Die Wunder des Universums

 

Die nächste Geschichte ist zwar gänzlich ohne Sprachschnittstelle entstanden, hat dafür aber inzwischen mehrere Sprachbarrieren erfolgreich überwunden.

Beginnen wir am Anfang. Im Frühjahr 1997 meldete sich ein gewisser Sascha Mamczak bei mir, seines Zeichens Redakteur der im Verlag Thomas Tilsner erscheinenden Zeitschrift »Science Fiction Media«, die einen Relaunch plante, größer, bunter, aufsehenerregender. Und für die erste Ausgabe im neuen Format wünsche man sich eine Kurzgeschichte von mir.

Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Zu der Zeit schrieb ich gerade an dem Roman »Jesus Video«, von dem ich mir einiges versprach, aber ich schob die Arbeit daran beiseite, um eine Idee für eine Kurzgeschichte zu verwirklichen, die mir schon seit einiger Zeit durch den Kopf ging und die, behaupte ich mal, nach einem Anlass gesucht hat, geschrieben zu werden.

Die Story erschien, sehr schön aufgemacht, im September 1997 in der Ausgabe 132 der »Science Fiction Media«. Wer das Heft noch besitzen sollte, weiß hoffentlich, dass er es mit einem Sammlerstück zu tun hat, denn die Zeitschrift gibt es inzwischen längst nicht mehr. Sascha Mamczak wechselte kurz darauf zum Heyne-Verlag, wo er zunächst Assistent des Herausgebers Wolfgang Jeschke wurde und später dessen Nachfolger.

»Die Wunder des Universums« erhielt 1998 den Literaturpreis des SFCD (der heute »Deutscher Science Fiction Preis« heißt) in der Kategorie »beste Kurzgeschichte«.

1998 wurde ich auch zum ersten Mal nach Frankreich eingeladen, zu dem damals erstmalig in Poitiers – vor der absolut irreal wirkenden Kulisse des Futoroscopes – stattfindenden Festival »Utopia 98«, wo ich unter anderem meinem späteren französischen Verleger Pierre Michaut begegnete. Auf diesem Festival wurde der Plan ausgebrütet, eine Anthologie mit Beiträgen aller ausländischen Autoren herauszugeben, und da lag es nahe, die eben preisgekrönte Kurzgeschichte zu wählen. Übersetzt von Claire Duval, die später auch »Die Haarteppichknüpfer«, »Solarstation« und »Jesus Video« übersetzte, erschien die Story im Oktober 1999 in der Anthologie » Utopia 1« in der Edition l’Atalante.

Das Festival zog zwei Jahre später nach Nantes um und nannte sich von da an – nicht zuletzt wegen irgendwelcher Namensstreitigkeiten – »Utopiales«. Es ist heute das größte Science Fiction-Festival der Welt; selbst die amerikanischen Gäste, die in Sachen Festivals allerhand gewöhnt sind, staunen Bauklötze angesichts des Besucherandrangs und der sonstigen Dimensionen. Und es ist ein Ort der Begegnung. So begegnete ich dort zum Beispiel dem amerikanischen Autor James Morrow, der ungefähr zur gleichen Zeit, als ich damit begann, meine Anthologie »Eine Trillion Euro« mit Storys europäischer Autoren zu organisieren, den Plan entwickelte, in den USA eine Anthologie mit herausragenden Stories europäischer Autoren herauszugeben. Er brauchte ein wenig länger als ich, was aber möglicherweise daran liegt, dass er ein überaus sorgsamer Lektor ist: Er übernahm »Die Wunder des Universums« für seine Anfang 2007 erschienene Anthologie, die den Titel »The SFWA European Hall of Fame« trägt – aber erst nach einem enormen Mailwechsel mit dem Übersetzer, Doryl Jensen (der auch »Die Haarteppichknüpfer« ins Englische übersetzt hat), und mir, einer Diskussion um Detailfragen, die die Geschichte an Umfang weit übertrifft. Die gravierendste Änderung war, dass er sich einen anderen Namen für die Hauptfigur wünschte. Einen, der für amerikanische Ohren europäisch klang. Wir einigten uns auf» Ursula Froehlich«.

Die englische Version liest sich sehr schön. Aber trotz allem: Hier ist das Original, und für mein Gefühl ist dies nach wie vor die schönste Fassung.

 

 

Sie saß da, das klobige Sprechfunkgerät in der Hand, und studierte die Falten an ihren Handgelenken. Sie erinnerte sich an den Tag, an dem sie dort die ersten dauerhaften Falten an ihrem Körper entdeckt hatte. Falten an den Handgelenken! Nicht an den Augen und nicht um den Mund, an den Handgelenken. Und seither störte sie der Anblick. Wahrscheinlich, weil das der erste Beweis gewesen war, dass nicht nur andere Leute alterten, sondern auch sie.

Doch Leute alterten nicht nur. Sie starben auch.

Sie presste die breite Taste wieder. »Joan Ridgewater ruft die T.S.S. HOMELAND«, wiederholte sie ihr Sprüchlein. »Bitte kommen.« Ja, dachte sie, bitte kommen. Bitte kommt endlich. Ich warte auf euch; verzweifelt warte ich.

Sie sah zu, wie ihr Atem zu Nebel wurde. Bald würde er zu Eis werden und mit leisem Klirren zu Boden fallen. Klirrende Kälte nannte man das; sie hatte davon gelesen. Und nun erlebte sie es.

