Survival-Training

 

Über die Entstehungsgeschichte der folgenden Story habe ich im Zusammenhang mit dem »Goethepfennig« bereits einiges erzählt. Hier nur noch ein paar Anmerkungen zum Grundgedanken der Erzählung.

Immer wieder – meistens zu Jahreswechseln und bei runden Jahreszahlen wird es quasi unvermeidbar – belästigen uns sogenannte »Experten« mit ihren Voraussagen darüber, wie wir in einigen Jahren oder Jahrzehnten angeblich leben werden, und in der Regel bestehen diese »Voraussagen« in einfachen Fortschreibungen momentaner Trends oder Moden. Ein Mythos, der seit Aufkommen der Personal Computer umhergeistert, ist der vom »total vernetzten Haus«, von »intelligenten Kühlschränken« und dergleichen.

Soweit man weiß, lebt bis jetzt nur eine Familie in so einem Ding – Bill und Melinda Gates und ihre Kinder –, und ich wette, dass von den für die allseitige Umsorgung installierten Gerätschaften inzwischen die meisten wieder ausgestöpselt sind.

Weil sie einfach nerven

 

 

»Survival-Training?« Maren hatte das Kissen hinter sich hochgeschoben und sah aus, als läge sie schon Stunden wach. »Das klingt beunruhigend, muss ich sagen.«

Tim schlug schlaftrunken die Decke zurück. »Ich hab’s dir doch erklärt. Das ist so eine Art Motivationstraining. Soll das Team zusammenschweißen und so Zeug.«

»Und wenn dir etwas passiert?«

»Da sind Trainer dabei. Fachleute. Die machen das nicht zum ersten Mal. Solche Trainings boomen zurzeit, das hat Henrik aus sicherer Quelle. Kein Grund zur Sorge.« Damit gab er sich einen Ruck, schaffte es in die Vertikale und schlurfte ins Bad.

»Herr Scheuermann«, sagte die Toilette, während Tim in wohliger Gedankenleere sein Wasser ließ, »Ihr Urin zeigt Anzeichen eines Diabetes im Frühstadium. Soll ich einen Termin bei Ihrem Hausarzt für Sie vereinbaren?«

Nun war Tim wach, mit einem Schlag. Himmel, ging das wieder los? »Nein!«, rief er aus. Mit seinem Urin war alles in Ordnung; wegen dieser Fehlalarme hatte er schon zwei Nachmittage beim Arzt verschwendet.

»Der nächste mögliche Termin wäre 10 Uhr 40 am kommenden Donnerstag. Soll ich zusagen?«

»Verdammt, nein!« Am Donnerstagvormittag war Meeting zu den Entwicklungen auf den afrikanischen Märkten; das hatte er bloß vergessen, im Kalender einzutragen.

»Ich habe den Termin vereinbart und in Ihrer Agenda vermerkt.«

»Blöder Kasten.« Tim drückte den Spülknopf, der zugleich die Selbstreinigung und Desinfektion der nanotechnisch bearbeiteten, absolut schmutzabweisenden Schüssel veranlasste. Die Toilette war ein Sonderangebot gewesen, aber es hatte von Anfang an Kompatibilitätsprobleme gegeben. Man hatte ihm hoch und heilig versprochen, dass mit dem neuesten Firmware-Update alle Probleme beseitigt sein würden – ja, Pustekuchen.

Halbnackt wie er war tappte er hinüber ins Arbeitszimmer, zog seinen Personal Assistent aus der Ladestation und schaltete ihn ein. Sie haben 35 wartende Nachrichten, darunter 1 dringende von Jason (Australien), stand auf dem Startschirm. Das hatte alles Zeit, obwohl er sich fragte, was ausgerechnet Jason Dringendes haben mochte. Er ging auf den Kalender, suchte den Termin bei Dr. Sporn heraus und gab den Befehl, ihn zu stornieren. Während die Verbindung aufgebaut wurde, sah er aus dem Fenster. Es würde heute sonnig und warm werden. Das Survival-Training fand draußen statt, so viel hatte man ihnen verraten.

Die Panne mit der Toilette kam Tim auf einmal vor wie ein böses Omen.

