Die grässliche Geschichte vom Goethe-Pfennig
Im Juli 2005 fragte ein Redakteur einer der wichtigsten Wirtschaftszeitschriften Deutschlands bei mir an: Man feiere im Herbst das Jubiläum des Blattes, wolle dazu eine besondere Ausgabe machen, ob ich mir vorstellen könne, dafür eine Story zu schreiben? Er hatte auch gleich relativ konkrete Vorschläge, so konkret in der Tat, dass ich mich hätte fragen sollen, warum er die Story denn nicht selber schrieb.
Da ich dieses Blatt in meiner Zeit als aufstrebender Jungunternehmer selber gern und mit dem Gefühl, etwas davon zu haben, gelesen hatte, sagte ich nach Klärung der Randbedingungen (Honorar, Umfang, Ablieferungstermin) zu, trotz eines eigentlich schon ganz gut gefüllten Zeitplans.
Zur Inspiration bekam ich einige aktuelle Ausgaben des Magazins zugeschickt, die ich an zwei aufeinanderfolgenden Abenden durchschmökerte und die mich, ja, tatsächlich inspirierten. Womit ich, ehrlich gesagt, nicht gerechnet hatte, denn normalerweise funktioniert so etwas wie »Inspiration auf Kommando« bei mir nicht. Aber tatsächlich kam mir beim Lesen all dieser Wirtschaftsberichte, Interviews mit Unternehmern, Kolumnen über neue Steuern und Vorschriften und so weiter eine Idee, die sich im Lauf der Lektüre immer weiter konkretisierte und schließlich so unwiderstehlich wurde, dass ich mich hinsetzen und in den darauffolgenden Tagen nichts anderes tun konnte als diese Story zu schreiben, die für mich so etwas wie die Quintessenz aus all dem Gelesenen war – und meinen eigenen Erfahrungen als Unternehmer. So viel hatte sich gar nicht geändert. Noch immer hakt und krankt die Wirtschaft daran, dass der Staat sich unverdrossen in immer mehr Bereiche einmischt, in denen er nur Unheil anrichten kann.
Nachdem ich die Story fertig hatte, gab ich sie meiner Frau zu lesen. Die war begeistert. Ich gab sie meinem Agenten zu lesen, der auch begeistert war. Ich schickte sie an den Redakteur besagter Zeitschrift…
… der sie ablehnte. Man habe sich doch etwas anderes vorgestellt. Mehr SF-mäßig. Eher so etwas wie ein Tag im Leben eines Menschen im Jahr 2050. Wie jemand morgens aufsteht und von allerhand intelligenter Haustechnik umsorgt und umhegt wird. Wie er mit Hilfe weltweiter Netze und Computern und so weiter seiner Arbeit nachgeht. Und so.
Ich war etwas gefrustet, musste aber zugeben, dass in den anfänglichen Gesprächen tatsächlich der Begriff Science Fiction gefallen war und dass meine Story damit nichts zu tun hatte. Also legte ich sie beiseite und schrieb eine andere. In der jemand morgens aufsteht und von allerhand intelligenter Haustechnik umsorgt und umhegt wird. In der er mit Hilfe weltweiter Netze und Computern und so weiter seiner Arbeit nachgeht. Und so.
Sie finden diese Story ebenfalls in diesem Band; sie trägt den Titel »Survivaltraining«.
Sie wurde ebenfalls abgelehnt.
An diesem Punkt hatte ich keine Lust mehr. Mein Agent handelte ein Ausfallhonorar aus, und was dann in besagter Jubiläumsausgabe erschien, weiß ich nicht. Vielleicht hat sich in irgendeiner Marketingabteilung ein Texter gefunden, der eine Geschichte geschrieben hat über jemand, der morgens aufsteht und von allerhand intelligenter Haustechnik umsorgt und umhegt wird. Mit Hilfe weltweiter Netze und Computern und so weiter seiner Arbeit nachgeht. Und so. Und der diese Vision etwas toller fand als ich sie finden kann.
»Die grässliche Geschichte vom Goethepfennig« erschien, drastisch gekürzt allerdings, dann im Herbst 2007 in einem anderen, nicht minder bedeutenden Wirtschaftsmagazin, dem »Handelsblatt« nämlich. Und hier erscheint sie zum ersten Mal so, wie ich sie geschrieben habe.
Es war einer dieser Tage, an denen Peter Eisenhardt mit allem haderte, mit der Welt im Allgemeinen und mit seinem Schicksal im Besonderen.
Peter Eisenhardt war – neben seinem Brotberuf als Sachbearbeiter, der ihn leidlich ernährte – Schriftsteller. Unglücklicherweise galt seine Liebe der Science-Fiction, einem Genre also, dessen Liebhaber zwar treu waren wie Gold, aber leider auch ebenso rar, während es bei der Zivilbevölkerung einen eher anrüchigen Ruf genoss. Mit anderen Worten, selbst im Falle einer geglückten Veröffentlichung war nicht mit Verkaufszahlen zu rechnen, die das Schreiben eines Romans zu einem wirtschaftlich lohnenden Unterfangen gemacht hätten.