Eine Stimme drang, endlich, durch das alles aufsaugende Rauschen des Sonnensturms, leise und unverständlich zuerst, bis die intelligenten Filterstufen sie zu fassen bekamen und wie durch Zauberei hörbar und verständlich machten. »Hier spricht die T.S.S. HOMELAND, Commander Esteban. Wir empfangen Sie wieder, Joan, bitte bestätigen.«

Eine jähe, schmerzhafte Freude durchzuckte sie. »Bestätige!«, rief sie. »Ich kann Sie klar und deutlich verstehen, Marko!«

»Schön, Sie zu hören, Joan. Wie ist Ihre Lage?«

Sie zog die Steuereinheit der Lebenserhaltungssysteme in den Lichtkegel ihrer kleinen Lampe. »Energiereserven sind auf 2,3 Einheiten. Sauerstoffreserve auf 0,8.« Sie hatte das Gefühl, dass ihre Stimme zitterte. Vielleicht von der Kälte, die sich durch ihren Thermoanzug fraß. Bestimmt von der Kälte.

»Bestätige. Energie zwo-drei, Sauerstoff null-acht – Wasser?«

Er klang sachlich, geschäftsmäßig. Als sei alles normal. Joan spürte einen Stich angesichts seiner Gedankenlosigkeit.

»Marko«, sagte sie leise, »dies ist der Jupitermond Europa. Ich sitze auf einer hundert Kilometer dicken Eisschicht. Wasser ist nicht das Problem.«

Sie hörte ihn schlucken. Sie kannte Marko Esteban von einem der Lunartreffen – ein junger, drahtiger Frachterkommandant mit Ehrgeiz nach mehr. Sie sah ihn beinahe vor sich.

»Entschuldigen Sie«, sagte er verlegen. Dann, nach einer Pause: »Ich gebe die Werte weiter. Wir rechnen das durch.«

Es sollte beruhigend klingen, aber es klang nicht mehr beruhigend. Joan spürte die Angst wie einen dicken, zähen Klumpen im Bauch. Sie atmete tief ein. Die kalte Atemluft biss in der Nase.

»Marko«, fragte sie und wunderte sich über die Ruhe in ihrer Stimme, »ihr werdet es nicht mehr rechtzeitig schaffen, nicht wahr?«

»Wie gesagt, wir müssen alles nochmal durchrechnen…«

»Marko-«

Pause. Lange, abgrundtiefe Pause zwischen den Sternen. Dann hörte sie Schmerz in der Stimme von Commander Marko Esteban. »Sie haben recht«, sagte er. »Wir werden es nicht mehr rechtzeitig schaffen.«

Joan schloss die Augen, ließ ihren Kopf nach vorn sinken, bis die Stirn das kalte Plastik des Kommunikators berührte. In ihr verkrampfte sich alles, sodass sie einen Augenblick fürchtete, sich übergeben zu müssen. Dann ließ es nach. Mehr noch, der Klumpen in ihrem Bauch schien zu schrumpfen, wich einem gelösten, warmen Gefühl. So, als habe ihr Körper eingesehen, dass Angst nichts mehr nützen würde. Die Gesetze der Himmelsmechanik waren unerbittlich in ihrer Klarheit und Berechenbarkeit, und die interplanetaren Flüge waren diesen Gesetzen unausweichlich unterworfen. Der Zeitpunkt, an dem die HOMELAND nach einem Flug über Millionen von Kilometern in die Umlaufbahn um Europa eintreten würde, ließ sich auf die Minute genau vorherberechnen, und nichts in der Welt vermochte an diesem Flugplan etwas zu ändern.

»Joan?«

Sie hob den Kopf wieder. »Ist in Ordnung«, flüsterte sie, räusperte sich und wiederholte: »Es ist in Ordnung, Marko. Im Grunde habe ich es die ganze Zeit gewusst.«

»Es tut mir so leid…«

»Und mir erst.«

Schweigen. Er schien etwas sagen zu wollen, wusste aber nicht, was. Plötzlich merkte sie, dass sie eigentlich nur ihm zuliebe wartete; dass sie das Bedürfnis hatte, eine Weile mit sich allein zu sein und kostbare Augenblicke ihres Lebens opferte, weil er sich unwohl fühlte. »Marko«, sagte sie also, »ich schalte jetzt ab. Ich denke, ich melde mich später noch einmal. Machen Sie’s gut.«

»In Ordnung.« Er schien erleichtert. »Sie auch.«

Sie schaltete das Gerät ab, legte es beiseite, barg das Gesicht in den Armen und ließ den Tränen freien Lauf.

Irgendwann – Stunden später, so kam es ihr vor – sah sie sich plötzlich selbst da sitzen, in dem kleinen, aufblasbaren Rettungszelt, das kaum groß genug war, um darin zu stehen, mutterseelenallein auf der endlos weiten Oberfläche des Jupitermondes. Es war ein so seltsames Bild, dass sie aufhörte zu weinen, als erwache sie aus einem bösen Traum.

Plötzlich hielt sie es nicht mehr aus in der dämmrigen Enge des Zelts. Obwohl es schiere Unvernunft war – jeder Schleusendurchgang verschlang kostbare Energie für die Pumpe und entließ unvermeidlich Reste wertvoller Atemluft in das Vakuum –, sie musste hinaus!

Draußen war Nacht, aber ein abnehmender Jupiter hing riesig am Himmel, ein gewaltiger gelblicher Ball mit pastellartigen Streifen in roten und braunen Farbtönen, der die Landschaft mit samtenem Licht übergoss. Sie hätte diesen majestätischsten aller Planeten ewig anschauen können, ewig dem Spiel seiner Wolken, seiner filigranen, unablässig changierenden Wirbel folgend, das nichts ahnen ließ von der wirklichen Gewalt der Stürme, die in der Wasserstoff-Helium-Atmosphäre tobten und denen bisher kein von Menschen erbautes Raumfahrzeug standgehalten hatte.