Endlich hatten sich der PA und der Rechner der Arztpraxis darauf geeinigt, den Termin zu streichen. Tim blockierte gleich den Donnerstag für das Afrika-Meeting. Das Stichwort Afrika veranlasste die eingebaute Künstliche Intelligenz, aus den Besprechungsprotokollen den Hinweis zu extrahieren, dass man es ihm aufs Auge gedrückt hatte, die Wirtschaftsfachleute aus Nairobi vom Flughafen abzuholen. »Danke«, murmelte Tim. Das hätte er jetzt völlig verschwitzt. Schon ein Segen, dass es diese Geräte gab. Er vermerkte in seiner To-do-Liste, sich noch einmal um das Problem mit der Toilette zu kümmern.

Als er zum Frühstück herunterkam, stand der Bote mit den Lebensmitteln in der Tür, die das Küchensystem bestellt hatte. Tim sah auf einen Blick, dass in der Kiste wieder zwölf der überteuerten, ungesunden süßen Fruchtdesserts lagen, von denen sich sein Sohn am liebsten ausschließlich ernährt hätte. Tim fischte eine der knallroten Packungen heraus. »Ich habe den Kühlschrank so eingestellt, dass er dieses Zeug nicht mehr bestellen soll. Sven, warst du das?«

Der tat, als könne er sich unmöglich von seinem Carry-Pad losreißen. »Nullo. Wahrscheinlich hast du wieder mal nicht richtig abgespeichert.«

»So, meinst du?« Wahrscheinlich war es eher wieder mal Zeit, das Admin-Passwort für die Küche zu ändern.

Der Mann im Overall reichte Tim hüstelnd ein Faltblatt. »Sie sollten sich allmählich was wegen des Upgrades überlegen. Das jetzige System wird nur noch bis Ende August unterstützt.«

Tim nahm den Prospekt. Er war aufwendig gemacht, mit sich bewegenden Druckbildern, und bot die für die künftige Übertagbelieferung erforderlichen Kühlschränke an. Die musste man in die Außenwand einbauen lassen, damit sie durch den Boten von außen geöffnet und beschickt werden konnten.

»Wie soll das gehen?«, zischte Maren ihm zu. »Wir brauchen den Kühlschrank in der Küche, nicht im Flur!«

»Himmel, ja«, gab Tim zurück. »Was willst du machen? Das Haus ist zehn Jahre alt, da ist eben nicht alles kompatibel. Im schlimmsten Fall haben wir künftig halt zwei Kühlschränke, so dramatisch ist das auch nicht.« Er nickte dem Boten zu. »Wir lassen es uns durch den Kopf gehen.«

Das Frühstück fand unter dräuenden Wolken statt, gerade so, als sei es die persönliche Schuld von Tim Scheuermann, dass als letzter der Lebensmittelkonzerne, zu denen ihr Haushaltssystem kompatibel war, nun auch FoodNet die personalintensiven morgendlichen Belieferungen der Haushalte einstellte. Tim war froh, als er aus dem Haus war.

Das Betriebssystem des Autos brauchte auch jeden Morgen länger zum Hochfahren. Oder war er nervös? Ja, das mit dem Survivaltraining beunruhigte ihn. Weil man so gar nicht wusste, was auf einen zukam.

Endlich konnte er den angegebenen Treffpunkt aus seinem PA ans Navigationssystem überspielen. »Bitte starten und an der nächsten Kreuzung links abbiegen.« Der tägliche Spruch zum Tage, da es von ihrem Wohnblock aus nur diesen einen Weg gab.

Auf der Ringstraße war schon jede Menge los. Tim ließ den Wagen sich ins Selbstfahrsystem einklinken und rief die wartenden Mitteilungen ab, die von Jason zuerst. Der hatte Stress mit den n5-Optionen, dem neuesten Schrei am Kapitalmarkt – Optionen auf Optionen auf Optionen und so weiter; ein wahnwitzig empfindlicher Markt, der schon ins Zittern kam, wenn ein wichtiger Industrieboss die linke statt der rechten Augenbraue hob. Tim diktierte eine Mitteilung an Estelle Jourdan, Peter de Hoof anzuweisen, bei Dana Chamberlain die Firmendaten abzurufen, die Jason brauchte. Trotz aller Vernetzung kam man eben immer noch nicht ohne solche informellen Kontakte aus.

»Bitte Handsteuerung übernehmen und an der nächsten Ausfahrt abfahren.« Aha, Neuland. Obwohl er seit seiner Geburt in dieser Stadt lebte, war er in diesem Teil noch nie gewesen. Ein altes Gewerbegebiet, wie es aussah; ein bisschen heruntergekommen. »Die nächste Einfahrt rechts nehmen. Sie haben Ihr Ziel erreicht.«

Die Einfahrt führte auf ein Grundstück, das hauptsächlich aus Parkplatz und dürrem Rasen bestand. Eine Art Büro lehnte windschief am Zaun, und weiter hinten standen eine Menge blauer Plastikboxen, die aussahen wie Umkleidekabinen. Das war alles.

