige Farbe hat und dass man die Zauberformeln spricht, die die Verbindung herstellen. Diese Puppe heißt Ouanga. Um jemandem Schmerz zuzufügen – oder ihn zu töten –, muss der Ouanga schwarz sein. Wenn der Zauberer sich in Trance versetzt und dem Ouanga eine Nadel in, sagen wir, den Bauch sticht, dann kriegt der Betreffende Bauchkrämpfe, oder ihm wird kotzübel, je nachdem. Sticht er der Puppe in den Nacken, ist ein verspannter Rücken noch das Harmloseste. Und ein Stich ins Herz der Puppe tötet den Betreffenden.
»Ihr Doktor heilt die Leute nicht, er verzaubert sie. Erst macht er ihnen die Schmerzen, und wenn sie zu ihm kommen und für eine Behandlung zahlen, löst er den Zauber wieder«, sagte sie.
Ich musste daran denken, wie alles begonnen hatte. Dass die Leute sich über Schmerzen beklagt hatten, das war tatsächlich erst losgegangen, nachdem ich dem Doktor die ersten Haarproben gegeben hatte. Trotzdem schüttelte ich den Kopf. Wenn einem jemand so was erzählt, fühlt man sich ja irgendwie verpflichtet, skeptisch zu sein, oder? »Therésa«, sagte ich, »nicht dass ich was gegen die Sitten und Gebräuche Ihrer Heimat sagen will, aber das ist einfach Aberglaube. Ich meine, wie soll das funktionieren?«
»Es funktioniert«, sagte sie. »Glauben Sie mir.«
»Nein. Das ist Unsinn.«
Sie sah mich an. Überlegte. »Mein Großvater war noch ein Voodoo-Meister«, sagte sie dann. »Ich habe gesehen, wie er es gemacht hat. Und ich hätte damals nicht fliehen können, wenn er die Männer, die uns verfolgt haben, nicht verzaubert hätte. Ich wäre nicht hier, verstehen Sie?«
Wie sie das sagte, das jagte mir einen Schauder über den Rücken. Ich weiß nicht mehr, was ich antwortete, aber jedenfalls schaute ich das Probenröhrchen in meiner Hand an und warf es dann in den Müll. Und bat sie, niemandem etwas davon zu erzählen.
In den Tagen darauf ging ich in die Stadtbibliothek und blätterte in ein paar Büchern zum Thema. So richtig gute Bücher gibt’s dazu nicht, aber ich fand jedenfalls nichts, das dem, was Therésa erzählt hatte, widersprochen hätte.
Als mein Sohn am Wochenende zum Essen kam, brachte ich das Gespräch darauf, möglichst unauffällig natürlich und allgemein gehalten, aber ich glaube, es war gut, dass er im Prüfungsstress steckte, sonst wäre es ihm trotzdem komisch vorgekommen. Er meinte jedenfalls, es gäbe im Strafgesetzbuch eigens einen Paragrafen, dass Praktiken wie Totbeten, Verzaubern und so was nicht strafbar sind. Ich habe vergessen, welche Nummer der Paragraf hat, aber es heißt abergläubischer Tötungsversuch, glaube ich.
Ich schlief plötzlich schlecht, das kann ich Ihnen sagen. Wenn ich durchs Wohnzimmer ging und den riesigen Fernseher da stehen sah, bezahlt vom Schwarzgeld eines Schwarzmagiers, wurde mir ganz anders. Im Geiste sah ich einen großen, geheimen Kellerraum voller Aktenschränke mit kleinen Schubladen, auf jeder Schublade stand außen ein Name, und innen lag ein schwarzer Ouanga. Ich sah den Arzt vor mir, wie er den Keller aufschließt, eine Liste in der Hand mit den Namen der Patienten, die an dem Tag da gewesen sind, und wie er der Reihe nach deren Schubfächer öffnet und die Nadeln aus ihren Ouangas zieht, um ihnen die Schmerzen zu nehmen. Und in meiner Vorstellung hatte er eine zweite Liste dabei, die ihm sein Computer ausgedruckt hatte, Namen von Patienten, die schon lange nicht mehr da gewesen waren und die mal wieder Schmerzen haben mussten, damit sie wiederkamen und für eine weitere Behandlung zahlten. Ich malte mir aus, wie er über deren Ouangas finstere Zauberformeln flüsterte und dann seine Nadeln hineinstieß, in Schultern, in Nacken, in Bäuche und Unterleiber, in Beine oder Ellbogen…
Und dann schüttelte ich immer den Kopf und sagte mir, dass das Blödsinn war, nichts als dummer Aberglaube.