Aber sie würde ihn nicht ewig anschauen können. Ewig war entschieden das falsche Wort.

Was für ein einsamer Platz dieser Mond war. Nicht einmal die Geborgenheit einer Felsnische gab es, nicht einmal eine Bergwand, hinter die man sich hätte ducken können gegen die sternenvolle Leere, in die man hinaufsah. Der Untergrund war flach von Horizont zu Horizont, eine schutzlose, nackte Ebene, auf der sie stand wie ein verlorenes Kind. Von außen betrachtet sah das Zelt aus wie ein Akt der Verzweiflung.

Was es im Grunde ja auch war. Joan wandte sich um, setzte sich in Richtung auf die Rettungskapsel in Bewegung, mit vorsichtigen, kleinen Schritten. Europa war ein Himmelskörper, der fast so groß war wie der Erdmond, aber nur zwei Drittel von dessen Masse hatte. Man wog fast nichts hier. Wäre es anders gewesen, sie hätte nicht einmal den Absturz überlebt.

Wieder umrundete sie die Kapsel, die schwarz und schief in den Untergrund gebohrt dalag, geborsten von der Wucht des Aufpralls. Eine leere, nutzlose Hülle. Wieder berührte sie die großen Löcher in der Wandung der Vorratssektion, verbogenes Plastmetall, aufgewölbt wie Blumenblüten. Der Meteor, der das Raumschiff getroffen hatte, war in einem so raffinierten Einschlagswinkel gekommen, dass er nicht nur die Abschirmung des Antriebs, sondern danach auch noch fast alle Notpakete der Rettungskapsel erwischt hatte.

Aber wie man es drehte und wendete, schuld war einfach Dummheit gewesen. Nachlässigkeit. Fahrlässigkeit. Irgendwann – so weit in der Zukunft, dass es sie nicht mehr zu interessieren brauchte – würde es eine offizielle Untersuchung geben, die aber zu keinem anderen Urteil kommen konnte. Sie, Pilotin Joan Ridgewater, hatte grob fahrlässig gegen mindestens zwei Dutzend Regeln und Richtlinien verstoßen. Regeln, die in über hundert Jahren Weltraumfahrt entstanden waren und sich unzählige Male bewährt hatten. Regeln, die so grundlegend und selbstverständlich waren, dass die Strafen für Verstöße dagegen in den meisten Handbüchern nicht einmal mehr erwähnt wurden. Weil, wie man an ihrem Beispiel sah, die Strafe geradezu naturgesetzmäßig folgte, ohne dass es eines menschlichen Richters bedurfte.

Sie richtete sich seufzend auf und ließ den Blick schweifen. Graublaues Eis, soweit das Auge reichte, und es reichte weit. Die Oberfläche Europas war von einem jahrmillionenalten Eismantel bedeckt, der kaum Konturen herausgebildet hatte. Der einzige Fixpunkt, den sie hatte, war eine langgezogene Andeutung von Hügel, bestimmt nicht einmal hundert Meter hoch, der sich am Horizont hinzog wie ein eingefrorener Wurm.

In Richtung auf diesen Hügel lagen die wenigen Trümmer des Raumschiffs zerstreut, die nach der Explosion des Antriebs davon übriggeblieben waren. Sie hatte sie alle abgesucht in der Hoffnung, etwas Nützliches zu finden, ein paar Sauerstoffpatronen beispielsweise oder ein richtiges Lebenserhaltungssystem, oder Energiezellen. Sie hatte in den letzten Tagen mehrmals geträumt, sie hätte eine große Energiezelle gefunden und sich daraus einen Elektrolyseapparat gebaut, um aus dem Eis Europas Sauerstoff zu erzeugen. Doch immer in dem Moment, in dem sie den ersten tiefen Atemzug nehmen wollte, war sie aufgewacht.

Es war absolut sinnlos, die Trümmer noch einmal abzulaufen. Es kostete nur wertvolle Atemluft, und es würde nichts bringen. Eine Kiste voller Gabeln hatte sie in dem einen Teil gefunden, und eine Dose Schmierseife. Einen elektrischen Handbohrer und eine Auswahl von Ersatzrohrstücken für die Wasserversorgung in einem anderen. Weiter nichts. Sinnlos, wie gesagt. Aber sie musste es einfach tun, ein letztes Mal.

Kleine, geröllartige Steine knirschten unter ihren federleichten Schritten, als sie eine breite, dunkle Furche überquerte, die sich ebenfalls endlos dahinzog und mit etwas anderem als Eis gefüllt war, einem grauen, harten Material, das beinahe aussah wie Asphalt. Jemand hatte ihr einmal erklärt, was das war, wie man es nannte und wie es sich wahrscheinlich gebildet hatte, aber sie hatte es wieder vergessen, weil sie damals nur mit halbem Ohr zugehört hatte. Vorahnungen waren noch nie ihre Stärke gewesen.

Vor allen Dingen hätte sie nicht allein starten dürfen. Als sich herausgestellt hatte, dass ihr Kopilot nicht einsatzfähig war, hätte sie die Verfolgung der defekten Forschungssonde aufgeben müssen, anstatt es allein zu wagen. Natürlich, Forschungsdaten waren wertvoll – aber nicht wertvoll genug, um einen Verstoß gegen elementare Richtlinien zu rechtfertigen. Wäre Jim Meyer neben ihr gesessen, hätte er die Annäherungswarnung gesehen, und sie hätten genug Zeit gehabt für entsprechende Maßnahmen. Sie hätten den Meteoriten mit dem Laser abschießen können, hätten den Magnetschirm aktivieren können oder eine Ausweichrolle drehen, und währenddessen hätte einer von ihnen nebenher Kaffee gemacht. Es wäre Routine gewesen, über die sie kaum nachgedacht hätten.