Die meisten der anderen waren schon da. Ben belaberte mal wieder die Frauen von der Devisenabteilung. Breitbeinig, die Hände in den Hüften stand er da, und Tim hätte jede Wette gehalten, dass er anzügliche Witze erzählte. Henrik musste eben erst angekommen sein, er saß noch im Auto und telefonierte hektisch.

Gerade als man anfing, sich zu fragen, wie das weitergehen sollte, trat ein Mann aus dem Bürocontainer. Er war von beeindruckender Statur, hatte streichholzkurze Haare und Hunderte kleiner Fältchen im Gesicht von der Art, wie man sie mit modernen Mitteln eigentlich problemlos wegbekommen hätte. Aber sie verliehen ihm ein rustikales Aussehen, und das war, überlegte Tim, in seinem Job sicher nützlich.

»Mein Name ist Johannes. Ich heiße Sie zu Ihrem heutigen Survival-Training willkommen«, sagte er mit ruhiger, irgendwie kampferprobt klingender Stimme. Er trug eine olivfarbene Montur, die Tim an Safari-Filme denken ließ. Und ohne großes Herumgerede erteilte er gleich die erste Anweisung: alles abzulegen, was sie mit der Zivilisation verbinde.

»Alles? Was heißt ›alles‹?«, wollte jemand – Ben – wissen. »Werden wir nackt durch die Wälder streifen?« Die Frauen sahen pikiert drein, die Männer lachten.

Johannes ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. »›Alles‹«, erläuterte er, »heißt erstens: keine elektronischen Geräte. Keine PAs, Voice Commander, Thinking Rings, Monitorbrillen, Earplugs und so weiter. Zweitens: keine Kreditkarten, nichts, was einen Identity Chip trägt, kein Bargeld. Drittens: kein Kleidungsstück, das sich ins Internet einklinkt. Keine Jacken mit GPS-Sensor. Keine Unterwäsche, die Blutdruck und EKG an eine medizinische Überwachung meldet…«

»Aber die werden denken, ich bin tot!«, entfuhr es Henrik.

Tim sah ihn überrascht an; er hatte nicht gewusst, dass sein Kollege sich schon dauerüberwachen ließ. Er war noch ein bisschen jung dafür, oder?

Johannes blieb unbeeindruckt. »Sie melden sich einfach ab. Genau so, wie Sie es abends vor dem Schlafengehen machen.«

»Da melde ich mich nur auf den Schlafanzug um.« Henrik sah mit roten Flecken im Gesicht in die Runde. »Ihr braucht nicht so zu gucken. Mit Schlafapnoe ist nicht zu spaßen.«

»Sie werden während unseres Trainings keine Gefahr laufen, an Schlafapnoe zu sterben«, erklärte Johannes ungerührt. Er wies auf die Kabinen. »In Ihren Umkleidekabinen finden Sie ausreichend Wechselwäsche vor. Legen Sie die genannten Dinge in die bereitstehende Box. Diese lässt sich abschließen, nehmen Sie den Schlüssel an sich. Am Schluss erhalten Sie alles zurück.«

»Und unsere Autos?«

»Sie werden mit einem Bus hierher zurückgebracht.« Damit schien für Johannes das Nötige gesagt zu sein. Ein Kopfnicken, dann zog er sich wieder in seinen Verschlag zurück.

Das fing ja gut an. Tim musste unwillkürlich schlucken. So hatte er sich das allerdings nicht vorgestellt. Den anderen ging es genauso, den beklommenen Blicken nach zu urteilen, die sie einander zuwarfen.

Aber daran führte nun wohl kein Weg vorbei. Man konnte nur hoffen, dass dieser Johannes wusste, was er tat. Und dass er gut versichert war, für alle Fälle…

An den Umkleidekabinen klebten Namensschilder; jeder hatte seine eigene. Tim war zu Mute, als hätte man ihm befohlen, sich nackt auszuziehen. Den PA ablegen, mit allen seinen Daten… Er vergewisserte sich, dass der Zugriffsschutz aktiviert war, ehe er ihn aus der Hand gab. Dann das Ohrhörerset. Musik war also verpönt beim Survival. Der Armreif mit dem Stresssensor, den Maren ihm zum Geburtstag geschenkt hatte, fiel sicher auch unter den Bann. Es wunderte Tim kein bisschen, dass alle drei Warnleuchten rot blinkten.