Überdies zählte Peter Eisenhardt nicht zu den großen Namen der Science-Fiction; zu seinem Leidwesen waren andere beliebter, und manche von denen, die beliebter waren, waren selbst seiner Meinung nach tatsächlich besser. Schrieben spannender. Zeichneten lebendigere, eindrücklichere Charaktere. Bekamen Dialoge hin, bei denen man die Stimmen der Figuren beinahe hörte.
Und er? Er stak gerade im ersten Drittel seines neuen Romans, kämpfte gegen rapide nachlassende Spannung, war unzufrieden mit seinen Charakteren, die ihm papieren und leblos vorkamen, und zu allem Überfluss rief auch noch sein Agent an und machte ihm den Vorschlag, es doch mal mit einem Krimi zu versuchen, Krimis gingen viel besser als Science-Fiction.
Genug Gründe also, um zu hadern. Eisenhardt schaltete den PC aus und ergab sich der Glotze. Wozu plagte er sich eigentlich ab? Letzten Endes interessierte es ja doch kein Schwein, was er trieb.
Genau in diesem Moment sagte ein ernst dreinblickender Politiker auf dem Bildschirm: »Man muss etwas für die Autoren tun!«
Eisenhardt verfolgte mit ungläubig geweiteten Augen, wie dieser Mann – laut Bildunterschrift Staatssekretär im Wirtschaftsministerium – fortfuhr, es könne nicht angehen, dass Autoren Monate, manchmal Jahre an Arbeit in ein Manuskript steckten und nachher dafür keine angemessene Entlohnung, ja mitunter nicht einmal eine Möglichkeit der Veröffentlichung fänden. Ausbeutungsähnliche Verhältnisse seien das, und seines Erachtens sei die Politik gefordert, hier endlich Abhilfe zu schaffen.
»Ein Autor, gerade der Neueinsteiger, hat keinerlei Planungssicherheit«, fuhr er fort. »Einen Roman zu schreiben ist im Grunde ein unzumutbares Wagnis. Ich frage Sie: Wissen wir, wie viele gute Autoren dadurch abgeschreckt werden? Wie viele gute Romane aufgrund dessen ungeschrieben bleiben? Wir haben es hier mit einer skandalösen Verschwendung kreativer Energie und schöpferischer Potentiale zu tun, die wir uns gerade als Kulturnation nicht länger leisten können. Alles klagt, dass es mit Deutschland abwärtsgehe. Ich sage: Hier ist der Punkt, an dem wir ansetzen müssen!«
Eisenhardt konnte es kaum fassen. Ein Traum wurde wahr! Autoren wurden auf einmal ernst genommen! Die Partei, der dieser Staatssekretär angehörte, war ihm auf einen Schlag sympathisch.
Abends war besagter Staatssekretär bei Sabine Christiansen, und nun erfuhr man die ganze Geschichte. »Sensibilisiert für die Problematik«, wie er sich ausdrückte, habe ihn das Schicksal seiner Tochter. Sieben Jahre lang habe diese an einem Roman geschrieben und sich danach weitere vier Jahre lang abmühen müssen, bis sie endlich einen Verlag dafür gefunden habe. Dort sei das Buch mit einer Startauflage von mageren 1500 Exemplaren erschienen. »Und wissen Sie, wie viel sich davon verkauft haben?«, erregte sich der Politiker. »Nach einem Jahr ganze 891 Stück! Ich frage Sie: Steht das im Verhältnis? Das reicht kaum, um die Portokosten zu amortisieren.«
Er hatte das Buch dabei und hielt es, den leisen Unmut seiner Gastgeberin erregend, in die Kamera. Peter Eisenhardt kannte es sogar. Es war eine Liebesgeschichte zwischen zwei Germanistikstudenten – die Autorin studierte im 26. Semester Germanistik –, die zahlreiche lobende Rezensionen bekommen hatte, darunter in angesehenen Tageszeitungen. In der Buchhandlung hatte er es einmal in die Hand genommen, allerdings nach den ersten zwei Absätzen wieder beiseitegelegt.
»Es geht nicht um ein einzelnes Buch«, beteuerte der Staatssekretär. »Es geht um eine grundlegende Neuorientierung der Kulturpolitik unseres Landes.« Die anwesenden Politiker der anderen Parteien pflichteten ihm im Grundsatz bei, und an einem der folgenden Tage kündigte ein hochrangiges Mitglied der Regierung eine entsprechende Gesetzesinitiative an.
Wenige Wochen später wurden erste Einzelheiten des geplanten »Autoren-Arbeitsplatz-Schutzgesetzes«, abgekürzt AuArSchG, bekannt. Wichtigste Neuregelung war, dass alle Bücher künftig mit einer Mindestauflage von 20.000 Stück erscheinen sollten.
Wie jedes kühne Reformvorhaben stieß auch dieses zuerst auf den Protest der ewigen Beharrer. Ein Kleinverleger mahnte in einem Tagesschau-Interview, man denke hoffentlich daran, dass viele kleinere Verlage nicht einmal insgesamt auf solche Stückzahlen kämen, und der Herausgeber einer großen Wochenzeitung nannte das Gesetzesvorhaben »blanken Unsinn«. Dessenungeachtet wurde der Gesetzentwurf einige Wochen später in den Bundestag eingebracht und passierte in erster Lesung und mit deutlicher Mehrheit, ein entschiedenes Bekenntnis der Volksvertreter also zum Kulturgut Buch.