Sie erreichte das erste Trümmerteil, ein Stück der Andockvorrichtung, massiv und schwer. Und vollkommen unbrauchbar. Sie schaute zurück. Von hier aus sah das kleine weiße Zelt, in dem sie die letzten Tage verbracht hatte, so klein und verloren aus, dass einem fast die Tränen kamen. In diesem winzigen Refugium hatte sie geschlafen, gegessen, getrunken, mit der nahenden HOMELAND kommuniziert und wider alle Vernunft gehofft.

In diesem winzigen Refugium würde sie sterben.

Ein harter Ring aus Federstahl schien sich um ihre Brust zu schließen, während sie mit wütender Energie die übrigen Trümmerstücke ablief, untersuchte, nichts fand. Nein, man konnte auch Callisto nicht die Schuld geben. Die Forschungsstation, die den Jupitermond Callisto in einer niedrigen, überaus stabilen Bahn umkreiste und unentwegt wertvolle Daten über den Jupiter sammelte, war bis zu ihrer und Jims Ankunft zwei Jahre lang von fünf Männern und einer Frau bewohnt gewesen. Fünf gesunden Männern und einer gesunden Frau. Und als Jim und sie mit ihrem Frachter angedockt hatten, stellte sich heraus, dass es auf der Station noch wilder zuging, als selbst die wildesten Gerüchte in den Raumfahrerkneipen behauptet hatten. Kein Wunder, dass Jim ein wenig ausgerastet war.

Aber einfach allein zu starten war auch eine Form von Ausrasten. Und die schlimmere.

Sie wusste, dass sich Jim Vorwürfe machte. In den Tagen nach dem Absturz hatten sie viel miteinander gesprochen. Da war es noch um Rettung gegangen, um Kopf hoch und nicht aufgeben. Jim hatte die Verbindung zur HOMELAND hergestellt, die unterwegs war, um eine Forschergruppe auf Io abzusetzen, aber sofort ihren Kurs angepasst hatte, um einen Orbit um Europa zu erwischen. Ehrensache unter Raumfahrern.

Jetzt war Callisto auf der anderen Seite des Jupiter, unerreichbar für Funksignale.

Joan spürte es wie einen Schlag, als es sie jäh anfiel: Sie würde nicht mehr mit Jim reden können. Callisto würde aus dem Funkschatten herauskommen, und sie würde tot sein. Sie hatte versäumt, Jim zu sagen, dass es nicht seine Schuld war, und nun würde sie es ihm nicht mehr sagen können. Auch nicht, dass sie ihn immer gemocht hatte, obwohl er mit seinen Annäherungsversuchen unterwegs nicht viel Glück gehabt hatte. Dass sie ihn gemocht hatte. Das hatte sie ihm nie gesagt. Immer nur dumme Witze hatten sie gerissen, aber einander nie gesagt, dass sie sich gut leiden konnten.

Sie fühlte sich elend, als sie das Zelt wieder erreichte. Sie kroch durch die Luftschleuse hinein, nahm dann nur den Helm ab und blieb in der Dunkelheit liegen, ohne den Raumanzug auszuziehen. Wozu auch. Es gab nichts mehr zu tun. Nichts war mehr wichtig.

Nach einer Weile setzte sie sich auf. Es gab sehr wohl noch etwas zu tun. Es gab sehr wohl noch Dinge, die wichtig waren. Sie holte das Aufzeichnungsgerät aus der Tasche, schaltete es ein und begann zu sprechen. »Pilotin Joan Ridgewater, am siebten Juli 2102, Jupitermond Europa. Die nachfolgende verschlüsselte Aufzeichnung ist für Pilot Jim Meyer. Ich bitte um persönliche Zustellung.«

Sie zog die klobigen Handschuhe aus und tippte Jims Briefcode ein. Die Aufzeichnung würde nun in einer Weise verschlüsselt werden, dass nur Jim mit seinem persönlichen Code, den niemand außer ihm kannte, sie wieder anhören konnte. »Jim, hier ist Joan. Wie es aussieht, werden wir uns nicht mehr sprechen, deshalb hier noch ein paar Dinge, die ich dir sagen wollte. Erstens – es ist nicht deine Schuld. Ich hätte einfach nicht ohne dich starten dürfen. Ich hätte die blöde Sonde vergessen sollen, okay? Wenn ihre Funkeinheit einen Monat früher oder später ausgefallen wäre, hätte man sie schließlich auch abschreiben müssen. Ich weiß, dass du dir Vorwürfe machst, aber…«

Sie hielt inne, spürte mit gepresster Stopptaste dem Aufwallen ihrer Gefühle nach. »Jim, weißt du – auch wenn das mit dem Sex nicht so unser Ding war, bin ich doch gern mit dir zusammen geflogen. Wirklich. Bitte behalt mich nicht als zickiges Ding in Erinnerung, sondern als Freundin. Versprich mir das. Und denk ab und zu an mich, wenn du deinen grünen Tee kochst.«

Sie dachte noch eine Weile nach, aber das war es. Das war es, was sie noch zu sagen gehabt hatte. Nicht viel, wenn man es recht bedachte. Sie beendete die Codierung, schaltete das Gerät aber nicht ab.