Die bereitliegende Kleidung war laut Garantiesiegel der Wäscherei gereinigt, desinfiziert und allergiegeprüft. Sie hatte genau Tims Größe, was man ja wohl erwarten konnte. Trotzdem hätte er am liebsten seine eigenen Sachen anbehalten. In die meisten davon war allerdings ein Einmal-Notruf-Streifen eingewebt, wie in fast allem, was man heutzutage kaufte. Und sein Timed-Color-Hemd, das im Lauf des Tages mehrmals in sanften Übergängen die Farbe wechselte, war sicher auch unerwünscht.

Als Tim wieder ins Freie trat, sah er, dass vier ebenfalls in Oliv gekleidete Männer und Frauen sie mit Scannern erwarteten. Wer noch ein Signal von sich gab, wurde zurückgeschickt. Henrik zum Beispiel. »Es ist nur ein Diabetes-Sensor, zum Teufel«, rief er dabei mit hochrotem Kopf. »Der funkt nicht! Nirgendwohin!«

Ben hatte die Kontrolle schon passiert, stand auf dem Sammelplatz und reckte und streckte sich, als Tim ankam. »Starkes Gefühl«, meinte er. »Man kommt sich fast vor wie ein wildes Tier. So… unzivilisiert.«

Tim war alles andere als stark zu Mute. Im Gegenteil, ohne seine gewohnte Ausstattung fühlte er sich… verletzlich, das war das Wort. Sich vorzustellen, dass er völlig abgeschnitten war von der Welt! Keine Nachricht, keine Mitteilung würde ihn erreichen, egal wie wichtig und eilig… Es war beinahe wie taub sein. Als habe man ihm ein Sinnesorgan amputiert.

Beruhigend wenigstens, dass es den anderen genauso zu gehen schien. Henrik passierte die Kontrolle beim zweiten Mal und blaffte den wartenden Johannes an: »Alles ziemlich leichtsinnig, würde ich sagen. Ich meine, die Regierung könnte stürzen, und wir würden es nicht mal mitkriegen. Ist doch so, oder?«

Johannes hob kaum die Augenbraue. »Kann etwas wichtig sein, von dem man nichts mitkriegt?«

Henrik stutzte, dann wandte er sich kopfschüttelnd ab. »Ein Witzbold«, grollte er. »Wir sind verflucht noch mal in den Händen eines Witzbolds.«

Schließlich waren alle so weit, wenn auch die meisten noch reichlich belämmert dreinblickten. Johannes erklärte die Aufgabe, die zu bewältigen war: Sie sollten sich gemeinsam zu einem Sammelpunkt durchschlagen. Zu Fuß. Und mit nichts weiter ausgestattet als mit etwas, das er »Stadtplan« nannte – ein Blatt Papier, auf das sinnverwirrend viele Linien gedruckt waren, angeblich ein Abbild der Umgebung. Alles drängte sich um Liz, der er das Papier überreicht hatte, um einen Blick darauf zu werfen.

»Denken Sie es sich als Navigationssystem für den Handbetrieb«, riet Johannes und winkte einen seiner Assistenten heran, einen untersetzten Mann mit schwarzen Locken und einem Vollmondgesicht. »Das ist Markus. Er wird Sie begleiten, Ihnen in Notfällen aus der Patsche helfen, sich ansonsten aber zurückhalten. Es ist schließlich Ihr Training.« So etwas wie ein Lächeln huschte über seine Züge. »Viel Spaß.«

Damit ließ er sie alleine, und bis auf Markus verdrückten sich auch die übrigen Assistenten.

»Na, das werden wir ja wohl hinkriegen«, meinte Liz streitlustig und hielt das Papier in die Höhe. »Das ist eine Draufsicht, würde ich sagen. Als würde man von einem Satelliten aus hinunterschauen und die Straßen und so weiter abzeichnen.«

Pjotr, der Analyst mit dem wallenden Haupthaar, deutete auf ein rotes Kreuz. »Dann sind wir sicher hier.«

»Genau«, sagte Ben und zeigte auf ein blaues Dreieck. »Und da müssen wir hin. Ganz einfach.«

Ganz so einfach war es dann aber doch nicht, denn das hieß, dass sie austüfteln mussten, durch welche Straßen sie gehen und wo sie in andere abbiegen würden. So etwas hatte noch keiner von ihnen je im Leben gemacht.