Peter Eisenhardts Agent war begeistert. Eisenhardt selber nicht minder, als er den neuen, bereits nach AuArSchG abgeschlossenen Vertrag für sein nächstes Buch sah: eine bedeutend höhere Startauflage, das bedeutete natürlich auch einen bedeutend höheren Vorschuss!
Ein mit Peter Eisenhardt befreundeter Autor allerdings, dem es bislang noch nicht gelungen war, etwas zu veröffentlichen, der jedoch zuletzt dicht dran gewesen war an seinem ersten Vertrag, berichtete beim nächsten Treffen, dass daraus nun doch nichts werde. Der Verleger, der ihm mündlich schon so gut wie zugesagt gehabt hatte, habe ihm erklärt, zu seinem Bedauern könne er das Buch nun doch nicht veröffentlichen; das neue Gesetz zwinge ihn, völlig anders zu kalkulieren. Eine so hohe Auflage für einen Erstautor, das sei ein zu großes Risiko.
Ähnliches hörte man bald darauf überall: dass es für unveröffentlichte Autoren jetzt noch schwieriger geworden sei, einen Verlag zu finden. Zumal ein rasantes Verlagesterben einsetzte, namentlich unter Kleinverlagen, denn die von diesen erhoffte Ausnahmeregelung enthielt das AuArSch-Gesetz nun doch nicht. Manche Verleger glaubten, die gesetzlich vorgeschriebene Mindestauflage ignorieren zu können, was ihnen Klagen größerer Verlage einbrachte und in der Regel den Ruin. Auf der nächsten Frankfurter Buchmesse blieb die Halle der Kleinverleger praktisch leer; tatsächlich war dies die erste Messe, die weniger Aussteller vermeldete als im Vorjahr, und auch die Zahl der Buchneuerscheinungen war zum ersten Mal gesunken.
Doch Untätigkeit konnte man der Politik in dieser Angelegenheit wahrlich nicht vorwerfen. Der inzwischen zum Wirtschaftsminister aufgestiegene Initiator des AuArSch-Gesetzes machte sich vehement für die Subvention des Kulturgutes Buch stark. »Warum sollen nur Steinkohle und Schiffswerften staatliche Unterstützung genießen, Verlage aber nicht?«, sagte er in einer Bundespressekonferenz. »Ich frage Sie: Ist das eines Volkes der Dichter und Denker würdig?«
Subventionen galt es natürlich zu beantragen, zu prüfen und überhaupt zu verwalten, was es notwendig machte, ein großes neues Ressort einzurichten. Dass dies hochwillkommene Arbeitsplätze schuf, wurde der Wirtschaftsminister nicht müde anzumerken.
Dank der Zuschüsse stieg bald darauf die Zahl der Neuerscheinungen wieder, genau wie die Zahl der Verlage. Auch Peter Eisenhardts aufstrebender Kollege konnte endlich den Abschluss seines ersten, auf Anhieb lukrativen Verlagsvertrages vermelden, was mit einem Essen bei ihrem Lieblingsitaliener gebührend gefeiert wurde.
Leider stellte sich bald heraus, dass viele der neuen Verlage von eher windigen Geschäftemachern gegründet wurden, denen es nur darauf ankam, staatliche Gelder abzuzocken, und die von Büchern überhaupt keine Ahnung hatten. Die Literatursubventionen erreichten bald einen solchen Umfang, dass der Etat des Wirtschaftsministeriums nicht mehr ausreichte. Der Finanzminister forderte vor Bewilligung neuer Gelder jedoch eine Querfinanzierung, und obwohl die Opposition in gewohnter Weise wetterte, eine Steuererhöhung sei in der aktuellen Situation Gift für die Wirtschaft, einigte man sich darauf, einen AuArSch-Beitrag in Höhe von 1% auf den Solidarbeitrag zur Einkommenssteuer zu erheben, was allgemein als maßvolle Regelung betrachtet wurde. Überdies schuf sie Arbeitsplätze in IT-Unternehmen und Druckereien, da in alle Steuerformulare und Bescheide eine weitere Spalte einzufügen war.
Die BILD-Zeitung nannte die neue Abgabe den »Goethe-Pfennig«, und obwohl sie selbstverständlich in Euro und Cent erhoben wurde, bürgerte sich dieser Ausdruck umgehend ein.
Die Literatursubventionen waren damit gesichert, die neue Verlagslandschaft blühte und gedieh. Einziger Wermutstropfen war, dass immer mehr Leute erklärten, sie hätten das Lesen aufgegeben, weil bloß noch Schrott auf den Markt käme.
Eine gleichlautende Umfrage des Instituts Allenbach war das Argument, mit dem es den Kultusministern endlich gelang, die Literaturförderung an sich zu ziehen. Man war sich einig, dass das ein Schritt in die richtige Richtung war, erst recht, als die Kultusministerkonferenz erklärte, es gehe nicht mehr an, alles und jedes zu fördern: Die Bewilligung von Zuschussanträgen müsse künftig zwingend von der Prüfung des literarischen Gehaltes eines Werkes abhängig gemacht werden.
Hierzu wurden in allen Ländern entsprechende Kommissionen eingerichtet und Gutachterstellen in ausreichender Zahl geschaffen, auf denen erfreulicherweise vorwiegend eben jene Lektoren unterkamen, die im Zuge der Pleitewelle unter den Kleinverlagen arbeitslos geworden waren. So wirkte das AuArSch-Gesetz auch hier segensreich.