Es war immer noch kalt. Sie würde den Raumanzug wohl anbehalten müssen. Sie hätte etwas gegeben für eine warme Dusche und frische Wäsche, aber das, erkannte sie mit einer Klarheit, die sich in ihr auftat wie eine tiefe Schlucht, waren Dinge, die bereits unwiderruflich der Vergangenheit angehörten.

Da war noch mehr, was abgeschlossen werden musste. Sie drückte wieder den Aufnahmeknopf. »Die nachfolgende verschlüsselte Aufnahme ist für Frederic Ridgewater, Sao Paulo, Erde. Ich bitte um persönliche Zustellung.«

Frederics Briefcode wäre ihr beinahe nicht mehr eingefallen. Wie lange hatte sie nicht mehr mit ihm gesprochen? Ewigkeiten. Die große Liebe. Das große Drama ihres Lebens. »Frederic, hier ist Joan. Ich nehme an, wenn du diese Nachricht erhältst, wirst du es schon wissen. Während ich diesen Brief spreche, sitze ich in einem Rettungszelt auf Europa, dem zweiten Jupitermond – oder dem sechsten, je nachdem, welche Brocken man noch als Monde gelten lässt –, und in wenigen Stunden wird mein Sauerstoff zu Ende gehen. Genauer gesagt, der Energievorrat für mein Lebenserhaltungssystem, aber das ist nur ein technischer Unterschied. Ich…« Sie seufzte. »Dies wird mein letzter Brief an dich, und ich weiß nicht so recht, was ich sagen soll. Soll ich sagen, pass bitte gut auf Cheryl auf? Das tust du doch ohnehin schon, all die Jahre. Besser als ich es gekonnt hätte. Sie ist ein prächtiges Mädchen geworden, wirklich… Ich weiß nicht mal, ob du inzwischen endlich wieder geheiratet hast. Das solltest du wirklich tun. Schau, wenn du das hörst, dann hat uns der Tod geschieden. Falls dir der amtliche Trennungsvertrag nicht genügt. Und Cheryl ist jetzt…«

Ihr Daumen schimmerte elfenbeinfarben, so fest presste sie die Stopptaste, um einen entsetzten Aufschrei zu unterdrücken. Wie alt war Cheryl? Sie wusste nicht mehr, wie alt ihre Tochter war! Hastig rechnete sie nach. Geboren im Mai 2084, dann war sie jetzt… mein Gott, achtzehn. Und sie hatte ihren Geburtstag vergessen.

Ihre Wangen brannten beinahe. »Frederic, ich merke gerade mal wieder, was für eine lausige Mutter ich bin. Es ist ein Wunder, dass Cheryl mich nicht hasst, und bestimmt verdankt sie das dir. Du bist ein wunderbarer Mann, Frederic, und es tut mir leid, dass es so war, wie es eben war. Es ist nicht so, dass ich dich nicht geliebt hätte. Das habe ich. Aber unsere Vorstellungen vom Leben waren einfach zu verschieden, weißt du? Geliebt habe ich dich. Und ich weiß, dass du mich geliebt hast und immer noch liebst. Ich wollte immer, dass du mich trotzdem loslassen kannst, um selber glücklich zu werden, und… na ja. Jetzt musst du es.«

Sie schaltete ab. War das schon die schlechter werdende Luft, die sie so erschöpfte? Oder war es etwas anderes?

Vielleicht musste sie sich beeilen. Sie sprach eine Botschaft für ihre Tochter auf den Speicher. Ihre Tochter, die noch überlegte, ob sie Tänzerin werden oder Physik studieren sollte. Ihre Tochter, die sie das letzte Mal vor zwei Jahren gesehen hatte. Joan sprach lange, zögerte oft, merkte, was sie alles nicht wusste über dieses Menschenkind, das sie geboren hatte, um es vier Jahre später zu verlassen und die Sterne zu bereisen. Was konnte sie ihr denn sagen? Außer dem, was sie ihr jedes Mal gesagt hatte, wenn sie sich gesehen hatten, und in fast jedem Brief: dass sie sie liebte und dass es ihr leidtat. Joan weinte, als sie die Aufzeichnung beendete, und fühlte sich allein wie noch nie zuvor im Leben. Was sie mit Cheryl versäumt hatte, war nicht mehr aufzuholen, nicht mit allen Briefen der Welt.

War sonst noch jemand? Sie hatte eine ganze Menge Herzen zerschlissen in all den Jahren, aber das waren Beziehungen gewesen, wie Beziehungen zwischen Raumfahrern eben sind. Jemand hatte einmal gesagt, wenn sich zwei Raumfahrer ineinander verlieben, dann sind sie entweder Kometen oder Supernovae. Kometen, das hieß, auf verschiedenen Schiffen zu fliegen, auf unterschiedlich langen Routen, immer Anträge schreiben und mit den Flugplanern debattieren, um sich wenigstens einmal im Jahr zu sehen. Was zu wenig war, weswegen die meisten mehrere solcher Beziehungen gleichzeitig pflegten. Und eine Supernova war es, wenn man verliebt war und daraufhin gemeinsam flog. Was in der Regel hieß, dass man am Anfang jede Menge Sex und am Ende jede Menge Streit hatte und sich nach dem einen Flug für alle Zeiten trennte.

Bloß so etwas wie ein Familienleben gab es für Weltraumfahrer nicht. Abgesehen von den Weltraumhabitaten in der Erdumlaufbahn lebten keine Kinder im Weltall. Die meisten Raumfahrer hatten ihr Erbgut in Tiefkühlbanken hinterlegt und sich sterilisieren lassen, weil die Strahlung im Raum ihre Keimzellen ohnehin zerstörte.