»Was ist eigentlich das da?«, fragte eine Frau, die erst seit kurzem in der Investmentabteilung arbeitete und deren Namen Tim nicht kannte. Sie deutete auf ein großes, in Grüntönen gehaltenes Vieleck mitten auf dem Papier.

»Das ist das ehemalige Schwerindustriegebiet«, erklärte Markus. »Da wurde vor dreißig Jahren alles abgerissen; seither ist es Brachlandschaft und Vogelschutzgebiet. Aber man kann es durchqueren.«

Tim runzelte die Stirn. »Davon habe ich noch nie etwas gehört.«

Der Assistent nickte bereitwillig. »Die Navigationssysteme umfahren das Gelände alle weiträumig. Wegen des Naturschutzes, verstehen Sie? Auch in den Medien werden solche Gebiete deswegen so gut wie nie erwähnt.«

Tim besah sich den Plan noch einmal. »Aber das ist ziemlich groß, oder?«

»Ja. Es war ein eigener Stadtteil.«

Gespenstisch, auf diese Weise zu erfahren, dass es mitten in der Stadt, die er als seine Heimatstadt betrachtete, eine Art Wildnis gab, von deren Vorhandensein er nie etwas geahnt hatte. Klar, die Ringstraßen führten darum herum, deshalb hießen sie so… Trotzdem. Ihn schauderte.

Nachdem die Entscheidung, ob es von der Einfahrt aus nach rechts oder links ging, getroffen war, marschierten sie los. Die Insassen vorbeifahrender Autos warfen ihnen verwunderte Blicke zu. Kein Wunder, niemand sonst bewegte sich hier zu Fuß.

Die anfänglichen Witzeleien verstummten bald. Sie hatten mehr als genug damit zu tun, die Augen offen zu halten und wachsam zu sein für die Gefahren, die ihnen drohen mochten. Dass dieser Markus sie begleitete, war nicht so richtig beruhigend. Er sah herzlich ahnungslos aus, wie ein halbes Kind. Und er schien nicht einmal ein Telefon zu haben. Wie er ihnen in einem Notfall helfen wollte, wusste keiner.

Die Umgebung war voller fremdartiger Geräusche. Die Bäume bewegten ihre Äste und rauschten dabei auf eine fast unheimliche Weise. Immer wieder hörte man pfeifende Laute, die, wie sie entdeckten, von kleinen, fliegenden Tieren stammten.

»Das sind Vögel«, erklärte Ben fachmännisch. »Habe ich erst neulich was darüber im Internet gelesen.«

»Können die uns etwas tun?«, wandte sich eine Frau an Markus.

Der lächelte milde. »Wieso denken Sie, dass die Ihnen etwas tun können?«

»Na ja, sie… sind vorne am Kopf spitzig, nicht wahr?«

Markus zögerte, schien zu überlegen, was er darauf antworten sollte oder durfte. Schließlich sagte er nur: »Sie brauchen keine Angst zu haben.«

Nach etwa einer Stunde – genau konnte man es nicht sagen, weil niemand eine Uhr trug – klagten die ersten über Hunger und vor allem Durst. Doch die Erwartung, dass sich der Veranstalter für ihre Verpflegung verantwortlich fühlen würde, wurde von Markus kühl enttäuscht. »Dies ist ein Survival-Training. Das heißt, wenn ein Problem entsteht, müssen Sie es auf eigene Faust lösen. Ich bin nur dazu da, zu verhindern, dass jemand zu Schaden kommt.«

Pjotr fragte entrüstet nach: »Und was soll das heißen?«

»Wenn Sie Hunger haben, dann suchen Sie sich etwas zu essen«, präzisierte Markus bereitwillig. »Und wenn Sie Durst haben, suchen Sie etwas zu trinken.«

Zwei Dutzend Augenpaare sahen ihn entsetzt an. Fassungsloses Murren lief durch die Gruppe wie Brandung über einen Strand.

»Ein schlaues Geschäftskonzept«, hörte Tim Henrik murmeln. »Sie lassen die Leute auch noch dafür zahlen, dass sie ihnen nichts bieten. Ich muss herausfinden, ob man von denen nicht Aktien kaufen kann.«

Tim wurde sich dessen bewusst, dass seine Hand wie automatisch nach dem PA greifen wollte. Anzugeben, was man suchte, und sich von seinem Personal Assistant den Weg dorthin zeigen zu lassen – das war das Normalste der Welt. Aber ohne PA natürlich unmöglich.

Was für eine entsetzliche Situation!