Die ersten literarischen Prüfungen stießen jedoch auf heftige Kritik; Verleger und Autoren nannten die Gutachten »ahnungslos«, »parteilich« oder Schlimmeres. Eine öffentliche Diskussion entbrannte darum, ob Literatursubvention künftig eine Frage persönlicher Vorlieben einzelner Gutachter sein solle. In der Folge wurde eine neue, bundesweite Autoren-Gewerkschaft gegründet, die durchsetzte, dass von nun an in den Prüfungsgremien auch Gewerkschaftsvertreter sitzen würden, und ferner, dass sich eine paritätisch besetzte Kommission bildete mit dem Ziel, bundesweit einheitliche Prüfungskriterien zu erarbeiten.
Dieser Autoren-Gewerkschaft trat auch Peter Eisenhardt bei, auf Anraten seines Agenten. »Wenn Sie kein Mitglied sind, haben Sie künftig keine Chance mehr, das ist ein offenes Geheimnis«, erklärte er ihm.
Allerdings kam Eisenhardt sowieso kaum noch zum Schreiben. Es galt, anhand der im Internet kursierenden Verzeichnisse informiert zu bleiben, welcher Gutachter welche Vorlieben und Abneigungen hegte, und seinem Manuskript durch rechtzeitigen Wechsel des Wohnsitzes bessere Chancen im Prüfungsverfahren zu verschaffen. Dabei ging es um viel Geld, denn der Goethe-Pfennig war im Zuge der Reorganisation von 1% auf 5% angehoben worden.
Unerfreulich lediglich, dass der Buchhandel weiter über nachlassende Umsätze klagte. Befragt, äußerten sich viele Leser und ehemalige Leser dahingehend, die Belletristik sei neuerdings so schematisch geworden, wirklich Neues und Interessantes bekäme man kaum noch zu lesen.
Ein Bericht des Bundesrechnungshofes offenbarte in der Tat, dass trotz der gesetzlichen Mindestauflagen die absoluten Verkaufszahlen der meisten Titel nicht nennenswert gestiegen waren. Stattdessen wurden mehr Bücher makuliert als je zuvor, und zwar um ein Vielfaches.
Dies rief den Umweltminister auf den Plan: Es gehe nicht an, dass Bücher gedruckt würden, nur um später im Reißwolf zu landen. Damit setzte er sich durch, und so enthielt die 3. Ergänzungsregelung zum AuArSch-Gesetz ein weitgehendes, den zugehörigen Verwaltungsvorschriften zufolge äußerst restriktiv handzuhabendes Makulierverbot.
Dies hatte unmittelbar zur Folge, dass Eisenhardts neuer Roman trotz eines günstig ausgefallenen Gutachtens nicht erscheinen konnte. »Die Lagerkosten«, erklärte der Agent die Position des Verlages. »Der vorige Titel muss erst weit genug abverkauft sein, ehe sie einen neuen auflegen können.«
»Und wovon soll ich so lange leben?«, fragte Eisenhardt zurück.
Diesbezüglich hatte die Politik zum Glück weise vorgesorgt. Das positive Gutachten erlaubte ihm die Beantragung von Wartegeld. Die Formulare hierfür galten nach übereinstimmender Meinung aller betroffenen Autoren als schwer verständlich und aufwendig auszufüllen, vom Aufwand für die Beibringung der geforderten Bescheinigungen und Bescheide ganz zu schweigen – da andererseits bis zur nächsten Veröffentlichungsmöglichkeit ohnehin viel Zeit ins Land gehen würde, machte es aber nichts, dass er dadurch kaum noch zum Schreiben kam.
Allerdings fühlte er sich ein wenig unwohl dabei, praktisch fürs Nichtschreiben bezahlt zu werden.
Das Makulierungsverbot änderte nichts an den stagnierenden Verkaufszahlen. Diesbezüglich kam die neu geschaffene Bundesliteraturkommission zu der Einsicht, dass eine nachhaltige Verbesserung der Situation nur zu erreichen war, indem man das Lesen selbst förderte!
Eine aufwendige Werbeaktion wurde gestartet, die Republik mit Plakaten gepflastert, auf denen Slogans wie »lies mal wieder«, »mehr Zeit für Bücher« oder »ein Buch ist Lebensfreude« zum Lesen animieren sollten. Einige aufwendig produzierte Werbespots, die Prominente erklären ließen, »ich lese heute Abend«, kamen wegen heftigen Widerstands der Fernsehsender allerdings nicht zum Einsatz.
Von Fachleuten wurde ohnehin ein zweiter Lösungsansatz für erfolgversprechender gehalten, nämlich, das Lesen durch steuerliche Anreize zu fördern: Bücher sollten künftig von der Steuer absetzbar sein! Jedes neu gedruckte Buch würde einen Gutschein enthalten, der herausgetrennt und zusammen mit der Steuererklärung eingereicht werden konnte und steuermindernd wirkte, natürlich nur bis zu einem Höchstbetrag, wobei für bestimmte Berufsgruppen Ausnahmeregelungen gelten würden. In einer Fernsehsendung rechnete ein Experte vor, dass der durchschnittliche Steuerzahler schon mit nur zwei Büchern pro Monat seinen Goethe-Pfennig amortisieren konnte.