Wenn sie hätte gerecht sein wollen, dann hätte sie mehr Briefe sprechen müssen, als ihr Aufzeichnungsgerät hätte fassen können. Also beschloss sie, es ganz zu lassen.

War sonst noch etwas zu erledigen? Ihr Testament war bei ihren Unterlagen deponiert, wie es vorgeschrieben war. Cheryl würde alles erben, und viel war es ohnehin nicht. Grob geschätzt, zwei Koffer voller Sachen und ein mageres Bankkonto. Joan knipste den Recorder wieder an. Doch, ein paar Verfügungen waren noch zu machen.

»Noch einmal Pilotin Joan Ridgewater. Die nachfolgende verschlüsselte Aufzeichnung ist eine signierte Verfügung und stellt meinen letzten Willen dar.« Diesmal verlief die Prozedur umgekehrt. Sie gab ihren persönlichen Geheimcode ein. Dadurch wurde die Eintragung so verschlüsselt, dass sie nur mit ihrem allgemein bekannten Briefcode entschlüsselt werden konnte, was sie als Urheberin verifizierte. »Joan Ridgewater, geboren am 27. September 2063 in New London, Erde. Dies ist mein letzter Wille. In meinen auf der Lunarbasis deponierten Habseligkeiten befindet sich eine hellblaue Mundharmonika mit der Aufschrift ›Willkommen auf dem Mars‹ sowie ein Rahmen mit einer kleinen marsianischen Sandzeichnung, etwa handtellergroß. Beides soll Navigator Wladimir Jagello erhalten zur Erinnerung an unseren Urlaub ‘93. Weiter müsste sich in meinen Sachen an Bord der Callisto-Station eine halbmondförmige Brosche aus Venusit finden; die soll meine Freundin, Ingenieurin Susanna Bakonde bekommen. In einer Seitentasche des großen Koffers liegt außerdem ein rotes Metalletui, das einige Briefe enthält, die ich bitte, ungelesen zu vernichten. Alles Übrige soll meine Tochter Cheryl Ridgewater erben, wie es in meinem hinterlegten Testament festgeschrieben ist.«

Eine merkwürdige Ruhe überkam sie, als sie die Aufnahme beendete. Nun war also alles geordnet, alles weitergegeben. Nun war sie frei, zu gehen. Als ob diese materiellen Dinge sie noch in dieser Welt festgehalten hätten, selbst diese kleine Hand voll.

Sie legte den Recorder beiseite, nahm das Kommunikationsgerät, rief die HOMELAND und ließ sich mit dem Bordarzt verbinden.

»Doktor Wang«, fragte sie, »wie werde ich sterben?«

Die Stimme des Arztes klang voll und dunkel, väterlich vertrauenerweckend, und der unmerkliche chinesische Akzent gab ihr trotzdem etwas Leichtes, Spielerisches. »Joan«, erklärte er, »Sie sterben an Sauerstoffmangel.«

»Tut das weh?«

»Nein. Sie werden nicht bei Bewusstsein sein zu diesem Zeitpunkt. Unangenehm wird es jedoch werden, kurz bevor Sie das Bewusstsein verlieren. Sie werden große Angst verspüren, wenn Ihr Körper nach Atem ringt.«

»Was gibt es an Medikamenten?«

»Zunächst haben Sie natürlich die Giftpille im Applikator Ihres Schutzanzugs, die einen schmerzlosen Tod herbeiführt. Abgesehen davon könnte es Ihnen helfen, wenn Sie die Beruhigungsmittel nehmen, die ebenfalls vorhanden sein sollten.«

»Alle?«

»Ja, nehmen Sie alle.«

Sie zögerte, sah wieder auf die Haut ihrer Hände. Ihre Hände sahen schon richtig alt aus. Die Hände einer Sechzigjährigen. »Doktor«, fragte sie, »wann werden Sie mich finden?«

»Sobald wir Europa erreicht haben. In etwa dreieinhalb Standardtagen.«

»Ich habe eine Funkboje eingeschaltet.«

»Ja. Wir empfangen bereits ihr Signal.«

»Doktor, hätte ich eine Chance gehabt, wenn ich sparsamer gewesen wäre mit dem Sauerstoff und der Energie? Wenn ich die ganze Zeit geschlafen hätte, anstatt die Trümmer abzusuchen und stundenlang mit Callisto zu reden?«

»Nein, Joan. Nicht einmal dann. Sie hätten schon eine Hibernation herbeiführen müssen, und dazu hatten Sie nicht die Mittel.«

Auf eine merkwürdige Weise beruhigte sie das. Ob er wohl log, um ihr Selbstvorwürfe zu ersparen?

»Werde ich eine Weltraumbestattung bekommen?«

»Selbstverständlich.«

»Und eine Namenstafel in der Ehrenhalle der Gilde?«

»Sicher.«

»Doktor Wang, ich habe ein paar Aufzeichnungen gemacht, für meinen geschiedenen Mann und meine Tochter…«

»Wir werden sie weiterleiten.«

»Gut.« Sie lauschte ihrem eigenen Atem, horchte dem Klang der Worte nach, die einzeln in einen tiefen, bodenlosen Abgrund zu fallen schienen.

»Joan?«, hörte sie den Arzt fragen. »Kann ich sonst irgendetwas für Sie tun?«

»Nein«, hauchte sie und sah die Feuchte ihres Atems sich in hauchfeine, nebelhafte Eiskristalle verwandeln. »Ich glaube nicht.«

»Vielleicht möchten Sie dann die Energie im Augenblick sparen und lieber später noch einmal mit mir sprechen?«

Sie zögerte. Zögerte, dieses Gespräch loszulassen, diesen letzten dünnen Faden in die Welt der Lebenden. »Nein. Ich glaube, ich werde nicht mehr anrufen.«

»Ich stehe Ihnen jederzeit zur Verfügung, Joan.«

»Danke. Leben Sie wohl, Doktor.«

»Ich wünsche Ihnen alles Gute, Joan.«

»Vielen Dank.«

Die Verbindung erlosch mit einem knackenden Geräusch, und dann war sie allein. Wirklich allein, dachte sie. Nur noch ich und das Universum. So war das also.