Aber ich kriegte die Idee nicht aus dem Schädel.
Und meine Frau meinte irgendwann, ich würde plötzlich mehr trinken als sonst. Sie wissen schon, ein kleiner Schlummertrunk vor dem Zubettgehen. Oder auch zwei, und nicht ganz so kleine, und nicht erst vor dem Zubettgehen.
Jedenfalls, irgendwann hatte ich den Einfall, wie ich diese wilde Theorie überprüfen konnte.
Sie kennen ja den Witz, dass man immer zu dem Friseur gehen soll, der am schlechtesten frisiert ist. Man kann sich nun mal nicht selber die Haare schneiden, das ist Tatsache. Deshalb frisieren sich Friseure gegenseitig. Weil ich hier im Laden der einzige Herrenfriseur bin, gehe ich immer zu einem Kollegen, der draußen in der Siedlung einen kleinen Laden mit seiner Frau zusammen hat. Und er kommt zu mir. Und als er das nächste Mal kam, bewahrte ich eine Probe von seinem Haar auf, an einer besonderen Stelle in meiner Schublade.
Und dann gab es eine Kundin, die regelmäßig kam und auch immer viel Geld daließ, die wir aber trotzdem alle aus tiefster Seele hassten, weil sie ein widerliches Aas war. Wenn sie anrief, um einen Termin auszumachen, und es darum ging, von wem sie frisiert werden wollte, hatte sie früher immer gesagt: »Hauptsache, nicht von der, die mich das letzte Mal verunstaltet hat.« Und seit Therésa bei uns arbeitete, fügte sie hinzu: »Und nicht von dieser Negerin, wenn ich bitten darf.« Sie verstehen? Diese Art von Kotzbrocken war sie.
Von ihr nahm ich bei nächster Gelegenheit auch eine Haarprobe.
Und als ich die Namensetiketten aufklebte, vertauschte ich die beiden Röhrchen.
Pünktlich drei Wochen, nachdem ich die Proben abgegeben hatte, klagten beide über Schmerzen im Rücken, mein Kollege aus der Siedlung und die dumme Kuh. Ihm riet ich, sich orthopädische Schuhe anzuschaffen. Der dusseligen Kuh gab ich den Prospekt der Praxis für Schmerztherapie.
Sie muss auch hingegangen sein, und nicht nur einmal, denn sie rief irgendwann an und beschwerte sich, wie viel Geld sie für diese Behandlungen ausgegeben hätte, und nichts täten sie helfen. Das Letzte, was ich gehört habe, ist, dass sie in irgendeiner Fachklinik liegt und sich fortwährend am Rücken operieren lässt. Ich meine, gut, sie war ein Aas, aber es gibt Grenzen, oder? Am liebsten hätte ich dem Doktor als Nächstes ein Büschel seiner eigenen Haare untergejubelt, damit er sich mal kräftig selber piesackt, bloß fiel mir dabei auf, dass er schon ewig nicht mehr zum Haareschneiden zu mir kam. Seltsam, oder?
Kurz darauf fuhr ich zu meinem Kollegen aus der Siedlung, einerseits, weil mein Haarschnitt überfällig war, hauptsächlich aber, weil ich mich vergewissern wollte, wie es ihm ging, und siehe da, dem ging es blendend. Er bedankte sich für den Tipp mit den orthopädischen Schuhen, die Schmerzen seien weg wie nie gewesen. Und dann sagte er, während er mir die Nackenpartie stutzte: »Übrigens, wie das Leben so spielt. Seit neuestem kommt ein Arzt zu mir, der auf Schmerztherapie spezialisiert ist.«
Ich sagte »Ach, wirklich?«. Da war er also abgeblieben, mein Zauberdoktor.