Im ersten Jahr ging diese Rechnung allerdings nicht auf; zu blauäugig war man bei der Umsetzung vorgegangen. Die Gutscheine erwiesen sich als leicht zu fälschen, und das wurden sie auch massenhaft. Rekordhalter war ausgerechnet der zweite Roman eben der Tochter des Wirtschaftsministers – eine Liebesgeschichte zwischen zwei Studenten der Soziologie; die Autorin hatte ein neues Studium aufgenommen –, der bislang kaum zweitausendmal über die Theke gegangen war, von dem aber insgesamt eine Million Gutscheine eingereicht wurden.
Ein »Runder Tisch« von Vertretern des Buchhandels, des Verlagswesens und der Kultusministerien erarbeitete daraufhin neue Verfahrensweisen. Man einigte sich darauf, die Gutscheine fortan mit verschlüsselten, eindeutigen Codenummern und Hologrammen zu versehen; Verlage mussten die Gutscheinbögen von der Bundesdruckerei beziehen, die ansonsten Pässe und Ausweise herstellte und für diese Aufgabe zahlreiche neue Arbeitsplätze schaffen würde. Da die Produktion der Bücher dadurch natürlich aufwendiger wurde, war eine Anhebung des Goethe-Pfennigs auf 17 % unumgänglich.
Letztlich half jedoch auch das nichts. Die Zahl der im darauffolgenden Jahr eingereichten Gutscheine entsprach zwar ungefähr der Zahl der verkauften Bücher, doch nach wie vor griffen die Leser mehrheitlich lieber zu Romanen der bekannten Bestsellerautoren, ja, sie verlangten geradezu danach.
So verschob sich der Erscheinungstermin für Eisenhardts neues Buch von einem Jahr aufs nächste. Sein Freund, der hoffnungsvolle Nachwuchsautor, bekam überhaupt kein Manuskript mehr unter – jedenfalls nicht bei den offiziellen Verlagen. Es gebe aber, erzählte er Eisenhardt, inzwischen eine geheime Szene sogenannter »grauer« Verleger, ein Untergrund unregistrierter Büchermacher, die für kleine, feine Kreise von Kunden kostspielige Liebhaberausgaben in illegalen Kleinauflagen herstellten: Da sah er noch Chancen.
Ein riskantes Spiel, wie Eisenhardt wusste. Die Polizei war auf diese Machenschaften längst aufmerksam geworden; eigens eingerichtete »Kulturkommissariate« beaufsichtigten Druckereien und Buchbindereien, und es hieß, dass zunehmend verdeckte Ermittler in die »graue Szene« eingeschleust würden, um die Drahtzieher dingfest zu machen und die illegalen Kreise auszuheben.
Erstmals wurde die Literaturpolitik Schwerpunktthema eines Landtagswahlkampfes. »Wir schaffen neue Leser«, plakatierte eine Partei und schickte einen ehemaligen Autor und langjährigen Spitzenfunktionär der Autorengewerkschaft als Kandidaten ins Rennen. Mit Erfolg, soweit es den Ausgang der Wahl anbelangte, bloß – an der Lage auf dem Buchmarkt vermochte auch der neue Mann nichts zu ändern. Der schrumpfte trotz aller Anstrengungen der Politik, und auch die Zahl der Neuveröffentlichungen, der aktiven Autoren, der Verlage, Buchhandlungen und so weiter nahm stetig ab.
Es bedurfte der tiefschürfenden Einsicht eines bis dahin eher unbequemen und umstrittenen Ökonomieprofessors namens Rainer Stuß, um frischen Wind in die verfahrene Situation zu bringen. »Bisher haben alle das Pferd vom Schwanz her aufgezäumt«, erklärte Stuß kategorisch. »Es sollte doch klar sein, dass die Zahl der Leser begrenzt ist. Das Leben ist endlich, die Zahl der Menschen ist ebenfalls endlich, also ist es die Zahl der Bücher, die gelesen werden können, auch. Solange man zulässt, dass einzelne Autoren aufgrund ihrer Marktmacht Leser in unverhältnismäßig großer Zahl an sich binden, hat alles keinen Zweck. Die Leser sind es, die Sie gerecht zuteilen müssen – so einfach ist das!«
Dieses Argument traf bei der Regierung, die ohnehin höchst besorgt über die Entwicklung war, auf offene Ohren. Da man den Erfolg der Reform vor den anstehenden Bundestagswahlen noch auf das eigene Konto buchen wollte, wurde im Eiltempo eine im Lichte dieser Einsichten völlig überarbeitete Neufassung des AuArSch-Gesetzes durch die gesetzgebenden Gremien gepeitscht. Wichtigste Neuerung war eine gesetzlich vorgeschriebene Höchstauflage von 40.000 Exemplaren pro Buch. (Mit einem Antrag, Höchst- und Mindestauflage zu einer einheitlichen, für alle geltenden Standardauflage zusammenzufassen, hatte sich der linke Flügel nicht durchsetzen können.) Der erzielte Kompromiss wurde als pragmatisch und für alle Seiten tragfähig bezeichnet; die Beschränkung der Auflage traf im Grunde hauptsächlich ausländische Bestsellerautoren, also keine armen Leute. Insofern war es gerechtfertigt, die Reform auch als sozial ausgewogen zu bezeichnen.