Sie überlegte, was sie nun tun wollte. Im Zelt zu bleiben und abzuwarten kam ihr irgendwie unwürdig vor. Nein, sie würde hinausgehen. Im Angesicht der Sterne zu sterben war das Mindeste, was sie sich als Raumfahrerin schuldig war.

Eine Weile überlegte sie daran herum, wie sie den Sauerstoff aus dem Zeltinneren in die Tanks des Raumanzugs bekommen konnte, fummelte an der Schleusenpumpe herum und verglich Anschlüsse, dann ließ sie es bleiben. Unnützer Aufwand. Darauf kam es jetzt auch nicht mehr an.

Sie zog die Handschuhe an, zum letzten Mal, setzte den Helm auf, zum letzten Mal, arretierte die Befestigung. Zum letzten Mal. Jeder Handgriff ein Abschied. Jeder Blick ein Loslassen. In allem, was sie tat, war eine kristallene Klarheit.

Als sie aus der Schleuse hinauskroch, erschrak sie, wie dunkel es war. Der Jupitermond war weitergewandert auf seiner Bahn und durchquerte nun den Schatten des Gasriesen, der dunkel und düster am Firmament prangte wie eine glattpolierte Marmorkugel. Jetzt, da Jupiter nicht mehr alles überstrahlte, sah man die Sterne, Tausende und Abertausende davon, kostbares Geschmeide auf dem schwarzen Samt der Unendlichkeit. Joan stand da und schaute, schaute und wünschte, sich einfach auflösen zu können in der Bodenlosigkeit um sie herum. Warum konnte man das nicht? Was hielt einen in dieser körperlichen Hülle?

So einfach war es wohl nicht. Sie wurde müde vom Stehen und suchte sich einen Platz, an dem sie sitzen und sich anlehnen konnte. Schließlich beschloss sie, sich vor die Rettungskapsel zu setzen, den Blick auf Jupiter gerichtet. So saß sie, dachte nach, schaute auf die Sterne, die ihr Schicksal gewesen waren, und hörte ihrem Atem zu, der rasch und tief ging, obwohl sie nur ruhig dasaß. Die Luft schien schon schlechter zu werden. Doktor Wangs Ratschlag fiel ihr ein, und sie verabreichte sich alle Beruhigungstabletten, die in der Ausrüstung enthalten waren.

Dann stöpselte sie das Aufzeichnungsgerät an, verzichtete auf allen Verschlüsselungsfirlefanz, schaltete einfach nur ein. »Das Folgende ist nochmal für Frederic. Frederic – ich weiß nicht, wieso ich gerade jetzt so viel an dich denken muss. Ich schätze, weil du eben doch der Mann meines Lebens warst. Dabei waren wir nur fünf Jahre zusammen. Insgesamt, meine ich. Du bist der Vater meiner Tochter. Das verbindet. Obwohl, nein. Es ist andersherum. Ich bin die Mutter deiner Tochter. Cheryl ist so sehr deine Tochter, dass es manchmal weh tat, sie zu sehen.«

Die Pausentaste war beinahe zu schmal, um sie mit dem behandschuhten Finger zu bedienen. Sie keuchte. Ließ die Aufnahme weiterlaufen. Keine Zeit, sich die Worte sorgfältig zu überlegen. »Weißt du, ich überlege jetzt natürlich, ob es richtig war, was ich getan habe. Wie ich entschieden habe. Der Weg, den ich gewählt habe. Du hast damals prophezeit, dass ich einen einsamen Tod im Weltraum sterben würde, weißt du noch? Du hast wirklich alles versucht, um mich davon abzubringen. Du hattest Angst um mich, weil du mich liebtest. Du hast sogar gesagt, es wäre dir lieber, ich verließe dich um eines anderen Mannes willen, als um den Raum zu befahren. Ich erinnere mich noch gut, nicht wahr? Und was soll ich sagen, Frederic – du hast recht gehabt.«

Sie fühlte plötzlich ein Zittern in sich, in ihrer Stimme. Die spiegelglatte Ruhe, all die kristallene Klarheit schien zu zerbrechen, in Millionen Splitter zu zerplatzen, und den Weg freizugeben für eine Woge aus panischer Angst, die darunter eingesperrt gewesen war. »Frederic…! Weißt du… wenn du mich vor einem Jahr gefragt hättest, vor einem Monat, selbst vor drei Tagen noch… – was ich sagen würde in einem Moment wie diesem, ich hätte gesagt: Ja, es war richtig. Ich hätte gesagt, dass man seinen Weg gehen muss. Dass man sich treu bleiben muss. Dass es Menschen gibt wie dich, die in der Zivilisation leben, die die Kultur bewahren und die Ordnung der Dinge, und Menschen wie mich, die es hinausdrängt an den Rand der Zivilisation, Menschen, die die Grenze zum Unbekannten suchen, um sie weiter hinauszuschieben, ein Stück wenigstens. Alle die Sprüche, genau wie damals. Ich war mir einmal so sicher, zu wissen, was richtig ist – aber jetzt weiß ich überhaupt nichts mehr. Wirklich, ich weiß es nicht. War es richtig, der Stimme meines Herzens zu folgen? Wäre es nicht besser gewesen, bei euch zu bleiben? Ich weiß es nicht, Frederic. Ich weiß es wirklich nicht.«