»Ja. Arbeitet mit chemischen Haaranalysen. Hat mich gebeten, die Haare meiner Kunden für ihn zu sammeln, damit er die in einem Institut in der Ukraine vorab untersuchen lassen kann, nur für den Fall, dass mal einer zu ihm kommt. Er zahlt sogar was dafür, und nicht wenig. Ich meine, ich kann mir kaum vorstellen, dass sich das lohnen soll, aber das ist ja sein Problem letzten Endes.«
Ich schaute an mir herunter, sah meinen Haaren nach, die am Frisierumhang abwärts rutschten und sich rund um den Sessel am Boden versammelten, und murmelte irgendwas, ich weiß nicht mehr, was. So also lief das. Ich sah sie schon büschelweise in ein schwarzes Ouanga eingearbeitet, konnte den kommenden Nadelstich, der mir unerträgliche Schmerzen bescheren würde, förmlich kommen fühlen. Ausgetrickst. All das schöne Geld, das er mir bezahlt hatte, würde er mir jetzt nach und nach fein wieder abknöpfen, und ich würde froh sein können, wenn es dabei blieb.
Ungefähr um diese Zeit machte unser Sohn seinen Abschluss, war also endlich richtiger Rechtsanwalt, und es ging drum, ob er eine eigene Kanzlei eröffnen sollte oder erst mal woanders einsteigen.
»Ich kann dir einen Werbegrafiker empfehlen«, meinte ich, weil ich es kaum erwarten konnte, einen Rechtsanwalt in der Familie zu wissen. Womöglich würde ich ihn demnächst brauchen. »Für Prospekte und Anzeigen und solchen Kram, meine ich.«
Sie hätten sehen sollen, wie er mich angeschaut hat. Wie man einen Deppen anschaut, ehrlich. Mitleidig. Ich hasse so was. »Ach Vater«, sagte er. »Rechtsanwälte dürfen doch keine Werbung machen. Ein Schild an der Tür, ein Eintrag in den Gelben Seiten, das ist es schon.«
»Keine Werbung?« Ich konnte es nicht fassen. Ich meine, ich kann mir gar nicht vorstellen, wie ein Geschäft auf diese Weise in Gang kommen soll, oder?
»Unerlaubte Werbung ist ein Grund, die Zulassung sofort und unwiderruflich zu verlieren«, erklärte er mir. »Das ist nicht nur bei Rechtsanwälten so, auch bei Ärzten zum Beispiel. Wusstest du das nicht?«
So, nun schauen wir mal. Warten Sie, ich hole den Spiegel, damit Sie sich von hinten sehen… Gut so? Danke. Wenn Sie das Haar so herüber kämmen, übrigens, und ein bisschen Haarspray drauftun, dann fallen die lichten Stellen praktisch nicht mehr auf. Nur als Tipp, meine ich.
Übrigens ist die Praxis für Schmerztherapie kurz danach von Amts wegen geschlossen worden. Nicht, weil jemand irgendwelchen Voodoo-Praktiken auf die Schliche gekommen ist, nein. Das hätten Sie in der Zeitung gelesen, glaube ich. Nein, der Grund war völlig banal: unerlaubte Werbung. Irgendjemand hat anscheinend ein paar Prospekte an die zuständigen Stellen geschickt, und die haben kurzen Prozess gemacht. Es ist nie herausgekommen, wer es war. Aber Tatsache ist nun mal, Ärzte dürfen keine Werbung für ihre Praxis machen, die über ein Schild an der Tür hinausgeht, und selbst wie das aussehen darf, ist genau vorgeschrieben. Da sind die gnadenlos.
Ach, eins noch. Ich hoffe, Sie finden das nicht aufdringlich, aber der Laden ist gerade so schön leer, wir sind unter uns, da dachte ich, ich spreche es mal an. Wissen Sie, es gibt nämlich nicht nur schwarze Ouangas. Rote Ouangas zum Beispiel nimmt man für Liebeszauber. Alles, was man braucht, sind ein paar Haare der betreffenden Person und die richtigen Zaubersprüche, und schon passieren die unglaublichsten Sachen.
Ich meine, Sie interessieren sich doch für die hübsche Tochter unseres Bürgermeisters, das sieht ein Blinder mit Krückstock. Und da wollte ich nur erwähnen, dass sie regelmäßig zum Haareschneiden herkommt. Und dass Therésa die ganzen Zaubersprüche kennt, habe ich ja erzählt. Es ist eine ungewöhnliche Dienstleistung, klar, und wir bieten sie auch nur unseren besten Kunden an. Aber die Zeiten sind hart, die Steuern und Abgaben hoch – da muss man flexibel sein.
© 2002 Andreas Eschbach