Die Neuregelung hatte zur Folge, dass die Bücher besagter vorwiegend ausländischer Bestsellerautoren jeweils im Nu ausverkauft waren. Binnen kurzem wurde es üblich, dass sich am Tag des Erscheinens eines solchen Titels schon früh am Morgen lange Schlangen vor den Buchhandlungen bildeten. »Na bitte«, meinte ein Kultusminister zufrieden, »wenn das kein Zeichen ist, dass die Menschen wieder gerne lesen!« Auch die Tagesschau blendete immer häufiger Bilder derartiger Warteschlangen ein, sobald es um Themen wie Literaturpolitik, Bücherförderung oder Verlagssubvention ging.
Bisweilen kam es bei solchen Gelegenheiten zu hässlichen Auseinandersetzungen und dramatischen Szenen. In Köln entbrannte ein heftiger Boxkampf zwischen zwei Männern um das letzte der Buchhandlung zugeteilte Exemplar eines neuen John Irving. In München rangen mehrere Frauen so erbittert um einen neuen Donna Leon, dass das Buch schließlich in den Seitenkanal der Isar fiel und versank. In Berlin drohte eine junge Frau mit Selbstmord, sollte man ihr den neuen Paul Coelho verweigern. Und bei einem grausigen Mord in Hamburg stellte sich heraus, dass der Mörder es auf den neuen Henning Mankell abgesehen gehabt hatte, der sich im Besitz des Opfers befunden hatte.
Die neue gesetzliche Regelung traf auch deutsche Bestsellerautoren. Ein Ehepaar in Stuttgart stritt im Scheidungsprozess bis in die letzte Instanz um ein Buch von Charlotte Link, und in Leipzig versuchte eine Frau, ihren Lebensgefährten als angeblich geistesgestört in die psychiatrische Klinik einweisen zu lassen, um in den Besitz seiner Wolfgang-Hohlbein-Romane zu gelangen.
Überhaupt offenbarte sich ein bemerkenswertes Maß an krimineller Energie bei Lesern derartiger Bücher. Nicht genug, dass sich zahlreiche Lese- und Büchertauschringe bildeten, die den Zweck des Gesetzes, nämlich die gerechte Verteilung von Lesern auf Autoren, zwar unterliefen, aber noch geduldet wurden (»einstweilen jedenfalls«, wie der Innenminister erklärte), nicht genug, dass geschäftstüchtige Dunkelmänner im benachbarten Ausland billige Nachdrucke in großer Zahl herstellten und unter Ausnutzung des Schengener Abkommens ins Land brachten – nein, mehr und mehr Menschen gingen dazu über, sich die gewünschten Bücher auszuleihen und einfach zu fotokopieren. Entsprechende Gutachten konstatierten ein weithin fehlendes Unrechtsbewusstsein, und hochrangige Regierungsvertreter sprachen von einem »Angriff auf die Kultur«, der mit harten Mitteln beantwortet werden müsse.
Unter einhelliger Zustimmung aller Parteien wurde dem Strafgesetzbuch ein neuer Artikel hinzugefügt, der das Kopieren von Büchern explizit verbot und mit hohen Geld-, im Wiederholungsfall sogar mit Gefängnisstrafen belegte. Die erste Großrazzia brachte prompt einen Ring von John-Grisham-Kopierern vor Gericht.
Um die Kleinkriminalität auf diesem Gebiet wirksam zu bekämpfen, wurde die Vorschrift erlassen, Kopiergeräte in Copy Shops fortan ständig zu beaufsichtigen. Dies zog zwar höhere Preise für einzelne Kopien nach sich, schuf dafür aber erfreulich viele neue Stellen für gering Qualifizierte: Zu sehen, ob da jemand ein Buch kopierte oder etwas anderes, das konnte nun wirklich jeder.
Neuregelungen wurden auch notwendig für Kopiergeräte im Privatbesitz und in Büros. Neue Geräte durften nur noch verkauft werden, wenn sie so langsam kopierten, dass das Kopieren eines gesamten Buches darauf zur Qual wurde; bereits verkaufte Geräte musste man anmelden und mit einem Bremsmodul nachrüsten lassen. Eine eigens geschaffene Behörde, die Kopierer-Einsatzüberwachungs-Zentrale (KEZ), überprüfte die Einhaltung der Nachrüstpflicht, machte unangemeldete Kopiergeräte ausfindig und kontrollierte mit einem Heer von Inspektoren stichprobenartig die Verplombung der Bremsmodule.
Die verringerte Kopiergeschwindigkeit wirkte sich zunächst bremsend auf eingespielte Büroabläufe aus; nach einiger Zeit verstummten die entsprechenden Klagen aus den Verwaltungsetagen aber wieder. Offenbar sei in der Vergangenheit ohnehin zu viel kopiert worden, meinte ein Wirtschaftsfachmann. Tatsächlich florierte jedoch inzwischen ein Schwarzmarkt für technische Lösungen, die Bremsmodule auf Knopfdruck außer Betrieb setzten. In den Kleinanzeigenteilen der Lokalblätter übertraf die Zahl derer, die mit Slogans wie Kopierer einsatzbereit macht… warben, die Anzahl der Inserate von Damen des horizontalen Gewerbes.