Ihr Atem flog. Erinnerungen tauchten auf, vergessen geglaubte Bilder. Ihr gemeinsames Haus in Sao Paulo, das Haus eines wohlhabenden Verwaltungsbeamten. Cheryls Geburt. Der erste Tag an der Raumakademie in Kapstadt. Warum war sie sich nicht mehr sicher? Hatte sie ihr Leben auf Sand gebaut, der jetzt ausrann? Hatte sie ihr Leben weggeworfen, verspielt, vertan für einen sinnlosen Traum? Eigenartige Geräusche hallten blechern in ihrem Helm wider, und erst nach einer Weile begriff sie, dass sie es war, dass sie schluchzte.

Sie blinzelte hilflos. In einem Raumanzug gab es keine Möglichkeit, sich die Augen zu wischen. »Ich weiß es nicht. Ich hoffe, es war einigermaßen in Ordnung, wie es war. Schließlich kann ich nichts mehr daran ändern.« Ihr Atem beruhigte sich wieder. Es schien kälter zu werden. Vielleicht war aller Sand jetzt ausgelaufen, und sie saß auf Grund. Auf festem Grund. »Vielleicht ist es letzten Endes auch nicht so wichtig«, murmelte sie. »Es war eben, wie es war. Ja, ich denke, so ist es. Wahrscheinlich fragt sich so etwas jeder, wenn seine Stunde kommt. Wenn ich geblieben wäre, hätte ich am Ende bestimmt geglaubt, etwas verpasst zu haben.« Diesem Gedanken folgte sie ein Stück Wegs, und sie musste beinahe lächeln. »Das wenigstens glaube ich nicht. Nein. Nein, verpasst habe ich nichts.«

Io ging auf, jetzt entdeckte sie ihn. Ein kleines, schwefelgelbes Auge, das sie anfunkelte.

»Ich sehe Io, Frederic. Den innersten der Galileischen Monde. Auf Io gibt es die gewaltigsten Vulkane des ganzen Sonnensystems; man kann beinahe von hier aus mit bloßem Auge die Eruptionen sehen, die Schwefelgeysire und die Lavaströme. Ich bin an Io vorbeigeflogen. Aus der Nähe hat man den Eindruck, er müsse jeden Augenblick explodieren. Dann sieht man genauer hin und entdeckt Rauchwolken, die Hunderte von Kilometern in die Höhe geschleudert werden, und riesige Schwefelbrocken, die in Lavaseen schwimmen… Ich habe es gesehen. Bitte, Frederic, denk an mich als an eine, die hinausziehen musste, um die Wunder des Universums zu suchen. Ein paar habe ich gefunden.«

Sie schaltete ab. Nur kurz. Nur überlegen, was sie ihm noch sagen wollte. Von ihrer Liebe. Ihn um Verzeihung bitten, ihn endlich so sehr um Verzeihung bitten, dass sie auch sich selbst vergeben konnte, gegangen zu sein. Und nun hier zu sein, allein auf einem eisbedeckten Mond, am Ende ihres Weges angekommen.

Der Augenblick vor ihrem ersten Raumflug fiel ihr wieder ein, dieser panische Moment kurz vor dem Start, ja. Sie hatte vor dem Shuttle gestanden, an dem glänzenden schlanken Metall hinaufgesehen und war erschrocken, wie klein das Fahrzeug war. Das sollte sie hinausnehmen, hinauf zu einer der Raumstationen? Und es gab kein Zurück mehr, sie war Absolventin der Unterstufe, und egal ob sie zitterte oder jubelte, sie würde in einer Stunde in diesem Ding sitzen und sich mittragen lassen müssen, was auch geschah.

Damals hatte sie diese Angst kennengelernt, die man nicht beachten darf, weil man im Begriff ist, einen „Weg zu gehen, den man gehen muss. Würde man dieser Angst auch nur ein einziges Mal nachgeben, hätte man begonnen, sich sein eigenes Gefängnis zu bauen, ihr die Macht über das eigene Leben abzutreten und es so zu verlieren. Und das war schlimmer als alle Gefahren, die einen erwarten mochten.

Diese Art Angst war es, was sie fühlte. Bangigkeit. Sie machte Herzklopfen, aber sie war kein Grund, innezuhalten. Und was war der Tod anderes als der Aufbruch in das ewig Unbekannte – die endgültige Reise?

Ein heller Schimmer huschte links von ihr über die Ebene, glitt auf sie zu. Hinter Jupiter ging wieder die Sonne auf. Zuerst erglomm der Rand des Riesen hauchdünn und rotglühend, wie ein feiner leuchtender Haarriss von Pol zu Pol. Dann ergoss sich eine Flut aus flüssigem Gold und Rot über diesen Halbbogen, in der Äquatorzone zuerst, dann rasch hinauf- und hinabgleitend, ein Lodern und Wabern wie ein riesiges Maul aus Feuer, das sich auftat, die Welt zu verschlingen. Und schließlich, gerade als man anfangen mochte zu glauben, Jupiter selber stünde in Flammen, brach das eigentliche Licht dahinter hervor, die Sonne, die kleine Scheibe, die so hell war, dass man nicht hineinsehen durfte.

Doch Joan sah hinein, warf sich hinein in dieses Licht, ritt auf den Strahlen, tauchte der Quelle entgegen, ließ sich überfluten und versinken auf ihrer Suche nach der Welt jenseits der Welt.

 

© 1997 Andreas Eschbach