Henrik war es, der schließlich auf ein großes Lagergebäude mit Flachdach wies. »Da! Das ist ein Depotmarkt! Die haben einen Lagerverkauf; das weiß ich von meinem Bruder. Der holt seine Lebensmittel selber.«

Einige rümpften die Nase. Tim fragte sich, was mit Henriks Familie los war, dass sein Bruder sich nur wegen der paar Prozente Rabatt ab Lager versorgte… Aber sie hatten alle Durst, also setzten sie sich in Bewegung. Man hörte die Regalroboter drinnen summen, wenn man näher kam, und ab und zu schoss ein automatischer Elektrowagen aus der Ausfahrt.

Und da war der Eingang zum Lagerverkauf. Doch die Türen rührten sich nicht.

»Klar«, stieß Henrik hervor. »Weil keiner von uns eine Kreditkarte dabei hat.« Er musterte die Sensoren über der Tür feindselig, die mitleidlos nur auf die Funkechos von Identity Chips reagierten.

»Und was machen wir jetzt?«, rief eine der Frauen. »Himmel, ich sterbe vor Durst!«

»Lasst uns Markus fragen, was wir tun sollen«, schlug Liz vor. »Das ist so eine Situation, in der er uns helfen muss.«

Die anderen nickten. »Ja. Es bleibt uns nichts anderes übrig.«

Markus wies nur auf einen Brunnen, der keine fünfzig Meter weit entfernt stand. Aus einem Metallrohr ergoss sich ein dünner Wasserstrahl in ein Becken aus Stein. Es war nicht der erste Brunnen, an dem sie vorbeigekommen waren, aber Tim war davon ausgegangen, dass er nur dafür gedacht war, sich die Hände zu waschen.

»Wasser?« Henrik fielen fast die Augen heraus. »Wir sollen Wasser trinken?«

Markus neigte den Kopf zur Seite. »Wasser ist Hauptbestandteil aller Getränke und darüber hinaus das, was den Durst stillt. Alles andere sind nur Geschmacksstoffe.«

»Ich weiß nicht…«, murmelte eine der Frauen angewidert.

»Es handelt sich um Trinkwasser«, ergänzte Markus.

Ben war es, der schließlich vortrat, entschlossen die Ärmel hochkrempelte und rief: »Los, Leute! Das wird jetzt einfach ausprobiert!« Er marschierte auf den Brunnen zu, beugte sich über den plätschernden, silbernen Strahl. »Wenn ich draufgehe, verklagt sie!« Er zögerte, musste erst überlegen, wie er es machen sollte. Schließlich bildete er mit den Händen eine Art Schale und ließ das Wasser hineinlaufen. Sie hielten den Atem an, als er davon trank. Und noch einmal, mehr. »Hey!«, rief er. »Gar nicht so schlecht. Das müsst ihr probieren.«

Nicht alle konnten sich überwinden, aber Tim nahm schließlich doch einen Schluck. Kühl schmeckte es, irgendwie nach nichts und trotzdem gut. Eigenartig.

Kurz darauf ging es hinein in das… von Wildpflanzen überwucherte Gebiet. Brache? Hier lag überhaupt nichts brach. Wohin man sah, blühte es in allen Farben und Formen, wimmelte es von Vögeln und Krabbelgetier. Sie folgten Wegen, die nicht einmal asphaltiert waren, von höherwertiger Ausstattung ganz zu schweigen. Sie gingen einer hinter dem anderen, auf nackter, festgetretener Erde. Fortwährend kamen kleine Tiere angeflogen. Ranken streiften sie, die von Bäumen herunterhingen. Bisweilen wehten derart intensive Gerüche heran, dass es ihnen Tränen in die Augen trieb.

Und heiß war es. Die Sonne brannte herab, von einem blauen, wolkenlosen Himmel, und veranlasste ihre Körper zu so planloser Transpiration, dass sie über den nächsten Brunnen herfielen wie die Selbstmörder.

Henrik fühlte sich immer wieder den Puls. »Das tut mir alles nicht gut«, erklärte er ein ums andere Mal. »Ich müsste eigentlich gleich für heute Abend einen Arzttermin ausmachen.« Und setzte mit erbittertem Schnauben hinzu: »Aber wie denn, ohne Anschluss, verdammt?«

Tim hörte nur mit halbem Ohr zu. Er sorgte sich wegen der Sache mit Jason. Er hätte was darum gegeben, einen Blick auf seine Nachrichtenliste werfen zu können. Wenn das mit den Firmendaten von der Chamberlain schiefgegangen war, konnte das die Firma Millionen kosten. Er ärgerte sich, nicht wenigstens Bescheid gesagt zu haben, dass er mehrere Stunden offline sein würde. Andererseits hatte er ja kaum ahnen können, was das hier für Formen annehmen sollte. Beim Umziehen wäre die Gelegenheit gewesen, Jason noch eine Nachricht zu schicken. Bloß hatte er nicht daran gedacht.