Die von der Regierung unter der Leitung von Professor Rainer Stuß eingesetzte sogenannte Stuß-Kommission ließ die Entwicklung der Verkaufszahlen auf dem Buchmarkt derweil nicht aus den Augen. Zwar zeichnete sich eine gewisse Nivellierung ab, doch nach wie vor war die Ausschöpfung der gesetzlichen Mindestauflage kritisch. So blieb nur, die nächste Stufe des Stuß-Konzeptes umzusetzen. Diese beruhte auf dem Prinzip, dass künftig nur noch der einen sogenannten »Bestseller« kaufen durfte, der den Kauf einer bestimmten Anzahl weniger gefragter Bücher nachweisen konnte. Die hierfür erforderlichen Anfangsinvestitionen waren enorm, doch die Regierung erklärte, Stuß werde ohne Wenn und Aber umgesetzt.
In den folgenden Monaten bekam jeder Buchhandlungskunde einen persönlichen Leserausweis mit ID-Chip zugesandt, der fortan bei Kauf eines Buches an der Kasse vorzulegen war. Die Buchhandlungen mussten sich mit einer zentralen Datenbank unter Ägide der Deutschen Nationalbibliothek vernetzen, bei der alle Buchkäufe registriert wurden. Je nachdem, ob ein Buch gefragt war oder nicht, bekam ein Käufer Punkte abgezogen oder gutgeschrieben, und nur wenn der Punktestand im Plus war, durfte der Kauf des Buches erfolgen.
Diese Institution realisierte außerdem eine Website, die schon vor Inbetriebnahme des sogenannten Stuß-Systems viel Lob erntete und als wegweisend für die künftige Vernetzung der Medien bezeichnet wurde. Nicht nur, dass man jederzeit online abfragen konnte, welches Buch wie viele Berechtigungspunkte kostete oder erbrachte, ein persönlicher Assistent ermöglichte es darüber hinaus, sich für Neuerscheinungen vormerken zu lassen, und erstellte automatisch Vorschlagslisten, mit dem Kauf welcher weniger gefragter Bücher man diesen Wunsch erfüllen konnte, und zwar individuell angepasst auf die im bisherigen Kaufverhalten dokumentierten Vorlieben!
Unglücklicherweise war diese Website in den ersten acht Monaten nach Anlauf des Systems aufgrund von Überlastung praktisch nie zu erreichen. Die Buchhandlungen klagten zudem über die schlechte Verfügbarkeit der Anschlüsse. Es sei vorgekommen, dass Kunden, nachdem sie stundenlang an den Kassen vergeblich auf Verbindung zum Server hatten warten müssen, sogar Bücher von Stephen King oder Ken Follett erbost zurückgelassen hatten, und das trotz ausreichenden Punktekontos.
Bis das Stuß-System endlich einigermaßen funktionierte, hatten viele kleinere Buchhandlungen aufgegeben, angeblich wegen der erforderlichen Investitionen und Leitungsgebühren in Kombination mit den durch die Fehlfunktionen erlittenen Einnahmeausfällen. Eine Forderung nach Subventionen für den Buchhandel wies der Wirtschaftsminister jedoch zurück, das sei angesichts der angespannten Finanzlage des Bundes nicht bezahlbar.
Aufsehen erregte dafür eine technische Neuerung, die als Beispiel für deutsche Innovationskraft und Erfindungsgabe gelobt wurde: Eine schwäbische Firma stellte einen Kopierer vor, der im Stande war zu erkennen, ob aus einem Buch kopiert wurde, und maximal zehn solcher Kopien pro Tag zuließ. Ein Regierungsvertreter sagte zu, die entsprechende Technologie in der nächsten Erweiterungsregelung zum AuArSch-Gesetz verbindlich vorzuschreiben.
Ausgerechnet in diesem Jahr, in dem die Wende in der Literaturkrise zum Greifen nahe war, wurde die Frankfurter Buchmesse abgesagt, und zwar, wie es aussah, endgültig. Diese Entscheidung stieß insbesondere in Regierungskreisen auf Missbilligung: Widmete doch nirgendwo auf der Welt die Politik dem Buch so viel Aufmerksamkeit wie hierzulande! Aus dem Bundeskanzleramt verlautete, man sei »enttäuscht«, der Fraktionsführer unterstellte den Verantwortlichen gar »Böswilligkeit«. Allerdings war die Zahl der Aussteller in den vorangegangenen Jahren in der Tat stetig zurückgegangen, und viele bedeutende ausländische Verlage hatten schon mehrere Jahre in Folge nicht mehr teilgenommen. Aus Deutschland käme angeblich literarisch nichts mehr von Bedeutung.
Der Herausgeber einer großen Tageszeitung räsonierte in einem Leitartikel, ob die Wirtschaftspolitik womöglich selber das Problem sei, das zu beseitigen sie versuche, und es nicht ratsamer wäre, der Staat zöge sich überhaupt aus dem Gebiet des Verlagswesens zurück und beschränke sich auf die Sicherung des Urheber- und Vertragsrechts. Ansonsten solle man Autoren, Verleger, Buchhändler und Leser nach eigenem Gutdünken schalten und walten lassen.