Und dann kam es zu ersten Verlusten.

Ausgerechnet Ben.

Eben war er noch da gewesen, hatte gute Laune verbreitet, die Stimmungskanone gespielt, die Moral der Truppe hochgehalten. Und dann auf einmal – weg.

»Was sollen wir jetzt tun?«, fragten sie Markus.

Der schien die Tragweite des Vorfalls überhaupt nicht zu begreifen. »Was wollen Sie denn tun?«, fragte er bloß.

Liz organisierte eine Suchaktion, unter der Maßgabe, dass jeder mit jedem in Sichtkontakt blieb. Das brachte nicht viel, außer dass sie noch mehr schwitzten und mehrere Leute von Tieren gestochen wurden. Tim geriet an eine Pflanze mit dunkelgrünen, pelzigen Blättern, deren Berührung brannte wie verrückt.

»Die verkaufen uns doch für blöd«, meinte Henrik schließlich, als sie sich berieten und Markus abseitsstand. »Das ist deren Geschäftsprinzip, Leute. Der Junge schaut seelenruhig zu, wie wir uns einen abbrechen, aber überlegt mal: Die können es sich nicht erlauben, dass bei ihren irren Spielchen einer draufgeht. Die wären im Nu weg vom Markt. Also wette ich hundert zu eins, dass hier noch mehr von diesen sogenannten Assistenten rumschleichen. Und die haben Ben längst in Sicherheit gebracht.«

Das fand Tim schlau gedacht, und so stimmte er auch dafür, die Suche abzubrechen und sich stattdessen vollends zum Zielpunkt durchzuschlagen.

Die Sonne stand schon im Zenit, als sie endlich ankamen. Doch zu ihrem Entsetzen war von Ben keine Spur zu sehen.

Stattdessen erwartete sie Johannes mit einem klimatisierten Elektrobus. Ihre Verlustmeldung war ihm nur ein Schulterzucken wert, und als Liz heftig dagegen protestierte, ohne Ben loszufahren, sagte er bloß: »Wir werden uns um ihn kümmern. Sobald wir ihn gefunden haben, kommt er nach.«

Die Rückfahrt verlief in tiefem Schweigen. Sie waren alle deprimiert und erschöpft. Erst nachdem sie sich umgezogen und endlich ihre Geräte wieder hatten – Tims PA zeigte 63 wartende Nachrichten an, zum Glück nichts Brandeiliges, soweit er beim raschen Durchblättern sah –, kehrte zumindest ein Hauch von Zuversicht zurück. »Sie werden sich die Arsche aufreißen, um ihn zu finden, ist doch klar«, gab Henrik die Parole aus. »Weil andernfalls wir ihnen die Arsche aufreißen.« Trotzdem war an diesem Nachmittag nicht mehr an geregelte Arbeit zu denken. Sie saßen ewig in der Kantine beisammen, hechelten alles wieder und wieder durch, und selbst der Chef, dessen Idee das Training gewesen war, zeigte sich bestürzt über den Verlust.

Doch gegen halb vier trudelte Ben dann tatsächlich ein. Er grinste schief, ließ sich feiern. »Verlaufen«, sagte er, als man ihn fragte, was passiert sei. »Kann vorkommen in der Wildnis.« Der Chef kam und schüttelte ihm die Hand, sichtlich erleichtert über seine Rückkehr.

Die Wahrheit erzählte er Tim erst, als der Rummel abgeflaut war und sie in ihrem Büro unter sich waren. »Da waren ein paar Hütten. Klein, aus Ziegeln, ein Dach drauf, nichts Besonderes. Schimmerten zwischen den Bäumen durch, kaum zu erkennen. Ich wollte bloß sehen, was das ist, das war alles. Ich habe mich also seitwärts in die Büsche geschlagen und…« Er holte tief Luft, rollte mit den Augen. »Nie im Leben hätte ich gedacht, dass da Menschen wohnen. Aber es war fast ein kleines Dorf. Und jetzt halt dich fest: Die leben da wie vor hundert Jahren. Echt. Kein einziger Computer. Strom nur aus Steckdosen.

Telefon nur am Kabel! Zuletzt hab ich so was als Kind im Museum gesehen.«

Tim kniff die Augen zusammen. »Du verscheißerst mich, oder?«

»Nein, ich schwör’s dir. Ehrlich. Das muss so eine Art Sekte sein. Ich hab mit denen gesprochen. Die nennen ihre paar Hütten eine Offline-Siedlung, und angeblich gibt es Hunderte davon, praktisch in jeder Stadt.« Ben fuhr sich durchs Haar. »Einen Moment lang hab ich das sogar fast geglaubt.«

»Und dann?«

»Dann hab ich gemacht, dass ich wegkam. Ich meine, weiß man, wozu solche Leute fähig sind? Na ja. Danach bin ich durch die Gegend geirrt. Bis einer von den Assistenten aufgetaucht ist.« Er schüttelte sich, als müsse er einen Albtraum loswerden. »Eins sag ich dir: Nie wieder mach ich so einen Quatsch mit. Wir hätten uns alle ‘nen schönen Tag im Synthobad machen können oder im Virtual Dome oder sonstwo, aber nein… Survivaltraining! Ich bitte dich!«

 

* * *

 

Abends stand Tim am Fenster und dachte an den Tag zurück. Was für ein Abenteuer! Ihn schauderte immer noch ein bisschen. Zum Glück hatte sich herausgestellt, dass mit den Daten für Jason alles klar gegangen war, und auch sonst war ihre Abwesenheit ohne katastrophale Folgen geblieben. Sein PA hatte in der Zeit, in der er unbeschäftigt gewesen war, Angebote für Zweiwegekühlschränke eingeholt, sie auch gleich bei der Prüfagentur, mit der Tims Firma einen Vertrag hatte, auf Verlässlichkeit gecheckt und ein Gerät ausfindig gemacht, das voll kompatibel war und dazu dreißig Prozent billiger als die Angebote von FoodNet. Tim war erst verblüfft gewesen über diese Eigeninitiative des Geräts, bis ihm gedämmert hatte, dass der PA am Morgen den Artikelcode des Faltblattes gescannt haben musste.

Bloß das mit der Toilette klappte immer noch nicht. Er würde bis auf Weiteres nur unten aufs Klo gehen, weil das blöde Ding oben bei jedem Pinkeln sturheil einen Arzttermin für ihn ausmachte.

Es hatte zu regnen begonnen. Tim hörte, wie sich die Dachfenster im Schlafzimmer schlossen, und sah, wie draußen auf der Straße ein MechAssist, ein Roboter, der einer alten Frau die Tasche trug, einen Regenschirm über ihr entfaltete.

Sven kam herein, unterbrach Tims Gedanken mit der aufgeregten Verkündigung, er habe für einen neuen Science-Fiction-Film, der ab heute für die Netze freigeschaltet wurde, den Access-Code bekommen – irgend so eine Werbeaktion, wie sie an Schulen immer häufiger wurden –, und ob er den im Wohnzimmer auf der Bildwand ansehen dürfe? »Der soll endgültig gaua sein, mit Mutantenmenschen und so!«

Was war das wieder für ein Modewort, gaua? »Und Schulaufgaben?«

»Alles fertig und im File. Asta basta.«

»Gut, von mir aus. Aber nicht so laut, dass das Haus wackelt.«

Schwupps, weg war er. Gleich darauf hörte man die Bildwand angehen, sonore Stimmen, Musik und Geräusche, die durch die Räume hallten. Sicher würde sich Maren gleich über die Lautstärke beschweren.

Tim dachte an die Menschen, die jetzt, in diesem Moment, in den Offline-Siedlungen lebten. Angeblich. Wenn Ben ihm nicht einen Bären aufgebunden hatte, was freilich genauso unvorstellbar war wie, dass jemand freiwillig so lebte, wie sie es heute ein paar Stunden lang durchgestanden hatten. Wie vor hundert Jahren? Das war leicht gesagt, aber man machte sich kaum eine Vorstellung davon, was das bedeutete. Im Prinzip jeden Tag Survivaltraining. Was für ein schauerlicher Gedanke.

Die Klimaanlage schaltete hoch. Die neuen Lüfter klangen wie Meeresrauschen, ein japanisches Patent. Sie mischten der gefilterten und ionisierten Luft Düfte bei, kaum wahrnehmbar und sorgfältig so kombiniert und dosiert, dass Wohlbefinden und Entspannung gefördert wurden.

Am besten, er vergaß das alles. Den heutigen Tag, und den Quatsch mit den Offline-Siedlungen auch.

 

© 2005 Andreas Eschbach