Bissige Erwiderungen in anderen Blättern nannten besagten Herausgeber einen »Neo-Liberalen«, der »zurück zum Gesetz des Dschungels« wolle, wo »nur das Recht des Stärkeren« gelte. So könne die Lösung auf keinen Fall aussehen, beteuerten Vertreter aller Parteien, die untereinander nur darum stritten, ob eine Anhebung des Goethe-Pfennigs auf 19,4 % zu rechtfertigen sei oder ob man besser bei dem gegenwärtigen Satz bleiben und die aufgetretenen Finanzierungslücken durch eine einheitliche Kopfpauschale schließen solle. Abstriche an Stuß-IV, wie die nächste Reformrunde griffig genannt wurde, könne und werde es jedoch nicht geben.
Stuß-IV griff eine vielfach geäußerte Kritik auf, nämlich dass die meisten Leute Bücher zwar kauften, aber nicht lasen, weil es ihnen nur um die Punkte zum Erwerb eines bestimmten Bestsellers ginge. Da dies die weniger bekannten Autoren um die angestrebte Wahrnehmung brachte, sah Stuß-IV vor, in jeder größeren Stadt ein Prüfungszentrum einzurichten, wo man vor einer Kommission Fragen zu Büchern beantworten musste, um zu beweisen, dass man sie tatsächlich gelesen hatte. Erst dann würden einem die gewonnenen Punkte gutgeschrieben.
Diese Maßnahme, das war abzusehen, würde nicht nur enorm viele Arbeitsplätze schaffen, sondern auch den Buchabsatz fördern: Schließlich musste jedes Zentrum alle im fraglichen Zeitraum erschienenen Bücher im Regal haben, um Zweifelsfragen klären zu können. Vom Platzbedarf her kein Problem, da es ohnehin bei weitem nicht mehr so viele Neuerscheinungen gab wie früher.
Auf der direkt übertragenen Bundespressekonferenz, auf der der Vorsitzende der Literaturförderungskommission den Baubeginn für die ersten, verkehrsgünstig in den Innenstädten gelegenen Zentren in Berlin, München und Hamburg verkündete, sprach im Anschluss auch der Innenminister. Er und seine Mitarbeiter verfolgten mit wachsender Sorge, dass es mehr und mehr um sich greife, Bestseller einfach abzuschreiben und dann per E-Mail zu verbreiten. Mit finsterer Miene versprach er, dass man auch das in den Griff bekommen würde, zur Not durch Überwachung des gesamten E-Mailverkehrs. In Vorbereitung dieser Maßnahme plane man, in Kürze alle Verschlüsselungsprogramme zu verbieten sowie ihren Besitz und auch das Selbstprogrammieren derartiger Mechanismen unter Strafe zu stellen.
Dann sah er auf die Uhr und erklärte mit einem flüchtigen Lächeln: »Ich kann Ihnen ferner mitteilen, dass in diesen Minuten Polizeikräfte in allen Bundesländern in einer gemeinsamen Aktion losschlagen, um einen großen Ring von Schwarzverlegern zu zerschlagen. Diese haben nach unseren Erkenntnissen Bücher in illegalen Kleinauflagen hergestellt und Verträge mit Autoren geschlossen, die völlig am AuArSch-Gesetz vorbeigehen – Autoren wie zum Beispiel Peter Eisenhardt…«
Eisenhardt, der in diesem Moment vor dem Fernseher saß, fuhr so erschrocken hoch, dass er auf die Aus-Taste der Fernbedienung kam. In die abrupte Stille hinein hörte er ein Martinshorn, das schnell näher kam. Nichts wie weg! Im Nu war er in den Schuhen und aus der Wohnung.
Erst als er die belebte Innenstadt erreicht hatte, hielt er keuchend inne. Was war hier los? Keine Schlangen vor den Buchhandlungen? Keine Sperrgitter, Ausgabetheken, Wachleute? Niemand, der an der Kasse einen Ausweis vorlegte? Stattdessen allgemein zugängliche Buchregale, lesende Menschen, eine ruhige, freudige Atmosphäre.
Und da – der neue Harry Potter! Das unerschwinglichste Buch der Welt! Hunderte von Gedichtbänden, Weltkriegserinnerungen, Biografien pensionierter Oberstudienräte und experimentelle Literatur hätte man kaufen müssen für das Recht, eines der vierzigtausend zugelassenen Exemplare zu erwerben. Und hier stand eine ganze Palette davon, ja, war sogar – kaum zu glauben – erst zur Hälfte abgetragen!
Mit zitternden Händen nahm Peter Eisenhardt einen der Bände vom Stapel, trug ihn zur Kasse und fragte leise: »Kann ich das kaufen? Einfach so?«
Die Kassiererin musterte ihn befremdet. »Wenn Sie genug Geld dabei haben, sehe ich kein Problem.«
Er brauchte noch eine Weile, ehe er glauben konnte, dass alles nur ein böser Traum gewesen war. Auf der Heimfahrt in der Straßenbahn las er sich in den ersten Kapiteln fest, und als er ausstieg, waren ihm ein paar Ideen gekommen, wie er seine Figuren plastischer machen und die Spannung im Mittelteil aufrechterhalten konnte. Als er wieder am PC saß, sagte er sich: »Ich werde jetzt einfach das beste Buch schreiben, das ich je geschrieben habe.«
Und er war so glücklich wie schon lange nicht mehr.
© 2005 Andreas Eschbach